Theodor Storm Aquis Submersus In unserem zu dem früher herzoglichen Schlosse gehörigen , seit Menschengedenken aber ganz vernachlässigten » Schloßgarten « waren schon in meiner Knabenzeit die einst im altfranzösischen Stile angelegten Hagebuchenhecken zu dünnen , gespenstischen Alleen ausgewachsen ; da sie indessen immerhin noch einige Blätter tragen , so wissen wir Hiesigen , durch Laub der Bäume nicht verwöhnt , sie gleichwohl auch in dieser Form zu schätzen ; und zumal von uns nachdenklichen Leuten wird immer der eine oder andre dort zu treffen sein . Wir pflegen dann unter dem dürftigen Schatten nach dem sogenannten » Berg « zu wandern , einer kleinen Anhöhe in der nordwestlichen Ecke des Gartens oberhalb dem ausgetrockneten Bette eines Fischteiches , von wo aus der weitesten Aussicht nichts im Wege steht . Die meisten mögen wohl nach Westen blicken , um sich an dem lichten Grün der Marschen und darüberhin an der Silberflut des Meeres zu ergötzen , auf welcher das Schattenspiel der langgestreckten Insel schwimmt ; meine Augen wenden unwillkürlich sich nach Norden , wo , kaum eine Meile fern , der graue spitze Kirchturm aus dem höher belegenen , aber öden Küstenlande aufsteigt ; denn dort liegt eine von den Stätten meiner Jugend . Der Pastorssohn aus jenem Dorfe besuchte mit mir die » Gelehrtenschule « meiner Vaterstadt , und unzählige Male sind wir am Sonnabendnachmittage zusammen dahinaus gewandert , um dann am Sonntagabend oder montags früh zu unserem Nepos oder später zu unserem Cicero nach der Stadt zurückzukehren . Es war damals auf der Mitte des Weges noch ein gut Stück ungebrochener Heide übrig , wie sie sich einst nach der einen Seite bis fast zur Stadt , nach der anderen ebenso gegen das Dorf erstreckt hatte . Hier summten auf den Blüten des duftenden Heidekrauts die Immen und weißgrauen Hummeln und rannte unter den dürren Stengeln desselben der schöne goldgrüne Laufkäfer ; hier in den Duftwolken der Eriken und des harzigen Gagelstrauches schwebten Schmetterlinge , die nirgends sonst zu finden waren . Mein ungeduldig dem Elternhause zustrebender Freund hatte oft seine liebe Not , seinen träumerischen Genossen durch all die Herrlichkeiten mit sich fortzubringen ; hatten wir jedoch das angebaute Feld erreicht , dann ging es auch um desto munterer vorwärts , und bald , wenn wir nur erst den langen Sandweg hinaufwateten , erblickten wir auch schon über dem dunkeln Grün einer Fliederhecke den Giebel des Pastorhauses , aus dem das Studierzimmer des Pastors mit seinen kleinen blinden Fensterscheiben auf die bekannten Gäste hinabgrüßte . Bei den Pastorsleuten , deren einziges Kind mein Freund war , hatten wir allezeit , wie wir hier zu sagen pflegen , fünf Quartier auf der Elle , ganz abgesehen von der wunderbaren Naturalverpflegung . Nur die Silberpappel , der einzig hohe und also auch einzig verlockende Baum des Dorfes , welche ihre Zweige ein gut Stück oberhalb des bemoosten Strohdaches rauschen ließ , war gleich dem Apfelbaum des Paradieses uns verboten und wurde daher nur heimlich von uns erklettert ; sonst war , soviel ich mich entsinne , alles erlaubt und wurde ja nach unserer Altersstufe bestens von uns ausgenutzt . Der Hauptschauplatz unserer Taten war die große » Priesterkoppel « , zu der ein Pförtchen aus dem Garten führte . Hier wußten wir mit dem den Buben angeborenen Instinkte die Nester der Lerchen und der Grauammern aufzuspüren , denen wir dann die wiederholtesten Besuche abstatteten , um nachzusehen , wie weit in den letzten zwei Stunden die Eier oder die Jungen nun gediehen seien ; hier auf einer tiefen und , wie ich jetzt meine , nicht weniger als jene Pappel gefährlichen Wassergrube , deren Rand mit alten Weidenstümpfen dicht umstanden war , fingen wir die flinken schwarzen Käfer , die wir » Wasserfranzosen « nannten , oder ließen wir ein andermal unsere auf einer eigens angelegten Werft erbaute Kriegsflotte aus Walnußschalen und Schachteldeckeln schwimmen . Im Spätsommer geschah es dann auch wohl , daß wir aus unserer Koppel einen Raubzug nach des Küsters Garten machten , welcher gegenüber dem des Pastorates an der anderen Seite der Wassergrube lag ; denn wir hatten dort von zwei verkrüppelten Apfelbäumen unseren Zehnten einzuheimsen , wofür uns freilich gelegentlich eine freundschaftliche Drohung von dem gutmütigen alten Manne zuteil wurde . – So viele Jugendfreuden wuchsen auf dieser Priesterkoppel , in deren dürrem Sandboden andere Blumen nicht gedeihen wollten ; nur den scharfen Duft der goldknopfigen Rainfarren , die hier haufenweis auf allen Wällen standen , spüre ich noch heute in der Erinnerung , wenn jene Zeiten mir lebendig werden . Doch alles dieses beschäftigte uns nur vorübergehend ; meine dauernde Teilnahme dagegen erregte ein anderes , dem wir selbst in der Stadt nichts an die Seite zu setzen hatten . – Ich meine damit nicht etwa die Röhrenbauten der Lehmwespen , die überall aus den Mauerfugen des Stalles hervorragten , obschon es anmutig genug war , in beschaulicher Mittagsstunde das Aus- und Einfliegen der emsigen Tierchen zu beobachten ; ich meine den viel größeren Bau der alten und ungewöhnlich stattlichen Dorfkirche . Bis an das Schindeldach des hohen Turmes war sie von Grund auf aus Granitquadern aufgebaut und beherrschte , auf dem höchsten Punkt des Dorfes sich erhebend , die weite Schau über Heide , Strand und Marschen . – Die meiste Anziehungskraft für mich hatte indes das Innere der Kirche ; schon der ungeheure Schlüssel , der von dem Apostel Petrus selbst zu stammen schien , erregte meine Phantasie . Und in der Tat erschloß er auch , wenn wir ihn glücklich dem alten Küster abgewonnen hatten , die Pforte zu manchen wunderbaren Dingen , aus denen eine längst vergangene Zeit hier wie mit finstern , dort mit kindlich frommen Augen , aber immer in geheimnisvollem Schweigen zu uns Lebenden aufblickte . Da hing mitten in die Kirche hinab ein schrecklich übermenschlicher Crucifixus , dessen hagere Glieder und verzerrtes Antlitz mit Blüte überrieselt waren ; dem zur Seite an einem Mauerpfeiler haftete gleich einem Nest die braungeschnitzte Kanzel , an der aus Frucht- und Blattgewinden allerlei Tier-und Teufelsfratzen sich hervorzudrängen schienen . Besondere Anziehung aber übte der große geschnitzte Altarschrank im Chor der Kirche , auf dem in bemalten Figuren die Leidensgeschichte Christi dargestellt war ; so seltsam wilde Gesichter , wie das des Kaiphas oder die der Kriegsknechte , welche in ihren goldenen Harnischen um des Gekreuzigten Mantel würfelten , bekam man draußen im Alltagsleben nicht zu sehen ; tröstlich damit kontrastierte nur das holde Antlitz der am Kreuze hingesunkenen Maria ; ja , sie hätte leicht mein Knabenherz mit einer phantastischen Neigung bestricken können , wenn nicht ein anderes mit noch stärkerem Reize des Geheimnisvollen mich immer wieder von ihr abgezogen hätte . Unter all diesen seltsamen oder wohl gar unheimlichen Dingen hing im Schiff der Kirche das unschuldige Bildnis eines toten Kindes , eines schönen , etwa fünfjährigen Knaben , der , auf einem mit Spitzen besetzten Kissen ruhend , eine weiße Wasserlilie in seiner kleinen bleichen Hand hielt . Aus dem zarten Antlitz sprach neben dem Grauen des Todes , wie hülfeflehend , noch eine letzte holde Spur des Lebens ; ein unwiderstehliches Mitleid befiel mich , wenn ich vor diesem Bilde stand . Aber es hing nicht allein hier ; dicht daneben schaute aus dunklem Holzrahmen ein finsterer , schwarzbärtiger Mann in Priesterkragen und Sammar . Mein Freund sagte mir , es sei der Vater jenes schönen Knaben ; dieser selbst , so gehe noch heute die Sage , solle einst in der Wassergrube unserer Priesterkoppel seinen Tod gefunden haben . Auf dem Rahmen lasen wir die Jahreszahl 1666 ; das war lange her . Immer wieder zog es mich zu diesen beiden Bildern ; ein phantastisches Verlangen ergriff mich , von dem Leben und Sterben des Kindes eine nähere , wenn auch noch so karge Kunde zu erhalten ; selbst aus dem düsteren Antlitz des Vaters , das trotz des Priesterkragens mich fast an die Kriegsknechte des Altarschranks gemahnen wollte , suchte ich sie herauszulesen . – – Nach solchen Studien in dem Dämmerlicht der alten Kirche erschien dann das Haus der guten Pastorsleute nur um so gastlicher . Freilich war es gleichfalls hoch zu Jahren , und der Vater meines Freundes hoffte , so lange ich denken konnte , auf einen Neubau ; da aber die Küsterei an derselben Altersschwäche litt , so wurde weder hier noch dort gebaut . – Und doch , wie freundlich waren trotzdem die Räume des alten Hauses ; im Winter die kleine Stube rechts , im Sommer die größere links vom Hausflur , wo die aus den Reformationsalmanachen herausgeschnittenen Bilder in Mahagonirähmchen an der weißgetünchten Wand hingen , wo man aus dem westlichen Fenster nur eine ferne Windmühle , außerdem aber den ganzen weiten Himmel vor sich hatte , der sich abends in rosenrotem Schein verklärte und dann das ganze Zimmer überglänzte ! Die lieben Pastorsleute , die Lehnstühle mit den roten Plüschkissen , das alte tiefe Sofa , auf dem Tisch beim Abendbrot der traulich sausende Teekessel – es war alles helle , freundliche Gegenwart . Nur eines Abends – wir waren derzeit schon Sekundaner – kam mir der Gedanke , welch eine Vergangenheit an diesen Räumen hafte , ob nicht gar jener tote Knabe einst mit frischen Wangen hier leibhaftig umhergesprungen sei , dessen Bildnis jetzt wie mit einer wehmütig holden Sage den düsteren Kirchenraum erfüllte . Veranlassung zu solcher Nachdenklichkeit mochte geben , daß ich am Nachmittage , wo wir auf meinen Antrieb wieder einmal die Kirche besucht hatten , unten in einer dunkeln Ecke des Bildes vier mit roter Farbe geschriebene Buchstaben entdeckt hatte , die mir bis jetzt entgangen waren . » Sie lauten C.P.A.S. « , sagte ich zu dem Vater meines Freundes ; » aber wir können sie nicht enträtseln . « » Nun « , erwiderte dieser , » die Inschrift ist mir wohl bekannt ; und nimmt man das Gerücht zu Hülfe , so möchten die beiden letzten Buchstaben wohl mit Aquis submersus , also mit › Ertrunken ‹ oder wörtlich › Im Wasser versunken ‹ zu deuten sein ; nur mit dem vorangehenden C. P. wäre man dann noch immer in Verlegenheit ! Der junge Adjunktus unseres Küsters , der einmal die Quarta passiert ist , meint zwar , es könne Casu periculoso – › Durch gefährlichen Zufall ‹ – heißen ; aber die alten Herren jener Zeit dachten logischer ; wenn der Knabe dabei ertrank , so war der Zufall nicht nur bloß gefährlich . « Ich hatte begierig zugehört . » Casu « , sagte ich ; » es könnte auch wohl › Culpa ‹ heißen ? « » Culpa ? « wiederholte der Pastor . » Durch Schuld ? – aber durch wessen Schuld ? « Da trat das finstere Bild des alten Predigers mir vor die Seele , und ohne viel Besinnen rief ich : » Warum nicht : Culpa patris ? « Der gute Pastor war fast erschrocken . » Ei , ei , mein junger Freund « , sagte er und erhob warnend den Finger gegen mich . » Durch Schuld des Vaters ? – So wollen wir trotz seines düsteren Ansehens meinen seligen Amtsbruder doch nicht beschuldigen . Auch würde er dergleichen wohl schwerlich von sich haben schreiben lassen . « Dies letztere wollte auch meinem jugendlichen Verstande einleuchten ; und so blieb denn der eigentliche Sinn der Inschrift nach wie vor ein Geheimnis der Vergangenheit . Daß übrigens jene beiden Bilder sich auch in der Malerei wesentlich vor einigen alten Predigerbildnissen auszeichneten , welche gleich daneben hingen , war mir selbst schon klargeworden ; daß aber Sachverständige in dem Maler einen tüchtigen Schüler altholländischer Meister erkennen wollten , erfuhr ich freilich jetzt erst durch den Vater meines Freundes . Wie jedoch ein solcher in dieses arme Dorf verschlagen worden oder woher er gekommen und wie er geheißen habe , darüber wußte auch er mir nichts zu sagen . Die Bilder selbst enthielten weder einen Namen noch ein Malerzeichen . Die Jahre gingen hin . Während wir die Universität besuchten , starb der gute Pastor , und die Mutter meines Schulgenossen folgte später ihrem Sohne auf dessen inzwischen anderswo erreichte Pfarrstelle ; ich hatte keine Veranlassung mehr , nach jenem Dorfe zu wandern . – Da , als ich selbst schon in meiner Vaterstadt wohnhaft war , geschah es , daß ich für den Sohn eines Verwandten ein Schülerquartier bei guten Bürgersleuten zu besorgen hatte . Der eigenen Jugendzeit gedenkend , schlenderte ich im Nachmittagssonnenscheine durch die Straßen , als mir an der Ecke des Marktes über der Tür eines alten hochgegiebelten Hauses eine plattdeutsche Inschrift in die Augen fiel , die verhochdeutscht etwa lauten würde : Gleich so wie Rauch und Staub verschwindt , Also sind auch die Menschenkind . Die Worte mochten für jugendliche Augen wohl nicht sichtbar sein ; denn ich hatte sie nie bemerkt , sooft ich auch in meiner Schulzeit mir einen Heißewecken bei dem dort wohnenden Bäcker geholt hatte . Fast unwillkürlich trat ich in das Haus ; und in der Tat , es fand sich hier ein Unterkommen für den jungen Vetter . Die Stube ihrer alten » Möddersch « ( Mutterschwester ) – so sagte mir der freundliche Meister – , von der sie Haus und Betrieb geerbt hätten , habe seit Jahren leer gestanden ; schon lange hätten sie sich einen jungen Gast dafür gewünscht . Ich wurde eine Treppe hinaufgeführt , und wir betraten dann ein ziemlich niedriges , altertümlich ausgestattetes Zimmer , dessen beide Fenster mit ihren kleinen Scheiben auf den geräumigen Marktplatz hinausgingen . Früher , erzählte der Meister , seien zwei uralte Linden vor der Tür gewesen ; aber er habe sie schlagen lassen , da sie allzusehr ins Haus gedunkelt und auch hier die schöne Aussicht ganz verdeckt hätten . Über die Bedingungen wurden wir bald in allen Teilen einig ; während wir dann aber noch über die jetzt zu treffende Einrichtung des Zimmers sprachen , war mein Blick auf ein im Schatten eines Schrankes hängendes Ölgemälde gefallen , das plötzlich meine ganze Aufmerksamkeit hinwegnahm . Es war noch wohlerhalten und stellte einen älteren , ernst und milde blickenden Mann dar , in einer dunklen Tracht , wie in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sie diejenigen aus den vornehmeren Ständen zu tragen pflegten , welche sich mehr mit Staatssachen oder gelehrten Dingen als mit dem Kriegshandwerke beschäftigten . Der Kopf des alten Herrn , so schön und anziehend und so trefflich gemalt er immer sein mochte , hatte indessen nicht diese Erregung in mir hervorgebracht ; aber der Maler hatte ihm einen blassen Knaben in den Arm gelegt , der in seiner kleinen , schlaff herabhängenden Hand eine weiße Wasserlilie hielt ; – und diesen Knaben kannte ich ja längst . Auch hier war es wohl der Tod , der ihm die Augen zugedrückt hatte . » Woher ist dieses Bild ? « frug ich endlich , da mir plötzlich bewußt wurde , daß der vor mir stehende Meister mit seiner Auseinandersetzung innegehalten hatte . Er sah mich verwundert an . » Das alte Bild ? Das ist von unserer Möddersch « , erwiderte er ; » es stammt von ihrem Urgroßonkel , der ein Maler gewesen und vor mehr als hundert Jahren hier gewohnt hat . Es sind noch andre Siebensachen von ihm da . « Bei diesen Worten zeigte er nach einer kleinen Lade von Eichenholz , auf welcher allerlei geometrische Figuren recht zierlich eingeschnitten waren . Als ich sie von dem Schranke , auf dem sie stand , herunternahm , fiel der Deckel zurück , und es zeigten sich mir als Inhalt einige stark vergilbte Papierblätter mit sehr alten Schriftzügen . » Darf ich die Blätter lesen ? « frug ich . » Wenn ' s Ihnen Pläsier macht « , erwiderte der Meister , » so mögen Sie die ganze Sache mit nach Hause nehmen ; es sind so alte Schriften ; Wert steckt nicht darin . « Ich aber erbat mir und erhielt auch die Erlaubnis , diese wertlosen Schriften hier an Ort und Stelle lesen zu dürfen ; und während ich mich dem alten Bilde gegenüber in einen mächtigen Ohrenlehnstuhl setzte , verließ der Meister das Zimmer , zwar immer noch erstaunt , doch gleichwohl die freundliche Verheißung zurücklassend , daß seine Frau mich bald mit einer guten Tasse Kaffee regalieren werde . Ich aber las und hatte im Lesen bald alles um mich her vergessen . * So war ich denn wieder daheim in unserm Holstenlande ; am Sonntage Cantate war es Anno 1661 ! – Mein Malgeräth und sonstiges Gepäcke hatte ich in der Stadt zurückgelassen und wanderte nun fröhlich fürbaß , die Straße durch den maiengrünen Buchenwald , der von der See ins Land hinaufsteigt . Vor mir her flogen ab und zu ein paar Waldvöglein und letzeten ihren Durst an dem Wasser , so in den tiefen Radgeleisen stund ; denn ein linder Regen war gefallen über Nacht und noch gar früh am Vormittage , so daß die Sonne den Waldesschatten noch nicht überstiegen hatte . Der helle Drosselschlag , der von den Lichtungen zu mir scholl , fand seinen Widerhall in meinem Herzen . Durch die Bestellungen , so mein theurer Meister van der Helst im letzten Jahre meines Amsterdamer Aufenthalts mir zugewendet , war ich aller Sorge quitt geworden ; einen guten Zehrpfennig und einen Wechsel auf Hamburg trug ich noch itzt in meiner Taschen ; dazu war ich stattlich angethan : mein Haar fiel auf mein Mäntelchen mit feinem Grauwerk , und der Lütticher Degen fehlte nicht an meiner Hüfte . Meine Gedanken aber eilten mir voraus ; immer sah ich Herrn Gerhardus , meinen edlen großgünstigen Protector , wie er von der Schwelle seines Zimmers mir die Hände würd ' entgegenstrecken , mit seinem milden Gruße : » So segne Gott deinen Eingang , mein Johannes ! « Er hatte einst mit meinem lieben , ach , gar zu früh in die ewige Herrlichkeit genommenen Vater zu Jena die Rechte studiret und war auch nachmals den Künsten und Wissenschaften mit Fleiße obgelegen , so daß er dem Hochseligen Herzog Friederich bei seinem edlen , wiewohl wegen der Kriegsläufte vergeblichen Bestreben um Errichtung einer Landesuniversität ein einsichtiger und eifriger Berather gewesen . Obschon ein adeliger Mann , war er meinem lieben Vater doch stets in Treuen zugethan blieben , hatte auch nach dessen seligem Hintritt sich meiner verwaiseten Jugend mehr , als zu verhoffen , angenommen und nicht allein meine sparsamen Mittel aufgebessert , sondern auch durch seine fürnehme Bekanntschaft unter dem Holländischen Adel es dahin gebracht , daß mein theuerer Meister van der Helst mich zu seinem Schüler angenommen . Meinte ich doch zu wissen , daß der verehrte Mann unversehrt auf seinem Herrenhofe sitze , wofür dem Allmächtigen nicht genug zu danken ; denn , derweilen ich in der Fremde mich der Kunst beflissen , war da heim die Kriegsgreuel über das Land gekommen ; so zwar , daß die Truppen , die gegen den kriegswüthigen Schweden dem Könige zum Beistand hergezogen , fast ärger als die Feinde selbst gehauset , ja selbst der Diener Gottes mehrere in jämmerlichen Tod gebracht . Durch den plötzlichen Hintritt des Schwedischen Carolus war nun zwar Friede ; aber die grausamen Stapfen des Krieges lagen überall ; manch Bauern- oder Käthnerhaus , wo man mich als Knaben mit einem Trunke süßer Milch bewirthet , hatte ich auf meiner Morgenwanderung niedergesenget am Wege liegen sehen und manches Feld in ödem Unkraut , darauf sonst um diese Zeit der Roggen seine grünen Spitzen trieb . Aber solches beschwerete mich heut nicht allzu sehr ; ich hatte nur Verlangen , wie ich dem edlen Herrn durch meine Kunst beweisen möchte , daß er Gab und Gunst an keinen Unwürdigen verschwendet habe ; dachte auch nicht an Strolche und verlaufen Gesindel , das vom Kriege her noch in den Wäldern Umtrieb halten sollte . Wohl aber tückete mich ein anderes , und das war der Gedanke an den Junker Wulf . Er war mir nimmer hold gewesen , hatte wohl gar , was sein edler Vater an mir gethan , als einen Diebstahl an ihm selber angesehen ; und manches Mal , wenn ich , wie öfters nach meines lieben Vaters Tode , im Sommer die Vacanz auf dem Gute zubrachte , hatte er mir die schönen Tage vergället und versalzen . Ob er anitzt in seines Vaters Hause sei , war mir nicht kund geworden , hatte nur vernommen , daß er noch vor dem Friedensschlusse bei Spiel und Becher mit den Schwedischen Offiziers Verkehr gehalten , was mit rechter Holstentreue nicht zu reimen ist . Indem ich dieß bei mir erwog , war ich aus dem Buchenwalde in den Richtsteig durch das Tannenhölzchen geschritten , das schon dem Hofe nahe liegt . Wie liebliche Erinnerung umhauchte mich der Würzeduft des Harzes ; aber bald trat ich aus dem Schatten in den vollen Sonnenschein hinaus ; da lagen zu beiden Seiten die mit Haselbüschen eingehegten Wiesen , und nicht lange , so wanderte ich zwischen den zwo Reihen gewaltiger Eichbäume , die zum Herrensitz hinaufführen . Ich weiß nicht , was für ein bang Gefühl mich plötzlich überkam , ohn alle Ursach , wie ich derzeit dachte ; denn es war eitel Sonnenschein umher , und vom Himmel herab klang ein gar herzlich und ermunternd Lerchensingen . Und siehe , dort auf der Koppel , wo der Hofmann seinen Immenhof hat , stand ja auch noch der alte Holzbirnenbaum und flüsterte mit seinen jungen Blättern in der blauen Luft . » Grüß dich Gott ! « sagte ich leis , gedachte dabei aber weniger des Baumes , als vielmehr des holden Gottesgeschöpfes , in dem , wie es sich nachmals fügen mußte , all Glück und Leid und auch all nagende Buße meines Lebens beschlossen sein sollte , für jetzt und alle Zeit . Das war des edlen Herrn Gerhardus Töchterlein , des Junkers Wulfen einzig Geschwister . Item , es war bald nach meines lieben Vaters Tode , als ich zum ersten Mal die ganze Vacanz hier verbrachte ; sie war derzeit ein neunjährig Dirnlein , die ihre braunen Zöpfe lustig fliegen ließ ; ich zählte um ein paar Jahre weiter . So trat ich eines Morgens aus dem Thorhaus ; der alte Hofmann Dieterich , der ober der Einfahrt wohnt und neben dem als einem getreuen Mann mir mein Schlafkämmerlein eingeräumt war , hatte mir einen Eschenbogen zugerichtet , mir auch die Bolzen von tüchtigem Blei dazu gegossen , und ich wollte nun auf die Raubvögel , deren genug bei dem Herrenhaus umherschrien ; da kam sie vom Hofe auf mich zugesprungen . » Weißt du , Johannes « , sagte sie ; » ich zeig dir ein Vogelnest ; dort in dem hohlen Birnbaum ; aber das sind Rotschwänzchen , die darfst du ja nicht schießen ! « Damit war sie schon wieder vorausgesprungen ; doch eh sie noch dem Baum auf zwanzig Schritte nah gekommen , sah ich sie jählings stille stehn . » Der Buhz , der Buhz ! « schrie sie und schüttelte wie entsetzt ihre beiden Händlein in der Luft . Es war aber ein großer Waldkauz , der ober dem Loche des hohlen Baumes saß und hinabschauete , ob er ein ausfliegend Vögelein erhaschen möge . » Der Buhz , der Buhz ! « schrie die Kleine wieder . » Schieß , Johannes , schieß ! « – Der Kauz aber , den die Freßgier taub gemacht , saß noch immer und stierete in die Höhlung . Da spannte ich meinen Eschenbogen und schoß , daß das Raubthier zappelnd auf dem Boden lag ; aus dem Baume aber schwang sich ein zwitschernd Vöglein in die Luft . Seit der Zeit waren Katharina und ich zwei gute Gesellen mit einander ; in Wald und Garten , wo das Mägdlein war , da war auch ich . Darob aber mußte mir gar bald ein Feind erstehen ; das war der Kurt von der Risch , dessen Vater eine Stunde davon auf seinem reichen Hofe saß . In Begleitung seines gelahrten Hofmeisters , mit dem Herr Gerhardus gern der Unterhaltung pflag , kam er oftmals auf Besuch ; und da er jünger war als Junker Wulf , so war er wohl auf mich und Katharinen angewiesen ; insonders aber schien das braune Herrentöchterlein ihm zu gefallen . Doch war das schier umsonst ; sie lachte nur über seine krumme Vogelnase , die ihm , wie bei fast allen des Geschlechtes , unter buschigem Haupthaar zwischen zwei merklich runden Augen saß . Ja , wenn sie seiner nur von fern gewahrte , so reckte sie wohl ihr Köpfchen vor und rief : » Johannes , der Buhz , der Buhz ! « Dann versteckten wir uns hinter den Scheunen oder rannten wohl auch spornstreichs in den Wald hinein , der sich in einem Bogen um die Felder und danach wieder dicht an die Mauern des Gartens hinauszieht . Darob , als der von der Risch deß inne wurde , kam es oftmals zwischen uns zum Haarraufen , wobei jedoch , da er mehr hitzig denn stark war , der Vortheil meist in meinen Händen blieb . Als ich , um von Herrn Gerhardus Urlaub zu nehmen , vor meiner Ausfahrt in die Fremde zum letzten Mal , jedoch nur kurze Tage , hier verweilte , war Katharina schon fast wie eine Jungfrau ; ihr braunes Haar lag itzt in einem goldnen Netz gefangen ; in ihren Augen , wenn sie die Wimpern hob , war oft ein spielend Leuchten , das mich schier beklommen machte . Auch war ein alt gebrechlich Fräulein ihr zur Obhut beigegeben , so man im Hause nur » Bas ' Ursel « nannte ; sie ließ das Kind nicht aus den Augen und ging überall mit einer langen Tricotage neben ihr . Als ich so eines Octobernachmittags im Schatten der Gartenhecken mit beiden auf und ab wandelte , kam ein lang aufgeschossener Gesell , mit spitzenbesetztem Lederwams und Federhut ganz alamode gekleidet , den Gang zu uns herauf ; und siehe da , es war der Junker Kurt , mein alter Widersacher . Ich merkte allsogleich , daß er noch immer bei seiner schönen Nachbarin zu Hofe ging ; auch daß insonders dem alten Fräulein solches zu gefallen schien . Das war ein » Herr Baron « auf alle Frag ' und Antwort ; dabei lachte sie höchst obligeant mit einer widrig feinen Stimme und hob die Nase unmäßig in die Luft ; mich aber , wenn ich ja ein Wort dazwischen gab , nannte sie stetig » Er « oder kurzweg auch » Johannes « , worauf der Junker dann seine runden Augen einkniff und im Gegentheile that , als sähe er auf mich herab , obschon ich ihn um halben Kopfes Länge überragte . Ich blickte auf Katharinen ; die aber kümmerte sich nicht um mich , sondern ging sittig neben dem Junker , ihm manierlich Red und Antwort gebend ; den kleinen rothen Mund aber verzog mitunter ein spöttisch stolzes Lächeln , so daß ich dachte : › Getröste dich , Johannes ; der Herrensohn schnellt itzo deine Waage in die Luft ! ‹ Trotzig blieb ich zurück und ließ die andern dreie vor mir gehen . Als aber diese in das Haus getreten waren und ich davor noch an Herrn Gerhardus ' Blumenbeeten stand , darüber brütend , wie ich , gleich wie vormals , mit dem von der Risch ein tüchtig Haarraufen beginnen möchte , kam plötzlich Katharina wieder zurückgelaufen , riß neben mir eine Aster von den Beeten und flüsterte mir zu : » Johannes , weißt du was ? Der Buhz sieht einem jungen Adler gleich ; Bas ' Ursel hat ' s gesagt ! « Und fort war sie wieder , eh ich mich ' s versah . Mir aber war auf einmal all Trotz und Zorn wie weggeblasen . Was kümmerte mich itzund der Herr Baron ! Ich lachte hell und fröhlich in den güldnen Tag hinaus : denn bei den übermüthigen Worten war wieder jenes süße Augenspiel gewesen . Aber diesmal hatte es mir gerad ins Herz geleuchtet . Bald danach ließ mich Herr Gerhardus auf sein Zimmer rufen ; er zeigte mir auf einer Karte noch einmal , wie ich die weite Reise nach Amsterdam zu machen habe , übergab mir Briefe an seine Freunde dort und sprach dann lange mit mir , als meines lieben seligen Vaters Freund . Denn noch selbigen Abends hatte ich zur Stadt zu gehen , von wo ein Bürger mich auf seinem Wagen mit nach Hamburg nehmen wollte . Als nun der Tag hinabging , nahm ich Abschied . Unten im Zimmer saß Katharina an einem Stickrahmen ; ich mußte der Griechischen Helena gedenken , wie ich sie jüngst in einem Kupferwerk gesehen ; so schön erschien mir der junge Nacken , den das Mädchen eben über ihre Arbeit neigte . Aber sie war nicht allein ; ihr gegenüber saß Bas ' Ursel und las laut aus einem französischen Geschichtenbuche . Da ich näher trat , hob sie die Nase nach mir zu . » Nun , Johannes « , sagte sie , » Er will mir wohl Ade sagen ? So kann Er auch dem Fräulein gleich Seine Reverenze machen ! « – Da war schon Katharina von ihrer Arbeit aufgestanden ; aber indem sie mir die Hand reichte , traten die Junker Wulf und Kurt mit großem Geräusch ins Zimmer ; und sie sagte nur : » Leb wohl , Johannes ! « Und so ging ich fort . Im Thorhaus drückte ich dem alten Dieterich die Hand , der Stab und Ranzen schon für mich bereit hielt ; dann wanderte ich zwischen den Eichbäumen auf die Waldstraße zu . Aber mir war dabei , als könne ich nicht recht fort , als hätt ich einen Abschied noch zu Gute , und