Theodor Storm Eine Halligfahrt Einst waren große Eichenwälder an unserer Küste , und so dicht standen in ihnen die Bäume , daß ein Eichhörnchen meilenweit von Ast zu Ast springen konnte , ohne den Boden zu berühren . Es wird erzählt , daß bei Hochzeiten , welche durch den Wald zogen , die Braut ihre Krone habe vom Haupte nehmen müssen ; so tief hing das Gezweig herab . In den Tagen des Hochsommers war unablässige Schattenkühle unter diesen Waldesdomen , die damals noch der Eber und der Luchs durchstreiften , indessen oben , nur von den Augen der revierenden Falken gesehen , ein Meer von Sonnenschein auf ihren Wipfeln flutete . Aber diese Wälder sind längst gefallen ; nur mitunter gräbt man aus schwarzen Moorgründen oder aus dem Schlamm der Watten noch eine versteinte Wurzel , die uns Nachlebende ahnen läßt , wie mächtig einst im Kampfe mit den Nordweststürmen jene Laubkronen müssen gerauscht haben . Wenn wir jetzt auf unseren Deichen stehen , so blicken wir in die baumlose Ebene wie in eine Ewigkeit ; und mit Recht sagte jene Halligbewohnerin , die von ihrem kleinen Eiland zum erstenmal hieher kam : » Mein Gott , was is de Welt doch grot ; un et gifft ok noch en Holland ! « Und wie erquicklich die Luft auf diesen Deichen weht ! Ich komme eben heim ; wo hätte ich besser den Sonntagmorgen feiern können ! Schon hatte unten in den Kögen der erste warme Frühlingsregen die unabsehbaren Wiesenlandschaften grün gemacht ; schon weideten wieder die unzähligen Rinder auf der Rasendecke , in welcher die Wassergräben zwischen den einzelnen Fennen wie Silberstreifen in der Morgensonne funkelten . Von hüben und drüben , abwechselnd und sich antwortend , in unendlicher Abtönung , erhob sich Gebrüll und klang weit über die Ebene hinaus . Und wie lebendig die Stare waren , diese geflügelten Freunde der Rinder ! In lärmendem Zuge kamen sie vom Kooge herauf , schwenkten vor mir hin und wider und fielen dann in dichtem Schwarm auf die Krone des Deiches nieder , um gleich darauf , hurtig um sich pickend , seewärts an der Böschung hinabzuspazieren . Aber unten entlang dem Strome , der von der Stadt ins Meer hinausführt , schimmerte einladend die neue Strohbestickung , womit zum Schutze gegen die nagende Flut der Saum des Strandes überzogen war . – Wie anmutig es sich auf diesem sauberen Teppich wandelte ! – Es war noch in der Morgenfrühe ; das traumhafte Gefühl der Jugend überkam mich wieder , als müsse dieser Tag was unaussprechlich Holdes mir entgegenbringen ; kommt doch für jeden die Zeit , wo auch die Gespenster des Glückes noch willkommen sind . – Und siehe ! – während das Wasser weich , fast lautlos zu meinen Füßen anspülte , plötzlich mit leichten unhörbaren Schritten ging die Erinnerung neben mir . Sie kam weit her aus der Vergangenheit ; aber ihr Haar , das sie kurz in freien Locken trug , war noch so blond wie einst . – Es war deine Gestalt , Susanne , in der sie mir erschien ; ich sah wieder dein junges , festumrissenes Gesichtchen , die kleine Hand , die lebhaft in die Ferne zeigte – wie deutlich sah ich es ! Auf einem solchen Teppich an eben diesem Strande schritten wir auch damals nebeneinander . Deine geöffneten Lippen tranken die feuchte erquickende Luft ; mitunter , wenn der weiche Südost aufwehte , griff deine Hand nach dem blauen Schleier und legte ihn zurück über das winzige Sommerhütchen . Dann warst du stehengeblieben und horchtest nach oben hinauf ; deine jungen neugierigen Augen forschten in der durchsichtigen Luft . » Ich sehe nur eine einzige ! « riefst du ; » dort steigt sie eben in den Himmel ! « Und jetzt vernahm auch ich es ; so weit man horchen mochte , zur Höhe wie in die Ferne , der ganze Luftraum schien ein einziges unablässiges Lerchensingen . Die kleinen Sänger selbst aber entschwanden unseren Augen in der blendenden Fülle des Lichtes , das ihn durchströmte . – Und schweigend gingen wir weiter ; die Welt war so still und klar , und die Lerchen sangen immerfort ; was hätten wir auch reden sollen ! Doch wir waren nicht allein . Die Frau Geheimrätin , Susannens Mutter , ist mir nicht weniger unvergeßlich ; sie hatte an der Böschung des Deiches ihr Schnupftuch voll von Champignons gepflückt und wandelte nun wie lauter Erdgeruch an unserer Seite . Es war eine gar stattliche Dame , und selbst die kleinen Ungeheuer der Tiefe , die Seekrabben , schienen ihr den schuldigen Respekt nicht zu verweigern . Sie waren heraufgekrochen , saßen am Rande des Wassers auf der Strohdecke und sonnten sich und drehten ihre knopfartigen Augen ; wenn aber das Spiegelbild der Geheimrätin mit der ungeheueren lila Hutschleife über sie hinfiel , klappten sie grimmig mit den Scheren und schossen seitwärts in den Abgrund zurück . – – Nach einer Weile hatten wir ein kleines Schiff bestiegen ; » Die Wohlfahrt « hieß es ; der Name stand mit goldenen Buchstaben auf dem Spiegel eingegraben . Wir waren alle glücklich an Bord gelangt ; nur daß die alte Dame einen zierlichen Schrei ausstieß , als ihre Champignons , die sie den » lieben Schiffer « zu verwahren bat , so ohne Umstände in den offenen Schiffsraum hinabflogen . Und leise blähten sich die Segel und leise schwamm das Schiff ; man hörte das Wasser vorn am Kiele glucksen . Nach einer Stunde hatten wir die nachbarliche große Insel hinter uns und trieben nun auf der breiten Meeresflut . Eine Möwe schwebte über dem Wasser dicht an uns vorüber ; ich sah , wie ihre gelben Augen in die Tiefe bohrten . » Rungholt ! « rief der Schiffer , der eben das Segel umgelegt hatte . Die Geheimrätin , die – ich weiß nicht durch welche Künste – ihren Champignonbeutel wieder in der Hand trug , blickte nach allen Seiten um sich . » Ich sehe nur den uferlosen Ozean ! « sagte sie , indem sie ihr Augenglas einschlug und wieder in den Gürtel steckte . Der Schiffer , der mit beiden Armen über Bord lehnte , wandte sein wetterbraunes Gesicht der Dame zu ; aber nachdem er sie wie in mitleidiger Verachtung einige Sekunden gemustert hatte , starrte er wieder schweigend ins Meer hinaus . » Sie müssen dorthin blicken « , sagte ich , » wo nach Senek Ausspruch alle Erdendinge am sichersten verwahrt sind ! « » Und wo wäre das , mein Lieber ? « » In der Vergangenheit ; – in diesem sicheren Lande liegt auch Rungholt . Einst zu König Abels Zeiten , und auch später noch , stand es oben im Sonnenlichte mit seinen stattlichen Giebelhäusern , seinen Türmen und Mühlen . Auf allen Meeren schwammen die Schiffe von Rungholt und trugen die Schätze aller Weltteile in die Heimat ; wenn die Glocken zur Messe läuteten , füllten sich Markt und Straßen mit blonden Frauen und Mädchen , die in seidenen Gewändern in die Kirche rauschten ; zur Zeit der Äquinoctialstürme stiegen die Männer wenn sie von ihren Gelagen heim kehrten , vorerst noch einmal auf ihre hohen Deiche , hielten die Hände in den Taschen und riefen hohnlachend auf die anbrüllende See hinab : › Trotz nu , blanke Hans ! ‹ Aber das rotwangige Heidentum , das hier noch in uns allen spukt – « » Ich bitte doch , mich freundlich auszunehmen ! « schob die Geheimrätin mit etwas strammem Lächeln dazwischen . Ich verbeugte mich zustimmend . » Es bäumte sich noch einmal auf gegen den blassen aufgedrungenen Christengott ; die Männer von Rungholt – so wenigstens haben es die geistlichen Chronisten aufgeschrieben – beriefen eines Tages einen Priester und hießen ihn einer kranken Sau das Abendmahl geben . Da ergrimmte der Herr und ließ wie zu Noä Zeiten seine Wasser steigen ; und über die Deiche und Mühlen und Türme schwollen sie ; und Rungholt mit seinen blonden Frauen und seinen trotzigen Männern « – und ich wies mit dem Finger rückwärts , wo noch vom Kiel unseres Schiffes das Wasser in der Sonne strudelte – , » dort steht es unten , unsichtbar und verschollen auf dem Boden des Meeres . Nur zuzeiten bei hellem Wetter , wenn in der einsamen Mittagsstunde die Wimpel schlaff am Mast herunterhängen und die Schiffer in der Koje schnarchen , dann – wie die Leute sagen – › dühnt es auf ‹ . – Wer dann mit wachen Augen über Bord ins Wasser schaut , kann gewahren , wie Türme mit goldnen Gockelhähnen aus der grünen Dämmerung aufsteigen ; vielleicht mag er sogar die Dächer der alten Häuser erkennen , und wie zwischen dem Seetang der sie überstrickt hat , seltsam schwerfälliges Getier umherkriecht , oder zwischen den zackigen Giebeln in die Enge der Gassen hinabschauen , wo Muschelwerk und Bernstein die Tore der Häuser verbaut hat und der nie rastende Flut- und Ebbstrom mit den Schätzen versunkener Schiffe spielt . – Aber auch die Schiffer unter Deck erwachen und richten sich auf ; denn unter sich aus der Tiefe hören sie es läuten ; das sind die Glocken von Rungholt . « Susanne war indes herangetreten und hatte mit großen Augen zugehört ; aber sie bedurfte für diese Seegeschichte eines sachkundigeren Gewährsmannes . » Läuten sie wirklich , Schiffer ? « fragte sie . » Haben Sie es selbst gehört ? « Das klang so allerliebst , daß auch die Backen der alten Teerjacke sich zu einem Lächeln verzogen ; und er spie weit ins Meer hinaus , bevor er antwortete : » Ick hevt min Dag nich hört . « Und weiter fuhren wir über Rungholt . Aber trotz der kühlen Antwort des Schiffers blickte Susanne noch ein paarmal verstohlen über Bord ins Wasser ; begann doch auch jetzt die Mittagseinsamkeit sich brütend auf das Meer zu legen . Und als sie sich von mir ertappt sah , errötete sie nur leicht und lächelte ; denn meine Augen mochten es den ihren schon verraten haben , wie gern auch ich an Wunder glaubte . Vor uns in den Horizont trat jetzt ein grauer Punkt , der sich allmählich in die Breite streckte ; und endlich stieg ein grünes Eiland vor uns auf . Eine geflügelte Wache schien es zu umgeben ; so weit man an dem Strande entlang sehen konnte , wimmelte es in der Luft von großen weißen Vögeln , welche unablässig wie in stiller Geschäftigkeit durcheinander auf- und abstiegen . Stets in demselben Luftraume beharrend , glichen sie einem ungeheueren schwebenden Gürtel , der das ganze Eiland zu umschließen schien ; ihre ausgebreiteten mächtigen Flügel erschienen wie durchsichtiger Marmor gegen den sonnigen Mittagshimmel . – Das war fast wie in einem Märchen ; und dazu kam mir in den Sinn : mein Freund Aemil , ein leidenschaftlicher Regattenmann , als er in lauer Sommernacht in seinem Boote hier vorbeigetrieben war , wollte von dorther eine entzückende Musik vernommen haben . Der Mond über der stillen Insel gestanden , und während er nach langer Pause heimgerudert , sei in der Nacht und auf dem Meere kein anderer Laut gewesen als diese geisterhaften , allmählich hinter ihm verhallenden Töne . Aber es war dennoch keine Zauberinsel , sondern eine Hallig des alten Nordfrieslands , das vor einem halben Jahrtausend von der großen Flut in diese Inselbrocken zerrissen wurde ; die weißen Vögel waren Silbermöwen , welche dem Strande entlang über ihren Brutplätzen schwebten ; larus argentatus , von den Naturforschern längst registriert und in ihren Systemen untergebracht . Als wir bald darauf zu Wagen unter ihrem Ringe durchfuhren , sah ich deutlich über unseren Köpfen die funkelnden Augen und die starken vorn gebogenen Schnäbel . Dabei erklang in kurzen Pausen ein heiseres » Gack ! Gack ! « , ähnlich dem unserer Gänse , nur hastiger und wilder . Susanne drückte ängstlich den Kopf an ihre Mutter ; aber unser Fuhrmann klatschte lachend mit der Peitsche , und das luftige Gesindel stob gackernd nach allen Seiten auseinander . Und dort auf der hohen Werfte , inmitten der öden baumlosen Insel , lag das große Hallighaus mit dem tief hinabreichenden Strohdache , in welchem nun schon seit Jahren » der Vetter « , ein alter trefflicher Junggeselle , sich bei den schweigsamen Bewohnern eingemietet hatte . » Die Räder der Staatsmaschine « – so hatte er mir derzeit seine Übersiedelung angekündigt – » werden mir doch zu indiskret ; ich weiß , es gibt Leute , die davon entzückt sind ; mich anlangend , so kann ich ' s nicht ertragen , wenn sie mir fortwährend hinten in die Rockschöße haspeln . « – Und so war er denn mit seiner Bibliothek und seinen allerlei Sammlungen in diese Meereseinsamkeit gezogen , wo er sich seiner Meinung nach außer dem Bereich der verhaßten Maschine befand . Auf ihn auch war ohne Zweifel jene nächtliche Musik zurückzuführen ; denn noch vor einigen Jahren hatte er in der Stadt , in der er damals lebte , für einen großen Geigenspieler gegolten , obgleich er , so lang ich denken konnte , jede Aufforderung zum Spiel mit dem Bemerken ablehnte , daß das vorüber sei . Ich selbst hatte ihn nur einmal , da ich noch im Hause meiner Eltern lebte , spielen hören ; dieses eine Mal aber wurde für mich die Ursache wiederholter Täuschungen ; denn wenn ich später in den Konzerten weltberühmter Virtuosen saß , so trug ich selten etwas anderes davon , als eine traumhafte Sehnsucht nach jenem Spiel des Vetters . Dennoch sollte er während meiner späteren Abwesenheit von der Heimat noch einmal , jedoch nur auf kurze Zeit , seine Geige wieder zur Hand genommen und , wie einstens , alles mit sich fortgerissen haben . Ein Näheres darüber hatte ich nicht erfahren . Für gewöhnlich war der Vetter ein munterer alter Herr , dem man nicht anmerkte , vor welch tiefer Erregung oft diese freundlichen Augen Wache hielten . Aber schon war unser Wagen am Fuß der Werfte angelangt , und dort oben in der Tür unter dem steinernen Giebel stand er selbst , der kleine schmächtige Mann mit den tiefliegenden Augen und dem vollen weißen Haupthaar . » Willkommen im Ländchen der Freiheit ! « rief er , während er eilig herab kam und dem Dienstjungen die Leiter an den Wagen legen half . Und wahrlich frei genug war es hier ; außer der Werfte mit dem breit darauf gelagerten Hause schien aus der grünen Inselfläche nichts hervorzuragen als etwa eine zerstreut umherweidende Schafherde ; selbst das Gras war so niedrig , daß es kaum den dazwischen umherkletternden langbeinigen Schnaken ein Hindernis in den Weg legte . Sein Wohnzimmer hatte sich der Vetter in dem größten Raume des Hauses , dem sogenannten Pesel , eingerichtet . Schränke mit Büchern , mit Konchylien und andern Sammlungen , Karten und Kupferstiche nach Claude Lorrain und Ruisdael bedeckten die übrigens weißgetünchten Wände . Von dem Aufsatze des Schreibtisches schaute neben einer Statuette der Venus mit dem Delphin , die von einem Korallenbaume aus den Südseeinseln gleichsam überschattet war , das markige Antlitz Beethovens in der bekannten Kolossalbüste auf uns herab . Als wir in die Tür traten , flog uns ein kleiner Vogel entgegen , flatterte einen Augenblick wie zweifelnd hin und her und setzte sich dann auf die Hand seines Herrn , mit dem lebhaft bewegten Köpfchen zu ihm aufblickend . » Nur ein Sperling ! « sagte der Vetter lächelnd und den verwunderten Blick der alten Dame beantwortend ; » Sie wissen , der Sperling gleicht dem Menschen , an sich ist er ohne Wert , aber er trägt die Möglichkeit zu allem Großen in sich . Der Bursche hier und ich , wir leben trefflich miteinander . « – Auf seinen Wink flog der Vogel wieder fort und ließ sich auf einen Ast des Korallenbaumes zu Häupten der schaumgeborenen Göttin nieder , als warte er wie einst darauf , mit lustigen Genossen vor ihren Wagen gespannt zu werden , um sie über das blaue griechische Meer in den Schatten ihrer heiligen Haine zu tragen . Wir aber schlürften bald aus zierlichen Tassen den Trank der modernen Welt ; ich meine nicht den Kaffee , sondern den Tee , den wir Küstenbewohner auch an einem heißen Hochsommervormittage nicht verschmähen . Durch die Fenster , welche in der Front des Hauses gegen Süden lagen , sah man auf die grüne Fläche der Hallig und fern am Strand die Brandung , welche silbern in der Sonne schimmerte . Unser Schiff war von hier aus nicht zu sehen ; aber dort zu Westen starrte der Mast eines anderen kleinen Fahrzeugs in die Luft ; es war vor kurzem hier gestrandet und jetzt Eigentum der Halligleute . – Was überhaupt war hier nicht Strandgut ! Der große schwarze Hund , der jetzt im Hause umherlief , nicht weniger als der edle Alicante , den wir späterhin bei Tische tranken . Und wie stand es um die Bibliothek des Vetters ? – Meinem angeborenen Triebe folgend , hatte ich die Bücherschränke durchstöbert und blätterte eben in einem abgegriffenen Exemplar des » Hesperus « , als eine kleine Hand sich leise auf das erste weiße Blatt des Buches legte . Der Name » Emma « stand hier eingeschrieben und ein Kreuz darunter . Noch höre ich den Laut unschuldiger Teilnahme , den Susanne bei diesem Anblick ausstieß . » Wer war das , Onkel ? « rief sie . » Hast du sie gekannt ? « » Gekannt , mein Kind ? « wiederholte der Alte und strich mit dem Finger über eine Bücherreihe . » Das ist auch Strandgut ; fast alles Antiquaria ! Die einstigen Besitzer sind gescheitert oder zugrunde gegangen ; ihre Bücher sind in alle Welt getrieben , von geschäftigen Leuten aufgefischt und verkauft ; und nun stehen sie hier eine Weile , bis auch ihren jetzigen Besitzer das gleiche Los ereilt . – Aber freilich , dennoch kenne ich diese Emma , wenn sie auch schwerlich davon weiß , daß ich ihre posthume Bekanntschaft gemacht habe . « Susanne blickte gespannt in die immer lebhafter mitredenden Augen des Vetters . » Siehst du ! « fuhr er fort – und er nahm mir das Buch aus der Hand und schlug einige Seiten darin auf – » hier steht es deutlich : sie liebte , litt und starb . Diese kurze Geschichte erzählen mir hier die Bleistiftstriche unter ihren Lieblingsstellen , das vertrocknete Vergißmeinnicht , dazu das Kreuz . Auch eine alte Jungfer ist sie gewesen und häßlich genug , daß ihre schönen Augen niemandem haben gefallen wollen ; auch dem einen nicht , der nie daran gedacht hat , wie glücklich er sie an jenem Frühlingstage machte , als er die welke Blume so gedankenlos ihr gab , wie er sie vorhin gedankenlos gebrochen hatte . Ein Gesichtchen wie das deine wird das nie verstehen ; aber « – und er blickte halb schmerzlich , halb in zärtlicher Bewunderung in das schöne Antlitz des jungen Mädchens – » nicht wahr ? durch dich soll niemand Leid erfahren ! « Susanne öffnete die Lippen , als wolle sie eine Frage tun ; aber der Vetter strich sanft mit der Hand über ihr blondes Haar ; dann wandte er sich ab und setzte mit fast zarter Sorgsamkeit das Buch an seinen Ort . Er mag wohl gefühlt haben , daß ich das bemerkte ; denn er sagte lächelnd : » Nun , nun ! da ist nicht bloß der › Hesperus ‹ , da ist auch noch ein armes treues Menschenherz darin . « Zufällig sah ich in diesem Augenblicke unter dem Bücherschranke den mir von früher wohlbekannten schwarzen Geigenkasten . Was war nach solchen Gesprächen natürlicher , als daß ich den alten Herrn an jene Melodie aus meiner Knabenzeit erinnerte , und in ihn drang , sie mich jetzt noch einmal hören zu lassen . – Aber er schien fast erschrocken . » Nein , nein , mein Junge ! « sagte er , den Kasten hastig in die äußerste Ecke schiebend . » Siehst du denn nicht , daß das ein Särglein ist ? Man soll die Toten ruhen lassen . « Und so war denn weiter von dem Geigespielen nicht die Rede . Nicht zu leugnen stand übrigens , daß die äußerst zarte Organisation des Vetters im Anstoß mit den Außendingen ihn zu einem für Durchschnittsmenschen ziemlich seltsamen Kauz gemacht hatte . Auch verfehlte er nicht , die Frau Geheimrätin , welche ein seltenes Geschick hatte , ihn an seinen heikelen Stellen zu berühren , im Laufe dieses Tages mehr als einmal gründlich in Verwunderung zu setzen . Die gute Dame konnte es nicht verwinden , daß er , » der hochgebildete Mann « , die feine Gesellschaft seines früheren Wohnorts mit dieser nur von Halligleuten und einem zahmen Sperling bevölkerten Einöde vertauscht habe , und nahm dies Thema stets von neuem wieder auf . – Die kleine Szene , welche zwischen den beiden alten Herrschaften hieraus entsprang , werde ich nie vergessen . » Frau Cousine ! « sagte der Vetter mit großem Nachdruck , indem er eine schon erfaßte Apfelsine in die Kristallschale zurückfallen ließ – denn wir saßen nach beendigter Mittagstafel eben noch am Nachtisch – , » wenn in Novembernächten der Sturm hier unser Haus gepackt hat , daß wir aufgeschüttelt aus den Betten springen ; – wenn wir dann durchs Fenster in Augenblicken , wo eben die Wolken am Mond vorübergejagt sind , das Meer , aber das vom Sturm gepeitschte Meer hier unten am Fuße unserer Werfte sehen , die allein noch hervorragt aus den schäumenden , tobenden Wasserbergen ; – Sie glauben nicht , Frau Cousine , wie erquicklich es ist , sich einmal in einer andern Gewalt zu fühlen als in der unserer kleinen regierungslustigen Mitkreaturen ! « Ich mag wohl stumm dazu genickt haben , denn ich wüßte auch jetzt noch nichts Erkleckliches dagegen einzuwenden ; die Frau Cousine aber wollte das allerdings nicht glauben , sondern fuhr fort , heftig für das feste Land und dessen gute Gesellschaft zu plädieren . Eine Weile hörte der alte Herr geduldig zu ; dann aber begann es schalkhaft um seinen noch immer schönen Mund zu zucken . » So will ich ' s offen denn bekennen ; « sagte er ; » die Exzellenzen und die Geheimen Ober-Gott-weiß-was-Räte begannen sich die letzte Zeit in unserer guten Stadt auf eine für mich äußerst beunruhigende Weise zu vermehren . « Ich sah das herablassendste Lächeln in dem Antlitz der alten Dame aufsteigen . » Aber , mein Gott , was taten Ihnen denn – ? « » Mir , Frau Cousine ? Ich dächte doch ; sie gingen überall dort in der Sonne , wo eben mir zu gehen beliebte . Es sind das aber , solange sie noch in ihren Drähten hängen , oftmals ganz verruchte Figuren , und man muß ihnen ausbiegen , damit man keine Schläge von ihren hölzernen Armen bekommt . « Die Geheimrätin wurde unruhig . » Aber , lieber Herr Vetter , mein seliger Mann – « » Gewiß , gewiß , Frau Cousine ! « Und der Vetter legte beschwichtigend seine Hand auf ihren Arm . » Ich kenne eine ganze Blumenlese davon , die alle einen unheimlichen Anstrich mit sich herumtragen ; diese Kerle – ich wette ! – wischt man ihnen die Staatskalendernummer von der Stirn , so sitzen sie da wie ausgeblasene Hülsen ; und ich sehe schon , wie ihnen die Augen verglasen , während das bißchen Akten- und Rangklassenbewußtsein daraus verdunstet . « » Aber , Herr Vetter ! « Und die Geheimrätin benutzte eine augenblickliche Pause ; » mein trefflicher seliger Mann – « Und der Vetter legte wieder beschwichtigend seine Hand auf ihren Arm . » Gewiß , gewiß , Cousine ! Und damit ich niemandem unrecht tue , es gibt auch recht charmante Leute unter ihnen ! « Und sich plötzlich zu mir wendend , begann er immer schneller und heftiger zu reden , bis er zuletzt einige unleugbar handgreifliche Worte niederzuschlucken sich ehrlich aber vergebens bemühte . Die Geheimrätin hatte resigniert die Hände gefaltet und sagte gar nichts mehr ; der Vetter aber war aufgesprungen , mit erhitztem Gesicht riß er die Stubentür auf und rief : » Mantje , ein Glas Wasser ! « Bevor aber Mantje noch erscheinen konnte , rannte er selber hintennach . Die alte Dame schien allmählich aufzuatmen . » Ein angenehmer Mann , der Vetter « , sagte sie hüstelnd , » indes , ich sehe ihn doch am liebsten hier auf seiner Insel . « Aber schon trat er selber wieder in die Stube . » Ich habe unziemlicherweise die Tafel abgebrochen « , sagte er entschuldigend ; » Sie wissen ja : Herz schon so alt und noch immer nicht klug ! – Lassen Sie uns nach Landesbrauch nun Martje Flors Gesundheit trinken ! « Er füllte die Gläser und erhob das seine . » Frau Cousine ! Susanne ! Mein lieber Junge ! Auf daß es uns wohl gehe in unseren alten Tagen ! « Und wir tranken , wie das diesem ernstesten aller Trinksprüche eigen zu sein scheint , schweigend , und schüttelten uns die Hände . Die Geschichte aber , welche demselben zugrunde liegt , verdient es , auch in weiteren Kreisen erzählt zu werden . Als nämlich Tönningen , die größte Stadt der Landschaft Eiderstedt , einst von den Schweden belagert wurde , hatte eine Gesellschaft feindlicher Offiziere in dem benachbarten Kathrinenherd Quartier genommen und trieb dort arge Wirtschaft ; sie ließen sich Wein auftragen , zechten und lärmten , als seien sie die Herren hier . Martje Flor , die zehnjährige Tochter des Hauses , stand dabei und sah unwillig dem Gelage zu , denn sie gedachte ihrer Eltern , die das unter ihrem Dache dulden mußten . Da reichte einer der Trinker ihr ein volles Glas und rief , was sie so trübselig dastehe , sie solle Heber auch eine Gesundheit ausbringen ! Und Martje trat mit ihrem Glase an den Tisch , wo die feindlichen Kriegsleute saßen , und sprach : » Dat et uns wull ga up unse ole Dage ! « – Und auf dieses Wort des Kindes wurde es still . Seitdem versteht es jeder bei uns zu Hause , wenn am Schlusse des Mahles der Wirt es seinen Gästen zubringt : » Und nun noch – Martje Flors ! « Als wir nach aufgehobener Tafel vor die Haustür traten , führte uns der Vetter unter bedeutungsvollem Schweigen am Hause entlang bis an die südwestliche Ecke desselben . Hier stieß er ein unter herabhängendem Holunder fast verborgenes Pförtchen auf ; und , wie in ein Wunder blickten wir in einen großen baumreichen Garten hinab , den an diesem Orte , bei der rings umgebenden Öde , wohl niemand hätte vermuten können . – Drunten , von der Insel aus dem Auge ganz verborgen , lag er in einer kesselförmigen Vertiefung der Werfte , an deren schräg abfallenden Wänden sich zwischen verschiedenartigen Obstbäumen eine Reihe üppiger Gemüsebeete entlangzog . Von unten aus dem Grunde blinkte ein kleiner Teich , ringsum von einem hohen Ligusterzaun umschlossen . Auf dem daran entlangführenden Steige erschien eben , vom Hause hinabspazierend , eine weiße Katze ; aber sie verschwand gleich darauf unter dem Schatten der Obstbäume , welche vom Garten aus ihr dichtes Gezweig über den Steig hinüberstreckten . Die blanken Blätter glänzten in dem sattesten Grün , als seien sie nie von einem gefräßigen Insekt berührt worden ; nur freilich , wo die Kronen der Bäume den oberen Gartenrand erreichten , waren sie sämtlich wie mit der Zaunschere abgeschoren , was nach des Vetters Erläuterung von dem Nordwestwinde ohne jegliche Bestellung ausgeführt wurde . Die Aufmerksamkeit unserer » Maman « war durch eine Pumpe erregt worden , welche unweit des Einganges in dem kleinen Teiche stand ; und während der alte Herr , unter lebhaften Schlägen mit dem Schwengel , ihr die Speisung und Bedeutung dieses Süßwasserbehälters der Insel zu erklären begann , gingen Susanne und ich in das trauliche Gartennest hinab , wo der Sonnenschein wie eingefangen auf dem grünen Laube schlief . Wir schritten langsam der weißen Katze nach , und verschwanden gleich ihr unter dem dichten Laube der Apfelbäume , das fast Susannens goldklares Haar berührte ; um uns her schwamm der Duft von Federnelken und Rosen , die oben zwischen den Gemüsebeeten blühten . Unmerklich , wenn mich die Erinnerung nicht täuscht , waren wir in jenen träumerischen Zustand geraten , von dem in der Sommerstille , inmitten der webenden Natur so leicht ein junges Paar beschlichen wird : sie schweigen , und sie meinen fast zu reden ; aber es ist nur das Getön des unsichtbar in Laub und Luft verbreiteten Lebens , nur das Hauchen der Sommerwinde , die den Staub der Blüten zueinander tragen . Ich glaube , wir saßen auf einer kleinen Holzbank und blickten – wer weiß , wie lange schon ! – durch die Lücken des Zauns auf das unten schimmernde Wasser , als plötzlich die akzentuierte Stimme der Geheimrätin mich auf die Oberfläche des Lebens zurückrief ; und gleich darauf erschien auch der alte Herr und trieb uns mit munteren Worten zum Kaffee in das Haus . Aber ich stahl mich bald davon , um mir nach meiner Weise allein und ungestört die verschiedenen Räume des großen , ganz im Viereck gebauten Hauses anzusehen . Eine Weile stand ich in einer Art von Zimmerwerkstatt und plauderte mit dem Sohne des Hauses , der , gleich Robinson , alle Hantierungen vom Robbenjäger bis zum Zimmermann in sich vereinigte und augenblicklich in letzter Eigenschaft an den Blöcken eines Segelbootes arbeitete , das von einer Nachbarinsel aus bei ihm bestellt war . Von hier gelangte ich in einen langen , ziemlich düstern