Theodor Storm Eekenhof Es klingt wie eine Sage , und man könnte es fast für eine solche halten ; an mehreren Orten soll es geschehen sein , und die Poeten haben hie und da einen Fetzen davon abgerissen , um ihn , jeder nach seiner Weise , zu verwenden . Dennoch möchte ich eine abgelegene Wiese unserer engeren Heimat , auf welcher die deutlich erkennbare Vertiefung eines jetzt verschütteten Ringgrabens und einige halb zersplitterte Eichenriesen am Rande derselben die Stätte eines einstigen Herrensitzes anzeigen , für den Schauplatz halten , auf welchem diese Schatten der Erinnerung einst in lebendiger Gestalt vorübergingen . Nicht etwa , weil es dort vor Jahren noch in selten ausführlicher Überlieferung erzählt wurde ; aber es ist nachweisbar von Geschlecht zu Geschlecht bis in die Gegenwart heraufgeklommen , und wenn wir die Stufen wieder abwärts steigen , so treffen wir auf den ersten Erzähler , dessen Name in dem noch erhaltenen Kirchenbuche verzeichnet steht , der nicht nur die Uhr des alten Herrenhauses in seinem Dorfe noch hat schlagen hören , wenn just die Luft nach dieser Richtung wehte , sondern der im Vorbeigehen auch noch den alten menschenscheuen Herrn in einsamer Mittagszeit unter einer der großen Eichen sitzen sah , den greisen Kopf unbeweglich nach dem in jähem Verfall begriffenen Gebäude hingewandt . Bei stillem Wetter , wenn etwa die Augustsonne recht heiß vom Himmel brannte , hat man es hören können , wie drinnen der Kalk herabgerieselt , wie es im Gebälk gekracht oder gar , wer mag wissen was , mit dumpfem Fall herabgestürzt ist . Jetzt ist alles längst verschwunden ; aber auf den verstaubten Trümmern eines hölzernen Epitaphiums , welche in meiner Jugend auf dem Boden der dortigen Dorfkirche lagen , war noch das Bild des alten Herrenhauses sichtbar , wie es sich einstöckig mit hohem , fast fensterlosem Unterbau innerhalb des Ringgrabens erhoben hat . Nach der Struktur der beiden Zackengiebel zu urteilen , mußte es im sechzehnten Jahrhundert erbaut sein ; die gegen Morgen belegenen Fenster des oberen Stockwerks schienen in ihrer Zusammenstellung anzudeuten , daß sich dort , wie in den meisten derzeitigen Landsitzen des Adels , zunächst der Stiege die kleinere Winter- und daran in gleicher Lage die geräumige Sommerstube oder , wie man gern zu sagen pflegte , der Rittersaal befunden hatte . Und so stimmt es auch mit jener bis auf uns gekommenen Erzählung ; aus dieser ist sogar noch weiterhin zu schließen , daß man aus dem Saal in einige gegen Abend belegene Kammern habe eintreten und durch diese wieder auf den oberen Flur habe hinausgelangen können . Der Saal selbst aber , welcher die Bildnisse aus dem mütterlichen Geschlechte des letzten , in seiner Jugend verschollenen Eigentümers soll enthalten haben , spielt noch heute in der Phantasie des Volkes eine Rolle ; noch jetzt weiß man von dem Bilde eines jungen blonden Obristers im Reiterkoller aus der Zeit der Grafenfehde , über dessen blasses Antlitz eine blutrote Narbe hingelaufen , und neben diesem von einer stolzen schwarzäugigen Dame mit Reiherfedern auf dem Schlapphute und einem Stieglitz auf der Hand . Das verbundene Geschick dieses Paares soll für das des ganzen Geschlechtes vorbestimmend gewesen sein ; aber die Sage über sie ist verschollen ; nur will man wissen , wenn bei der Ihren einem der Todeskampf begonnen habe , dann sei , wann immer und zu welcher Tages- oder Jahreszeit , ein wundersamer Vogelgesang erschollen und jählings wieder stumm geworden , sobald die Seele sich von ihrem Leib gelöset habe . Neben der Tür aber , welche in eine der westlichen Kammern führte , hing ein anderes Frauenbild , an welches unsere Erzählung ihre Fäden anknüpft . Wenn außerdem die Überlieferung von einem Walde wissen will , an dessen Rande einst das Haus gelegen habe , so gab auch hievon jenes Epitaphienbild eine Andeutung ; denn zur Linken außerhalb des Ringgrabens zeigte sich ein Hecktor , hinter dem sich ein Weg in Bäumen zu verlieren schien . In der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts , um die Zeit , da Herzog Christian Albrecht und der dänische König gemeinschaftlich das Land regierten , ist es gewesen , als dieser Hof – im Volksmunde , wie noch jetzt der Platz , wo einst das Haus gestanden , » Eekenhof « genannt – durch Heirat in den Besitz eines Herrn Hennicke kam , der vordem als Hofjunker unter des Herzogs Leuten lebte . Er ist ein jüngerer Sohn gewesen und soll von seinen Knabenjahren an das Majoratsgut seines Hauses nur mit Neid und Haß in seines ältesten Bruders Hand gesehen haben ; denn Habgier und Verschwendung haben in seinem Herzen sich gestritten . Zum Glücke aber gab es auch schon derzeit jenes zweite Mittel , um mühelos , wie durch Geburt , zu Hab und Gütern zu gelangen ; und es ist auch zweimal glücklich von ihm angewandt worden , so daß späterhin die Rede ging , Herr Hennicke lebe von seinen beiden Weibern , der lebenden und der toten . Die erste , die er freite , war ein scheues Kind vom Lande ; sie hatte weder Eltern noch nahe Blutsfreunde ; aber das Herrenhaus zwischen den alten Eichen war ihr freies Eigen ; dazu der Wald und drunten das Kirchdorf mit den Strohdächern der Pachtbauern und der Hörigen . Nicht aus Lust hatte sie nach ihres Vaters Tode sich in die Stadt begeben ; auch war die Base , der Herzogin Hoffräulein , die sie in ihr Haus geladen hatte , ihr viel zu mutwillig ; aber ihrem Vater , der sehr jung gestorben war , hatte sie geloben müssen , nach seinem Abscheiden für die Sommerstube ihr Bildnis von des Herzogs Maler Jurian Ovens fertigen zu lassen . » Das gehört noch an die leere Stelle « , hatte er gesagt ; » dann kann der Schlüssel abgezogen werden , wir sind dann alle wie in einer Gruft beisammen . « Die düsteren Worte hatten sie erschreckt , und sie hätte sich wohl lieber um eine andere Ursach malen lassen ; aber des Vaters Wille mußte doch geschehen . Und das Bildnis wurde wie sie selber . Das Hoffräulein mochte ihr noch so oft das Kinn emporheben und lachend zu ihr sagen : » Du sollst nur wissen , was für besondere Schönheit an dir ist ! « – die blauen Augen wußten nichts von dieser Schönheit und blickten nach wie vor , als bäten sie nur um Schutz in ihrer Einsamkeit . Daß sie als Braut nach ihrem stillen Herrenhaus zurückkehren sollte , hat sie wohl nicht gedacht ; auch soll die muntere Base oft nachher gesprochen haben , sie habe den schwarzen Henne wohl gerne nicht genommen ; sie hab nur nicht gewagt , ihm nein zu sagen , und da sie einmal ja gesagt , so sei sie viel zu gut und lang nicht klug genug gewesen , ihm wieder nein zu sagen . Als Herr Hennicke zu seiner Hochzeit über die Ziehbrücke in den Eekenhof einritt , war droben an der Wand des Saales , wo das Fest bereitet stand , die leere Stelle ausgefüllt , und die Gäste sahen mit Verwunderung bald auf die stille , in lichtes Gewand gekleidete Braut in ihrer Mitte , bald auf ihr Bild , das , ganz ihr gleichend , ein blühend Myrtenzweiglein in der Hand , aus dunklem Rahmen von der Wand herniederblickte und die Bilderreihe des zu Ende gehenden Geschlechts beschloß . Unter den Hochzeitsgästen ist von der Sippschaft der Braut nur die Base aus der Stadt gesehen worden ; die Freundschaft des Bräutigams sind stolze herrische Männer gewesen , und Herr Hennicke hat mit ihnen getrunken und sich wenig um die Braut gekümmert . Als der Tag vorüber und dann alle , mit ihnen auch die lustige Base , den Eekenhof verlassen hatten , ist die junge Frau in Einsamkeit zurückgeblieben ; denn ihr Eheherr , wenn er nicht zu Gelag und Spiel bei seinen Nachbaren war , hatte draußen genug zu tun , um , wie er sagte , ein richtig Regiment zu schaffen ; die Pachtbauern sollten ganz anders jetzt den Säckel ziehen , der Schweiß der Hörigen ganz anders noch den Acker düngen . Den Vogt und das Gesinde sah er sich mit scharfen Augen an : die alten Diener , deren Knochen ihm nicht stark genug erschienen , hieß er gehen . Seines Weibes Fürbitte , wenn sie sich je und je hervorwagte , hat er mit hartem Wort zurückgeschreckt , daß sie mit scheuem Aufblick stumm geworden ist ; und bald hat sie gezittert , wenn draußen auf der Treppe nur sein Schritt erscholl . Mitunter , wenn sie aus ihrer Wirtschaft über die Brücke hinausgegangen war , sei es , um drüben unter den Eichen ein Weilchen auf der kleinen Bank zu ruhen oder seitwärts durch das Hecktor ein paar Schritte in den Wald zu schlendern , dann ist es wie ein Traum auf sie gekommen , als sei vor Zeiten – und wenn sie nachgesonnen , gar noch nach ihres Vaters Tode – hier große heitere Gesellschaft um sie her gewesen , die diese Orte nun für alle Zeiten verlassen habe , und doch hat sie gewußt , es sei auch damals so einsam hier wie jetzt gewesen , und grübelnd ist sie in das stille Haus zurückgegangen . Dennoch , nachdem die Zeit verlaufen war , ist es gekommen , daß bei einem Gelage in der Nachbarschaft die Gäste auf die Ankunft des erwarteten Erben haben trinken wollen . Als aber ein alter Herr gemeint , man solle zunächst des jungen Weibes denken , daß sie die schwere Stunde glücklich überstehe , ist eine Gegenrede laut geworden : » Was Weib ! Ein Weib ist ein zerbrechlich Ding ! Stoßt an , wir wollen auf den Buben trinken . « Und als Herr Hennicke hierauf nur träg sein Glas erhoben , hat ihm ein anderer lachend zugerufen : » Du sinnst wohl , Hennicke , wenn du dein Weib mit einem Buben tauschen müßtest , wie lang du auf dem Hofe noch den Herrn zu spielen hättest ? Ich will dir rechnen helfen ; mit einundzwanzig Jahren sind die Junker mündig ! « Der halb trunkene Gast mochte nicht weit vom Ziel getroffen haben ; denn Herr Hennicke hat ihn drohend angesehen : » Schweig , Wulf ! Ruf den Tod dir in dein eigen Haus ! « Dann hat er im vollen Haufen angestoßen , daß das Glas zersprungen und der Wein verschüttet ist . Danach aber , wenn er je zuweilen das bleicher werdende Antlitz seines Weibes gesehen hat , sind jene Worte ihm allzeit wieder vor den Ohren und die weinroten Augen des , der sie gesprochen , vor dem innern Blick gewesen . – – Und die schwülen Spätsommermonde sind gekommen . – Und , da ihre schwere Stunde näher rückte , hat das junge Weib die Nachmittage in dem Rittersaal verbracht ; denn hier in dem weiten Raume , dessen Fenster dann im Schatten lagen , war es frisch und kühl . Schon als Mädchen hatte sie gern mit ihrer Arbeit hier gesessen ; jetzt nähte sie eifrig an der kleinen Aussteuer für die Wiege , die voll schwellender Kissen schon daneben in der Kammer stand ; und wenn ein Käppchen oder ein Hemdlein auch nur zur Hälfte fertig war , dann hielt sie ' s vor sich hin und betrachtete es , halb in Entzücken , halb in dunklem Grauen . Früher und noch bis vor kurzem war die Schaffnerin , die alte Maike , ihr zur Gesellschaft dagewesen , aber auch diese hatte Herr Hennicke verabschiedet , weil sie , so sagte er , zu alt in der Herberge geworden sei ; in Wahrheit , weil sie der stummen Klage in seines Weibes Auge unterweilen ihren fertigen und dreisten Mund geliehen hatte . Daher ist jetzt nur die stille Gesellschaft der Bilder ihrer Vorfahren um die junge Frau gewesen ; aber fast von allen wußte sie , sei es , was ihr Leben einst erfüllt oder was , oft jählings , aus demselben sie hinausgetrieben hatte . Einst hatte die alte Maike ihr das erzählt ; jetzt war ihr , wenn sie auf die einen oder andern blickte , als erzählten es die toten Bilder selber , daß ihres Lebens Lust und Jammer nicht vergessen werde . Und von dem milden Antlitz ihres Vaters gingen ihre Blicke stets nach jener fernsten Ecke , wo in dem Schatten der Fensterwand des jungen bleichen Obristers Bildnis hing ; von diesem weiter zu der stolzen Dame mit der Reiherfeder , die jetzt mit ihren dunkeln Augen in das Leere schaute . Dann schrak sie wohl zusammen und ließ die kleine Arbeit aus den Händen fallen ; denn ihr war gewesen , als hübe auf der Dame Hand der Stieglitz seine Flügel , als ob er plötzlich seinen Sang beginnen wolle . Aber wenn sie mit aufgerissenen Augen horchte , so war es totenstill im Saale . Auch einmal , da in der steigenden Dämmerung es immer einsamer um sie geworden war , als auch draußen das Rauschen in den Eichen aufgehört hatte und ihr die müden Hände in den Schoß gesunken waren , ist es über sie gekommen , als wäre in dem leeren Saal nun auch sie selber nicht mehr da , sondern statt ihrer nur noch ihr Bildnis , das mit den anderen in den stillen Raum hinabsehe . Sie hat versucht , die Arme oder den Fuß zu strecken , aber sie hat es nicht vermocht ; ihr ist gewesen , als sei sie nun für immer leblos in den dunkeln Rahmen des Bildes festgebannt . Das finstere Wort des Vaters hat vor ihr gestanden ; doch als es jählings sie durchfuhr , daß dies den Tod bedeuten möge , da hat die Mutterangst aus ihr geschrien : » Mein Kind , mein Kind ! Was soll aus meinem Kinde werden ! « Und mit gelösten Gliedern ist sie aufgesprungen und in dem fast dunkeln Saal umhergewandert ; als sie aber an ihrem eignen Bild vorübergekommen , hat sie geschaudert und ist dann eilig in die Kammer nebenan geflohen , allwo sie mit der teueren Bürde unter ihrem Herzen an der Wiege hingesunken ist . Herr Hennicke hat dies nie erfahren ; aber sein junges Weib hat es in ihrer letzten Not ihrem alten Seelsorger , dem Pastor drunten aus dem Dorfe , anvertraut ; von diesem ist es auf seinen Nachfolger Albertus Petri übertragen worden , welcher vor seinem Dienstantritt als Informator in Herrn Hennickes Hause lebte und später der erste Erzähler dieser Geschichte wurde . Und als die Zeit erfüllt war , sind nach schwerer Angst die Kammerwände von der matten Stimme eines Knäbleins angeschrien worden ; die Mutter selber aber hat am dritten Tage ein Schlaf befallen , aus welchem die Seele nicht mehr Kraft gehabt hat , sich emporzuringen . Und wieder danach am dritten Tage , da eben durch die kleinen Scheiben das letzte Sonnengold hereinleuchtete , ist draußen aus der Abendstille ein süßer Vogelgesang erschollen , obwohl die Zeit des Singens längst vorüber war und schon der Herbst die Blätter von den Bäumen riß . Die Kranke aber ist aus ihrem Fieber aufgefahren und hat mit Wehelaut gerufen : » Der Stieglitz ! Maike , ach , der Stieglitz singt ! « Und als im selben Augenblick Herr Hennicke mit hartem Schritt hereintrat , ist er in jähem Schrecken an der Schwelle festgehalten worden und hat mit vorgerecktem Halse horchend dagestanden . Da war es , als ob der Vogelsang sich nebenan im Bildersaal verliere ; dann ward es völlig still , und auch die Wöchnerin sank stumm in ihre Kissen ; doch als Herr Hennicke herzutrat , lag nur noch seines Weibes Leiche vor ihm . Als bald danach die Wehmutter , welche im Hause verblieben war , das weiße Linnen über der Toten Antlitz deckte , stand der Witwer an der Wiege und starrte schweigend auf das schwache Wesen , das dort in den Kissen um die Lebensluft zu ringen schien . Da trat das Weib auf leisen Sohlen zu ihm . » Betet zu Gott , Herr Hennicke ! « sprach sie ; » aber getröstet Euch nicht , daß Euch das Kind behalten bleibe ! « Er fuhr zusammen und wandte rasch den Kopf . Das Weib erschrak fast , als er sie mit seinen schwarzen Augen ansah . » Das Kind ? Was meinst du ? « rief er . » Daß auch das Kind noch sterben sollte ? « Die Alte wurde fast verwirrt ; er sprach so laut ; doch weder Schreck noch Kummer war in seiner Stimme . » Das liegt in Christi Händen « , sagte sie ; » aber saht Ihr ' s denn nicht ? Es steht ein Lächeln um der Leiche Mund ; so liegen nur , die bald ihr Liebstes nach sich ziehen . « Sie trat zurück , um von der Toten Angesicht das Linnen abzudecken ; aber Herr Hennicke packte raschen Griffes ihren Arm . » Geschwätz « , stieß er mit heiserem Laut hervor , » wenn du nichts anderes zu berichten weißt ! « » Laßt mich , Herr Hennicke ! « sagte die alte Frau . » Ihr seid ein großer Herr ; aber der Toten Angesichter versteh ich besser doch als Ihr ! Harret eine Viertelstunde hier an Eures Kindes Wiege , so werdet Ihr die Gichter kommen sehen . « Und Herr Hennicke blieb und sah die Gichter in dem kleinen Antlitz zucken . Dann schritt er aus der Kammer und durch den Saal ; aber er sah nicht auf , wo seines Weibes Bildnis hing . Eilends stieg er in den Hof hinab , und bald saß er zu Pferde , und seine großen Hunde neben sich , ritt er über die Brücke in die schon dunkelnde Nacht hinaus . Er ritt auf dem engen Wege um den Wald herum , quer über die Felder um das ganze Gutsgebiet ; seine Blicke streiften über das dämmernde Land mit einer Sicherheit , wie sie es nie getan . Der Erbe dieses Grundbesitzes lag sterbend in der Wiege ; er aber war der Vater und der Erbe dieses Erben ! Er stieß seinem Pferde die Sporen in die Weichen , daß es bäumend in die Luft stieg ; aber er zwang es nieder auf die Vorderfüße , seine Faust war kräftiger als je . » Vorwärts ! Wir traben bald auf eigenem Grund und Boden ! « Seine Brust hob sich ; mit Mühe bändigte er ein Jauchzen , das fast die stille Nacht erschüttert hätte . Als er zu Hause von dem schäumenden Rappen stieg , kam ihm die Bauerndirne , die als Kindesmagd war gemietet worden , mit Geheul entgegen : das Kind lag abermals in seinen Gichtern . Am andern Morgen kam der Arzt , und am folgenden Tage kam er wieder ; und während er an der Wiege des Kindes war , ging Herr Hennicke in atemlosem Wandern in der Winterstube auf und ab ; aber die Waage stand immer noch zwischen Tod und Leben . Als am dritten Tage der Doktor zu ihm ins Gemach trat , streckte er Herrn Hennicke die Hand entgegen und sprach mit heiteren Augen : » Die edle Tote hat Euch ein teueres Pfand gelassen ; Gott hat geholfen , Euer Kind wird leben ! « Seit jenem Augenblicke haßte Herr Hennicke den alten Arzt ; noch mehr aber seinen eigenen Sohn . Das Wesen des Mannes wurde seit dem Tode der sanften Frau noch finsterer und gewaltsamer . Wenn die Hörigen säumig waren oder die Pachtbauern mit ihrem Zinse oder den Mast- und Schweinegeldern im Rückstand blieben , ließ er die einen in den Block legen oder peitschen , für die andern suchte er alte , längst vergessene Strafen aus dem Staube der Archive . Freilich , der Gelder konnte er nicht entraten ; denn er liebte Weiber und Gelage und war auf Wochen oftmals in der Stadt , im fröhlichen Verkehre mit des Herzogs Leuten ; und wenn auch noch auf zwei Jahrzehnte der Gutsertrag in seine Kasse floß , er war noch jung , und die Mündigkeit des Kindes traf noch in seine besten Mannesjahre . Wenn der Geburtstag seines Sohnes sich jährte , es war ihm nur ein Merkmal der ihm drohenden Verarmung . Überdies war schwere Zeit damals in den siebenziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts ; Kriegs- und andere Lasten drückten , und der mitregierende König achtete weder des Volkes noch der Stände Rechte . Es half Herrn Hennicke nicht viel , daß er jeden Anlaß nahm , um Bauernfeld in Hoffeld umzuwandeln ; es wurde not , nach einer zweiten Erbtochter mit freiem Eigen auszuschauen ; vielleicht in einer Zeit , wo er weniger als je dazu den Antrieb spürte . Allein es wollte nicht so glücken wie das erste Mal . Auf mehreren Herrensitzen hatte er schon angeklopft ; aber die Töchter waren meistens aus der andern Tür gegangen , wenn er zur einen eingetreten war . Die niedrige Stirn des Mannes unter dem schwarzen , kurzgeschorenen Kraushaar wollte ihnen nicht gefallen ; sie sahen lieber auf ihre Vettern und Freunde , welche schon die zierliche , von Herrn Hennicke stets verschmähte französische Perücke auf ihren jungen Köpfen trugen ; auch munkelte es stark , daß trotz des Freierganges der schwarze Mann von einer niederen Leidenschaft gehalten sei und , gleich dem Bauern , nur das Gut freien gehe . So kam es endlich , daß er zu einem lang gemiedenen saueren Weg sich rüstete . Hinter dem Walde von Eekenhof , von dessen Herrenhaus nur eine halbe Stunde fern , saß eine Erbtochter ganz allein auf ihrem nicht gar großen , aber schuldenfreien Hofe . Sie war ein Waisenkind von etlichen dreißig Jahren , eine herbe wirtschaftliche Jungfrau , deren farbloses Antlitz mit dem glatt gescheitelten Flachshaar stets so sauber gehalten war wie die tannenen Fußböden ihrer Zimmer , von denen die Bauern sagten , daß man den Braten von den Dielen essen könne . Vor etwa zehn Jahren war die Meinung aufgekommen , ein armer Vetter werde bei der wohlhäbigen Base sich ein sicheres Nest erwerben ; aber es war nicht dazu gekommen , und einem neugierigen Frager hatte mit verschmitztem Lächeln der junge Fant erwidert : » Wenn sie nur Brauen auf dem Schädelbogen hätte ! Ich fürchte mich vor ihren nackten Augen ! « Seit jener Zeit hatte die Jungfrau an ihrer Aussteuer nur noch emsiger gesponnen als je zuvor . Des Tages über saß sie allein an ihrem Rade und spähte unterweilen aus ihren kleinen Augen auf die vorbeiführende Heerstraße , ob nicht zu Roß oder zu Wagen ein Freier angefahren komme ; am Abend , zumal im Winter , wenn die Wirtschaftsarbeit abgetan war , schnurrten auch die Räder der leibeigenen Mägde um sie her , und war die Herrin zum Schlaf in ihre Kammer gegangen , so mußten die Dirnen stundenlang noch in der kalten Stube weiterspinnen ; klagten sie am andern Morgen , daß sie mit den steifen Fingern den dicken Wocken , den sie ihnen zur Nacht noch aufzustecken pflegte , nicht völlig hätten zwingen können , so wickelte sie den Flachs um ihre Finger und sengte ihnen denselben daran ab . Sie soll dabei gesagt haben : » Nun wird ' s wohl heiß genug sein für die ganze Woche ! « Da , eines Morgens , als sie von ihrem Spinnrade in den grauen Regentag hinausäugte , kam ein Reiter mit zwei großen Hunden dem Tore ihres Hofes zugetrabt . Ihre dünnen Lippen verzogen sich zum Lächeln ; denn es war Hennicke , den sie seit seiner Frauen Hingang schon jeden Tag erwartet hatte . Sie lächelte sogar noch , wenn auch ein wenig säuerlich , als mit Herrn Hennicke seine Hunde sich ins Zimmer drängten und ihre schmutzigen Tatzen auf die weißen Dielen setzten . Herr Hennicke sah weder ihr süßes noch ihr saures Lächeln ; bald aber ließ er sich von ihr treppauf , treppab im Hause umherführen ; sie schloß ihm , einen nach dem andern , die schweren Eichenschränke auf und wies ihm prunkend die aufgespeicherten Gespinste ; und da nun Land und Sand sich selber lobte , so lobte der Freier auch die Schätze in den Schränken . Die Dirnen aus der Küche aber schlichen ihnen nach , kicherten und guckten um die Ecken und hatten es bald heraus , daß hier ein Liebeswerk im besten Gange sei . Nur eine Bedingung , vielleicht um sicherer die Zügel zu behalten , knüpfte die Jungfer Benedikte an die Vergabung ihrer Hand : der Bräutigam sollte zu ihr auf ihren Erbhof ziehen ; sie wollte nicht auf fremdem Boden wirten . – Und so kam es , daß das alte Haus des Eekenhofs verlassen wurde und nichts zurückblieb als droben in der großen Sommerstube ein paar verblichene Sessel und die Bilder der Verstorbenen . Auch der Erbe des alten Hofes , der kleine Junker Detlev , störte die junge Ehe nicht . Bei seines Vaters Hochzeit war er noch im Dorfe drunten in Kost und Pflege einer Bäuerin ; dann aber hatte die lustige Base den Knaben zu sich in die Stadt genommen ; denn ein Gerücht hatte sich erhoben , daß auf dem Eekenhof das Bild der toten Frau in hellen Mondnächten aus dem Rahmen steige und ihr Kind durch alle leeren Kammern ihres Hauses suche . Seitdem es nun bei einer von den Ihren war , sollte das unruhige Wandern sich verloren haben . Herr Hennicke lachte zwar , als er von einem Nachbarn darauf angesprochen wurde ; der aber meinte , hinter seinen weißen Zähnen sei es dem Hennicke schon recht gewesen , daß sein Lager nicht noch unter dem alten Dache stehe und daß die Tote nun zufrieden schiene . Nicht unrecht mag es ihm auch gewesen sein , daß die wohlhabende Base den Knaben ohne Entgelt aufgenommen hatte ; denn die Zeiten wurden immer knapper , von den Ständen wurde auf den Landtagen immer mehr gefordert , sogar die Kosten der auswärtigen Gesandtschaften waren ihnen letzthin aufgebürdet ; im Hause aber ließ Frau Benedikte ihn zur Genüge darüber hören , daß er nicht zweimal in der Woche , was ihr doch selbst in ihrem Jungfrauenstande allzeit genug gewesen sei , bei Weißfisch und dünnem Bier mit ihr zu Mittag sitzen wollte . Der Kindersegen dieser Ehe war schon im ersten und im zweiten Jahre eingetroffen und damit abgeschlossen worden . Es sind zwei untersetzte , kurzbeinige Buben gewesen ; trotz des Vaters mit schier rotbrandigem Haar , wie auch nach einem schwarzen Juden mitunter wohl ein Rotkopf aufzustehen pflegt . Herr Hennicke hat sie seine beiden Füchse geheißen und an ihren Streichen seine Lust gehabt . Man erzählt , da sie noch klein gewesen , hat er auf ihr Begehr zwei handliche Schubkarren für sie fertigen lassen ; die pflegten sie in einer nahen Sandgrube mit Kieselsteinen aufzufüllen ; dann sind sie damit auf den Hof gezogen , wo auf dem Rasen vor dem Herrenhause sich ein Ring befand , in dem Herr Hennicke seine jungen Rosse an der Leine laufen ließ . In diesem Ringe haben sie mit ihren kurzen Beinen in unsagbarer Hurtigkeit ihre Schubkarren vor sich hergefahren und haben sich von hüben und drüben ihr » Hott ! « und » Hü ! « einander zugerufen , daß also ein Schall entstanden ist , als wenn von einem Haufen Menschen ein großes Werk betrieben würde . Wenn sie aber dessen müde geworden , so haben sie ihre Schubkarren hingestellt und , abermals unter mächtigem Lärmen , sich mit den Steinen nach den Köpfen geworfen , bis diese blutig und die Karren leer gewesen sind . – Ist über solchem Spiel Herr Hennicke auf den Platz gekommen , so hat er , je nach seiner Laune , entweder , die Hände unterm Wams , mit finsterem Angesicht dabeigestanden oder unter kurzem Lachen ein » Drauf , ihr Füchse , drauf ! « den Buben zugerufen . Meistens aber ist aufs letzte Frau Benedikte aus dem Herrenhause über die Freitreppe hinabgeschritten ; da sind die Buben , wenn sie selbige nur kaum aus ihren nackten Augen angesehen hat , wie in Erstarrung stehengeblieben ; und während dann das Weib mit ihren mageren Händen mit jeder einen derselben an seinen rotbrandigen Haaren in das Haus hineinzog , hat Herr Hennicke sich abgewandt und ist zu Roß und Hund in seinen Stall gegangen . – – Zwischen den Buben , oder lieber noch abseits von ihnen , ist mitunter auch ein Dirnlein umhergesprungen , dem ältesten von diesen im Alter etwa um ein halbes Jahr voraus , von schlankem , kräftigem Wuchs , mit schwarzem Kraushaar , darunter ein Paar milde blaue Augen . Sie hat nicht auf den Hof gehört , sondern mit ihrer Großmutter , der Witwe des früheren Försters , in dem Unterbau des Eekenhofs gewohnt ; aber Herr Hennicke hat einen Narren an dem Mädchen gehabt ; er hat auch damals , als die Mutter ihr im Kindbett weggestorben war , sie selber aus der Taufe gehoben , was ihm von Frau Benedikte , mit der er kurz zuvor den Ring gewechselt hatte , nicht eben liebreich aufgenommen war ; denn die Kleine war ein Jungfernkind , ja , die Bauern und Hörigen wußten es an den Fingern , daß sie dem Herrn noch näher als nur durch die Taufe angehöre ; auch daß er statt seines hageren Ehekreuzes wohl gern die schöne Försterstochter heimgeführt hätte , wenn diese nur adeligen Standes oder zum mindesten adeligen Vermögens gewesen wäre . Vor Herrn Hennickes Ohren freilich wurde solch Gerede niemals laut ; auch hätte es ihn weiter nicht gekümmert , als daß er etwa die Schwatzmäuler zu besserem Besinnen in den Block gelegt hätte . Mitunter , wenn ihn seine schwarzen Stunden