Theodor Storm Im Saal Am Nachmittag war Kindtaufe gewesen ; nun war es gegen Abend . Die Eltern des Täuflings saßen mit den Gästen im geräumigen Saal , unter ihnen die Großmutter des Mannes ; die andern waren ebenfalls nahe Verwandte , junge und alte , die Großmutter aber war ein ganzes Geschlecht älter , als die ältesten von diesen . Das Kind war nach ihr » Barbara « getauft worden ; doch hatte es auch noch einen schöneren Namen erhalten , denn Barbara allein klang doch gar zu altfränkisch für das hübsche kleine Kind . Dennoch sollte es mit diesem Namen gerufen werden ; so wollten es beide Eltern , wieviel auch die Freunde dagegen einzuwenden hatten . Die alte Großmutter aber erfuhr nichts davon , daß die Brauchbarkeit ihres langbewährten Namens in Zweifel gezogen war . Der Prediger hatte nicht lange nach Verrichtung seines Amtes den Familienkreis sich selbst überlassen ; nun wurden alte , liebe , oft erzählte Geschichten hervorgeholt und nicht zum letzten Male wiedererzählt . Sie kannten sich alle ; die Alten hatten die Jungen aufwachsen , die Ältesten die Alten grau werden sehen ; von allen wurden die anmutigsten und spaßhaftesten Kindergeschichten erzählt ; wo kein anderer sie wußte , da erzählte die Großmutter . Von ihr allein konnte niemand erzählen ; ihre Kinderjahre lagen hinter der Geburt aller andern ; die außer ihr selbst etwas davon wissen konnten , hätten weit über jedes Menschenalter hinaus sein müssen . – Unter solchen Gesprächen war es abendlich geworden . Der Saal lag gegen Westen , ein roter Schimmer fiel durch die Fenster noch auf die Gipsrosen an den weißen , mit Stuckaturarbeit gezierten Wänden ; dann verschwand auch der . Aus der Ferne konnte man ein dumpfes eintöniges Rauschen in der jetzt eingetretenen Stille vernehmen . Einige der Gäste horchten auf . » Das ist das Meer « , sagte die junge Frau . » Ja « , sagte die Großmutter , » ich habe es oft gehört ; es ist schon lange so gewesen . « Dann sprach wieder niemand ; draußen vor den Fenstern in dem schmalen Steinhof stand eine große Linde , und man hörte , wie die Sperlinge unter den Blättern zur Ruhe gingen . Der Hauswirt hatte die Hand seiner Frau gefaßt , die still an seiner Seite saß , und heftete die Augen an die krause altertümliche Gipsdecke . » Was hast du ? « fragte ihn die Großmutter . » Die Decke ist gerissen « , sagte er , » die Simse sind auch gesunken . Der Saal wird alt , Großmutter , wir müssen ihn umbauen . « » Der Saal ist noch nicht so alt « , erwiderte sie , » ich weiß noch wohl , als er gebaut wurde . « » Gebaut ? Was war denn früher hier ? « » Früher ? « wiederholte die Großmutter ; dann verstummte sie eine Weile und saß da wie ein lebloses Bild ; ihre Augen sahen rückwärts in eine vergangene Zeit , ihre Gedanken waren bei den Schatten der Dinge , deren Wesen lange dahin war . Dann sagte sie : » Es ist achtzig Jahre her ; dein Großvater und ich , wir haben es uns oft nachher erzählt – die Saaltür führte dazumal nicht in einen Hausraum , sondern aus dem Hause hinaus in einen kleinen Ziergarten ; es ist aber nicht mehr dieselbe Tür , die alte hatte Glasscheiben , und man sah dadurch gerade in den Garten hinunter , wenn man zur Haustür hereintrat . Der Garten lag drei Stufen tiefer , die Treppe war an beiden Seiten mit buntem chinesischen Geländer versehen . Zwischen zwei von niedrigem Buchs eingefaßten Rabatten führte ein breiter , mit weißen Muscheln ausgestreuter Steig nach einer Lindenlaube , davor zwischen zweien Kirschbäumen hing eine Schaukel ; zu beiden Seiten der Laube an der hohen Gartenmauer standen sorgfältig aufgebundene Aprikosenbäume . – Hier konnte man sommers in der Mittagsstunde deinen Urgroßvater regelmäßig auf und ab gehen sehen , die Aurikeln und holländischen Tulpen auf den Rabatten ausputzend oder mit Bast an weiße Stäbchen bindend . Er war ein strenger , akkurater Mann mit militärischer Haltung , und seine schwarzen Augbrauen gaben ihm bei den weißgepuderten Haaren ein vornehmes Ansehen . So war es einmal an einem Augustnachmittage , als dein Großvater die kleine Gartentreppe herabkam ; aber dazumalen war er noch weit vom Großvater entfernt . – Ich sehe es noch vor meinen alten Augen , wie er mit schlankem Tritt auf deinen Urgroßvater zuging . Dann nahm er ein Schreiben aus einer sauber gestickten Brieftasche und überreichte es mit einer anmutigen Verbeugung . Er war ein feiner junger Mensch mit sanften freundlichen Augen und der schwarze Haarbeutel stach angenehm bei den lebhaften Wangen und dem perlgrauen Tuchrocke ab . – Als dein Urgroßvater das Schreiben gelesen hatte , nickte er und schüttelte deinem Großvater die Hand . Er mußte ihm schon gut sein ; denn er tat selten dergleichen . Dann wurde er ins Haus gerufen und dein Großvater ging in den Garten hinab . In der Schaukel vor der Laube saß ein achtjähriges Mädchen ; sie hatte ein Bilderbuch auf dem Schoß , worin sie eifrig las ; die klaren goldnen Locken hingen ihr über das heiße Gesichtchen herab , der Sonnenschein lag brennend darauf . › Wie heißt du ? ‹ fragte der junge Mann . Sie schüttelte das Haar zurück und sagte : › Barbara . ‹ › Nimm dich in acht , Barbara ; deine Locken schmelzen ja in der Sonne . ‹ Die Kleine fuhr mit der Hand über das heiße Haar , der junge Mann lächelte – und es war ein sehr sanftes Lächeln . – – › Es hat nicht Not ‹ , sagte er ; › komm , wir wollen schaukeln . ‹ Sie sprang heraus : › Wart , ich muß erst mein Buch verwahren . ‹ Dann brachte sie es in die Laube . Als sie wiederkam , wollte er sie hineinheben . › Nein ‹ , sagte sie , › ich kann ganz allein . ‹ Dann stellte sie sich auf das Schaukelbrett und rief : › Nur zu ! ‹ – Und nun zog dein Großvater , daß ihm der Haarbeutel bald rechts , bald links um die Schultern tanzte ; die Schaukel mit dem kleinen Mädchen ging im Sonnenschein auf und nieder , die klaren Locken wehten ihr frei von den Schläfen . Und immer ging es ihr nicht hoch genug . Als aber die Schaukel rauschend in die Lindenzweige flog , fuhren die Vögel zu beiden Seiten aus den Spalieren , daß die überreifen Aprikosen auf die Erde herabrollten . › Was war das ? ‹ sagte er und hielt die Schaukel an . Sie lachte , wie er so fragen könne . › Das war der Iritsch ‹ , sagte sie , › er ist sonst gar nicht so bange . ‹ Er hob sie aus der Schaukel , und sie gingen zu den Spalieren ; da lagen die dunkelgelben Früchte zwischen dem Gesträuch . › Dein Iritsch hat dich traktiert ! ‹ sagte er . Sie schüttelte mit dem Kopf und legte eine schöne Aprikose in seine Hand . › Dich ! ‹ sagte sie leise . Nun kam dein Urgroßvater wieder in den Garten zurück . › Nehm Er sich in acht ‹ , sagte er lächelnd . › Er wird sie sonst nicht wieder los . ‹ Dann sprach er von Geschäftssachen , und beide gingen ins Haus . Am Abend durfte die kleine Barbara mit zu Tisch sitzen ; der junge freundliche Mann hatte für sie gebeten . – So ganz , wie sie es gewünscht hatte , kam es freilich nicht ; denn der Gast saß oben an ihres Vaters Seite ; sie aber war nur noch ein kleines Mädchen , und mußte ganz unten bei dem allerjüngsten Schreiber sitzen . Darum war sie auch so bald mit dem Essen fertig ; dann stand sie auf und schlich sich an den Stuhl ihres Vaters . Der aber sprach mit dem jungen Mann so eifrig über Konto und Diskonto , daß dieser für die kleine Barbara gar keine Augen hatte . – Ja , ja , es ist achtzig Jahre her ; aber die alte Großmutter denkt es noch wohl , wie die kleine Barbara damals recht sehr ungeduldig wurde und auf ihren guten Vater gar nicht zum besten zu sprechen war . Die Uhr schlug zehn , und nun mußte sie gute Nacht sagen . Als sie zu deinem Großvater kam , fragte er sie : › Schaukeln wir morgen ? ‹ , und die kleine Barbara wurde wieder ganz vergnügt . – › Er ist ja ein alter Kindernarr , Er ! ‹ sagte der Urgroßvater ; aber eigentlich war er selbst recht unvernünftig in sein kleines Mädchen verliebt . Am andern Tage gegen Abend reiste dein Großvater fort . Dann gingen acht Jahre hin . Die kleine Barbara stand oft zur Winterzeit an der Glastür und hauchte die gefrornen Scheiben an ; dann sah sie durch das Guckloch in den beschneiten Garten hinab und dachte an den schönen Sommer , an die glänzenden Blätter und an den warmen Sonnenschein , an den Iritsch , der immer in den Spalieren nistete , und wie einmal die reifen Aprikosen zur Erde gerollt waren , und dann dachte sie an einen Sommertag und zuletzt immer nur an diesen einen Sommertag , wenn sie an den Sommer dachte . – So gingen die Jahre hin ; die kleine Barbara war nun doppelt so alt und eigentlich gar nicht mehr die kleine Barbara ; aber der eine Sommertag stand noch immer als ein heller Punkt in ihrer Erinnerung . – Dann war er endlich eines Tages wirklich wieder da . « » Wer ? « fragte lächelnd der Enkel , » der Sommertag ? « » Ja « , sagte die Großmutter , » ja , dein Großvater . Es war ein rechter Sommertag . « » Und dann ? « fragte er wieder . » Dann « , sagte die Großmutter , » gab es ein Brautpaar , und die kleine Barbara wurde deine Großmutter , wie sie hier unter euch sitzt und die alten Geschichten erzählt . – Soweit war ' s aber noch nicht . Erst gab es eine Hochzeit , und dazu ließ dein Urgroßvater den Saal bauen . Mit dem Garten und den Blumen war ' s nun wohl vorbei ; es hatte aber nicht Not , er bekam bald lebendige Blumen zur Unterhaltung in seinen Mittagsstunden . Als der Saal fertig war , wurde die Hochzeit gehalten . Es war eine lustige Hochzeit , und die Gäste sprachen noch lange nachher davon . – Ihr , die ihr hier sitzt und die ihr jetzt allenthalben dabei sein müßt , ihr waret freilich nicht dabei ; aber eure Väter und Großväter , eure Mütter und Großmütter , und das waren auch Leute , die ein Wort mitzusprechen wußten . Es war damals freilich noch eine stille , bescheidene Zeit ; wir wollten noch nicht alles besser wissen , als die Majestäten und ihre Minister ; und wer seine Nase in die Politik steckte , den hießen wir einen Kannegießer , und war ' s ein Schuster , so ließ man die Stiefeln bei seinem Nachbar machen . Die Dienstmädchen hießen noch alle Trine und Stine , und jeder trug den Rock nach seinem Stande . Jetzt tragt ihr sogar Schnurrbärte wie Junker und Kavaliere . Was wollt ihr denn ? Wollt ihr alle mitregieren ? « » Ja , Großmutter « , sagte der Enkel . » Und der Adel und die hohen Herrschaften , die doch dazu geboren sind , was soll aus denen werden ? « » Oh – – Adel – – « sagte die junge Mutter , und sah mit stolzen liebevollen Augen zu ihrem Mann hinauf . Der lächelte und sagte : » Streichen , Großmutter ; oder wir werden alle Freiherrn , ganz Deutschland mit Mann und Maus . Sonst seh ich keinen Rat . « Die Großmutter erwiderte nichts darauf ; sie sagte nur : » Auf meiner Hochzeit wurde nichts von Staatsgeschichten geredet ; die Unterhaltung ging ihren ebenen Tritt , und wir waren ebenso vergnügt dabei als ihr in euren neumodischen Gesellschaften . Bei Tische wurden spaßhafte Rätsel aufgegeben und Leberreime gemacht , beim Dessert wurde gesungen : › Gesundheit , Herr Nachbar , das Gläschen ist leer ! ‹ und alle die andern hübschen Lieder , die nun vergessen sind ; dein Großvater mit seiner hellen Tenorstimme war immer herauszuhören . – Die Menschen waren damals noch höflicher gegeneinander ; das Disputieren und Schreien galt in einer feinen Gesellschaft für sehr unziemlich . – Nun , das ist alles anders geworden ; – aber dein Großvater war ein sanfter friedlicher Mann . Er ist schon lange nicht mehr auf dieser Welt ; er ist mir weit vorausgegangen ; es wird wohl Zeit , daß ich nachkomme . « Die Großmutter schwieg einen Augenblick , und es sprach niemand . Nur ihre Hände fühlte sie ergriffen ; sie wollten sie alle noch behalten . Ein friedliches Lächeln glitt über das alte liebe Gesicht ; dann sah sie auf ihren Enkel und sagte : » Hier im Saal stand auch seine Leiche ; du warst damals erst sechs Jahre alt und standest am Sarg zu weinen . Dein Vater war ein strenger rücksichtsloser Mann . › Heule nicht Junge ‹ , sagte er und hob dich auf den Arm . › Sieh her , so sieht ein braver Mann aus , wenn er gestorben ist . ‹ Dann wischte er sich heimlich selbst eine Träne vom Gesicht . Er hatte immer eine große Verehrung für deinen Großvater gehabt . Jetzt sind sie alle hinüber ; – und heute hab ich hier im Saal meine Urenkelin aus der Taufe gehoben , und ihr habt ihr den Namen eurer alten Großmutter gegeben . Möge der liebe Gott sie ebenso glücklich und zufrieden zu meinen Tagen kommen lassen ! « Die junge Mutter fiel vor der Großmutter auf die Knie und küßte ihre feinen Hände . Der Enkel sagte : » Großmutter , wir wollen den alten Saal ganz umreißen und wieder einen Ziergarten pflanzen ; die kleine Barbara ist auch wieder da . Die Frauen sagen ja , sie ist dein Ebenbild ; sie soll wieder in der Schaukel sitzen , und die Sonne soll wieder auf goldene Kinderlocken scheinen ; vielleicht kommt dann auch eines Sommernachmittags der Großvater wieder die kleine chinesische Treppe herab , vielleicht – – « Die Großmutter lächelte : » Du bist ein Phantast « , sagte sie ; » dein Großvater war es auch . «