Theodor Storm John Riew ' Mein Haus steht auf dem Lande , in einer holzreichen Gegend zwischen einem Kirchdorf und einem kleinen , in breiten Kastanienalleen fast vergrabenen Orte , welcher allmählich um einen Gutshof aufgewachsen ist , von beiden kaum zehn Minuten fern . Fast täglich mache ich nach rechts oder links meinen Spaziergang , und im Frühling und Sommer ergötzt mich dann das Leben , das hier aus den Bauerngehöften , im Orte aus den kleinen Häusern der dort wohnenden Handwerker oder Handelsleute auf den Weg oder in die Vorgärten hinausdringt ; die Kinder des Gutsortes und ich , wir grüßen uns allzeit ganz vertraulich ; um Weihnachten aber beehren sie mich von beiden Seiten , sei es als » ruge Klas « oder als » Kasper und Melcher aus dem Morgenland « , und sind freundschaftlicher Behandlung sicher . Deshalb plagte mich ein Haus am Ende des Gutsortes . Ich selber hatte es teilweis bauen sehen , und als ich einmal einige Monate fortgewesen war , stand es bei meiner Heimkehr fertig da ; aber sooft ich später daran vorbeiging , es wollte mir nicht vertraut werden , denn in diesem Hause war kein Leben : niemals sah ich einen Menschen dort hinein- oder herausgehen , niemals regte sich etwas hinter den blanken Fenstern , die je zwei zu den Seiten des vertieften Säuleneinganges aus den roten schwarzgefugten Mauern auf einen mit dunklen Koniferen vollgepflanzten Vorgarten hinausgingen . Den Einblick wehrten ungewöhnlich hohe Vorsätze von schwarzblauem Drahtgewebe ; dahinter sah man schattenartig und regungslos nur die weißen Gardinen herabhängen . Alles war sauber und wie unberührt , aber zwischen den gelben Klinkern , von denen ein breiter Fries um das Haus lag , und zwischen den drei Granitstufen der Haustreppe trieben die grünen Grasspitzen hervor . Und dennoch sollte das Haus bewohnt sein : ein Auswärtiger – so hörte ich – habe das früher dort gestandene geräumige , aber verfallene Gebäude in Erbgang oder sonstwie erworben und statt dessen durch einen fremden Maurermeister den jetzigen Bau dorthin setzen lassen ; ja , nicht er allein , es sollte außerdem von einer ältlichen kränkelnden Frau und von einem gar argen zwölfjährigen Buben bewohnt sein ; wie aber das Verhältnis der drei Personen zueinander war , darüber wußten die von mir Befragten nicht Bescheid zu geben : die Bewohner schienen nur miteinander zu verkehren . Von dem Jungen freilich ging bald allerlei Gerede : er sollte aus der Volksschule wegen dort unzähmbaren Wesens fortgewiesen sein und seit einiger Zeit die vornehme Institutsschule besuchen , wo die Knaben Französisch und Englisch , sogar Latein und Griechisch lernen konnten ; auch hier war er schon ein paarmal eingesperrt gewesen ; dennoch sollte der alte Riewe – diesen bei uns nicht ungewöhnlichen Namen trug der Hausherr – ihn zu seinem Erben eingesetzt haben . Bändigen sollte auch er ihn nicht können ; ja , man erzählte , als nach einer neuen Schulstrafe der alte Herr mit liebreicher Ermahnung auf den Knaben eingedrungen sei , habe dieser plötzlich eine freche Gebärde nach ihm hin gemacht und , aus der Tür rennend , auf plattdeutsch noch zurückgeschrien : » Din Geld krieg ick doch , ohl Riew ' ! « Ich frug wohl diesen und jenen , woher denn der Mann gekommen sei ; die einen meinten : aus Lübeck , die andern : aus Flensburg oder Hamburg ; auch wohl , was er denn sonst getrieben haben möge , und diese machten ihn zu einem Makler , die andern zu einem früheren Schiffskapitän . Ich hätte mich bei der Gutsobrigkeit erkundigen können , aber , obgleich die Dinge mich sonderbar interessierten , welche Veranlassung hätte ich zu solch offizieller Erkundigung gehabt ? Der hohe , seitwärts von dem Hause fortlaufende und mit einem dichten Dornenzaun besetzte Erdwall begrenzte nach der Straße hin den durch alte Obstbäume verdüsterten Garten , welcher sich nach einer Waldwiese abwärts senkte . Im Sommer freilich war alles durch den Zaun verdeckt ; aber jetzt war es Herbst , die Drosseln fielen in die roten Beeren , und eine Fülle bunten Laubes war von den Alleebäumen schon auf den Weg gefallen . Als ich eines Spätnachmittags jetzt dort vorüberging , gewahrte ich eine entblätterte Stelle in dem Zaun und blieb stehen , um einen Blick in das sonst unsichtbare Gartengrundstück hineinzuwerfen . Ich hatte mich auf den Fußspitzen erhoben , aber ich erschrak fast : ein blasses und – so erschien es mir – wunderbar schönes Knabenantlitz mit dunkelgelocktem Haupthaar stand dicht vor dem meinen und sah von der anderen Seite mir starr und schweigend entgegen ; ich gewahrte noch , daß die großen , gleichfalls dunkeln Augen voll von Tränen standen ; dann war es verschwunden , und ich hörte langsame Schritte in den Garten hinab . War das der arge Bube , von dem die Leute redeten ? Nachdenklich setzte ich meine Abendwanderung fort , denn das Gesicht , welches ich eben sah , einmal mußte ich es schon gesehen haben , vor fünfzehn oder zwanzig Jahren – aber das ging ja nicht , der Knabe mochte jetzt kaum zwölfe zählen . Noch am Abend dieses Tages hörten wir , in dem neuen roten Hause liege die alte Haushälterin im Sterben ; aber das Haus selbst war am Nachmittage , als ich dort vorbeigegangen , in seiner gewohnten , wunderlichen Einsamkeit dagestanden , die Gardinen hatten , wie immer , unbewegt hinter den blauen Vorsätzen gehangen , keinen Laut hatte ich vernommen , selbst der schöne wilde Knabe hinter dem Gartenzaune war mir nur wie ein Gespenst erschienen ; auch das Sterben wurde hier ganz still besorgt . Als ich am andern Tage mit meiner Frau vorüberging , sagte ich : » Im neuen Hause hier soll eine zum Sterben liegen ; zu leben scheint man nicht darin . « » Dann wird sie schon gestorben sein « , erwiderte sie , indem sie durch die Zaunlücke in den Garten wies ; » sieh nur , dort unter dem großen Apfelbaum stehen zwei Frauen und reden miteinander ; das ist mir hier noch nimmer vorgekommen . « Wir sahen sonst nichts weiter , aber meine Frau hatte recht geschlossen : noch am selben Abend lief es durch das Dorf , die Haushälterin , wie die alte Frau im roten Haus benannt wurde , habe seit jenem Vormittag ihr Tagewerk auf immer eingestellt . Einige Tage später wurde ein Sarg auf der Landstraße an meinem Hause vorbeigetragen , hinter welchem nur ein weißhaariger Mann mit einem Knaben ging , aber der Zug war , als ich vor die Tür kam , schon zu weit entfernt , das Antlitz der beiden konnte ich nicht mehr sehen . Mein Nachbar , der zu mir trat , sagte : » Der arme Bursche sah aus wie der Tod selber ; es war seine Großmutter , die sie nun bei der Kirche da begraben ; seine Mutter soll er nie gekannt haben . « › Der arme Junge ! ‹ dachte auch ich ; › was wird aus ihm , wird der Alte sich allein nun mit ihm abgeben ? ‹ Als ich mit Frau und Kindern am Nachmittagstee saß , bei dem goldnen Herbstsonnenschein noch einmal im Freien auf der Terrasse , brach aus dem Armenhausgarten , welcher derzeit mit dem unseren zusammenstieß , ein lautes Schreien und Toben , unterbrochen durch die scharf redende Stimme des Armenvaters , zu uns herüber , so daß das Gespräch aufhörte und alles dorthin horchte . Die schreiende Stimme kam offenbar von einem Knaben . » Ich fürchte « , sagte lächelnd unser Nachbar , der neben uns saß , » er wird nicht mit ihm fertig ! « » Mit wem ? « frug ich . » Wer ist denn das ? « » Nun , das wissen Sie nicht ? Der Junge von dem Riew ' ; er ist gleich vom Kirchhof in das Armenhaus gebracht . Er mag sich das wohl nicht gedacht haben ; mit dem Erben ist es auch wohl eitel Wind ! « » Unglaublich ! Empörend ! « rief meine Frau , während drüben das Geschrei noch immer fortging . Der Nachbar zuckte die Achseln . » Ja , du lieber Himmel , der Bengel ist ein Ausbund , von den schlimmsten ; erst gestern haben sie ihn wieder aus der Institutsschule fortgewiesen ; was soll der Alte mit ihm aufstellen ? Er hat die Frau nun auch nicht mehr zur Hülfe . « Aber die Frauen an unserem Tische schüttelten gleichwohl die Köpfe . Ob dann der Armenvater endlich das aufgeregte Kind beruhigt hatte oder ob die Szene nach einem an dern Teil des Hauses verlegt war , kann ich nicht sagen ; aber der Lärm hörte auf , und wir sprachen weiter nicht davon . – – Einige Tage später , da ich von dem Jungen nichts mehr gemerkt hatte , frug ich über unseren Zaun den Armenvater , der einige Weiber bei der Arbeit in seinem Garten überwachte : » Nun , wie geht es mit Ihrem neuen Alumnen ? « » Wen meinen Sie ? « frug der Mann zurück und sah mich wie unwissend an . » Wen sollte ich meinen ? Natürlich den Riew ' schen Jungen ; ich weiß nicht seinen Namen . « » Oh , der ! Der sitzt schon längst wieder im warmen Nest ; der beerbt den Alten noch bei lebendigem Leibe . Ich hätte ihn nur behalten sollen ! « fügte er mit einer entsprechenden Handbewegung hinzu . Ich dachte an das zarte Gesicht des Knaben und sprach zu mir selber : › Es ist doch besser so . ‹ Es war schon in den letzten Tagen des Oktober , als ich eines Nachmittags wieder an dem Rieweschen Garten entlangging , wo der Zaun jetzt freie Durchsicht ließ ; auch war dort heute wirklich was zu sehen , denn oben im Geäste eines großen Birnbaums hing der hübsche Knabe und langte mit ausgestrecktem Leibe nach ein paar goldgelben Birnen , die noch an einem fast blätterlosen Zweige hingen . Unter ihm am Stamm sah ich einen untersetzten Mann , der mir seinen breiten Rücken zuwandte ; nur seinen weißen , seitwärts abstehenden Backenbart konnte ich außerdem gewahren . » Zum Teufel , Rick , so komm herunter ! « rief er ; » das ist kein Mastkorb , worin du arbeitest ! « » Wart nur , Ohm ! « erwiderte der Knabe ; » ich krieg sie gleich , die allerletzten sollen doch nicht sitzenbleiben ! « Und er reckte sich stöhnend noch ein Stückchen weiter . » By Jove ! Du brichst dir um zwei Birnen noch das Genick ! « Und der Alte griff in die Tasche und schien ihm eine kleine Münze hinzuhalten . » Komm herunter und kauf dir welche ! Der Schuster hat dieselben . « Der Junge aber hörte nicht danach ; er suchte droben den Zweig , woran die Birnen saßen , zu sich heranzubiegen . Ich stand in plötzlichem Besinnen ; auch die alte Stimme war mir bekannt . Eine untersetzte grauhaarige Gestalt aus meinen Hamburger Schülerjahren tauchte vor mir auf , daneben ein Kinder- , ein Mädchenangesicht . › Wenn er es wäre ! ‹ dachte ich bei mir selber ; › und Riewe heißt er , vielleicht John Riew ' ! ‹ Da hörte ich einen Krach , und als ich aufblickte , sah ich es vor mir durch die Luft zur Erde fahren ; ein gebrochener Ast baumelte oben von dem Baum herab ; es war kein Zweifel , der Junge war herabgestürzt . » Man hat noch den Tod von dir ! « schrie der Alte . » Sind denn die Planken heil geblieben ? « Und gleichzeitig hatte er sich gebückt und wollte dem Jungen auf die Beine helfen . Der aber war schon aufgesprungen . » Tut nichts ! « sagte er , sich zuckend seine Hüfte reibend . » Unkraut vergeht nicht , Ohm ! « Der Alte brummte etwas , das ich nicht mehr verstand , denn ich fürchtete , auf meinem Platz entdeckt zu werden , und hatte deshalb meine Wanderung fortgesetzt . Aber sein Gesicht war mir zugewandt gewesen , und ich wußte nun , es war mein alter Kapitän John Riew ' , der sich dies Haus gebaut hatte . Noch jetzt blühten ihm seine guten roten Wangen , nur Bart und Haare waren weiß geworden ; denn wohl achtzehn Jahre mochten verflossen sein , seitdem wir uns zuletzt gesehen hatten . Damals aber – es war zur Zeit meiner Selektanerschaft auf dem Johanneum zu Hamburg – hatten wir fast täglich uns gesehen ; denn dort , unweit des nun verschwundenen Kaiserhofes , an dessen reich ornamentierter Fassade mein Schulweg mich vorüberführte , wohnten wir beide als einzige Mieter in einem zweistöckigen Häuschen , das zwischen himmelhohen Speichern aus alter Zeit zurückgeblieben war . Unsere Wirtin war eine Schifferwitwe , deren trunkfälliger Mann im Rausch durch einen Unfall sein Leben verloren und seiner Frau wohl kaum anderes als den kleinen Fachbau hinterlassen hatte , in welchem ich eine Stube unten neben der Haustür innehatte . John Riewe , damals schon ein ergrauter Mann , bewohnte oben die einzige Etage , und so eines Sommerabends , auf der Bank vor der Haustür , hatten wir Bekanntschaft gemacht . Er war lange als Kapitän zur See gefahren ; nach Rio , Hongkong , auch weniger fern nach Lissabon und London ; kurz , er hatte mehr gesehen als wir studierten Leute und wußte davon zu erzählen . Endlich war er seemüde und dann hier Makler geworden . » Es ist kommoder « , sagte er , » den Sturm vom Bette aus zu hören . « Unsere Wirtin war eine einfältige Person : er mußte ihr in allem Rat erteilen , ja es war , als habe sie alles auf ihn abgeladen ; ich weiß nicht , weshalb er sich so von ihr plagen ließ . Das Beste an der Frau war jedenfalls ihre zwölfjährige Tochter Anna ; braun , feingliedrig , mit dunklem Haar und , oh , mit welchen Augen ! Es war etwas Begehrliches in dem Mädchen ; aber alles , was sie tat , und mochte sie in einen Apfel beißen , geschah mit einer Art von froher Anmut . Wie jetzt mit dem Jungen , so hatte der Kapitän es damals mit dem Mädchen : er wußte selbst nicht , was er dem verzogenen Ding zu Willen tun sollte ; er kaufte ihr seidene Schürzen und rote Tüchelchen , mit denen sie dann auch sogleich erschien ; er stopfte ihr Marzipan und gebrannte Mandeln in die Taschen , und wenn sie vergnügt zu schmausen anfing , dann lachte er über sein ganzes gutes Angesicht . » Nicht wahr , schlecken und dich putzen « , sagte er und schüttelte das hübsche Ding an beiden Schultern , » das möchtst du wohl dein Leben lang ; aber wart nur , Rackerchen , es wird noch anders kommen ! « Und sie sah mit lachenden Augen zu ihm auf und nickte nur , denn sie hatte ihr Mäulchen noch voll von seinem Futter . » Naschkatze du ! « rief dann der Kapitän und schaute , die Hände in den Taschen , ihr voll Vergnügen zu . Auch ins Theater , als einmal ein Zauberstück gegeben wurde , hatte er sie mitgenommen . Dort aber hatte sie nur auf die silbernen Sternen- und Meernixenkleider gesehen , wenn auch sonst die glänzendsten Helden über die Bühne schritten ; sie hatte nur davon geredet und ihn immerfort gezupft und angestoßen und zuletzt gesagt , wenn sie groß wäre , wolle sie auch Komödiantin werden und solche Kleider tragen . John Riew ' war in Todesangst geraten . » Daß du dich nicht unterstehst ! « hatte er so laut gerufen , daß das ganze Parterre die Köpfe nach ihm umgewandt ; » weißt du wohl , wenn sie tot sind , die kommen alle in die Hölle ! « Seitdem hatte er sie nicht mehr in die Komödie gebracht . Auf sein Zimmer aber kam das Kind mehrmals am Tage ; denn die Mutter hatte es so eingerichtet , daß sie selber mich , ihre Tochter aber , wenigstens außerhalb der Schulzeit , den Kapitän bediente . Es ist mir wohl später eingefallen , daß dies , bei aller Ehrenhaftigkeit des Mannes , auch kein Zeugnis für die Verständigkeit der Frau gewesen sei ; denn die Herzensgüte unseres Kapitäns war doch mitunter derart , daß sie mehr zu einem handfesten Schiffsjungen , so zwischen See und Sturm , als zu einem zierlichen halbgewachsenen Mädchen passen mochte . Als wir eines kalten Oktoberabends wieder einmal plaudernd auf der Straßenbank saßen , fuhr der Nordwest uns endlich so eisig in den Nacken , daß er mich einlud , mit ihm in seine Kabine hinaufzusteigen , wo wir behaglicher unser Gespinst abwickeln könnten . Ich hatte nichts dagegen und saß dort kaum in einem guten Polsterstuhl , den er mir hingeschoben hatte , als ich ihn auch schon , die Hand am Schlüssel , vor einem Wandschränkchen stehen sah . » Nun , Nachbar « , rief er , » wir müssen , deucht mir , ein Quantum heizen ! Rum oder Kognak ? Für Prima-Qualität wird garantiert . « Von den Schätzen dieses Schrankes hatte ich schon gehört . » Das wird Ihnen überlassen , Kapitän ! « rief ich . » Also Rum ! « erwiderte er . Dann schloß er auf , und nachdem er an der Klingelschnur gerissen hatte , stellte er eine Flasche und zwei tüchtige Glashumpen auf ein daneben stehendes Tischchen . Nach einer Weile flog ein leichter Schritt die Treppe herauf , und Anna trat mit einem Kesselchen voll heißen Wassers in die Stube ; sie nickte uns vertraulich zu , entzündete dann die auf dem Tisch stehende Spirituslampe und setzte den Kessel darüber . » Nachbar « , flüsterte der Kapitän , » was sagt Ihr zu meinem kleinen Maat ? « Der kleine Maat aber stand , die Hände in den Schoß gefaltet , und neigte das dunkle Köpfchen nach dem Kessel . Als es zu sausen anhub , wandte sie sich und wollte gehen . » Oho ! « rief der Kapitän , » du meinst wohl , wir sollen uns unser Glas heut selber machen ! « Sie blieb stehen , schüttelte den Kopf und wurde purpurrot . Dann aber ging sie lautlos nach dem Schrank , hob ihre schmächtige Gestalt auf den Zehen und holte vom obersten Bord eine Schale mit Zucker herab . » So recht , Anna ! « rief der Kapitän . » Nun zeige , was du von mir gelernt hast ! « Und das feine Ding nickte wieder ein paarmal , nur so in den Schrank hinein , aber doch , als sollt es heißen : » Ohne Sorge , soll schon werden ! « Dann begann sie die drei Elemente sorgsam zu mischen , schaute auch einmal durch das Glas , indem sie es mit dem etwas hageren Ärmchen gegen die jetzt über unserem Tische brennende Ampel hielt , und goß noch ein paar Feuertropfen in dasselbe , ohne aber vorher weder mit noch ohne Löffelchen daraus gekostet zu haben . » Wenn ' s gefällig ist ! « sagte sie dann , indem sie uns die Gläser auf einem Tablettchen darbot . Ich nahm das meine , und schon an dem Dufte merkte ich , es war ein steifes Seemannsglas . Der Kapitän aber , als sie zu ihm trat , legte beide Arme vor sich auf den Tisch . » Nun ? « sagte er und sah lachend unsere kleine Schenkin an ; » ich muß wohl heut um alles betteln gehen ! « Sie stand einen Augenblick wie verlegen . » Oder scheust du dich vor unserm jungen Herrn ? « fügte der Kapitän hinzu . Da hob sie das Glas an ihre Lippen . » Wohl bekomm ' s ! « sagte sie leise ; dann trank sie , und es schien mir , daß sie mit Behagen trinke . » Halt , halt , Jüngferlein ! « rief der Alte lachend ; » ei , seht doch , schickt sich das für ein so zartes Manntje ? « Aber schon hatte sie das Glas vor ihn auf den Tisch gesetzt , und wir hörten , wie sie draußen wiederum die Treppe hinunterflog . » Eine Wetterhexe ! « sagte der Kapitän ; » wenn die ein Junge wäre , mit dem ginge ich noch einmal auf die alten Planken ! « Ich aber weiß noch sehr wohl , wie ich ihn um sein Glas beneidete , an dem der süße Mädchenmund geruht hatte . – – Wie eine Bilderreihe zog das alles jetzt an mir vorüber ; plötzlich aber stolperte ich , mein Stock flog mir aus der Hand , und ich sammelte mich geduldig vom Erdboden auf ; denn ich war mitten im Walde , der mir soeben seine dicken Buchenwurzeln vor die Füße gestreckt hatte . Langsam kehrte ich um und ging nach Hause , doch die Gedanken wollten mich nicht lassen . Das anmutige Kind , von dem ich später nie wieder etwas gehört hatte , sie mochte jetzt etwa dreißig Jahre zählen – was war aus ihr geworden ? Es ließ mir doch keine Ruhe : Wie kam der Kapitän hieher ? Was war das mit dem Jungen ? Tags darauf ließ ich den Abend herankommen , es mochte schon neun Uhr sein , als ich vor dem roten Hause stand . Alles war dunkel , aber eben vorher hatte ich von der Hinterseite aus einen Lichtschein auf den kahlen Gartenbüschen wahrgenommen . Ich drückte die Haustür auf , an der keine Glocke läutete , und stand in einem dunkeln Flur , in den jedoch , scheinbar durch das Schlüsselloch der Tür einer Hinterstube , ein schmaler Lichtstreifen hineindrang . Es rührte sich aber nichts im Hause , und ich tastete weiter , bis ich mit den Händen an die Türe stieß . » Herein ! Wer ist da ? « rief es drinnen , als ich eben eintrat . Der Kapitän saß neben einer Lampe an dem Sofatische und las in einer großen Zeitung , die ich später als den » Hamburger Korrespondenten « erkannte – außer ihm war nur der schöne Knabe in dem Zimmer ; er stand mit einem brennenden Lichte vor dem Spiegel und schnitt Gesichter , die er einigen Fratzen im » Kladderadatsch « nachzumachen schien ; wenigstens lag auf dem Spiegeltischchen ein Exemplar davon . » Guten Abend , Kapitän ! « sagte ich kräftig ; » da Sie nicht zu mir gekommen sind , so haben Sie wohl nichts dagegen , daß ich Ihnen meinen Antrittsbesuch mache ? « Er war aufgestanden , während der Junge seine Unterhaltung mit unbekümmerter Geschäftigkeit fortsetzte , und ich konnte den Alten im Schein der Lampe ungestört betrachten . An Haar und Bart sah man freilich , es war Winter geworden ; aber seine Wangen blühten noch immer , und die guten Augen darüber sahen mich wie einstens hell und freundlich an . Ich wollte reden ; aber er legte seine Hand schwer auf meine Schulter . » Halt ! – Halt ! « sagte er . » Ich werfe Anker ! Hamburg – beim Kaiserhof – das Häuschen – meine Kabine ! Alle Millionen Windrosen , Herr Nachbar , und Sie wohnen hier ? « » Ja , ja , Kapitän ; und Sie wohnen hier ? « » Ei , freilich « , rief er lachend , » und so wohnen wir alle beide hier ! Rick ! « , und er wandte sich zu dem Knaben , » zünde die Spritflamme an und nimm eine Flasche aus dem Schränkchen ! – Junge , hörst du denn nicht ! « » Ja , Ohm , ich höre ja schon ! « rief der Knabe , setzte den Leuchter auf das Spiegeltischchen , daß das Licht aus der Röhre sprang , und vollbrachte dann das aufgetragene Geschäft . Meine Augen folgten ihm , und mit Verwunderung sah ich hier im neuen Hause ein gleiches Schränkchen wie in der Hamburger Baracke . Der Kapitän hatte indessen mein Gesicht gemustert , als wolle er die Züge des einstigen Gymnasiasten herausstudieren . » Sie also sind der Doktor , der sich das große Haus dort auf der Höhe gebaut hat ? « » Ja freilich , Kapitän ; und was für Abenteuerlichkeiten habe ich nicht hinter Ihrem stillen Neubau wittern müssen , aber freilich ... « Meine Augen fielen auf den Knaben , und ich schwieg . Er hatte eben den kochenden Kessel nebst Flasche , Gläsern , und was sonst nötig war , vor uns hingestellt . » Dank , mein Junge « , sagte der Alte . » Aber nun geh mit deinem Licht in deine Koje ; es ist Kinderbettzeit . « Aber der Junge fiel ihm um den Hals und flüsterte ihm eifrig bittend in das Ohr . » Nein , nein , Rick , heute nicht « , sagte der Alte ; » der Herr kommt schon mal wieder , und früher , als die Hühner auf die Wiemen müssen . « » Doch ! doch ! « rief der Knabe . » Ohm ! Alter John , nur eine Viertelstunde ! « Und er würgte ihn fast mit seinen Armen . Da riß der Alte ihn heftig von sich und hielt ihn , nach des Knaben Gesicht zu urteilen , nicht eben sanft an beiden Handgelenken vor sich . » Kalkuliere « , sagte er im ruhigen Kommandoton , » du gehst jetzt augenblicklich in deine Koje ! « Dann ließ er ihn los , und der Knabe nahm , ohne ein Wort zu sagen oder uns nur anzusehen , sein Licht und ging zur Tür hinaus ; ich hörte , wie er eine Treppe nach dem Oberhaus hinaufstieg . John Riew ' zog jetzt die Gläser an sich und begann den heißen Trank für uns zu mischen ; als er aber die Flasche aufgezogen hatte , spürte ich an dem Duft , daß es Madeira oder Xeres sei , welchen er hineingoß . » Ei was , Kapitän « , sagte ich ; » Sie trinken ja wie ich ! Hat der Jamaika Sie jetzt verlassen ? « » Ich trinke ihn nicht mehr « , erwiderte er ernst ; » doch wenn ' s Ihnen lieber , es wird noch eine alte Flasche da sein . « » Ich danke , es ist mir so eben recht . Aber Sie ? Vertragen Sie ihn nicht mehr ? Sie sehen doch aus , als hätten Sie zeitlebens zusammenhalten müssen ! « » Es wäre auch sonst wohl so gewesen ; aber – seit der Junge da geboren , haben wir uns geschieden . Doch – Sie schwiegen vorhin ; jetzt ist frei Wasser , wonach wollten Sie denn fragen ? « » Nun , Kapitän , zunächst freilich nach dem Jungen ! Waren Sie inzwischen verheiratet ? Sind Sie Witwer ? Ist der Junge Ihr eigen , oder wo haben Sie ihn aufgelesen ? Und wie kommen Sie dazu , sich hier auf dem völlig trockenen Lande anzubauen ? « » Holla ! « rief er dazwischen , » nun ist ' s genug für einmal ! Aber Sie erlebten mit mir den Anfang , so mögen Sie auch das Ende wissen ! « » Wenn ein Mensch zu viel Tugenden hat « – so begann er sein Gespinst , indem er mir eins der dampfenden Gläser zuschob – , » dann ist der Teufel allemal dahinter . « Ich mochte wohl gelacht haben . » Nein , Nachbar « , fuhr er fort , » das ist die simple Wahrheit ; es ist gegen die Natur des unvollkommenen Menschen , den unser Herrgott nun einmal so geschaffen hat ; denn irgendwo in unsrem Blute sitzt er doch , und je dicker er mit Tugenden zugedeckt wird , desto eifriger bemüht er sich , die Hörner in die Höh zu kriegen . Ich hatte so einen Freund , Rick Geyers hieß der Junge , und wir fuhren auf einem Schiff ; glaubt nicht , daß er ein Duckmäuser war , nein , im Gegenteil , ein wilder Kerl , aber dabei ein wahres Nest von Tugenden : seine halbe Heuer , solange sie noch lebte , schickte er an seine Mutter und saß und schrieb an sie , während wir an den festen Wall gingen und unsern Talern Flügel machten . Hatte ein armer Teufel Unheil angerichtet , Rick wollte an allem schuld sein ; aber man glaubte ihm zuletzt nicht mehr , denn er verstand fast ohne Wind zu segeln , unser großmäuliger Kapitän ging selbst bei ihm zu Rathaus ; und dabei war er ein halb Dutzend Jahre kürzer auf der Welt als ich . Vor den Weibern , wenn er einmal mit uns andern an Land war , konnte er sich kaum bergen ; in Hongkong , da ist eine Gasse – freilich ehrbare Leute sollten dort nicht kommen – , Ihr hättet nur sehen sollen , als wir einmal mit ihm hindurchgingen , wie das niedliche schlitzäugige Gesindel um ihn herum war ! Rick Geyers aber sah mit seinen großen braunen Augen über sie weg , und wenn sie zu dicht an ihn herantänzelten und ihre Locktöne machten , dann räumte er sie schweigend wie eine Schar von Ungeziefer mit den Armen von sich . Die Dirnchen – denn sie sind zart und gelenkig – schlenkerten ihre feinen Händchen gegen ihn und flogen mit Angstgekreisch an ihre Haustüren , wo sie ihm wieder mit den feinen Fingern winkten ; uns andere plagte , by Jove , die Eifersucht . Rick