Theodor Storm Psyche Es war an einem Vormittage im August und die Sonne schien ; aber das Wetter war rauh , der Wind kam hart aus Nordwest , und Wind und Flut trieben ungestüm die schäumenden Wellen in den breiten Meeresarm , der zwischen zweien Deichen von draußen an die Stadt hinanführte . Die Brettergebäude der beiden Badeflöße , welche in einiger Entfernung voneinander am Ufer angekettet lagen , hoben und senkten sich ; im Binnenlande würde man wohl von einem Sturm gesprochen haben , und selbst hier an der Küste schien dieselbe Ansicht zu herrschen , denn der sonst so belebte Badeplatz war heute gänzlich leer . Nur dort vor dem Schuppen , der auf dem Vorlande neben dem der Stadt am fernsten Floße lag , stand die knochige Gestalt der alten Badefrau ; die langen Bänder ihres großen verschossenen Taffethuts flatterten knitternd in der Luft , den Friesrock hielt sie sich mit beiden Händen fest . Sie hatte nichts zu tun ; Badekappen und Handtücher der Damen und Kinder lagen drinnen im Schuppen ruhig in ihren Fächern . › Ich geh nach Haus ‹ , sagte sie bei sich selber ; › ' s kommt niemand in dem Mordwetter . ‹ Sie haschte ihre Hutbänder , die ihr über die Augen flogen , und sah am Deich entlang nach der Stadt hinab . Die Schafe , welche auf dem Vorlande angetüdert waren , hatten , so weit die Stricke reichten , sich gruppenweise mit dem Rücken gegen den Wind gestellt ; sonst war nichts zu sehen . – – Aber doch ! Dort auf dem Deiche kamen zwei Männer angegangen und stiegen dem nächsten Badefloße gegenüber , das der Uferbeschaffenheit wegen der Männerwelt hatte überlassen werden müssen , an der Außenseite des Deiches herab ; ihre Leintücher , die sie mit sich führten , ließen sie dabei mit erhobener Hand über ihren Köpfen fliegen ; ihre jugendlichen Stimmen , ihr helles Lachen konnte nicht zu der Alten dringen , denn der Wind nahm es ihnen vom Munde und verwehte es in der Richtung nach der Stadt zu . » Hätten auch zu Haus bleiben können « , brummte die Alte , als sie die beiden in eine der Türen des Badefloßes hatte verschwinden sehen ; » aber ' s kümmert mich nicht ; ich geh nach Haus ! « Sie holte eine große tombakne Taschenuhr hinter ihrem Gürtel hervor und zählte mit den Fingern die Zahlen auf dem Zifferblatt . » Es könnt nur eine kommen bei dem Unwetter , aber ihre Zeit ist schon vorüber ; die Flut muß bald eine halbe Stunde stehen , und die , die kann schon immer nicht ' nmal das erste Wasser abwarten . « Schon hatte sie die gegen Norden nach dem Deiche zu befindliche Tür des Schuppens in der Hand , als sie bei einem Blick , den sie noch zur Stadt hinüberwarf , mit beiden Händen an ihren Taffethut fuhr . » Heilige Mutter Maria ! « rief sie ; » man könnte katholisch wer den ! Da kommt ein Frauenzimmer , da kommt sie ! « Und wirklich , es war ein Frauenzimmer , das dort auf dem Deiche von der Stadt herkam ; es war sogar ein Mädchen , ja es war nur eine Mädchenknospe ; und sie kam rasch trotz Wind und Wetter näher . Der flache Strohhut war ihr längst vom Kopfe gerissen , und sie trug ihn am Bande in der Hand ; den Knoten des sonnenblonden Haares hatte der Wind gelöst , daß es frei von dem jungen Nacken wehte ; immer rascher ging sie , und ihre dunklen Augen spähten in die Ferne . Als sie die knochige Gestalt der Alten , die noch immer vor dem Schuppen stand , erkannt hatte , flog sie an der Seite des Deiches hinunter und dann über das Vorland zu ihr hinüber . » Kathi « , rief sie , » Kathi , ich konnt nicht eher kommen ; ich fürchtete schon , du seist nach Haus gegangen ! « » Ja , ja « , murmelte die Alte ; » wär ich nur so klug gewesen ! « » Kathi ! Nicht brummen ! « Und während sie drohend den Finger gegen die Alte erhob , schaute sie ihr fast zärtlich in die Augen . » Aber , ' s geht ja doch nicht , Frölen ! « meinte noch einmal die Alte , indem sie dem Mädchen das blonde Haar von der Stirn zurückstrich . » Aber es geht erst recht , Kathi ! Heute gibt ' s hier weder Wickelkinder noch alte Tanten ; ganz allein hab ich heut das Reich , ich und über mir die Vögel in der Luft ! Sieh nur da die schöne Silbermöwe ! Hurra , Kathi , ' s wird ' ne Lust ! « » Ja , ja , Frölen , selbst das Vogelzeug fliegt heut ans Land . « » Oder vielmehr , sie werden vom Wind dahin geworfen ! Aber ich , Kathi ; so etwas lasse ich mir nicht gefallen ! « Die Alte sah sie voller Staunen an . » Aber , Kind , so sehen Sie doch nur , daß Floß wippelt ja wie ein Schaukelpferd ; der Weg dahin ist fußtief unter Wasser ! « Die junge Dame hob sich auf den Zehen und blickte zum Strand hinab . » Freilich « , sagte sie , lustig nickend , » ich muß mir Schuh ' und Strümpfe in deinem Schuppen ausziehen . « In der Abteilung desselben , welche die beiden jetzt betraten , sah es in diesem Augenblicke wohnlich genug aus . Freilich waren auch drinnen nur die nackten Bretterwände ; aber der Tür gegenüber stand eine mit bunten Polstern belegte Ruhebank , an der einen Seite befand sich neben den Fächern für die Badeutensilien ein mit braunen Kaffeekännchen , Dosen und Tassen besetztes Regal , und durch das der Stadt zu gelegene kleine Fenster schien die Mittagssonne und erwärmte und erleuchtete den ganzen Raum . » Hm « , sagte das Mädchen und nickte lächelnd nach dem Regal hinauf , » die Frau Kammerrätin und die Frau Kriegsrätin und die Frau Baronin , die haben alle die Schlüssel zu ihren Kaffee- und Zuckerdosen in ihren Taschen ; schau nur , da baumeln allenthalben die Vorhängeschlösser ; da können wir nicht daran , Kathi . « » Aber Frölen , Sie trinken ja doch keinen Kaffee nach dem Bade , wie die drei alten Damen . « » Nein , ich nicht , Kathi ; aber du , wie bekommst du denn deine Tasse ? « » Ich , Frölen ? Ich hab zu Haus meinen Zichorie ; dann kriegt der Kater auch sein Teil . « Die Mädchenknospe aber langte in den Schlitz ihres Kleides und legte gleich darauf zwei zierliche Papierdüten auf den unter dem Tassenregal stehenden Tisch . » Mokka « , sagte sie feierlich , » und – feinste Raffinade ! Mama hat ' s mir eigens für dich eingewickelt ; sie wußte wohl , daß du für mich allein heut Wache stehen müßtest . Und nun zünd dir die Spritmaschine an und koch dir deinen Kaffee , und – deinen Kater laß ich grüßen ! « Sie hatte sich aufs Sofa gesetzt und begann sich Schuhe und Strümpfe auszuziehen . Die alte Frau stand vor ihr und sah sie zärtlich an ; aber sie dankte ihr nicht mit Worten , sie sagte nur : » Mama vergißt mich nicht « , und nach einer Weile : » Aber , Frölen , wollte denn Mama Sie gehen lassen ? « » Mich gehen lassen ? – Mama ist nicht so ein Hasenfuß wie du ! Solltst dich schämen , Kathi , so ein langer Kerl , wie du bist ! « » Ja , ja , Frölen , ich streit auch nicht . – Ich vergeß es nimmer – da ich Kindsmagd bei Ihrem Großvater , beim alten Bürgermeister war – , die Angst , die ich oftmals ausgestanden ; die Frau Mama – sie wird ' s mir nicht verübeln – war dazumalen grad nicht anders als wie das junge Frölen heute ! « Das junge Frölen hatte die nackten Füßchen zu sich auf die Sofakante gezogen und ließ sie behaglich von dem warmen Sonnenschein beleuchten . » Erzähl ' s nur noch einmal , Kathi ! « sagte sie . Die Alte hatte sich neben sie auf das Sofa gesetzt . » Ja , ja , Frölen ; ich hab ' s Ihnen schon oft erzählt . Aber ich seh sie noch immer vor mir , die Frau Mama ; will sagen , das acht- oder neunjährige Dingelchen . Ebenso schöne gelbe Haare wie das Frölen ! « » Gelbe , Kathi ? – Dank dir auch vielmals ! « » Sind sie nicht gelb , Frölen ? – Nun , aber schön sind sie doch ? « » Ja , Kathi ! Aber Mama ihre sind noch heut viel schöner , als meine . Nicht wahr ? Sie trug sie immer in zwei langen , dicken Zöpfen ? « Die Alte nickte . » Und wie die flogen , wenn sie lief und sprang ! « » Aber , Kathi , ging sie denn niemals ordentlich , so wie ich und andere Menschen ? « » Das Frölen meint , so wie vorhin den Deich herunter ? « Und die Alte streichelte mit ihrer harten Hand den Kopf des schönen Mädchens , das lachend zu ihr aufblickte . » Ja , ja , es hat richtig genug nachgeerbt ! – Aber einmal , eines Morgens , da ging ' s mit dem Springen noch nicht hoch genug ! Auf der sieben Fuß hohen Gartenmauer saß das Dingelchen mit ihrem Lehnstühlchen , mit ihrem Kindertischchen und ihrem ganzen Puppenteeservice darauf . An der Mauer stand ein alter krummer Syringenbaum ; daran hatte sie das alles hinaufgearbeitet und sich selber auch ; und nun saß sie da , wie in ' ner Laube , mitten zwischen all den Blüten , die just damals aufgebrochen waren . « – Die Mädchenknospe neckte ihre alte Freundin nicht mehr ; nicht nur die kleinen Ohren , auch der geöffnete Mund und die dunklen Augen schienen die Geschichte mitzuhören . – » Ich war die Kindsmagd für das jüngere Schwesterchen , für die Frau Tante Elsabe « , fuhr die Alte fort ; » ich sollt wohl auch nach der Mama sehen ; doch wer konnt allzeit den Wildfang hüten ? Und das Stück Mauer war ganz unten in dem großen Garten , wo nicht alle Tage einer hinkam . – Aber heute , just da das Spiel am schönsten war , mußten wir nun doch dahin kommen ; der Herr Bürgermeister hatte noch seinen geblümten Schlafrock an und die Zipfelmütze auf dem Kopfe . Er war immer ein leutseliger Herr gewesen . › Komm , Kathi ‹ , rief er ; › nimm die kleine Elsabe auf den Arm ; ich will euch mein Ranunkelbeet da oben an der Mauer zeigen ! ‹ – – Aber , was sahen wir , Frölen , was sahen wir ! « – Das Frölen nickte . – » Da saß das feine Dingelchen auf der halsbrechenden Mauer , wie die Prinzeß im Kinderdöntje , und die Blumen hingen um sie herum ; sie rührte eben mit einem Löffelchen in der kleinen Tasse , die sie in der Hand hielt , und brachte sie dann an den Mund , als wenn sie wirklich tränke , und nickte ihrer großen Puppe zu , die auch , in einem Korbstühlchen , ihr gegenüber an dem Tische saß . – Es schlug mir durch die Glieder ; ich hätte bald das Tantchen Elsabe aus meinen Armen fallen lassen , und dem Herrn Bürgermeister stiegen die Haare und die Zipfelmütze in die Höhe ; da stand er in seinem schönen Schlafrock und wagte weder A noch B zu sagen . – Doch nun war sie uns gewahr geworden : › O Papa ! – Papa und Kathi ! ‹ sagte sie erstaunt und drehte ganz zierlich das Hälschen zu uns hin . – Aber Papa winkte nur stumm mit seinen Händen . – › Was soll ich , lieber Papa ? Soll ich zu dir hinunterkommen ? – Gleich , gleich ! Aber dann fang , Papa ! ‹ – Und eh wir ' s uns versahen , warf sie dem Herrn Bürgermeister all ihre Puppentäßchen und Löffelchen zu , und er sagte gar nichts und suchte sie nur , so gut er konnte , einzufangen . Und dann , als das Tischchen leer war , nahm sie ihre Puppe in den Arm , ging wie ein Seiltänzer ein paar Schritte auf der runden Mauer hin , und – Herr Jesus ! ich und der Herr Bürgermeister und das Tantchen Elsabe schrien alle miteinander auf – da flog der kleine Unband mit der großen Puppe selbst herab und mitten in des Herrn Bürgermeisters Ranunkelbeet hinein ! « Die Augen des jungen Mädchens glänzten . » Weißt du , Kathi « , sagte sie , » Mama muß reizend gewesen sein ! Hätte ich sie so nur einmal sehen können ! – Meine Mama ist noch reizend , und jung , Kathi ! Ich glaub , sie könnt noch heute von der Mauer springen . « Die Alte schüttelte den Kopf . » Was das Frölen für Gedanken hat ! Aber freilich , dazumalen gab ' s Tag für Tag was Neues mit dem hübschen Kindchen . « Sie hatte eben zu weiterem Erzählen die Hände übers Knie gefaltet , als die Tür des Schuppens von einem Windstoß aufgerissen wurde ; ein vorbeifliegender Brachvogel stieß seinen weithin hallenden Schrei aus ; vom Ufer herauf konnte man das Wasser klatschen hören . Die leichte Gestalt des Mädchens stand plötzlich hoch aufgerichtet vor der Alten . » Oh , du betrügerische Kathi ! « rief sie und hob drohend ihre kleine Faust ; » nun merk ich ' s erst , du wolltest mich hier fest-erzählen , bis deine große Tombakuhr auf eins marschierte und ich dann zu Mama nach Hause müßte ! Aber diesmal Kathi ! « – – Noch einen anmutigen Knicks vor der Alten , und schon war sie draußen und machte mit den kleinen Händen eine Schwimmbewegung in die Luft . Die Alte war mit hinausgelaufen ; aber sie sah ihr Spiel verloren . » Nur um ' s Himmels willen , Kind ! Sie wollen doch heut nicht aus dem Floß hinausschwimmen ? « » Und warum nicht , Kathi ? Du weißt ja , ich versteh ' s ! Und ich sag dir , es wird ' ne Lust ! Der Fisch und der Vogel Der Wind und die Wellen Sind alle meine Spielgesellen ! « Und singend schritt sie über das grüne Vorland zum Ufer hinab , den schönen Kopf dem Winde zugewandt ; über den nackten Füßchen flatterte das leichte Sommerkleid . Kopfschüttelnd ging die Alte in ihren Schuppen zurück . Strümpfe und Schühchen ihres Lieblings , die diese allerdings vor der Ruhebank hatte liegenlassen , legte sie fein beiseit ; dann goß sie aus einem Kruge Wasser in einen kleinen Blechkessel und zündete die Spritmaschine an . » Das Kind wird heute auch wohl eine Tasse nehmen « , sagte sie , indem sie eins der braunen Kännchen von dem Regal herabnahm und den Inhalt des Kaffeedütchens in den daraufgesetzten Trichter leerte . Aber es ließ ihr doch keine Ruhe ; ihr war wie der Henne , die einen Wasservogel ausgebrütet hat . Ein paarmal hatte sie schon den Kopf zur Tür hinausgesteckt ; jetzt lief sie vollends an den Strand hinab . Der Steg zum Badefloß war völlig überschwemmt , so daß das schaukelnde Bretterhaus ohne alle Verbindung mit dem Lande schien . Weithin dehnte sich die grüne , wogende Wasserfläche ; das jenseitige Vorland war so weit überflutet , daß ihre Augen nur noch undeutlich dort den grünen Ufersaum erkennen konnten . – » Frölen ! « rief sie ; » Frölen ! « Es kam keine Antwort , der Wind hatte vielleicht ihren Ruf verweht ; aber ein Plätschern scholl jetzt aus dem Floß herauf . Und zufrieden nickend , trabte die Alte wieder in ihren Schuppen . Drüben auf dem ersten Floß in dem gemeinsamen Ankleideraum hatten indes die jungen Männer auch geplaudert . Der größere mit dem braunen Lockenkopf war ein junger Bildhauer und erst vor einem Vierteljahre aus Italien und Griechenland in die norddeutsche Hauptstadt , seinen Geburtsort , zurückgekehrt ; vor einigen Tagen war er noch eine Strecke weiter nördlich , in diese Küstenstadt , gegangen , um endlich den Freund wiederzusehen , mit dem er während beider Studienzeit im südlichen Deutschland im innigsten Verkehr gelebt hatte . Die Tage ihres jetzigen Beisammenseins hatten noch lange nicht gereicht , die Fülle der Erlebnisse zu erschöpfen , die es sie beide drängte , einander mitzuteilen . » Und du willst wirklich schon heute abend wieder fort und mich in meinem Aktenstaub allein lassen , nachdem du diese Fülle der Gesichte vor mir heraufbeschworen hast ? « Halb lächelnd , halb sinnend blickte der junge Künstler auf den Freund . » Warum griffest du nicht selbst zu Meißel oder Pinsel ? Jetzt nimm es als dein Schicksal und trag es , wie dein Stammbaum dich ! « » Aber das ist kein Grund , mich heut schon zu verlassen ! « » Ich muß , Ernst ! Ich habe meiner Mutter versprochen , spätestens morgen wieder bei ihr zu sein ; und überdies – du weißt ja , meine Brunhild beunruhigt mich . « Er fuhr mit der Hand durch seine braunen Locken , und über den grauen , hellblickenden Augen faltete sich seine Stirn wie in beginnender geistiger Arbeit . » Brunhild ! « wiederholte der andere , » ich begreife doch noch immer nicht , wie du gerade an die geraten bist ! « » Du meinst , was ist mir Hekuba ? – Ich weiß es nicht ; einmal , in einer Stunde , hatte sie , wie ich glaubte , es mir angetan ; aber – – « » Aber « , unterbrach ihn sein Freund , » du wirst einen Kommentar in den Sockel deiner Statue einmeißeln müssen ! Warum in so entlegene Zeiten greifen ? Als wenn nicht jede Gegenwart ihren eigenen Reichtum hätte ! « » Warum ? – Erneste ! Du sprichst ja fast wie , ich weiß nicht , welcher große Kritikus über Immermanns › Tristan und Isolde ‹ . Was geht den Künstler die Zeit , ja was geht der Stoff ihn an ? – Freilich , aus dem Himmel , der über uns Lebenden ist , muß der zündende Blitz fallen ; aber was er beleuchtet , das wird lebendig für den , der sehen kann , und läge es versteinert in dem tiefsten Grabe der Vergangenheit . « Wie drüben die Augen des schönen Mädchens in ihrer kindlichen Liebe , so glänzten jetzt die Augen des jungen Künstlers in Begeisterung . » Wir wollen heut nicht streiten « , sagte der andere und blickte herzlich zu ihm auf ; » aber – wann leuchtet dieser Blitz ? « » Sei nur fromm und ehre die Götter ! – Es gilt dann nur , das neuerwachte Leben in das Licht des Tages hinaufzuschaffen , und ich dächte , auch du hättest mir es zugegeben , daß ein paarmal schon meine Augen sehend und meine Hände stark und keusch genug gewesen sind . – Aber das ist es eben « , fuhr er fort , während der Freund ihm seinen stolzen Glauben durch einen Händedruck bestätigte , » ich fürchte , ich habe dieses Mal nicht recht gesehen , oder – ich war zu kurz in der Heimat ; die furchtbare Walküre des Nordens verschwindet mir noch immer vor dem heiteren Gedränge der antiken Götterwelt ; selbst aus diesen grünen Wellen der Nordsee taucht mir das Bild der Leukothea empor , der rettenden Freundin des Odysseus . – Laß mich jetzt – ich tauge dir doch nicht mehr ! « Sie hatten während dieses Gespräches ihre Kleider abgeworfen und traten nun auf die offene Galerie hinaus , bereit , sich in das Meer zu stürzen . Man hätte wünschen mögen , daß nicht eben der Künstler der noch Schönere von ihnen gewesen wäre , oder lieber noch , daß außer ihnen noch ein anderes Künstlerauge hätte zugegen sein können , um sich zu künftigen Werken an der Schönheit dieser jugendlichen Gestalten zu ersättigen . Noch standen sie gefesselt von dem Anblick der bewegten Wasserfläche , die sich weithin vor ihnen ausdehnte . Rastlos und unablässig rollten die Wellen über die Tiefe , wurden flüchtig vom Sonnenstrahl durchleuchtet und verschäumten dann , und andere rollten nach . Die Luft tönte von Sturmeshauch und Meeresrauschen ; zuweilen schrillte dazwischen noch der Schrei eines vorüberschießenden Wasservogels . Eine starke Woge zerschellte eben an dem Gerüst , worauf die jungen Männer standen , und übersprühte sie mit ihrem Schaum . » Holla , sie werden ungeduldig ! « rief der junge Aktenmann . » Komm jetzt , und wie Tritonen wollen wir durch den grünen Kristall hindurchschießen ! « Aber sein Freund , der Künstler , blickte in die Ferne und schien ihn nicht zu hören . » Was hast du , Franz ? « » Dort ! Vom Frauenfloß her ! Sieh doch ! « Und er wies mit ausgestrecktem Arm auf die schäumende Wasserfläche hinaus . Der andre stieß einen Laut des Schreckens aus . » Ein Weib ! – Ein Kind ! « » So scheint es ; aber keine Okeanide ! « » Nein , nein ; sie kämpft vergebens mit den Wellen . Und das meerbesänftigende Muschelhorn hat leider ja nur der alte Vater Triton ! « Er machte Miene , sich hineinzustürzen , aber mit rascher Hand hielt ihn sein Freund zurück . » Du nicht , Ernst ! Du weißt , ich bin der bessere Schwimmer , und einer ist genug . Lauf zu der alten Badehexe dort am Schuppen und sag ihr , was zu sagen ist ! « Kaum war das letzte flüchtige Wort gesprochen , so spritzten auch schon die Wasser hoch empor , und bald , auf Armeslänge von dem Floß , tauchte der braune Lockenkopf des Schwimmers auf . Mit den kräftigen Armen die Wellen teilend , flog er dahin ; überall vor seinen Augen flirrte und sprühte es ; aber je nach ein paar Schlägen stieg er mit der Brust über die Flut empor , und seine hellen Blicke flogen über die schäumenden Wasser . Noch fern von ihm spielten die Wellen mit schönen sonnenblonden Haaren ; zwei kleine Hände griffen noch mitunter durch den beweglichen Kristall , aber auch mit ihnen spielten schon die Wellen . Eine Seeschwalbe tauchte dicht daneben in die Flut , erhob sich wieder und schoß , wie höhnend ihren rauhen Schrei ausstoßend , seitwärts vor dem Wind über die Wasserfläche dahin . Die alte Frau Kathi war vor ihrer brodelnden Kaffeemaschine doch auch wieder von ihrer Unruhe befallen worden . Der Sturm rüttelte an den Brettern ihres Schuppens , dann und wann schlug von draußen aus der Luft ein verwehter Vogelschrei herein ; es litt sie nicht mehr auf ihrem Holzstuhle . Sie war wieder hinausgegangen , ja sie hatte ebenfalls ihr Schuhzeug abgetan , um zum Floß hinüberzuwaten , und stand jetzt dort , mit ihrer harten Hand bald an diese , bald an jene Badezelle pochend . » Frölen , ach liebes Frölen , so antworten Sie mir doch ! « Aber es kam keine Antwort ; nicht einmal ein Plätschern ließ sich drinnen hören ; nur das Rauschen und Klatschen der Wellen zog eintönig , unablässig ihrem Ohr vorüber . Als sie ratlos nach dem Land zurückblickte , sah sie einen Mann auf ihren Schuppen zulaufen , und gleich darauf hörte sie ihn rufen . – » Frau Kathi ! Frau Kathi Wulff ! « rief er durch den Wind hindurch . » Hier ! Um Gottes willen , hier ! « – Und eilig watete die Alte über den schaukelnden Steg ans Land zurück . » Oh , mein Gott , Herr Baron , Sie sind es ! Ach , das Kind , das Kind ! « Er faßte sie , ohne etwas zu sagen , an den Armen , drehte sie mit einem kräftigen Ruck herum und wies mit der Hand auf die offene Wasserfläche hinaus . » Ist das der andere Herr ? Sucht er das Kind ? « Der junge Mann nickte . » Allbarmherziger Gott ! Man soll nicht räsonieren ! Ich räsonierte , Herr Baron , als ich vorhin Sie beide da auf dem Deich herauskommen sah ! Man soll nicht räsonieren ; nein , niemals , niemals ! « Der Baron antwortete nicht ; er sah mit gespannten Augen auf die Flut hinaus . Ein paar Augenblicke noch – weit von draußen her ließ sich der dumpfe Donner der offenen See vernehmen – , und er packte wieder den Arm der Alten : » Jetzt , Frau Kathi , da sehen Sie hin ! Nun sucht er sie nicht mehr ; er trägt sie schon in seinen Armen . « Die Alte stieß einen lauten Schrei aus . Da tauchte die Gestalt des Schwimmers mit der breiten Brust aus den schäumenden Wogen auf , und bald darauf sah man ihn langsam , aber sicher an dem abschüssigen Ufer emporsteigen . In seinen Armen , an seiner Brust ruhte ein junger Körper , gleich weit entfernt von der Fülle des Weibes wie von der Hagerkeit des Kindes ; ein Bild der Psyche , wenn es jemals eins gegeben hatte . Aber der kleine Kopf war zurückgesunken ; leblos hing der eine Arm herab . – Aus der Mittagshöhe des Himmels fiel der volle Sonnenschein auf die beiden schimmernden Gestalten . » Wie in den Tagen der Götter ! « murmelte der junge Mann , der atemlos diesem Vorgange zugesehen hatte . – » Aber jetzt , Frau Kathi , an den Strand hinab ! Nehmen Sie das Kind in Empfang ; ich laufe zur Stadt und bringe einen Arzt ; er könnte nötig sein ! « Noch eine kurze , eindringliche Anweisung über die zunächst von der Alten vorzunehmenden Dinge , dann eilte er fort ; nicht einmal den Namen des Mädchens hatte er erfahren . Einige Minuten später lag drinnen im Schuppen die zarte Gestalt in ihrer ganzen Hülflosigkeit auf dem Ruhebette , bis zur Brust von dem roten Umschlagetuch der Alten zugedeckt . Zitternd , ihr lautes Schluchzen gewaltsam niederkämpfend , stand diese vor ihr ; sie hatte eben ein Leintuch genommen und schickte sich an , mit dem jungen Körper alles vorzunehmen , was ihr von dem einen wie dann auch von dem andern der beiden Männer eingeschärft worden war . Nur noch einmal bückte sie sich , um ihrem Liebling ins Gesicht zu sehen . – » Kathi ! « – Die jungen Lippen hatten es gerufen , und die jungen Augen blickten sie voll und lebenskräftig an . » Kathi , ich bin ja nicht ertrunken ! « Die Alte stürzte vor ihr nieder und bedeckte unter hervorströmenden Tränen die Hände , die Brust , die Wangen des Kindes mit ihren Küssen . » Ach Frölen , Herzenskindchen , was haben Sie uns für Angst gemacht ! Wenn nun der liebe junge Herr nicht gewesen wäre ! Und ich räsonierte , ich alte Einfalt , als ich ihn auf dem Deich herauskommen sah ! « Das Mädchen streckte mit einer jähen Bewegung ihr die Hand entgegen . » Um Gottes willen , Kathi , schweig ! Ich will seinen Namen nicht wissen , nie ! « » Frölen , ich weiß ihn ja selber nicht ; ich hab den jungen Herrn ja nimmer noch gesehen ; er muß wohl nicht von hier sein . « Die junge Gestalt richtete sich auf und starrte düster vor sich hin , indem sie den Kopf in ihre Hand stützte . » Kathi « , sagte sie , » Kathi – ich wollte , er wäre tot . « » Kind , Kind ! « rief die Alte , » versündige dich nicht ! – Ach , Frölen , der gute junge Mann ; er hat ja doch auch sein Leben um Sie gewagt ! « » Sein Leben ! Wirklich , sein Leben ? – Ach , ich habe nicht daran gedacht ! « » Nun , Frölen , hätten Sie nicht beide da versinken können ? « » Beide ! Wir beide ! « – – Und sie schloß wie im Traum die Augen ; aber dennoch sah sie ein schönes blasses Jünglingsantlitz , das in Angst und Zärtlichkeit auf sie herniederblickte . Die Alte hatte wieder das Tuch genommen und begann ihr das lange feuchte Haar zu trocknen ; mitunter strich sie leise mit ihrer harten Hand über die weiße Stirn des Mädchens . » Kathi « , begann diese wieder , » nein , nicht er , aber ich ! – Oh , meine arme Mutter ! « Und dabei drängte sich eine Träne nach der anderen durch die geschlossenen Wimpern . » Kathi ! Ich kann ihm nicht danken ! Nie , niemals ! Oh , wie unglücklich bin ich ! « » Nun « , meinte Kathi begütigend , » Sie brauchen das ja auch nicht zu tun , Frölen ; Mama wird das ja alles schon besorgen . « » Mama ! « rief das Mädchen . » Mein Gott , Frölen , hat Sie das erschreckt ? « Aber das Kind saß da , die nackten Arme vor sich hingestreckt , in ihrer hülflosen Schönheit selbst für die Augen