Conrad Ferdinand Meyer Der Heilige I I Langsam fallend deckte der Schnee das blache Feld und die Dächer vereinzelter Höfe rechts und links von der Heerstraße , die aus den warmen Heilbädern an der Limmat nach der Reichsstadt Zürich führt . Dichter und dichter schwebten die Flocken , als wollten sie das bleiche Morgenlicht auslöschen und die Welt stille machen , Weg und Steg verhüllend und das wenige , was sich darauf bewegte . Jetzt erscholl auf dem Holzboden der bedachten Brücke , welche sich unfern der Stadt über den Sihlstrom legt , der dumpfe Hufschlag eines Pferdes und unter dem Sparrenwerk der finstern , den Stadtmauern zugewendeten Öffnung erschien ein einsamer Reiter . Seine feste Gestalt war so warm in einen grobwollenen Mantel gewickelt und er hatte sich dessen Kapuze derart über den Kopf gezogen , daß von seiner Person kaum mehr als ein breiter grauer Bart zum Vorschein kam . Hart hinter dem starken Gaul von heimischer Rasse trabte mit beschneitem Rücken und melancholisch gesenkter Schweiffahne ein großer Pudel . Der polternde Widerhall des Hufes in der Holzwölbung weckte die drei Reisegefährten aus dem Halbschlummer , den Frost und Schnee über sie gebracht hatten , und stellte ihnen Tor und Herberge in nahe Aussicht . Ersteres wurde in raschem Trotte erreicht . Unter dem niedrigen Torbogen warf der Reiter seine Kapuze zurück , schüttelte die Flocken vom Mantel , rückte sich die Pelzmütze aus der energischen Stirn und ritt in guter , trotz der Last seiner Jahre kriegerischer Haltung durch den Rennweg , die erste am Fuße der kaiserlichen Pfalz sich hinziehende Straße . Es war der drittletzte Tag des Jahres der Gnade 1191 , denn der Reisende hatte die Gewohnheit , Zürich zwischen Weihnachten und Jahresende heimzusuchen . Rechts wo der Bäcker seine frischen Laibe ausgab , links wo unter dem rußigen Vordach der Rollenschmiede der Amboß erdröhnte und die Funken sprühten , ward der Reiter auch heute , wie jederzeit bei seinem Einzug in Zürich , mit schallendem Zuruf als Hans der Armbruster , Hans der Engelländer bewillkommt . Die alemannischen Laute aber , in welchen er Gruß und Rede zurückgab , schlugen so rund und frank aus seinem Munde , daß sein zweiter Zuname kaum auf eine ferne Heimat zurückführte , sondern auf befriedigte Reiselust und kecke Wanderfahrt . Auch gab der Reisende dem Herbergsvater zum Löwen , der bei ertönendem Hufschlag neugierig unter die Tür getreten war und , den Vorüberreitenden erkennend , sich von demselben , mit gezogener Kappe , Auskunft über das Verhalten des heurigen Schaffhausers im Keller erbat , so sachkundige und den Beteiligten verratende Antwort , daß unschwer zu erkennen war , wo Hans dem Engelländer heute sein Weizen blühe und sein Wein reife . Bis hieher geschah alles , wie Hans der Armbruster die Stadt der Fürstin – Äbtissin seit Jahrzehnten kannte . Eines aber befremdete ihn an diesem Tage , der kein Festtag war , und allgemach begann er sich darüber zu wundern . Von Frauen verkehrten sonst in dieser strengen Jahreszeit und frühen Stunde nur wenige vor dem Hause ; heute aber überschritten sie eilfertig und geschmückt alle Schwellen ; und als Meister Hans durch steil abfallende Gäßlein der Mitte der Stadt und den rasch dahinschießenden Wassern der Limmat sich zuwandte , als er über die untere Brücke und am Rathause vorüberritt , sah er es wie Ameisenzüge an beiden Flußufern aufwärts laufen . Häuflein folgte dem Häuflein . Frauen jeglichen Standes , hochmütige Edelweiber mit kostbaren Meßbüchern in der Hand , ehrbare Töchter des Handwerks , züchtige Klosterfrauen , hübsche Dirnen von leichtem Wandel eilten neben runzligen , hustenden Großmüttern , die das Oberkleid im Schneegestöber über die armen , grauen Häupter gezogen hatten . Alles strömte seewärts , wo am Ausfluß der Limmat wie zwei Behelmte die Münster stehen . Doch – was bedeutete das ? – nur eines derselben , das Münster unserer lieben Frau , ließ mit fliegenden Glocken seine dringende Einladung erschallen : das gegenüberliegende große Münster aber verharrte in einem mißbilligenden Schweigen . Nachdenklich ritt der Armbruster , dem allgemeinen Zuge folgend , unter den Schwibbögen längs der Limmat hinauf der berühmten Herberge zu den Raben St. Meinrads entgegen , wo er alljährlich abzusteigen pflegte . Jetzt aber , unten am Hügel , wo weiland St. Felix und Regula geblutet haben , hielt er seinen Braunen an . Er hatte einen Blick in die steile Kirchgasse geworfen , die hier , vom Großmünster herabführend , ausmündet . Es bewegte sich darin , ihm entgegenschreitend und sorgsam die besten Stellen im schmelzenden Schnee aussuchend , die feine , ehrwürdige , in Marderpelz gehüllte Gestalt eines Chorherrn . Das unter dem schwarzen Barett blaß erscheinende Antlitz heftete sich mit schmerzlichem Ausdruck auf die genäßten Schuhe . So wurde er des Armbrusters nicht gleich gewahr , der sich rüstig vom Pferde geschwungen hatte , um den alten Herrn in bescheidener Stellung und trotz des noch immer dauernden Gestöbers mit entblößtem Haupte zu erwarten . » Gottes und seiner Mutter Gnade zum Gruß , ehrwürdiger Herr « , sagte Hans der Engelländer , als der Greis neben ihm stand . Leicht überrascht heftete dieser das kluge Auge auf den Grüßenden und ein plötzlicher Gedanke leuchtete über seine durchsichtigen Züge , ein Gedanke offenbar erfreulicher Art , den er aber listig für sich behielt . So sprach ihn denn der Armbruster zuerst und folgendermaßen an : » Gestattet , das ich mich bei Euch erkundige , ob ich den edeln Herrn Kuno , Euern würdigen Bruder , im Stifte finden werde . Er schuldet mir eine Kleinigkeit für hergestellte Armbruste , ferner den Kaufpreis eines nach englischer Manier gebauten Stückes , das vor drei Jahren bestellt und geliefert wurde , was alles , nach meiner Übung , ich vor Neujahr einzuziehen trachte . Den vorletzten und letzten Christmond traf ich den edeln Herrn bei erschöpfter Kasse , da er mit dauerndem Unglück im Würfelspiel zu kämpfen hatte . Wie mag es wohl heuer um ihn stehen ? « » Das frage du ihn selber , nachdem du Imbiß bei mir gehalten hast ! « erwiderte der Alte . » Er kehrt bei Zunachten ins Stift . Alle Brüder , Probst und Kapitel , sind auf die Jagd verritten , mich Alten , wie du siehst , ausgenommen . Ich gedachte meinen Ausgang dem neuen Heiligen zu widmen , dessen Marter und Wunder dort drüben « – er wies nach dem schlank aufsteigenden Chor des Fraumünsters – » zu dieser Stunde von einem geistreichen Luzernerpfaffen dem gläubigen Volke dargelegt werden und dessen Glorie meine darüber unbilligerweise empfindlichen Brüder für heute aus der Stadt vertrieb . Da jedoch mehr Neu gier als Andacht meine Schritte lenkte und der Schnee des Himmels sie hemmt , so mag ich ohne Schaden meiner Seele umkehren . Laß deinen Braunen in die Herberge zu den Raben führen ! Dort steht der Stallknecht St. Meinrads wie eingepflanzt am Wasser und starrt nach der Frauen Münster hinüber ! Dein Tapp der hier trübselig im Schnee sitzt , mag sich an meinem Küchenfeuer wärmen . Aber bei St. Felix ' blutigem Haupte , ich kann nicht länger im Nassen stehen ! In diesen Schneepfützen sitzt die tückische Hexe mit ihrer Zange , ich meine die böse Gicht , die mich diesen Winter gezwickt und erst vor kurzem losgelassen hat . Folge mir bald , Engelländer ! « Nach diesen geflügelten Worten schmiegte Herr Burkhard sich fröstelnd in seinen Pelz und begann , vorsichtig wie er gekommen war , die feuchte Gasse wieder hinanzusteigen . Hans aber rief den lungernden Knecht herbei und übergab ihm mit den Zügeln seines Gauls allerhand Aufträge und Weisungen an den Wirt und die Stammgäste des Hauses zu den Raben ; denn dort sprach der Adel ein und unter ihm hatte der Armbruster viele Kunden und Schuldner . Dann schnallte er sein Felleisen von dem Rücken des Tieres , nahm das Gepäck unter den Arm und schritt mit Tapp , der sich nie von dem Eigentum seines Herrn trennte , die zum Stifte führende steile Gasse hinauf . Die Einladung des Chorherrn kam ihm gelegen , denn Hans der Armbruster war ein sparsamer Mann . II II Der Wintertag blieb so dunkel , daß der schmale Wohnraum des Chorherrn , wo er seinen Gast bewirtete , mehr von der golden flackernden Flamme des Herdes als durch das einzige hoch gelegene Bogenfensterchen erhellt wurde . Während der Armbruster sein Mahl beendigte , hatte sich Herr Burkhard , der von feiner Körperlichkeit und mäßiger Lebensweise war , schon eine Weile in seinen mit weichen Vliesen überlegten Armstuhl versenkt und die pelzumhüllten Füße dem Feuer zugestreckt . Ein ebenfalls ergreister Schaffner räumte das Tischgeräte weg und stellte eine Kanne kräftigen Landweins mit zwei silbernen Bechern auf das Steinsims des Kamines . Der Chorherr war offenbar in vergnügter Stimmung . Es ergötzte ihn , an diesem traben Wintertage einen welt- und menschenkundigen , auch weitgewanderten Mann schnellen Geistes in sein Gelaß gelockt zu haben zur Befriedigung einer längst gehegten Neugierde . Das feingeformte Haupt mit seinen wenigen schneeweißen Locken lag auf dem roten Kissen der Lehne , mit geschlossenen Augen , aber dem wachen Ausdrucke des Triumphes über einen gelungenen Anschlag . Jetzt öffnete er plötzlich einen leuchtenden Blick und sagte : » Gesegnete Mahlzeit , Hans ! Wende deinen Stuhl und rücke zu mir . Du fragtest mich , wer der neue , von der Frau am Münster erhöhte , von uns Chorherren aber geschmähte Heilige sei . Über Tisch halte ich es nicht für heilsam , von kirchlichen oder gar himmlischen Dingen zu reden ; aber nun bin ich da , um Auskunft zu geben . Der neue , von dem heiligen Vater der Christenheit bescherte Fürsprecher im Himmel hat im selben Jahre mit mir das Licht der Welt erblickt . Schon das spricht gegen ihn . Es gilt von den Heiligen , wie vom Weine : je älter , desto besser und wundertätiger . Wie dieser hier « – er schlürfte aus seinem Becher – , » das Blut unseres Bodens , mit unserem Blute verwandt ist und es seit undenklicher Zeit würzt und stärkt , ähnlich wirken unsere Heiligen St. Felix und Regula , über deren Leibern dieses Stift und diese Stadt erbaut sind . Geschlecht um Geschlecht haben sie als streitbare Nothelfer behütet . Wir sind ihnen und sie uns vertraut und verpflichtet . Mit ihrem Bild und Siegel machen wir , nach dem Vorgange unserer Väter , unser Tun und Lassen gültig . Ich will keine Hoffart damit treiben , daß sie nach ihrer blutigen Marter die abgeschlagenen Häupter urkundlich in den eigenen Händen von der Richtstätte am Limmatufer bis hieher getragen haben , vierzig Schritte bergan , obgleich ihnen das sicherlich keiner der abgeschwächten neuen Heiligen nachtut . Für mich kommt in Betracht , daß St. Felix und Regula ihren Glauben gegen einen heidnischen Kaiser mit ihrem Blute bezeugt und nicht gegen einen christlichen König und Lehensherrn sich überhoben und aufgelehnt haben , wie dieser neue Heilige von meinem Jahrgang . Solcher gerechten Erwägungen aber sind die Köpfe unserer Frauen vom fürstlichen Stifte nicht fähig ! Da mußte ihnen unter andern kostbaren Schriftstücken ein Pergament zukommen , worauf das Leben und die Marter meines Altersgenossen beschrieben und verherrlicht ist . Die heiligen Akten wurden zur Erbauung während der Mahlzeit vorgelesen und von Stund an konnten die Gedanken der edeln Frauen nicht : mehr zur Ruhe kommen . Sie trieben offen und heimlich daran , daß der Tag dieses Märtyrers auch bei uns feierlich begangen werde . Den Weibern gefällt das Neue und Fremdländische . Der Rat unserer Stadt war aus genannten Gründen der Sache abhold und hätte sie auch wohl verhalten , wäre den Frauen nicht eine Güte des Himmels zu Hilfe gekommen . Verwichenen Herbstmonat bei der langen Dürre geriet der Abtei eine Scheune voll Heu neben ihrem großen Gehöde zu Wiedikon in Brand . Der Föhn jagte die Flamme gerade auf das Meierhaus zu , das zu rauchen begann und verloren schien Da ließ die mächtig fromme Kusterin , Frau Berta , die eben zu gegen war , durch den Meier und seine Söhne den schweren Schiefertisch vor das Haus schleppen , zog eine Kreide aus der Tasche und schrieb mit armlangen Buchstaben auf die Platte : Sancte Thoma , steh uns bei ! Was geschah ? Blickte der Heilige vom Himmel herunter und las ? Dem sei wie ihm wolle , der Wind wandte sich augenblicklich , das Scheuerlein fiel in erlöschenden Schutt zusammen und die Meierei war gerettet . Jetzt langte die Hilfe aus der Stadt an . Hier stand der Tisch , dort verkohlte der Trümmerhaufen – das Wunder und der Heilige waren nicht weiter anzufechten . So ist es gekommen , daß wir heute sein Fest feiern , den Tag , daß ich ' s zu sagen nicht vergesse , des heiligen Thomas von Canterbury . « Nach dieser ausgiebigen Rede ergriff der Chorherr seinen Pokal , tat ein paar kleine Züge , und die Kanne ergreifend , sah er sich nach seinem Zuhörer um , dessen Becher er auffüllen wollte . Hans , der auf einem Holzschemel am Feuer saß , gab keinen Laut von sich . Etwas Seltsames war mit ihm vorgegangen . Im Anfang war er , die Ellenbogen auf die Kniee stützend und das gesenkte Haupt in die Hände gelegt , der Erzählung des Chorherrn mit Aufmerksamkeit gefolgt . Herr Burkhard hatte den Namen des Heiligen absichtlich bis zuletzt verschwiegen , doch der Armbruster mochte ihn schon früher erraten haben . Er blieb jetzt unbeweglich , wie in sich selbst zusammengebrochen und es war , als schüttle ein Schauder seine Glieder . Der Chorherr schenkte ihm den Becher voll und betrachtete ihn mit Blicken der Teilnahme und etwas durchschimmernder Schadenfreude . » Halt ich dich endlich , schlauer Mann ! « begann er wieder . » Bei den blutigen Zöpfen der heiligen Regula , heute , Armbruster , trittst du mir nicht über die Schwelle zurück , ohne mir von St. Thomas von Canterbury erzählt zu haben , was du weißt , und ganz andere Dinge , als der Luzernerpfaffe unserer gnädigen Frau drüben im Stift aufbindet oder als in dem Pergamente stehen , das mir die edle Herrin zur Gesundung meiner Seele geliehen hat . Du bist dem Heiligen zu seinen Lebzeiten begegnet , das wirst du mir nicht leugnen ! Ich habe es selbst gehört , wie du meinen Brüdern , den Chorherren , es mag sich jetzt gerade verjähren , in unserer Trinkstube mit lauter Stimme – denn sie hatten dir mit dem Becher stark zugesetzt – und gewaltigen Gebärden dartatest , daß du an König Heinrich gehaftet habest wie der Knopf am Wamse , ja wie die Haut am Leibe . Du gerietest in lodernden Eifer ; denn die Herren hatten in Zweifel gezogen , daß König Heinrich bei jener unseligen Krönung seines ältesten Sohnes Tränen der Freude vergossen habe . Du riefest : › Ich habe sie rieseln sehen ! ‹ und verschwurest dich bei deiner Seelen Seligkeit . Ich , der gerade eintreten wollte , um einen geselligen Becher zu trinken , denn ich war noch um das jünger , und dich deine Geschichte beteuern hörte , ich glaubte dir , denn du bist kein Prahler . Bist du aber immerdar um König Heinrich gewesen , hast ihm Gewand und Becher gereicht , sein Lachen und Weinen gekannt , wie du versichertest , so mußt du auch den Mann gekannt haben , der ihm Leib und Seele zerstört hat , sei es , während er als Kanzler ihm zu Diensten war , sei es später , da er als heiliger Bischof , sein Feind und sein Opfer , ihn zur Verzweiflung und ins Verderben trieb . Am Ende , Unglücklicher , warest auch du unter jenen , die dem Heiligen zu seinem Martertode geholfen haben . Doch nein ! In dem Pergamente der Äbtissin steht geschrieben , wie die Mörder des Heiligen durch ihre Sünde dergestalt entmenscht wurden , daß es der ganzen Schöpfung vor ihnen graute und selbst ihre Leibhunde den Bissen aus ihrer Hand verabscheuten . Tapp aber « – er wies auf den zwischen den Knieen des Armbrusters sich aufmerksam hervordrängenden Pudelkopf – » nimmt , wie ich gesehen habe , alles , was du ihm reichst . « » Der gnädige Gott hat mich davor behütet « , murmelte Hans ; » aber den Heiligen – ja – ich habe ihn gekannt , so gut als ich Euch kenne , Herr Burkhard . Und dabei bin ich auch gewesen , wenn Ihr es doch wissen wollt , als ihm der Wilhelm Tracy vor dem Hochaltare den Schädel einschlug . Und sein Lächeln sehe ich noch , das – Gott genade mir – heilige Hohnlächeln , mit dem er verschied , als erwiesen ihm seine Henker gerade einen Liebesdienst . O Herr , das sind schwere , unerforschliche Geschichten ! « » Erzähle Hans « , rief der Chorherr mit zitternder Lebendigkeit , und richtete sich , die alten Hände auf die Armlehnen stützend , begierig in seinem Stuhl in die Höhe . Der Armbruster schürte schweigend das Feuer und faßte seine Gedanken zusammen . Seine festen eckigen Züge waren finster geworden und seine funkelnden Augen sannen . Offenbar schien ihm billig , den Wunsch seines Gastfreundes zu erfüllen ; aber ungerne tat er es . Denn jene Ereignisse , staunenswert und unbegreiflich nicht nur für die Fernstehenden , sondern auch für die Mithandelnden , waren der wichtigste Teil seiner eigenen Geschichte , die es dem verschlossenen Manne zu erzählen schwer wurde , und griffen in Tiefen seiner Seele hinunter , wo sein Empfinden zwiespältig wurde und seine Gedanken wie vor einem Abgrunde stehenblieben . Er äußerte sich mit behutsamen Worten : » Ihr mögt leichtlich besser Bescheid wissen , Herr Burkhard , in dem was meines Herrn Königs Fürstenhändel und Taten im Weltlauf betrifft ; was aber den Wandel und die Natur seiner Person angeht – und des Thomas Becket Menschenantlitz auch « – fügte er scheu und leise hinzu – , » so habe ich wahrlich vor einem Jahre in jener trunkenen Nacht nicht geprahlt , als ich mich berühmte , sie zu kennen , obwohl ich , heilsamer für mich , davon geschwiegen hätte . Noch jetzt , Herr , brauch ich nur die Augen zu schließen , um den König wie den Priester leibhaft vor mir zu sehen . Lieblich ist der Anblick nicht , wie der dieser langen ruhigen Gesichter , welche Eure Stadtheiligen hier in den Händen tragen ! « und er wies auf das Mittelbild eines farbig gewirkten Teppichs , der die Mauer bekleidete . » Viele Jahre lang , nachdem ich aus Engelland heimgekehrt war , hatte ich während des Tages in Gedanken und des Nachts im Traume mit jenen zwei unglücklichen Herren zu schaffen . Am Tage mußte ich mir die sanften , spitzfindigen Reden des einen , die leichtfertigen Scherze , harten Drohungen und verzweiflungsvollen Zornworte des andern ohne Unterlaß wiederholen und war gezwungen , darüber nachzusinnen , wie unabwendbar beider Verderben sich daraus entwickelte . Des Nachts sah ich sie aufeinanderstoßen mit Rauch und Feuer , wie der Apostel Hans in seiner Offenbarung schreibt , und keines meiner Weiber – ich habe deren etliche geehlicht und begraben – konnte es dann unterlassen , mich mit Angst und Grauen aus dem Schlafe zu rütteln . Denn , Herr , es ist etwas anderes , wenn Könige und Heilige gegeneinanderfahren , als wenn in unseren schwäbischen Trinkstuben geschrieen und gestochen wird . Wohlan , ich will Euch von diesen Geschichten erzählen , obwohl es ein schlimmes Ding ist und schwierig zu bewältigen ; aber ich darf den Wunsch meines Gastfreundes nicht unerfüllt lassen « , schloß der Armbruster mit einem grimmigen Lächeln . » So tue , wie du verheißest « , sagte der Stiftsherr und legte sich mit erwartungsvoll angeregten Mienen in seinen Sessel zurück . III III » Ich rede nicht gerne von meiner Jugend « – begann Hans der Engelländer seine Erzählung – » und meine Gedanken weichen ihr aus , wenn ich nicht vor den heiligen Festen , um mich vor Gott und seiner heiligen Mutter zu demütigen , sie aus dem Dunkel emporsteigen lasse , oder wenn nicht ein Neider und Widersacher mir dieselbe böswillig in meinen alten Tagen gegen die Zähne wird . Lieber Herr « – und der Armbruster tat einen tiefen Seufzer – » sie ist eine unehrliche und befleckte . Dennoch muß ich damit Euch und mir zur Last fallen , denn mein armer Lebenslauf läßt sich von dem des Heiligen und des Königs nicht trennen , wenigstens in meinem alten Kopfe nicht . Ihr müßt wissen , ich bin aus einem edeln Geschlechte , und wenn Ihr Hohenklingen oder Hohenkrähen sagt , so nennet Ihr zwar nicht mein Stammhaus , das in Schutt versunken ist , aber sein Name lautete ähnlich und es lag , wie jene festen Häuser , unweit vom Bodan und vom Rhein . Schon mein Vater war schwer verschuldet und – warum , das weiß Gott – von seiner Sippe gescheut und gemieden , als er , um seinen Gläubigern zu entgehen und um seine Seele zu retten , sich das Kreuz anheftete und nach dem Gelobten Lande zog , aus welchem er nicht zurückkehrte . Mein Mutterlein schleppte seit meiner Geburt einen siechen Leib und weinte sich die Augen blind , als mein älterer Bruder nicht in ritterlicher Fehde , sondern in bösem Raufhandel um Dein und Mein erschlagen wurde ; denn wir halfen uns , wie wir konnten , und lauerten an den Wegen , wo etwas vorüberkam . Bei meiner Sippe suchte ich weder Rat noch Hilfe , ich hätte dort keine gefunden . Die einzigen Freunde waren mir meine Armbrust und meine Hunde , mit denen ich zu Walde zog ; aber ich selbst ward wie ein Wild gehetzt von einem bösen Feinde , den ich wie den Teufel haßte . Das war der Jude Manasse , der in Schaffhausen saß und auf Zinsen lieh . Ihm hatte mein Vater seinen Burgstall und seine wenigen Äcker verpfändet . Nun begab es sich , daß mich meine Mutter zu dem Juden schickte , um Aufschub zu verlangen , aber keine Barmherzigkeit war bei dem Wucherer zu finden . Da erfaßte mich plötzlich eine große Kümmernis und ein Erbarmen mit meinem siechen Mütterlein und auch mit dem blutigen Leiden unseres Heilandes , den die Juden grausam gemartert haben , und ich schlug den Manasse hart mit Fausten , daß er starb . Gott rechne mir diesen Mord nicht zu ! Als ich ihn beging , war ich , wenn auch schon von Mannesgestalt und Stärke , noch ein Kind und dazu von weicher und heftiger Gemütsart . Der Jude indessen hatte in der Stadt und unter dem umliegenden Adel viele Freunde und ich wäre verloren gewesen ohne die geöffnete Klosterpforte von Allerheiligen . Und da ich froh sein mußte , daß sie sich fest hinter mir schloß , wurde ich unverhofft geistlich und nach Jahresfrist ein Mönch . In alledem hatte ich aufrichtig gehandelt und war kein Falsch an mir gewesen ; aber ich taugte schlecht zum Mönche und hatte den Wuchs meiner Natur und das Erdreich ihres Gedeihens nicht vorausgekannt . Mißversteht mich nicht , Herr ! Nicht das sündige Blut unserer Stammeltern allein meine ich , sondern mehr noch den zündenden Funken , der aus der Schöpferhand Gottvaters in den Ton , aus welchem ich geformt bin , herübergesprungen ist , das ist : Kraft , Verstand , Unternehmung , Baukunst und Wanderlust . Aber von menschlicher Kunst und Wissenschaft war zu Allerheiligen nichts zu lernen , als der Poet Virgilius , den ich auch heute noch großenteils auswendig weiß . Der Prior rühmte an diesem Poeten , daß er ein frommer Heide gewesen und Gott ihm zum Lohne seiner Tugenden prophetische Krad eingehaucht , so daß in seinen Versen die hochgelobte Mutter mit dem Kinde sich spiegle und deutlich zu erkennen sei . Daher kam es , daß die Rolle , aus der ich lernte , ganz von Messerstichen durchlöchert war . In der Johannisnacht , da ich von Allerheiligen schied und bevor ich den Sprung über die Mauer tat , habe auch ich hinein gestochen zu dreien Malen , nach inbrünstiger Anrufung der drei heiligen Namen , und die Worte getroffen : sagittas , calamo , arcui . Und Virgilius hatte wahr gesprochen : mit Pfeil und Bogen hab ich all mein Lebtag zu tun gehabt . So genoß ich denn meiner raschen Füße wieder und eilte durch das Waldgebirg dem Elsaß zu , den großen Bogen des Rheines mit einer geraden Linie abschneidend . Gegen Mittag kam ich vor einem festen Orte auf eine Wiese , wo von allerlei Volk ein Bogenschießen abgehalten wurde . Ich war schon unterwegs wie berauscht von dem Odem der Erde und der Lust , meine Glieder zu brauchen , und da ist es nicht zu verwundern , daß ich mir in dem Lustlager und Getümmel der Schießenden von den ausgelassenen Gesellen , die der verlaufene Mönch ergötzte , einen Bogen in die Hand geben ließ und dann , mit vorgestrecktem Fuße Stand fassend , Schuß um Schuß ans Ziel schickte . Mein Blick , sei Euch gesagt , ist scharf und sicher von Natur und hat mich von Kindheit an nie betrogen . Ich glaube , daß sie mich , der den Becher verlernt hatte , trunken machten , daß ich in der Glut die Ärmel aufstreifte und die Kutte bis an die Schenkel schürzte , und mir steht dunkel und ärgerlich vor Augen , daß ich zuletzt unter Spott und Gelächter mit nackten Armen und Beinen im Narrentriumphe herumgetragen wurde . Am frühen Morgen , in der Knechtstracht , die mir ein guter Gesell geschenkt , weiterwandernd , betrachtete ich nicht ohne Scham den Stand meiner Dinge . Ein beflecktes Wappen lag rechts und eine zerrissene Kutte links hinter mir am Wege . Nichts blieb mir als das Handwerk und ich suchte mir eines , das mich von ritterlichen Leuten und Dingen nicht ganz entferne und seinen Mann ernähre in Kriegs- und Friedenszeiten . Da erhellte sich mir die Losung des Virgilius und ich beschloß , ein Bogner und Armbruster zu werden . Aller Anfang ist schwer , lieber Herr ; und neben den müßigen Gewöhnungen des Wegelagerers und des Mönches hatte ich noch viel Torheit eines weichen Herzens zu überwinden . Ich mußte zu festem Stande kommen ; denn , ob ich schon einen Juden getötet und ein Klostergelübde gebrochen , so hätte mich doch mein frommes Gemüt fast in eine dritte Missetat gestürzt . Dies will ich Euch noch erzählen – vom übrigen werde ich kurz sein . Ich war , gen Straßburg wandernd , unter eine Bande von fahrenden Schülern geraten und wir zechten in einer Schenke gegegenüber den Mauerwerken und Turmspitzen der berühmten Stadt . Da fiel mir ein , wie mein Mütterlein mir weiland viel geredet hatte von einer frommen Muhme , die in einem Straßburger Kloster ein heiliges Leben geführt und deren Fürsprache im Himmel sie , wenn das Wasser des Elends ihr bis an den Mund stieg , mit Nutzen anzurufen pflegte . Solches dachte ich auf meinen irrenden Wegen auch zu tun . Also ging ich einen der Fahrenden , der ein helles offenes Gesicht hatte und , wie er sagte , die Stadt von früher her wohl kannte , mit freundlichen Worten an , ob er mir das Kloster nicht weisen könne , wo meine Muhme Willibirg im Geruche der Heiligkeit gestorben sei . › Lieber ‹ , antwortete er , › siehest du dort den achteckigen Turm mit dem farbigen Dache ? Und daneben das lange Gebäude an der Stadtmauer ? Dort hat deine Muhme gewaltet . ‹ Da warf ich mich auf die Kniee und rief , nach dem Hause hinüberblickend , die heilige Frau inbrünstig an , mir zu allem guten und heilsamen Werke behilflich zu sein . Was höre ich hinter mir ? ein unterdrücktes Gekicher , ein toll ausbrechendes Gelächter , und rasch den Kopf wendend , sehe ich den Fahrenden , der die Zipfel seines Gewandes zu zwei langen Ohren gestaltet hatte , die er neben den meinigen winken und wedeln läßt . Zu gleicher Zeit lachten die anderen unbändig : › Der Esel betet zum Hause der schönen Frauen hinüber ! . . . ‹ Aber schon lag der Schalk unter meinen Knieen , während ich schwere Tränen fallen ließ über die Bosheit und Schlechtigkeit der Welt und ihn würgte , daß ihm der Lebensodem ausgegangen wäre , wenn ihn mir die anderen nicht entrissen hätten . In Straßburg trat ich in die erste Lehre bei einem Bogner , der mich ehrlich hielt und mir die Handgriffe , soviel er sie wußte , rechtschaffen beibrachte . Doch war er ein Mann des Brauches und der Gewohnheit , der den Kopf eigensinnig schüttelte zu den Verfeinerungen und Ausbildungen , deren das Wesen und die Gestalt der Armbrust fähig ist und die damals aus Engelland und Flandern , besonders aber aus dem heidnischen Granada bis zu uns in das deutsche Reich hereindrangen . Mir aber , der einen jungen und neugierigen Geist hatte , ließ es , nach den einmal überwundenen Anfängen , keine Rast noch Ruhe ; denn lieber Herr , in jeder , auch der geringsten Kunst ist ein Ziel der Vollendung verborgen , das uns ruft und lockt , ihm Tag und Nacht sehnsüchtig nachzuziehen . Oft hab ich damals im Traume eine Armbrust gebaut und einen Bolzen gebildet , die noch weiter trugen als das sarazenische Schießzeug , aber im Frühlicht verblichen meine Fündlein wie höhnische Irrwische ; denn es waren plumpe Tastungen oder willkürliche Gedanken , da ich wohl einige Griffe , aber noch nicht die Gründe und Gesetze meiner Kunst erkannt hatte