Conrad Ferdinand Meyer Das Amulett [ Motto ] Alte vergilbte Blätter liegen vor mir mit Aufzeichnungen aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts . Ich übersetze sie in die Sprache unserer Zeit . Erstes Kapitel Erstes Kapitel Heute am vierzehnten März 1611 ritt ich von meinem Sitze am Bielersee hinüber nach Courtion zu dem alten Boccard , den Handel um eine mir gehörige mit Eichen und Buchen bestandene Halde in der Nähe von Münchweiler abzuschließen , der sich schon eine Weile hingezogen hatte . Der alte Herr bemühte sich in langwierigem Briefwechsel um eine Preiserniedrigung . Gegen den Wert des fraglichen Waldstreifens konnte kein ernstlicher Widerspruch erhoben werden , doch der Greis schien es für seine Pflicht zu halten mir noch etwas abzumarkten . Da ich indessen guten Grund hatte , ihm alles Liebe zu erweisen , und überdies Geldes benötigt war , um meinem Sohn , der im Dienste der Generalstaaten steht und mit einer blonden runden Holländerin verlobt ist , die erste Einrichtung seines Hausstandes zu erleichtern , entschloß ich mich , ihm nachzugeben und den Handel rasch zu beendigen . Ich fand ihn auf seinem altertümlichen Sitze einsam und in vernachlässigtem Zustande . Sein graues Haar hing ihm unordentlich in die Stirn und hinunter auf den Nacken . Als er meine Bereitwilligkeit vernahm , blitzten seine erloschenen Augen auf bei der freudigen Nachricht . Rafft und sammelt er doch in seinen alten Tagen , uneingedenk , daß sein Stamm mit ihm verdorren und er seine Habe lachenden Erben lassen wird . Er führte mich in ein kleines Turmzimmer , wo er in einem wurmstichigen Schranke seine Schriften verwahrt , hieß mich Platz nehmen und bat mich den Kontrakt schriftlich aufzusetzen . Ich hatte meine kurze Arbeit beendigt und wandte mich zu dem Alten um , der unterdessen in den Schubladen gekramt hatte , nach seinem Siegel suchend , das er verlegt zu haben schien . Wie ich ihn alles hastig durcheinanderwerfen sah , erhob ich mich unwillkürlich , als müßt ich ihm helfen . Er hatte eben wie in fieberischer Eile ein geheimes Schubfach geöffnet , als ich hinter ihn trat , einen Blick hineinwarf und – tief aufseufzte . In dem Fache lagen nebeneinander zwei seltsame , beide mir nur zu wohl bekannte Gegenstände : ein durchlöcherter Filzhut , den einst eine Kugel durchbohrt hatte , und ein großes rundes Medaillon von Silber mit dem Bilde der Muttergottes von Einsiedeln in getriebener , ziemlich roher Arbeit . Der Alte kehrte sich um , als wollte er meinen Seufzer beantworten , und sagte in weinerlichem Tone : » Jawohl , Herr Schadau , mich hat die Dame von Einsiedeln noch behüten dürfen zu Haus und im Felde ; aber seit die Ketzerei in die Welt gekommen ist und auch unsre Schweiz verwüstet hat , ist die Macht der guten Dame erloschen , selbst für die Rechtgläubigen ! Das hat sich an Wilhelm gezeigt – meinem lieben Jungen . « Und eine Träne quoll unter seinen grauen Wimpern hervor . Mir war bei diesem Auftritte weh ums Herz und ich richtete an den Alten ein paar tröstende Worte über den Verlust seines Sohnes , der mein Altersgenosse gewesen und an meiner Seite tödlich getroffen worden war . Doch meine Rede schien ihn zu verstimmen , oder er überhörte sie , denn er kam hastig wieder auf unser Geschäft zu reden , suchte von neuem nach dem Siegel , fand es endlich , bekräftigte die Urkunde und entließ mich dann bald ohne sonderliche Höflichkeit . Ich ritt heim . Wie ich in der Dämmerung meines Weges trabte , stiegen mit den Düften der Frühlingserde die Bilder der Vergangenheit vor mir auf mit einer so drängenden Gewalt , in einer solchen Frische , in so scharfen und einschneidenden Zügen , daß sie mich peinigten . Das Schicksal Wilhelm Boccards war mit dem meinigen aufs engste verflochten , zuerst auf eine freundliche , dann auf eine fast schreckliche Weise . Ich habe ihn in den Tod gezogen . Und doch , sosehr mich dies drückt , kann ich es nicht bereuen und müßte wohl heute im gleichen Falle wieder so handeln , wie ich es mit zwanzig Jahren tat . Immerhin setzte mir die Erinnerung der alten Dinge so zu , daß ich mit mir einig wurde , den ganzen Verlauf dieser wundersamen Geschichte schriftlich niederzulegen und so mein Gemüt zu erleichtern . Zweites Kapitel Zweites Kapitel Ich bin im Jahre 1553 geboren und habe meinen Vater nicht gekannt , der wenige Jahre später auf den Wällen von St. Quentin fiel . Ursprünglich ein thüringisches Geschlecht , hatten meine Vorfahren von jeher in Kriegsdienst gestanden und waren manchem Kriegsherrn gefolgt . Mein Vater hatte sich besonders dem Herzog Ulrich von Württemberg verpflichtet , der ihm für treu geleistete Dienste ein Amt in seiner Grafschaft Mümpelgard anvertraute und eine Heirat mit einem Fräulein von Bern vermittelte , deren Ahn einst sein Gastfreund gewesen war , als Ulrich sich landesflüchtig in der Schweiz umtrieb . Es duldete meinen Vater jedoch nicht lange auf diesem ruhigen Posten , er nahm Dienst in Frankreich , das damals die Picardie gegen England und Spanien verteidigen mußte . Dies war sein letzter Feldzug . Meine Mutter folgte dem Vater nach kurzer Frist ins Grab und ich wurde von einem mütterlichen Ohm aufgenommen , der seinen Sitz am Bielersee hatte und eine feine und eigentümliche Erscheinung war . Er mischte sich wenig in die öffentlichen Angelegenheiten , ja er verdankte es eigentlich nur seinem in die Jahrbücher von Bern glänzend eingetragenen Namen , daß er überhaupt auf Bernerboden geduldet wurde . Er gab sich nämlich von Jugend auf viel mit Bibelerklärung ab , in jener Zeit religiöser Erschütterung nichts Ungewöhnliches ; aber er hatte , und das war das Ungewöhnliche , aus manchen Stellen des heiligen Buches , besonders aus der Offenbarung Johannis , die Überzeugung geschöpft , daß es mit der Welt zu Ende gehe und es deshalb nicht rätlich und ein eitles Werk sei , am Vorabend dieser durchgreifenden Krise eine neue Kirche zu gründen , weswegen er sich des ihm zuständigen Sitzes im Münster zu Bern beharrlich und grundsätzlich entschlug . Wie gesagt , nur seine Verborgenheit schützte ihn vor dem gestrengen Arm des geistlichen Regimentes . Unter den Augen dieses harmlosen und liebenswürdigen Mannes wuchs ich – wo nicht ohne Zucht , doch ohne Rute – in ländlicher Freiheit auf . Mein Umgang waren die Bauerjungen des benachbarten Dorfes und dessen Pfarrer , ein strenger Calvinist , durch den mich mein Ohm mit Selbstverleugnung in der Landesreligion unterrichten ließ . Die zwei Pfleger meiner Jugend stimmten in manchen Punkten nicht zusammen . Während der Theologe mit seinem Meister Calvin die Ewigkeit der Höllenstrafen als das unentbehrliche Fundament der Gottesfurcht ansah , getröstete sich der Laie der einstigen Versöhnung und fröhlichen Wiederbringung aller Dinge . Meine Denkkraft übte sich mit Genuß an der herben Konsequenz der calvinischen Lehre und bemächtigte sich ihrer , ohne eine Masche des festen Netzes fallen zu lassen ; aber mein Herz gehörte sonder Vorbehalt dem Oheim . Seine Zukunftsbilder beschäftigten mich wenig , nur einmal gelang es ihm , mich zu verblüffen . Ich nährte seit langem den Wunsch , einen wilden jungen Hengst , den ich in Biel gesehen , einen prächtigen Falben , zu besitzen , und näherte mich mit diesem großen Anliegen auf der Zunge eines Morgens meinem in ein Buch vertieften Oheim , eine Weigerung befürchtend , nicht wegen des hohen Preises , wohl aber wegen der landeskundigen Wildheit des Tieres , das ich zu schulen wünschte . Kaum hatte ich den Mund geöffnet , als er mit seinen leuchtend blauen Augen mich scharf betrachtete und mich feierlich anredete : » Weißt du , Hans , was das fahle Pferd bedeutet , auf dem der Tod sitzt ? « – Ich verstummte vor Erstaunen über die Sehergabe meines Oheims ; aber ein Blick in das vor ihm aufgeschlagene Buch belehrte mich , daß er nicht von meinem Falben , sondern von einem der vier apokalyptischen Reiter sprach . Der gelehrte Pfarrer unterwies mich zugleich in der Mathematik und sogar in den Anfängen der Kriegswissenschaft , soweit sie sich aus den bekannten Handbüchern schöpfen läßt ; denn er war in seiner Jugend als Student in Genf mit auf die Wälle und ins Feld gezogen . Es war eine ausgemachte Sache , daß ich mit meinem siebzehnten Jahre in Kriegsdienste zu treten habe ; auch das war für mich keine Frage , unter welchem Feldherrn ich meine ersten Wadenjahre verbringen würde . Der Name des großen Coligny erfüllte damals die ganze Welt . Nicht seine Siege , deren hatte er keinen erfochten , sondern seine Niederlagen , welchen er durch Feldherrnkunst und Charaktergröße den Wert von Siegen zu geben wußte , hatten ihn aus allen lebenden Feldherrn hervorgehoben , wenn man ihm nicht den spanischen Alba an die Seite setzen wollte ; diesen aber haßte ich wie die Hölle . Nicht nur war mein tapferer Vater treu und trotzig zum protestantischen Glauben gestanden , nicht nur hatte mein bibelkundiger Ohm vom Papsttum einen übeln Begriff und meinte es in der Babylonerin der Offenbarung vorgebildet zu sehn , sondern ich selbst fing an mit warmem Herzen Partei zu nehmen . Hatte ich doch schon als Knabe mich in die protestantische Heerschar eingereiht , als es im Jahre 1567 galt die Waffen zu ergreifen , um Genf gegen einen Handstreich Albas zu sichern , der sich aus Italien längs der Schweizergrenze nach den Niederlanden durchwand . Den Jüngling litt es kaum mehr in der Einsamkeit von Chaumont , so hieß der Sitz meines Oheims . Im Jahre 1570 gab das Pazifikationsedikt von St. Germain en Laye den Hugenotten in Frankreich Zutritt zu allen Ämtern und Coligny , nach Paris gerufen , beriet mit dem König , dessen Herz er , wie die Rede ging , vollständig gewonnen hatte , den Plan eines Feldzugs gegen Alba zur Befreiung der Niederlande . Ungeduldig erwartete ich die jahrelang sich verzögernde Kriegserklärung , die mich zu Colignys Scharen rufen sollte ; denn seine Reiterei bestand von jeher aus Deutschen und der Name meines Vaters mußte ihm aus frühern Zeiten bekannt sein . Aber diese Kriegserklärung wollte noch immer nicht kommen und zwei ärgerliche Erlebnisse sollten mir die letzten Tage in der Heimat verbittern . Als ich eines Abends im Mai mit meinem Ohm unter der blühenden Hoflinde das Vesperbrot verzehrte , erschien vor uns in ziemlich kriechender Haltung und schäbiger Kleidung ein Fremder , dessen unruhige Augen und gemeine Züge auf mich einen unangenehmen Eindruck machten . Er empfahl sich der gnädigen Herrschaft als Stallmeister , was in unsern Verhältnissen nichts andres als Reitknecht bedeutete , und schon war ich im Begriff ihn kurz abzuweisen , denn mein Ohm hatte ihm bis jetzt keine Aufmerksamkeit geschenkt , als der Fremdling mir alle seine Kenntnisse und Fertigkeiten herzuzählen begann . » Ich führe die Stoßklinge « , sagte er , » wie wenige und kenne die hohe Fechtschule aus dem Fundament . « – Bei meiner Entfernung von jedem städtischen Fechtboden empfand ich gerade diese Lücke meiner Ausbildung schmerzlich und trotz meiner instinktiven Abneigung gegen den Ankömmling ergriff ich die Gelegenheit ohne Bedenken , zog den Fremden in meine Fechtkammer und gab ihm eine Klinge in die Hand , mit welcher er die meinige so vortrefflich meisterte , daß ich sogleich mit ihm abmachte und ihn in unsre Dienste nahm . Dem Ohm stellte ich vor , wie günstig die Gelegenheit sei , noch im letzten Augenblick vor der Abreise den Schatz meiner ritterlichen Kenntnisse zu bereichern . Von nun an brachte ich mit dem Fremden – er bekannte sich zu böhmischer Abkunft – Abend um Abend oft bis zu später Stunde in der Waffenkammer zu , die ich mit zwei Mauerlampen möglichst erleuchtete . Leicht erlernte ich Stoß , Parade , Finte , und bald führte ich , theoretisch vollkommen fest , die ganze Schule richtig und zur Befriedigung meines Lehrers durch ; dennoch brachte ich diesen in helle Verzweiflung dadurch , daß es mir unmöglich war , eine gewisse angeborene Gelassenheit loszuwerden , welche er Langsamkeit schalt und mit seiner blitzschnell zuckenden Klinge spielend besiegte . Um mir das mangelnde Feuer zu geben , verfiel er auf ein seltsames Mittel . Er nähte sich auf sein Fechtwams ein Herz von rotem Leder , das die Stelle des pochenden anzeigte , und auf welches er im Fechten mit der Linken höhnisch und herausfordernd hinwies . Dazu stieß er mannigfache Kriegsrufe aus , am häufigsten : » Alba hoch ! – Tod den niederländischen Rebellen ! « – oder auch : » Tod dem Ketzer Coligny ! An den Galgen mit ihm ! « – Obwohl mich diese Rufe im Innersten empörten und mir den Menschen noch widerlicher machten , als er mir ohnehin war , gelang es mir nicht mein Tempo zu beschleunigen , da ich schon als pflichtschuldig Lernender ein Maß von Behendigkeit aufgewendet hatte , das sich nun einmal nicht überschreiten ließ . Eines Abends , als der Böhme gerade ein fürchterliches Geschrei anhob , trat mein Oheim besorgt durch die Seitentüre ein , zu sehen was es gäbe , zog sich aber gleich entsetzt zurück , da er meinen Gegner mit dem Ausruf : » Tod den Hugenotten « mir einen derben Stoß mitten auf die Brust versetzen sah , der mich , galt es Ernst , durchbohrt hätte . Am nächsten Morgen , als wir unter unsrer Linde frühstückten , hatte der Ohm etwas auf dem Herzen und ich denke , es war der Wunsch sich des unheimlichen Hausgenossen zu entledigen , als von dem Bieler Stadtboten ein Schreiben mit einem großen Amtssiegel überbracht wurde . Der Ohm öffnete es , runzelte im Lesen die Stirn und reichte es mir mit den Worten : » Da haben wir die Bescherung ! – Lies , Hans , und dann wollen wir beraten , was zu tun sei . « Da stand nun zu lesen , daß ein Böhme , der sich vor einiger Zeit in Stuttgart als Fechtmeister niedergelassen , sein Weib , eine geborne Schwäbin , aus Eifersucht meuchlerisch erstochen ; daß man in Erfahrung gebracht , der Täter habe sich nach der Schweiz geschlagen , ja , daß man ihn , oder jemand der ihm zum Verwechseln gleiche , im Dienste des Herrn zu Chaumont wolle gesehen haben ; daß man diesen , dem in Erinnerung des seligen Schadau , seines Schwagers , der Herzog Christoph sonderlich gewogen sei , dringend ersuche , den Verdächtigen zu verhaften , selbst ein erstes Verhör vorzunehmen und bei bestätigtem Verdachte den Schuldigen an die Grenze liefern zu lassen . Unterzeichnet und besiegelt war das Schreiben von dem herzoglichen Amte in Stuttgart . Während ich das Aktenstück las , blickte ich nachdenkend einmal darüber hinweg nach der Kammer des Böhmen , die sich , im Giebel des Schlosses gelegen , mit dem Auge leicht erreichen ließ , und sah ihn am Fenster beschäftigt eine Klinge zu putzen . Entschlossen den Übeltäter festzunehmen und der Gerechtigkeit zu überliefern , erhob ich doch unwillkürlich das Schreiben in der Weise , daß ihm das große , rote Siegel , wenn er gerade herunter lauerte , sichtbar wurde – seinem Schicksal eine kleine Frist gebend ihn zu retten . Dann erwog ich mit meinem Ohm die Festnehmung und den Transport des Schuldigen ; denn daß er dieses war , daran zweifelten wir beide keinen Augenblick . Hierauf stiegen wir , jeder ein Pistol in der Hand , auf die Kammer des Böhmen . Sie war leer ; aber durch das offene Fenster über die Bäume des Hofes weg – weit in der Ferne , wo sich der Weg um den Hügel wendet , sahn wir einen Reiter galoppieren , und jetzt beim Hinuntersteigen trat uns der Bote von Biel , der das Schreiben überbracht hatte , jammernd entgegen , er suche vergeblich sein Roß , welches er am hintern Hoftor angebunden , während ihm selbst in der Küche ein Trunk gereicht wurde . Zu dieser leidigen Geschichte , die im Lande viel Aufsehn erregte , und im Mund der Leute eine abenteuerliche Gestalt gewann , kam noch ein anderer Unfall , der machte , daß meines Bleibens daheim nicht länger sein konnte . Ich ward auf eine Hochzeit nach Biel geladen , wo ich , da das Städtchen kaum eine Stunde entfernt liegt , manche , wenn auch nur flüchtige Beziehungen hatte . Bei meiner ziemlich abgeschlossenen Lebensweise galt ich für stolz , und mit meinen Gedanken in der nahen Zukunft , die mich , wenn auch in bescheidenster Stellung , in die großen Geschicke der protestantischen Welt verflechten sollte , konnte ich den innern Händeln und dem Stadtklatsch der kleinen Republik Biel kein Interesse abgewinnen . So lächelte mir diese Einladung nicht besonders , und nur das Drängen meines ebenso zurückgezogenen , doch dabei leutseligen Oheims bewog mich , der Einladung Folge zu leisten . Den Frauen gegenüber war ich schüchtern . Von kräftigem Körperbau und ungewöhnlicher Höhe des Wuchses , aber unschönen Gesichtszügen , fühlte ich wohl , wenn ich mir davon auch nicht Rechenschaft gab , daß ich die ganze Summe meines Herzens auf eine Nummer zu setzen habe , und die Gelegenheit dazu , so schwebte mir dunkel vor , mußte sich in der Umgebung meines Helden finden . Auch stand bei mir fest , daß ein volles Glück mit vollem Einsatz , mit dem Einsatz des Lebens wolle gewonnen sein . Unter meinen jugendlichen Bewunderungen nahm neben dem großen Admiral sein jüngerer Bruder Dandelot die erste Stelle ein , dessen weltkundige stolze Brautfahrt meine Einbildungskraft entzündete . Seine Flamme , ein lothringisches Fräulein , hatte er vor den Augen seiner katholischen Todfeinde , der Guisen , aus ihrer Stadt Nancy weggeführt , in festlichem Zuge unter Drommetenschall dem herzoglichen Schlosse vorüberreitend . Etwas Derartiges wünschte ich mir vorbestimmt . Ich machte mich also nüchternen und verdrossenen Herzens nach Biel auf den Weg . Man war höchst zuvorkommend gegen mich und gab mir meinen Platz an der Tafel neben einem liebenswürdigen Mädchen . Wie es schüchternen Menschen zu gehen pflegt , geriet ich , um jedem Verstummen vorzubeugen , in das entgegengesetzte Fahrwasser , und um nicht unhöflich zu erscheinen , machte ich meiner Nachbarin lebhaft den Hof . Uns gegenüber saß der Sohn des Schultheißen , eines vornehmen Spezereihändlers , der an der Spitze der aristokratischen Partei stand ; denn das kleine Biel hatte gleich größeren Republiken seine Aristokraten und Demokraten . Franz Godillard , so hieß der junge Mann , der vielleicht Absichten auf meine Nachbarin haben mochte , verfolgte unser Gespräch , ohne daß ich anfänglich dessen gewahr wurde , mit steigendem Interesse und feindseligen Blicken . Da fragte mich das hübsche Mädchen , wann ich nach Frankreich zu ziehen gedächte . » Sobald der Krieg erklärt ist gegen den Bluthund Alba ! « erwiderte ich eifrig . » Man dürfte von einem solchen Manne in weniger respektwidrigen Ausdrücken reden ! « warf mir Godillard über den Tisch zu . – » Ihr vergeßt wohl « , entgegnete ich , » die mißhandelten Niederländer ! Keinen Respekt ihrem Unterdrücker , und wäre er der größte Feldherr der Welt ! « – » Er hat Rebellen gezüchtigt « , war die Antwort , » und ein heilsames Beispiel auch für unsre Schweiz gegeben . « – » Rebellen ! « schrie ich und stürzte ein Glas feurigen Cortaillod hinunter . » So gut , oder so wenig Rebellen , als die Eidgenossen auf dem Rütli ! « – Godillard nahm eine hochmütige Miene an , zog die Augenbrauen erst mit Wichtigkeit in die Höhe und versetzte dann grinsend : » Untersucht einmal ein gründlicher Gelehrter die Sache , wird es sich vielleicht weisen , daß die aufrührerischen Bauern der Waldstätte gegen Österreich schwer im Unrecht und offener Rebellion schuldig waren . Übrigens gehört das nicht hieher ; ich behaupte nur , daß es einem jungen Menschen ohne Verdienst , ganz abgesehen von jeder politischen Meinung , übel ansteht , einen berühmten Kriegsmann mit Worten zu beschimpfen . « Dieser Hinweis auf die unverschuldete Verzögerung meines Kriegsdienstes empörte mich aufs tiefste , die Galle lief mir über und : » Ein Schurke ! « rief ich aus , » wer den Schurken Alba in Schutz nimmt ! « Jetzt entstand ein sinnloses Getümmel , aus welchem Godillard mit zerschlagenem Kopfe weggetragen wurde und ich mich mit blutender , vom Wurf eines Glases zerschnittener Wange zurückzog . Am Morgen erwachte ich in großer Beschämung , voraussehend , daß ich , ein Verteidiger der evangelischen Wahrheit , in den Ruf eines Trunkenboldes geraten würde . Ohne langes Besinnen packte ich meinen Mantelsack , beurlaubte mich bei dem Oheim , dem ich mein Mißgeschick andeutete , und der nach einigem Hin-und Herreden sich damit einverstanden erklärte , daß ich den Ausbruch des Krieges in Paris erwarten möge , steckte eine Rolle Gold aus dem kleinen Erbe meines Vaters zu mir , bewaffnete mich , sattelte meinen Falben und machte mich auf den Weg nach Frankreich . Drittes Kapitel Drittes Kapitel Ich durchzog ohne nennenswerte Abenteuer die Freigrafschaft und Burgund , erreichte den Lauf der Seine und näherte mich eines Abends den Türmen von Melun , die noch eine kleine Stunde entfernt liegen mochten , über denen aber ein schweres Gewitter hing . Ein Dorf durchreitend , das an der Straße lag , erblickte ich auf der steinernen Hausbank der nicht unansehnlichen Herberge zu den drei Lilien einen jungen Mann , welcher wie ich ein Reisender und ein Kriegsmann zu sein schien , dessen Kleidung und Bewaffnung aber eine Eleganz zeigte , von welcher meine schlichte calvinistische Tracht gewaltig abstach . Da es in meinem Reiseplan lag , vor Nacht Melun zu erreichen , erwiderte ich seinen Gruß nur flüchtig , ritt vorüber und glaubte noch den Ruf : » Gute Reise , Landsmann ! « hinter mir zu vernehmen . Eine Viertelstunde trabte ich beharrlich weiter , während das Gewitter mir schwarz entgegenzog , die Luft unerträglich dumpf wurde und kurze , heiße Windstöße den Staub der Straße in Wirbeln aufjagten . Mein Roß schnaubte . Plötzlich fuhr ein blendender und krachender Blitzstrahl wenige Schritte vor mir in die Erde . Der Falbe stieg , drehte sich und jagte in wilden Sprüngen gegen das Dorf zurück , wo es mir endlich unter strömendem Regen vor dem Tore der Herberge gelang , des geängsteten Tieres Herr zu werden . Der junge Gast erhob sich lächelnd von der durch das Vordach geschützten Steinbank , rief den Stallknecht , war mir beim Abschnallen des Mantelsacks behilflich und sagte : » Laßt es Euch nicht reuen , hier zu nächtigen , Ihr findet vortreffliche Gesellschaft . « » Daran zweifle ich nicht ! « versetzte ich grüßend . – » Ich spreche natürlich nicht von mir « , fuhr er fort , » sondern von einem alten ehrwürdigen Herrn , den die Wirtin Herr Parlamentrat nennt – also ein hoher Würdeträger – und von seiner Tochter oder Nichte , einem ganz unvergleichlichen Fräulein ... Öffnet dem Herrn ein Zimmer ! « Dies sprach er zu dem herantretenden Wirt , » und Ihr , Herr Landsmann , kleidet Euch rasch um und laßt uns nicht warten , denn der Abendtisch ist gedeckt . « – » Ihr nennt mich Landsmann ? « entgegnete ich französisch , wie er mich angeredet hatte . » Woran erkennt Ihr mich als solchen ? « – » An Haupt und Gliedern ! « versetzte er lustig . » Vorerst seid Ihr ein Deutscher , und an Eurem ganzen festen und gesetzten Wesen erkenne ich den Berner . Ich aber bin Euer treuer Verbündeter von Fryburg und nenne mich Wilhelm Boccard . « – Ich folgte dem voranschreitenden Wirte in die Kammer , die er mir anwies , wechselte die Kleider und stieg hinunter in die Gaststube , wo ich erwartet war . Boccard trat auf mich zu , er griff mich bei der Hand und stellte mich einem ergrauten Herrn von feiner Erscheinung und einem schlanken Mädchen im Reitkleide vor mit den Worten : » Mein Kamerad und Landsmann ... « dabei sah er mich fragend an . » Schadau von Bern « , schloß ich die Rede . » Es ist mir höchst angenehm « , erwiderte der alte Herr verbindlich , » mit einem jungen Bürger der berühmten Stadt zusammenzutreffen , der meine Glaubensbrüder in Genf so viel zu danken haben . Ich bin der Parlamentrat Chatillon , dem der Religionsfriede erlaubt , nach seiner Vaterstadt Paris zurückzukehren . « » Chatillon ? « wiederholte ich in ehrfurchtsvoller Verwunderung . » Das ist der Familienname des großen Admirals . « » Ich habe nicht die Ehre mit ihm verwandt zu sein « , versetzte der Parlamentrat » oder wenigstens nur ganz von fern ; aber ich kenne ihn und bin ihm befreundet , soweit es der Unter schied des Standes und des persönlichen Wertes gestattet . Doch setzen wir uns , meine Herrschaften . Die Suppe dampft und der Abend bietet noch Raum genug zum Gespräch . « – Ein Eichentisch mit gewundenen Füßen vereinigte uns an seinen vier Seiten . Oben war dem Fräulein , zu ihrer Rechten und Linken dem Rat und Boccard und mir am untern Ende der Tafel das Gedeck gelegt . Nachdem unter den üblichen Erkundigungen und Reisegesprächen das Mahl beendigt und zu einem bescheidenen Nachtisch das perlende Getränk der benachbarten Champagne aufgetragen war , fing die Rede an zusammenhängender zu fließen . » Ich muß es an euch loben , ihr Herren Schweizer « , begann der Rat , » daß ihr nach kurzen Kämpfen gelernt habt , euch auf kirchlichem Gebiete friedlich zu vertragen . Das ist ein Zeichen von billigem Sinn und gesundem Gemüt und mein unglückliches Vaterland konnte sich an euch ein Beispiel nehmen . – Werden wir denn nie lernen , daß sich die Gewissen nicht meistern lassen , und daß ein Protestant sein Vaterland so glühend lieben , so mutig verteidigen und seinen Gesetzen so gehorsam sein kann als ein Katholik ! « » Ihr spendet uns zu reichliches Lob ! « warf Boccard ein . » Freilich vertragen wir Katholiken und Protestanten uns im Staate leidlich ; aber die Geselligkeit ist durch die Glaubensspaltung völlig verdorben . In früherer Zeit waren wir von Fryburg mit denen von Bern vielfach verschwägert . Das hat nun aufgehört und langjährige Bande sind zerschnitten . Auf der Reise « , fuhr er scherzend zu mir gewendet fort , » sind wir uns noch zuweilen behilflich ; aber zu Hause grüßen wir uns kaum . Laßt mich Euch erzählen : Als ich auf Urlaub in Fryburg war – ich diene unter den Schweizern seiner allerchristlichsten Majestät – , wurde , gerade die Milchmesse auf den Plaffeyer Alpen gefeiert , wo mein Vater begütert ist und auch die Kirchberge von Bern ein Weidrecht besitzen . Das war ein trübseliges Fest . Der Kirchberg hatte seine Töchter , vier stattliche Bernerinnen , mitgebracht , die ich , als wir Kinder waren , auf der Alp alljährlich im Tanze schwenkte . Könnt Ihr glauben , daß nach beendigtem Ehrentanze die Mädchen mitten unter den läutenden Kühen ein theologisches Gespräch begannen und mich , der ich mich nie viel um diese Dinge bekümmert habe , einen Götzendiener und Christenverfolger schalten , weil ich auf den Schlachtfeldern von Jarnac und Moncontour gegen die Hugenotten meine Pflicht getan ? « » Religionsgespräche « , begütigte der Rat , » liegen jetzt eben in der Luft ; aber warum sollte man sie nicht mit gegenseitiger Achtung führen und in versöhnlichem Geiste sich verständigen können ? So bin ich versichert , Herr Boccard , daß Ihr mich wegen meines evangelischen Glaubens nicht zum Scheiterhaufen verdammt , und daß Ihr nicht der letzte seid , die Grausamkeit zu verwerfen , mit der die Calvinisten in meinem armen Vaterlande lange Zeit behandelt worden sind . « » Seid davon überzeugt ! « erwiderte Boccard . » Nur dürft Ihr nicht vergessen , daß man das Alte und Hergebrachte in Staat und Kirche nicht grausam nennen darf , wenn es sein Dasein mit allen Mitteln verteidigt . Was übrigens die Grausamkeiten betrifft , so weiß ich keine grausamere Religion als den Calvinismus . « » Ihr denkt an Servet ? « – sagte der Rat mit leiser Stimme , während sich sein Antlitz trübte . » Ich dachte nicht an menschliche Strafgerichte « , versetzte Boccard , » sondern an die göttliche Gerechtigkeit , wie sie der finstere neue Glaube verunstaltet . Wie gesagt , ich verstehe nichts von der Theologie , aber mein Ohm , der Chorherr in Fryburg , ein glaubwürdiger und gelehrter Mann , hat mich versichert , es sei ein calvinistischer Satz , daß eh es Gutes oder Böses getan hat , das Kind schon in der Wiege zur ewigen Seligkeit bestimmt , oder der Hölle verfallen sei . Das ist zu schrecklich , um wahr zu sein ! « » Und doch ist es wahr « , sagte ich , des Unterrichts meines Pfarrers mich erinnernd , » schrecklich oder nicht , es ist logisch ! « » Logisch ? « fragte Boccard . » Was ist logisch ? « » Was sich nicht selbst widerspricht « , ließ sich der Rat vernehmen , den mein Eifer zu belustigen schien . » Die Gottheit ist allwissend und allmächtig « , fuhr ich mit Siegesgewißheit fort , » was sie voraussieht und nicht hindert ist ihr Wille , demnach ist allerdings unser Schicksal schon in der Wiege entschieden . « » Ich würde Euch das gern umstoßen « , sagte Boccard , » wenn ich mich jetzt nur auf das Argument meines Oheims besinnen könnte ! Denn er hatte ein treffliches Argument dagegen ... « » Ihr tätet mir einen Gefallen « , meinte der Rat , » wenn es Euch gelänge ,