Eulenpfingsten Erstes Kapitel De dag was schöne , dat weder klar , und die Frankfurter Glocken , die am 22. Mai 1858 das Pfingstfest einläuteten , läuteten harmonisch in den entstandenen Wirrwarr , von dem wir erzählen wollen , hinein . Die Sonne hatte den ganzen Tag geschienen und ging sehr schön unter über Frankfurt am Main . Wenn sie es sonst recht wohl versteht , ihre Schleppe mit einem Griff zusammenzuraffen und rasch über den Horizont hinüberzutreten , so ging sie diesmal in vornehmer , lächelnder Ruhe , und der rote Saum ihres Gewandes schleifte lang durch den Abend nach . Die Stadt hatte vollkommen Zeit , letzte Hand an ihren Putz für den morgenden Tag zu legen , und tat es mit Eifer im Innern wie im Äußern . Ein Personenzug der Main-Weser-Bahn hatte den Main-Weser-Bahnhof gerade beim Ausklingen des Vigiliengeläutes erreicht , und die Tante Lina Nebelung war ausgestiegen und war richtig von Käthchen Nebelung , der Nichte , sofort » der Beschreibung nach « erkannt worden . Der Legationsrat hatte die Tante dem Töchterlein diplomatisch genau und zwar sehr häufig abgemalt . » Ich habe sie seit zwanzig Jahren nicht gesehen , « sagte der Bruder Legationsrat , » aber sie hat sich nicht verändert , sie kann sich nicht verändert haben ; es liegt nicht in ihrem Charakter , in ihrer Natur ; ich kenne sie darin . « Darauf war dann jedesmal die allergenaueste Personalbeschreibung der Tante , wie sie vor zwanzig Jahren war , gefolgt , und zu allem übrigen trug Käthchen Nebelung auch noch zwei vor einem halben Jahre aus Neuyork gesandte Photographien der guten Dame ( ein Brustbild und ein Bild in ganzer Figur ) in der Tasche . Daß aber der Papa nicht mit zum Bahnhof ging , sondern es dem Kinde allein überließ , die ankommende Verwandte aus dem Gewühl herauszufinden , das eben hatten die Furien , die Erinnyen gewollt . Das war der Spaß , den sie sich zu Pfingsten machten . Mit roten verweinten Augen und zuckenden Lippen , verstört , ärgerlich und voll Angst , an die Unrechte zu geraten , stand Fräulein Katharina Nebelung im Getümmel , ihre beiden photographischen Kabinettstücke nebst dem tränenfeuchten Taschentuche in der Hand . » Es ist zu abscheulich ! « hatte sie gesagt , und dann war der Zug herangeschnoben und hatte ausächzend seine Insassen von sich gegeben . Arg war das junge Mädchen hin und her geschoben worden ; es war fast zu arg gewesen , und die Leute waren doch eigentlich zu rücksichtslos ; aber als der Schwarm sich so ziemlich verlaufen hatte , hatte das Kind schüchtern vor einer stattlichen , länglichen , in ein graues Reisekostüm gekleideten und etwas verwundert , verschnupft um sich blickenden Dame geknixt und – immer ihre Photographien in der Hand – dem hellen Weinen nahe , gestottert : » Gnädige Frau – Fräulein – liebe Tan – vielleicht bin ich Käthchen , – Käthchen Nebelung ! « » Wa – was ? Bist du vielleicht Käthchen ? Meine Nichte Katharina Nebelung ? « » Ja , liebe Tante – o Gott sei Dank ! « hauchte das junge Mädchen . » Also du bist es « , sagte die Deutsch-Amerikanerin , klopfte auf die kleine Hand , die krampfhafter denn je die zwei Photographien hielt , aber jetzt schnell mit ihnen in die Tasche fuhr – neigte sich , gab der Deutsch-Frankfurterin einen ruhigen Kuß und sprach : » Aber ich wundere mich doch ! Du allein ? Ohne deinen Vater ? Ist dein Vater nicht zugegen ? Weshalb ist dein Vater nicht zugegen ? « Das war die Frage ! Und der Leser wird sie mit der Tante wiederholen . Was uns anbetrifft , so fragen wir nicht nur wo ? Sondern auch wer ? Nicht nur , wo ist dein Vater , sondern auch wer ist dein Vater , – dieser Herr Legationsrat von Nebelung , kleines Käthchen ? Damit sind wir drin , – im Hader , Verdruß und Unfrieden mit aller Welt , wie der alte Biedermann es sich und uns und vor allen Dingen der Tante recht hübsch zugerichtet hat . Man hat sich an die Stirn zu greifen , wenn man es sich genauer überlegen will , wie rasch der Adler zur Sonne und wie langsam das Faultier in den Gipfel des Baumes emporsteigt : der Karriere des Rats Nebelung wegen brauchte sich jedoch niemand an den Kopf zu fassen . Der Mann hatte Jurisprudenz studiert , hatte sich das Wohlwollen und Zutrauen seiner Vorgesetzten erworben und war nach Frankfurt gekommen als Sekretarius des Gesandten für – für – beim Ruder des Charon , es ist uns augenblicklich nicht möglich , uns auf den Namen des Staates zu besinnen , den dieser Gesandte damals vertrat am durchlauchtigsten deutschen Bundestage ! Beide sind seit Jahren hinübergegangen , der Gesandte wie der Staat ; daß der Herr Sekretär Nebelung mit dem letzten Exemplar des Landensordens , dem daran haftenden persönlichen Adel und dem Titel Legationsrat noch übrig ist , das eben ist unser ganz spezielles Glück . Wir haben gottlob ! schon öfters dergleichen Venuswürfe zu verzeichnen gehabt . Es war mehreres , was den Legationsrat bewog , in Frankfurt am Main zu verbleiben , nachdem er daselbst überflüssig geworden war . Erstens , natürlich das Aussterben des angestammten Fürstenhauses selber . Was war das Vaterland ohne den Vater desselben ? Nichts ! – Gründlicher wie dem Rat Alexius von Nebelung durch das höchstselige Abscheiden Alexius des Dreizehnten war selten einem Staatsangehörigen der Boden der Heimat unter den Füßen weggezogen worden . Zweitens , seine Verheiratung mit der Witwe eines Frankfurters ( die Dame selbst war keine Frankfurterin ) , die gleichfalls keinen Gefallen an Nullmalnullburg fand und seltsamerweise an ihren von dort her angeheirateten Verwandten noch weniger als keinen . Drittens , die Geburt seiner Tochter , die vom ersten Aufblick an sich auf den Standpunkt ihrer Mutter stellte und nach dem Tode derselben diesen Standpunkt festhielt . Viertens , eben der Tod seiner Frau . Fünftens , seine angenehme Wohnung auf der Hanauer Landstraße . Sechstens , sein Freund und Nachbar auf der Hanauer Landstraße , Herr Florens Nürrenberg , und : Siebentens , er selber , Legationsrat Alex von Nebelung , ohne daß wir uns hier eines Pleonasmus oder einer Tautologie schuldig machen . Wem übrigens daran gelegen ist , die sonstigen sechs Taufnamen unseres Gönners zu erfahren , der mag selber im Kirchenbuche zu 0x0burg nachschlagen . Es ist immer unser Bestreben , so kurz als möglich zu sein , und das Längere und Breitere über uns kommen zu lassen , aber nicht es faul an uns heranzuziehen . Wir könnten nun ganz wohl eben aufgeführte sieben Punkte durch A A , a a , B B , b b usw. ins Unendliche zerlegen , tun ’ s aber nicht , sondern wenden uns zum Freunde unseres Freundes und Gönners und sagen einiges über den Herrn Kommerzienrat Florens Nürrenberg , den Nachbar des Herrn Legationsrats . Einiges ? Das Wort reicht doch nicht aus einem Manne gegenüber , den der letzte Doge von Venedig , nein , der letzte reichsunmittelbare Bürgermeister der weiland freien Reichsstadt Rottweil am Neckar aus der Taufe gehoben hatte . Das war im Jahre 1800 geschehen , und der Vater des Täuflings war Präsident des kaiserlichen Hofgerichts und aus Sachsenhausen gebürtig . Nach Sachsenhausen verzog er denn auch wieder mit seiner Familie , nachdem der dicke erste württembergische König Friedrich auch Rottweil verschluckt hatte , und das kaiserliche Hofgericht daselbst ebenso überflüssig geworden war , wie der Legationsrat von Nebelung einige vierzig Jahre später zu Frankfurt am Main . Ob der kaiserliche Rat Herr Elardus Nürrenberg als ein vermöglicher Mann von Rottweil nach Sachsenhausen ging , können wir nicht sagen ; allein sehr vieles deutet darauf hin , daß er seine Schäflein am Hofgericht nicht ohne Verständnis geschoren habe . Sein Sohn Florens saß jedenfalls Ende der Fünfziger Jahre in der Hanauer Straße in der Wolle , als ein Mann in den besten Jahren , Darmstädtischer Kommerzienrat , gleichfalls Witwer und als der Vater eines Sohnes , der wiederum Elard hieß und sich in den noch besseren Jahren des menschlichen Lebens befand . Bis zum Jahr 1850 hatte es sich Herr Florens zu Höchst als ein berühmter Tabaksfabrikant sauer werden lassen ; aber nachher – konnte er ’ s , und beim Beginn unserer Geschichte konnte er ’ s immer noch . Er bewohnte mit seinem Sohn ( NB . wenn derselbe in den Ferien daheim war ) und seiner Haushälterin , der Frau Drißler , sein eignes Haus mit Garten in der Hanauer Landstraße ; der Rat Nebelung gegenüber wohnte zur Miete , jedoch als eine stille Familie bereits seit fünfzehn Jahren in dem selben Hause und Stockwerk ; ja , er war sogar während dieser Zeit zweimal mit dem Grundstück verkauft worden , und der neue Besitzer hatte ihn wie das Käthchen stets gern mit in den Handel genommen . Der jüngere Elard hatte auf verschiedenen Universitäten Philologie studiert und hatte Italien und Griechenland mit Nutzen gesehen . Er war Professor der Ästhetik zu Heidelberg und augenblicklich in den Pfingstferien zu Hause . Sachverständige behaupteten , daß er zu den schönsten gelehrten Hoffnungen des deutschen Vaterlandes gehöre , und – wir dürfen es gleich sagen – Fräulein Käthchen Nebelung teilte diese Hoffnungen des Vaterlandes ; – schnöde Kritiker werden das wohl den ganz gewöhnlichen Romanapparat nennen . Außer seinem Professor besaß der Kommerzienrat Nürrenberg eine der größten Sammlungen gläserner Pokale zu Frankfurt am Main . Seine Kakteenzucht war weit berühmt , und es existiert natürlich auch ein ganz neuer Cactus Florens Nürrenberg . Mit seinem diplomatischen Nachbar war der vergnügliche Patrizius politisch einig . Beide bedauerten eine untergegangene schönere Welt , der Kommerzienrat jedoch mit einem höchst willkommenen Behagen an der Gegenwart . Um einen Hausfrauenausdruck zu gebrauchen , waren ihm drei Fingerspitzen Reize der Vergangenheit vollständig genügend , um dem augenblicklich vorhandenen Tage den nötigen Haut-gout zu verleihen . Der Legationsrat brauchte mehr ; und damit werfen wir uns wieder in die volle Gegenwart und kehren zurück zum Main-Weser-Bahnhof , wo wir die Tante Lina und das aufgeregte Käthchen , wenn auch notgedrungen , so doch sehr ungern nach der ersten flüchtigen Begrüßung verlassen haben . Es ist die höchste Zeit . Zweites Kapitel » Das ist mir eine schöne Geschichte ! « rief die Tante Nebelung . » Man kann ein Jahrhundert von der Heimat abwesend sein , und man findet sich nach der Rückkehr sofort wieder in dem alten Spuk . Ich hätte es mir gleich denken können . Na , ein Gutes hat es doch : da behält man eben seinen mühsam errungenen Gleichmut und verschiebt seine Rührung auf eine unbestimmte passendere Gelegenheit . Go ahead , also sie haben sich in den Haaren gelegen ? « » O ganz grimmig ! Ganz schrecklich müssen sie sich gezankt haben ! Elard – ich meine der Herr Professor Nürrenberg , kam atemlos , und dann war ich so ärgerlich – deinetwegen , beste Tante ; und da sagte ich ihm meine Meinung über seinen Papa ; und dann stürzte er wieder fort , meinem Papa nach , und die Droschke kam , und ich mußte außer mir einsteigen und hierher fahren . Und hier bin ich , und was für eine Angst ich ausgestanden habe , dich nicht zu erkennen und dich zu verfehlen , Tante Lina , das kann ich gar nicht mit Worten ausdrücken . Was wirst du von uns denken ? und wir hatten doch alles getan , um deinen Empfang so festlich als möglich zu machen ! « » Hm , « sagte die Tante , » beruhige dich , mein Kind ; ich kenne meine Familie , und solange ich denken kann , sind unsere Familienfeste immer in dieser Art ausgefallen . Guten Willen haben wir stets gehab , leider genügt derselbe nur nicht , um sich das Leben angenehm zu machen in dieser schlechten Welt , und so bin ich denn nicht ohne meine Gründe in die Fremde und nach Amerika gegangen . Und jetzt komm , mein Kind ; jetzt wollen wir nach Hause fahren und uns eure Vorbereitungen in der Nähe ansehen . « Damit bestiegen beide Damen das Fuhrwerk , das sie nach der Hanauer Landstraße führen sollte , und sie fuhren ab vom Main-Weser-Bahnhof durch das Gallustor , den Fluß entlang und dann über die Promenade nordwärts zum Allerheiligentor ; aber am Metzgertor rief Käthchen : » O Gott , da rennt ja der Papa ! Lieber Himmel , er rennt – er rennt nach Sachsenhausen hinüber ! « » Wo ? « fragte die Tante , sich aus dem Fenster biegend . » Dort – dort über die Brücke ! Halt , Kutscher – o Tante , laß uns halten , wir holen ihn noch ein und nehmen ihn wieder mit uns um ! « » Nein ! « sprach die Tante Lina Nebelung mit Nachdruck . » Da er es einmal so gewollt hat , so nehmen wir ihn nicht mit uns , sondern lassen ihn laufen . Es liegt so in unserer Familie ; fahr zu , Kutscher ; – er wird wohl seinerzeit von selber umkehren . O Kathy , du kennst unsere Familie doch noch nicht so lange als ich . « Sie saß bei diesen Worten sehr aufrecht , während das Käthchen nunmehr in vollständiger Verzweiflung sich zurückwarf und das Gesicht mit dem Taschentuch bedeckte . Letzteres ahmte die Tante auf der schönen Aussicht mit beiden Händen memnonsbildartig nach und ließ erst am Obermaintor die Decke wieder sinken . Da kam dann ein verzwickt-komisch Gesicht zum Vorschein , und Fräulein Karoline Nebelung sprach : » Du , jetzt guck nur auch vergnügt auf . Will der Alex Eulenpfingsten feiern , so tanzen wir beide doch um die Maje . Also von eurem Herrn Nachbar brachte mein guter Bruder diese liebliche Stimmung mit herüber ? « » Ja wohl ! Sie pflegen immer an solchen schönen Tagen wie dieser im Garten des Herrn Kommerzienrats in der Laube eine Pfeife zum Kaffee zu rauchen , d.h. der Papa schnupft nur ; und seit ich mich besinnen kann , ist das so gewesen ! Da sagt der Papa : ‚ Ich gehe noch ein Stündchen hinüber , aber zur rechten Zeit bin ich wieder da , und dann holen wir das Tantchen ; nimm dich nur zusammen , Käthchen , daß wir es ihr recht behaglich bei uns machen , es ist unsere Pflicht und Schuldigkeit ! ’ – Nun hatte der Nachbar Nürrenberg schon am Morgen ganze Körbe voll Blumen geschickt ; alle Vasen sind gefüllt , und es ist ganz ein Garten bei uns . Ich hatte mir eben die letzten Schleifen zurecht gezogen und saß vor dem Klavier , um mein Herzklopfen zu verklimpern – da geschah das Schreckliche . Plötzlich stürzt der Papa in die Tür wie ein Untier , schlägt sich vor die Stirn , trampelt mit den Füßen und lacht dazwischen wie ein Bösewicht auf dem Theater . Ich sitze bleich und erstarrt und wage es nicht , ihn anzureden , und als ich ihn doch anrede , schreit er : ‚ Alles hat ein Ende , selbst meine Geduld ; – o dies sich sagen , sich bieten lassen zu müssen , – von solch einem Schneebergerschnupftabaksgroßhändler ; – sieh aus dem Fenster , Käthchen , – siehst du was ? ’ – Ich war zitternd aufgesprungen und sah aus dem Fenster . ‚ Siehst du was ? ’ ruft der Papa außer sich . – ‚ Nein , o nein ; was soll ich denn sehen ? ’ stottere ich . ‚ Einen Abgrund , – den Abgrund , der sich da aufgetan hat ; es ist zu Ende mit der Freundschaft , der Bekanntschaft , – für ewige Zeiten zu Ende ! ’ – Einen Abgrund sah ich nicht in der Hanauer Landstraße , aber jetzt stand Elard – der Herr Professor Nürrenberg , in der Gittertür und sah auch verstört nach unserem Balkon hinüber , und als er mich erblickte , erhob er die Schultern und Arme und ließ dann die ausgebreiteten Hände sinken . Er sieht sonst so geistreich aus , und nun wurde seines Aussehens wegen mein Schrecken noch um vieles größer , und ich faßte den Papa am Arm und rief : ‚ Papa , o Papa , was ist vorgefallen ? ’ – ‚ Nichts ! ’ schnarrt der – ‚ Alles ! ’ fügt er hinzu als einzige Erläuterung . Und da springt er herum und schreit : ‚ Luft ! Luft ! – die Pfingstweide ! ’ und er schien das heftigste Fieber zu haben . Er fand seinen Hut und seinen Stock und wollte aus der Tür ; ich aber faßte ihn jetzt weinend fester und hielt ihn und schluchzte : ‚ Aber , Papa , wir müssen ja nach der Eisenbahn , – du willst doch jetzt nicht nach der Pfingstweide ? ! Sieh mich nicht so an , liebster , bester Papa ; sage mir ruhig , was geschehen ist ! ’ – Da sah er mich aber doch so an , aber gottlob ! kannte er mich wenigstens noch , und da murmelte er : ‚ Ja richtig , die Tante … auch das noch ! In einer Stunde und zwanzig Minuten wird sie nach zwanzigjähriger Abwesenheit anlangen , – nein , es geht nicht , es ist nicht möglich , ich muß mir Fassung , Ruhe laufen ! Kind , fahre voraus nach dem Bahnhof , ich komme dir nach ! ’ – Damit war er aus der Tür , und ich hörte ihn die Treppe hinabstürzen , o Gott , und unser Hausarzt wohnt in der Großen Bockenheimer Gasse ! – Tante , Tante , du hast eben selber gesehen , wie er uns nachgekommen ist ; – über die Brücke ist er , nach Sachsenhausen ist er hinüber , und hier fahren wir am Recheneygraben ! Wir hatten uns so sehr auf dich gefreut ; aber gewiß , gewiß hat er ein Gehirnfieber , und der Nachbar , der Herr Kommerzienrat , ist schuld daran ; – ich habe das Elard auch scharf genug gesagt , als der nun auch noch kam und mir seine Unschuld dartun wollte . O ich habe ihn nicht zum Worte kommen lassen . So voll Angst und Zorn und Verzweiflung bin ich in meinem ganzen Leben noch nicht gewesen , und wie ich zu der Überlegung kam , daß ich die beiden Photographien mit nach dem Bahnhof nahm , das weiß ich nicht , das war ein Erbarmen des Himmels , und der hat sie mir in die Hand gedrückt und mitgegeben . « In Norddeutschland hat man für ein derartiges Erzählen oder Berichten das wenn nicht hübsche , so doch ziemlich bezeichnende Klangwort rawweln ; und heiter ließ die Tante Lina das Käthchen sich ausrawweln . Daß die Frankfurter Droschke nicht auf Gummirädern lief , war sicher ; aber es war nicht einzig das Stoßen des Wagens , welches den Oberkörper der Tante so häufig in eine zuckende Bewegung brachte ; beim Umbiegen in die Hanauer Straße jedoch setzte sie sich plötzlich fest hin und erkundigte sich erschreckend jach , wer denn dieser oft genannte Herr Elard eigentlich sei . Und Käthchen Nebelung , ihrerseits plötzlich angestrengt aus dem Wagenfenster sehend , gab die erwünschte Auskunft , wenngleich in etwas unbestimmter und stockender Weise : » O , nur der Sohn des Herrn Kommerzienrates , der Herr Professor Nürrenberg . Weißt du , sonst auch ein guter Freund meines Papa . Er wohnt uns auch gegenüber , das heißt , jetzt wohnt er in Heidelberg und hält Vorlesungen , und wir kennen uns ganz gut seit langen , langen Jahren . « » So ? ! … Nur – und : seit langen , langen Jahren « , sagte die Tante lächelnd , und dann hielt die Droschke . » Hier wohnen wir denn , und dort drüben wohnt der Herr Kommerzienrat « , seufzte Käthchen . » O lieber Himmel , wie ist mir diese schöne Stunde verdorben worden . « » Recht nett « , sagte die Tante , und es war zweifelhaft , ob sich das Wort auf den ersten Satz der Nichte – die Benachrichtigung , oder auf den zweiten – den Stoßseufzer bezog . Sie stieg elastisch aus , und ihr Handgepäck wurde ins Haus geschafft ( das übrige kam nach ) . Auf der Schwelle blickte die Deutsch-Amerikanerin noch einmal durch die Lorgnette nach dem gegenüberliegenden feindlichen Lager , und dann küßte sie die Nichte und sprach tröstend : » Nun trockne dir die Tränen ab , Kind ; ich heule auch nicht . « » Ja , du auch ! Du kannst wohl lachen ! « » Das ist richtig , « sagte die Tante , » als ich so jung war wie du , wurde ich mir auch häufig genug selber interessanter durch die hydrodynamischen Erscheinungen meiner Natur ; aber jetzt bin ich Lehrerin der Physik und der Physiologie am Vassor College im Staate Neuyork gewesen und habe mir manchen Wind zu Wasser und zu Lande um die Nase wehen lassen . Was ist die Träne ? Eine serös-schleimige Feuchtigkeit , wenig spezifisch schwerer als Wasser , und enthält viel Soda in reinem kochsalzsaurem , kohlensaurem und phosphorsaurem Zustande . « » Gütiger Gott , Tantchen ? ! « stammelte Käthchen Nebelung , den Mund zierlich offen behaltend ; doch ruhig schloß Fräulein Karoline Nebelung : » Kurz , ich kenne die Welt , habe das Meinige drin erlebt und kenne deinen Papa , meinen lieben Bruder , gleichfalls . Sonst aber ist es mir seit meiner Abreise vom Vaterhause dann und wann gegeben worden , hier und da Ordnung zu stiften , und ich werde auch hier Ordnung zu stiften wissen . Laß ihn nur nach Hause kommen ! « . Sie stiegen nunmehr in die kühle , angenehme Wohnung des Herrn Rates hinauf , und sofort trat Tante Lina , auf deren Stirn jetzt das Abendrot wirklich in sehr ernstem Sinne glühte , auf den Balkon , warf einen prüfenden Blick nach rechts und links in die Hanauer Landstraße und auf das zierliche Haus hinter dem niedrigen eisernen Gitter gegenüber . Es interessierte sie doch sehr . Über das Gitter wuchs und hing dichtes maigrünes Gebüsch , und hinter dem Busch stand der Nachbar Nürrenberg im langen grünen Schlafrock und hatte die erloschene Pfeife an den Strauch gelehnt . Gespannt vigilierte er seit dem Vorfahren der Droschke auf die Fenster des Nachbars Nebelung . Jetzo erblickte er die Tante auf dem Balkon und sah , wie sie sich graziös über die Balustrade beugte . » Da ist sie also ! « murmelte er , und hastig tief in die Tasche seines Schlafrocks greifend , riß er ein Opernglas hervor und starrte auch da hindurch . » Hm , « sagte er , » eine gediegene , eine würdige Persönlichkeit . Gut gearbeitetes Deckblatt . Ei , ei , hm , hm , es ist mir doch unangenehm , daß diese Meinungsverschiedenheit gerade heute zutage treten mußte . Und was konnte ich dafür ? Nun , zum Teufel , hätte der leidige Satan nicht bereits die ganze Dynastie geholt , so würde ich sie ihm in diesem Moment zu schleuniger Berücksichtigung anempfehlen . « In eben diesem Moment wendete sich die Tante Nebelung und trat durch die Balkontür in den Salon zurück . » Hm ! « wiederholte Herr Florens Nürrenberg hinter seinem Operngucker . Die Tante gefiel ihm auch von der Rückseite , und sie machte also in jeder Hinsicht einen sehr vorteilhaften Eindruck auf ihn . Drittes Kapitel Daß wir diesmal , wie es sich gehört , dem Strich nach erzählen , kann niemand verlangen . Ganz und gar Ephemeron fährt die Geschichte auf dem Wasserspiegel unter den überhängenden Weiden hin und wider und kreuzt sechsmal , ehe du sechs zählst , die eben hingezuckte Bahn . Sie – der Legationsrat und der Kommerzienrat – hatten den süßesten Frühlingstag oder Frühsommertag , und zwar nachdem sie beide , der eine mit dem guten Sohn , der andere mit der lieben Tochter , behaglich zu Mittage gespeist und friedlich ihre Siesta gehalten hatten , dazu benutzt , sich in der Tat gründlich zu überwerfen . Seien wir nun auch gründlich und berichten wir : warum ! Wir wissen bereits durch das Töchterlein , daß der Rat Nebelung nicht rauchte , sondern nur schnupfte , und letzteres harmlose Vergnügen hatten die Götter gleich benutzt ( wie nachher deutlich wurde ) , um darzutun , daß sie Tücke im Sinne führten . Beim Eintritt in den Garten hatte der Legationsrat dem Nachbar und Freunde die goldene Dose , ein Geschenk seines höchstseligen Landesherrn , dargeboten , und Herr Florens Nürrenberg hatte behaglich den Daumen und Zeigefinger eingetaucht und – seinen Lehrjahren bei Bolongaro in Höchst sowie seinem gesamten eigenen Geschäftsbetrieb zum Trotz – sofort nach dem Genuß dreimal genießt . » I , was ist denn das ? « fragte er denn auch einigermaßen erstaunt , und er hatte recht , zu fragen : was sonst nur ein günstiges Zeichen der Götter sein soll , bleibt einem Tabaksfabrikanten gegenüber jedenfalls zweifelhaft und erwies sich diesmal als ein finsteres , unheilvordeutendes Omen . Nach der gewohnten Begrüßung hatten die beiden würdigen Herren in gewohnter Weise ihren Inspektionsgang durch das Gärtchen angetreten , und der Kommerzienrat hatte mit der Pfeifenspitze wie der Hand selbst auf die kleineren Einzelheiten der in der Nacht vorgefallenen Veränderungen in der Vegetation aufmerksam gemacht . Der Legationsrat hatte als ein teilnehmender Dilettant über alles seine Meinung freundschaftlich abgegeben , und nach einem Einblick in das Kakteendepartement hatten die beiden Nachbarn ihre festbestimmten Plätze in der Laube eingenommen . Es gab gar nichts Behaglicheres als ihre Stimmung in diesen Augenblicken . Von drüben herüber jubelte Käthchens Stimme und Piano in den blauen Maienhimmel hinein ; und der Professor der Ästhetik , Herr Elard Nürrenberg , am offenen Fenster seines auf den Garten sehenden Schüler- und Junggesellen-Stübchens liegend , hatte nimmer in seinen Ferien himmelblauere Minuten genossen . Auf seinem Tische hinter ihm lag in des Frankfurter Poeten Wolfgang Goethes Liederbuche Alexis und Dora aufgeschlagen , und nach vorn hinaus durch das Weinlaub vor seinem Fenster blinzelte der Professor durch das halbgeschlossene Auge und sagte : » Es ist zu herzig ! « Das war es , und die Tante Lina wurde noch obendrein erwartet , und auch Herr Florens und der junge Doktor freuten sich auf die Tante . Die beiden Räte in der grünen Laube waren eben bei der Tante angelangt und bei den Blumen , die der Kommerzienrat geschickt hatte , und bei dem Monstre-Papierbogen mit dem Worte Willkommen , den der Legationsrat über die Tür genagelt hatte . Kein Wölkchen am Himmel , und morgen – Pfingsten ! – morgen , Pfingsten , das Fest der Freude ! – – Ja , Eulenpfingsten ! – – – – Hätte Satan , der Fürst der Finsternis , ein Herz gehabt , er würde es trotz aller seiner Bosheit nicht darüber gebracht haben , jetzt seine Krallen durch den Jasmin zu strecken , die beiden guten Papas bei dem ergrauten Haarwuchs zu fassen und sie mit den Stirnen gegeneinander zu stoßen . Die Hölle hat kein Herz ! Das ist es ja eben , was wir ihren Fehler nennen , was sie selber aber schnöderweise ihren Vorzug zu nennen beliebt . Und wenn wir eben dem Teufel seine alte Bezeichnung wiedergegeben haben , wenn wir ihn den Fürsten der Finsternis nannten , so widerrufen wir das Wort feierlichst . Es ist nicht wahr , daß die Nacht , die Finsternis , vorzugsweise das Reich des Bösen ist ; im Gegenteil , es macht ihm gerade ein Hauptvergnügen , den schönen , hellen , lichten , sonnigen Tag zu seinen schlimmen Werken zu benutzen . Wenn die Sonne scheint , wenn die knospende Rose unter ihrem Strahl den Schoß zu öffnen willens ist , wenn die Lerche über dir singt , wenn du die Flasche Asmannshäuser der Kühlung wegen im dunkelsten Schatten des Buchengebüsches verbirgst , – wenn du , holde Braut , den Schein des prächtigsten aller Fixsterne in dem seligen Tropfen , der sich an der Wimper des Geliebten sammelt ( die Tante Nebelung würde sich freilich anders ausdrücken ) , sich widerspiegeln sieht : dann – dann gerade ist die richtige Zeit für old iniquity : dann ist die Zeit , wo der seltene gewitzigte Mensch der Schönheit und Lieblichkeit der Welt um ihn her am wenigsten traut . » Ich traue dem Dinge nicht so recht « , sagt der gewitzigte Mensch , und diese Redensart , die er wahrlich nicht aus sich selber hat , stammt nicht aus der dunklen Nacht , sondern von dem hellen Tag her . Der alte Feind weiß es nur allzu gut , wann er sich am nachdrücklichsten ein Vergnügen mit den Erdbewohnern machen und seine Späße am boshaftesten in Szene setzen kann . Was war es denn gewesen , was den beiden guten alten Herren die Laune in dieser gemütlichen Stunde verdorben hatte ? Nichts ! Ein Nichts ! Ein Garnichts ! Der Schatten eines Gespenstes – Seine höchstselige Hoheit Alexius der Dreizehnte . Aber wenn derselbe sich als der dreizehnte Gast höchsttrübseligst an einer festlich geschmückten Hochzeitstafel niedergelassen haben würde , so hätte sein Erscheinen da keine verstimmendere Wirkung haben können als hier in der Jasminlaube , wo man zu drei sich befand . Er war in die Laube eingetreten , und zwar in his nightgowne , d.h. nicht in der Uniform seines Leibbataillons , sondern im schwarzen Frack , den Zylinderhut in der Hand und den Großkordon seines Hausordens samt dem Stern über der Brust :