Zum wilden Mann Erzählung Erstes Kapitel Sie machten weit und breit ihre Bemerkungen über das Wetter , und es war wirklich ein Wetter , über das jedermann seine Bemerkungen laut werden lassen durfte , ohne Schaden an seiner Reputation zu leiden . Es war ein dem Anscheine nach dem Menschen außergewöhnlich unfreundlicher Tag gegen das Ende des Oktober , der eben in den Abend oder vielmehr die Nacht überging . Weiter hinauf im Gebirge war schon am Morgen ein gewaltiger Wolkenbruch niedergegangen , und die Vorberge hatten ebenfalls ihr Teil bekommen , wenn auch nicht ganz so arg als Volk , Vieh , Wald , Fels , Berg und Tal weiter oben . Sie waren unter den Vorbergen nordwärts vollkommen zufrieden mit dem , was sie erhalten hatten , und hätten gern auf alles Weitere verzichtet , allein das Weitere und übrige kam , und sie hatten es hinzunehmen , wie es kam . Ihre Anmerkungen durften sie freilich darüber machen ; niemand hinderte sie . Es regnete stoßweise in die nahende Dunkelheit hinein , und stoßweise durchgellte ein scharfer , beißender Nordwind , ein geborener Isländer oder gar Spitzbergener , aus der norddeutschen Tiefebene her die Lüfte , die Schlöte und die Ohren und ärgerte sich sehr an dem Gebirge , das er , wie es schien , ganz gegen seine Vermutung auf seinem Wege nach Süden gefunden hatte . Er war aber mit der Nase daraufgestoßen oder vielleicht auch daraufgestoßen worden und heulte gleich einem bösen Buben , der gleichfalls mit dem erwähnten Glied auf irgend etwas aufmerksam gemacht und hingewiesen wurde . Ohne alle Umschreibung : der Herbstabend kam früh , war dunkel und recht stürmisch ; – wer noch auf der Landstraße oder auf den durchweichten Wegen zwischen den nassen Feldern sich befand , beeilte sich , das Wirtshaus oder das Haus zu erreichen ; und wir , das heißt der Erzähler und die Freunde , welche er aus dem deutschen Bund in den norddeutschen und aus diesem in das neue Reich mit sich hinübergenommen hat – wir beeilen uns ebenfalls , unter das schützende Dach dieser neuen Geschichte zu gelangen . Der Abend wird gemeiniglich eher Nacht , als man für möglich hielt ; so auch diesmal . Es ist recht sehr Nacht geworden . Wieder und wieder fegt der Regen in Strömen von rechts nach links über die mit kahlen Obstbäumen eingefaßte Straße . Wir halten , kurz atmend , die Hand über die Augen , uns nach einem Lichtschein in irgendeiner Richtung vor uns umsehend . Es müssen da langgestreckte , in ihrer Länge kaum zu berechnende Dörfer vor uns , dem Gebirge zu , liegen , und der geringste Lampenschimmer südwärts würde uns die tröstende Versicherung geben , daß wir uns einem dieser Dörfer näherten . Vergeblich ! Pferdehufe , Rädergeroll , Menschentritte hinter uns ? Wer weiß ? Wir eilen weiter , und plötzlich haben wir das , was wir so sehnlich herbeiwünschen , zu unserer Linken dicht am Pfade . Da ist das Licht , welches durch eine Menschenhand angezündet wurde . Eine plötzliche Wendung des Weges um dunkles Gebüsch bringt es uns überraschend schnell vor die Augen , und wir stehen vor der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ . Ein zweistöckiges , dem Anscheine nach recht solides Haus mit einer Vortreppe liegt zur Seite der Straße vor uns , ringsum rauschende , triefende Bäume – gegenüber zur Rechten der Straße ein anderes Haus – weiter hin , durch schwächeren Lichterschein sich kennzeichnend , wieder andere Menschenwohnungen : der Anfang einer dreiviertel Stunde gegen die Berge sich hinziehenden Dorfgasse . Das Dorf besteht übrigens nur aus dieser einen Gasse ; sie genügt aber dem , der sie zu durchwandern hat , vollkommen ; und wer sie durchwanderte , steht gewöhnlich am Ausgange mehrere Augenblicke still , sieht sich um und vor allen Dingen zurück und äußert seine Meinung in einer je nach dem Charakter , Alter und Geschlecht verschiedenen Weise . Da wir den Ausgang oder Eingang jedoch aber erst erreichen , sind wir noch nicht hierzu verpflichtet . Wir suchen einfach , wie gesagt , vorerst unter Dach zu kommen und eilen rasch die sechs Stufen der Vortreppe hinauf ; der Erzähler mit aufgespanntem Schirm von links , der Leser , gleichfalls mit aufgespanntem Schirm , von rechts . Schon hat der Erzähler die Tür hastig geöffnet und zieht sich den atemlosen Leser nach , und schon hat der Wind dem Erzähler den Türgriff wieder aus der Hand gerissen und hinter ihm und dem Leser die Tür zugeschlagen , daß das ganze Haus widerhallt : wir sind darin , in dem Hause sowohl wie in der Geschichte vom wilden Mann ! – – Daß wir uns in einer Apotheke befinden , merken wir auf der Stelle auch am Geruche . Die erleuchteten zwei Fenster , welche wir von der durchweichten , regen- und sturmwindgeschlagenen Landstraße aus erblickten , waren die der Offizin , und die Lampe an der Decke darin warf ihr Licht durch die breiten Schiebfenster auch auf die Hausflur . In der pharmazeutischen Werkstätte herrschte außer dem bekannten Duft die gleichfalls wohlbekannte Ordnung und Reinlichkeit der deutschen Apotheken . Die weißen mit blauen Buchstaben und hin und wieder mit schwarzen Totenköpfen und den beiden Armknochen bezeichneten Büchsen und Gläser in den Fächern an den Wänden , die blanken Mörser und grünschwarzen Steinreibeschalen , die Waagschalen und alle übrigen Gerätschaften sahen ordentlich angenehm und anlockend aus . Wäre die schreckliche Bank , auf welcher die meisten von uns schon einmal in fiebernder Angst und Beklemmung saßen und warteten , nicht gewesen , das Werkzeug und Geräte der hohen Kunst hätte jedermann das höchste Vertrauen einflößen müssen . Aber die böse Bank ! Der abgeriebene schlimme Stuhl ! – Wir saßen eben schon darauf – vielleicht wohl am hellen , frostklaren Winternachmittag oder noch viel schlimmer in der stillen , warmen , der entsetzlichen , wenngleich noch so schönen Sommernacht ; wir trauen den Büchsen und Gläsern , den Flaschen , Waagschalen und Reibeschalen wenig , wir erinnern uns nur , wie wir damals dem ruhiggemessenen , geheimnisvollen Wirken des Mannes hinter dem Arbeitstische wild und dumm zusahen . In der Offizin befand sich augenblicklich niemand ; aber es fiel noch ein Lichtschein aus einem anstoßenden Zimmerchen , dessen Tür halb geöffnet stand . Und mit dem Scheine drang ein anderer Duft ein , der die apothekarische Atmosphäre einer auffälligen Veränderung und Entmischung unterwarf ; herba nicotiana gehört freilich ebenfalls zu den offizinellen Gewächsen . Wir folgen diesem Geruch und treten in das Nebengemach . Das Ding in dem engen Raume ließ sich ganz gemütlich an . Aus der einen Ecke versendete ein eiserner Ofen eine behagliche Wärme , in der anderen war gegen einen mächtigen gepolsterten Lehnstuhl , der leer stand und von dem später noch die Rede sein wird , ein runder Tisch gezogen , an welchem auf gleichfalls gepolsterten , hochlehnigen Stühlen sich die jedesmaligen Gäste , mit der Pfeife im Munde und ein offizinelles oder nicht offizinelles warmes oder kaltes Getränk vor sich , den Aufenthalt sicherlich recht bequem und behaglich machen konnten . Gegenwärtig jedoch hatte nur der Herr des Hauses , der Besitzer der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ , allein auf seinem Stuhle Posto gefaßt , und ob er an diesem stürmischen Abend wirklich noch jemand zum Besuch erwartete , und ob wirklich jemand der Erwartung entsprach , können wir augenblicklich noch nicht angeben . Wir sind mit der Schilderung unserer Bühne noch nicht zustande und fahren vorerst darin fort . Das Kabinettchen hinter der Offizin war mit einer gelblichgrauen , grauschwarz geblümten Tapete , soweit sich das überblicken ließ , ausgeklebt . Auf der Fensterbank stand neben einigen Blumentöpfen ein Käfig mit einem schlafenden Zeisig , der jedesmal , wenn ein Baumzweig im Garten , vom Winde gepackt und geschleudert , schärfer an der Glasscheibe herkratzte , oder wenn ein Regenstoß heftiger an der Scheibe trommelte , fester und behaglicher im Gefühle seiner Sicherheit sich in eine Federkugel zusammenzog . Eine Eckschenke mit allerlei Tassen , bunten Töpfen und Gläsern und auf ihr eine ausgestopfte Wildkatze in einem Glaskasten dürften in der Inventaraufnahme nicht zu vergessen sein . Ein vordem recht blumiger , aber nunmehr längst verblaßter und abgetretener Teppich bedeckte den Boden ; von der Decke hing eine künstlich geflochtene Graskrone , ein Staub- und Fliegenfänger herab ; und wenn wir nun noch den Bildern an den Wänden einige Worte gewidmet haben werden , so hindert uns weiter nichts , fürderzugehen und interessanter zu werden . Die Bilder an den Wänden freilich waren schon an sich interessant . Ihre Anzahl allein mußte jeden eintretenden Betrachter höchlichst in Erstaunen setzen und für eine geraume Zeit in ein mundoffenes Umherstarren an allen vier Wänden , nach allen vier Himmelsgegenden . Hatte er sich von seiner Überraschung erholt , so konnte er anfangen zu zählen oder die Zahl wenigstens annähernd zu schätzen . Beides war aber schwer , denn die Bilder und Bildchen unter Glas und Rahmen bedeckten in kaum zu berechnender Menge die Wände von oben bis unten , das heißt so weit nach unten , als es nur irgend möglich war . Alle Arten und Formate in Kupferstich , Stahlstich , Lithographie und Holzschnitt , alle Gegenstände und Situationen im Himmel und in der Hölle , auf Erden , im Wasser , im Feuer und in der Luft , schwarz oder koloriert . Viele Rambergsche und Chodowieckische Kunstschöpfungen , unzählige Szenen aus dem Leben Friedrichs des Zweiten und Napoleons des Ersten , die drei alliierten Monarchen in drei verschiedenen Auffassungen auf dem Leipziger Schlachtfelde , die am Palmbaum hängende Riesenschlange , an welcher der bekannte Neger hinaufklettert , um ihr die Haut abzuziehen , Szenen aus dem Korsar , » ein Gedicht von Lord Byron « , Modebilder , ein Porträt von Washington , ein Porträt der Königin Mathilde von Dänemark und des Grafen Struensee und , verloren unter all der bunten , kuriosen Nichtsnutzigkeit , zwischen zwei Straßenszenen aus dem Jahre 1848 , ein echter alter Dürerscher Kupferstich : Melancholia ! Wir beendigen die Katalogisierung . Dreißig Jahre hatte der während dieser dreißig Jahre fest an seine Offizin gebundene Apotheker Philipp Kristeller gebraucht , um seine Bildergalerie zusammenzubringen ; es war ihm also gar nicht zu verdenken , wenn er auf seine Galerie hielt , auf seine Kunstliebhaberei und seinen Geschmack sich etwas zugute tat . Sein Hinterstübchen war wohlgeziert , und er hatte außerdem noch einiges andere , worauf er sich etwas zugute tun durfte . Wenden wir jetzt unsere Aufmerksamkeit auf den Mann am Tische . Er mochte ein Alter zwischen den fünfziger und sechziger Jahren erreicht haben , war von Leibesbeschaffenheit mehr hager als dick , von Farbe mehr gelb und grau als rot und braun und von Statur mittlerer Größe . Er trug einen grauen Schlafrock , niedergetretene , dunkelrote Pantoffel und auf dem silbergrauen , schlichten Haar eine dunkelgrüne Hauskappe mit abgegriffener Goldstickerei , einen Kranz von Eicheln und Eichenblättern darstellend . Er rauchte aus einer langen Pfeife , auf deren Kopf ein Maikäfer gemalt war , und stützte nachdenklich die Stirn mit der Hand , den Blick auf den großen , leeren , bequemen Lehnstuhl ihm gegenüber gerichtet . Zum ersten Male blickte er empor , als die Tür , welche aus dem Hinterzimmer nicht in die Offizin , sondern auf die Hausflur führte , leise geöffnet wurde und ein alter Frauenzimmerkopf sich hineinschob : » Aber Bruder , welch ein Wetter ! « » Freilich ein bewegtes Wetter , liebe Schwester . « Ob die alte Dame die Antwort noch vernommen hatte , muß zweifelhaft bleiben , denn sie hatte die Tür ebenso rasch und leise , wie sie dieselbe geöffnet hatte , wieder zugezogen . » Ein vernehmbar bewegtes Wetter , in der Tat « , murmelte der Apotheker › Zum wilden Mann ‹ lächelnd und nach dem bestürmten Fenster horchend . In demselben Moment klang die Glocke der Haustür , und es wurde an das Schiebfenster der Offizin gepocht . Herr Philipp Kristeller erhob sich , stellte die Pfeife an den Stuhl und ging gebückt in seine Werkstatt . Kopfschüttelnd kam er nach einer viertelstündigen Arbeit im Berufe zurück ; die Haustürglocke erklang von neuem , und eiligen Laufes entfernte sich jemand , durch die Wasserlachen der Landstraße dem Dorfe zuplatschend , ohne im geringsten auf seinen Weg Obacht zu haben . Kopfschüttelnd nahm der Alte seinen Sitz wieder ein , zündete seine Pfeife von neuem an und sagte : » Eine ungesunde Jahreszeit – ein Apothekerherbst . Gute Kasse , aber doch ein schlechtes Geschäft . « Er seufzte dabei , und das Wort wie der Seufzer zeugten unstreitig von einem guten Herzen . Nun saß er wieder einige Minuten , bis er plötzlich zusammenschrak : » Mein Gott – ja aber – ist es denn so ? ! « Er erhob sich von neuem hastig , schritt diesmal eilig in die Offizin , schloß ein Stehpult am Fenster auf , nahm ein Buch hervor und blätterte darin . Seine Finger zitterten , seine Lippen zuckten , er sah sich mehrere Male wie zweifelnd in dem aromatisch durchdufteten Raum um : es war kein Zweifel , jede Büchse und jedes Glasgefäß , mit oder ohne Totenkopf , befand sich noch auf seinem Platze . Der Apotheker Kristeller schloß das Buch , legte die Hand darauf und rief : » Es ist wahrhaftig so ! Es ist richtig ; heute ist der Tag oder vielmehr der Abend . Es sind dreißig Jahre auf die Stunde – ein Jubiläum – , und ich hatte das vollständig , vollständig vergessen . Dorothea , Dorothea ! « » Lieber Bruder ? « klang es draußen schrill . Der Alte schritt in seiner Aufregung fünf Minuten lang auf und ab ; dann war seine Geduld zu Ende . Er öffnete die Tür : » Dorette , Dorette ! « » Was gibt es denn , Philipp ? « ertönte es aus der Ferne . » Ich höre den Wind wohl ; aber was kann man dagegen tun – Tür und Fenster sind verwahrt , und das übrige steht in Gottes Hand . « » Ei , ei « , murmelte Herr Philipp und rief dann : » Es handelt sich nicht um Wind und Wetter . Komm doch einmal einen Augenblick herein , Dorothea ! « Es dauerte noch verschiedene Augenblicke , ehe das möglich war ; aber zuletzt geschah es doch . Da war das Altjungfergesicht wieder und jetzt die ganze übrige Figur , und zwar mit einem über jeden höflichen Zweifel erhabenen Buckel zwischen den Schultern . » Wir haben es augenblicklich ziemlich eilig in der Küche , lieber Philipp . Wünschest du etwas , bester Bruder ? « » Nein ; aber heute vor dreißig Jahren um diese Stunde verkaufte ich in diesem Hause für den ersten Groschen Wundspiritus . Den Altvater Zimmermann – Gott habe ihn selig ! – hatte der Gaul an die Hüfte geschlagen . Ich habe es mir notiert vor dreißig Jahren , und ich hatte es gänzlich vergessen – dem Lehnstuhle dort zum Trotz ! « » O du meine Güte ! « rief das alte Fräulein und verschwand nach einigem , wie es schien , ratlosen Zögern , schlug dann aber die Tür um so heftiger hinter sich zu . Schon auf dem Hausflur wußte Fräulein Dorette Kristeller ganz genau , was sie zu tun habe , und man hatte für den ferneren Abend es noch um ein Bedeutendes eiliger in der Küche der Apotheke › Zum wilden Mann ‹ . Zweites Kapitel Trotz aller geistigen Aufregung mußte der Apotheker Philipp Kristeller einen erstaunten Blick für die Pforte , durch welche die Schwester so plötzlich verschwunden war , übrighaben . » Herr Jesus ! « sagte er ; und dann versuchte er es von neuem , sich ruhig zu setzen , allein es wollte nicht angehen . Das bedeutungsvolle Datum brannte wie in feurigen Ziffern und Buchstaben vor seinen Augen , und so schob er denn den Stuhl unter den Tisch und schlurfte , immerfort den Kopf schüttelnd , in seiner Bildergalerie auf und ab ; und immer klarer und deutlicher stieg die Welt , welche vor dreißig Jahren , vor einem Menschenalter , war , in seiner Seele empor . Ja , von seiner frühesten Kindheit an lag mit einemmal alles in den schärfsten Umrissen vor ihm , und nur seine ihm allzufrüh gestorbenen Eltern durchzogen schemenhaft die helle Landschaft . Dagegen stand der Vormund in derber , ungemütlicher Deutlichkeit in dem Zauberlicht und in der Mitte der Szenerie jener kleinen Provinzialstadt jenseits des Gebirges , dem Thüringerlande zu , mit dem Kyffhäuser in der Nähe und dem Kickelhahn in der blauen magischen Ferne . » Der allergewöhnlichste Mensch hat doch immer etwas erlebt , wenn er so ein Menschenalter über ein Menschenalter hinaus zurückdenken kann « , murmelte der Alte . » Wie lebendig das nun alles ist , was eben tot und vergessen in meiner Seele lag . Da ist ja der alte Biedermann , der Grauwacker , mein Lehrherr , mit seinem ganzen Haus und Hauswesen . Welch ein schnurriger , verbissener Patron er war ; und dann die Patronin , ich meine die Frau Prinzipalin . Herrgott , wie sorgst du in deiner Güte und Weisheit dafür , daß denen , welchen du einen kleinen Löffel auf den Lebensweg mitgibst , auch der Brei nach dem richtigen Maße zugemessen wird ! Ist es mir doch , als verspürte ich heute noch das Magenknurren aus jener guten , alten Zeit unter dem Zwerchfell . Und es war doch eine glückliche , gesunde Zeit ! Und gelernt hat man auch das Seinige bei dem alten Grauwacker ; man muß es ihm lassen , er verstand das Geschäft , die Kunst , und er wußte uns darin zurechtzuschütteln . Alles , was nachher kam – « Die Glocke der Offizin klingelte von neuem ; abermals ging der Apotheker in seine Werkstatt zu seiner Arbeit , die diesmal etwas länger als vorhin dauerte . Während er seinen Trank mischte und kochte , führte er im landläufigen Dialekt eine Unterhaltung , die wir dem Leser nicht vorenthalten wollen , die Mundart freilich abgerechnet . » Ihr habt Euch bei einem schlimmen Wetter auf den Weg machen müssen , Gevatterin . Es steht wohl gar nicht gut zu Hause ? « » Wie mit dem Wetter draußen « , sagte das frische , sehr gesunde Bauernweiblein verdrossen . » Man hat seine liebe Not , daß man sich darüber selber gern vom Tage tun möchte . Er kann nicht leben und will nicht sterben ; – ich glaube , er hält sich eben durch das Ärgernis , welches er uns macht ; – recht machen kann man ihm gar nichts mehr , und von dem Verdruß lebt er so hin von einem Tage zum andern . « » Hm , hm « , brummte Herr Philipp . » Ja , es ist doch so , und der Doktor zieht dann das Beste davon . Das Ding hat er gestern abend verschrieben , und es ist uns sehr eilig gemacht ; ich meine aber , Sie wissen es am besten , Herr Kristeller , daß kein Tag vergeht , an welchem Sie mich nicht auf dieser Bank sitzen sehen . So dachte ich denn , es hat wohl Zeit bis morgen , und weggeworfenes Geld ist es doch . « » Hm , hm « , brummte Herr Philipp , fügte aber diesmal hinzu : » Doktor- und Apothekerrechnungen zahlt wohl niemand gern ; – aber wir machen es so billig wie möglich , Gevatterin . « » Wie es sich schickt für eine arme , elende Witfrau « , schluchzte die muntere Bäuerin hinter ihren Schürzenzipfeln . » Na , na « , sagte der Apotheker , » zum Teufel , noch lebt er ja ! Witfrau ? junge Frau ! ei freilich ! – und meiner Meinung nach wird er es noch manches lange , gute Jahr durchmachen . Der Doktor und ich wollen schon das Unsrige tun . « Die untröstliche Gattin auf der Bank stieß einen Ton hervor , der alles bedeuten konnte : Dankbarkeit , Hoffnung , Freude , Schreck , Mißmut , Ärger und Hohn . Der Apotheker hatte seine Mixtur fertig , reichte sie durch das Fenster , und die jammergeschlagene junge Witwe in spe ging ab , und zwar zu seinem innigsten Genügen gerade in ein erhöhtes Aufwüten und Lostosen des Herbststurmes hinein . » Die Canaille ! « brummte der Alte , als er in seine Bildergalerie zurückkam und sich unter dem Eindrucke der Unterhaltung wieder recht fest niederließ , nachdem er mit merklicher Energie vorher frisches Holz in den Ofen geworfen hatte . » Dies Frauenzimmer hätte mir beinahe meine süßesten Erinnerungen für jetzt zunichte gemacht « , murmelte er . » Eben geriet ich in dieselben hinein , als das Weib die Glocke zog ; aber das ist freilich immer mein Los in der Welt gewesen , und anderen wird es wohl nicht besser gehen . Und dann ist ja doch auch nichts daraus geworden , Johanne ! Zusammen sind wir nicht gekommen . Jeder hat seinen eigenen Weg gehen müssen ; ich unter so sonderbaren Umständen in diesen verlorenen Weltwinkel , du , mein armes Kind und Herz , in dein Grab . Nunc cinis , ante rosa , einundzwanzig Jahre alt – ach , Johanne , liebe , liebe Johanne ! – Ja , ja , es wäre doch schön und gut gewesen , wenn wir zusammengekommen wären und ich dich heute nach einem Menschenalter hier bei mir hätte als alte , gute , schöne Frau ! « Es duldete den guten würdigen Herrn an diesem merkwürdigen Abend nimmer lange auf seinem Sitze . Jetzt holte er ein Paket vergilbter Briefe aus dem obenerwähnten Pult und löste den Bindfaden davon ab . » Trockene Blumen und Blätter « , seufzte er . » Alles , was ich da in meinen Büchsen und Schachteln habe , grünte und blühte auch einmal wie jedes Wort auf diesem Papier . Apothekerwaren , Drogen ? Nein , nein , nein ! Jenes ist tot und bleibt so ; aber dies hier ist noch lebendig und blüht fort und kennt keine Zeit und keinen Jahreswechsel . Es hat seine Wurzeln in meiner Seele geschlagen : wie könnte es da welken und zunichte werden ? In der Sonne , im fliegenden Wolkenschatten , im Mondschein , im Nebelziehen , im grauen Landregen , im lustigen Schneegestöber liegt das Tal , liegen die Berge lebendig . Das ist die alte Stadt – ja , da ist sie , wie sie war , als wir jung waren ; – jedes Haus ein guter Bekannter . Da ist das Eckfenster , an welchem ich stets vorbeigehe , wenn der Alte mich auf die Pflanzenjagd schickt . Da sitzt das gute Kind mit seinem Nähzeug , und es währt lange , sehr lange , ehe sie mich bemerkt , und noch länger , ehe ich an die Tatsache glaube , daß sie mir wirklich entgegenschaut und nachsieht . Es ist lange , lange eine Liebe ohne Worte , bis der Himmel ein Einsehen hat und einen Regenschauer zur richtigen Zeit auf einer Landpartie schickt , nachdem er mir vorher die glückselige , heilbringende Idee eingegeben hat , beim schönsten Sonnenschein und blauesten Himmel einen Schirm mitzunehmen . So lernten wir uns in der Nähe kennen – vom Herzen zum Herzen , von Seele zu Seele . Da ging das beste Erdenleben an . – Sie hatte wenig und ich gar nichts ; aber der liebe Gott hatte ungezählte Schätze für uns und gab eine kurze , kurze Zeit alles mit vollen Händen . Erst im zweiten Sommer nach unserem geheimen Verlöbnis , nachdem wir ein volles Jahr durch in unserem Glück und unserer Hoffnung Millionäre gewesen waren , fiel uns ein , darüber nachzudenken , was wohl weiter daraus werden möge und könne – « Abermals klang die Glocke und unterbrach den erinnerungsvollen Traum . Es waren aber diesmal keine Kunden , welche den Apotheker › Zum wilden Mann ‹ störten . Die stets recht deutliche Stimme der Schwester Dorette ließ sich draußen vernehmen : » Da sind Sie , meine Herren ! Gottlob , daß Sie gekommen sind . Das ist schön , das ist sehr freundlich von Ihnen . Ich wußte es aber auch , daß ich Sie nicht vergeblich bitten würde . Dem Bruder ist die große Merkwürdigkeit eben erst eingefallen , und da hat es sich mir sogleich schwer auf das Herz gelegt , und ich habe dann den Fritz losgejagt . Ich kenne ihn ja nur zu gut , den Bruder ; er würde sich ohne gute Gesellschaft eine traurige Nacht zurechtgemacht haben , seine melancholischen Einbildungen würden uns kläglich genug mitgespielt haben . Aber nun ist es gut , denn an diesem Abend gehören wir ja doch zusammen , und der Bruder wird sich nun recht sehr freuen – schönsten guten Abend , meine Herren ! « Drittes Kapitel Die beiden Herren , zu denen die Schwester Dorette der melancholischen Einbildungen ihres Bruders wegen sofort geschickt hatte , nachdem er ihr die Bedeutung des heutigen Abends zugerufen , waren der Pastor des Ortes , Herr Schönlank , und der Förster Ulebeule . Ersterer kam , dicht in den Mantel gewickelt , mit seiner Laterne und seinem Regenschirm , letzterer , jeglicher Witterung Trotz bietend , in kurzer , grünkragiger Flausjacke , den derben , eisenbeschlagenen Hakenstock unterm Arm . Beide aber schüttelten sich vor allen Dingen tüchtig auf der Hausflur und sagten wie jedermann weit und breit : » Brr , welch ein Wetter ! « Und der Förster fügte noch hinzu : » Das nennt man freilich auch , unterm Wind sich anschleichen ; aber ein Vergnügen war es gerade nicht . Na , Pastore , hier haben wir Überwind , und für das übrige wird Fräulein Dorette zu sorgen wissen . « Der Alte im Hinterstübchen , welcher anfangs etwas betroffen gehorcht , hatte sich schnell in die Situation gefunden . Ein Lächeln auf seinem gutmütigen Gesichte wurde immer breiter und sonniger , und jetzt riß er seinerseits die Tür auf , welche aus seinem Schlupfwinkel auf die Hausflur führte , und rief in heiterster Laune : » Herein , herein , und gelobt seien alle melancholischen Phantasien , wenn sie einem so erwünschte Gesellschaft ins Haus führen . Das war ein Gedanke – das war eine Tat , Dorette ! Herein , liebe Freunde – das ist freilich ein Abend , um eine Nacht daraus zu machen , und letzteres wollen wir , und zwar , wie es sich gehört ! Herein , und jeder an seinen Platz , und ein Vivat für die alte Apotheke ! « » Davon nachher , wenn wir erst Chinesien auf dem Tische haben werden « , sagte der Förster , seinen Stock in den Winkel stellend . » Fürs erste , alter Bursch , ganz sedate unsere beste Gratulation zum glorwürdigen Jubiläum . Wenn der Pastor das noch einmal und mit Salbung vorträgt , so habe ich auch nichts dagegen ; aber wenn wir den Hasenfuß den Physikus hier hätten , so würde der uns allen den Rang ablaufen ; ein hirschgerechterer Jäger für einen Glückwunsch und Trinkspruch soll noch gefunden werden ; aber er ist über Land geholt . « » Und wird zu Hause meine Benachrichtigung vorfinden « , sagte Fräulein Dorette Kristeller . » Schön « , sprach der Förster , » unter den Umständen kriegen wir ihn sicherlich noch zu Gesicht . Übrigens würde er es schon ganz aus Naturanlage gewittert haben , daß wir uns hier rudelten . Bis Mitternacht bleiben wir ja doch wohl vergnügt beisammen ? « » Natürlich ! Hurra ! « rief der Apotheker , und der Pastor brachte nun wirklich in Erwartung Chinesiens , das heißt der Punschbowle , fein , zierlich und schicklich seine Gratulation gleichfalls an . Unterdessen hatte sich das ganze Haus mit eigentümlichen , anmutigen Düften , die den Apothekendunst ihrerseits sieghaft bekämpften , gefüllt . In des Hauses Küche hatte ein merkwürdig lebendiges Treiben begonnen ; allerlei Gerät rasselte und klirrte fröhlich durcheinander . Punkt neun Uhr stand die erste dampfende Schale auf dem Tisch , und nicht sie allein , sondern was dazu gehörte ebenfalls . Für fünf Minuten fand des Apothekers Schwester nun auch Muße , sich zu den Männern zu setzen und die ersten Belobungen derselben in Empfang zu nehmen . Die Belobungen kamen zu rechter Zeit ; aber dann trat für einige Augenblicke das Stillschweigen ein , welches immer entsteht , wenn ein des Nachdenkens würdiges Getränk auf den Tisch gesetzt wird . Daß dieses Stillschweigen schnell überwunden wird und ein jeder sich merkwürdig rasch mit der Feierlichkeit des Momentes abzufinden weiß , ist bekannt . » Also wirklich bereits ein volles Menschenalter ! « rief der geistliche Herr . » Ich hielt es im Anfang fast für unmöglich ; aber nun , da ich im stillen nachgerechnet habe , finde ich und gebe zu , daß es sich in der Tat also verhält . Ich habe mich in jenem Jahre gerade mit meiner guten Friederike in den Stand der heiligen Ehe begeben , und mein ältester Sohn , der Inspektor , ist wahrlich seitdem bereits achtundzwanzig Jahre alt geworden . « » Wahrhaftig , Pastore , und wenn ich daran denke , wie Ihr schlecht bei Leibe hier ankamt , und Euch ansehe , wie Ihr jetzo dasitzt , so brauche ich gar nicht an den Fingern abzuzählen , um an die dreißig Jahre zu glauben . Übrigens empfing ich euch alle hier und machte euch die Honneurs des Ortes . Zuerst rücktet Ihr ein , Pastore , und heiratetet Eures Vorgängers Tochter ; und nachher kam