Conrad Ferdinand Meyer Gustav Adolfs Page I I In dem Kontor eines unweit St. Sebald gelegenen nürembergischen Patrizierhauses saßen sich Vater und Sohn an einem geräumigen Schreibtische gegenüber , der Abwickelung eines bedeutenden Geschäftes mit gespanntester Aufmerksamkeit obliegend . Beide , jeder für sich auf seinem Stücke Papier , summierten sie dieselbe lange Reihe von Posten , um dann zu wünschbarer Sicherheit die beiden Ergebnisse zu vergleichen . Der schmächtige Jüngling , der dem Vater aus den Augen geschnitten war , erhob die spitze Nase zuerst von seinen zierlich geschriebenen Zahlen . Seine Addition war beendigt und er wartete auf den bedächtigeren Vater nicht ohne einen Anflug von Selbstgefälligkeit in dem schmalen sorgenhaften Gesichte – als ein Diener ein trat und ein Schreiben in großem Format mit einem schweren Siegel überreichte . Ein Kornett von den schwedischen Karabinieren habe es gebracht . Er beschaue sich jetzt nebenan den Ratssaal mit den weltberühmten Schildereien und werde pünktlich in einer Stunde sich wieder einfinden . Der Handelsherr er kannte auf den ersten Blick die kühnen Schriftzüge der Majestät des schwedischen Königs Gustav Adolf und erschrak ein wenig über die große Ehre des eigenhändigen Schreibens . Die Befürchtung lag nahe , der König , den er in seinem neuerbauten Hause , dem schönsten von Nüremberg , bewirtet und gefeiert hatte , möchte bei seinem patriotischen Gastfreunde ein Anleihen machen . Da er aber unermeßlich begütert war und die Gewissenhaftigkeit der schwedischen Rentkammer zu schätzen wußte , erbrach er das königliche Siegel ohne sonderliche Besorgnis und sogar mit dem Anfange eines prahlerischen Lächelns . Kaum aber hatte er die wenigen Zeilen des in königlicher Kürze verfaßten Schreibens überflogen , wurde er bleich wie über ihm die Stukkatur der Decke , welche in hervorquellenden Massen und aufdringlicher Gruppe die Opferung Isaaks durch den eigenen Vater Abraham darstellte . Und sein guter Sohn , der ihn beobachtete , erbleichte ebenfalls , aus der plötzlichen Entfärbung des vertrockneten Gesichtes auf ein großes Unheil ratend . Seine Bestürzung wuchs , als ihn der Alte über das Blatt weg mit einem wehmütigen Ausdrucke väterlicher Zärtlichkeit betrachtete . » Um Gottes willen « , stotterte der Jüngling , » was ist es , Vater ? « Der alte Leubelfing , denn diesem vornehmen Handelsgeschlechte gehörten die beiden an , bot ihm das Blatt mit zitternder Hand Der Jüngling las : Lieber Herr ! Wissend und Uns wohl erinnernd , daß der Sohn des Herrn den Wunsch nährt , als Page bei Uns einzutreten , melden hiermit , daß dieses heute geschehen und völlig werden mag , dieweil Unser voriger Page , der Max Beheim seliger † ( mit nachträglicher Ehrenmeldung des vorvorigen , Utzen Volkamers seligen † und des fürdervorigen , Götzen Tuchers seligen † ) , heute bei wahrendem Sturme nach beiden ihme von einer Stückkugel abgerissenen Beinen in Unsern Armen sänftiglich entschlafen ist Es wird Uns zu besonderer Genugtuung gereichen , wieder einen aus der evangelischen Reichsstadt Nüremberg , welcher Stadt Wir fürnehmlich gewogen sind , in Unsern nahen Dienst zu nehmen . Eines guten Unterhaltes und täglicher christlicher Vermahnung seines Sohnes kann der Herr gewiß sein . Des Herrn wohlaffektionierter Gustavus Adolphus Rex . » O du meine Güte « , jammerte der Sohn , ohne sein zages Herz vor dem Vater zu verbergen , » jetzt trage ich meinen Totenschein in der Tasche und Ihr , Vater – mit dem schuldigen Respekt gesprochen – seid der Ursacher meines frühen Hinschieds denn wer als Ihr könnte dem Könige eine so irrtümliche Meinung von meinem Wünschen und Begehren beigebracht haben ? Daß Gott erbarm ! « und er richtete seinen Blick aufwärts zu dem gerade über ihm schwebenden Messer des gipsenen Erzvaters . » Kind , du brichst mir das Herz ! « versetzte der Alte mit einer kargen Träne . » Vermaledeit sei das Glas Tokaier , das ich zuviel getrunken – « » Vater « , unterbrach ihn der Sohn , der mitten im Elend den Kopf wo nicht oben , doch klar behielt , » Vater , berichtet mir wie sich das Unglück ereignet hat . « » August « , beichtete der Alte mit Zerknirschung , » du weißt die große Gasterei , die ich dem Könige bei seinem ersten Einzuge gab . Sie kam mich teuer zu stehen – « » Dreihundertneunundneunzig Gulden elf Kreuzer , Vater , und ich habe nichts davon gekostet « , bemerkte der Junge weinerlich , » denn ich hütete die Kammer mit einer nassen Bausche über dem Auge . « Er wies auf sein rechtes . » Die Gustel , der Wildfang , halb unsinnig und närrisch vor Freude , den König zu sehen , hatte mir den Federball ins Auge geschmissen , da gerade ein Trompetenstoß schmetterte und sie glauben ließ , der Schwede halte Einzug . Aber redet , Vater – « » Nach abgetragenem Essen bei den Früchten und Kelchen erging ein Sturm von Jubel oben durch den Saal und unten über den Platz durch das Kopf an Kopf versammelte Volk . Alle wollten sie den König sehen . Humpen dröhnten , Gesundheiten wurden bei offenen Fenstern ausgebracht und oben und unten bejauchzt . Dazwischen schreit eine klare , durchdringende Stimme : › Hoch Gustav , König von Deutschland ! ‹ Jetzt wurde es mäuschenstill , denn das war ein starkes Ding . Der König spitzte die Ohren und strich sich den Zwickel . › Solches darf ich nicht hören ‹ , sagte er . › Ich bringe ein Hoch der evangelischen Reichsstadt Nüremberg ! ‹ Nun bricht erst der ganze Jubel aus . Stücke werden auf dem Platze gelöst , alles geht drüber und drunter ! Nach einer Weile drückt mich die Majestät von ungefähr in eine Ecke . › Wer hat den König von Deutschland hochleben lassen , Leubelfing ? ‹ fragte er mich unter der Stimme . Nun sticht mich alten betrunkenen Esel die Prahlsucht « – Leubelfing schlug sich vor die Stirn , als klage er sie an , ihn nicht besser beraten zu haben – » und ich antworte : › Majestät , das tat mein Sohn , der August . Dieser spannt Tag und Nacht darauf , als Page in Euren Dienst zu treten . ‹ Trotz meines Rausches wußte ich , daß der königliche Leibdienst von Götz Tucher versehen wurde und der Bürgermeister Volkamer nebst dem Schöppen Beheim ihre Buben als Pagen empfahlen hatten . Ich sagte es auch nur , um hinter meinen Nachbarn , dem alten Tucher und dem Großmaul , dem Beheim , nicht zurückzubleiben . Wer konnte denken , daß der König die ganze Nüremberger Ware in Bayern verbrauchen würde – « » Aber , hätte der König mich mit meinem blauen Auge holen lassen ? « » Auch das war vorbedacht , August ! Der verschmitzte Spitzbube , der Charnacé , lärmte im Vorzimmer . Schon dreimal hatte er sich melden lassen und war nicht mehr abzutreiben . Der König ließ ihn dann eintreten und hudelte den Ambassadeur vor uns Patriziern , daß einem deutschen Mann das Herz im Leibe lachen mußte . Nichts von alledem hatte ich in der Geschwindigkeit unerwogen gelassen – « » So viel und so wenig Weisheit , Vater ! « seufzte der Sohn . Dann steckten die beiden die Köpfe zusammen , um eine Remedur zu suchen , wie sie es nannten , jetzt unter der Stimme flüsternd , welche sie vorher in ihrer Aufregung , uneingedenk der im Nebenzimmer hantierenden Angestellten und Lehrlinge , zu dampfen vergessen hatten . Aber sie fanden keinen Rat und ihre Gebärden wurden immer ängstlicher und peinlicher , als im Gange draußen ein markiger Alt das Leiblied Gustav Adolfs anstimmte : » Verzage nicht , du Häuflein klein , Ob auch die Feinde willens sein , Dich gänzlich zu zerstören ! « und ein tannenschlankes Mädchen mit lustigen Augen , kurzgeschnittenen Haaren , knabenhaften Formen und ziemlich reitermäßigen Manieren eintrat . » Willst du uns die Ohren zersprengen , Base ? « zankten die beiden Leubelfinge . Sie , das trübselige Paar musternd , erwiderte : » Ich komme euch zum Essen zu rufen . Was hat ' s gegeben , Herr Ohm und Herr Vetter ? Ihr habt ja beide ganz bleiche Nasenspitzen ! « Der zwischen den Hilflosen liegende Brief , den das Mädchen ohne weiteres ergriff , und als sie die kräftig hingeworfene Unterschrift des Königs gelesen , mit leidenschaftlichen Augen verschlang , erklärte ihr den Schrecken . » Zu Tische , Herren ! « sagte sie und schritt den beiden voran in das Speisezimmer . Hier aber ging es dem gutherzigen Mädchen selber nahe , wie den Leubelfingen jeder Bissen im Munde quoll . Sie ließ abtragen , setzte ihren Stuhl zurück , kreuzte die Arme , schlug unter ihrem blauen Rocke , an dessen Gurt die Tasche und der Schlüsselbund hing , ein schlankes Bein über das andere und ließ , horchend und nachdenkend , den ganzen verfänglichen Handel sich vortragen ; denn sie schien vollständig zum Hause zu gehören und sich darin mit ihrem kecken Wesen eine entschiedene Stellung erobert zu haben . Die Leubelfinge erzählten . » Wenn ich denke « , sagte dann das Mädchen mutig , » wer es war , der das Hoch auf den König ausbrachte ! « » Wer denn ? « fragten die Leubelfinge , und sie antwortete » Niemand anders als ich . « » Hol dich der Henker , Mädchen ! « grollte der Alte . » Gewiß hast du den blauen schwedischen Soldatenrock , den du dir im Schrank hinter deinen Schürzen aufhebst , angezogen und dich in den Speisesaal an deinen Götzen hinangeschlichen , statt dich züchtig unter den Weibern zu halten . « » Sie hätten mir den hintersten Platz gegeben « , versetzte das Mädchen zornig , » die kleine Hallerin , die große Holzschuherin , die hochmütige Ebnerin , die schiefe Geuderin , die alberne Creßerin , tutte quante , die dem Könige das Geschenk unserer Stadt , die beiden silbernen Trinkschalen , die Himmelskugel und die Erdkugel , überreichen durften . « » Wie kann ein schamhaftes Mädchen , und das bist du , Gustel , es nur über sich bringen , Männertracht zu tragen ! « maulte der zimperliche Jüngling . » Das heißt « , erwiderte das Mädchen ernst , » die Tracht meines Vaters , wo noch neben der Brusttasche das gestopfte Loch sichtbar ist , das der Degen des Franzosen gerissen hat . Ich brauche nur einen schrägen Blick zu tun « – sie tat ihn , als trüge sie die väterliche Tracht – » so sehe ich den Riß und es wirkt wie eine Predigt . Dann « , schloß sie , aus dem Ernst nach ihrer Art in ein Lachen überspringend , » wollen mir die Weiberröcke auch gar nicht sitzen . Kein Wunder , daß sie mich schlecht kleiden , bin ich doch bis fast in mein sechzehntes Jahr mit dem Vater und der Mutter in kurzem Habit zu Rosse gesessen . « » Liebe Base « , jammerte der junge Leubelfing nicht ohne eine Mischung von Zärtlichkeit , » seit dem Tode deines Vaters bist du hier wie das Kind des Hauses gehalten , und nun hast du mir das eingebrockt ! Du lieferst deinen leibhaftigen Vetter wie ein Lamm auf die Schlachtbank ! Der Utz wurde durch die Stirn geschossen , der Götz durch den Hals ! « Ihn überlief eine Gänsehaut . » Wenn du mir wenigstens einen guten Rat wüßtest , Base ! « » Einen guten Rat « , sagte sie nachdrücklich , » den will ich dir geben : halte dich wie ein Nüremberger , wie ein Leubelfing ! « » Ein Leubelfing ! « giftelte der alte Herr . » Muß denn jeder Nüremberger und jeder Leubelfing ein Raufbold sein , wie der Rupert , dein Vater , Gott hab ihn selig , der mich , den Ältern , er ein Zehnjähriger , auf einem Leiterwagen entführte , umwarf , heil blieb und mir zwei Rippen brach ? Welche Laufbahn ! Mit fünfzehn zu den Schweden durchgegangen , mit siebzehn eine Fünfzehnjährige vor der Trommel geheiratet , mit neunzehn in einem Raufhandel das Zeitliche gesegnet ! « » Das heißt « , sagte das Mädchen , » er fiel für die Ehre meiner Mutter – « » Weißt du mir keinen Rat , Guste ? « drängte der junge Leubelfing . » Du kennst den schwedischen Dienst und die natürlichen Fehler , die davon frei ma chen . Auf was kann ich mich bei dem Könige gültig ausreden ? « Sie brach in ein tolles Gelächter aus . » Wir wollen dich « , sagte sie , » wie den jungen Achill im Bildwerk am Ofen dort unter die Mädchen stecken , und wenn der listige Ulysses vor ihnen das Kriegszeug ausbreitet , wirst du nicht auf ein Schwert losspringen . « » Ich gehe nicht ! « erklärte der durch diese mythologische Gelehrsamkeit Geärgerte . » Ich bin nicht die Person , welche der Vater dem Könige geschildert hat . « Da fühlte er sich an seinen beiden dünnen Armen gepackt . Ihm den linken klaubend , zeterte der alte Leubelfing : » Willst du mich ehrwürdigen Mann dem Könige als einen windigen Lügner hinstellen ? « Das Mädchen aber , den rechten Arm des Vetters drückend , rief entrüstet : » Willst du mit deiner Feigheit den braven Namen meines Vaters entehren ? « » Weißt du was « , schrie der Gereizte , » gehe du als Page zu dem König ! Er wird , bubenhaft wie du aussiehst und dich beträgst , das Mädchen in dir ebensowenig vermuten , als der Ulysses am Ofen , von dem du fabelst , in mir den Buben erraten hätte ! Mach dich auf zu deinem Abgott und bet ihn an ! Am Ende « , fuhr er fort , » wer weiß , ob du das nicht schon lange in dir trägst ? Träumest du doch von dem Schwedenkönig , mit welchem du als Kind in der Welt herumgefahren bist , wachend und schlafend . Als ich vorgestern auf meine Kammer ging , an der deinigen vorüber , hörte ich deine Traumstimme schon von weitem . Ich brauchte wahrlich mein Ohr nicht ans Schlüsselloch zu halten . › Der König ! Wache heraus ! Präsentiert Gewehr ! ‹ « Er ahmte das Kommando mit schriller Stimme nach . Die Jungfrau wandte sich ab . Eine Purpurröte war ihr in Wangen und Stirne geschossen . Dann zeigte sie wieder die warmen lichtbraunen Augen und sprach : » Nimm dich in acht ! Es könnte dahin kommen , wäre es nur , damit der Name Leubelfing nicht von lauter Memmen getragen wird ! « Das Wort war ausgesprochen und ein kindischer Traum hatte Gestalt gewonnen als ein dreistes aber nicht unmögliches Abenteuer . Das väterliche Blut lockte . Des Mutes und der Verwegenheit war ein Überfluß . Aber die maidliche Scham und Zucht der Vetter hatte wahrhaftes Zeugnis abgelegt – und die Ehrfurcht vor dem Könige taten Einspruch . Da ergriff sie der Strudel des Geschehens und riß sie mit sich fort . Der schwedische Kornett , welcher das Schreiben des Königs gebracht hatte , und den neuen Pagen ins Lager führen sollte , meldete sich . Statt in die grauen Mauerbilder Meister Albrechts hatte er sich in eine lustige Weinstube und in einen goldgefüllten grünen Römer vertieft , ohne jedoch den Glockenschlag zu überhören . Der alte Leubelfing , in Todesangst um seinen Sohn und um seine Firma , machte eine Bewegung , die Kniee seiner Nichte zu umfangen , nicht anders als um den Körper seines Sohnes bittend der greise Priamus die Kniee Achills umarmte , während der junge Leubelfing an allen Gliedern zu schlottern begann . Das Mädchen machte sich mit einem krampfhaften Gelächter los und entsprang durch eine Seitentür gerade einen Augenblick ehe sporenklirrend der Kornett eindrang , ein Jüngling , dem der Mutwille und das Lebensfeuer aus den Augen spritzte , obwohl er in der strengen Zucht seines Königs stand . Auguste Leubelfing wirtschaftete hastvoll , wie berauscht in ihrer Kammer , packte einen Mantelsack , warf sich eilfertig in die Kleider ihres Vaters , die ihrem schlanken und knappen Wuchs wie angegossen saßen , und dann auf die Kniee zu einem kurzen Stoßseufzer , um Vergebung und Begünstigung des Abenteuers betend . Als sie wieder den untern Saal betrat , rief ihr der Kornett entgegen : » Rasch , Herr Kamerad ! Es eilt ! Die Rosse scharren ! Der König erwartet uns ! Nehmt Abschied von Vater und Vetter ! « und er schüttete mit einem Zug den Inhalt des ihm vorgesetzten Römers hinter seinen feinen Spitzenkragen . Der in schwedische Uniform gekleidete Scheinjüngling neigte sich über die vertrocknete Hand des Alten , küßte sie zweimal mit Rührung und wurde von ihm dankbar gesegnet ; dann aber plötzlich in eine unbändige Lustigkeit übergehend , ergriff der Page die Rechte des jungen Leubelfing , schwang sie hin und her und rief : » Lebt wohl , Jungfer Base ! « Der Kornett schüttelte sich vor Lachen : » Hol mich , straf mich – was der Herr Kamerad für Späße vorbringt ! Mit Gunst und Verlaub , mir fiel es gleich ein : das reine alte Weib , der Herr Vetter ! in jedem Zug , in jeder Gebärde , wie sie bei uns in Finnland singen : Ein altes Weib auf einer Ofengabel ritt – Hol mich , straf mich ! « Er entführte mit einem raschen Handgriff dem aufwartenden Stubenmädchen das Häubchen und stülpte es dem jungen Leubelfing auf den von sparsamen Flachshaaren umhangenen Schädel . Die spitzige Nase und das rückwärts fliehende Kinn vollendeten das Profil eines alten Weibes . Jetzt legte der leichtbezechte Kornett seinen Arm vertraulich in den des Pagen . Dieser aber trat einen Schritt zurück und sprach , die Hand auf dem Knopfe des Degens : » Herr Kamerad ! Ich bin ein Freund der Reserve und ein Feind naher Berührung ! « » Potz ! « sagte dieser , stellte sich aber seitwärts und gab dem Pagen mit einer höflichen Handbewegung den Vortritt . Die zwei Wildfänge rasselten die Treppe hinunter . Lange noch ratschlagten die Leubelfinge . Daß für den jungen , welcher seine Identität eingebüßt hatte , des Bleibens in Nüremberg nicht länger sei , war einleuchtend . Schließlich wurden Vater und Sohn einig . Dieser sollte einen Zweig des Geschäftes nach Kursachsen , und zwar nach der aufblühenden Stadt Leipzig verpflanzen , nicht unter dem verscherzten patrizischen Namen , sondern unter dem plebejischen » Laubfinger « , nur auf kurze Zeit , bis der jetzige August von Leubelfing neben dem Könige vom Roß auf ein Schlachtfeld und in den Tod gestürzt sei , welches Ende nicht werde auf sich warten lassen . Als nach einer langen Sitzung der Vertauschte sich erhob und seinem Bild im Spiegel begegnete , trug er über seinen verstörten Zügen noch das Häubchen , welches ihm der schwedische Taugenichts aufgesetzt hatte . – II II » Höre , Page Leubelfing ! Ich habe ein Hühnchen mit dir zu pflücken . Wenn du mit deinen flinken Fingern in den dringendsten Fällen dem Könige meinem Herrn eine aufgehende Naht seines Rockes zunähen oder einen fehlenden Knopf ersetzen würdest , vergäbest du deiner Pagenwürde nicht das geringste . Hast du denn in Nüremberg Mütterchen oder Schwesterchen nie über die Schulter auf das Nähkissen geschaut ? Ist es doch eine leichte Kunst , welche dich jeder schwedische Soldat lehren kann . Du rümpfst die Stirne , Unfreundlicher ? Sei artig und folgsam ! Sieh da mein eigenes Besteck ! Ich schenk es dir . « Und die Brandenburgerin , die Königin von Schweden , reichte dem Pagen Leubelfing ein Besteck von englischer Arbeit mit Zwirn , Fingerhut , Nadel und Schere . Dem Könige aus eifersüchtiger Zärtlichkeit überallhin nachreisend , hatte sie ihn mitten in seinem unseligen Lager bei Nüremberg , wo er einen in dasselbe eingeschlossenen , vom Kriege halb verwüsteten Edelsitz bewohnte , mit ihrem kurzen Besuche überrascht . In den widerstrebenden Händen des Pagen öffnete sie das Etui , enthob ihm den silbernen Fingerhut und steckte denselben dem Pagen an mit den holdseligen Worten : » Ich binde dir ' s aufs Gewissen , Leubelfing , daß mein Herr und König stets propre und vollständig einhergehe . « » Den Teufel scher ich mich um Nähte und Knöpfe , Majestät « , erwiderte Leubelfing unmutig errötend , aber mit einer so drolligen Miene und einer so angenehm markigen Stimme , daß die Königin sich keineswegs beleidigt fühlte , sondern mit einem herablassenden Gelächter den Pagen in die Wange kniff . Diesem tönte das Lachen hohl und albern , und der Reizbare empfand einen Widerwillen gegen die erlauchte Fürstin , von welchem diese gutmütige Frau keine Ahnung hatte . Doch auch der König , welcher auf der Schwelle des Gemaches den Auftritt belauscht hatte , brach jetzt in ein herzliches Gelächter aus , da er seinen Pagen mit dem Raufdegen an der linken Hüfte und einem Fingerhut an der rechten Hand erblickte . » Aber Gust « , sagte er dann , » du schwörst ja wie ein Papist oder Heide ! Ich werde an dir zu erziehen haben . « In der Tat achtete Gustav Adolf es nicht für einen Raub , die Krone zu tragen . Wie hätte er , welcher – ohne Abbruch der militärischen Strenge – jeden seiner Leute , auch den Geringsten , mit menschlichem Wohlwollen behandelte , dieses einem gut ! gearteten Jüngling von angenehmer Erscheinung versagt , der unter seinen Augen lebte und nicht von seiner Seite weichen durfte . Und einem unverdorbenen Jüngling , der bei dem geringsten Anlaß nicht anders als ein Mädchen bis unter das Stirnhaar errötete ! Auch vergaß er es dem jungen Nüremberger nicht , daß dieser an jenem folgenschweren Bankett ihn als den » König von Deutschland « hatte hochleben lassen , den möglichen ruhmreichen Ausgang seines heroischen Abenteuers in eine kühne prophetische Formel fassend . Eine zärtliche und wilde , selige und ängstliche Fabel hatte der Page schon neben seinem Helden gelebt , ohne daß der arglose König eine Ahnung dieses verstohlenen Glückes gehabt hätte . Berauschende Stunden , gerade nach vollendeten achtzehn unmündigen Jahren beginnend und diese auslöschend wie die Sonne einen Schatten ! Eine Jagd , eine Flucht süßer und stolzer Gefühle , quälender Befürchtungen , verhehlter Wonnen , klopfender Pulse , beschleunigter Atemzüge , soviel nur eine junge Brust fassen und ein leichtsinniges Herz genießen kann in der Vorstunde einer tötenden Kugel oder am Vorabend einer beschämenden Entlarvung ! Als der nürembergische Junker August Leubelfing von dem Kornett dem Könige vorgestellt wurde , hatte der Beschäftigte kaum einen Augenblick gefunden , seinen neuen Pagen flüchtig ins Auge zu fassen . So wurde dieser einer frechen Lüge überhoben . Gustav Adolf war im Begriff sich auf sein Leihroß zu schwingen , um den zweiten fruchtlosen Sturm auf die uneinnehmbare Stellung des Friedländers vorzubereiten . Er hieß den Pagen folgen und dieser warf sich ohne Zaudern auf den ihm vorgeführten Fuchs , denn er war von jung an im Sattel heimisch und hatte von seinem Vater , dem weiland wildesten Reiter im schwedischen Heere , einen schlanken und ritterlichen Körper geerbt . Wenn der König , nach einer Weile sich umwendend , den Pagen tödlich erblassen sah , so taten es nicht die feurigen Sprünge des Fuchses und die Ungewohnheit des Sattels , sondern es war , weil Leubelfing in einiger Entfernung eine ertappte Dirne erblickte , die mit entblößtem Rücken aus dem schwedischen Lager gepeitscht wurde , und ihn das nackte Schauspiel ekelte . Tag um Tag – denn der König ermüdete nicht , den abgeschlagenen Sturm mit einer ihm sonst fremden Hartnäckigkeit zu wiederholen – ritt der Page ohne ein Gefühl der Furcht an seiner Seite . Jeder Augenblick konnte es bringen , daß er den tödlich Getroffenen in seinen Armen vom Rosse hob oder selbst tödlich verwundet in den Armen Gustav Adolfs ausatmete . Wann sie dann ohne Erfolg zurückritten , der König mit verdüsterter Stirn , so täuschte oder verbarg dieser seine Sorge , indem er den Neuling aufzog , daß er den Bügel verloren und die Mähne seines Tieres gepackt hätte . Oder er tadelte auch im Gegenteil seine Waghalsigkeit und schalt ihn einen Casse-Cou , wie der Lagerausdruck lautete . Überhaupt ließ er es sich nicht verdrießen , seinem Pagen gute väterliche Lehre zu geben und ihm gelegentlich ein wenig Christentum beizubringen . Der König hatte die löbliche und gesunde Gewohnheit , nach beendigtem Tagewerke die letzte halbe Stunde vor Schlafengehen zu vertändeln und allerhand Allotria zu treiben , jede Sorge mit geübter Willenskraft hinter sich werfend , um sie dann im ersten Frühlicht an derselben Stelle wieder aufzuheben . Und diese Gewohnheit hielt er auch jetzt und um so mehr fest , als die vereitelten Stürme und geopferten Menschenleben seine Pläne zerstörten , seinen Stolz beleidigten und seinem christlichen Gewissen zu schaffen machten . In dieser späten Freistunde saß er dann behaglich in seinen Sessel zurückgelehnt und Page Leubelfing auf einem Schemel daneben . Da wurde Dame gezogen oder Schach gespielt und im Brettspiele schlug der Page zuweilen den König . Oder dieser , wenn er sehr guter Laune war , erzählte harmlose Dinge , wie sie eben in seinem Gedächtnisse obenauf lagen . Zum Beispiel von der pompösen Predigt , welche er weiland auf seiner Brautfahrt nach Berlin in der Hofkirche gehört . Sie habe das Leben einer Bühne verglichen : mit den Menschen als Schauspielern , den Engeln als Zuschauern , dem den Vorhang senkenden Tode als Regisseur . Oder auch die unglaubliche Geschichte , wie man ihm , dem Könige , nach der Geburt seines Kindes anfänglich einen Sohn verkündigt und er selbst eine Weile sich habe betrügen lassen , oder von Festen und Kostümen , seltsamerweise meistens Geschichten , die ein Mädchen ebensosehr oder mehr als einen Jüngling belustigen konnten , als empfände der getäuschte König , ohne sich Rechenschaft davon zu geben , die Wirkung des Betruges , welchen der Page an ihm verübte , und kostete unwissend den unter dem Scheinbilde eines gutgearteten Jünglings spielenden Reiz eines lauschenden Weibes . Darüber befiel auch wohl den Pagen eine plötzliche Angst . Er vertiefte seine Altstimme und wagte irgendeine männliche Gebärde . Aber ein nicht zu mißdeutendes Wort oder eine kurzsichtige Bewegung des Königs gab dem Erschreckten die Gewißheit zurück , Gustav unterliege demselben Blendwerk wie bei der Geburt seiner Christel . Dann geriet der wieder sicher Gewordene wohl in eine übermütige Stimmung und gab etwas so Verwegenes und Persönliches zum besten , daß er sich eine Züchtigung zuzog . Wie jenes Mal , da er nach einem warmen ehelichen Lobe der Königin im Munde Gustavs die kecke Frage hinwarf : wie denn die Gräfin Eva Brahe eigentlich ausgesehen habe ? Diese Jugendgeliebte Gustavs und spätere Gemahlin De la Gardies , welchen sie , da ihr der tapferste Mann des Jahrhunderts entschlüpft war , als den zweittapfersten heiratete , besaß dunkles Haar , schwarze Augen und scharfe Züge . Das erfuhr aber der neugierige Page nicht , sondern erhielt einen ziemlich derben Schlag mit der flachen Hand auf den vorlauten Mund , in dessen Winkeln Gustav die Lust zu einem mutwilligen Gelächter wahrzunehmen glaubte . Es begab sich eines Tages , daß der König seiner Christel das Geschenk eines ersten Siegelringes machte . Auf den edeln Stein desselben sollte der Mode gemäß ein Denkspruch eingegraben werden , eine Devise , wie man es hieß , welche – im Unterschiede mit dem ererbten Wappenspruche – etwas dem Besitzer des Siegels persönlich Eigenes , eine Maxime seines Kopfes , einen Wunsch seines Herzens , in nachdrücklicher Kürze aussprechen mußte , wie z.B. das ehrgeizige » Nondum « des jungen Karls V. Gustav hätte wohl seinem Kinde selbst einen Leibspruch erfunden , aber , wieder der Mode gemäß , mußte dieser lateinisch , italienisch oder französisch lauten . So suchte er denn , tief auf einen Quartband gebückt , unter den tausend darin verzeichneten Sinnsprüchen berühmter oder witziger Leute mit seinen lichtgefüllten , doch kurzsichtigen Augen nach demjenigen , welchen er seiner erst siebenjährigen , aber frühreifen Christel bescheren wollte . Er belustigte sich an den lakonischen Sätzen , welche das Wesen ihrer Erfinder meistenteils geschichtlicher Persönlichkeiten – oft richtig , ja schlagend ausdrückten , oft aber auch , gemäß der menschlichen Selbsttäuschung und Prahlerei , das gerade Gegenteil . Jetzt wies ein feiner Finger mit einem scharfen schwarzen Schatten auf das hellbeleuchtete Blatt und eine Devise von unbekanntem Ursprung . Es war der über die Schultern des Königs guckende Page , die Devise aber lautete : » Courte et bonne ! « Das heißt : Soll ich mir ein Leben wählen , so sei es ein kurzes und genußvolles ! Der König las , sann einen Augenblick , schüttelte bedenklich den Kopf und zupfte über sich greifend seines Pagen wohlgebildeten Ohrlappen . Dann drückte er Leubelfing auf seinen Schemel nieder , in der Absicht , ihm eine kleine Predigt zu halten . » Gust Leubelfing « , begann er lehrhaft behaglich , den Kopf rückwärts in das Polster gedrückt , so daß das volle Kinn mit dem goldhaarigen Zwickel vorsprang und das schalkhafte Licht der halbgeschlossenen Augen auf das lauschend gehobene Antlitz des Pagen niederblitzte , » Gust Leubelfing , mein Sohn ! Ich vermute , diesen fragwürdigen Spruch hat ein Weltkind erfunden , ein › Epikurer ‹ , wie Doktor Luther solche Leute nennt . Unser Leben ist Gottes . So dürfen wir es weder lang noch kurz wünschen , sondern wir nehmen es wie Er es gibt . Und gut ? Freilich gut , das ist schlicht und recht . Aber nicht voll Rausches und Taumels wie der französische Spruch hier unzweifelhaft bedeutet . Oder wie hast du ihn verstanden ,