Theodor Storm Ein Bekenntnis Es war zu Ende des Juni 1856 , als ich eine alte Verwandte zu ihrem gewöhnlichen Sommeraufenthalt in der Brunnenstadt Reichenhall begleitet hatte , diesem zwischen Felsen eingekeilten Brutnest , von dem man sich nur wundern muß , daß die Ortsleute nicht die Brunnengäste allein dort wohnen lassen . Trotzdem – wir waren gegen Mittag angekommen – , als ich nach beendigter Hoteltafel erfuhr , daß meine gute Tante sich zunächst einem Mittagsschläfchen und danach dem Auspacken ihrer hohen Koffer und der Einrichtung in dem neuen Quartiere widmen wollte , trieb mich die Langeweile ins Freie , wenn auch der Sonnenschein wie Glut herabfiel . Ich nahm den einfachsten Weg und ging auf der den Ort durchschneidenden Chaussee einige tausend Schritte , vielleicht noch etwas weiter . Aber der Tag wie der Ort waren heute zu heiß , zwischen den engen Felswänden waren selbst die Schatten unerträglich ; ich kehrte wieder um und ging den Weg zurück . Kurz vor dem Orte durchschnitt ein strudelnder Wasserstrom den Weg ; auf der Brücke , die darüber war , stand ich lange und blickte wie zur Kühlung in die unter mir sich vorüberwälzenden Wasser . Dann entschloß ich mich und ging wieder in den unerbittlichen Sonnenschein hinaus ; der weiße Staub der Chaussee schimmerte und blendete , daß mir die Augen schmerzten . Als ich wieder im Orte war , bemerkte ich mir zur Rechten eine halboffene Gittertür in einer breiten Laubwand , dahinter einen weiten , mit vielen Bänken und Gartenstühlen besetzten Platz . » Ist das ein öffentlicher Garten ? « frug ich einen mir entgegenschlendernden Burschen . » Der Kurgarten « , war die Antwort . Ich trat hinein und blickte um mich her : es schien jetzt nicht Besuchszeit hier zu sein , nur einige Kindermägde mit ihren kleinen Scharen saßen drüben im vollen Sonnenschein ; was sie mit den Kindern sprachen oder sich gegenseitig zuriefen , tönte hell über den weiten Platz . Da es aber ein gut Stück über Mittag war , so hatte derselbe auch bereits seine Schattenseite , und dort weiter hinauf unter einem der umgebenden Bäume saß auch schon einer der Brunnengäste , Grau in Grau gekleidet , mit einem breitrandigen Hut von derselben Farbe . Er hatte die Hände auf seinen Stock gestemmt und blickte unbeweglich in die weiße Luft , die über den Akazien an der gegenüberstehenden Seite flimmerte , als ob kein Leben in ihm wäre . Ich hatte mich , ein paar Bänke vor ihm , unter eine breitblätterige Platane gesetzt und unwillkürlich eine Weile zu ihm hinübergesehen . Plötzlich durchfuhr es mich , und meine Augen wurden groß : die stattliche Gestalt meines liebsten Universitätsfreundes , von dem ich über ein Jahrzehnt nichts gesehen und gehört hatte , war auf einmal vor mir aufgestanden . » Franz ! Franz Jebe ! « rief ich unwillkürlich . Er schien es nicht gehört zu haben ; es war wohl auch eine Torheit von mir gewesen : der da drüben war wohl fast ein Fünfziger , ich und mein Freund aber waren immerhin noch in den letzten Dreißigern , an denen noch ein Glanz der Jugend schimmert . Wir waren Landsleute , aber wir hatten uns erst als Studenten kennengelernt . Er war einer von den wenigen , die schon auf der Universität von den Gleichstrebenden als eine Autorität genommen werden , was bei ihm , besonders hinsichtlich der inneren Medizin , auch von den meisten Professoren bis zu gewissem Grade anerkannt wurde . Im letzten Jahre war er noch Assistenzarzt auf einer Klinik für Frauenkrankheiten , wo es ihm einmal gelang , eine schon aufgegebene Operation glücklich zu vollenden . Was mich mit ihm verbunden hatte , war zum Teil ein von wenigen bemerkter phantastischer Zug in ihm , dem in mir etwas Ähnliches entgegenkam ; die Arbeiten von Perty und Daumer über die dunklen Regionen des Seelenlebens ließ er , wenn auch unter manchem Vorbehalte , nicht verspotten . Nähere Freunde besaß er , außer etwa mir , fast keine . Die meisten , welche seiner Fakultät angehörten , schien es zu drücken , daß er so schnell und ruhig mit seinem Urteil fertig war , während sie noch an den ersten Schlußfolgerungen klaubten . Einen ein fachen Menschen , in dem aber ein tüchtiger Mediziner steckte , frug ich eines Tages : » Was hast du gegen Franz Jebe , daß du ihm immer aus dem Wege gehst ? Ich meine , daß er dich besonders respektiert . « – Er schüttelte den Kopf . » Du wenigstens « , fuhr ich fort , » brauchst dich doch durch seine Tüchtigkeit nicht zurückschrecken zu lassen ! « » Meinst du ? « erwiderte er ; » das ist ein eigen Ding einem Gleichalterigen gegenüber ; aber das ist es doch eben nicht bei mir . « – » Nun , und was sonst noch ? « » Er ist hochmütig ! « versetzte er ; » das sind keine Leute für mich . Noch gestern in der Klinik , es war ein eigentümlicher Fall von Diphtherie an einem Kinde , das die Mutter uns gebracht hatte . Ich hatte untersucht , und da Jebe dabeigestanden und zugesehen hatte , teilte ich ihm einfach , aber eingehend meine Ansicht mit . Meinst du aber , daß er mich dann auch der seinigen würdigte ? Mit einem herablassenden Lächeln sahen mich seine scharfen Augen an ; der Zug um seinen schönen Mund wollte mir nicht gefallen . « So stand er zu den meisten seiner Fakultät ; mit mir war es ein anderes : der Mediziner und der Jurist hatten keine Veranlassung , sich aneinander zu messen , und so hatte ich denn bald herausgefunden , daß hinter jener Schwäche ein warmes und wahrhaftiges Herz geborgen sei . Der graue unbewegliche Mann dort , es konnte kaum Franz Jebe sein ; aber was war es denn , daß meine Augen sich immer wieder unwillkürlich zu ihm wandten . Es hielt mich nicht länger , ich sprang auf und schritt langsam ihm entgegen ; so mußte er doch mich erkennen , der ich über die gewöhnlichen Veränderungen während reichlich eines Jahrzehntes eben nichts erlitten hatte . Als ich zwischen ihn und das Stück Himmel trat , in das er wie ins Nichts hineinstarrte , wandte er , wie erschreckt , seine Augen auf mich , und ich fühlte , daß er mich erkenne ; dann aber berührte er schweigend , wie zum Gruße gegen einen Unbekannten , den Rand seines Hutes und ließ plötzlich mit einer eigentümlichen Bewegung den Kopf herabsinken , die mir mit einem Mal jeden Zweifel nahm . Wie oft hatte ich dies an meinem Freunde wahrgenommen , wenn wir unter andern waren und ein Gespräch sich aufgetan hatte , von dem er nichts mehr hören wollte . Ich trat auf ihn zu und legte die Hand auf seine Schulter . » Franz ! « rief ich ; » du bist es doch ; ich lasse mich nicht so leicht vertreiben ! « Langsam erhob er sein mageres Gesicht , und wieder sah er mich an , aber ohne Hast ; und bald fühlte ich die Innigkeit , mit der seine Augen an den meinen hingen . » Du hast recht , Hans « , sagte er mit einer mir fast fremden Stimme und griff nach meiner Hand ; » ich weiß es wohl noch , wir hielten damals ein Stück aufeinander . « » Ich denke , Franz , es ist wohl noch heute so ! « Er nickte und zog mich neben sich auf die Bank . » Du hattest mich überrascht , Hans ; ich pflege hier allzeit allein zu sein ; weiter war es nichts . Aber sprich , wie kommst du hierher , so weit von unserer Heimat , der du als echter Sohn eines alten städtischen Geschlechts so unerbittlich anhingst ; bist du nicht mehr dort ? « » Doch – ich habe nur eine alte Tante hergebracht , die ebenso unerbittlich dem hiesigen Brunnen zugetan ist ; das sind Herzensgeheimnisse . Aber du , Franz , du hast verspielt , wie man bei uns zu Hause sagt , seit wir uns nicht gesehen haben . Bist du krank und suchst du Heilung in diesem Höllenkessel ? « » Nun , nun « , entgegnete er ; » es ist nicht alle Tage so ! Ich bin nur hier , um allein zu sein , was zu Haus nicht möglich ist ; und ob ich krank bin , das , mein Freund , ist so kurz nicht zu beantworten . « » So laß es lang sein ; wir haben uns ja fast fünfzehn Jahr nicht sprechen hören ! « » Ich fürchte , Hans « , erwiderte er , mich mit halbem Lächeln ansehend , » ich stehe wieder unter dem Bann deiner Liebenswürdigkeit ; ich fühle auch : dir kann ich ' s sagen , ja , ich muß es , was kein Mensch von mir weder je erfahren hat noch wird . Gehen wir nach meiner Wohnung ; in meinem stillen Zimmer wird uns niemand stören , die grauen Schatten der Erinnerung können ungehindert um uns sein . « Er blickte mich mit ernsten , trüben Augen an : » Nur einem nächsten Freunde kann ich es erzählen ; denn Freude ist nicht dabei , ich kann nur eine Last auf deine Schultern legen . « » So gehen wir « , sagte ich ; » ich bin derselbe , den du seit lange kennst . « Er stand mit einer elastischen Bewegung von seinem Sitze auf , und ich sah mit Freuden , die Gestalt zum mindesten war noch fast dieselbe wie in unserer Jugend . Was mich vor allem an ihm erschreckt hatte , verschwand freilich nicht , und während wir schweigend durch die Gassen schritten , grübelte ich vergebens , was seiner einst so metallreichen Stimme einen Laut beigemischt haben könne , der mich immer wieder an den traurigen Ton einer zersprungenen Glocke erinnerte . Ich sollte es bald erfahren , denn schon waren wir in eins der ältesten Stadthäuser getreten , das mir Franz als sein zeitweiliges Heim bezeichnete . Sein Zimmer lag zu ebener Erde hinter einem kleinen Korridor ; als wir eintraten , blendete mich fast die Dämmerung , die hier herrschte : ein paar Fenster mit kleinen Scheiben gingen auf einen scheinbar außer Gebrauch gestellten Hof , von dem die Seitengebäude jeden Sonnenstrahl abzuhalten schienen ; altes Gerümpel , Zuber und Bretter und was noch sonst , lagen umher und schienen trotz der draußen kochenden Sonnenhitze feucht zu sein von dem fortdauernden Mangel des Lichtes . In der einen Ecke stand ein alter dürftig belaubter Holunderbusch , auf einem seiner Zweige saß , in sich zusammengekrochen , eine Dohle und beschäftigte sich damit , die Augen bald zu schließen , bald wieder aufzumachen . Ich machte meinen Freund darauf aufmerksam . » Störe sie nicht « , sagte er ; » sie ist satt und will nun schlafen . « Dann tat er einen Schritt zur Tür , als wolle er den daneben hängenden Klingelzug ergreifen . » Du willst doch etwas trinken ? « frug er . Ich schüttelte den Kopf . » Wenn du dessen nicht bedarfst ? « » Ich nicht « , erwiderte er hastig und warf sich auf das harte Sofa ; » und nun setze dich , Hans ! « Ich drückte mich neben ihm in die andere Ecke , aber er begann noch nicht . » Ich weiß nicht recht « , sagte er , sich mit der Hand über die Stirn fahrend , » wo ich mein schweres Bekenntnis ansetzen soll , nicht recht , wie früh das Leid begonnen hat . « – » Bist du so zweifelhaft geworden , Franz ? « » Darüber , mein Freund « , entgegnete er , » magst du später urteilen ; aber da du alles wissen sollst , so muß ich weit zurück , bis in meine letzte Primanerzeit . « » Du bist als Student einmal mehrere Tage mit mir in meinem elterlichen Hause gewesen ; der Örtlichkeiten hinter dem mächtigen alten Wohngebäude wirst du dich wohl noch kaum entsinnen . Wenn man aus der Hoftür trat , lag rechts zunächst ein hoher Flügel des Hauses , dann Stallräume und ein Aufgang zum Heu-und Kornboden ; zur Linken zog sich der höher belegene , mit niedriger Mauer und darauf befindlichem Stakete eingefriedigte Garten entlang ; hohe Obstbäume reckten ihre Zweige über den darunter liegenden Steinhof , so daß ich mir als Knabe , wie oft , morgens die vom Wind herabgeschüttelten und auf den Steinen geplatzten Gravensteiner sammelte . Verzeih mir , Hans , ich vergesse mich ; aber es ist mein Vaterhaus , und ein Brand hat später das meiste davon zerstört , damals aber stand alles , als sei es immer dort gewesen und müsse immerfort so bleiben . Was zwischen dem Garten und den Baulichkeiten zur Rechten die beiden Seiten des Hofes schloß , war neben dem ersteren der Eingang zu einer unendlichen Rummelei von seit Jahrzehnten verödeten Fabrikgebäuden mit finsteren Kellern , Kammern voll Spinngeweben mit kleinen Scheiben in den klappernden Fenstern und unzähligen , sich übersteigenden Böden , über welche wir einmal , mit Gartenstöcken bewaffnet , den Fabrikkobold verfolgten , der uns , wie starr behauptet wurde , mit seiner Zipfelmütze aus einer Dachöffnung angegrinst hatte . Dann folgte das geräumige Waschhaus , durch das man in einen gleichfalls großen abgelegenen Hühnerhof gelangte , der von der Hinterseite der stillen Fabrikgebäude und einiger Nachbarspeicher rings umschlossen war , übrigens außer dem gewöhnlichen Federvieh von mir mit Meerschweinen und Kaninchen , gezähmten Möwen und Bruushühnern , auch wohl mit gefangenen Ratten und Feldmäusen und anderem unheimlichen Geziefer bevölkert zu werden pflegte ; nach der Schulzeit war das meine liebste Gesellschaft . Damit sind die Räume meiner Knabenfreude zu Ende ; nur noch der letzte in der Ecke gegen die Heubodentreppe ist zu erwähnen . Wenn man eintrat , war zunächst eine Kammer für Pferdegeschirr und dergleichen , nebst andern kleinen Gelassen ; dann aber rechts hinter einer leeren Türöffnung befand sich ein Raum , zur Bergung des Torfes , von ungewöhnlicher Höhe und Flächengröße . Selbst bei Tage herrschte hier meist tiefe Dämmerung , denn nicht allein , daß alle Wände von Torfstaub geschwärzt waren , es war auch nur eine einzige Fensteröffnung hier , aber in solcher Höhe , daß ich darunter mehrere alte Kisten aufeinandergepackt hatte , um dadurch in den darunterliegenden Hühnerhof hinabblicken zu können . Und das geschah nicht selten ; nicht nur wenn am Tage Hühner und Kaninchen krächzend und schnubbernd gegeneinanderflogen , sondern auch gegen Abend , wenn der Hof leer und schon alles an seinem Nachtort war , wenn nur die Fledermäuse über den Hof flogen und ich meine Mäuse in ihren Kästen an der Mauer knuspern hörte . Manch halbes Stündchen , und auch wohl länger , bin ich so dort gestanden , bis die Nacht herabfiel und mir Beine machte , daß ich in das helle Haus zurückkam . Von jener Fensterhöhle aus – denn ein Fenster war nicht mehr darin – habe ich ein Gesicht gehabt , das , wie ich mir noch heute nicht verreden kann , mein ganzes späteres Leben bestimmt hat ; nur ein Nachtgesicht , das mir mit geschlossenen Augen offenbar ward , denn mein Leib lag in meiner Kammer oben im Wohnhause und von Schlaf bezwungen . Aber gleichviel ; ich sah , ich erlebte es . Mir ist noch wohl erinnerlich , es hatte damals ein Scharlach in der Stadt gewütet , und viele Kinder , besonders männlichen Geschlechts , wurden hingerafft , uns Primaner aber hatte es nicht berührt . Gleichwohl mochte meine Phantasie unbewußt davon ergriffen sein ; aber die Seuche war schon im Erlöschen . « Der Erzähler sah ein paar Augenblicke vor sich hin . » Es war in einer Oktobernacht « , begann er dann wieder ; » ich hatte mich lange schlaflos in meinem Bett umhergeworfen , denn vor meinem Fenster , das nach dem Garten hinausging , schüttelte der Sturm die schon halb entlaubten Baumkronen , fuhr dann davon , weiter und weiter , daß es totenstill ward , bis er nach kurzer Weile , wer weiß woher , zurückkam und sich tosender als vorher auf die Bäume und gegen die feste Mauer des Hauses warf . Endlich wurde es schwächer ; ich hörte schon nichts mehr , ich stand unten in jenem Torfraum auf den aufeinandergepackten Kisten und schaute durch die schwarze Fensterhöhle in den einsamen Hühnerhof hinab . Es war erst kalte Morgenfrühe , wo noch kein Leben sich regt ; auch in den Lüften war es still , und der Hof schien gänzlich öde ; ein letztes Dämmern lag noch in den Ecken . Ich weiß nicht , wie es kam , aber plötzlich , mir gegenüber in der Mitte des Hofes , sah ich etwas : in einem Dunste , der aus dem Boden aufzuziehen schien – mir war , ich hätte es einmal an einem schwülen Mittsommerabend auf dem Kirchhof über dem Hügel eines Frischbegrabenen so gesehen – , darin stand eine Gruppe von Knaben , einer an dem andern ; ihre Arme hingen herab , ihre welken Köpfe lagen schief auf ihrer Schulter , von den Augen sah ich nichts . Aber meine Blicke hafteten nicht auf ihnen ; in ihrer Mitte , sie ein wenig überragend , stand die Gestalt eines etwa dreizehnjährigen Mädchens ; ein schlichtes aschfarbenes Gewand zog sich bis an ihren Hals hinauf , wo es mit einer Schnur zusammen gezogen war . Schön war sie eben nicht ; ein etwas fahlblondes Haar lag ein wenig wirr auf ihrem kleinen Kopfe , aber aus den feinen durchsichtigen Zügen ihres Antlitzes blickten ein Paar lichtgraue Augen unter dunklen Wimpern in die meinen , unablässig , sehnsüchtig , als solle ich sie nie vergessen ; und mit unsäglichem Erbarmen blickten sie mich an : eine verzehrende Wonne überkam mich , ich hätte unter diesen Augen sterben mögen . › Wer bist du ? Was willst du , Holdseligste , die ich jemals erblickte ? ‹ Aber nur in meinem Innern sprach es so ; die Worte blieben Gedanken ; ich fürchtete den Blick des geheimnisvollen Kindes zu verlieren ; ich konnte auch vielleicht nicht sprechen . Da war mir , als würde ihr Antlitz undeutlicher ; nur aus ihren Augen drang es stärker und , mir schien es , ängstlicher zu mir , aber schon verblaßte alles . Da raffte ich mich zusammen und rief , als ob das Leben mir entrissen würde : » Bleib , o bleib ! Sag , wer bist du ! Oh , sag es , sag es ! « Ich wartete eine Weile ; dann war ' s , als käme ein Hauch aus den verschwindenden Nebeln zu mir zurück , und nun war alles still und leer , nur einen wirren Laut noch hörte ich ; wie mir bald klar wurde , hatte ich ihn selber ausgestoßen ; dann erwachte ich . Ein Morgenschimmer spielte schon an den Wänden , aber kein Baumrauschen kam zu mir herein ; der Sturm hatte sich gelegt . Ich schloß die Augen und wühlte mich in mein Kissen , ich wollte das Wesen , das sich mir offenbart hatte , das mich mit einer angstvollen Sehnsucht füllte , hinter den geschlossenen Lidern noch behalten . Als ich um sieben Uhr zum Tee herabkam , strich meine Mutter mit ihrer Hand über meine Stirn . » Du hast nicht gut geschlafen ; der Sturm hat dich wohl auch gestört , mein armer Junge ! « sagte sie . Ich ließ mir ihre Zärtlichkeit gefallen , suchte ihr möglichst herzlich zuzunicken und eilte dann in die Klasse . Mein Kopf mag noch halb im Taumel gewesen sein ; als ich den Absatz der Treppe , die nach unserer Prima hinaufführte , erreicht hatte , blieb ich unwillkürlich stehen und griff nach dem hinauflaufenden Geländer , als ob ich eines Halts bedürfe : die Augen des Nachtkindes hatten mich wieder angesehen ; mir war , als ob das Geheimnis des Weibes sich mir plötzlich offenbaren wolle . Von unten hörte ich Schritte heraufkommen , ich wußte auch , daß das der Rektor sei ; ich fühlte , wie er seine strengen Augen auf mich wandte , und hörte gleich darauf , wie droben die Klassentür aufgemacht und wieder zugedrückt wurde . Endlich ließ meine Hand das Geländer fahren , und ich ging in die Schulstube und setzte mich still an meinen Platz . Einige fragende Blicke des Rektors streiften mich ; ich aber bemühte mich ernstlich , mich aus der Welt des Traumes in die poetische der Sophokleischen » Antigone « zu versetzen . Aber die Grübelei , die schwärmerische Versenkung begleiteten mich auch ferner ; es war mir – vergiß mein Jünglingsalter nicht – unmöglich , jenes Nachtgesicht nur für ein Erzeugnis des eigenen Innern anzusehen . Aber wer war denn jenes geheimnisvolle jungfräuliche Kind ? Schon bei der Erinnerung an sie fühlte ich einen süßen Schauder durch alle meine Nerven rieseln . War sie ein Genius des Todes , der mich im Traume zuvor noch einmal mitleidig angeschaut hatte ? Ich versenkte mich immer tiefer , ich stellte mir lebhaft vor , daß ich in meinem letzten Augenblick sie wiedersehen , daß ich vielleicht mit jenen toten Knaben sie begleiten könnte . Aber waren diese nicht nur eine Beigabe , die meine eigene Phantasie ihr gegeben hatte , ein Rest des Eindrucks , den das Knabensterben in unserer Stadt mir hinterlassen hatte ? – – So sah es damals in mir aus – du könntest wohl lachen , aber tu es nicht , Hans ! – Soviel übrigens ist mir später klargeworden : ein Glück , daß es damals noch keine Maturitätsexamina auf unserer Schule gab ; ich wäre derzeit schwerlich durchgekommen . « Schon mehrmals , während Franz erzählte , hatte ich es vom Hofe her an die Scheiben pochen hören ; jetzt geschah es wieder in verstärktem Maße . Ich wandte mich und sah nun , daß die Dohle mit ihrem starken Schnabel dies Geräusch hervorbrachte . Mein Freund war aufgestanden . » Ja , Klaas « , rief er » das hilft nun nicht ! « , und zu mir sich wendend , setzte er hinzu : » Die arme Kreatur ist eifersüchtig ; sie hat in den vier Wochen , die ich hier nun zugebracht habe , mich mit niemandem als mit ihr selber reden hören – und die Unvernünftigen haben feinere Ohren als wir Menschen ! « Ich sah ihn an : solche Intimität zu Tieren hatte ich nie bei ihm vermutet ; er mußte sehr vereinsamt sein . Ich schwieg indes , und Franz nahm aus einem Kästchen , das auf einem Eckschrank stand , eine Handvoll Futter und warf es , nachdem er den freien Fensterflügel geöffnet hatte , auf den Hof hinaus . Fast gleichzeitig war auch das Krähentier von den Scheiben fortgeflattert und machte sich , ein paar häßliche Laute ausstoßend , über die Futterstücke her . Franz sah wie abwesend dem ein Weilchen zu ; dann setzte er sich langsam wieder zu mir in das Sofa und rieb sich mit der flachen Hand die Stirn . » Ja , Hans « , begann er dann aufs neue , » es war damals so ganz anders ; wir müssen manches Jahr zurück . – Ich bekam trotz alledem ein braves Abgangszeugnis ; der gute Rektor , dessen Gunst ich einige Jahre schon besaß , hatte mir die Zerstreutheit der letzten Monde nicht angerechnet ; nur einmal hatte er gesagt : » Lieber Jebe , vergessen Sie nicht , Sie sind zur Zeit noch immer hier in unserer Prima ; es tut nicht gut , wenn die Gedanken den gegenwärtigen Pflichten zu sehr vorauseilen ! « Er glaubte , die bevorstehende Universitätsfreude habe mir den Kopf befangen . Dann kam sie wirklich , die Hochschule mit dem flotten Korpsleben und den vielen Professoren , mit all den neuen Eindrücken , die ich oft widerwillig genug empfing , und , als so manches Unliebsame abgeschüttelt war , im dritten und den folgenden Semestern mein Studium , das ich freilich ernsthaft genug betrieb . Unter diesem neuen Leben verschwand so vieles , dem ich ewige Dauer zugetraut hatte ; nur eines nicht : der Eindruck jener kindlichen Luftgestalt , die ich nur im Traum gesehen hatte , lag unverrückbar im Grunde meiner Seele ; keine der halb- oder vollgewachsenen Schönen , die meinen Mitstudenten das Hirn verwirrten , konnte ihn erschüttern . Freilich , tief lag es , und niemand , ich selber wußte oft nicht darum ; auch als du dann zu mir tratst und wir vertraut wurden , wie es mir mit keinem noch geschehen war , ja selbst , wenn wir in jene geheimnisvolle Region des Seelenlebens uns einmal verloren – mein eigen Nachtgesicht barg ich nur um so fester , wie im Innersten meines Lebens , gleich einem heiligen Keim , den ich vor aller Störung meiner Zukunft zu bewahren hatte . – – Du weißt , Hans , daß ich nach beendigten Studien mich als Arzt , speziell für Frauenkrankheiten , in der Stadt niederließ , die noch gegenwärtig mein Wohnort ist . Ich war dabei nicht zaghaft , ich war mir bewußt , das Meinige gelernt zu haben ; ich vertraute mir , ich war von vornherein zuversichtlich . Auf der Universität hatte mir das bei vielen den Ruf des Hochmuts eingetragen ; jetzt erwarb ich dadurch den eines tüchtigen Arztes , der am Krankenbett nicht erst zu suchen und bei seiner Heimkehr erst in seinen Kompendien nachzulesen brauche . Was , recht besehen , ein Frevel in mir war , das brachte mich hier zu Ehren : an Leichnamen hatte ich den innern Menschen kennengelernt , so daß mir alles klar vor Augen lag , und wie mit solchen rechnete ich mit den Lebendigen ; was war da Großes zu bedenken ! Bald mußte ich mir die schwarze Doktorkutsche , bald genug einen Assistenzarzt zulegen ; ich wurde der erste Arzt der Stadt und bin es vielleicht auch jetzt noch . Unter solchen Umständen konnte von einer Teilnahme an geselligem Verkehr nicht viel die Rede sein ; nur das Haus eines früheren Patienten , eines Rechtsanwaltes – Wilm Lenthe heißt er – , der um einige Jahre älter sein mochte als ich , machte davon eine Ausnahme . Ich pflegte ein paarmal in der Woche meine Abende dort zu verleben und währenddes meine Praxis , außer in besonderen Fällen , meinem Assistenten zu übertragen . Wenn der gleichfalls Viel beschäftigte abends um acht Uhr in das einfache , aber behagliche Wohnzimmer trat , hatte seine liebenswürdige Frau , die zu hören und zu reden verstand , den Tee schon für uns bereit , und wir beide von der Tagesarbeit Ermüdeten drückten uns schweigend jeder in eine Sofaecke , bis die Belebung durch den chinesischen Trank unsere Nerven und unser Gespräch lebendig machte . Es war mir erquicklich , wie einst , Hans , wenn ich auf der Treppe zu meiner Studentenkneipe spätabends deinen Tritt vernahm und dann schleunigst meine Arbeit beiseite packte . Wie damals unsere Zwei- , so wurde auch hier die Dreizahl fast nie durch einen neuen Gast gestört . Da , eines Herbstabends , wie ich auf ein lebhaftes » Herein « die Tür des Wohnzimmers öffnete , drang eine ungewohnte Helligkeit mir entgegen ; ich sah , daß eine größere Lampe auf dem Tische brannte und daß außer dem Ehepaar eine mir unbekannte junge Dame in aschfarbenem Linnenkleid zugegen war , welche bei meinem Eintritt die Teeschenke zu versehen schien . Die Hausfrau kam mir entgegen . » Da ist er , der Erwartete ! « rief sie , und die junge Dame an der Hand herbeiziehend , fügte sie hinzu : » Unsere Freundin Else Füßli ; wie Sie dem Namen anhören , eine Schweizerin , und was Sie interessieren wird , aus der Familie , der auch Heinrich Füßli angehörte , dem zuerst die Darstellung des Unheimlichen in der deutschen Kunst gelang ; Sie sehen , ich habe genau behalten , was Sie und mein Wilm mir neulich auseinandersetzten , da wir jenen Füßlischen Nachtmahr , der dort in der Ecke hängt , vor uns auf den Teetisch genommen hatten . « » Er war mein Großoheim « , sage das Mädchen bescheiden . » Und nun kommen Sie zum Tee ! « fuhr meine ältere Freundin fort . » Sie brauchen nicht vorgestellt zu werden , denn Elsi wußte , daß wir unseren Freund , den Doktor Jebe , erwarteten . « Dieser Redestrom , wohl eine Freude über den anmutigen Besuch , kam mir zustatten , denn ein geheimnisvoller Schrecken , zugleich die Empfindung eines schicksalschweren Augenblickes und eines betäubenden Glückes hatten mich getroffen ; es war wie damals auf der Treppe unserer alten Gelehrtenschule : alles um mich her war vergessen , aber vor mir im hellen Lampenlichte sah ich die Augen und das blasse Antlitz meines Nachtgesichtes . Jetzt war mir Zeit geworden , mich zusammenzuraffen ; ich vermochte ein paar Worte zu der Fremden zu sprechen , dann gab ich meinem Freunde die Hand und setzte mich auf den gewohnten Platz . Die Schweizerin saß mir gegenüber , ein wenig zurück und etwas in dem Schatten unserer Hausfrau ; ein zärtliches Licht fiel aus ihren Augen , wenn sie , was oft geschah , dieselben zu ihr kehrte . Mich streiften diese lichtgrauen Sterne nur ein paarmal und wandten sich dann scheu zur Seite , aber mir war , als ob sie heimlich prüfend auf mich sahen . Ich erfuhr im Gespräche , daß Fräulein Else eine Waise