Theodor Storm Im Schloß Von der Dorfseite Von der Dorfseite Vom Kirchhof des Dorfes , ein Viertelstündchen hinauf durch den Tannenwald , dann lag es vor einem : zunächst der parkartige Garten , von alten ungeheueren Lindenalleen eingefaßt , an deren einer Seite der Weg vom Dorf vorbeiführte ; dahinter das große steinerne Herrenhaus , das nach vorn hinaus mit den Flügelgebäuden einen geräumigen Hof umfaßte . Es war früher das Jagdschloß eines reichsgräflichen Geschlechts gewesen ; die lebensgroßen Familienbilder bedeckten noch jetzt die Wände des im oberen Stock gelegenen Rittersaales , wo sie vor einem halben Jahrhundert beim Verkaufe des Gutes mit Bewilligung des neuen Eigentümers vorläufig hängen geblieben und seitdem , wie es schien , vergessen waren . Vor etwa zwanzig Jahren war das Gut , dessen wenig umfangreiche Ländereien zu den Baulichkeiten in keinem Verhältnis standen , in Besitz einer alten weißköpfigen Exzellenz , eines früheren Gesandten , gekommen . Er hatte zwei Kinder mitgebracht , ein blasses , etwa zehnjähriges Mädchen mit blauen Augen und glänzend schwarzen Haaren und einen noch sehr jungen kränklichen Knaben , welche beide der Obhut einer ältlichen Verwandten anvertraut waren . Später hatte sich noch ein alter Baron , ein Vetter des Gesandten , hinzugefunden , der einzige von der Schloßgesellschaft , der sich zuweilen unten im Dorfe blicken ließ und auch mit den Leuten im Felde mitunter einen kurzen Diskurs führte ; denn im heißen Sommer oder an hellen Frühlingstagen pflegte er weit umherzuwandern , um allerhand Geziefer einzusammeln , das er dann in Schachteln und Gläsern mit nach Hause nahm . Selten einmal war auch das junge Fräulein bei ihm ; sie trug dann wohl eine der leichteren Fanggerätschaften und ging eifrig redend an des Oheims Seite ; aber um die Begegnenden kümmerte sie sich nicht weiter . Die kleine hagere Gestalt der alten Exzellenz hatte , außer beim sonntäglichen Gottesdienste in dem herrschaftlichen Kirchenstuhl , kaum jemand anders als vom Wege aus gesehen , wenn er in der breiten Lindenallee des Gartens auf und ab wandelte oder , stehenbleibend , das Moos auf dem Steige mit seinem Rohrstocke losstieß . Den scheuen Gruß der vorübergehenden Bauern pflegte er wohl mit einer leichten Handbewegung zu erwidern ; was er sonst mit ihnen zu schallen hatte , wurde von dem Verwalter abgetan , dem die Bewirtschaftung des kleinen Gutes überlassen war . Nach Jahren wurde diese Hausgenossenschaft noch durch einen Lehrer des kleinen Barons vermehrt . Die Leute im Dorf erinnerten sich seiner noch sehr wohl ; er war aus der Umgegend und stammte auch von Bauern her . Man hatte ihn oft mit dem alten Baron gesehen , und das Fräulein , damals schon eine junge Dame , war mitunter auch in ihrer Gesellschaft gewesen . Man erzählte sich noch , wie er mit dem alten Herrn in den Tannen einen Dohnenstieg angelegt ; aber das Fräulein sei meist schon vor ihnen dagewesen und habe die Drosseln , die sich lebendig in den Schlingen gefangen , heimlich wieder fliegen lassen . Einmal auch hatte der junge freundliche Herr den kleinen verkrüppelten Knaben auf dem Arm durch das Tannicht getragen ; denn mit dem Rollstühlchen war auf dem schmalen Steige nicht fortzukommen gewesen , und das Kind hatte die gefangenen Vögel selbst aus den Dohnen nehmen können . Bald aber war es wieder einsamer geworden ; der arme Knabe war gestorben und der Hauslehrer fortgegangen . Schon früher hatte man im Dorfe von den Gutsnachbarn oder aus der Stadt drüben nur vereinzelt einen Besuch den Weg nach dem Schlosse fahren sehen ; jetzt kam fast niemand mehr ; auch die alte Exzellenz sah man immer seltener in der breiten Allee des Gartens wandeln . Nur noch einmal , im Herbste des folgenden Jahres , war es droben auf einige Tage wieder lebendig geworden ; als die Hochzeit des jungen Fräuleins gefeiert wurde . Unten in der Dorfkirche war die Trauung gewesen . Seit lange hatte man dort so viele vornehme Leute nicht gesehen ; aber die hagere Gestalt des Bräutigams mit dem dünnen Haar und den vielen Orden wollte den Leuten nicht gefallen ; auch die Braut , als sie von der alten Exzellenz an die mit Teppichen belegten Altarstufen geführt wurde , hatte in dem langen weißen Schleier , mit den dicht zusammenstehenden schwarzen Augenbrauen ganz totenhaft ausgesehen ; was aber das schlimmste war , sie hatte nicht geweint , wie es doch den Bräuten ziemt . Der alte Baron , der in sich zusammengesunken in dem herrschaftlichen Stuhl gesessen und mit trübseligen Augen auf die Braut geblickt hatte , war nach Beendigung der Zeremonie allein und heimlich seitwärts über die Felder gegangen . – – Am darauffolgenden Nachmittag hielt der Wagen mit den Neuvermählten eine kurze Zeit in der Durchfahrt des Dorfkruges ; und die Leute standen umher und besahen sich das Wappen auf dem Kutschenschlage , einen Eberkopf im blauen Felde . Der hagere vornehme Mann war ausgestiegen und brachte der jungen Frau eigenhändig ein Glas Wasser an den Wagen ; von dieser selbst war wenig zu sehen ; sie saß im Dunkel des Fonds schweigend in ihre Mäntel gehüllt . Der Wagen fuhr davon , und seitdem vergingen Jahre , ohne daß man von dem Fräulein wieder etwas hörte . Nur dem Prediger hatte einmal der alte Baron erzählt , daß ein Knabe , den sie im zweiten Jahre der Ehe geboren , von einer Kinderepidemie dahingerafft sei ; und später dann , als die alte Exzellenz gestorben und abends bei Fackelschein auf dem Kirchhof hinter den Tannen zur Erde gebracht wurde , sollte sie nachts auf dem Schlosse gewesen sein ; aber von den Leuten im Dorfe hatte niemand sie gesehen . – Bald darauf verließ auch der alte Baron mit seinen Sammlungen und Büchern das Schloß , wie es hieß , um bei einem andern Vetter seine harmlosen Studien fortzusetzen . Einen Sommer lang wohnte niemand in dem steinernen Hause , und das Gras wuchs ungestört auf den breiten Steigen der Gartenallee . Da , eines Nachmittags , es mochte jetzt ein Jahr vergangen sein , hielt wiederum der Wagen mit dem Eberkopf vor dem Wirtshause des Dorfes . Die junge Frau saß darin , das einstige Fräulein vom Schloß ; sie sprach freundlich zu den Leuten , erzählte ihnen , daß sie ihr Gut jetzt selbst bewirtschaften und bewohnen werde , und bat um treue Nachbarschaft . Aber froh sah sie nicht aus , auch nicht ganz jung mehr , obwohl sie kaum mehr als fünfundzwanzig Jahre zählen mochte . Die Leute wußten sich keinen Vers daraus zu machen ; bald aber kam das Gerücht über Stadt und Land und auch in die Gaststube des Dorfkruges . Das in der Kirche drüben geschlossene vornehme Ehebündnis war nicht zum Guten ausgeschlagen . Die junge Frau sollte in der Residenz , wo ihr Gemahl eine Hofcharge bekleidete , eine Liebschaft mit einem jungen Professor gehabt haben . Einige hatten sogar gehört , es sei der ihnen wohlbekannte Hauslehrer des verstorbenen kleinen Junkers . Die Dame , hieß es , sei so etwas wie verbannt und dürfe nicht in die Residenz zurückkehren . Dann noch ein anderes , was aufs neue die müßigen Ohren reizte : der zweifelhafte Ursprung jenes unlängst begrabenen Kindes sollte zu der Trennung des Ehepaars die nächste Veranlassung gegeben haben . Das Gerücht war von allem unterrichtet , von dem , was geschehen , und noch mehr von dem , was nicht geschehen war . Währenddessen hauste die Baronin droben in dem alten Schlosse , in großer Einsamkeit ; denn niemals sah man aus der Stadt oder von den benachbarten Adelsfamilien einen Wagen an dem Tannicht hinauffahren . Wie der Schullehrer sagte , hatte sie sich Bücher aus der Stadt kommen lassen , in denen sie die Landwirtschaft studierte ; auch mit den Dorfleuten , wenn sie solche auf ihren täglichen Spaziergängen traf , führte sie gern derartige Gespräche . Ja , man hatte sie am heißen Juninachmittage gesehen , wie sie auf einem Acker die Steine in ihre seidene Schürze sammelte und auf die Seite trug , begleitet von einem großen schwarzen St.-Bernhards-Hunde , der nie von ihrer Seite wich . Sie mochte sich indessen doch der übernommenen Aufgabe nicht ganz gewachsen fühlen ; denn vor etwa einem Vierteljahr war ein Verwalter angelangt ; aber es war ein junger vornehmer Herr , für den der Vater längst ein mehr als doppelt so großes Gut in Bereitschaft hatte . Die Bauern konnten nicht begreifen , was der in der kleinen Wirtschaft profitieren wolle , zumal sie es bald heraushatten , daß er seine Sache aus dem Fundament verstehe ; der Schulmeister meinte freilich , es sei ein weitläufiger Vetter der Baronin ; allein der Förster wollte die Anwesenheit des jungen Herrn nicht als verwandtschaftliche Hülfeleistung gelten lassen . Er kniff die Augen ein und sagte geheimnisvoll : » Was einmal in der Stadt geschehen – – nun , Gevatter , Ihr seid ja ein Schulmeister , macht Euch den Satz selber zu Ende ! « Im Schloß Im Schloß An dem linken Ende der Front neben dem stumpfen Eckturm führte eine schwere Tür ins Haus . Rechts hinab , an der gegenüberliegenden breiten Treppenflucht vorbei , auf welcher man in das obere Stockwerk gelangte , zog sich ein langer Korridor mit nackten weißen Wänden . Den hohen Fenstern gegenüber , welche auf den geräumigen Steinhof hinaussahen , lag eine Reihe von Zimmern , deren Türen jetzt verschlossen waren . Nur das letzte wurde noch bewohnt . Es war ein mäßig großes , düsteres Gemach ; das einzige Fenster , welches nach der Gartenseite hinaus lag , war mit dunkelgrünen Gardinen von schwerem Wollenstoffe halb verhangen . In der tiefen Fensternische stand eine schlanke Frau in schwarzem Seidenkleide . Während sie mit der einen Hand den Schildpattkamm fester in die schwere Flechte ihres schwarzen Haares drückte , lehnte sie mit der Stirn an eine Glasscheibe und schaute wie träumend in den Septembernachmittag hinaus . Vor dem Fenster lag ein etwa zwanzig Schritte breiter Steinhof , welcher den Garten von dem Hause trennte . Ihre tiefblauen Augen , über denen sich ein Paar dunkle , dicht zusammenstehende Brauen wölbten , ruhten eine Weile auf den kolossalen Sandsteinvasen , welche ihr gegenüber auf den Säulen des Gartentores standen . Zwischen den steinernen Rosengirlanden , womit sie umwunden waren , ragten Federn und Strohhalme hervor . Ein Sperling , der darin sein Nest gebaut haben mochte , hüpfte heraus und setzte sich auf eine Stange des eisernen Gittertors ; bald aber breitete er die Flügel aus und flog den schattigen Steig entlang , der zwischen hohen Hagebuchenwänden in den Garten hinabführte . Hundert Schritte etwa von dem Tore wurde dieser Laubgang durch einen weiten sonnigen Platz unterbrochen , in dessen Mitte zwischen wuchernden Astern und Reseda die Trümmer einer Sonnenuhr auf einem kleinen Postamente sichtbar waren . Die Augen der Frau folgten dem Vogel ; sie sah ihn eine Weile auf dem metallenen Weiser ruhen ; dann sah sie ihn auffliegen und in dem Schatten des dahinterliegenden Laubganges verschwinden . Mit leichtem Schritt , daß nur kaum die Seide ihres Kleides rauschte , trat sie ins Zimmer zurück , und nachdem sie auf einem Schreibtische einige beschriebene Blätter geordnet und weggeschlossen hatte , nahm sie einen Strohhut von dem an der Wand stehenden Flügel und wandte sich nach der Tür . Von einem Teppich neben dem Kamin erhob sich ein schwarzer St.-Bernhards-Hund und drängte sich neben ihr auf den Korridor hinaus . Während sie wie im stillen Einverständnis ihre Hand auf dem schönen Kopf des Tieres ruhen ließ , erreichten beide eine Tür , welche unterhalb der großen Haupttreppe in den schmalen Hof hinausführte . Sie gingen über die mit Gras durchwachsenen Steine und durch das dem Fenster des Wohnzimmers gegenüberliegende Gittertor in den breiten Gartensteig hinab . Die Luft war erfüllt von dem starken Herbstdufte der Reseda , welcher sich von dem sonnigen Rondell aus über den ganzen Garten hin verbreitete . Hier , an der rechten Seite desselben , bildete die Fortsetzung des Buchenganges eine Nachahmung des Herrenhauses ; die ganze Front mit allen dazugehörigen Tür- und Fensteröffnungen , das Erdgeschoß und das obere Stockwerk , sogar der stumpfe Turm neben dem Haupteingange , alles war aus der grünen Hecke herausgeschnitten und trotz der jahrelangen Vernachlässigung noch gar wohl erkennbar ; davor breitete sich ein Obstgarten von lauter Zwergbäumen aus , an denen hie und da noch ein Apfel oder eine Birne hing . Nur ein Baum schien aus der Art geschlagen ; denn er streckte seine vielverzweigten Äste weit über die Höhe des grünen Laubschlosses hinaus . Die Dame blieb bei demselben stehen und warf einen flüchtigen Blick umher ; dann setzte sie den geschmeidigen Fuß in die unterste Gabel des Baumes und stieg leicht von Ast zu Ast , bis die Umgebung der hohen Laubwände ihren Blick nicht mehr beschränkte . Seitwärts , unmittelbar am Garten , erhob sich der Tannenwald und verdeckte das tiefer liegende Dorf ; vor ihr aber war die Schau ins Land hinaus eine unbegrenzte . Unterhalb des Hochlandes , worauf das Schloß lag , breitete sich nach beiden Seiten eine dunkle Heidestrecke fast bis zum Horizont ; in braunviolettem Dufte lag sie da ; nur an einer Stelle im Hintergrunde standen schattenhaft die Türme einer Stadt . Die schlanke Frauengestalt lehnte sorglos an einen schwanken Ast , indes die scharfen Augen in die Ferne drangen . – Ein Schrei aus der Luft herab machte sie emporsehen . Als sie über sich in der sonnigen Höhe den revierenden Falken erkannte hob sie die Hand und schwenkte wie grüßend ihr Schnupftuch gegen den wilden Vogel . Ihr fiel ein altes Volkslied ein ; sie sang es halblaut in die klare Septemberluft hinaus . Aber unten neben dem auf dem Boden liegenden Sommerhut stand der Hund , die Schnauze gegen den Baum gedrückt , mit den braunen Augen zu seiner Herrin emporsehend . Jetzt kratzte er mit der Pfote an den Stamm . » Ich komme , Türk , ich komme ! « rief sie hinab ; und bald war sie unten und ging mit ihrem stummen Begleiter den hinteren Buchengang hinab , der von dem Rondell aus nach der breiten Lindenallee führte . Als sie in diese eintrat , kam ihr ein junger , kaum mehr als zwanzigjähriger Mann entgegen , in dessen gebräuntem Antlitz mit der feinen vorspringenden Nase eine Familienähnlichkeit mit ihr nicht zu verkennen war . » Ich suchte dich , Anna ! « sagte er , indem er der schönen Frau die Hand küßte . Ihre Augen ruhten mit dem Ausdruck einer kleinen mütterlichen Überlegenheit auf ihm , als sie ihn fragte : » Was hast du , Vetter Rudolf ? « » Ich muß dir Vortrag halten ! « erwiderte er , während er sie höfisch zu einer in der Nähe stehenden Gartenbank führte . Dann begann er , vor ihr stehend , einen ernsthaften Vortrag über die Dränierung einer kaltgrundigen Gutswiese ; über die Art , wie dies am zweckmäßigsten ins Werk zu richten sei , und über die Kosten , die dadurch veranlaßt werden könnten . – Er hatte schon eine Zeitlang gesprochen . Sie lehnte sich zurück und gähnte heimlich hinter der vorgehaltenen Hand . Endlich sprang sie auf . » Aber Rudolf « , rief sie , » ich verstehe von alledem nichts ; du hast mir das ja selbst erklärt ! « Er runzelte die Stirn . » Gnädige Frau ! « sagte er bittend . Sie lachte . » So sprich nur ; ich habe schon Geduld ! « – Dann brachte er ' s zu Ende . – Sie reichte ihm die Hand und sagte herzlich : » Du bist ein gewissenhafter Verwalter , Rudolf ; aber ich werde mich nach einem andern umsehen müssen ; ich kann dies Opfer nicht länger von dir fordern . « Ein leidenschaftlicher Blick traf sie aus seinen Augen . » Es ist kein Opfer « , sagte er ; » du weißt es wohl . « » Nun , nun ! Ich weiß es « , erwiderte sie ruhig , » du bist ja sogar als zehnjähriger Knabe mein getreuer Ritter gewesen . – Bestelle mir nur den Rappen ; wir können gleich miteinander zur Wiese hinabreiten . « Er ging , und sie sah ihm nachdenklich und leise mit dem Kopfe schüttelnd nach . Bald waren beide zu Pferde . Der junge Reiter suchte an ihrer Seite zu bleiben ; aber sie war ihm immer um einige Kopfeslängen voraus . Sie ließ den Rappen ausgreifen , der Schaum flog von den Ketten des Gebisses , während der Hund in großen Sätzen nebenhersprang . Ihre Augen schweiften in die Ferne , über die braune Heide , auf der sich schon die Schatten des Abends zu lagern begannen . – – – – Einige Stunden später saß sie wieder allein in ihrem Zimmer am Schreibtisch , die am Nachmittage weggeschlossenen Blätter vor sich . Neben ihr auf seinem Teppich ruhte Türk.- Von der Lampe beleuchtet , erschien ihre nicht gar hohe Stirn gegen die Schwärze des schlicht zurückgestrichenen Haars von fast durchsichtiger Blässe . Sie schrieb nur langsam ; mitunter ließ sie die Feder gänzlich ruhen und blickte vor sich hin , als suche sie die Gestalten ferner Dinge zu erkennen . Sie gedachte einer Novembernacht , da sie zum letztenmal vor ihrem gegenwärtigen Aufenthalt das Schloß betreten hatte . – Der Brief des Oheims , der ihr die Nachricht von der tödlichen Erkrankung ihres Vaters in die Residenz brachte , trug auf dem Kuverte einen mehrere Tage alten Poststempel . Eilig war sie abgereist ; nun dämmerte schon der zweite Abend , und die Wälder und Fluren an der Seite des Weges wurden allmählich ihr bekannter . Schon machte aus der Dunkelheit die Nähe des letzten Dorfes sich bemerklich ; sie hörte die Hunde bellen und spürte den Geruch des Heidebrennens . An einem kleinen Hause in der Dorfstraße hielt der Wagen . Ihre Jungfer stieg ab , der sie erlaubt hatte , bei ihren dort wohnenden Eltern bis zum andern Morgen zu bleiben . Dann ging es weiter ; sie hatte sich in die Wagenecke gedrückt und zog fröstelnd den Mantel um ihre Schultern . Vor ihrem innern Auge war die Gestalt ihres Vaters ; sie sah ihn , wie er in der letzten Zeit ihres Zusammenlebens zu tun pflegte , im Zwielicht in dem öden Rittersaale mit seinem Rohrstock auf und ab wandern ; den weißen Kopf gesenkt , nur zuweilen vor einem der alten Bilder stehenbleibend oder aus den schwarzen Augen von unten auf einen Blick zu ihr hinüberwerfend . – – – Es war ganz finster geworden , die Pferde gingen langsam ; aber sie wagte nicht , den Postillion zum Schnellerfahren zu ermuntern . Eine unbewußte Scheu schloß ihr den Mund ; es war ihr fast lieb , daß der Augenblick der Ankunft sich verzögerte . Immer aber , wenn sie die Augen schloß , sah sie die kleine hagere Gestalt an sich vorüberwandern , und unter dem Wehen des Windes war es ihr , als höre sie den bekannten abgemessenen Schritt und das Aufstoßen des Rohrstocks auf den Fußboden . – – Als die Ulmenallee erreicht war , welche über die Brücke nach dem Schloßhof führte , vernahm sie das Schlagen der Turmuhr , deren Regulierung die alte Exzellenz immer selbst überwacht hatte . Sie atmete auf und lehnte sich aus dem Wagen . Eine ungewöhnliche Helligkeit blendete ihre Augen , als sie in den Hof einfuhren . Die ganze obere Front des Gebäudes schien erleuchtet . Der Wagen rasselte über das Steinpflaster und hielt vor der Eingangstür neben dem Turm ; der Postillion klatschte mit der Peitsche , daß es an den Mauern des alten Reitsaals widerklang ; aber es kam niemand . – Nach einer Weile vergeblichen Wartens ließ die zitternde Frau sich den Schlag öffnen und bezeichnete ihrem Fuhrmann einen Raum , worin er seine Pferde zur Nacht unterbringen könne . Dann stieg sie aus und trat , nachdem sie die schwere Tür zurückgedrängt , in den großen Korridor des Erdgeschosses . Einige Augenblicke blieb sie stehen und blickte unentschlossen um sich her . Auf den Geländersäulen der breiten Treppe , die in das obere Stockwerk führte , brannten Walratkerzen in schweren silbernen Leuchtern . Sie beugte sich vor und lauschte ; aber es war alles still . Leise , kaum aufzutreten wagend , begann sie die Stufen hinaufzusteigen . Da war ihr , als hörte sie droben auf dem Flur die Tür zum Rittersaale knarren ; und gleich darauf kam es ihr entgegen , die Treppe herab . Sie sah es nun auch , es war der Hund ihres Vaters ; sie rief ihn bei Namen ; aber das Tier hörte nicht darauf , es jagte an ihr vorbei auf den Korridor hinab und entfloh durch die offene Tür ins Freie . – – Erst jetzt fiel ihr ein dumpfer Geruch von Rauchwerk auf . Sie stieg langsam die letzten Stufen in dem erleuchteten Treppenhause hinauf , bis sie den oberen Flur erreicht hatte . Die Tür des Rittersaals stand offen ; in der Mitte des weiten Raumes sah sie zwei Reihen brennender Kerzen auf hohen Gueridons ; dazwischen wie ein Schatten lag ein schwarzer Teppich . Aber es war niemand drinnen ; nur die Bilder verschollener Menschen standen wie immer schweigend an den Wänden . Die gegenüberliegende Tür zu des Oheims Zimmer war weit geöffnet , und auch dort schienen Kerzen zu brennen ; denn sie konnte deutlich die vergoldeten Engelköpfe unter dem Kamingesims erkennen . – Zögernd trat sie über die Schwelle in den Saal , aber von Scheu befangen , blieb sie zunächst der Tür in einer Fensternische stehen . Ihr war , als vernähme sie Choralgesang aus der Ferne , und da sie durch die Scheiben einen Blick in das Dunkel hinauswarf , sah sie jenseit der Tannen , von drüben , wo der Kirchhof lag , einen roten Schein am Himmel lodern . – – Sie wußte es nun , sie war zu spät gekommen ; unwillkürlich mußte sie die Augen in den leeren Saal zurückwenden . Die Kerzen brannten leise knisternd weiter ; nur mitunter , wo der Sarg mochte gestanden haben , lief ein Krachen über die Dielen , als drängte es sie , sich von der unheimlichen Last zu erholen , die sie hatten tragen müssen . – Sie drückte sich schauernd in die Fensterecke ; es war nicht Trauer , es war nur Grauen , das sie empfand . – – – – – – – – – – Aber ihre Gedanken waren ihrer Feder weit voraus . Die beschriebenen Blätter Die beschriebenen Blätter Ich will es niederschreiben , mir zur Gesellschaft ; denn es ist einsam hier , einsamer noch , als es schon damals war . Sie sind alle fort ; es ist nur Täuschung , wenn ich draußen im Korridor mitunter das Husten der Tante Ursula oder die Krücke des kleinen Kuno zu vernehmen glaube . Es war ein klarer Spätherbstmorgen , als wir das Kind begruben ; die Leute aus dem Dorfe standen alle umher mit jener schaurigen Neugier , die wenigstens den letzten Zipfel vom Leilaken des Todes noch in die Grube will schlüpfen sehen . – Dann , als ich fern war , starb die Tante , und dann mein Vater . Wie oft habe ich heimlich in seinen Augen geforscht , was wohl im Grund der Seele ruhen möge , aber ich habe es nicht erfahren ; mir war , als hielten jene ausgeprägten Muskeln seines feinen Antlitzes gewaltsam das Wort der Liebe nieder , das zu mir drängte und niemals zu mir kam . – Droben im Rittersaal hängen noch die Bilder ; die stumme Gesellschaft verschollener Männer und Frauen schaut noch wie sonst mit dem fremdartigen Gesichtsausdruck aus ihren Rahmen in den leeren Saal hinein ; aber aus dem dahinterliegenden Zimmer läßt sich jetzt weder das Pfeifen des Dompfaffen noch das Gekrächze Don Pedros , des lahmen Starmatzes , vernehmen ; der gute Oheim , mit seinen harten Worten und seinem weichen Herzen , mit seinem toten und lebendigen Getier , hat es seit lange verlassen . Aber er lebt noch ; er wird vielleicht zurückkehren , wenn es Frühling wird ; und ich werde wieder , wie damals , meine Zuflucht in dem abgelegenen Zimmer suchen . Damals ! – – Ich bin immer ein einsames Kind gewesen ; seit der Geburt des kleinen Kuno steigerte sich die Kränklichkeit meiner Mutter , so daß ihre Kinder nur selten um sie sein durften . Nach ihrem Tode siedelten wir hier hinüber . In der Stadt hatten wir , wie hergebracht , nur das Geschoß eines großen Hauses bewohnt ; jetzt hatte ich ein ganzes Schloß , einen großen seltsamen Garten und unmittelbar dahinter einen Tannenwald . Auch Freiheit hatte ich genug ; der Vater sah mich meistens nur bei Tische , wo wir Kinder schweigend unser Mahl verzehren mußten ; die Tante Ursula war eine gute förmliche Dame , die nicht gern ihren Platz dort in der Fensternische verließ , wo sie ihre saubern Strick- und Filetarbeiten für ferne und nahe Freunde verfertigte ; hatte ich meinen Saum genäht und meine Lafontainesche Fabel bei ihr aufgesagt , so warf sie höchstens einen Blick durchs Fenster , wenn ich mit dem grauen Windspiel meines Vaters zwischen den Buchenhecken des Gartens hinabrannte . Spielgenossen hatte ich keine ; mein Bruder war fast acht Jahre jünger als ich , und die von Adelsfamilien bewohnten Güter lagen sehr entfernt . Von den bürgerlichen Beamten aus der Stadt waren im Anfang zwar einzelne mit ihren Kindern zu uns gekommen ; da wir jedoch ihre Besuche nur selten und flüchtig erwiderten , so hatte der kaum begonnene Verkehr bald wieder aufgehört . – Aber ich war nicht allein ; weder in den weiten Räumen des Schlosses noch draußen zwischen den Hecken des Gartens oder den aufstrebenden Stämmen des Tannenwaldes ; der » liebe Gott « , wie ihn die Kinder haben , war überall bei mir . Aus einem alten Bilde in der Kirche kannte ich ihn ganz genau ; ich wußte , daß er ein rotes Unterkleid und einen weiten blauen Mantel trug ; der weiße Bart floß ihm wie eine sanfte Welle über die breite Brust herab . Mir ist , als sähe ich mich noch mit dem Oheim drüben in den Tannen ; es war zum ersten Mal , daß ich über mir das Sausen des Frühlingswindes in der Krone eines Baumes hörte . » Horch ! « rief ich und hob den Finger in die Höhe . » Da kommt er ! « – » Wer denn ? « – » Der liebe Gott ! « – Und ich fühlte , wie mir die Augen groß wurden ; mir war , als sähe ich den Saum seines blauen Mantels durch die Zweige wehen . Noch viele Jahre später , wenn abends auf meinem Kissen der Schlaf mich überkam , war mir , als läge ich mit dem Kopf in seinem Schoß und fühlte seinen sanften Atem an meiner Stirn . Mein Lieblingsaufenthalt im Hause war der große Rittersaal , der das halbe obere Stockwerk in seiner ganzen Breite einnimmt . Leise und nicht ohne Scheu vor der schweigenden Gesellschaft drinnen schlich ich mich hinein ; über dem Kamin im Hintergrund des Saales , von Marmor in Basrelief gehauen , ist der Krieg des Todes mit dem menschlichen Geschlechte dargestellt . Wie oft habe ich davorgestanden und mit neugierigem Finger die steinernen Rippchen des Todes nachgefühlt ! – Vor allem zogen mich die Bilder an : auf den Zehen ging ich von einem zu dem andern ; nicht müde konnte ich werden , die Frauen in ihren seltsamen roten und feuerfarbenen Roben , mit dem Papageien auf der Hand oder dem Mops zu ihren Füßen , zu betrachten , deren grelle braune Augen so eigen aus den blassen Gesichtern herausschauten , so ganz anders , als ich es bei den lebenden Menschen gesehen hatte . Und dann dicht neben der Eingangstür das Bild des Ritters mit dem bösen Gewissen und dem schwarzen krausen Bart , von dem es hieß , er werde rot , sobald ihn jemand anschaue . Ich habe ihn oftmals angeschaut , fest und lange ; und wenn , wie es mir schien , sein Gesicht ganz mit Blut überlaufen war , so entfloh ich und suchte des Oheims Tür zu erreichen . Aber über dieser Tür war ein anderes Bild ; es mochten die Porträts von Kindern sein , die vor einigen hundert Jahren hier gespielt hatten ; in steifen brokatenen Gewändern mit breiten Spitzenkragen standen sie wie die Kegel nebeneinander , Knaben und Mädchen , eines immer kleiner als das andere . Die Farben waren verkalkt und ausgeblichen , und wenn ich unter dem Bilde durch die Tür lief , war es mir , als blickten sie alle aus den kleinen begrabenen Gesichtern mit ihren beerschwarzen Augen auf mich herab . War dann der Oheim in seinem Zimmer , so flog ich auf ihn zu , und er , von seinen Büchern auffahrend , schalt mich dann wohl und rief : » Was ist ? Sind dir die albernen Bilder schon wieder einmal auf den Hacken ? « Großes Bedenken hatte es für mich , in der Dämmerung durch den Saal zu kommen . Zum Glück waren die sich gegenüberstehenden Türen an der Gartenseite , die Fenster sahen hier nach Westen , und der Abendschein stand tröstlich über dem Tannenwald . In des Oheims Zimmer waren dann die Vogelstimmen schlafen gegangen ; nur draußen vor dem Fenster wurde der Kauz in seinem großen Käfig nun lebendig . Der Oheim saß dann wohl mit gefalteten Händen in seinem Lehnstuhl , während das Abendrot friedlich durch die Fenster leuchtete . Aber ich wußte ihn zum Sprechen zu bringen ; ich ließ mich