Vom alten Proteus Erstes Kapitel Wie machen wir ' s nun , um unserm Leser recht glaubwürdig zu erscheinen ? Da liegt die Studierstube des Philosophen , die Kinderstube des Dichters , das Schloß des Königs . Daran grenzt die Gasse , der Markt oder der Garten . Dahinter dehnt sich die Stadt oder der Stadtpark aus . Es folgen einzelne Häuser : in dem einen prügelt ein Mann seine Frau ; doch ein Haus weiter stirbt eine Frau , und der Mann hat sich in Verzweiflung über das Bett seines Weibes geworfen . Es folgt das Feld – ein Wald – eine Eisenbahnline – eine Landstraße , auf der ein einsamer Hund trabt , der seinen Herrn verloren hat . Wieder Felder und Dörfer – das Meer – die Insel – die Gegend , die im Sonnenschein liegt , und jene , über welche der Regensturm fährt . Nächtliches Urwalddickicht mit einer Mohrenschlacht bei Fackelbeleuchtung . Ein Sumpf im haushohen Schilf und eine trinkende Elefantenherde – die Wüste – wieder die See und so weiter , so weiter – rundum ! Eisenbahnstation X. X. » Ein Billet nach Hause ! « Das Schloß des Königs , die Kinderstube des Poeten , die Studierstube des Weltweisen und drin – ein Mann , der da denkt , seine Welt sei die Welt , der da meint , seine Erlebnisse , Gefühle , Hoffnungen , Pläne , Vorsätze für – Nein , es geht wirklich und wahrhaftig so nicht ! Versuchen wir es auf eine andere Weise . – – Das ist Athen ! Athen , wie es vielleicht in Sebastian Münsters Chronik aussehen könnte . Da fließt der Ilissus , dort der Kephissus ; dort erhebt sich die Akropolis , und König ist – Theseus , der Sohn des Ägeus und der Äthra . Und in vier Tagen ist Neumond , und dann wird Hochzeit gefeiert zu Athen . Hippolyta , die Königin der Amazonen , ist die Braut . Noch vier Nächte , dann wird man mit allen Kirchenglocken läuten in Athen . Squenz , Schnock , Zettel , Flaut , Schnauz und Schlucker haben schon längst ihre Festtagswämser ausgebürstet und abgeklopft und gehen mit großen Dingen schwanger . Wie werden die Kartaunen von der Burg donnern , wie werden die Hoboen , Zinken , Hörner und Trompeten schmettern und klingen ! A long , a lively flourish ! Trumpets , Sennet and Cornets ! Und sie kommen in ritterlichen Baretts , das Schwert an der Seite – sie kommen in steifen Halskrausen , im Reifrock der Königin Elisabeth ; – sie kommen aber auch auf dem Mondenstrahl , auf dem Westwinde reitend – sie wachen auf in den Glockenblumen im Walde , sie gleiten um Mitternacht hernieder vom Baum an dem Faden , an dem die grüne Raupe am Mittag sich niederließ . » Ohne die Mendelssohnsche Musik wäre das verrückte Zeug heute doch nicht mehr auszuhalten , « sagt das Publikum , das heißt fünf Sechstel des Publikums , und sie haben sich noch eine schöne Redensart dafür und für sonst dergleichen Kunstgenüsse zurecht gemacht . » Auf den Zopf beißen wir nicht mehr an ! « sagen sie , und nachher – frage dann mal einer : » Sollte es so gehen ; oder müssen wir es auf eine dritte Art versuchen ? « Nun , da und dort unter der Menge sitzt doch einer oder eine ( manchmal sogar ein alter Herr , eine alte Frau , eine alte Jungfer ! ) , die haben sich mit einem Male , ohne selber zu wissen , wie ' s zuging , mit Lysander und Hermia , mit Demetrius und Helena im Walde vor dem Tor von Athen verloren . » Es geht doch so ! « – Die Gaslichter erbleichen , es weht ein kühler Mondscheinhauch her , der Tau blitzt auf dem Grase , und seltsame Funken schwirren durch die Luft . Der Mendelssohn ist auch schuld daran , aber doch nicht allein ; es ist noch eine Musik , mit welcher Blech , Schafdärme und Geigenholz nichts zu schaffen haben – hörst du sie , liebe Kleine , dort oben auf der dritten Galerie ? – – An den Stamm einer Buche gelehnt , sieht ein Mann in seltsam edlem Faltengewande und blickt lächelnd verständnisvoll in den Feentanz von Windsorforst . Es ist einer der letzten Stämme des Waldes , auf den er die Hand stützt ; man sieht weit hinaus über die blaunebelige Mondscheinwiese , wenn man sich wendet . Und der Mann im Chiton und Himation wendet sich und winkt schalkhaft zurück und schreitet über die Wiese – des Philippos Sohn Aristophanes . Den Piräus sieht man nicht ; aber die weiße Burg von Athen leuchtet aus der Ferne , und Zettel hat das Wort : » Wenn Sie dächten , ich käme hierher als ein Löwe , so dauerte mich nur meine Haut . Nein , ich bin nichts dergleichen ; ich bin ein Mensch wie andere auch ; – und dann laßt ihn nur seinen Namen nennen und ihnen rund heraussagen , daß er Schnock , der Schreiner , ist . « Wirklich und wahrhaftig , es geht ! – O , man muß nur bei gescheiten Leuten anfragen , um zu erfahren , wie etwas zu machen sei ! * In einem großen Walde hatte sich in Tagen , die der Leser sich nach Belieben nahe oder fern denken kann , ein Einsiedler niedergelassen und festgesetzt . Keiner von der Sorte , die in den Geschichten vorkommt , über welche Jean de Lafontaine sein Tirée de l ' Arioste , sein Nouvelle tirée des cent nouvelles , sein Tirée des contes de la reine de Navarre oder gar Tirée de Boccace schrieb , sondern ein braver , ein wirklicher , ein ordentlicher – kurz ein Einsiedler von jener geistigen Reinlichkeit und Reinheit , die unsere Frauen , Tanten und Kinder unbedingt von ihm erwarten , wenn er in ihren Romanen und Bilderfibeln auftritt . Wie es mit seiner körperlichen Reinlichkeit beschaffen war , bleibe einer späteren Erörterung vorbehalten ; ein braves deutsches Herz und Weib sieht seinen Einsiedlern da gottlob schon etwas nach und läßt einen wohlmeinenden Autor nicht mit seinem Eremiten stehen , nachdem es ihnen den Rücken gewendet hat . Dagegen aber stellt es auf der Stelle die Frage : » Ja , aber lieber Gott , wie kommt denn der Mann dazu , ein Eremit zu werden und eine Einsiedelei zu stiften ? Weshalb heiratete er nicht und gründete einen Hausstand ? « Worauf der Autor seinem Klausner , seinem Waldbruder , seinem Einödler zärtlich auf die Schulter klopft , ihn einen Schritt weiter vorführt und antwortet : » Liebe Seele , das ist ja gerade die Geschichte ! « Und nun , wenn jemand es besser versteht , auf deutsch ein Ding am rechten Zipfel anzufassen , so tue er ' s : ich kann ' s nicht besser . – In einem großen Walde also , nicht allzufern von einer großen Stadt , wohnte ein sonderbarer Mensch , von dem so ziemlich die ganze Stadt gehört hatte , wenngleich nur wenige ihn persönlich kannten . Wie alle in germanischen Historien auftretende Einsiedler , trug dieser Waldbruder natürlich einen langen , ehrwürdigen , grauen Bart und eine ebenfalls lange , ehrwürdige , graue Kutte , die er mit einem Strick , weniger der Eleganz als der Bequemlichkeit wegen , um die Hüften zusammenzog und hielt . » Der Mensch muß vor allen Dingen den Magen warm halten , vorzüglich bei einer Kost wie die meinige , « pflegte er zu sagen , und im Winter kleidete er sich aus ähnlichen Gründen wärmer , das heißt , er richtete sich nach seinem Wetterglase und zog zwei , drei , ja vier Kutten übereinander und setzte eine Pelzmütze auf . Dann glich er dem Weihnachtsmann wie ein Ei dem anderen und konnte in jeder Kinderstube als solcher auftreten . Ohne ihm schmeicheln zu wollen , mit seinem Sack auf der Schulter und seinem langen , ehrwürdigen Stabe in der Hand genügte er für die Festtagswundergefühle von groß und klein ; und wer ihm im Walde begegnete , sprach noch lange Zeit nachher zu Hause von ihm und meistens gut . Nur die wenigsten hielten ihn für einen neuverkleideten Kinderfänger von Hameln oder sonstigen Seelenkäufer oder Verkäufer . Mit einer Gelassenheit , die an Stupidität grenzte , nahm er jeden Tag , jedes Wetter und jeden Menschen hin . Sein Name war Konstantius ; ob er aber einmal anders geheißen hatte , werden wir später erfahren . Daß man jetzt alles auf einmal wissen will , treibt uns keinen Zoll breit Weges vorwärts , und wir haben uns fest vorgenommen , uns in diesem Falle gleichfalls Konstantius zu nennen und eine an die Gelassenheit unseres Helden erinnernde Stupidität zu entwickeln . Nachdem wir dieses festgestellt haben , stellen wir ihn , unsern Bruder im Leiden dieser Welt , beiseite , nachdem wir ihn eingeführt haben , und sagen ein weniges mehr von der Stadt , deren Türme von den letzten Bäumen seines Waldes aus zu erblicken waren . Was nun diese Stadt anbetrifft , so war sie voll von allerlei Volk , vom König abwärts bis zum Bettelmann und von der Königin bis zu der Bettlerin . Schlösser , Kirchen , Museen , Spitäler , Gefängnisse , Schulen , Häuser , Hütten , Dachkammern und Kellerwohnungen mangelten ihr nicht . Die höchste derzeitige Bildung und die tiefste allzeitige Unbildung waren in ihr vertreten ; ebenso die höchste derzeitige Eleganz und Reinlichkeit und die tiefste allzeitige Versunkenheit im und Unabgelöstheit vom Erdenstoff . Leben und Tod wechselten in ihr , und wie überall und immer wollte niemand in ihr beim Pech und Unglück des Nachbars an das alte mea agitur fabula , » ganz meine Geschichte ! « glauben . Aber ein jeglicher suchte im eigenen Elend nach althergebrachter Weise nach Trost und Beruhigung und zwar seltener bei sich selber als bei den anderen ; und wie gewöhnlich war dann der Trost auch danach . War der Mensch gesund und vergnügt , so sagte er : » Es ist doch die beste Welt . « Begegnete seinem Bekannten und guten Freunde eine Unannehmlichkeit , so tröstete er sich mit den Worten : » Es ist eben eine kuriose Welt ; und wir haben sie nicht gemacht . « Geriet er selber in Verdruß , so fand er ein tertium comparationis , das freilich sehr ins Aschgraue oder gar Schwarze spielte . Eine Lieblingsredensart von ihm war in diesen Fällen : » Das kann doch nur mir passieren . « Daß er sich dabei ungemein überhob und viel zu viel Wert auf sich selber legte , merkte er durchaus nicht . Derer , die sich mit Humor kaput gehen sahen und ließen , waren wenige und im Grunde die einzigen , welche nicht in die allgemeine große Familie paßten . » In welche allgemeine große Familie ? « Die der Piepenschnieder , schöne und gute Frau ! Wer sucht nicht hineinzukommen , und wenn er hineinheiraten müßte ? ! – – Es will alles in dieser Welt nach seiner Natur behandelt werden ; das Feuer im Ofen und das Wasser , wie es den Berg hinunterläuft . Wer sich hierauf versieht , der versieht sich auch darauf , mit Menschen umzugehen , und verdirbt sich nur selten durch Hast und Ungeduld sein Spiel . Hier fassen wir die praktischen Leute , die wirklichen Philosophen in der Stadt , die sich jedoch für den zweiten Titel recht höflich bedankten und ihn kurz von sich wiesen . Diejenigen Leute , welche ihre Betrachtungen über solche Dinge zu Papier brachten , nannten sich dagegen selber Philosophen und hatten ihr Behagen an der Bezeichnung : es war sehr häufig das einzige Behagen , das sie für ihre Bemühungen hinnahmen . Wenn es ihnen gelang , eine bestimmte Reihenfolge und Ordnung in ihren Observationen innezuhalten , so nannte man das ein System , und dann kam es vor allem darauf an , ob das Buch einen Verleger und das System Anhänger und Schüler fand . Unterdessen wechselte , wie gesagt , Geburt und Tod , und schickte oder lief der Mensch nach dem Tischler , um eine Wiege oder einen Sarg zu bestellen : Beides sehr unphilosophisch , das heißt in erklecklicher Aufregung mit beschleunigtem Pulsschlag und keuchendem Atem . Es gab freilich Piepenschnieder , philosophische und unphilosophische , die nichts aus der Fassung brachte , was selbst ihre nächsten Familienmitglieder betraf . Leider waren sie die Allerkitzlichsten in allem , was ihre eigene liebe Person anging , und kam hier einmal auch Not an den Mann , so fand die Nachbarschaft allen Grund , zu bemerken : » Mein Gott , wer schreit denn da so fürchterlich ? « Kam dann die Antwort : » Wissen Sie ' s nicht ? Es ist ja der Onkel Lump , der mit dem Kopf durch die Decke will ! « so pflegte die Nachbarschaft sich gewöhnlich verstohlen die Hände zu reiben und vergnügt vor sich hin zu nicken . Klug jedoch tat sie , wenn sie die Augen offen behielt und auf ihre Türen acht gab , denn es gab Fälle , in denen der gute Onkel es ausgezeichnet verstand , seinen Schaden einem anderen zuzuschieben oder gar ein damnum commune , einen allgemeinen Schaden daraus zu machen . » Er ist doch ein kommuner Kerl ! « sagte dann die Stadt ; aber nun durfte sich der Onkel die Hände reiben und vergnügt hinnicken , denn es fand sich immer ein Bruchteil der Bevölkerung , der das Wort ins Deutsche übersetzte und ihn einen » gemeinnützigen Bürger « nannte . Einen solchen Onkel haben wir gekannt , der noch um ein Bedeutendes fester an sich glaubte als seine Kollegen . Er hatte auch etwas gelernt , wußte gut zu reden und trefflich , unübertrefflich sich selber zu erklären und auf seine Bedeutung hinzuweisen . Nie hat ein zweiter Märtyrer unserer Bekanntschaft in der Melancholie des Verkanntseins gleich tonlos geschwelgt . Seine Tonlosigkeit können wir nicht wiedergeben ; seine Worte aber über sich lauteten ungefähr : » Ein wackerer Mann ist wie ein Granitblock im Felde – ein Findling , ein geologischer Findling , herabgerollt vom Urgipfel des Urgebirges des Menschtums . Und so findet man ihn auf dem Roggenacker oder zwischen den Zuckerrüben und läßt ihn liegen , bis man ihn durch die Dynamitpatronen des Neides , des Hasses , des Undankes klein kriegt und entfernt . Aber Gott sei Dank , man kriegt ihn nicht immer klein ! Wie es um ihn her stäubt , wie die Wirbel sich drehen , was für Staub auf ihn geweht , getrieben und gehäuft wird , er bleibt liegen , und er liegt ruhig und fest . Der Sturm wird ihn von dem Schmutze wieder befreien , und die Sonne wird wieder auf ihn scheinen . Wenn ihn aber der Schlamm der Gewöhnlichkeit einmal ganz begraben sollte , so bleibt er auch unter diesem Schlamm immer derselbige und wartet auf seine Zeit . Hausse und Baisse wechseln auch in diesem Falle , das muß unsereiner wissen ; und die Augen , die sich an uns trösten , die Herzen , die sich an uns erheben sollen , werden uns immer im richtigen Moment wieder zu Gesicht und Gefühl bekommen , verlassen Sie sich darauf , liebster Herr ! « Und er hatte recht und sagte wahr bis unter den tiefsten Dreck hinunter : man hat ihn wiedergesehen und sich an ihm erhoben . Er hatte viele , viele , viele erquickt ; die einen auf diese Art , die anderen auf jene . Wirklich ergötzt hat er aber vielleicht nur Uns ; denn nur wir wußten die breitbäuchige Volltönigkeit in Organ und Ausdruck , mit der er uns bei unserem ersten Zusammentreffen nach seiner Rehabilitierung begönnerte , ganz zu würdigen und in den feinsten Abstimmungen zu genießen . – – Nun denkt man wohl , weil das beides so wunderhübsch beieinander saß und lag , ich meine der Einsiedler und die Stadt , daß sofort vom ersten Gerücht der Niederlassung des Klausners in der Wildnis an ein reger Verkehr zwischen dem einzelnen und der Vielheit und umgekehrt stattgefunden habe . Dem war aber nicht so ; ganz abgesehen davon , daß der Vater Konstantius nicht des geselligen Verkehrs wegen den Wald bezogen hatte . Auch die Stadt kümmerte sich lange Jahre hindurch nicht im geringsten um ihn ; zumal da in einem sehr besuchten öffentlichen Garten eine Tuffsteingrotte vorhanden war , in welcher ein automatischer Eremit saß , der ein ziemliches Teil der Bewegungen eines wirklichen ganz vortrefflich vermittelst des Räderwerkes in seinem Innern nachmachte und dem Volke vollständig für seine Bedürfnisse in dieser Hinsicht genügte . Diejenigen Piepenschnieder , welche das Theater besuchten , hatten überdies noch die Eremiten des Schauspiels und der Oper zur Deckung ihrer Waldeinsamkeitsgelüste , und so war es nichts als ein Zufall , daß ein bedrücktes Menschenkind , mitten im Gassen- und Marktgetümmel den Gedanken fassend , sich zu hängen , sich in die Wildnis verfügte und den Vater Konstantius fand . Dieser , welcher gerade einen neuen Strick zum Gürtel für seine Kutte nötig hatte , nahm dem Lebensmüden den seinigen ab und schickte den Narren so getröstet heim , daß er aus dem Walde auf der Stelle hinging , sich zum zweiten Male verehelichte und zehn Jahre hintereinander jedes Jahr ein Knäblein oder ein Mägdlein und einmal sogar ein Zwillingspaar taufen ließ : letzteres auf die Namen Konstantius und Konstanze . Sein Familienname war auch Piepenschnieder , was einige unserer Leser wahrscheinlich bereits vermutet haben ; – wir aber wünschen im Verlaufe dieser Erzählung noch viele in den Stand zu setzen , zu sagen : » Das haben wir uns doch gleich gedacht ! « Wer den Einsiedler zuerst auffand , wissen wir nunmehr ; jetzt handelt es sich darum , wer ihn zuerst entdeckte , und hoffen wir , daß nicht wenige ob des feinen Unterschiedes sich und uns fragend ansehen werden : » Jetzt soll ' s mich doch wundern , was da nun wieder herauskommen wird ? « Eine ganz einfache historische Tatsache natürlich . Der Erste , der den Erdenmüden entdeckte , war jemand , der weiter keinen irdischen und himmlischen Trost und Tröster brauchte , als welchen er stets selber bei sich trug in seiner Flasche , in die der Geist freilich weniger durch das Siegel des Ringes Salomonis als durch einen ganz gewöhnlichen Kork verstöpselt und gebannt war . Oppermann war ' s , ein durchaus nicht gut angeschriebener rotnasiger Forstaufseher und Waldläufer , der denn auch sofort einen mündlichen Bericht über seine Entdeckung an die vorgesetzte Behörde abstattete . » Richtet er viel Schaden an , Oppermann ? « fragte die vorgesetzte Behörde . » Bis dato noch nicht , Herr reitender Förster . So viel Vernunft hat er doch in sich behalten , daß er sich nicht in die jungen Schonungen hineingesetzt hat . Ne , er hat seine Hütte auf einem Platz in einem Talwinkel aufgeschlagen , allwo ich kaum einen Fuchs- oder Dachsbau vermuten durfte , und allwo ich zum allerersten Mal in meinem Leben den Fuß hingesetzt habe , Herr reitender Förster . « Hierauf hatte der Herr reitende Förster kopfschüttelnd sich fester im Sattel auf seinem Dreibein vor dem Schreibtische gesetzt und einen schriftlichen Bericht bei seiner vorgesetzten Behörde eingereicht . » Es hat sich befunden , daß ein unbekannter Mensch sich , wie protokollarisch festgestellt worden ist usw. usw. « Kurz , wir wollen das Ding nicht durch den ganzen Instanzengang verfolgen – es sammelte sich ein ziemlicher Aktenstoß über den wunderlichen Fall an . Dieser Aktenstoß verstaubte ; ein höheres Reskript , den Squatter auszutreiben , blieb in einem Bureau hängen – blieb da liegen und wurde unter einem anderen Aktenstoß begraben . Oppermann aber sagte : » Mich soll der Teufel holen , wenn ich da noch mal was anrühre ! Der Kerl ist ein Segen in der Einöde . Den Kerl hat mir der liebe Herrgott eigens zum Trost in meiner Verlassenheit in mein Revier geschickt . Endlich doch mal eine anständige , räsonnable Kumpanei in der Wüste ! Alle Hagel , da werd ' ich ' s doch schon einzurichten wissen , daß den guten Kameraden selbst eine königliche Jagd in seinem Pläsiervergnügen nicht verstören soll . Na , da kennen sie Oppermann nicht , und wenn sie ihm schon millionenmal mit dem Abschied von wegen seines krankhaften Zustandes , als was sie seine Versoffenheit nennen , gedroht haben . Mit dem Kerl schlafe ich hundert Jahre in einem Bett , ohne ihn rauszuschmeißen . Oppermann ist mein Name , Herr Oberförster , und übrigens – « Wir folgen auch ihm nicht weiter ! Oppermann war jedenfalls der erste , der dann und wann in der Stadt von seiner Bekanntschaft im Walde redete und den Vater Konstantius unbekannterweise , wie er sich ausdrückte , als Zeugen , als Gewährsmann aufrief . Zweites Kapitel . Da wir , Gott sei Preis und Dank , nicht zu » denen Gelehrten , welche es nicht können von sich geben , « gehören , so wollen wir nun dem Hüpf- , Brüt- und Lebenspunkt im Ei dieser Historie näher gehen . Dieses machen wir so , liebe Gevattern , daß wir uns aus allem Volk ein Pärlein – ein Männlein und ein Fräulein selbstverständlich – auslesen , der Jungfrau den rechten Arm , dem Jüngling den linken bieten und sie über die Planke an Bord unserer , das heißt ihrer Arche führen . Von einer Sintflut , die den Rest verschlingt , kann und wird übrigens nicht die Rede sein . Die ganze Menschheit ist ja mit allem Eifer bei Tag und Nacht beim Kiellegen oder Bewimpeln ihrer Rettungsschiffe ; und wir lassen jedermann sein Fahrzeug nach seinem Geschmack und Verständnis zimmern und ausstatten . Was unsern eigenen Kahn anbetrifft , so sind wir eben im Begriff , denselben von neuem so gut als möglich seetüchtig zu machen . Nach mehr als einer tollen Fahrt rund um die Welt hat er ' s sehr nötig , einmal von Grund aus verpicht zu werden , und das dazu nötige Pech ist auch vorhanden . – Über die wilden Wasser des Lebens in verhältnismäßiger Sicherheit zu fahren , wird dem Menschen nicht so leicht gemacht , als er es sich in seinen jungen Tagen vorstellt . Und so erfuhren das Hilarion und Ernesta und zwar leider nicht bloß zu ihrer Verwunderung . Hilarion und Ernesta hießen nämlich die beiden guten Kinder , die in einer holden Mondscheinnacht , wie sich das von selbst versieht , über den Namen ihrer Rettungsbarke sich klar geworden waren . Er aus der auch weit verbreiteten Familie Abwarter , sie eine Piepenschnieder , überboten einander in jener süßen Nacht an lieblichen Vorschlägen . Er schlug vor : » Der Himmel auf Erden . « Sie ( naiv ) : » Die gute Hoffnung . « Er : » Die ewige Treue . « Sie : » Das holde Glück . « Er hielt das Kürzeste für das Passendste und schlug vor : » Die Liebe . « Sie gab nach und flüsterte : » Ja ! « fügte jedoch nach einer langen , atemlosen Pause hinzu : » Bis übers Grab ! « Und dabei blieb es , was den Namen anbetrifft . In einem neuen langen , langen Kusse durch den Zaun und vermittelst vier im Mondlicht flimmernder Wonnetränen wurde die Taufe vollzogen ; die Arche hieß : » Liebe bis übers Grab « . In der Tat eine recht wohlklingende Devise für den heimtückischen Weltozean : vorausgesetzt , daß es nicht einmal in einem Seeberichte hieß : » Schiff › Liebe bis übers Grab ‹ , Kapitän Hymen , in Ladung mit Pottasche vom Anfang der Welt nach Havre de Grace ; leck , mastenlos angesprochen bei Kap Finisterrae ; gesunken usw. usw. usw. ! « Denken wir nicht daran ! Malen wir es uns beileibe nicht aus ! Weshalb auch wollten wir uns das so sehr Unwahrscheinliche vor die Phantasie rücken ? Auf die Mondscheinnacht folgte im natürlichen Laufe der Zeit ein Morgen , auf diesen ein zweiter und so fort . Und dann gab es eines Tages einen Auflauf auf der Werft ob des neuen Bauunternehmens , und die Leute liefen zusammen : die einen , um ihren Beifall , die anderen , um ihre Mißbilligung auszusprechen . Alle aber sagten : » Nein , so was ! « Die Eltern Ernestas jedoch sagten noch einiges mehr , und bei der nächsten verstohlenen Zusammenkunft der beiden jungen Liebenden flüsterte die junge Dame : » O Gott , Hilarion , ich habe so viel Verdruß um unsere Liebe , daß ich es gar nicht ausdrücken kann . Seit sie dahinter gekommen sind , bin ich wie verraten und verkauft . Du machst dir keinen Begriff davon , wie sein sie sind , um mich elend zu machen . O , bitte , bitte , tue es nicht wieder , sieh nicht wieder mit dem Opernglase nach unserer Loge wie neulich in Romeo und Julie ! Gegen das , was ich nachher im Wagen beim Nachhausefahren von Mama anzuhören hatte , und meine Gefühle dabei , war das ganze Trauerspiel nichts , nichts , gar nichts ! Und was Papa bemerkte , das war aus dem Leben gegriffen , und der alte Capulet hätte sich dreist ihn zum Muster nehmen können seiner unglücklichen Tochter gegenüber . O Hilarion , ich bin unglücklich , und was daraus werden soll , weiß ich nicht , und wenn du mich totküßtest ! Bitte , laß es jetzt einmal und gib mir einen vernünftigen Rat . « Das war viel verlangt ; aber der junge Schiffsbauer machte wenigstens den Versuch : » Hast du nicht mich , mein Herz , und habe ich nicht dich , du Süße , Süße ? Was will die ganze übrige Welt uns anhaben ? « Ernesta trug ihren Namen nicht umsonst ; – sie konnte sich leider nicht sanft aus den Armen des Geliebten losmachen : aber sie sagte , indem sie ihm durch das zierliche , wenn auch solide eiserne Gartengitter die Hand leicht und doch fest auf das Herz , das heißt auf die in der Brusttasche über demselben ruhende Zigarrentasche legte : » Leider Gottes , sehr viel ! Sie kennt deine Umstände nur zu genau und sagt mir über deinen Charakter Sachen , die ich gottlob für unwahr halte , an denen ich aber sterben würde , wenn sie wahr wären . « » Nun , das muß ich sagen ! « rief der Geliebte . » Kind , ich versichere – « » O , tue das nicht ! Sieh , ich weiß ja , daß sie lügen , und ich weiß auch , aus welchen Gründen , und wenn sie auch stets behaupten , daß es nur geschehe , weil sie es wohl mit mir meinen – « » Der Teufel soll sie holen ! Alle miteinander ! Ernesta , liebe , liebe Ernesta , meinen Charakter , mein Herz kennst ja nur du allein ! Herrgott , ich bin ein guter Mensch , aber in diesem Augenblick und nach dem , was du mir da eben mitteilst , möchte ich doch am liebsten dem Universum den Schädel einschlagen ! « » Mir dann mit ? Mir auch ? « flüsterte die Geliebte . » O , bitte , bitte , tue es nicht . Ich weiß ja , daß sie die Unwahrheit sagen , und daß der Onkel – « » Puh , der Onkel ! « ächzte der Geliebte unter dem so plötzlich auf ihn gehäuften Gebirge der Verleumdung hervor und schloß , mühsam nach Luft ringend , ohne irgendwie abzuschließen , » der Onkel , der Onkel ! Puh , der Onkel Pü – terich ! – U – h ! « – – Dem jungen Manne gingen tausend unheimliche Bilder durch den Kopf , und alle betrafen das Faktum , daß die Hinterfenster des alten Barons auf seine – Hilarions – Vorderfenster blickten und daß der würdige alte Herr wahrscheinlich nicht selten aus seinem Kammerfenster sah . » Ja , ja , « schluchzte Ernesta , » er hat den Eltern kurzweg erklärt , daß er , wenn ich nicht , wie sie ihm versprochen hätten , seinem guten Freunde Magerstedt meine Hand geben würde , seinem Testament ein Ko – Ko – Ko – wie nennt ihr Juristen das doch ? In den Lustspielen kommt es öfters vor , und man lacht darüber ; aber im Leben soll es etwas Entsetzliches sein ! « » Ein Kodizill will er seinem Testament anhängen , wenn du seinen guten Freund Magerstedt nicht heiratest ? « stammelte Hilarion . » Uh , die beiden alten verhuzzelten , nichtsnutzigen Uhus ! Mädchen , daß der Weg zu dir nur über meine Leiche geht , weißt du ; aber dem Herrn von Magerstedt breche ich selbst als Leiche noch den Hals . Den werde ich zum Stolpern bringen ! Und – Ernesta , Ernesta , was des Onkels Testament anbetrifft , so habe ich da meine ganz eigenen Ansichten . Wenn man mir nur Glauben schenken würde , wenn ich nur die Beweise beibringen könnte , daß dem ein Kodizill weder auf- noch niederhilft , so würde ich heute abend noch – jetzt auf der Stelle mit deinem Papa und deiner Mama reden , um den bodenlosen alten Heuchler zu entlarven . Aber sie glauben , sie glauben mir ja nicht ! « » Und außerdem ist dir ja unser Haus von jetzt an auf ewige Zeiten verboten ! « schluchzte Ernesta . » Sie stecken mich in ein Kloster , sie machen mich zur barmherzigen Schwester , sie schicken mich zurück nach Lausanne