Die zwölf Apostel Am äußersten Ende einer kleinen mitteldeutschen Stadt , da , wo die letzten Gäßchen steil den Berg hinaufklettern , lag das alte Nonnenkloster . Es war ein unheimliches Gebäude mit seinen eingesunkenen Fenstern , seinen kreischenden Wettefahnen und den unaufhörlich um den First kreisenden Dohlenschwärmen . Aus den Mauergefüge quollen dicke Grasbüschel und zwischen den zerbröckelten Steinzierrathen über dem gewölbten Thorweg nickte ein kleiner Wald von Baumschößlingen . Wie zwei altersschwache Cameraden , deren einer den anderen stützt , lehnten sich der Bau und ein uraltes Stück Stadtmauer aneinander , und das war vortheilhaft für das Kloster , denn die Mauer war sehr dick ; man hatte ihren breiten Rücken mit Erde belastet , und nun sproßte und blühte es da droben so üppig , als gäbe es keine Mauersteine unter der Erdschicht . Freilich war das Ganze nur ein längliches Blumenbeet , von einem kaum fußbreiten Weg durchschnitten ; dafür war es aber auch sauber gehalten wie ein Schmuckkästchen . An den Wegrändern blühte ein Kranz weißer Zedernelken ; Lilien und Nachtviolen standen auf dem Beet , und die glührothen Früchte der Erdbeeren , sammt ihren breiten gezackten Blättern , mischten sich mit dem wilden Thymian , der , am Mauerrand hinabkletternd , seine feinen Zweige behutsam in die Steinritzen legte . Hinter der Mauer lag der ehemalige Klostergarten ; jetzt ein wüster , ungepflegter Grasfleck , auf dem die wenigen Ziegen der Klosterbewohner ihr karges Futter suchen durften . Aber an der Mauer selbst stand eine ganze Wildniß von Syringen und Haselstauden ; die bildeten droben am Gärtchen eine grüne undurchdringliche Wand . Die Syringen hingen im Frühjahr ihre blauen und weißen Blüthentrauben über das einzige hölzerne Bänkchen des kleinen Gartens , und ein alter Kastanienbaum breitete seine Aeste weit über die Mauer bis in die Straße hinein , deren armselige Häuserreihe hier mündete und von dem letzten Haus nur die Rückwand ohne Fenster sehen ließ . Es würde wohl nie ein fremder Fuß diesen entlegenen , sehr wenig einladenden Stadttheil betreten haben , wenn nicht das alte Kloster ein Juwel neben sich gehabt hätte , ein köstliches Denkmal längst versunkener Zeiten , die Liebfrauenkirche , um deren zwei schlanke Thürme eine ganze reiche Sagenwelt webte und blühte . Die Kirche stand unbenutzt und verschlossen und nie mehr seit dem letzten Miserere der Nonnen hatten heilige Klänge durch die mächtigen Säulengänge gerauscht . Die ewige Lampe war verlöscht . die Orgel lag zerrümmert am Boden ; um den verlassenen Hochaltar flatterten Schwalben und Fledermäuse , und die prächtigen , anspruchsvollen Grabmonumente alter untergegangener Geschlechter ruhten unter dichten Staubschichten . Nur die Glocken , deren wundervolles harmonisches Zusammenklingen in der ganzen Gegend berühmt war , schwangen sich noch allsonntäglich über den vewaisten Hallen , aber ihr wehmüthiger klang vermochte nicht die Gläubigen dahin zurückzuführen . Daß man neben diesem Prachtbau mit seinen granitnen Mauern und Säulen das hinfällige Kloster stehen ließ , hatte seinen Grund in der weisen Oekonomie der löblichen Stadtbehörde . Es hatte längst seine eigentliche Bestimmung verloren . Luther ’ s gewaltiges Wort hatte auch hier die Riegel gesprengt . Die zur neuen Lehre bekehrte Stadt duldete die gottgeweihten Jungfrauen , bis die letzte derselben eines seligen Totes verblichen war ; dann aber fiel das Klostergebäude der Stadt-Verwaltung anheim , die es einem Theil der Armen als Asyl einräumte . Seit der Zeit sah man hinter den vergitterten Fenstern statt der bleichen Nonnengesichter bärtige Züge , oder den Kopf einer emsig stickenden und keifenden Hausmutter , während auf den ausgewaschenen Steinplatten des Hofes , welche früher nur die leise Sohle und die klösterliche Schleppe der frommen Schwestern berührt hatten , eine Schaar wilder , zerlumpter Kinder sich tummelte . Außer dem blühenden Gärtchen auf der Mauer aber hatte das alte Haus noch eine freundliche Seite , auf welcher der Blick ausruhen konnte , wenn er all das hier zusammengedrängte menschliche Elend gesehen hatte . Die Ecke , an welche die Stadtmauer stieß , zeigte vier sauber gewaschene Fenster mit weißen Vorhängen , von denen das letzte so auf das Gärtchen mündete , daß es bequem als Thür benutzt wer den konnte , was jedenfalls auch geschah , denn an gewissen Tagen in der Woche war es weit geöffnet . Ein Seil voll feiner Wäsche zog sich von da bis zum Kastanienbaum , und man konnte sehen , wie eine weibliche Gestalt , die aufgesteckte Schürze voll Klammern , geschäftig aus- und einstieg . Das war die alte Jungfer Hartmann . Sie hieß eigentlich Suschen , wurde aber in der ganzen Stadt schon so lange „ die Seejungfer “ ( Libelle ) genannt , daß viele Leute ihren eigentlichen Namen gar nicht mehr wußten . Und das kam von ihrem absonderlichen Aeußern , nicht etwa um ihrer flüchtigen Grazie oder Farbenschönheit willen – die haben mit dem sechszigsten Lebensjahre selten mehr etwas gemein – es geschah vielmehr des seltsam huschenden , scheuen Ganges wegen , mit dem diese lange , gestreckte Gestalt durch die Straßen eilte . Im Uebrigen glich sie viel eher einer Fledermaus , vermöge ihrer scharf gebogenen , fast durchsichtig mageren Nase , ihrer aschfarbenen Haut und der großen glanzlosen Augen , welche sich meist schüchtern unter den äußerst dünnen Augendeckeln verbargen . Dieser Eindruck wurde durch das schwarze Bürgerhäubchen vervollständigt , das , knapp anschließend , kein Haar auf der Stirn sehen ließ und zu beiden Seiten abstehende Spitzengarnirungen hatte . Die Seejungfer war das Kind eines sehr armen Schusters , der sie und ihren etwas älteren Bruder Leberecht streng und gottesfürchtig erzogen hatte und für beide Kinder keine kühneren Wünsche hegte , als daß Suschen später im Dienst ihr redliches Brod erwerbe und sein Erstgeborner ihm dereinst auf dem Dreibein gegenüber sitzen und das einsame Schusterhandwerk betreiben werde . Das stille , sanfte Suschen , für dessen Ideenkreis die engen Wände der Schusterstube vollkommen genügten , war ganz mit dem Lebensziel einverstanden , das der Vater ihr vorgesteckt . Dem jungen Leberecht jedoch wuchsen die Flügel um ein Beträchtliches länger , ja , sie reichten sogar bis zur Gottesgelahrtheit hinan . Er besaß glänzende geistige Fähigkeiten , welche ein eiserner Fleiß unterstützte , und so gelang es ihm denn auch , mittelst eines Stipendiums , Theologie zu studiren . Er hatte bereits sein Examen ausgezeichnet bestanden und einige Mal bei großem Zudrang in seiner Vaterstadt vortrefflich gepredigt , als er infolge seiner rastlosen geistigen Thätigkeit auf das Krankenlager fand , um sich nie wieder zu erheben – er starb an der Lungenschwindsucht . Suschen , die den Bruder wie ein höheres Wesen verehrt hatte , erlag fast ihrem Schmerz , aber sie hatte ein halbverwaistes Kind zu pflegen und zu erziehen ; deshalb mußte sie sich aufraffen , was sie auch redlich that . Mit dem Kind hatte es folgende Bewandtniß . Einmal , als bereits der junge Leberecht täglich nach Prima wanderte und Suschen schon seit längerer Zeit von den ehrbaren Bürgersfrauen mit „ Jungfer “ titulirt wurde , geschah es , daß sich der Storch „ sehr verspäteter und unnöthiger Weise “ , wie sich der entsetzte Schuster ausdrückte , auf dessen Dach abermals niederließ ; seit dem lebten Kind , das er todt gebracht hatte , war er neun Jahre ausgeblieben . Mit schwerem Herzen und sorgenvoller Stirn zog die Meistersfrau die wurmstichige Wiege aus dem dunkelsten Bodenwinkel , verjagte die erschrockenen Spinnen aus dem kleinen Bett , fuhr mit einem nassen Tuch über dessen schmale Seitenwände , worauf alsbald großgemalte Engelsköpfe mit brennendrothen Backen und himmelblauen Äugen triumphirend erschienen , und stellte es sacht neben ihr Bett , unweit des alten Dreibeins , auf welchem der Schuster mit wahrer Wuth eine unglückliche Stiefelsohle behämmerte . Das half aber Alles nichts ; die Wiege konnte er doch nicht in Stücke zerhämmern , und später hätte er es wahrscheinlicher Weise auch gar nicht gethan , denn da lag etwas Niedliches darin . Aber es war gerade , als sei der uralte Storch mit einem Mal blödsichtig geworden und als hätte er die aufgehangenen leisten in der Schusterstube für Ahnenschilder eines allen erlauchten Geschlechts gehalten , denn das Kind in der Wiege sah gar nicht in die eigentlich sehr unschöne Schusterfamilie , und sah überhaupt nicht aus wie ein Schusterkind ; es lag vielmehr mit seiner blendend weißen Haut , dem zartgoldenen , feinen Haar und den großen , blauen Augen wie eine Prinzessin in den groben Kissen . Dafür wurde es aber auch der Augapfel des Vaters – die Mutter starb bei der Geburt der kleinen und ein Gegenstand der unausgesetzten Bewunderung seiner Geschwister . Während der junge Lateiner mit gewandter Feder seine Uebersetzungen schrieb , erhielt sein Fuß die Wiege im sanften Schwunge . Alle weiblichen Schönheiten des classischen Alterthums schmückte seine jugendliche Phantasie mit den seinen Lügen des Schwesterchens , und das erste Lächeln des Kindes begeisterte ihn zu Versen . Suschen dagegen ließ der Kleinen die sorgfältigste körperliche Pflege angedeihen . Sie hielt sie stets fleckenlos sauber und ging nie mehr aus ohne das Kind auf dem Arm , denn die Menschen blieben ja auf der Straße stehen und konnten sich nicht satt sehen an dem reizenden kleinen Blondkopf . Als der Bruder Leberecht todt war und der Schuster auch bald darauf das Zeitliche segnete , da bezog die Seejungfer die ihr mitleidig gewährte Freistätte im alten Kloster und etablirte sich als Feinwäscherin . Sie brachte nichts mit , als ihre unerzogene Schwester , die geringen ererbten Habseligkeiten und ihre arbeitenden Hände . Was aber die Aufmerksamkeit und besonders den Tadel der neugierig gaffenden Klosterbewohner erregte , das war ein netter , kleiner Glasschrank mit grünen Wollvorhängen , den die Seejungfer in die neue Wohnung schaffen ließ . Dies Schränkchen enthielt die sämmtlichen Bücher des verstorbenen Bruders . Für Suschen selbst konnten diese literarischen Schätze freilich keinen Werth haben , denn sie verstand ja nichts von all dem , was darin stand ; allein sie hatte oft genug gesehen , mit welch innigem Behagen der Bruder diese Lieblinge musterte , wie er darbte und sparte , um dies oder jenes heißgewünschte Werk anschaffen zu können . Auf jedem Titelblatt stand sein Name mit der zierlichen Schrift , die sie immer so bewundern mußte ; aus jedem Buch guckten einzelne Papierstreifen , welche er bei bemerkenswerthen Stellen eingelegt hatte ; manches steckte noch im schützenden Papiereinband , der sorgfältig mit Oblaten drüber geklebt war , und das waren für sie lauter Heiligthümer , von denen sie sich um keinen Preis der Welt getrennt hätte , lieber wäre sie Hungers gestorben . Deshalb aber wurde sie auch zum ersten Mal in ihrem Leben heftig , als die Nachbarinnen ihr riethen , das unnütze Zeug zu verkaufen . Die Seejungfer lebte von nun an nur ihrer Arbeit und der Erziehung ihrer kleinen Schwester , Magdalene , die denn auch im Laufe der Zeit zu einem auffallend schönen Mädchen heranblühte . Suschen betrachtete sie oft mit geheimer Lust und sah sie schon im Geiste als die stattliche Hausfrau eines ebenso stattlichen Bürgers und Meisters . Allein das Schicksal fragt ebensowenig , wie ein junges liebendes Herz nach den Plänen einer mütterlichen Liebe und Fürsorge , und so wurde Suschen sehr bald und sehr unsanft aus ihren Versorgungsträumen geweckt . Nicht weit von der Stadt , in der diese kleine Geschichte spielt , lebte zu jener Zeit auf einem einsamen Schlosse eine einsame , verwittwete Prinzessin , in deren Diensten sich , da sie eine leidenschaftliche Kunstliebhaberin war , ein italienischer Künstler befand . Dieser Neapolitaner nun war es , welcher den Strich durch Suschens Zukunftspläne machte . Er war ein schöner Mann mit feurigen , dunklen Augen und kohlschwarzen Locken . Eines Tags sah er die blonde Magdalene Hartmann , wie sie , einen Korb voll feiner Wäsche auf dem Kopfe , durch den Schloßgarten schritt . Alsbald entbrannte er in heftiger Leidenschaft für sie , und als er ihr , wenige Wochen darauf , nachdem er verschiedene Male mit ihr gesprochen , in der schattigen Lindenallee des fürstlichen Gartens seine glühende Liebe gestand , da konnte auch sie nicht widerstehen und versprach ihm , wenn auch unter Thränen und heftigen Angstschauern , ihm in seine prächtige südliche Heimath zu folgen . Das war aber ein furchtbarer Schlag für die Seejungfer , als Magdalene ihren Entschluß aussprach und zugleich versicherte , daß sie sterben würde , wenn sie dem Geliebten nicht folgen dürfe . Suschen wollte jammern und bitten , allein infolge der letzten Drohung des jungen Mädchens verschluckte sie ihre Thränen und ließ es widerstandslos geschehen , daß eines Morgens , nach einer einfachen Trauung , der Bildhauer Beroaldo seine junge , blonde Frau in den Wagen hob und für immer der deutschen Heimath entführte . Vierzehn Jahre lang kamen regelmäßig Briefe aus Italien und berichteten wechselnd Glück und Leid , im fünfzehnten aber erschien eines Morgens ein dickes Briefpaket aus Neapel ; es war gar nicht von Magdalenens Hand , und als es geöffnet wurde , da fiel ein Brieflein der Schwester heraus , in welchem sie die Seejungfer beschwor , sich ihres einzigen Kindes anzunehmen , weil sie sich dem Tode nahe fühle . Dabei lag ein Schreiben der Behörde , welches besagte , daß der Bildhauer Giuseppe Beroaldo sammt seiner Ehehälfte an einem hitzigen Fieber und mit Hinterlassung einer achtjährigen Tochter das Zeitliche gesegnet habe . Ein Freund des Verstorbenen wolle das verwaiste Kind bis nach Wien mitnehmen , von wo es aber die Verwandte abholen müsse , sofern sie nicht wolle , daß es einer öffentlichen Anstalt übergeben werde . Zugleich wurde darauf hingewiesen , daß die Eltern völlig mittellos gewesen seien und der Kleinen auch nicht das geringste Erbe hinterlassen hätten . Anfänglich weinte die Seejungfer bitterlich , dann aber faßte sie sich wunderbar schnell und entfaltete eine ungemeine Energie und Rührigkeit . Sie nahm die Ohrringe der seligen Mutter und die , welche sie selbst an ihrem Confirmationstage als Pathengeschenk erhalten , aus dem sogenannten Heiligthum , einer alten , mit Watte gefüllten Schachtel ; dann trennte sie aus dem weißen Bürgerhäubchen , das der Mutter höchster Schmuck gewesen war , den goldgestickten Boden ; die dicke silberne Uhr des Vaters und zwölf silberne Westenknöpfe wurden auch dazu gelegt . Dies Alles trug sie zum Goldschmied und verkaufte es . Hierauf schloß sie das Glasschränkchen auf und nahm – kein Buch – sondern ein schweres Päckchen mit bebender Hand und feuchtem Auge heraus . Um das Päckchen war ein weißes Papier gelegt und darauf stand in großen , steifen Buchstaben und sehr unorthographisch geschrieben : „ Ich möchte gern für dieses Geld ein ehrliches Begräbniß [ 563 ] haben , aber auch einen Leichenstein , und darauf soll stehen : Jungfer Susanna Hartmann . “ In dem Päckchen befanden sich dreißig blanke Silberstücke , die gaben mit dem Erlös der verkauften Lachen zusammen fünfundvierzig Thaler . Eines Morgens sah man hinter den Fenstern der Seejungfer statt der weißen Kattunvorhänge festanschließende , mit blauem Papier beklebte Fenstereinsätze , und die Blumentöpfe auf den Simsen waren verschwunden . Die Seejungfer hatte sich , zum maßlosen Erstaunen der Klosterbewohner , aufgemacht , das Kind der verstorbenen Schwester zu holen . Drei Wochen blieb sie aus ; da plötzlich , an einem Sonnabend Nachmittag , trat die Seejungfer wieder in den Klosterhof , ebenso geräuschlos kommend , wie sie gegangen war . Alt und Jung stürzte aus den Thüren und um ringte die Ankommende , die , scheu und wortkarg wie immer , auf alle Fragen des andringenden Hausens nur erwiderte , daß sie in Wien gewesen sei , und als Beweis dafür auf ein kleines Mädchen zeigte , welches den Kopf ängstlich in den Rockfallen der Seejungfer zu bergen suchte . Es war aber ein merkwürdiges kleines Wesen , das die Alte da mitgebracht hatte , ein wahres „ Taternkind “ ( Zigeunerkind ) , wie die Nachbarinnen meinten , ein Wechselbalg , vor dem man sich fürchten könne – es sei ganz unmöglich , daß die schneeweiße , goldhaarige Magdalene solch ein schwarzgelbes Ding zur Welt gebracht habe . Die Seejungfer sei angeführt worden , das müsse ein Kind einsehen . Und in der That , das braune Gesicht der Kleinen , die ziemlich große Nase und der Wust pechschwarzen Haares , der auf eine niedrige Stirne fiel , dies Alles hatte auch die Seejungfer erschreckt . Trotzdem konnte sie die Zweifel der Nachbarinnen nicht theilen , denn das Mädchen trug unverkennbar die Züge ihres italienischen Vaters . Es hatte auch seine wunderbar tiefen , glänzenden Augen , deren Schönheit jedoch durch die schwarzen , zu stark entwickelten Brauen sehr beeinträchtigt wurde , welche auch dem Gesicht jede Spur von Kindlichkeit nahmen . Nach einigen Tagen der Ruhe , welche hauptsächlich dazu benutzt wurden , der Kleinen ein möglichst sauberes , gefälliges Ansehen zu geben , führte die Seejungfer ihren kleinen Fremdling in Begleitung der üblichen Zuckerdüte nach der Schule . Die erste Vorstellung fiel , wie die zaghafte Alte richtig vorausgesehen hatte , nichts weniger als glänzend aus . Das Kind hielt krampfhaft die Hand der Muhme umschlossen und fuhr mit dem Kopfe heftig unter deren Mantel , als der Lehrer es anredete . Die sanften Bitten der Seejungfer und die eindringlichen Reden des Lehrers bezweckten nichts weiter , als daß die Kleine sich nur um so tiefer in die Kleider der Alten einwühlte , bis endlich dem Lehrer die Geduld riß und er scheltend das kleine Mädchen unter dem Mantel hervorzog . Da brach aber die ganze Classe in ein schallendes Gelächter aus , denn der mittelst Pomade und Kamm mühsam gebändigte Haarwust hatte sich bei der heftigen Gegenwehr des Kindes aufgelöst und starrte nun nach allen Himmelsgegenden . Zu gleicher Zeit aber erhob die Kleine ein so schmerzliches Geschrei , daß der Lehrer sich zornroth die Ohren zuhielt und die Seejungfer vor Angst am ganzen Leibe zitterte . Von jenem Tage an war die kleine Fremde so zu sagen vogelfrei in den Augen der anderen Kinder . Die verwarfen ihren Eigennamen Maddalena , der so sanft klang , und nannten sie einstimmig „ Tater “ , ob auch die Kleine wüthend wurde , ihre weißen Zähne zornig wies und mit dem Fuße stampfte . Sie lief meist wie gescheucht nach Hanse , der Kinderschwarm lärmend hinterdrein , bis sich die Verfolgte auf einen Eckstein flüchtete , dort die verschränkten mageren Arme über die Augen hielt und regungslos stehen blieb . Dann sah man nur noch an der kleinen , heftig athmenden Brust , daß Leben in ihr war ; sie rührte sich auch dann nicht mehr , wenn die wilden Kinder sie an den Kleidern zupften oder mit Wasser bespritzten , und wartete geduldig , bis vernünftige Erwachsene sie befreiten und ihre kleinen Peiniger nach Hause gehen hießen . Bei den Lehrern fand sie wenig Schutz . Sie fühlten keine Sympathie , für das kleine unheimliche Wesen , das bei jeder Frage die düsteren Augen wild erschreckt auf sie heftete und nur selten , am allerwenigsten aber mittelst Drohungen oder rauher Worte zu einer Antwort sich bewegen ließ . Freilich zeugte dieselbe dann stets von einer merkwürdigen Fassungskraft und von einem klaren Verständniß dessen , was der Lehrer vorgetragen ; allein die wenigen Worte wurden gewöhnlich rauh und in fremdklingendem Deutsch hervorgestoßen und von so heftigen Gesten begleitet , daß allgemeines Gelächter entstand . Seit jenem denkwürdigen Abend , an welchem die kleine Waise aus dem Süden zum ersten Male die Freistätte des Elends betrat , mochten ohngefähr zwölf Jahre verstrichen sein – und hier beginnt eigentlich diese Erzählung – als an einem Pfingstsonntag , und zwar gerade als die sogenannte große Glocke mit tiefem , mächtigem Klange in das Nachmittagsgeläute einfiel , ein junger Mann am Eingang der schmalen Gasse erschien , welche nach dem Kloster führte . Offenbar war er dem Geläute bis hierher gefolgt . Er blieb einen Augenblick stehen , gleichsam überwältigt von den Macht dieser wundervollen Harmonie . Zwei greise Mütterchen , festlich angethan mit dem silberbesetzten Bürgerhäubchen und in den stattlichen , radförmigen Tuchmantel gehüllt , schritten an ihm vorüber nach der Kirche und grüßten freundlich . Auch verschiedene Fenster öffneten sich , aus denen Männer in Hemdärmeln und Frauen mit der Kaffeetasse in der Hand die neugierigen Gesichter steckten . Der junge Mann aber bemerkte dies Alles nicht ; das Auge auf den Thurm gerichtet , durch dessen offene Luken man deutlich die schwingenden Glocken sehen konnte , ging er langsam weiter bis zu dem Gärtchen auf der Mauer . Dort , durch den Kastanienbaum gegen die brennenden Sonnenstrablen geschützt , lehnte er sich an das Gemäuer und lauschte bewegungslos . Da erhob sich ein schwacher Luftzug : ein weißes Blatt flatterte vom Mauerrand herab zu seinen Füßen , zugleich lief eine weibliche Gestalt droben durch das Gärtchen und verschwand in dem offenstehenden Fenster . Die Erscheinung war flüchtig und lautlos vorübergeglitten wie ein Schatten . Der junge Mann hatte nur einen feingeformten Hinterkopf mit einem prächtigen bläulich schwarzen Flechtengewirr und einen entblößten , schöngerundeten Arm gesehen , der das Fensterkreuz umschlang , während der schlanke Leib sich in das Innere des Hauses bog ; allein in dieser einen Bewegung lag so viel jugendliche Anmuth , eine so schlangengewandte Biegsamkeit , daß der Beobachter drunten auf der Straße ohne Zweifel auch ein dazu gehörendes Gesicht voll Liebreiz voraussetzte , denn er musterte sofort mit großem Interesse die Fensterreihe mit den weißen Vorhängen , hinter deren einem jedoch nur das scharfe Profil der Seejungfer sichtbar war , wie sie , die Brille tief auf die Nase herabgedrückt und das Gesangbuch weit abhaltend , ihr Nachmittagsgebet las . Der Fremde hob das Blatt auf , das noch vor ihm auf dem Boden lag . Es enthielt das flüchtig , doch correct mit Bleistift hingeworfene Portrait einer Frau , ein wunderliebliches , aber echt deutsches Gesicht , von lichten , Haar umrahmt , unter dem kleidsamen Schleier der Neapolitanerinnen . Das Blatt war jedenfalls von dem Steintisch droben auf der Mauer herabgefallen , dessen Platte mit verschiedenen Papieren bedeckt war ; auch mehrere Bücher lagen dort . Diese Zeichen einer höheren geistigen Beschäftigung sammt dem improvisirten hohen Gärtchen voll Blüthenduft und Käfergeschwirr sahen merkwürdig genug aus inmitten der zerfallenen , armseligen Umgebung , säst wie ein versprengtes Märchen , das sich in die rauhe Wirklichkeit verirrt hat . Unterdeß hatte das Geläute einen immer mächtigeren Aufschwung genommen , ein Zeichen , daß es seinem Ende nahte . Der junge Mann sah wieder hinauf nach dem Thurmfenster , aber statt der schwingenden Glocken erschien jetzt eine helle Gestalt in der schmalen Oeffnung , es war dieselbe Erscheinung , die vorhin so rasch über die Mauer gehuscht war . Der Fremde hatte nicht so bald dies bemerkt , als er auch das Kloster und die Kirche umschritt und die alte , ausgetretene Steintreppe des Glockenthurmes hinanstieg . Als er oben war , fiel sein erster Blick auf die Gestalt im Fenster , und überrascht blieb er stehen . Es war ein junges Mädchen , das da still und regungslos mit gefalteten Händen auf dem Sims saß . Das Spitzbogenfenster mit seinen feingemeißelten Arabesken umschloß sie wie ein enger Rahmen , und gegen den tiefblauen Himmel draußen , der sich erst in weiter Ferne auf einen schöngeschwungenen , in zartes Violet getauchten Bergrücken legte , zeichnete sich ein bewundernswürdiges Profil ab , rein und tadellos in der Form und von einem hinreißenden Ausdruck beseelt . Der Blick des Fremden , der unverwandt und erstaunt auf dem Gesicht haftete , schien indeß etwas wie eine magnetische Kraft zu besitzen , denn das Mädchen wandte plötzlich den Kopf nach innen . Ihr dunkles Auge öffnete sich weit und starrte ihn einen Augenblick an , als käme er aus der Geisterwelt , dann aber sprang sie mit einem Schrei vom Sims herab , barg den Kopf in beiden Händen und rannte in dem schmalen Gange , der zwischen den Glocken und der Mauer blieb , wie in Todesangst einen Ausweg [ 564 ] suchend , auf und ab . Da es jedoch den Anschein hatte , als ob sie sich in ihrer Verwirrung zwischen das sausende Erz stürzen wolle , so lief ein alter Mann hinzu , welcher sie am Arme faßte und , um das Glockengebraus zu übertönen , ihr heftig und laut in die Ohren schrie . Sie aber riß sich los und eilte mit Blitzschnelle und abgewendetem Gesicht an dem fremden vorüber , die Treppe hinab , wo sie alsbald in der unten herrschenden Dunkelheit verschwand . Dies Alles war das Werk eines Augenblickes gewesen . Zugleich erschollen die letzten Glockenschläge mit fast betäubender Gewalt , um bald darauf hinzusterben in ein schwaches , unregelmäßiges Klingen , das zuletzt als wehmüthiges Tongeflüster in den Lüften verschwamm . Dann hingen sie still und dunkel da , die Glocken , mit gebundenen schwingen den Klangreichthum in sich betrauernd , weil er schweigen muß nach dem Willen der kleinen Menschen da drunten . Aber noch lange nach ihrem Verklingen , selbst wenn der schwächste Ton ausgezittert hat , ist es , als entströme ihnen ein unsichtbares Leben , als zögen die Geister der abgeschiedenen Klänge leise dem Strome nach , der mächtig hinausfluthet und in Millionen Arme getheilt an die Menschenbrust schlägt ; er rauscht an das verstockte Gemüth , das sich grimmig wehrt und windet unter der unabweisbaren Mahnung , und löst sich harmonisch auf in der spiegelklaren Fluth , die wir „ eine reine Seele “ nennen . Mehrere Männer , welche das Geläute besorgt hatten , waren indessen von den Balken herabgestiegen und gingen grüßend die Treppe hinab , indem sie ihre Röcke anzogen . Jener alte Mann aber , der mit dem Mädchen gesprochen halte , zog höflich seine Mütze vor dem Fremden , wobei ein ehrwürdiger , schneeweißer Scheitel sichtbar wurde , und sagte mit einem eigenthümlich gutmüthigen Anflug in der Stimme : „ Was hat denn der Herr dem Lenchen gethan , daß sie so ganz außer Rand und Band war ? Um ein Haar wär ’ sie von den Glocken erschlagen worden . “ „ Sehe ich denn aus wie ein Mädchenverfolger , alter Jacob ? “ fragte lächelnd der junge Mann . Der Alte blickte erstaunt auf . „ Der Herr kennt mich ? “ fragte er und sah dem Fremden forschend in ’ s Gesicht , während er die dicken , weißen Augenbrauen zusammenzog und die Hand schützend über die Augen hielt , um besser sehen zu können . „ Es scheint , ich habe ein treueres Gedächtniß für meine alten Freunde , als Ihr … Wie könnte ich wohl den Mann vergessen , der alle meine tollen Knabenstreiche unterstützte , der mir manchen Apfel vom Baume geschüttelt hat und mich gern als zweiten Reiter auf meines Vaters Braunem duldete , wenn er ihn nach der Schwemme ritt ! “ erwiderte der Fremde und reichte dem Alten freundlich die Hand . „ Herr Jesus ! “ rief der alte Mann . „ Nein , wie kann man aber auch so blind werden ! Ja , das Alter , das Alter … Na , das ist eine Freude ! … Hätt ’ nicht gemeint , den jungen Herrn Werner in meinen alten Tagen noch einmal zu sehen … Und wie groß und stattlich Sie geworden sind … Jetzt müßte die sel ’ ge Mutter kommen , die würde wohl Augen machen , wenn sie ihr Herzblut sähe ! – Bleiben Sie denn nun aber auch bei uns ? “ „ Für ’ s Erste , ja … Nun sagt mir aber , wer ist denn das Mädchen , das hier im Fenster saß ? “ „ ’ s Lenchen , der Seejungfer ihr Schwesterkind . “ „ Was , der Tater ? “ „ Ach , du meine Güte , das wissen Sie noch ? … Ja , die bösen Kinder hatten sie so getauft ; aber aus dem Tater ist ein schönes Mädchen geworden . Die Leute wissen ’ s nicht so , weil sie sich immer hinter den Mauern verkriecht , und in den armseligen Kleidern sieht man ’ s auch nicht gleich … Es giebt auch Dumme genug , die meinen , es sei nicht ganz richtig bei ihr , weil sie manchmal so absonderlich ist . Es ist wahr , sie führt freilich mitunter Reden , die Unsereiner nicht versteht , muß sie denn aber deshalb gerade verrückt sein ? … Sehen Sie , Herr Werner , “ fuhr der Alte fort und strich mit der großen , schwieligen Hand über die Augen , „ das ist immer gar ein armes Ding gewesen , so allein , keinen Vater und keine Mutter … Ich hatte sie im Anfang gar nicht weiter angesehen , wenn sie auf den Thurm kam , die Andern nannten sie mir die Unke , weil sie immer so still in ihr Winkelchen kroch , aber einmal , da sah ich sie , wie sie ihr Köpfchen in die eine Glocke legte , die gerade ausgeklungen hatte , und sie streichelte , als ob es ein lieber Mensch sei , das dauerte mich . Ich ging auf sie zu und redete sie an , da machte sie jedoch ganz erschrockene Augen und schoß die Treppe hinunter wie eine wilde Katze . Später hat sich ’ s aber doch noch gemacht . Wir wurden gute Freunde , und ich gewöhnte mich so an das närrische kleine Ding , daß mir nachher meine Frau jeden Sonntag mein Töpfchen Kaffee hierher auf den Thurm bringen muße , weil ich ihn daheim immer kalt werden ließ ; daß da die kleine mittrank , können Sie sich denken . “ „ Dann habe ich Euch heute um Euer Kaffeestündchen gebracht , denn es scheint , das Mädchen kommt nicht wieder , “ sagte Werner und bog sich aus dem Thurmfenster . Tief unten lag das Mauergärtchen , aber es herrschte dort sowohl , wie in der kleinen Gasse eine Todtenstille . Die