Conrad Ferdinand Meyer Plautus im Nonnenkloster Nach einem heißen Sommertage hatte sich vor einem Casino der mediceischen Gärten zum Genusse der Abendkühle eine Gesellschaft gebildeter Florentiner um Cosmus Medici , den » Vater des Vaterlandes « , versammelt . Der reinste Abendhimmel dämmerte in prächtigen , aber zart abgestuften Farben über den mäßig Zechenden , unter welchen sich ein scharf geschnittener , greiser Kopf auszeichnete , an dessen beredten Lippen die Aufmerksamkeit der lauschenden Runde hing . Der Ausdruck dieses geistreichen Kopfes war ein seltsam gemischter : über die Heiterkeit der Stirn , die lächelnden Mundwinkel war der Schatten eines trüben Erlebnisses geworfen . » Mein Poggio « , sagte nach einer eingetretenen Pause Cosmus Medici mit den klugen Augen in dem häßlichen Gesichte , » neulich habe ich das Büchlein deiner Fazetien wieder durchblättert . Freilich weiß ich es auswendig , und dieses mußte ich bedauern , da ich nur noch an den schlanken Wendungen einer glücklichen Form mich ergötzen , aber weder Neugierde noch Überraschung mehr empfinden konnte . Es ist unmöglich , daß du nicht , wählerisch wie du bist , diese oder jene deiner witzigen und liebenswürdigen Possen , sei es als nicht gesalzen genug oder als zu gesalzen , von der anerkannten Ausgabe des Büchleins ausgeschlossen hast . Besinne dich ! Gib diesem Freundeskreise , wo die leiseste Anspielung verstanden und der keckste Scherz verziehen wird , eine Facezia inedita zum besten . Erzählend und schlürfend « – er deutete auf den Becher – » wirst du dein Leid vergessen ! « Den frischen Kummer , auf welchen Cosmus als auf etwas Stadtbekanntes anspielte , hatte dem greisen Poggio – dem jetzigen Sekretär der florentinischen Republik und dem vormaligen von fünf Päpsten , dem früheren Kleriker und späteren Ehemanne – einer seiner Söhne verursacht , welche alle herrlich begabt waren und alle nichts taugten . Dieser Elende hatte die greisen Haare des Vaters mit einer Tat beschimpft , die nahe an Raub und Diebstahl grenzte und dem für den Sohn einstehenden , sparsamen Poggio überdies eine empfindliche ökonomische Einbuße zuzog . Nach einem kurzen Besinnen antwortete der Greis : » Jene Possen oder ähnliche , die dir schmecken , mein Cosmus , kleiden , wie üppige Kränze , nur braune Locken und mißziemen einem zahnlosen Munde . « Er lächelte und zeigte noch eine hübsche Reihe weißer Zähne . » Und « – seufzte er – » nur ungern kehre ich zu jenen Jugendlichkeiten , wie harmlos im Grunde sie sein mögen , zurück , jetzt da ich die Unbefangenheit meiner Standpunkte und die Läßlichkeit meiner Lebensauffassung bei meinem Sohne – ich weiß nicht kraft welches unheimlichen Gesetzes der Steigerung – zu unerträglicher Frechheit , ja zur Ruchlosigkeit entarten sehe . « » Poggio , du predigst ! « warf ein Jüngling ein . » Du , welcher der Welt die Komödien des Plautus wiedergegeben hast ! « » Dank für deine Warnung , Romolo ! « rief der unglückliche Vater , sich aufraffend , da er selbst als ein guter Gesellschafter es für unschicklich hielt , mit seinem häuslichen Kummer auf den Gästen zu lasten . » Dank für deine Erinnerung ! Der › Fund des Plautus ‹ ist die Fazetie , mit welcher ich heute euch , ihr Nachsichtigen , bewirten will . « » Nenne sie lieber den › Raub des Plautus ‹ « , warf ein Spötter ein . Poggio aber , ohne ihn eines Blickes zu würdigen : » Möge sie euch ergötzen « , fuhr er fort , » und zugleich belehren , Freunde , wie ungerecht der Vorwurf ist , mit welchem mich meine Neider verfolgen , als hätte ich jene Klassiker , deren Entdecker ich nun einmal bin , mir auf eine unedle , ja verwerfliche Weise angeeignet , als hätte ich sie – plump geredet – gestohlen . Nichts ist unwahrer . « Ein Lächeln ging im Kreise , zu welchem erst Poggio sich ernst und ablehnend verhielt , an dem er aber endlich selbst sich mitlächelnd beteiligte ; denn ihm war , als einem Menschenkenner , bewußt , daß auch die falschesten Vorurteile sich nur schwer wieder entwurzeln lassen . » Meine Fazetie « , parodierte Poggio die den italienischen Novellen gewöhnlich voranstehende breite Inhaltsangabe , » handelt von zwei Kreuzen , einem schweren und einem leichten , und von zwei barbarischen Nonnen , einer Novize und einer Äbtissin . « » Göttlich , Poggio « , unterbrach ihn ein Nachbar , » von der Art jener treuherzigen germanischen Vestalen , mit welchen du in deinem bewundernswerten Reisebriefe die Heilbäder an der Limmat wie mit Najaden bevölkert hast – das Beste , was du geschrieben , bei den neun Musen ! Jener Brief verbreitete sich in tausend Abschriften über Italien ... « » Ich übertrieb , euern Geschmack kennend « , scherzte Poggio . » Immerhin , Ippolito , wirst du , als ein Liebhaber der Treuherzigkeit , an meiner barbarischen Nonne deine Freude haben . Ich beginne . In jenen Tagen , erlauchter Cosmus , da wir unserer zur lernäischen Schlange entstellten heiligen Kirche die überflüssigen Köpfe abschlugen , befand ich mich in Konstanz und widmete meine Tätigkeit den großartigen Geschäften eines ökumenischen Konzils . Meine Muße aber teilte ich zwischen der Betrachtung des ergötzlichen Schauspiels , das auf der beschränkten Bühne einer deutschen Reichsstadt die Frömmigkeit , die Wissenschaft , die Staatskunst des Jahrhunderts mit seinen Päpsten , Ketzern , Gauklern und Buhlerinnen zusammendrängte – und der gelegentlichen Suche nach Manuskripten in den umliegenden Klöstern . Verschiedene Spuren und Fährten verfolgend , geriet ich auf die der Gewißheit nahe Vermutung , daß sich in einem benachbarten Nonnenkloster ein Plautus in den Händen barbarischer Nonnen befand , wohin er sich aus irgendeiner abgehausten Benediktinerabtei als Erbe oder Pfand mochte verirrt haben . Ein Plautus ! Denke dir , mein erlauchter Gönner , was es sagen wollte , damals wo nur wenige , die Neugier unerträglich stachelnde Fragmente des großen römischen Komikers vorhanden waren ! Daß ich darüber den Schlaf verlor , das glaubest du mir , Cosmus , der du meine Begeisterung für die Trümmer einer niedergegangenen größeren Welt teilst und begünstigst ! Hätte ich nur alles im Stiche gelassen und wäre auf die Stätte geeilt , wo ein Unsterblicher , statt die Welt zu ergötzen , in unwürdigem Dunkel moderte ! Doch es waren die Tage , da die Wahl des neuen Papstes alle Gemüter beschäftigte und der Heilige Geist die versammelten Väter auf die Verdienste und Tugenden des Otto Colonna aufmerksam zu machen begann , ohne daß darum das tägliche und stündliche Laufen und Rennen seiner Anhänger und Diener , unter welche ich zählte , im geringsten entbehrlich geworden wäre . So geschah es , daß mir ein untergeordneter und unredlicher Sucher , leider ein Landsmann , in dessen Gegenwart ich in meiner Herzensfreude ein unbesonnenes Wort über die Möglichkeit eines so großen Fundes hatte fallen lassen , zuvorkam und – der Ungeschickte ! – ohne den Klassiker per fas oder nefas zu gewinnen , die Äbtissin des Klosters , wo er von Staub bedeckt lag , mißtrauisch und auf den Schatz , den sie unwissend besaß , aufmerksam machte . Endlich bekam ich freie Hand und setzte mich – trotz der bevorstehenden Papstwahl – auf ein rüstig schreitendes Maultier , den Auftrag hinterlassend , mir nach Eintritt des Weltereignisses einen Boten nachzusenden . Der Treiber meines Tieres war ein von dem Bischofe zu Chur unter seinem Gesinde nach Konstanz gebrachter Rhäter und nannte sich Anselino de Spiuga . Er hatte ohne Zögern in mein niedriges erstes Angebot gewilligt und wir waren um einen unglaublich billigen Preis übereingekommen . Tausend Possen gingen mir durch den Kopf . Die Bläue des Äthers , die mit einem frischen , fast kalten Hauch aus Norden zu gleichen Teilen gemischte Sommerluft , der wohlfeile Ritt , die überwundenen Schwierigkeiten der Papstwahl , der mir bevorstehende höchste Genuß eines entdeckten Klassikers , diese himmlischen Wohltaten stimmten mich unendlich heiter und ich hörte die Musen und die Englein singen . Mein Begleiter dagegen , Anselino de Spiuga , ergab sich – so schien mir – den schwermütigsten Betrachtungen . Selbst glücklich , suchte ich aus Menschenliebe auch ihn glücklich zu machen , oder wenigstens zu erheitern , und gab ihm allerhand Rätsel auf . Meist aus der Biblischen Geschichte , die dem Volke geläufig ist . › Kennst du ‹ fragte ich , › den Hergang der Befreiung des Apostelfürsten aus den Ketten ? ‹ und erhielt die Antwort , er habe denselben abgebildet gesehen in der Apostelkirche von Tosana . › Gib acht , Hänschen ! ‹ fuhr ich fort . › Der Engel sprach zu Petrus : » Zeuch deine Schuhe an und folge mir ! « Und sie gingen , ohne daß Petrus den Engel erkannt hätte , durch die erste und andere Hut , durch das Tor und eine Gasse lang . Jetzt schied der Begleiter , und alsbald sprach Petrus : » Nun weiß ich wahrhaftig , daß mich ein Engel geführt hat . « Woher , Hänschen , kam ihm dieses plötzliche Wissen , diese unumstößliche Überzeugung ? Das sage mir , wenn du es erraten kannst . ‹ Anselino sann eine Weile und schüttelte dann den eigensinnigen Krauskopf . › Gib acht , Hänschen ‹ , sagte ich , › ich löse die Frage . Daran erkannte Petrus den Engel , daß er für seinen Dienst kein Trinkgeld verlangte ! Solches ist nicht irdisch . So handelt nur ein Himmlischer ! ‹ Man soll mit dem Volke nicht scherzen . Hänschen suchte in dem Spaße , welcher mir aus dem Nichts zugezogen war , eine Absicht oder Anspielung . › Es ist wahr , Herr ‹ , sagte er , › ich führe Euch fast umsonst , und ohne daß ich ein Engel wäre , werde ich auch kein Trinkgeld fordern . Wisset , mich zieht es auch meinesteils nach Monasterlingen ‹ – er nannte das Nonnenkloster , das Ziel unserer Fahrt – › wo morgen die Gertrude ihre Hüften mit dem Strick umgürtet und ihre Blondhaare unter der Schere fallen . ‹ Dem kräftigen Jüngling , der übrigens in Gebärde und Rede – es mochte ein Tropfen romanischen Blutes in dem seinigen fließen – viel natürlichen Anstand hatte , rollten Tränen über das sonneverbrannte Gesicht . › Bei dem Bogen Cupidos ‹ , rief ich aus , › ein unglücklicher Liebender ! ‹ und ließ mir die einfache , aber keineswegs leicht verständliche Geschichte erzählen : Er habe , mit seinem Bischofe nach Konstanz gekommen und dort ohne Beschäftigung , in der Umgegend als Zimmerer Arbeit gesucht . Diese habe er bei den Bauten des Nonnenklosters gefunden und dann die in der Nähe hausende Gertrude kennen lernen . Sie beide seien sich gut geworden und haben ein Wohlgefallen aneinander gefunden . So haben sie gern und oft zusammengesessen . › In allen Züchten und Ehren ‹ , sagte er , › denn sie ist ein braves Mädchen . ‹ Da plötzlich sei sie von ihm zurückgetreten , ohne Abbruch der Liebe , sondern etwa wie wenn eine strenge Frist verlaufen wäre , und er habe als gewiß vernommen , sie nehme den Schleier . Morgen werde sie eingekleidet und er werde dieser Handlung beiwohnen , um das Zeugnis seiner eigenen Augen anzurufen , daß ein redliches und durchaus nicht launenhaftes Mädchen einen Mann , den sie eingestandenermaßen liebe , ohne einen irgend denkbaren Grund könne fahrenlassen , um eine Nonne zu werden ; wozu Gertrude , die Natürliche und Lebenskräftige , so wenig als möglich tauge und – wunderlicherweise – aus ihren eigenen Äußerungen zu schließen , auch keine Lust habe , ja , wovor ihr graue und bange . › Es ist unerklärlich ! ‹ schloß der schwermütige Rhäter und fügte bei , durch eine Güte des Himmels sei kürzlich seine böse Stiefmutter Todes verblichen , vor welcher er das väterliche Haus geräumt , und dieses ihm nun wieder offen , wie die Arme seines greisen Vaters . Dergestalt würde seine Taube ein warmes Nest finden , aber sie wollte schlechterdings und unbegreiflicherweise in einer Zelle nisten . Nach beendigter Rede verfiel Hänschen wieder in ein trübes Brüten und hartnäckiges Schweigen , welches er nur brach , um meine Frage nach dem Wesen der Äbtissin zu beantworten . Sie sei ein garstiges , kleines Weib , aber eine meisterliche Verwalterin , welche den verlotterten Haushalt des Klosters hergestellt und in die Höhe gebracht hätte . Sie stamme aus Abbatis Cella und heiße im Volke nur › das Brigittchen von Trogen ‹ . Endlich tauchte das Kloster aus monotonen Weinbergen auf . Jetzt bat mich Anselino , ihn in einer Schenke am Wege zurückzulassen , da er Gertruden nur noch einmal erblicken wolle – bei ihrer Einkleidung . Ich nickte einwilligend und ließ mich vom Maultiere heben , um gemächlich dem nahen Kloster zuzuschlendern . Dort ging es lustig her . In der Freiheit der Klosterwiese wurde ein großer , undeutlicher Gegenstand versteigert oder zu anderem Behufe vorgezeigt . Ein Schwartenhals , die Sturmhaube auf dem Kopfe , stieß von Zeit zu Zeit in eine mißtönige Drommete , vielleicht ein kriegerisches Beutestück , vielleicht ein kirchliches Geräte . Um die von ihren Nonnen umgebene Äbtissin und den zweideutigen Herold mit geflicktem Wams und zerlumpten Hosen , dem die nackten Zehen aus den zerrissenen Stiefeln blickten , bildeten Laien und zugelaufene Mönche einen bunten Kreis in den traulichsten Stellungen . Unter den Bauern stand hin und wieder ein Edelmann – es ist in Turgovia , wie diese deutsche Landschaft sich nennt , Überfluß an kleinem und geringem Wappengevögel – aber auch Bänkelsänger , Zigeuner , fahrende Leute , Dirnen und Gesindel jeder Art , wie sie das Konzil herbeigelockt hatte , mischten sich in die seltsame Korona . Aus dieser trat einer nach dem andern hervor und wog den Gegenstand , in welchem , näher getreten , ich ein grausiges , altertümliches , gigantisches Kreuz erkannte . Es schien von außerordentlicher Schwere zu sein , denn nach einer kurzen Weile begann es in den unsicher werdenden Händen selbst des stärksten Trägers hin und her zu schwanken , senkte sich bedrohlich und stürzte , wenn nicht andere Hände und Schultern sich tumultuarisch unter das zentnerschwere Holz geschoben hätten . Jubel und Gelächter begleiteten das Ärgernis . Um die Unwürdigkeit der Szene zu vollenden , tanzte die bäurische Äbtissin wie eine Besessene auf der frischgemähten Wiese herum , begeistert von dem Wert ihrer Reliquie – das Verständnis dieses Marktes begann mir zu dämmern – und wohl auch von dem Klosterweine , welcher in ungeheuern hölzernen Kannen , ohne Becher und Zeremonie , von Munde zu Munde ging . › Bei den Waden der Mutter Gottes ‹ , schrie das freche Weibchen , › dieses Kreuz unserer seligen Herzogin Amalaswinta hebt und trägt mir keiner , selbst der stämmigste Bursche nicht ; aber morgen lüpft ' s das Gertrudchen wie einen Federball . Wenn mir die sterbliche Kreatur nur nicht eitel wird ! Gott allein die Ehre ! sagte das Brigittchen . Leute , das Wunder ist tausend Jahre alt und noch wie funkelnagelneu ! Es hat immer richtig gespielt , und , auf Schwur und Eid , auch morgen läuft es glatt ab . ‹ – Sicherlich , die brave Äbtissin hatte sich unter dem himmlischen Tage ein Räuschlein getrunken . Diesen possierlichen Vorgang mit ähnlichen , in meinem gesegneten Vaterland erlebten zusammenhaltend , begann ich ihn zu verstehen und zu würdigen – nicht anders , als ich mir ihn , eine Stunde später , bei größerer Sachkunde endgültig zurechtlegte ; aber ich wurde in meinem Gedankengange plötzlich und unangenehm unterbrochen durch einen kreischenden Zuruf der Hanswurstin in der weißen Kutte mit dem hochgeröteten Gesichte , den dumm pfiffigen Äuglein , dem kaum entdeckbaren Stülpnäschen und dem davon durch einen ungeheuren Zwischenraum getrennten bestialischen Munde . › He dort , welscher Schreiber ! ‹ schrie sie mich an . Ich war an diesem Tage schlicht und reisemäßig gekleidet und trage meinen klassischen Ursprung auf dem Antlitz . › Tretet ein bißchen näher und lüpft mir da der seligen Amalaswinte Kreuz ! ‹ Alle Blicke richteten sich lachlustig auf mich , man gab Raum und ich wurde nach alemannischer Sitte mit derben Stößen vorgeschoben . Ich entschuldigte mich mit der , Freunde , euch bekannten Kürze und Schwäche meiner Arme . « Der Erzähler zeigte dieselben mit einer schlenkernden Gebärde . » Da rief die Schamlose , mich betrachtend : › Um so längere Finger hast du , sauberer Patron ! ‹ und in der Tat , meine Finger haben sich durch die tägliche Übung des Schreibens ausgebildet und geschmeidigt . Die Menge des umstehenden Volkes aber schlug eine tobende Lache auf , deren Sinn mir unverständlich blieb , die mich aber beleidigte und welche ich der Äbtissin ankreidete . Mißmutig wandte ich mich ab , bog um die Ecke der nahen Kirche , und den Haupteingang derselben offen findend , betrat ich sie . Der edle Rundbogen der Fenster und Gewölbe , statt des modischen Spitzbogens und des närrischen französischen Schnörkels , stimmte mich wieder klar und ruhig . Langsam schritt ich vorwärts durch die Länge des Schiffes , von einem Bildwerke angezogen , das sich , von Oberlicht erhellt , in kräftiger Rundung aus dem heiligen Dämmer hob und etwas in seiner Weise Schönes zu sein schien . Ich trat nahe und wurde nicht enttäuscht . Das Steinwerk enthielt zwei , durch ein Kreuz verbundene Gestalten und dieses Kreuz glich an Größe und Verhältnissen vollständig dem auf der Klosterwiese zu Schau stehenden , welches von beiden dem andern nachgeahmt sein mochte . Ein gewaltiges , dorngekröntes Weib trug es fast waagrecht mit kraftvollen Armen auf mächtiger Schulter und stürzte doch unter ihm zusammen , wie die derb im Gewande sich abzeichnenden Knie zeigten . Neben und vor dieser hinfälligen Gigantin schob eine kleinere Gestalt , ein Krönlein auf dem lieblichen Haupte , ihre schmalere Schulter erbarmungsvoll unter die untragbare Last . Der alte Meister hatte – absichtlich , oder wohl eher aus Mangel an künstlerischen Mitteln – Körper und Gewandung roh behandelt , sein Können und die Inbrunst seiner Seele auf die Köpfe verwendend , welche die Verzweiflung und das Erbarmen ausdrückten . Davon ergriffen , trat ich , das gute Licht suchend , einen Schritt zurück . Siehe , da kniete mir gegenüber an der andern Seite des Werkes ein Mädchen , wohl eine Eingeborene , eine Bäuerin der Umgebung , fast ebenso kräftig gebildet wie die steinerne Herzogin , die Kapuze der weißen Kutte über eine Last von blonden Flechten und einen starken , luftbedürftigen Nacken zurückgeworfen . Sie erhob sich , denn sie war , in sich versunken , meiner nicht früher ansichtig geworden , als ich ihrer , wischte sich mit der Hand quellende Tränen aus dem Auge und wollte sich entfernen . Es mochte eine Novize sein . Ich hielt sie zurück und bat sie , mir das Steinbild zu deuten . Ich sei einer der fremden Väter des Konzils , sagte ich ihr in meinem gebrochenen Germanisch . Diese Mitteilung schien ihr nicht viel Eindruck zu machen . Sie berichtete mir in einer einfachen Weise , das Bild stelle eine alte Königin oder Herzogin dar , die Stifterin dieses Klosters , welche , darin Profeß tuend , zur Einkleidung habe schreiten wollen : das Haupt mit Dornen umwunden und die Schulter mit dem Kreuze beladen . › Es heißt ‹ , fuhr das Mädchen bedenklich fort , › sie war eine große Sünderin , mit dem Giftmord ihres Gatten beladen , aber so hoch , daß die weltliche Gerechtigkeit ihr nichts anhaben durfte . Da rührte Gott ihr Gewissen und sie geriet in große Nöte , an dem Heil ihrer Seele verzweifelnd ! ‹ Nach einer langen und schweren Buße habe sie , ein Zeichen verlangend , daß ihr vergeben sei , dieses große und schwere Kreuz zimmern lassen , welches der stärkste Mann ihrer Zeit kaum allein zu heben vermochte , und auch sie brach darunter zusammen , hätte es nicht die Mutter Gottes in sichtbarer Gestalt barmherzig mit getragen , die ambrosische Schulter neben die irdische schiebend . Nicht diese Worte brauchte die blonde Germanin , sondern einfachere , ja derbe und plumpe , welche sich aber aus einer barbarischen in unsere gebildete toskanische Sprache nicht übersetzen ließen , ohne bäurisch und grotesk zu werden , und das , Herrschaften , würde hinwiederum nicht passen zu dem großen Ausdrucke der trotzigen , blauen Augen und der groben , aber wohlgeformten Züge , wie ich sie damals vor mir gesehen habe . › Die Geschichte ist glaublich ! ‹ sprach ich vor mich hin , denn diese Handlung einer barbarischen Königin schien mir in die Zeiten und Sitten um die dunkle Wende des ersten Jahrtausends zu passen . › Sie könnte wahr sein ! ‹ › Sie ist wahr ! ‹ behauptete Gertrude kurz und heftig mit einem finstern , überzeugten Blicke auf das Steinbild , und wollte sich wiederum entfernen ; aber ich hielt sie zum andern Male zurück mit der Frage , ob sie die Gertrude wäre , von welcher mir mein heutiger Führer Hans von Splügen erzählt habe ? Sie bejahte unerschrocken , ja unbefangen , und ein Lächeln verbreitete sich von den derben Mundwinkeln langsam wie ein wanderndes Licht über das braune , aber schon in der Klosterluft bleichende Antlitz . Dann sann sie und sagte : › Ich wußte , daß er meiner Einkleidung beiwohnen werde , und mir kann es recht sein . Sieht er meine Flechten fallen , so hilft ihm das , mich vergessen . Da Ihr einmal hier seid , ehrwürdiger Herr , will ich eine Bitte an Euch richten . Fährt der Mann mit Euch nach Konstanz zurück , so steckt ihm ein Licht an , warum ich mich ihm verweigert habe , nachdem ich ‹ – und sie errötete kaum merklich – › in Ehren und nach Landessitte mit ihm freundlich gewesen bin . Mehr als einmal war ich im Begriff , ihm den Handel zu erzählen , aber ich biß mich in die Lippe , denn es ist ein geheimer Handel zwischen mir und der Gottesmutter und da taugt Schwätzen nicht . Euch aber , einem in den geistlichen Geheimnissen Bewanderten , kann ich ihn ohne Verrat mitteilen . Ihr berichtet dann dem Hans davon , soviel sich schickt und Euch gut dünkt . Es ist nur , damit er mich nicht für eine Leichtfertige halte und für eine Undankbare und ich ihm dergestalt im Gedächtnis bleibe . Mit meiner Sache aber ist es so bestellt . Als ich noch ein unmündiges Kind war – ich zählte zehn Jahre und der Vater war mir schon gestorben – erkrankte mir das Mütterlein schwer und hoffnungslos . Da befiel mich eine Angst , allein in der Welt zu bleiben . Aus dieser Angst und aus Liebe zu dem Mütterlein gelobte ich mich der reinen Magd Maria für mein zwanzigstes Jahr , wenn sie mir es bis dahin erhielte , oder nahezu . So tat sie und erhielt es mir bis letzten Fronleichnam , wo es selig verstarb , gerade da der Hans im Kloster mit Zimmerwerk zu tun hatte und dann auch dem Mütterlein den Sarg zimmerte . Da ich nun allein war , was ist da viel zu wundern , daß er mir lieb wurde . Er ist brav , sparsam , was die Welschen meistenteils sind , » modest und diskret « , wie sie ennetbirgisch sagen . Auch konnten wir in zwei Sprachen miteinander verhandeln , denn der Vater , der ein starker und beherzter Mann war , hatte früher , nicht zu seinem Schaden , einen schmächtigen , furchtsamen Handelsherrn zu wiederholten Malen über das Gebirge begleitet und von jenseits ein paar welsche Brocken heimgebracht . Nannte mich nun der Hans » cara bambina « , so hieß ich ihn dagegen » poverello « und beides lautet wohl , ob ich auch unsere landesüblichen Liebeswörter nicht schelten will , wenn sie ehrlich gemeint sind . Zugleich aber war mein Gelübde verfallen und mahnte mich mit jedem Aveläuten . Da kamen mir oft flüsternde Gedanken , wie z.B. : » Das Gelübde eines unschuldigen Kindes , das nicht weiß , was Mann und Weib ist , hat dich nicht weggeben können ! « oder : » Die Mutter Gottes , nobel wie sie ist , hätte dir das Mütterlein wohl auch umsonst und vergebens geschenkt ! « Doch ich sprach dagegen : » Handel ist Handel ! « und » Ehrlich währt am längsten ! « Sie hat ihn gehalten , so will ich ihn auch halten . Ohne Treu und Glauben kann die Welt nicht bestehen . Wie sagte der Vater selig ? Ich hielte dem Teufel Wort , sagte er , geschweige dem Herrgott . Nun höret , ehrwürdiger Herr , wie ich es meine ! Seit die Mutter Gottes der Königin das Kreuz trug , hilft sie es , ihr Kloster bevölkernd , seit urewigen Zeiten allen Novizen ohne Unterschied tragen . Es ist ihr eine Gewohnheit geworden , sie tut es gedankenlos . Mit diesen meinen Augen habe ich – eine Neunjährige – gesehen , wie das Lieschen von Weinfelden , ein sieches Geschöpf , da es hier Profeß tat , das zentnerschwere Kreuz spottend und spielend auf der schiefen Schulter trug . Nun sage ich zur Mutter Gottes : » Willst du mich , so nimm mich ! Obwohl ich – wenn du die Gertrude wärest und ich die Mutter Gottes – ein Kind vielleicht nicht beim Wort nehmen würde . Aber gleichviel – Handel ist Handel ! Nur ist ein Unterschied . Der Herzogin , von Sünden schwer , ward es leicht und wohl im Kloster ; mir wird es darinnen wind und weh . Trägst du mir das Kreuz , so erleichtere mir auch das Herz ; sonst gibt es ein Unglück , Mutter Gottes ! Kannst du mir aber das Herz nicht erleichtern , so laß mich tausend Male lieber zu meiner Schande und vor aller Leute Augen stürzen und schlagen platt auf den Boden hin . « ‹ Während ich diese schwerfälligen Gedanken , langsam arbeitend , tiefe Furchen in Gertrudes junge Stirn ziehen sah , lächelte ich listig : › Ein behendes und kluges Mädchen zöge sich mit einem Straucheln aus der Sache ! ‹ Da lodern ihre blauen Augen . › Meint Ihr , ich werde fälschen , Herr ? ‹ zürnte sie . › So wahr mir helfe Gott Vater , Sohn und Geist in meinem letzten Stündlein , so redlich will ich das Kreuz tragen mit allen Sehnen und Kräften dieser meiner Arme ! ‹ und sie hob dieselben leidenschaftlich , als trüge sie es schon , so daß die Ärmel der Kutte und des Hemdes weit zurückfielen . Da betrachtete ich , als ein Florentiner , der ich bin , die schlankkräftigen Mädchenarme mit künstlerischem Vergnügen . Sie wurde es gewahr , runzelte die Stirn und wandte mir unmutig den Rücken . Nachdem sie gegangen war , setzte ich mich in einen Beichtstuhl , legte die Stirn in die Hand und sann – wahrlich nicht über das barbarische Mädchen , sondern über den römischen Klassiker . Da jubelte mein Herz und ich rief überlaut : › Dank , ihr Unsterblichen ! Geschenkt ist der Welt ein Liebling der komischen Muse ! Plautus ist gewonnen ! ‹ Freunde , eine Verschwörung von Gelegenheiten verbürgte mir diesen Erfolg . Ich weiß nicht , mein Cosmus , wie du vom Wunderbaren denkst ? Ich selbst denke läßlich davon , weder abergläubisch , noch verwegen ; denn ich mag die absoluten Geister nicht leiden , welche , wo eine unerklärliche Tatsache einen Dunstkreis von Aberglauben um sich sammelt , die ganze Erscheinung – Mond und Hof – ohne Prüfung und Unterscheidung entweder summarisch glauben oder ebenso summarisch verwerfen . Das Unbegreifliche und den Betrug , beide glaubte ich hier zu entdecken . Das schwere Kreuz war echt und eine großartige Sünderin , eine barbarische Frau , mochte es gehoben haben mit den Riesenkräften der Verzweiflung und der Inbrunst . Aber diese Tat hatte sich nicht wiederholt , sondern wurde seit Jahrhunderten gauklerisch nachgeäfft . Wer war schuldig dieses Betruges ? Irre Andacht ? Rechnende Habsucht ? Das bedeckte das Dunkel der Zeiten . Soviel aber stand fest : Das grausige , alterschwarze Kreuz , das vor dem Volke schaustund , und das von einer Reihenfolge einfältiger oder einverstandener Novizen und neulich noch von dem schwächlichen und verschmitzten Lieschen zu Weinfelden bei ihrer Einkleidung getragene waren zwei verschiedene Hölzer , und während das schwere auf der Klosterwiese gezeigt und gewogen wurde , lag ein leichtes Gaukelkreuz in irgendeinem Verstecke des Klosters aufgehoben und eingeriegelt , um dann morgen mit dem wahren die Rolle zu wechseln und die Augen des Volkes zu täuschen . Das Dasein eines Gaukelkreuzes , von welchem ich wie von meinem eigenen überzeugt war , bot mir eine Waffe . Eine zweite bot mir ein Zeitereignis . Drei entsetzte Päpste und zwei verbrannte Ketzer genügten nicht , die Kirche zu reformieren ; die Kommissionen des Konzils beschäftigten sich , die eine mit diesem , die andere mit jenem abzustellenden Übelstande . Eine derselben , in welcher der Doctor christianissimus Gerson und der gestrenge Pierre d ' Ailly saßen und ich zeitweilig die Feder führte , stellte die Zucht in den Nonnenklöstern her . Die in unsichern Frauenhänden gefährlichen Scheinwunder und die schlechte Lektüre der Schwestern kamen da zur Sprache . Im Vorbeigehen – diese Dinge wurden von den zwei Franzosen mit einer uns Italienern geradezu unbegreiflichen Pedanterie behandelt , ohne den leichtesten Scherz , wie nahe er liegen mochte . Genug , die Tatsache dieser Verhandlungen bildete den Zettel , die Verschuldung eines Scheinwunders den Einschlag meines Gewebes und das Netz war fertig , welches ich der Äbtissin unversehens über