Theodor Storm Im Brauerhause Es war in einem angesehenen Bürgerhause , wo wir am Abendteetisch in vertrautem Kreise beisammensaßen . Unsere Wirtin , eine Fünfzigerin von frischem Wesen , mit einem Anflug heiterer Derbheit , stammte nicht aus einer hiesigen Familie ; sie war in ihrer Jugend als wirtschaftliche Stütze in das elterliche Haus ihres jetzigen Mannes , unseres trefflichen Wirtes , gekommen und hatte in solchem Verhältnis dort gelebt , bis der einzige Sohn so glücklich gewesen war , sie als seine Ehefrau bleibend festzuhalten . Das Vertrauen , womit des Bräutigams Mutter gleich nach der Hochzeit der Jüngeren ihren eigenen Platz im Hause einräumte , hatte diese nun schon manches Jahr über das Leben ihrer beiden Schwiegereltern hinaus gerechtfertigt . Bei ihrem jetzt den Siebzigern nahen Ehemann selber begann schon das Greisenalter seine leise Spur zu ziehen ; aber wo ihm eine Kraft versagte , da suchte sie unbemerkt die ihre einzusetzen ; wo ihrerseits eine Entsagung nötig oder auch nur erwünscht schien , da blickte sie nur mit um so freundlicheren Augen auf ihren Mann und blieb bei ihm allein , wenn andere dem Vergnügen nachgingen . Der alte Herr selber war nicht von vielen Worten ; aber die ruhige Sicherheit einer gegenseitig bewährten Liebe war in diesem Hause allen fühlbar , und alle fühlten sich dort wohl . Am heutigen Abend jedoch wollte das gewohnte Gespräch , worin man sich sonst über Stadt- und Landesangelegenheiten mit Behaglichkeit erging , noch immer nicht in rechten Fluß geraten ; denn in einer unserer Nachbarstädte war früh am Morgen etwas Ausnahmsweises und Entsetzliches , es war die Hinrichtung eines Raubmörders dort vollzogen worden , und die Luft schien mit diesem Unterhaltungsstoffe so erfüllt , daß kaum etwas anderes daneben zur Geltung kommen konnte . Hier war nun überdies noch ein abergläubischer Unfug im Gefolge der Exekution gewesen ; ein Epileptischer hatte von dem noch rauchenden Blute des Justifizierten trinken und dann zwischen zwei kräftigen Männern laufen müssen , bis er plötzlich , von seinen Krämpfen befallen , zu Boden gestürzt war . Dennoch galt dies Verfahren als ein untrügliches Heilmittel seiner Krankheit . Und noch zu anderen Kuren und sympathetischen Wundern sollten Haare , Blut und Fetzen von der Kleidung des Hingerichteten unter die Leute gekommen sein . An unserem Teetisch erhob sich darüber ein lebhaftes Durcheinanderreden ; all diese Dinge wurden gleichzeitig als unzulässig und strafbar , als verabscheuungswürdig und als lächerlich bezeichnet . Nur unsere verehrte , sonst so teilnehmende Wirtin saß plötzlich so still und in sich versunken , daß endlich alle es bemerken mußten . Als wir sie eben darauf ansahen , rief ihre älteste Tochter zu ihr hinüber : » Mutter , du denkst gewiß an Peter Liekdoorns Finger ! « » Ja , ja , Peter Liekdoorn ! « sagte nun auch der alte Herr ; » das ist eine Geschichte ! Erzähl sie nur , Mutter , deine Gedanken kommen sonst ja doch nicht davon los , und zu verschweigen ist ja nichts dabei ! « » Nein , mein Vater « , sagte die alte Dame ; » es ist ja einstens auch genug davon geredet worden . « Dann sah sie uns alle der Reihe nach mit ihren freundlichen Augen an , und als auch wir dann baten , begann sie in ihrer mitteilsamen Weise : » Mein seliger Vater hatte , wie das Ihnen allen wohl bekannt ist , eine Brauerei ; keine bayerische , wie sie heutzutage sind ; es wurde nur Gutbier und Dünnbier gebraut ; aber beides war gut für den Durst und nicht so gallenbitter wie das jetzige , das nicht einmal zu einer Biersuppe zu gebrauchen ist . « Wir lachten , und sie lachte herzlich mit uns . » Das Geschäft « , fuhr sie dann fort , » war noch von Großvaters Zeiten her und lange das einzige am Ort gewesen ; im Jahre meiner Konfirmation aber wurde von einem reichen Bäcker noch ein zweites etabliert . Wenn man hinten aus unserem Brauhaus auf den Weg hinaustrat , konnte man am Nordende der Stadt das neue rote Dach über den Gartenbäumen scheinen sehen ; und ich glaube freilich nicht , daß mein Vater , und noch viel weniger , daß unser alter Brauknecht Lorenz es eben mit Vergnügen sah ; aber unser Bier hatte doch seinen alten Ruf , und die Kundschaft blieb groß genug , daß wir alle satt hatten und mein Vater jedem zahlen konnte , was er schuldig war . Da , nicht lange nachher , geschah es , daß auch bei uns ein ganz abscheulicher Kerl hingerichtet wurde . Wie er eigentlich hieß , weiß ich nicht einmal ; aber die Leute nannten ihn › Peter Liekdoorn ‹ ; denn er hatte nichts gelernt und suchte sich deshalb als Hühneraugen-Operateur durchzuhelfen . Nun , ich hätte den Kerl nicht an meinen Hühneraugen haben mögen ! – Da er viel Branntwein trank und wenig in der Tasche hatte , so brachte er seine eigene fast neunzigjährige Tante ums Leben , von der er wußte , daß sie einen Strumpfsocken mit Banktalern in ihrem Bettstroh aufbewahrte ; aber bevor er noch einen davon ins Wirtshaus tragen konnte , so hatten sie ihn schon fest und auf der Fronerei ; und endlich war denn auch sein Prozeß zu Ende ; er sollte draußen auf dem Galgenberg enthauptet und dann sein Körper auf das Rad geflochten werden . Und das war wohlverdient ; denn die alte Tante hatte den Bengel , der eine Waise war , vor Jahren mit Not und Hunger aufgezogen , und die Banktaler hatte sie sich zum ehrlichen Begräbnis aufgespart . Wie ich schon sagte , hatten wir derzeit noch unseren alten Brauknecht Lorenz , der wie das Geschäft selbst auch noch von meinem Großvater stammte ; eine treue , fromme Seele ! Über sein Wandbett hatte er sich mit Kreide den halb plattdeutschen Spruch geschrieben : Lorenz Hansen is mein Nam ; Gott hilf , daß ich in ' n Himmel kam ! Und sooft auch die Magd ihn am Sonnabend mit der Seifenbürste wegwusch , er malte ihn am Sonntag immer geduldig wieder hin . Uns Kindern , wenn wir abends in der Brauerei am großen Steinbottich bei ihm saßen , wußte er Geschichten zu erzählen , daß wir zuletzt vor Gruseln ihm alle auf den Schoß gekrochen waren , und wie das heutzutage kein Mensch mehr so versteht . Das war nun gut ; aber warum er solche Geschichten so erzählen konnte , das war nun nicht so gut ! Er glaubte nämlich selber an all das dumme Zeug , womit er uns traktierte . Am Paaschabend , wenn er sein Dutzend Ostereier ausgelöffelt hatte , schlug er sorgsam alle Schalen entzwei ; sonst , sagte er , könnten die Hexen darin nisten ; beim Bierbrauen legte er allemal ein Kreuz von Holz über den Gärkübel , so konnte keiner den Gest ( Hefe ) rauben , und das Bier konnte nicht verrufen werden . Meiner Mutter , die uns auch oft beim Geschichtenerzählen auseinanderjagte , war all so etwas in den Tod zuwider ; sie schalt ihn oft darüber und auch auf meinen Vater , daß er solche Narrenspossen unter seinem Dache leide . Aber unser Vater war eben , wie wir auf plattdeutsch sagen , ein › liedsamer ‹ , ein gelassener Mann ; er strich schmunzelnd seiner kleinen lebhaften Frau mit der Hand übers Gesicht und sagte : › Mutter , laß mir den alten Lorenz ; so einen Brauknecht gibt es keinen zweiten ; er meint ' s gut , und es schadet keinem . ‹ Damit war meine kleine Mutter allemal fertig , zumal wenn sie noch einen Kuß dazubekam ; aber recht hatte er darum doch nicht ; denn dumm ist dumm , und es sollte niemand sagen , daß die Dummheit keinen Schaden tue . Als es nun so weit war , daß tags darauf der Mörder Peter Liekdoorn sich durch Hingabe seines irdischen Leibes mit seinem Gott versöhnen sollte , hatte unser Lorenz es sich von dem Bürgermeister und seinem Brotherrn ausgebeten , daß er dem armen Sünder in seiner letzten Nacht Gesellschaft leisten durfte ; denn sie waren Nachbarskinder gewesen , und in der Schule hatte Lorenz ihm oft die eine Hälfte von seinem Butterbrot gegeben , und Peter Liekdoorn hatte sich dann die andre noch dazugestohlen . Aber als nun der gute Lorenz mit ihm beten und seiner armen Seele beistehen wollte , trieb der schändliche Bösewicht nur Possen und Eulenspiegeleien . Herr Amtsrichter « – fuhr die Erzählerin fort , sich voll nachträglicher Entrüstung zu mir wendend – , » man mag es ja kaum erzählen ! › Juckst du noch ? ‹ hatte er zu seinem Kopf gesagt , indem er sich in seinen dünnen Haaren kratzte . › Und morgen sollst du schon herunter ! ‹ Der alte Lorenz hat das nie vergessen können . Der Richtplatz auf dem Galgenberg war so nahe bei der Stadt , daß man von unserem obersten Brauhausboden alles deutlich hätte mit ansehen können ; aber während die halbe Stadt hinausgezogen war , steckte ich in dem dunkelsten Verschlage unter der Bodentreppe ; denn ich hatte trotz meiner sechzehn Jahre die dumme Idee , daß ich es sonst überall im Hause hören müßte , wenn dem Bösewicht der Kopf herabgeschlagen würde . Erst als meine Mutter anklopfte und rief : › Es ist vorbei ; sie kommen alle schon zurück ! ‹ , kroch ich wieder an das Tageslicht . Ich hör es noch vor meinen Ohren , wie es in dicken Haufen draußen auf der Gasse vorbeizog , und ein Gemurmel und ein Summen als wie in einem Immenschwarm . Und das Gerede kam auch noch in Wochen nicht zur Ruh ; denn draußen auf dem Richtplatz hart an der Landstraße lag ja Peter Liekdoorns Körper auf das Rad geflochten . Wenn meine beiden jüngeren Geschwister aus der Schule kamen , warfen sie die Bücher hin und liefen auf den Brauhausboden ; dann kamen sie mit großen Augen wieder in die Stube ; bald hatte meine Schwester zwei Raben auf dem Rade sitzen sehen , bald hatte mein Bruder ganz deutlich wahrgenommen , wie der auf dem Pfahle steckende Kopf mit den dünnen Haaren vom Wind herumgekreiselt war , bis zuletzt mein guter Vater ein Schloß vor die Bodenluke legte und einen Trumpf darauf setzte , es solle von diesen abscheulichen Dingen fürderhin kein Wort im Hause mehr gesprochen werden . ‹ Die Erzählerin nahm ein Schlückchen aus ihrer Tasse und fuhr dann fort : » Nicht lange nachher saßen wir – ich weiß noch , es war an einem Sonntag – bei unserer Abendmahlzeit . Da es Reisbrei mit Kaneel und Zucker gab , so hatte ich auch noch unseren Nachbar Ivers dazuholen müssen , dessen Leibgericht das war . Wir hatten uns schon alle zu Tisch gesetzt ; auch Lorenz und die Magd ; allein mein Bruder fehlte noch . Mein Vater sah sich eben recht verdrießlich nach ihm um , als erst die Haustür und dann die Tür zur Stube aufgerissen wurde und der Junge mit einer Fahrt hereingestürzt kam . › Mein Gott , Christian ‹ , rief meine Mutter , › weshalb kommst du nicht zu rechter Zeit ? Du weißt doch , daß dein Vater das nicht leiden kann ! ‹ › Ja ‹ , sagte er , › aber die Jungens sind alle auf dem Markt zusammengelaufen ! ‹ – › Die Jungens ? Was haben die des Abends auf dem Markt zu tun ? ‹ › Nichts ‹ , sagte Christian ; › sie sprechen nur miteinander . ‹ › Nun , so sprich du auch jetzt ! ‹ sagte mein Vater . › Laß ihn reden , Mutter ! ‹ Aber der Junge schwieg und sah seinem Vater starr ins Angesicht . › Christian , so sprich doch , Christian ! ‹ rief meine Mutter . › Ich darf ja nicht ‹ , entgegnete er ; › Vater hat ja gesagt , er wolle von dem dummen Zeug nun nichts mehr hören . ‹ › Nachbar ‹ , sagte der alte Ivers , der ein Junggeselle und sehr neugierig war , › so lassen Sie den Jungen doch seine Geschichte von sich tun ! ‹ Mein Vater klopfte den Alten mit seinem schelmischen Lachen auf die Schulter . › Nun , Christian , so schieß denn los ; du sollst doch Nachbar Ivers nicht die Nachtruh vorenthalten ! ‹ › Ja ‹ , sagte der Junge ; aber er sah sich erst mal um , ob doch auch alle andern hörten ; › es ist ganz gewiß , sie haben Peter Liekdoorn seinen einen Finger weggestohlen ! ‹ – › Wer hat euch das gesagt ? ‹ › Das hat Ratsdieners Ferdinand uns selbst erzählt . ‹ › Ei was ! Der Fuchs wird ihn geholt haben ‹ , sagte mein Vater ; › wer sollte denn dergleichen stehlen ! ‹ – › Nein , nein , Vater ; das Rad ist viel zu hoch , da können die Füchse nicht daran ! ‹ Der alte Ivers hatte schweigend zugehört . › Sag mir einmal , mein Jüngelchen ‹ , begann er jetzt , › was ist ' s denn eigentlich für ein Finger ? ‹ – › Wie meinst du das , Nachbar Ivers ? ‹ › Nun , ich meine , ist ' s der kleine Finger oder der Goldfinger oder – ‹ › Nein , nein ; es ist der Daumen ! ‹ unterbrach ihn Christian ; › ich weiß aber nicht , von welcher Hand . ‹ › So ‹ , sagte Ivers , › der Daumen ! Das hatte ich mir gedacht . Er braucht eigentlich nur von einem Dieb zu sein ; aber besser ist gewißlich immer besser ; nein , den Daumen hat sich nicht der Fuchs geholt , den können ganz andere Leute noch gebrauchen ! Da fragt nur Euren Lorenz , wenn Ihr ' s nicht selber wißt ! ‹ Aber Lorenz sah auf seinen Teller und aß schweigsam seinen Reisbrei . › So erzählt es doch nur , Nachbar ! ‹ sagte meine Mutter , denn sie wollte nicht , daß er den alten Lorenz necken sollte . › Kann leicht geschehen , Frau Nachbarn ‹ , erwiderte er ; › aber wißt Ihr das denn nicht ? Wer solch einen Finger unter seinem Drümpel eingegraben hat , dem strömt die Kundschaft in das Haus hinein ! – Nun ‹ , setzte er gutmütig hinzu , › hier , Gott sei Dank , sind solche Künste nicht vonnöten ! ‹ › Das walte Gott ! ‹ sprach meine Mutter leise und klopfte unter den Tisch , um die üble Berufung abzuwenden . Denn solche Dinge zählte sie nicht zum Aberglauben , und sie konnte ganz böse werden , wenn man ihr dawider stritt ; dagegen wußte sie wohl , daß das großväterliche Vermögen in viele Teile gegangen und die Brauerei derzeit mit schweren Schulden von ihrem Manne übernommen war . Mein Vater war ganz ernst geworden . › Setz dich , Christian ‹ , sagte er zu dem Jungen , der noch immer auf der Diele herumstand , › und mach , daß du mit deinem Reisbrei fertig wirst ! ‹ Ich weiß noch wohl , unsere Mahlzeit ging ganz still zu Ende . « Nachdem auf Befragen einer mitteldeutschen Anverwandten noch erklärt war , daß unter dem plattdeutschen Worte » Drümpel « eine Türschwelle zu verstehen sei , begann die Erzählerin wieder : » Man hätte glauben sollen , daß wir nun endlich mit Peter Liekdoorn fertig gewesen wären ; aber , leider Gottes , das alles war nur erst der Anfang . Es war im Juli und ungewöhnlich heiß ; die Ernte hatte schon begonnen . Von den umliegenden Dörfern kam ein Wagen nach dem andern hinten vor unserem Brauhaus angefahren , um Gut- und Dünnbier für Herrschaft und Leute abzuholen , und nicht nur viertel und halbe , sondern fast immer ganze Tonnen wurden aufgeladen . Mein Vater und unser alter Lorenz arbeiteten in hellem Schweiße , aber mit vergnügten Angesichtern . In unserer hohen kühlen Außendiele , unter dem Fenster , lagen zwei Fässer für den Hausverkauf ; ich habe manches Maß voll da herausgezapft , denn seit meiner Konfirmation hatte ich das zu besorgen . Aber jetzt ließ es mich in Wahrheit kaum zu Atem kommen ; ich merkte wohl , auch die Leute in der Stadt hatten bei der grausamen Hitze einen schönen Durst ; Kopf an Kopf stand es oft um mich herum , und mit all den Krügen und Kannen , die sie gegen mich streckten , trieben sie mich eines Tages so in die Enge , daß ich erst auf einen Tritt und dann oben auf die Fensterbank mich retirieren und von dort aus eine ordentliche Rede halten mußte , bevor ich nur wieder zu meinem Faß hinunter konnte . « Die Erzählerin sah uns an und nickte . » Ja « , sagte sie , » es mag wunderlich ausgesehen haben ; aber ich war damals auch noch eine flinke , leichte Dirne ! Und was war das für eine Freude , wenn ich so mittags und abends zwei schwere blanke Hände voll vor meinem Vater auf den Tisch schütten konnte ! Ich weiß noch , morgens , bevor die Zeit herangekommen war , wie ich in der Stube am Fenster stand und es nicht erwarten konnte , bis ich den ersten mit Krug oder Blechgemäß unserm Haus zusteuern sah . So stand ich auch eines Vormittags und konnte nicht begreifen , daß das lustige Geldeinnehmen noch immer nicht in Gang kommen wollte ; denn es war schon über zehn , und im Flur draußen von unserer Hausuhr schlug es erst ein Viertel , dann halb ; aber es kam noch immer niemand . Endlich ging ich hinaus und vor die Haustür ; da kamen zwei arme Kinder mit ihren kleinen Töpfen , dann hintereinander noch ein paar andere Leute von dem äußersten Ende der Stadt , und als ich die abgefertigt hatte , schlug die Uhr zu meinem großen Schrecken elf ; denn ich wußte nun , daß die Verkaufszeit für diesen Vormittag so gut als wie vorüber sei . Ich hatte endlich nur ein paar armselige Schillinge , die ich mittags vor meinem Vater hinlegen konnte . › Was ist das , Nane ? ‹ sagte er . › Weshalb gibst du mir nicht alles ? ‹ › Das ist alles , Vater . ‹ – › Alles ? Das ist ja sonderbar . ‹ Weiter sagte er nichts . Aber auch am Nachmittage und den zweiten und die folgenden Tage blieb es ebenso ; ja selbst die Wagen von den Dörfern kamen immer weniger , und aus einem großen Dorfe , wo wir sonst die beste Kundschaft hatten , blieben sie völlig weg . › Lorenz ‹ , hörte ich einmal , da ich über den Hof ging , unsern Vater fragen , › wann hat Marx Sievers zum letzten Mal geholt ? ‹ › Ich denke , Herr , die andre Woche geht eben heut zu Ende . ‹ › Bei der grausamen Hitze ? – Lorenz ‹ , und an meines Vaters Stimme hörte ich , wie er voll Angst und Sorge war ; › was ist passiert , Lorenz ? Wir haben nimmer besser Bier gehabt ! ‹ › Weiß nicht , Herr ! ‹ erwiderte der Alte düster . Ich mochte nicht stehenbleiben und hören , was sie weiter sprachen ; aber ich wußte wohl , Marx Sievers war der größte Bauer in jenem Dorfe , und wie jetzt , in der Ernte , pflegte sein Fuhrwerk sonst fast jeden dritten Tag zu kommen . In der nächsten Zeit wurden die Darre und die Braupfannen auf das sorgfältigste nachgesehen und gereinigt ; mein Vater untersuchte jeden Sack mit Hopfen , ob auch irgendwo eine Verstockung sich eingenistet habe ; aber er kam stets kopfschüttelnd von solchem Tun zurück ; es war nichts zu finden , was nicht in der Ordnung war . Wir gingen alle wie verstört umher ; denn jeder wußte , die Erntezeit sollte den Hauptverdienst des ganzen Jahres bringen ; und die paar guten Tage , die so schnell vorübergegangen waren , konnten dabei nichts verschlagen . Bei den Mahlzeiten wurde jetzt kein Wort gesprochen , die Augen unserer Mutter gingen angstvoll nach ihres Mannes Angesicht , während sie uns schweigend zuteilte . Der alte Lorenz aber war plötzlich ein ganz wunderlicher träger Mensch geworden ; nicht , weil er keine Geschichten mehr erzählte , denn wer hätte Lust gehabt , die jetzt zu hören ! Sogar die Kinder nicht ! Aber , was nimmer noch passiert war , zu zweien Malen , als ich ihn zum Mittagessen rufen wollte , fand ich ihn bei hellichtem Tage hinter einem Braufaß eingeschlafen . Und da ich ihn weckte , sagte er nur : › Danke , Nane , danke ! ‹ Als ob das ganz so in der Ordnung wäre . Mir aber war das ganz unheimlich , denn der alte Lorenz war ja fast die halbe Brauerei . Da , eines Sonntagmorgens , kam mein Bruder Christian wieder einmal mit solcher Fahrt hereingestürzt , wie er es allemal tat , wenn er was Besonderes zu verkünden hatte . Aber , Gott bewahre , wie sah der Junge in seinen Sonntagskleidern aus ! Das ganze Gesicht voll Blut ; das eine Auge dick verschwollen ! › Wo kommst du her ? ‹ rief mein Vater . › Bist du in dem Krieg gewesen ? ‹ › Nein ‹ , sagte der Junge ; › wir haben uns nur geprügelt . ‹ › Schon wieder einmal ? Und das am heiligen Sonntag ? Was ist denn heute wieder los gewesen ? ‹ › Ja , Vater ‹ , sagte Christian und wischte sich erst mit dem Ärmel das Blut von seiner Backe ; › sie haben schon mehrmals so gelogen , ich hab es euch nur nicht erzählen mögen ; die Jungens sagen , Peter Liekdoorns Finger ist in unserm Bier gewesen ! ‹ Meine Mutter schrie laut auf ; mein Vater war nur totenbleich geworden . › Darum also ! ‹ sagte er leise . In diesem Augenblick wurde angeklopft , und Nachbar Ivers trat herein , der lang nicht dagewesen war . › Nun , Ivers ! ‹ sagte mein Vater , › kommt Ihr auch einmal ? Ihr wagt ' s ja auch nicht mehr , von unserem Bier zu trinken ! ‹ › Hm ! ‹ machte der Alte und sah meinen Vater mit seinen klugen Augen an . › Aber um Christi willen , was ist mit dem Jungen da passiert ! ‹ – › Ja , was ist mit ihm passiert ! Erzähl ' s nur selber , Christian , warum du dich geschlagen hast . ‹ › Ja , Nachbar Ivers ‹ , sagte Christian , › die Jungens sagen alle , Peter Liekdoorns Finger ist in unserem Bier gewesen ! ‹ – › Hm – so , mein Jüngelchen ! Und da hast du mit allen dich deshalb geschlagen ? ‹ › Nein , nicht mit allen ; nur mit ein Stücker viere , aber tüchtig ! ‹ Der Alte sah ihm in sein verschwollenes Angesicht und nickte . › Aber es nützt nur nicht viel , Christian , und wenn du es auch mit allen fertiggebracht hättest . – Nachbar Ohrtmann ‹ , wandte er sich dann zu meinem Vater , › ich komme just um dessen willen zu Euch ; ich möcht Euch raten , nehmt Eueren alten Lorenz einmal tüchtig ins Gebet ! Ihr wisset wohl nicht , weshalb er mit seinem alten Kameraden durchaus die Henkersnacht hat teilen wollen ? ‹ › Ei freilich ! ‹ rief meine Mutter ; › er hat ihm für die gestohlenen Butterbröte die himmlische Wegzehrung wollen bereiten helfen ! ‹ › Das nebenbei , Frau Nachbarn ‹ , sagte Ivers , › vor allem aber hat er ihm noch bei lebendigem Leibe seinen Daumen abgekauft ; die alten Weiber in der Stadt erzählen sich das ganz genau . ‹ › Habt Ihr nichts anderes zu berichten , Ivers , als dies dumme Zeug ? ‹ frug mein Vater . › Nein , Nachbar Ohrtmann ; aber vergesset nicht , den Alten quält die neue Brauerei , wenn sich das Bier mit Eurem gleich nicht messen kann ; und dann – der Finger war ja hinterher auch ohne Kauf zu haben ! Nach der Hexenweisheit war es zwar genug , ihn unterm Drümpel einzugraben , aber besser ist gewißlich immer besser ; und so wird er denn gleich in den Braukessel selbst hineingekommen sein . ‹ Mein Vater schüttelte den Kopf . › Ihr wollt mich doch nicht glauben machen , daß unser alter Lorenz sich den Finger von dem Hochgericht geholt habe ? ‹ › Das will ich allerdings , Nachbar ! Wißt Ihr , beim Reisbrei damals , als er nicht Antwort geben wollte , da ich von der Sache anfing ? ‹ › Ei , Ivers ; Lorenz ist nicht gewöhnt , an seiner Herrschaft Tische mitzureden ; und überdies , er fühlte wohl , daß Ihr ihn necken wolltet . ‹ › Mag sein ‹ , versetzte Ivers ; › aber was hat er bei nachtschlafender Zeit da draußen an dem Galgenberg herumzukriechen ? ‹ › Was sagt Ihr , Nachbar ? ‹ rief meine Mutter . › Ich sag nur ‹ , erwiderte er , › was die Hebamme Clasen mir selbst erzählt hat ; vorgestern nach Mitternacht , als sie dort vorbeigefahren , hat sie etwas von oben den Galgenberg hinunterlaufen sehen , und da sie ihre Laterne , die sie bei sich hatte , darauf hingewandt hat , ist die Gestalt in einen Busch gesprungen ; aber an den großen blanken Knöpfen auf der Jacke , die sonst kein Mensch hier trägt , hat sie genug erkennen können , wer der Mann gewesen ist . Und auch noch andere wollen ihn dort des Nachts gesehen haben . ‹ Ich war sehr erschrocken , als der Nachbar das erzählte ; denn ich sah , was ich keinem verraten hatte , den alten Lorenz wieder bei hellem Tage zwischen seinen Fässern schlafen . › Aber Ivers ‹ , sagte mein Vater ; › das Unheil , wenn denn Lorenz es sollte angestiftet haben , war ja schon geschehen ; was konnte er jetzt noch auf der Richtstatt suchen wollen ! ‹ › Nun , Nachbar ‹ , – und der alte Junggesell steckte sein Schalksgesicht auf , was er mitunter bei den traurigsten Geschichten nicht unterlassen konnte – , › Peter Liekdoorn hat doch jedenfalls noch einen Daumen mehr gehabt ; vielleicht sollte der nun unter den Drümpel , da der andere so sichtlich den verkehrten Weg gegangen war ! Aber er ist nur nicht so leicht zu haben ; denn auf dem Rade soll bei Nachtzeit etwas sitzen , das einen Christenmenschen nicht heranläßt ! ‹ Mein Bruder Christian blinkte mich aus seinen dicken Augen an . › Wärst du bang , Nane ? ‹ blies er mir durch die hohle Hand ins Ohr . › Ich nicht ! ‹ Unser Vater hatte am Tisch gesessen , den Kopf schwer auf seinen Arm gestützt . Nun stand er auf und sagte : › Der Spaß will diesmal nichts verschlagen , Nachbar Ivers . Aber , wenn Ihr ' s nicht ungut nehmen wollt , so lasset uns jetzt allein ; denn ich möchte gleich jetzt mit meinem Lorenz reden ! ‹ An dem sauersüßen Gesicht , das der alte Junggeselle machte , sah man wohl , wie bitterlich gern er dageblieben wäre ; aber er verabschiedete sich denn doch mit guter Manier , und gleich darauf wurde ich ins Brauhaus geschickt , um unseren alten Knecht hereinzurufen . › Lorenz ‹ , sagte mein Vater , als wir zusammen in die Stube getreten waren , › du siehst uns hier alle ratlos beieinandersitzen ; der Finger des Mörders soll in unserem Bier gefunden sein ! ‹ Der Alte fuhr sichtlich zusammen . › Herr ‹ , sagte er traurig , › so wissen Sie das auch schon ? ‹ › Ich habe es eben erst erfahren ; aber du , wenn du es wußtest , weshalb hast du es mir verschwiegen ? ‹ › Ja , Herr , ich seh nun wohl , daß ich zu dumm gewesen bin ; ich dachte mir , ich wollte es allein herausbekommen . ‹ › Aber man meint , du selber wärst es , der sich den Finger geholt hat ; du hättest , um die Kundschaft unserm Hause zu bewahren , eine Sympathie damit gemacht ! ‹ Als mein Vater das gesprochen hatte , stand der alte Lorenz auf einmal wie ein Soldat , beide Arme glatt am Leib herunter . › Herr ! ‹ rief er , › alles für meine Herrschaft ; aber wir sollen Gott fürchten und lieben , auf daß wir bei seinem Namen nicht zaubern , lügen oder trügen ! So etwas ist keine Sympathie ; das tun nur Menschen ohne Christentum und mit Hülfe dessen , den ich hier nicht nennen will ! ‹ › Nun , Lorenz , dann ist es ja gewißlich nicht deine Sache ; aber man will dich mehrmals in der Nacht am Galgenberg gesehen haben ! ‹ › Ja , Herr , das ist es eben , und es war dunkel genug ; aber die alte Hebamme kutschierte da vorbei , mit ihrer großen Leuchte in der Hand ! ‹ › Um Christi willen ! ‹ rief meine Mutter ; › so ist Er wirklich da gewesen ? ‹ › Die Frau soll nicht erschrecken ‹ ,