Conrad Ferdinand Meyer Angela Borgia 1. Kapitel Erstes Kapitel Als die Angetraute des Erben von Ferrara , welche die Tochter des Papstes und Donna Lucrezia genannt war , von ihrem Gatten , Don Alfonso von Este , im Triumph nach ihrer neuen Residenz geholt wurde , ritt sie , während er den glänzenden Zug anführte , in der Mitte desselben auf einem schneeweißen Zelter unter einem purpurnen Thronhimmel , den ihr die Professoren der Universität zu Häupten hielten . Die würdigen Männer schritten feierlich je vier an einer Seite des Baldachins , neben welchen andere acht gingen , um sie an den vergoldeten Stangen abzulösen und ihrerseits des Dienstes und der Ehre teilhaftig zu werden . Hin und wieder erhob der eine und der andere den sinnenden Blick auf die zart gefärbte , lichte Erscheinung im wehenden Goldhaar . Der Professor der Naturgeschichte erforschte und bedachte die seltene Farbe ihrer hellen Augen und fand sie unbestimmbar , während der Professor der Moralwissenschaften , ein Greis mit unbestechlichen Falten , sich ernstlich fragte , ob auf dem unheimlichen , mit Schlangen gefüllten Hintergrunde einer solchen Vergangenheit ein so frohes und sorgenloses Geschöpf eine menschliche Möglichkeit wäre , oder ob Donna Lucrezia nicht eher ein unbekannten Gesetzen gehorchendes dämonisches Zwitterding sei . Der dritte , ein Mathematiker und Astrolog , hielt die Fürstin für ein natürliches Weib , das nur , durch maßlose Verhältnisse und den Einfluß seltsamer Konstellationen aus der Bahn getrieben , unter veränderten Sternen und in neuer Umgebung den Lauf gewöhnlicher Weiblichkeit einhalten werde . Der vierte , ein Jüngling mit krausem Haar und kühnen Zügen , verzehrte die ganze schwebende Gestalt vom Nacken bis zur Ferse mit der Flamme seines Blickes . Das war Herkules Strozzi , Professor der Rechte , und trotz seiner Jugend zugleich der oberste Richter in Ferrara . Wäre es nicht seine Fürstin gewesen , er hätte sie als florentinischer Republikaner vor sein Tribunal geschleppt , aber gerade dieser strahlende rechtlose Triumph über Gesetz und Sitte nach so schmählichen Taten und Leiden riß ihn zu bewunderndem Erstaunen hin . Unangefochten von diesem Gedankengefolge , aber es leicht erratend , klar und klug , wie sie war , verbreitete die junge Triumphatorin Licht und Glück über den Festzug mit ihrem Lächeln . Doch auch sie hing unter ihrer lieblichen Maske ernsten Betrachtungen nach , denn sie erwog die Entscheidung dieser sie nach Ferrara führenden Stunde , welche die Brücke zwischen ihr und ihrer gräßlichen Vergangenheit zerstörte . Diese würde noch hinter ihr drohen und die Furienhaare schütteln , aber durfte nicht nach ihr greifen , wenn sie selbst sich nicht schaudernd umwandte und zurücksah , und solche Kraft traute sie sich zu . Eine zarte Pflanze , aufwachsend in einem Treibhause der Sünde , eine feine Gestalt in den schamlosen Sälen des Vatikans , den ersten Gatten durch Meineid abschüttelnd , einen anderen von ihrer Brust weg in das Schwert des furchtbaren und geliebteren Bruders treibend , hatte Lucrezia Mühe gehabt , in den Kreuzgängen der Klöster , wohin sie sich mitunter nach der Sitte zu mechanischer Buße zurückzog , die einfachsten sittlichen Begriffe wie die Laute einer fremden Sprache sich anzulernen ; denn sie waren ihrer Seele fremd . Höchstens geschah es , daß ihr einmal ein Buße predigender Mönch , den dann der Heilige Vater zur Strafe in den Tiber werfen ließ , eine plötzliche Röte in die Wangen oder einen Schauder ins Gebein jagte . Mit der von ihrem unglaublichen Vater ererbten Verjüngungsgabe erhob sie sich jeden Morgen als eine Neue vom Lager , wie nach einem Bade völligen Vergessens . Dergestalt verwand sie ohne Mühe , was eine gerechte Seele mit den schwersten Bußen zu sühnen für unmöglich erachtet , was sie zur Selbstvernichtung getrieben hätte . Und wenn sie nach einer unerhörten Tat verfolgende Stimmen und Tritte der Geisterwelt hinter sich vernahm , so verschloß sie die Ohren und gewann den Geistern den Vorsprung ab auf ihren jungen Füßen . Nur ihr Verstand , und der war groß , überzeugte sie durch die Vergleichung der römischen Dinge mit den Begriffen der ganzen übrigen , der lebenden und der vergangenen Welt , oder durch ein irgendwo gehörtes männliches Urteil , oder durch das von ihr wahrgenommene Erschrecken eines Unschuldigen bei ihrem Anblick – ihr Verstand allein überführte sie nach und nach von der nicht empfundenen Verdammnis ihres Daseins , aber allmählich so gründlich und unwidersprechlich , daß sie mit Sehnsucht , und jeden Tag sehnlicher , ein neues zu beginnen und Rom wie einen bösen Traum hinter sich zu lassen verlangte . Ihr Begehren , dessen Heftigkeit sie verbarg , erfüllte ihr dritter Gemahl , der Erbe von Ferrara . Beim Anblick dieser ruhigen , geschlossenen Miene hatte sie sich gesagt : Jetzt ist es erreicht . Mit diesem bin ich gerettet . Sicherlich kennt er meine Vergangenheit und täuscht sich darüber , so reizend ich bin , keinen Augenblick . Es kostet ihn Überwindung , mit mir den Ring zu wechseln bei dem Geschrei , in dem ich stehe , und bei seiner bürgerlichen Ehrsamkeit ; wenn er sich nun aber entschlossen hat , mich zum Weibe zu nehmen zur Wohlfahrt seines Staates und , um mit vollen Händen aus dem Schatze des heiligen Petrus zu schöpfen – aus welchem Grunde es sei , so wird der Mann , wie er ist , einen mutigen Strich durch meine Vergangenheit ziehen und mir dieselbe niemals vor halten , fall ich nicht in neue Schuld ... davor aber werde ich mich wahren . Und er wird meine Gaben kennenlernen , meine Regentenkunst bewundern – Donna Lucrezia hatte schon Fürstentümer und während der Abwesenheit des Vaters selbst die apostolische Kirche verwaltet – meine unverwirrbare Geistesgegenwart , meine Billigkeit , meine Leutseligkeit ... Niemals werde ich ihm den Schatten eines Anlasses geben , Treue oder Gehorsam seines Weibes zu beargwöhnen ... wenn nicht , außer wenn – – eine Furche senkte sich zwischen die fröhlichen Brauen , und sie schauderte – – außer wenn der Vater befiehlt ; aber der sitzt in Rom – oder der Bruder ruft ; aber der liegt in seinem spanischen Kerker . Sie lächelte das Volk an , um die Schmach ihrer Abhängigkeit tief zu verstecken , kraft deren sie mit Vater und Bruder zu einer höllischen Figur verbunden war . Dann nahm sie ihre ganze Kraft zusammen , und mit einem kräftigen Ruck entschlug sie sich der Sache . In diesem Augenblick hielt der Zug vor einem Kastell , von dessen ausdrucksvoller Mauerkrone ein Seiltänzer herabschwebte . Sie sah das Kunststück an und sagte : » Du gleitest und stürzest nicht , und ich ebensowenig . « Es war ein Amor , der unten vom Seile sprang , vor ihr das Knie bog und ihr einen Myrtenkranz bot mit den huldigenden Worten : » Der keuschen Lucrezia ! « Unter dem Jubel der Menge krönte sie sich und ergab sich ganz der Lust des Augenblickes . Jetzt fuhren Blitze aus der Brüstung des runden Turmes , der sich donnernd in Rauch hüllte . Don Alfonso war ein leidenschaftlicher Liebhaber von Geschütz – ganz Kanone – und konnte sich zur Zeit und zur Unzeit des Pulverknalls nicht ersättigen . Dem Zelter Donna Lucrezias dagegen zerriß der gewaltsame Ton das feine Ohr . Er stieg , und die Fürstin glitt sanft aus dem Sattel in die Arme der Professoren , während dicht hinter ihr ein herrliches Mädchen mit krausem Haar und leuchtenden Augen ihren erschreckten Rappen ohne Zagen bändigte und beruhigte . Neben ihr klemmte ein hagerer Kavalier mit eisernen Schenkeln die Seiten seines Pferdes . Diese höhnische Larve gehörte Don Ferrante , der bei der Vermählung in Rom Don Alfonso , seinen Bruder , vertreten hatte , und den die Ferraresen kurzweg den Menschenfeind hießen . Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht , seiner heutigen Reisegefährtin Ferrara und das Fürstenhaus , dem er selbst angehörte , auf seine Weise zu beleuchten und auf jede zu verleiden . Die sichere Reiterin aber war Angela Borgia , eine nahe Verwandte der Fürstin und ihr Fräulein , das sie nach Ferrara begleitete und hinter der Berückenden bescheiden die Bühne der Welt betrat . Und dieses Theater entfaltete sich heute in ungewöhnlicher Pracht : Strahlender Himmel , glänzende Trachten , öffentlicher Jubel , der festliche Verkehr der Begünstigten und Glücklichen dieser Erde , berauschende Musik , stolzierende Rosse , reizende Frauen , verliebte Jünglinge , schmeichelnde Huldigungen , klopfende Pulse , die Welt , wie sie sich schmückt und lächelnd im Spiegel besieht , alle diese Lust und Fülle lag vor ihr ausgebreitet und wurde ihr vergällt durch den spottenden Teufel an ihrer Seite . » Seht , junge Herrin « , so höhnte er jetzt , » wie anmutig Donna Lucrezia fällt und wie sie von den Tugenden und Wissenschaften « , er wies auf die Professoren , » feierlich wieder zu Rosse gehoben wird . Ich halte es mit dem Gaukler und preise ihre Keuschheit . Nur stand sie in der Familie vereinzelt und litt unter dem Zwange des Vaters und Bruders . Darum ergriff sie die Hand Don Alfonsos , um hier « , er zeigte die nahen Türme und Kuppeln Ferraras , » einen passenderen Umgang zu finden ; aber Donna Lucrezia irrt . Ohne uns mit Seiner Heiligkeit oder dem erlauchten Don Cesare messen zu wollen , sind wir Söhne des Herzogs , und er selbst doch in unserer Art ein ruchloses Geschlecht , natürlich jeder von uns nach seinen Kräften und nach seinem Maße , soweit es für Laien tunlich ist . Ihr erstaunt , daß ich hier im Zuge des Herzogs so ungebunden rede ! Aber seht , Fräulein , es ist meine Charaktermaske , öffentlich zu schmähen und zu lästern , die mir der Herzog mein Vater erlaubt und zugesteht , insofern ich mich enthalte , mich insgeheim gegen ihn zu verschwören , eine Untugend , die von alters her im Blute der Familie versteckt ist . Und wisset , tapferes Mädchen , damit habet Ihr mich gleich für Euch gewonnen , daß Ihr nicht fade seid , sondern , wie ich , der Wahrheit Zeugnis gebt , ohne Menschenfurcht – wenn es sein muß , auf offenem Markte . Die anderen , die da hinter uns « , er wies verächtlich auf die folgenden Paare des Hofstaates , » was sind sie ? Geputztes Gesindel , Schelme und Dirnen ! Heuchler und Bübinnen ! Nicht wert , daß sie die Sonne bescheint – mit Ausnahme selbstverständlich der hundert Maultiere , die den Brautschatz Donna Lucrezias tragen . Das sind redliche und verdiente Geschöpfe . Aber Mühe hat es uns gekostet , mich und den Bruder Kardinal , diesen Brautschatz dem Heiligen Vater und der Kirche unter den Krallen hervorzuziehen ! Doch ich sagte : Entweder – oder ! wie mich der Herzog , mein Vater , beauftragt hatte . Leichter gelang es uns , die Heiligkeit mit dem von unserem Vater Herkules der Braut zugestandenen Wittum hinter das Licht zu führen . « Don Ferrante kicherte . » Wir schwatzten nämlich dem Heiligen Vater unsere berühmten flavianischen Güter auf , die zwar von unserem ferraresischen Fiskus verwaltet , aber ihm von dem Grafen Contrario gerichtlich bestritten werden . Ihr wißt , von dem liebenswürdigen Grafen Contrario , dem zähesten Widersprecher und Rechthaber in ganz Italien ! Und das war es eigentlich , was den Herzog Herkules , unsern sparsamen Vater , an dieser Heirat am meisten erfreut hat . So wurde alles nach Gerechtigkeit geordnet ! Und mit welcher Wollust schrieb ich nach der Vermählung die Depesche für den harrenden Kurier : Mitgift zugestanden . Heiligkeit überlistet . Donna Lucrezia getraut und gar nicht unheimlich . Das wollte sagen : diesmal trägt sie kein weißes Pülverchen in der Tasche . Und wirklich , ich glaube , Bruder Alfonso darf heute abend ohne Gefährde sein Haupt mit diesem Goldhaar « , er wies mit dem Spitzbart unter den Thronhimmel , » auf dasselbe Kissen legen . « Diese Anspielung auf die Giftmischereien der Borgia preßte dem Mädchen eine Träne aus , die sie zornig von der langen Wimper schüttelte . » Eure Zunge meuchelt , Don Ferrante ! « sagte sie . Angela Borgia stammte aus einer Seitenlinie des berühmten spanischen Geschlechtes und wurde , nachdem sie , wie viele Kinder ihrer Zeit , frühe auf tragische Weise beide Eltern verloren hatte , mit anderm weiblichen Edelblut in einem Kloster des Kirchenstaates eher aufgenährt als erzogen . Als beschützte Verwandte des Papstes erfreute sie sich der Bevorzugung der Nonnen und der Führerschaft unter den Gespielinnen . Es bestand damals eine seltsame , von den grellsten Widersprüchen gepeitschte Welt , die selbst einem italienischen Mädchen , das sonst alles , was Wirklichkeit besitzt , unbefangen angreift und durchlebt , ernstlich bange machen und Kopf und Herz verwirren konnte . Der jungen Angela wurde in Bild und Predigt eine sittliche Schönheit und Vollkommenheit vorgehalten , deren irdischer Vertreter , der Greis , auf welchem , wie der gleichzeitige Sultan sich ausdrückt , das Christentum beruhte , milde gesagt , ein entsetzlicher Taugenichts war , über dessen Ruchlosigkeiten die Schwestern weinten und die schlimmsten ihrer Gespielinnen insgeheim sich lustig machten . Angela aber erschrak und brachte es nicht über sich , das Leben als einen Widerspruch zu verspotten . Sie begann nun , sich schwere Bußen und Geißelungen aufzuerlegen zugunsten ihres Verwandten , des Heiligen Vaters , und ihrer Base Lucrezia , von welcher im Kloster gleichfalls mit geheimen Seitenblicken des Abscheus geredet wurde . Von diesen Peinigungen brachten sie die verständigen Schwestern indessen bald zurück , indem sie ihr vorhielten , alle ihre Anstrengungen wären einem solchen Unmaß der Sünde gegenüber gänzlich unzureichend und vergeblich . Dafür entwickelte sich in Angela gegen die herrschende Nichtswürdigkeit ein Bedürfnis verzweifelter Gegenwehr und , mit einem zarten Flaum auf den Wangen und dem Feuer ihrer Augen , eine gewisse ritterliche Tapferkeit , nicht nach dem duldenden Vorbilde ihrer weiblichen Heiligen , sondern mehr nach dem kühnen Beispiel der geharnischten Jungfrauen , die in der damaligen Dichtung umherschweiften , jener untadeligen Prinzessinnen , die sich der Schwächen ihres Geschlechtes schämten und welche zu handeln und sich zu verteidigen wußten , ohne dabei die Grazien zu beleidigen . So erwuchs Angela kraft einer edeln Natur zu einem widerstandsfähigen und selbstbewußten Mädchen , zu dem , was das Jahrhundert in lobendem Sinne eine Virago nannte . Nun begab es sich an einem Sommertage , daß aus dem Dunkel des Eichwaldes , der den Fuß des das Kloster tragenden apeninischen Felsens umnachtete , auf weißem Zelter eine helle Waldfee mit ihren Gespielen , oder vielleicht Göttin Diana mit ihrem Jagdgefolge , oder gar die erlauchte Donna Lucrezia mit ihren Frauen emporstieg und an die Pforte klopfte . Wirklich , es war diese . Sie wurde von der Äbtissin empfangen , der sie die Hand küßte und von welcher sie gesegnet wurde . Dann ließ sie sich die Nonnen und die Klosterzöglinge vorstellen und richtete an jede holdselig das ihr nach Rang und Stand gebührende Wort mit einer wohllautenden Stimme , die noch lange nachklang , nachdem sie gesprochen hatte . Zuletzt nahm sie Angela beiseite , und , Hand in Hand mit ihr durch einen Lorbeergang des Gartens auf und nieder wandelnd , sagte sie ihr fröhlich , daß sie die Verlobte des Thronerben von Este sei , und daß sie Angela als ihre Verwandte und ihr Hoffräulein nach Ferrara mitnehmen werde . » Base « , lächelte sie , » ich will dein Glück machen . Du gefällst mir , und ich behalte dich , bis ich dich vermähle . « Ebenso vetterlich wohlwollend begrüßte sie im Vatikan , den sie mit geheimem Grauen betrat , Lucrezias furchtbarer Bruder , ein Jüngling von vornehmer Erscheinung und grün schillerndem Blick . Unbefangen mit der Base tändelnd , sagte er : » Ich werde euch beide nicht nach Ferrara begleiten , die Geschäfte verbieten es ; doch möchte ich euch Don Giulio empfehlen , den ihr dort finden werdet , einen jüngern Bruder Don Alfonsos . Er ist ein bescheidener , aber hochbegabter Jüngling , nur daß er den Sinnen noch zuviel einräumt . Er wäre es aber wert , und ich möchte es ihm gönnen , daß er sich durch eine edle Frau fesseln ließe . « Und jetzt ritt Angela hinter Madonna Lucrezia , und wiederholte Kanonenschläge verkündigten die Nähe des Tores . Don Ferrante mußte sich beeilen , wenn er noch vor dem Betreten der Stadt die Brüder in der Meinung seiner jungen Begleiterin völlig entwurzeln wollte ; er ging aber rüstig ans Werk . » Mich wundert « , sagte er , » wie Donna Lucrezia , der die öffentliche Stimme oder doch die Einbildungskraft der Männer etwas Außerordentliches und Geflügeltes verleiht , mit meinem Bruder , ihrem künftigen Eheherrn , dem Gewöhnlichsten aller Sterblichen , der von früh bis spät an Essen und Ofen Geschütz gießt , wird haushalten können ! Venus neben dem rußigen Vulkan . Doch es mag gehen , so gut es dort ging . Sie wird seine herrlichen Fayencemalereien bewundern und ihn damit glücklich machen . Aber sie hüte sich « , fuhr er fort , und seine höhnende Stimme wurde drohend , » sie hüte sich ! Don Alfonso ist der Rachsüchtigste unter uns , nur daß er seine Stunde abwartet und seine Rache das Recht heißt . Doch nein , ich tue dem Bruder Kardinal unrecht . Seine Rache ist die grausamste , da er der größere Geist ist und als der uns allen Unentbehrliche keinen Prätor zu fürchten hat . Er ist der Diplomat unseres Hauses ; die Fäden unsrer Politik laufen alle durch seine gelenken Finger , und er kennt unsere schlimmsten Geheimnisse . Fürchtet diesen Geier , junges Mädchen ! « Ebendieser Kardinal Ippolito , der Staatsmann , die hagere Gestalt im Purpur , die gleichfalls zur Freite nach Rom gekommen und jetzt noch dort war , um mit dem Papste die Übergabe der Ländermitgift zu regeln , hatte sich viel und herablassend mit Angela beschäftigt , sie ermutigend , Ferrara mit ihrer Gegenwart zu verschönern . Eine bange Angst bemächtigte sich Angelas . Sonne , Staub und Lärm , die vergiftenden Reden Don Ferrantes , das vor ihr aufsteigende hagere Bild des Kardinals ! Ein Gefühl der Verlorenheit und Hilflosigkeit brachte das kräftige Mädchen einer Ohnmacht nahe – es entfuhr ihr ein leiser Schrei . Da wandte sich die vor ihr schwebende Donna Lucrezia rasch nach ihr um , ein bleicher Blitz schoß aus ihren bläulichen Augen , und sie rief : » Womit ängstigt er dich , Angela ? Wisset , Don Ferrante , und präget Euch ein : wer Angela zu nahe tritt , der tritt mir zu nahe . Und Lucrezia Borgia wollet Ihr nicht zur Gegnerin haben ! « Das wollte Don Ferrante von ferne nicht . Er lächelte liebenswürdig . » Keine Rede davon , erlauchte Frau ! Ich tue mein mögliches , Donna Angela angenehm zu unterhalten und unserm Hause ihre Gunst zu erwerben . « » Was beschreib ich Euch noch Schönes , junge Herrin ? « fuhr er fort , nachdem sich die Fürstin wieder abgewendet hatte . » Die unvergleichlichen und verbrecherischen Augen meines Bruders Don Giulio ! Ihr kennet ihn ? « fragte er , da er eine Bewegung auf ihrem Gesichte sah . » Wohl nur seinem Rufe nach ! Denn der ist groß . Über ein kurzes aber wird er persönlich vor Euch stehen , wenn Ihr seinen Kerker öffnet , Donna Lucrezia und Ihr . « » Seinen Kerker öffnen ? « fragte sie erstaunt . » Gewiß ! Und den aller Missetäter « , erklärte ihr Don Ferrante lustig . » Donna Lucrezia wird durch ihr Erscheinen die Verbrecher unschuldig machen . Solches ist in Ferrara Herkommen bei jeder fürstlichen Vermählung und durchaus keine Allegorie . Es sind wirkliche Verbrecher , und sie werden auch tatsächlich freigelassen , so daß wir während der Feste wohl daran tun werden , unsern Schmuck festzuhalten und nachts nicht ohne Fackeln und Bewaffnete auszugehen . « » Was hat denn Don Giulio verbrochen ? « fragte sie . » Oh , nichts ! Er hat mit seinen Augen ein Weib bezaubert und ihrem Manne den Degen durch die Brust gerannt . « » Schmachvoll ! « » Er ist ein ungezogener Knabe ! In den Weingarten des Lebens eingebrochen , reißt er , statt sich ordentlich eine Traube zu pflücken , deren , so viele er mit beiden Händen erreichen kann , vom Geländer , zerquetscht vor Gier die süßen Beeren und besudelt sich mit dem roten Safte Brust und Antlitz . « Und mit diesem freveln Jüngling hatte sie Don Cesares Gedanke zusammengestellt ! Wieder donnerten die Stücke . Beim Schalle der Zimbeln und Pauken ging es durch das Tor . Die Professoren beschleunigten den Schritt und bald langte Lucrezias Triumphzug vor dem Schlosse an , unter dessen schwerem Bau die Kerker lagen . Der herantretende alte Herzog hob die Fürstin vom Pferde und schritt mit den Neuvermählten und Angela die Stufen hinunter nach der tiefen Pforte . Dort stand der Kerkermeister und überreichte Donna Lucrezia auf einem Samtkissen einen gewaltigen verrosteten Schlüssel . Sie ergriff ihn , und die Tür , kaum von ihm berührt , drehte sich in den Angeln und sprang wie durch Zauber weit auf . Jetzt brach die Schar der Gefangenen hervor , Lucrezia zu Füßen stürzend und ihr die Hände küssend . Alle hatten sie sich zuvor gereinigt , und ihre leidenschaftliche Dankgebärde ermangelte nicht des Anstandes . Doch gab es unter ihnen erbarmenswürdige Jammergestalten und abschreckende Verbrechermienen . Zuletzt , nachdem der Kerker sich seines ekeln Inhalts entleert hatte , stieg noch ein Jüngling von edelster Bildung mit gekreuzten Armen die dunkeln Stufen empor . Ans Tageslicht tretend , erhob er die Hände , als ob er die Sonne begrüße ; dann beschirmte er mit ihnen die Augen , als blende ihn der scharfe Strahl oder die Schönheit der oben stehenden beiden Frauen . Ein Knie vor Donna Lucrezia beugend , bedankte er sich bei ihr mit den Worten : » Erlauchte Frau und Schwägerin , ich begrüße in Euch die Barmherzigkeit , die jedes weibliche Herz bewohnt , und die fürstliche Gnade , vor welcher die Fesseln fallen . « Mit diesen und noch schöneren Reden huldigte er der neuvermählten Fürstin , dann richteten sich seine Augen , die wirklich in ihrer tiefen Bläue unter dem edeln Zuge der dunkeln Brauen von seltenem Zauber waren , auf die jüngere Borgia und er erstaunte aufrichtig über die strenge Haltung des kaum erwachsenen Mädchens . » Doch , rettende Fürstin « , fuhr er fort , » wen bringt Ihr in Euerm Gefolge ? Ist es die Göttin der Gerechtigkeit , besänftigt durch die Göttin der Huld ? « Angela war schon von der Reise und durch die Bosheiten Don Ferrantes aufgeregt ; jetzt empörte sie das Gaukelspiel der Begnadigung des Sünders durch die Sünderin und der Flitter der Phrase . Wie sie nun gar in den Born dieser wunderbaren Augen blickte , wurde sie von Zorn und Jammer aufs tiefste erschüttert . Ihre innerste , starke Natur überwältigte sie , und jede Verschleierung abwerfend , trat ihr Wesen unverhüllt hervor . Ihre redlichen Augen richteten sich auf die seinigen , und es bewegte sich etwas Undeutliches auf ihren ausdrucksvollen Lippen . » Was meint die Herrin ? « fragte Don Giulio . Da brach es hervor . Angela sprach deutlich vor den hundert und hundert Zeugen , und ihre Stimme klang über den Platz : » Schade , jammerschade um Euch , Don Giulio ! Fürchtet Gottes Gericht ! « – Ein großes Schweigen entstand . Und noch einmal erscholl die Stimme des Mädchens über Don Giulio : » Schade um Euch ! « – Seltsam ! Die Ferraresen teilten vollständig Angelas Gefühl und Urteil über das verwerfliche und gefährliche Treiben des Fürstensohnes , das Bedauern seiner Entwertung und ihr Leid um ihn , den sie liebten um seiner Schönheit und Anmut willen . Rings erhob sich ein Gemurmel und Echo : » Schade ! Sie hat recht ! Es ist wahr ! Schade um ihn ! « Donna Lucrezia aber ergriff die Hand Angelas , wie die ältere Schwester die einer jüngeren , welche sich etwas Unziemliches hat zuschulden kommen lassen . » Wie kannst du dich so vergessen ? « sagte sie und führte die Bewegte hinweg , die vor Scham und Aufregung in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrach , worüber auch der bisher gelassen gebliebene Don Giulio die Haltung verlor . 2. Kapitel Zweites Kapitel Da , wo der weite Park von Belriguardo in die ferraresische Ebene ohne Grenzmauer verläuft , saßen auf einer letzten verlorenen Bank im Schatten einer immergrünen Eiche zwei , die , aus Haltung und Miene zu schließen , voneinander Abschied nahmen . Bald legte der junge , in die schwarze Tracht von Venedig gekleidete Mann die Hand beteuernd auf das Herz , bald betrachtete er die still in sich versunkene Gestalt Lucrezias , wie um sie sich auf ewig einzuprägen . » So gehet Ihr denn , Bembo « , sagte sie , » und ich halte Euch nicht , da Ihr damit erfüllet , um was ich Euch bat , ohne es auszusprechen . Ihr geht , und wie lange wird es dauern , bis Ihr mich vergesset ! « » Donna Lucrezia « , erwiderte der Venezianer bewegt , » wie lange ich Euer gedenken und Euch lieben werde , wahrlich , das ist mir verborgen , denn ich kenne nicht meine Todesstunde . « Er sagte es mit so trauriger Zärtlichkeit in der Stimme , daß die Herzogin gerührt erwiderte : » Um mein Andenken in Euch zu erhalten , sollt Ihr etwas von mir mit Euch nehmen , mein Freund « , und sie winkte eine schlanke , dunkle Mädchengestalt heran , die am Waldsaum auf und nieder schritt , wohl um die Herrin vor sich selber zu hüten , oder um das Nahen eines unwillkommenen Zeugen zu verraten . » Setze dich neben mich , Angela « , sagte sie , » und schneide mir eine Locke vom Haupt ! « Sie öffnete ihr Gurttäschchen , zog daraus ein kleines scharfes Messer mit goldenem Griff hervor und bot es Angela , die , den Befehl ausführend , ihr vom Überflusse eine flutende Locke raubte . Die Fürstin suchte nach einer Hülle , um den Ringel hineinzulegen , fand aber nichts , als in derselben Gurttasche eine in Gold und gepreßtes Leder gebundene Ausgabe der sieben Bußpsalmen , ein beliebtes Handbüchlein der damaligen Hofwelt . Unbefangen legte sie ihre Locke hinein und reichte Bembo das Liebespfand . Dieser drückte es an die Brust , dann an den Mund und dankte für den süßen Kern in der herben Schale mit einer seelenvollen Miene , durch welche sich ein ganz leises , ironisches Lächeln schlich . » Schreibt mir « , sagte sie dann , » durch sichere Gelegenheit , jedesmal , wenn Ihr ahnet , daß mir Gefahr droht und ich Eures Rates bedarf . Bleibet um mich , auch in der Ferne ! Ich weiß , Ihr verlasset mich nicht , nachdem Ihr mir geholfen habt , den Bau meines neuen Glückes in Ferrara aufzurichten . « » Es war eine Freude « , erwiderte Bembo , » Eure klugen Hände bauen zu sehen . Euer Werk ist untadelig und schwer zu erschüttern . Ich frage mich noch mit schmerzlichem Zweifel : Fordert Eure Sicherheit von mir das Opfer , daß ich Ferrara meide und mich Eurer Gegenwart beraube , die wie eine goldige Luft das ganze Dasein erhellt und verklärt ? « » Das habe ich vom Vater « , sagte sie harmlos . Der feine Venezianer zog die Brauen zusammen . » Die Bande Eures Blutes und der Dämon Eures Hauses sind Eure Gefahr « , seufzte er . » Und darum verlasse ich Euch ungern . Dennoch ist es besser , ich gehe . Eure Sicherheit , Madonna , ruht auf dem Vertrauen , das Don Alfonso Euch schenkt . Unsere geistige Liebe würde er kaum beargwöhnen , sachlich , wie er ist ; und doch ist es besser ... wer liebt , der opfert sich . « » Es ist besser « , bestätigte sie leise . » Erlaubt mir nun zum Abschied , geliebte Frau , ein freies und schützendes Wort ! « bat er . » Die Verhältnisse liegen vor Euch im Licht Eures scharfen Verstandes , aber dieser helle Tag reicht nur bis an den Schattenkreis , wo Eure Liebe zu Vater und Bruder beginnt . « Hier entfärbte sich Lucrezia , und ihr bleiches Auge erstarrte zu einem Medusenblick . » Zürnet nicht , Madonna « , rief Bembo . » Weiß ich doch , wie Ihr als unschuldiges Kind in diese schwere Verstrickung gerietet ! Reden muß ich zu Euerm Heil . Erinnert Euch : Jahre waren vergangen seit Euerm Einzug , Euer Gemahl war regierender Herzog geworden , Ihr hattet Wurzeln geschlagen in Ferrara und die Liebe des Volkes gewonnen ; da starb Euch der Vater . Ihr aber ergabet Euch maßloser Trauer und unendlichen Tränen , bis ich kam und Euch ins Ohr flüsterte : Ihr beleidigt mit Euern Tränenergüssen Don Alfonso und vergesset die unleidlichen Dinge , denen er Euch entriß . « Lucrezia hörte ihm aufmerksam zu , und ihr Verstand mußte ihm gegen ihr leidenschaftliches Gefühl recht geben . » Wenn dergestalt Euer Urteil über den weiland Heiligen Vater ein verblendetes ist , so entsteht jetzt , da er dahingefahren , für Euch daraus kein Unheil mehr . Ein anderes aber ist es mit Cäsar , Euerm furchtbaren Bruder : er lebt und besitzt noch seine Drachenkraft . Er ist ein Jüngling und wird sicherlich heute oder morgen seine Fesseln durchfeilt haben und wieder aus dem