Theodor Storm Der Schimmelreiter Was ich zu berichten beabsichtige , ist mir vor reichlich einem halben Jahrhundert im Hause meiner Urgroßmutter , der alten Frau Senator Feddersen , kundgeworden , während ich , an ihrem Lehnstuhl sitzend , mich mit dem Lesen eines in blaue Pappe eingebundenen Zeitschriftenheftes beschäftigte ; ich vermag mich nicht mehr zu entsinnen , ob von den » Leipziger « oder von » Pappes Hamburger Lesefrüchten « . Noch fühl ich es gleich einem Schauer , wie dabei die linde Hand der über Achtzigjährigen mitunter liebkosend über das Haupthaar ihres Urenkels hinglitt . Sie selbst und jene Zeit sind längst begraben ; vergebens auch habe ich seitdem jenen Blättern nachgeforscht , und ich kann daher um so weniger weder die Wahrheit der Tatsachen verbürgen , als , wenn jemand sie bestreiten wollte , dafür aufstehen ; nur so viel kann ich versichern , daß ich sie seit jener Zeit , obgleich sie durch keinen äußeren Anlaß in mir aufs neue belebt wurden , niemals aus dem Gedächtnis verloren habe . Es war im dritten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts , an einem Oktobernachmittag – so begann der damalige Erzähler – , als ich bei starkem Unwetter auf einem nordfriesischen Deich entlangritt . Zur Linken hatte ich jetzt schon seit über einer Stunde die öde , bereits von allem Vieh geleerte Marsch , zur Rechten , und zwar in unbehaglichster Nähe , das Wattenmeer der Nordsee ; zwar sollte man vom Deiche aus auf Halligen und Inseln sehen können ; aber ich sah nichts als die gelbgrauen Wellen , die unaufhörlich wie mit Wutgebrüll an den Deich hinaufschlugen und mitunter mich und das Pferd mit schmutzigem Schaum bespritzten ; dahinter wüste Dämmerung , die Himmel und Erde nicht unterscheiden ließ ; denn auch der halbe Mond , der jetzt in der Höhe stand , war meist von treibendem Wolkendunkel überzogen . Es war eiskalt ; meine verklommenen Hände konnten kaum den Zügel halten , und ich verdachte es nicht den Krähen und Möwen , die sich fortwährend krächzend und gackernd vom Sturm ins Land hineintreiben ließen . Die Nachtdämmerung hatte begonnen , und schon konnte ich nicht mehr mit Sicherheit die Hufen meines Pferdes erkennen ; keine Menschenseele war mir begegnet , ich hörte nichts als das Geschrei der Vögel , wenn sie mich oder meine treue Stute fast mit den langen Flügeln streiften , und das Toben von Wind und Wasser . Ich leugne nicht , ich wünschte mich mitunter in sicheres Quartier . Das Wetter dauerte jetzt in den dritten Tag , und ich hatte mich schon über Gebühr von einem mir besonders lieben Verwandten auf seinem Hofe halten lassen , den er in einer der nördlicheren Harden besaß . Heute aber ging es nicht länger ; ich hatte Geschäfte in der Stadt , die auch jetzt wohl noch ein paar Stunden weit nach Süden vor mir lag , und trotz aller Überredungskünste des Vetters und seiner lieben Frau , trotz der schönen selbstgezogenen Perinette- und Grand-Richard-Äpfel , die noch zu probieren waren , am Nachmittag war ich davongeritten . » Wart nur , bis du ans Meer kommst « , hatte er noch an seiner Haustür mir nachgerufen : » du kehrst noch wieder um ; dein Zimmer wird dir vorbehalten ! « Und wirklich , einen Augenblick , als eine schwarze Wolkenschicht es pechfinster um mich machte und gleichzeitig die heulenden Böen mich samt meiner Stute vom Deich herabzudrängen suchten , fuhr es mir wohl durch den Kopf : › Sei kein Narr ! Kehr um und setz dich zu deinen Freunden ins warme Nest . ‹ Dann aber fiel ' s mir ein , der Weg zurück war wohl noch länger als der nach meinem Reiseziel ; und so trabte ich weiter , den Kragen meines Mantels um die Ohren ziehend . Jetzt aber kam auf dem Deiche etwas gegen mich heran ; ich hörte nichts ; aber immer deutlicher , wenn der halbe Mond ein karges Licht herabließ , glaubte ich eine dunkle Gestalt zu erkennen , und bald , da sie näher kam , sah ich es , sie saß auf einem Pferde , einem hochbeinigen hageren Schimmel ; ein dunkler Mantel flatterte um ihre Schultern , und im Vorbeifliegen sahen mich zwei brennende Augen aus einem bleichen Antlitz an . Wer war das ? Was wollte der ? – Und jetzt fiel mir bei , ich hatte keinen Hufschlag , kein Keuchen des Pferdes vernommen ; und Roß und Reiter waren doch hart an mir vorbeigefahren ! In Gedanken darüber ritt ich weiter , aber ich hatte nicht lange Zeit zum Denken , schon fuhr es von rückwärts wieder an mir vorbei ; mir war , als streifte mich der fliegende Mantel , und die Erscheinung war , wie das erste Mal , lautlos an mir vorübergestoben . Dann sah ich sie fern und ferner vor mir ; dann war ' s , als säh ich plötzlich ihren Schatten an der Binnenseite des Deiches hinuntergehen . Etwas zögernd ritt ich hinterdrein . Als ich jene Stelle erreicht hatte , sah ich hart am Deich im Kooge unten das Wasser einer großen Wehle blinken – so nennen sie dort die Brüche , welche von den Sturmfluten in das Land gerissen werden und die dann meist als kleine , aber tiefgründige Teiche stehen bleiben . Das Wasser war , trotz des schützenden Deiches , auffallend bewegt ; der Reiter konnte es nicht getrübt haben ; ich sah nichts weiter von ihm . Aber ein anderes sah ich , das ich mit Freuden jetzt begrüßte : vor mir , von unten aus dem Kooge , schimmerten eine Menge zerstreuter Lichtscheine zu mir herauf ; sie schienen aus jenen langgestreckten friesischen Häusern zu kommen , die vereinzelt auf mehr oder minder hohen Werften lagen ; dicht vor mir aber auf halber Höhe des Binnendeiches lag ein großes Haus derselben Art ; an der Südseite , rechts von der Haustür , sah ich alle Fenster erleuchtet ; dahinter gewahrte ich Menschen und glaubte trotz des Sturmes sie zu hören . Mein Pferd war schon von selbst auf den Weg am Deich hinabgeschritten , der mich vor die Tür des Hauses führte . Ich sah wohl , daß es ein Wirtshaus war ; denn vor den Fenstern gewahrte ich die sogenannten » Ricks « , das heißt auf zwei Ständern ruhende Balken mit großen eisernen Ringen , zum Anbinden des Viehes und der Pferde , die hier haltmachten . Ich band das meine an einen derselben und überwies es dann dem Knechte , der mir beim Eintritt in den Flur entgegenkam . » Ist hier Versammlung ? « frug ich ihn , da mir jetzt deutlich ein Geräusch von Menschenstimmen und Gläserklirren aus der Stubentür entgegendrang . » Is wull so wat « , entgegnete der Knecht auf plattdeutsch und ich erfuhr nachher , daß dieses neben dem Friesischen hier schon seit über hundert Jahren im Schwange gewesen sei – , » Diekgraf und Gevollmächtigten un wecke von de annern Interessenten ! Dat is um ' t hoge Water ! « Als ich eintrat , sah ich etwa ein Dutzend Männer an einem Tische sitzen , der unter den Fenstern entlanglief ; eine Punschbowle stand darauf , und ein besonders stattlicher Mann schien die Herrschaft über sie zu führen . Ich grüßte und bat , mich zu ihnen setzen zu dürfen , was bereitwillig gestattet wurde . » Sie halten hier die Wacht ! « sagte ich , mich zu jenem Manne wendend , » es ist bös Wetter draußen ; die Deiche werden ihre Not haben ! « » Gewiß « , erwiderte er ; » wir , hier an der Ostseite , aber glauben , jetzt außer Gefahr zu sein ; nur drüben an der andern Seite ist ' s nicht sicher , die Deiche sind dort meist noch mehr nach altem Muster ; unser Hauptdeich ist schon im vorigen Jahrhundert umgelegt . – Uns ist vorhin da draußen kalt geworden , und Ihnen « , setzte er hinzu , » wird es ebenso gegangen sein ; aber wir müssen hier noch ein paar Stunden aushalten ; wir haben sichere Leute draußen , die uns Bericht erstatten . « Und ehe ich meine Bestellung bei dem Wirte machen konnte , war schon ein dampfendes Glas mir hingeschoben . Ich erfuhr bald , daß mein freundlicher Nachbar der Deichgraf sei ; wir waren ins Gespräch gekommen , und ich hatte begonnen , ihm meine seltsame Begegnung auf dem Deiche zu erzählen . Er wurde aufmerksam , und ich bemerkte plötzlich , daß alles Gespräch umher verstummt war . » Der Schimmelreiter ! « rief einer aus der Gesellschaft , und eine Bewegung des Erschreckens ging durch die übrigen . Der Deichgraf war aufgestanden . » Ihr braucht nicht zu erschrecken « , sprach er über den Tisch hin ; » das ist nicht bloß für uns ; Anno 17 hat es auch denen drüben gegolten ; mögen sie auf alles vorgefaßt sein ! « Mich wollte nachträglich ein Grauen überlaufen . » Verzeiht ! « sprach ich , » was ist das mit dem Schimmelreiter ? « Abseits hinter dem Ofen , ein wenig gebückt , saß ein kleiner hagerer Mann in einem abgeschabten schwarzen Röcklein ; die eine Schulter schien ein wenig ausgewachsen . Er hatte mit keinem Worte an der Unterhaltung der andern teilgenommen , aber seine bei dem spärlichen grauen Haupthaar noch immer mit dunklen Wimpern besäumten Augen zeigten deutlich , daß er nicht zum Schlaf hier sitze . Gegen diesen streckte der Deichgraf seine Hand . » Unser Schulmeister « , sagte er mit erhobener Stimme , » wird von uns hier Ihnen das am besten erzählen können ; freilich nur in seiner Weise und nicht so richtig , wie zu Haus meine alte Wirtschafterin Antje Vollmers es beschaffen würde . « » Ihr scherzet , Deichgraf ! « kam die etwas kränkliche Stimme des Schulmeisters hinter dem Ofen hervor , » daß Ihr mir Euern dummen Drachen wollt zur Seite stellen ! « » Ja , ja , Schulmeister ! « erwiderte der andere , » aber bei den Drachen sollen derlei Geschichten am besten in Verwahrung sein ! « » Freilich ! « sagte der kleine Herr ; » wir sind hierin nicht ganz derselben Meinung « ; und ein überlegenes Lächeln glitt über das feine Gesicht . » Sie sehen wohl « , raunte der Deichgraf mir ins Ohr ; » er ist immer noch ein wenig hochmütig er hat in seiner Jugend einmal Theologie studiert und ist nur einer verfehlten Brautschaft wegen hier in seiner Heimat als Schulmeister behangen geblieben . « Dieser war inzwischen aus seiner Ofenecke hervorgekommen und hatte sich neben mir an den langen Tisch gesetzt . » Erzählt , erzählt nur , Schulmeister « , riefen ein paar der Jüngeren aus der Gesellschaft . » Nun freilich « , sagte der Alte , sich zu mir wendend , » will ich gern zu Willen sein ; aber es ist viel Aberglaube dazwischen und eine Kunst , es ohne diesen zu erzählen . « » Ich muß Euch bitten , den nicht auszulassen « , erwiderte ich ; » traut mir nur zu , daß ich schon selbst die Spreu vom Weizen sondern werde ! « Der Alte sah mich mit verständnisvollem Lächeln an . " Nun also ! " sagte er . " In der Mitte des vorigen Jahrhunderts , oder vielmehr , um genauer zu bestimmen , vor und nach derselben , gab es hier einen Deichgrafen , der von Deich- und Sielsachen mehr verstand , als Bauern und Hofbesitzer sonst zu verstehen pflegen ; aber es reichte doch wohl kaum , denn was die studierten Fachleute darüber niedergeschrieben , davon hatte er wenig gelesen ; sein Wissen hatte er sich , wenn auch von Kindesbeinen an , nur selber ausgesonnen . Ihr hörtet wohl schon , Herr , die Friesen rechnen gut , und habet auch wohl schon über unsern Hans Mommsen von Fahretoft reden hören , der ein Bauer war und doch Bussolen und Seeuhren , Teleskopen und Orgeln machen konnte . Nun , ein Stück von solch einem Manne war auch der Vater des nachherigen Deichgrafen gewesen ; freilich wohl nur ein kleines . Er hatte ein paar Fennen , wo er Raps und Bohnen baute , auch eine Kuh graste , ging unterweilen im Herbst und Frühjahr auch aufs Landmessen und saß im Winter , wenn der Nordwest von draußen kam und an seinen Läden rüttelte , zu ritzen und zu prickeln , in seiner Stube . Der Junge saß meist dabei und sah über seine Fibel oder Bibel weg dem Vater zu , wie er maß und berechnete , und grub sich mit der Hand in seinen blonden Haaren . Und eines Abends frug er den Alten , warum denn das , was er eben hingeschrieben hatte , gerade so sein müsse und nicht anders sein könne , und stellte dann eine eigene Meinung darüber auf . Aber der Vater , der darauf nicht zu antworten wußte , schüttelte den Kopf und sprach : » Das kann ich dir nicht sagen ; genug , es ist so , und du selber irrst dich . Willst du mehr wissen , so suche morgen aus der Kiste , die auf unserm Boden steht , ein Buch , einer , der Euklid hieß , hat ' s geschrieben ; das wird ' s dir sagen ! « – – Der Junge war tags darauf zum Boden gelaufen und hatte auch bald das Buch gefunden ; denn viele Bücher gab es überhaupt nicht in dem Hause ; aber der Vater lachte , als er es vor ihm auf den Tisch legte . Es war ein holländischer Euklid , und Holländisch , wenngleich es doch halb Deutsch war , verstanden alle beide nicht . » Ja , ja « , sagte er , » das Buch ist noch von meinem Vater , der verstand es ; ist denn kein deutscher da ? « Der Junge , der von wenig Worten war , sah den Vater ruhig an und sagte nur : » Darf ich ' s behalten ? Ein deutscher ist nicht da . « Und als der Alte nickte , wies er noch ein zweites , halb zerrissenes Büchlein vor . » Auch das ? « frug er wieder . » Nimm sie alle beide ! « sagte Tede Haien ; » sie werden dir nicht viel nützen . « Aber das zweite Buch war eine kleine holländische Grammatik , und da der Winter noch lange nicht vorüber war , so hatte es , als endlich die Stachelbeeren in ihrem Garten wieder blühten , dem Jungen schon so weit geholfen , daß er den Euklid , welcher damals stark im Schwange war , fast überall verstand . Es ist mir nicht unbekannt , Herr " , unterbrach sich der Erzähler , " daß dieser Umstand auch von Hans Mommsen erzählt wird ; aber vor dessen Geburt ist hier bei uns schon die Sache von Hauke Haien – so hieß der Knabe – berichtet worden . Ihr wisset auch wohl , es braucht nur einmal ein Größerer zu kommen , so wird ihm alles aufgeladen , was in Ernst oder Schimpf seine Vorgänger einst mögen verübt haben . Als der Alte sah , daß der Junge weder für Kühe noch Schafe Sinn hatte und kaum gewahrte , wenn die Bohnen blühten , was doch die Freude von jedem Marschmann ist , und weiterhin bedachte , daß die kleine Stelle wohl mit einem Bauer und einem Jungen , aber nicht mit einem Halbgelehrten und einem Knecht bestehen könne , ingleichen , daß er auch selber nicht auf einen grünen Zweig gekommen sei , so schickte er seinen großen Jungen an den Deich , wo er mit andern Arbeitern von Ostern bis Martini Erde karren mußte . › Das wird ihn vom Euklid kurieren ‹ , sprach er bei sich selber . Und der Junge karrte ; aber den Euklid hatte er allzeit in der Tasche , und wenn die Arbeiter ihr Frühstück oder Vesper aßen , saß er auf seinem umgestülpten Schubkarren mit dem Buche in der Hand . Und wenn im Herbst die Fluten höher stiegen und manch ein Mal die Arbeit eingestellt werden mußte , dann ging er nicht mit den andern nach Haus , sondern blieb , die Hände über die Knie gefaltet , an der abfallenden Seeseite des Deiches sitzen und sah stunden lang zu , wie die trüben Nordseewellen immer höher an die Grasnarbe des Deiches hinaufschlugen ; erst wenn ihm die Füße überspült waren und der Schaum ihm ins Gesicht spritzte , rückte er ein paar Fuß höher und blieb dann wieder sitzen . Er hörte weder das Klatschen des Wassers noch das Geschrei der Möwen und Strandvögel , die um oder über ihm flogen und ihn fast mit ihren Flügeln streiften , mit den schwarzen Augen in die seinen blitzend ; er sah auch nicht , wie vor ihm über die weite , wilde Wasserwüste sich die Nacht ausbreitete ; was er allein hier sah , war der brandende Saum des Wassers , der , als die Flut stand , mit hartem Schlage immer wieder dieselbe Stelle traf und vor seinen Augen die Grasnarbe des steilen Deiches auswusch . Nach langem Hinstarren nickte er wohl langsam mit dem Kopfe oder zeichnete , ohne aufzusehen , mit der Hand eine weiche Linie in die Luft , als ob er dem Deiche damit einen sanfteren Abfall geben wollte . Wurde es so dunkel , daß alle Erdendinge vor seinen Augen verschwanden und nur die Flut ihm in die Ohren donnerte , dann stand er auf und trabte halb durchnäßt nach Hause . Als er so eines Abends zu seinem Vater in die Stube trat , der an seinen Meßgeräten putzte , fuhr dieser auf : » Was treibst du draußen ? Du hättest ja versaufen können ; die Wasser beißen heute in den Deich . « Hauke sah ihn trotzig an . – » Hörst du mich nicht ? Ich sag , du hättst versaufen können . « » Ja « , sagte Hauke ; » ich bin doch nicht versoffen ! « » Nein « , erwiderte nach einer Weile der Alte und sah ihm wie abwesend ins Gesicht – » diesmal noch nicht . « » Aber « , sagte Hauke wieder , » unsere Deiche sind nichts wert ! « – » Was für was , Junge ? « » Die Deiche , sag ich ! « – » Was sind die Deiche ? « » Sie taugen nichts , Vater ! « erwiderte Hauke . Der Alte lachte ihm ins Gesicht . » Was denn , Junge ? Du bist wohl das Wunderkind aus Lübeck ! « Aber der Junge ließ sich nicht irren . » Die Wasserseite ist zu steil « , sagte er ; » wenn es einmal kommt , wie es mehr als einmal schon gekommen ist , so können wir hier auch hinterm Deich ersaufen ! « Der Alte holte seinen Kautabak aus der Tasche , drehte einen Schrot ab und schob ihn hinter die Zähne . » Und wieviel Karren hast du heut geschoben ? « frug er ärgerlich ; denn er sah wohl , daß auch die Deicharbeit bei dem Jungen die Denkarbeit nicht hatte vertreiben können . » Weiß nicht , Vater « , sagte dieser , » so , was die an dern machten ; vielleicht ein halbes Dutzend mehr ; aber – die Deiche müssen anders werden ! « » Nun « , meinte der Alte und stieß ein Lachen aus ; » du kannst es ja vielleicht zum Deichgraf bringen ; dann mach sie anders ! « » Ja , Vater ! « erwiderte der Junge . Der Alte sah ihn an und schluckte ein paarmal ; dann ging er aus der Tür ; er wußte nicht , was er dem Jungen antworten sollte . Auch als zu Ende Oktobers die Deicharbeit vorbei war , blieb der Gang nordwärts nach dem Haff hinaus für Hauke Haien die beste Unterhaltung ; den Allerheiligentag , um den herum die Äquinoktialstürme zu tosen pflegen , von dem wir sagen , daß Friesland ihn wohl beklagen mag , erwartete er , wie heut die Kinder , das Christfest . Stand eine Springflut bevor , so konnte man sicher sein , er lag trotz Sturm und Wetter weit draußen am Deiche mutterseelenallein ; und wenn die Möwen gackerten , wenn die Wasser gegen den Deich tobten und beim Zurückrollen ganze Fetzen von der Grasdecke mit ins Meer hinabrissen , dann hätte man Haukes zorniges Lachen hören können . » Ihr könnt nichts Rechtes « , schrie er in den Lärm hinaus , » so wie die Menschen auch nichts können ! « Und endlich , oft im Finstern , trabte er aus der weiten Öde den Deich entlang nach Hause , bis seine aufgeschossene Gestalt die niedrige Tür unter seines Vaters Rohrdach erreicht hatte und darunter durch in das kleine Zimmer schlüpfte . Manchmal hatte er eine Faust voll Kleierde mitgebracht ; dann setzte er sich neben den Alten , der ihn jetzt gewähren ließ , und knetete bei dem Schein der dünnen Unschlittkerze allerlei Deichmodelle , legte sie in ein flaches Gefäß mit Wasser und suchte darin die Ausspülung der Wellen nachzumachen , oder er nahm seine Schiefertafel und zeichnete darauf das Profil der Deiche nach der Seeseite , wie es nach seiner Meinung sein mußte . Mit denen zu verkehren , die mit ihm auf der Schulbank gesessen hatten , fiel ihm nicht ein ; auch schien es , als ob ihnen an dem Träumer nichts gelegen sei . Als es wieder Winter geworden und der Frost hereingebrochen war , wanderte er noch weiter , wohin er früher nie gekommen , auf den Deich hinaus , bis die unabsehbare eisbedeckte Fläche der Watten vor ihm lag . Im Februar bei dauerndem Frostwetter wurden angetriebene Leichen aufgefunden ; draußen am offenen Haff auf den gefrorenen Watten hatten sie gelegen . Ein junges Weib , die dabeigewesen war , als man sie in das Dorf geholt hatte , stand redselig vor dem alten Haien . » Glaubt nicht , daß sie wie Menschen aussahen « , rief sie ; » nein , wie die Seeteufel ! So große Köpfe « , und sie hielt die ausgespreizten Hände von weitem gegeneinander , » gnidderschwarz und blank , wie frischgebacken Brot ! Und die Krabben hatten sie angeknabbert ; und die Kinder schrien laut , als sie sie sahen ! « Dem alten Haien war so was just nichts Neues . » Sie haben wohl seit November schon in See getrieben ! « sagte er gleichmütig . Hauke stand schweigend daneben ; aber sobald er konnte , schlich er sich auf den Deich hinaus ; es war nicht zu sagen , wollte er noch nach weiteren Toten suchen , oder zog ihn nur das Grauen , das noch auf den jetzt verlassenen Stellen brüten mußte . Er lief weiter und weiter , bis er einsam in der Öde stand , wo nur die Winde über den Deich wehten , wo nichts war als die klagenden Stimmen der großen Vögel , die rasch vorüberschossen ; zu seiner Linken die leere weite Marsch , zur andern Seite der unabsehbare Strand mit seiner jetzt vom Eise schimmernden Fläche der Watten ; es war , als liege die ganze Welt in weißem Tod . Hauke blieb oben auf dem Deiche stehen , und seine scharfen Augen schweiften weit umher ; aber von Toten war nichts mehr zu sehen ; nur wo die unsichtbaren Wattströme sich darunter drängten , hob und senkte die Eisfläche sich in stromartigen Linien . Er lief nach Hause ; aber an einem der nächsten Abende war er wiederum da draußen . Auf jenen Stellen war jetzt das Eis gespalten ; wie Rauchwolken stieg es aus den Rissen , und über das ganze Watt spann sich ein Netz von Dampf und Nebel , das sich seltsam mit der Dämmerung des Abends mischte . Hauke sah mit starren Augen darauf hin ; denn in dem Nebel schritten dunkle Gestalten auf und ab , sie schienen ihm so groß wie Menschen . Würdevoll , aber mit seltsamen , erschreckenden Gebärden ; mit langen Nasen und Hälsen sah er sie fern an den rauchenden Spalten auf und ab spazieren ; plötzlich begannen sie wie Narren unheimlich auf und ab zu springen , die großen über die kleinen und die kleinen gegen die großen ; dann breiteten sie sich aus und verloren alle Form . › Was wollen die ? Sind es die Geister der Ertrunkenen ? ‹ dachte Hauke . » Hoiho ! « schrie er laut in die Nacht hinaus ; aber die draußen kehrten sich nicht an seinen Schrei , sondern trieben ihr wunderliches Wesen fort . Da kamen ihm die furchtbaren norwegischen Seegespenster in den Sinn , von denen ein alter Kapitän ihm einst erzählt hatte , die statt des Angesichts einen stumpfen Pull von Seegras auf dem Nacken tragen ; aber er lief nicht fort , sondern bohrte die Hacken seiner Stiefel fest in den Klei des Deiches und sah starr dem possenhaften Unwesen zu , das in der einfallenden Dämmerung vor seinen Augen fortspielte . » Seid ihr auch hier bei uns ? « sprach er mit harter Stimme ; » ihr sollt mich nicht vertreiben ! « Erst als die Finsternis alles bedeckte , schritt er steifen , langsamen Schrittes heimwärts . Aber hinter ihm drein kam es wie Flügelrauschen und hallendes Geschrei . Er sah nicht um ; aber er ging auch nicht schneller und kam erst spät nach Hause ; doch niemals soll er seinem Vater oder einem andern davon erzählt haben . Erst viele Jahre später hat er sein blödes Mädchen , womit später der Herrgott ihn belastete , um dieselbe Tages- und Jahreszeit mit sich auf den Deich hinausgenommen , und dasselbe Wesen soll sich derzeit draußen auf den Watten gezeigt haben ; aber er hat ihr gesagt , sie solle sich nicht fürchten , das seien nur die Fischreiher und die Krähen , die im Nebel so groß und fürchterlich erschienen ; die holten sich die Fische aus den offenen Spalten . » Weiß Gott , Herr ! « unterbrach sich der Schulmeister , » es gibt auf Erden allerlei Dinge , die ein ehrlich Christenherz verwirren können ; aber der Hauke war weder ein Narr noch ein Dummkopf . « Da ich nichts erwiderte , wollte er fortfahren ; aber unter den übrigen Gästen , die bisher lautlos zugehört hatten , nur mit dichterem Tabaksqualm das niedrige Zimmer füllend , entstand eine plötzliche Bewegung ; erst einzelne , dann fast alle wandten sich dem Fenster zu . Draußen – man sah es durch die unverhangenen Fenster – trieb der Sturm die Wolken , und Licht und Dunkel jagten durcheinander ; aber auch mir war es , als hätte ich den hageren Reiter auf seinem Schimmel vorbeisausen gesehen . » Wart Er ein wenig , Schulmeister ! « sagte der Deichgraf leise . » Ihr braucht Euch nicht zu fürchten , Deichgraf ! « erwiderte der kleine Erzähler , » ich habe ihn nicht geschmäht und hab auch dessen keine Ursach « ; und er sah mit seinen kleinen , klugen Augen zu ihm auf . » Ja , ja « , meinte der andere , » laß Er Sein Glas nur wieder füllen . « Und nachdem das geschehen war und die Zuhörer , meist mit etwas verdutzten Gesichtern , sich wieder zu ihm gewandt hatten , fuhr er in seiner Geschichte fort : " So für sich , und am liebsten nur mit Wind und Wasser und mit den Bildern der Einsamkeit verkehrend , wuchs Hauke zu einem langen , hageren Burschen auf . Er war schon über ein Jahr lang eingesegnet , da wurde es auf einmal anders mit ihm , und das kam von dem alten weißen Angorakater , welchen der alten Trin ' Jans einst ihr später verunglückter Sohn von seiner spanischen Seereise mitgebracht hatte . Trin ' wohnte ein gut Stück hinaus auf dem Deiche in einer kleinen Kate , und wenn die Alte in ihrem Hause herumarbeitete , so pflegte diese Unform von einem Kater vor der Haustür zu sitzen und in den Sommertag und nach den vorüberfliegenden Kiebitzen hinauszublinzeln . Ging Hauke vorbei , so mauzte der Kater ihn an , und Hauke nickte ihm zu ; die beiden wußten , was sie miteinander hatten . Nun aber war ' s einmal im Frühjahr , und Hauke lag nach seiner Gewohnheit oft draußen am Deich , schon weiter unten dem Wasser zu , zwischen Strandnelken und dem duftenden Seewermut , und ließ sich von der schon kräftigen Sonne bescheinen . Er hatte sich tags zuvor droben auf der Geest die Taschen voll von Kieseln gesammelt , und als in der Ebbezeit die Watten bloßgelegt waren und die kleinen grauen Strandläufer schreiend darüber hinhuschten , holte er jählings einen Stein hervor und warf ihn nach den Vögeln . Er hatte das von Kindesbeinen an geübt , und meistens blieb einer auf dem Schlicke liegen ; aber ebensooft war er dort auch nicht zu holen ; Hauke hatte schon daran gedacht , den Kater mitzunehmen und als apportierenden Jagdhund zu dressieren . Aber es gab auch hier und dort feste Stellen oder Sandlager ; solchenfalls lief er hinaus und holte sich seine Beute selbst . Saß der Kater bei seiner Rückkehr noch vor der Haustür , dann schrie das Tier vor nicht zu bergender Raubgier so lange , bis Hauke ihm einen der erbeuteten Vögel zuwarf . Als er heute , seine Jacke auf der Schulter , heimging , trug er nur einen ihm noch unbekannten , aber wie