1. Der » Schillingshof « hieß es , das herrliche , alte Haus , nahe der Benediktinerkirche ; im Volksmund aber war und blieb es » das Säulenhaus « , ob auch die Neuzeit ganze Straßenfronten mit Säulen und Säulchen schmückte und so eigentlich die Auszeichnung aufhob . Ein Benediktinermönch hatte das Haus gebaut . In jenen Zeiten , wo die Beherbergung von Reisenden noch kein städtisches Gewerbe war , nahmen sich die Klöster und Ritterburgen der durchziehenden Fremden an . Mancher Klosterorden errichtete zu diesem Zweck ein Hospiz auf seinem Grund und Boden – so war das Säulenhaus entstanden . – Das Kloster war ein sehr reiches , und Bruder Ambrosius , der Baumeister und Bildhauer , war schönheitstrunken von Italien heraufgekommen ; zudem galt es , ein standeswürdiges Unterkommen zu schaffen für gefürstete Häupter und hochgräfliche Herren , die mit Ehegemahl und Gefolge oft des Weges daherzogen und gern an das Klostertor klopften – dies alles machte , daß sich neben dem plumpen Giebelbau des Bruderhauses jene köstliche Fassade erhob , die auf einem hallenartigen , weitgeschwungenen Säulengang ein Obergeschoß mit halbrundbogigen Fenstern trug , und in jeder Bogenfüllung , auf Konsolen und Friesen , und auf den Pfosten der mächtigen Rundbogentür , innerhalb der offenen Halle , den bewunderungswürdigen Schmus einer ganzen steinernen Vegetation zeigte . Während der Oberbau zu beiden Seiten zurücktrat , lief das Erdgeschoß mit feinem Säulengang um je drei Fenster flügelartig weiter ; so stieß nur dieses untere Stockwerk hart an die südliche Klosterwand und bildete , durch Steinbrüstungen gekrönt , zwei luftige Seitenterrassen , auf die verschiedene Türen des Obergeschosses mündeten . Was dieser Fremdling auf deutschem Boden in jenen versunkenen Zeiten erlebt und gesehen , davon wußte das neunzehnte Jahrhundert nur wenig . Damals hatte das Benediktinerkloster außerhalb der Stadt , im freien Felde gelegen ; nur einige Lehmhütten hatten sich wie versprengt am gegenüberliegenden Saum der Heerstraße in das Strauchwerk geduckt und kaum die Holzladen ihrer Fensterlöcher gelüftet , wenn abends Pferdegetrappel und herrische Stimmen vor der gewaltigen , die Klostergebäude umschließenden Mauer laut geworden waren . Der grell auftauchende Flammenschein der Pechfackeln im Hofraum , der höllische Lärm , den die tobenden Klosterhunde und die Reisigen mit ihren wiehernden und stampfenden Rossen verursachten , erlosch nach kurzem wie ein toller Spuk , und die Hüttenbewohner krochen neidisch in ihre Höhlen zurück ; denn so viel wußten sie , daß das Kloster einen herrlichen Wein schenkte und seine Schlote Tag und Nacht dampften ... Drin aber , hinter den teppichverhangenen Fenstern der weiten Säle flimmerte das Licht dicker Wachskerzen von den eisernen Reifen der Deckenleuchter , und die hochgeborenen Herren und Frauen , der beengenden und verhüllenden Reitertracht ledig , sammelten sich um die langen , mit dem fürstlich reichen Silbergeschirr des Abtes beladenen Eichentische . Da kreisten die Becher oft bis weit über Mitternacht , die Würfel klirrten , und die fahrenden Spielleute , denen drüben im Bruderhause zur nächtlichen Rast Stroh auf die Steinfliesen geschüttet morden war , durften kommen und aufspielen , solange die müden Finger und Kehlen aushielten . Sie kamen oft von verschiedenen Seiten her , die großen und mächtigen Herren , um in dem durch Klosterschutz gefeiten Säulenhause geheime Vereinbarungen zu treffen : manche wichtige Urkunde aus jenen Zeiten bezeichnet das Benediktinerkloster als den Ort ihres Ursprunges . Und die Herren Benediktiner hatten sich nicht schlecht dabei gestanden . Sie waren stets , ohne im Säulenhaus gegenwärtig zu sein , lediglich vermöge ihres Scharfsinnes , ihrer feinen Kombinationsgabe , den geheimen Verhandlungen ihrer Gäste gefolgt , und dieses oft an ein Wunder grenzende Wissen hatte ihnen einen unberechenbaren Einfluß in die Hände gespielt . Später , zu Ende der Reformation , wanderten die Klosterbrüder aus . Das Säulenhaus und den größeren Teil von Wald , Wiesen und Feld brachte das Geschlecht derer von Schilling an sich ; die kleinere Hälfte aber und das Kloster selbst mit seinen Wirtschaftsgebäuden kam in die Hände des Tuchwebers Wolfram . Die von Schilling brachen die hohe Mauer weg , die das Säulenhaus von der Heerstraße trennte , und verlegten sie , so hoch sie war , zwischen ihr Grundstück und das des Tuchwebers , denn dazumal war eine freundnachbarliche Gemeinschaft undenkbar ... Die Lehmhütten verschwanden ; der betriebsame Geist der Stadt sprengte die enggewordenen Stadtmauern ; er schob neue Straßen wie Fangarme in das Feld hinaus , und nach Verlauf kaum eines Jahrhunderts lag das Säulenhaus inmitten eines stattlichen , volksbelebten Stadtviertels , wie ein wunderseltenes Goldkäferlein , verstrickt in die Netzfäden einer fleißigen Spinne . Und die Herren von Schilling waren mit diesem neuen Geist gegangen . Ein Nürnberger Meister hatte ihnen an Stelle der niedergerissenen Mauer , die Straße entlang ein kunstreiches Eisengitter , klar und durchsichtig wie ein brabanter Spitzenmuster aufgestellt ; den ehemaligen grünen Anger dahinter durchkreuzten schmale , mit farbigem Sand bestreute Gänge und teilten ihn in einzelne Rasenstücke und Blumenbeete voll Rosen , Salbei und bunter Nelken ; vor der Säulenhalle sprangen Brunnen aus einem hochgetürmten , schönen , schneeweißen Steinabbild , und seitwärts schatteten seltene Zierbäume . Die Tuchweber nebenan aber waren viel konservativer , als die Ritterlichen im Schillingshof . Sie rissen nicht nieder und bauten nicht ; sie stützten nur , und wo ein Stein wankte , da wurde er mit ängstlicher Sorgfalt wieder eingekittet ; deshalb hatte das » Klostergut « , wie sie ihr Besitztum fort und fort benannten , nach fast drei Jahrhunderten noch vollkommen das Aussehen , das ihm die Mönche gegeben . Altersdunkel zwar , in der gewaltigen Balkenlage ein wenig verschoben , und scheinbar tiefer in die Erde eingesunken , hob sich der Giebelbau ungeschlacht und finster wie immer hinter der Straßenmauer . Und diese Mauer war eitel Flickwerk , wie das eichene Bohlengefüge in ihrem hochgewölbten Torbogen , wie das Pförtchen zur Seite der großen Einfahrt , an welchem einst die müden Fußgänger um Einlaß geläutet , und das heute noch wie damals in denselben Lauten rasselte und schnarrte , wenn um sechs Uhr abends die Leute aus allen Gassen und Straßen herbeikamen , um , ebenfalls wie seit alten , alten Zeiten , die Milch bei den ehemaligen Tuchwebern zu holen ; denn die Wolframs hatten sehr bald den Webstuhl mit der Ackerwirtschaft vertauscht , und emsig , wo sie irgend konnten , Grund und Boden und Triftgerechtigkeiten der Stadtflur käuflich an sich gezogen . Sie kargten und sparten , und zäh , hartköpfig und beständig von Charakter waren sie alle , wie sie nacheinander kamen . Die Männer scheuten sich nicht , hinter dem Pflug herzugehen , und die Hausfrauen , eine nach der anderen , standen zur Abendzeit pünktlich auf ihrem Posten am Milchschanktisch , auf daß kein Pfennig durch ungetreue Mägde in fremde Hand komme . Und sie taten recht , die Wolframs , wie es sich im Lauf der Zeiten auswies . Ihr Reichtum wuchs , und mit ihm das Ansehen ; sie wurden fast ohne Ausnahme in den Rat der Stadt gewählt , und endlich nach abermals hundert Jahren kam auch die Stunde , wo die Herren von Schilling es für angezeigt hielten , zu bemerken , daß sie einen Nachbar hatten . Von da an entspann sich ein freundlicher Verkehr . Die hohe Mauer blieb zwar stehen – sie hatte sich inzwischen vom Schillingshofe her mit dem undurchdringlichen Geflecht einer köstlichen Weinrebensorte bedeckt , und drüben umklammerte sie dunkler Efeu mit zähen Armen – aber der Geist einer humaneren Zeit schlüpfte über sie weg ; die von Schilling fanden es nicht mehr unter ihrer Würde , einen kleinen Wolfram über das Taufbecken zu halten , und wenn sie den nachbarlichen Senator zu Tische luden , so fiel es ihm nicht ein , besondere Ehre darin zu sehen . Ja , es trat die Macht des Wechsels allmählich , im Laufe des letzten Jahrhunderts , so hart an beide Geschlechter heran , daß , während die einst mißachteten Tuchweber mit Patriziernimbus vor ihren Truhen voll verbrieften , reichen Besitztums standen , die Kästen derer von Schilling sich in erschreckender Weise leerten . Sie hatten zu vornehm , in stolzer Üppigkeit gehaust , und der letzte Senior der Familie , der Freiherr Krafft von Schilling , stand bereits voll zitternder Angst mit einem Fuße über dem Abgrund des selbstverschuldeten Unterganges , als der Vetter starb , dem sie Hab und Gut verpfändet hatten . Und das war die Rettung des sinkenden Geschlechtes – der einzige Sohn des Freiherrn heiratete die einzige Tochter des Verstorbenen und mit ihr kamen alle Güter an das Schillingsche Haus zurück . Das geschah im Jahre 1860 . In dieses rettende Jahr fiel aber auch ein Ereignis , das im Nachbarhaus « mit einem wahren Jubel begrüßt wurde . Durch mehrere Generationen hindurch hatte die Familie Wolfram immer nur auf zwei Augen gestanden ; seit fünfzig Jahren aber war kein männlicher Erbe auf dem Klostergut geboren worden . Der Letzte des Stammes , der Rat und Oberbürgermeister der Stadt , Franz Wolfram , hatte sich infolgedessen zum finsteren wortkargen Eheherrn umgewandelt , dem der Groll sichtlich am Herzen nagte . Fünf Töchterlein hatten nacheinander das Licht der Welt erblickt , alle so » unausstehlich « flachshaarig wie die Mutter , alle mit der Neigung im kleinen , bangen Kerzen , sich vor dem gestrengen Vater in dunkle Winkel zu verkriechen , bis sie nach kurzem Dasein die hellockigen Köpfchen erlöst und friedfertig auf das weiße Kissen des Totenschreins betten durften ... Die Frau Rätin waltete befangen und schweigend , wie eine Schuldbewußte , neben dem verbitterten Eheherrn ; nur sein näherkommender Schritt jagte ihr stets die Flamme heftigen Erschreckens über das blasse Gesicht , sonst glich sie einem wandelnden Steinbild mit ihrem stillen , freud- und klaglosen Wesen . Und nun , sieben Jahre nach dem Tode ihres letzten Töchterleins , lag sie wieder droben in der Hinterstube , unter dem schneeweißen Betthimmel ; draußen zogen schwere , dunkle Wolken vorüber , aber ein einzelner Sonnenblitz durchzuckte sie und spielte über der Stirne der blassen Dulderin . » Ein Sohn ! « sagte feierlich die alte Wartfrau . » Ein Wolfram ! « brach es wie ein Jubelschrei von den Lippen des Rates . Er warf zwei Goldstücke in das Bad , das die braunen Glieder des Kindes benetzte , dann trat er an das Bett und küßte zum erstenmal nach zwanzigjähriger Ehe die Hand der Frau , die seinem Sohne das Leben gegeben . Dann kam ein Tag , wie ihn das Klostergut wohl noch nicht gesehen hatte . Es war nicht die Art der Wolframs , mit Hab und Gut zu prunken ; sie entzogen im Gegenteil ihre Silber- und Leinenschätze , das Familiengeschmeide , die alten , kostbaren Weine in ihren Kellern sorgfältig der Öffentlichkeit – ihnen genügte es , sich im Besitze zu wissen ; in den Nachmittags- und Abendstunden jenes Tages indessen breitete sich in der sogenannten großen Stube , dem ehemaligen Refektorium der Mönche , der öffentlich verleugnete Glanz des Hauses in seinem ganzen Umfang aus . Auf der mächtigen , damastgedeckten Speisetafel funkelte das Jahrhunderte hindurch aufgespeicherte Silbergerät , die Schalen und Schüsseln , Kannen und schlanken Becher , die riesigen Salzfässer und rings an den braunen , holzgeschnitzten Wänden vielarmige Leuchter , alles gediegen , in herrlich getriebener Arbeit . Und in der kleineren Stube nebenan stand der Tauftisch . Die Wolframs waren keine Blumenfreunde ; nie hatte sich ein Blumentopf auf den Fenstersimsen breitmachen dürfen , und im Obst- und Gemüsegarten hinter den Wirtschaftsgebäuden blühten kaum einige wilde Rosensträucher , die sich freiwillig angesiedelt , in den Ecken , – heute aber umstand eine duftende , den Treibhäusern der Stadt entliehene Orangerie den weißbehangenen Tisch mit dem Taufgerät ; den Täufling umrauschte das alte Familienerbstück , eine Taufschleppe von dickem , apfelgrünem Atlas , und auf dem dunkelhaarigen Köpfchen saß die dazu gehörige altfränkische Mütze mit einer kaffeegelben Mechelner Spitzengarnitur und Stickereien von indischen Staubperlen . Die alte Wartfrau saß derweil droben in der Wochenstube am Bett und erzählte der Frau Rätin von der Pracht drunten , von der stolzen Gevatterschaft in Samt und Seide , von dem Weine , den man wie Gewürz durchs ganze Haus röche , und daß das » Ratssöhnchen « wie ein Prinz unter Rosen- und Myrtenbäumen getauft worden sei . Das vergrämte Gesicht der Wöchnerin lächelte in bitterer Wehmut ; ihren kleinen Mädchen hatte die grüne Taufschleppe nicht gebührt – sie war von der Urahne nur für die männlichen Nachkommen gestiftet worden – , es hatten auch keine Rosen und Myrten um das Taufbecken gestanden , und der Silberschatz des Hauses war unter seinen schützenden Lederdecken verblieben ... Auf den Wangen der blassen Frau begannen auch Rosen aufzublühen , dunkle Fieberrosen , und während drunten die Gläser klangen zum Wohl und Gedeihen des heißersehnten Stammhalters , teilten sich droben die weißen Bettvorhänge , und fünf Kinder schlüpften herein – sie waren alle da bei der Mutter , die kleinen Mädchen , und sie herzte sie heiß , inbrünstig und spielte mit ihnen Tag und Nacht in sel ' ger Mutterlust , und die Ärzte standen ratlos um die unaufhörlich flüsternde Frau , bis sie mit müdem , seligem Lächeln den Kopf in das Kissen drückte und einschlief für immer . – – – – Ihr Heimgang hinterließ keine bemerkenswerte Lücke . Der kleine Veit hatte eine Amme , und wenige Stunden nach dem letzten Atemzuge der Hausfrau kam die Schwester des Rates , die schöne , bitterernste Frau , aus ihrem Wohngelaß im oberen Stockwerk herab , um die Schlüssel und mit ihnen die Leitung des verwaisten Hauswesens zu übernehmen . Sie war eine echte Wolfram in ihrem ganzen Tun und Wesen , wie in der äußeren Erscheinung , an der sechsundvierzig Lebensjahre fast spurlos vorübergeglitten waren . Nur einmal in ihrem Leben hatte sie die Leidenschaft über die anerzogenen strengen Grundsätze siegen lassen , und das war ihr » folgerichtig « zum Unheil ausgeschlagen . Sie war neben dem Rat die einzige Miterbin des Wolframschen Besitztums und dabei ein selten schönes Mädchen gewesen . Im Schillingshofe hatte man das Nachbarkind wie eine eigene Tochter gehätschelt , und dort hatte sie auch den Major Lucian aus Königsberg kennen gelernt , mit dem sie sich auch verheiratete , allen Ermahnungen des Bruders , ja , der eigenen inneren Warnstimme zum Trotz ... Und sie hatten in der Tat zusammengepaßt wie Wasser und Feuer , die herbe , in ihre Familientraditionen verbissene Wolframsnatur und der elegante , leichtlebige Offizier . Sie hatte darauf bestanden , ihn in ihre Lebensgewohnheiten zu zwingen , und er war » dem Spießbürgertum « mit scharfem Spott entschlüpft , wo er nur konnte . Das hatte zu bösen Auseinandersetzungen geführt , und eines Abends war die Majorin , ihr fünfjähriges Söhnchen an der Hand , aus Königsberg zurückgekehrt – sie war heimlich abgereist , um fortan auf dem Klostergut zu bleiben ... Der kleine Felix hatte den Kopf in ihren Reisemantel gedrückt , als sie ihn an jenem Abend durch ihr Vaterhaus geführt . Die Treppe , die in die verlassene Stille der oberen Stockwerke führte , mit ihrem fratzenhaft geschnitzten Geländer und ihren kreischenden Stufen voll ausgetretener Astknorren , die lagernde Dämmerung in den klaftertiefen Türbogen , und in den Schiebefenstern die bleigefaßten , glanzlosen Scheiben , an denen aufgescheuchte Nachtmotten lautlos taumelten , und durch die das Abendsonnenlicht gelb und träge wie Öl auf das zersprungene Estrich des Vorsaales floß – das war dem Knaben spukhaft erschienen , wie das Menschenfresserhaus im Walde ... Und das schlanke , feingliedrige Kind in seinem blauen Samtröckchen , seinem glänzenden , goldgelben Gelock war auch wie verirrt gekommen – sie bringe ihm einen buntscheckigen Kolibri in das alte Falkennest , hatte ihr Bruder , der Rat , finster und mit scheelem Blick gesagt . Fremden Blutes war und blieb der kleine Entführte auch . Die kühle Luft des Klostergutes blies ihm umsonst gegen die Idealgestalten in Kopf und Herzen – er war eine poetische , warmblütige Natur wie sein Vater ... Der verlassene Mann in Königsberg hatte übrigens alles aufgeboten , seinen Knaben wieder in die Hand zu bekommen ; allein an der juristischen Meisterschaft des Herrn Rat Wolfram waren alle Versuche gescheitert – die geschiedene Frau war im Besitz des Kindes verblieben . Infolgedessen hatte Major Lucian seinen Abschied genommen ; er war aus Königsberg verschwunden und nie hatte man erfahren , wohin er sich gewendet . Seitdem bewohnte die Majorin wieder , wie in ihren Mädchenjahren , das große , nach der Straße gelegene Giebelzimmer . Sie paßte mit Leib und Seele zwischen diese einfach gestrichenen Wände , vor deren tief eingelassenen Schränken breite , braungebeizte Flügeltüren lagen ; sie saß wie vordem auf dem steiflehnigen Lederstuhl in der tiefen Fensterecke und schlief hinter dem dickfaltigen härenen Türvorhang der anstoßenden Kammer , zu welchem einst ihre Großmutter die groben Fäden eigenhändig gesponnen ... Den Schillingshof aber hatte sie nie wieder betreten – sie floh jede Erinnerung an ihren geschiedenen Mann , wie einen mörderischen Feind . Der kleine Felix dagegen war sehr bald heimisch drüben geworden . Der einzige Sohn des Freiherrn Klafft von Schilling war sein Altersgenosse . Beide Knaben hatten sich vom ersten Augenblick an zärtlich geliebt , und die Majorin war mit diesem Verkehr einverstanden gewesen , jedoch nur unter der ausdrücklichen Bedingung , daß ihr Kind nie mit einem Wort an seinen Vater erinnert werde . Später waren die jungen Leute auch Studiengenossen in Berlin gewesen . Sie hatten beide Jura studiert . Arnold von Schilling hatte die Staatslaufbahn in Aussicht genommen , und Felix Lucian sollte , ganz in die Fußstapfen seines Onkels tretend , anfänglich ein städtisches Amt bekleiden und später das Klostergut übernehmen ; denn seit auch die letzte der kleinen , flachshaarigen Cousinen gestorben , hatte ihn der Rat zu seinem Erben und Nachfolger bestimmt , vorausgesetzt , daß er seinem väterlichen Namen den Namen Wolfram anfüge . Da änderte , wie bereits erwähnt , das Jahr 1860 alle Familienverhältnisse im Schillingshof und Klostergut – Arnold von Schilling kam heim , um auf die Bitten seines kränkelnden Vaters hin mit der Hand seiner Cousine die Schillingschen Güter wieder zu übernehmen , und auf dem Klostergute blies der Spätling , der kleine Veit Wolfram , mit seinem schwachen Lebensatem die Erbansprüche seines Vetters Felix über den Haufen ... 2. Die Frau Rätin Wolfram war an einem schneestöbernden Aprilmorgen im Familienbegräbnis beigesetzt worden . An jenem Tage hatte Felix Lucian nur auf wenige Stunden in die Heimat eilen können , um der verstorbenen Tante das letzte Geleit zu geben . Heute nun , nach zwei Monaten , wo der Syringenduft der ersten Junitage die Lüfte erfüllte und der abgeschüttelte Schnee der Baumblüte weiß auf dem Rasen lag , kam er wieder auf das Klostergut zu einer mehrtägigen Erholungszeit , wie er seiner Mutter geschrieben hatte . In dem weiten Hausflur , den er nachmittags betrat , hatte die tote Hausfrau die letzte Rast gehalten . Noch war es ihm , als müsse Weihrauchduft das Deckengebälk bläulich verschleiern , und der Geruch der Buchsbaumgirlanden , zwischen denen die schlankhingestreckte Frau mit dem schlichten Flachshaar an den Schläfen so friedsam gelegen , ihm durchdringend entgegengeschlagen . Aber es waren heute nur wirbelnde Stäubchen , die in einem Lichtreflex an der Decke spielten ; aus der offenen Küche quoll der Duft schmorenden Geflügels , und am Milchschanktische stand seine Mutter und zählte Eier in den Korb der Magd , die nach altem Brauch wöchentlich zweimal mit Eiern und frischgeschlagener Butter die Runde bei bevorzugten Stadtkunden machen mußte . Einen Moment erstrahlten die Augen der Majorin wie unbewacht in nicht verhehltem Mutterstolz , als der schöne , hochgewachsene Jüngling auf sie zuschritt ; aber sie hielt in jeder Hand fünf Eier und reichte ihm so behutsam über die Schulter hinweg die Wange zum Kuß . – » Gehe einstweilen hinauf , Felix ! « sagte sie hastig , in der Besorgnis , sich zu verzählen , oder ein Ei zu zerbrechen . Er zog schleunig die Arme zurück , die er um ihre Schultern geschlungen , und stieg die Treppe hinauf . Von der Wohnstube her klang ihm plötzlich Kindergeschrei nach – der neue Erbherr des Klostergutes schrie häßlich und boshaft auf wie eine junge Katze . Dazu krähten die Hähne im Hinterhof , und oben über den Vorsaal schlich der riesige , fette Hauskater . Er kam vom Kornspeicher , von der Mäusejagd und rieb und drückte sich behaglich an der eleganten Fußbekleidung des Heraufsteigenden hin – der junge Mann schleuderte ihn weit von sich und stampfte voll Abscheu mit den attackierten Füßen , als schüttele er Schnee ab . Im Zimmer der Majorin standen die Fenster offen , und die weiche Frühlingsluft strömte herein ; aber nicht sie trug den köstlichen Veilchenduft im Atem , der die ganze Stube erfüllte – er kam aus den offenen Flügeltüren eines Wandschrankes . Wie Silberschein flimmerte es in diesen tiefen Fächern ; so glänzend türmte sich das Leinenzeug aufeinander ; und zwischen diesen Paketen dorrten Tausende von Veilchenleichen . Nie hatte der kleine Knabe der Majorin ein Veilchensträußchen zu seiner Augenweide in ein Glas Wasser stellen dürfen – es stand ja nur im Wege und konnte umgeschüttet werden – wohl aber mußte er die kleinen Kelche zur Verherrlichung der Leinenschätze von den Stielen zupfen . Die weißen Lagen , mit denen die Mutter immer einen förmlichen Kultus getrieben , waren ihm deshalb stets verhaßt gewesen – er warf auch jetzt einen finsteren Blick nach dem Schranke . Die Majorin war augenscheinlich beim Revidieren gestört worden ; auf dem breitbeinigen Ahorntische im Fensterbogen lag noch das Buch , in das sie ihre Notizen zu machen pflegte . Felix kannte diese Hefte voll der verschiedenartigsten Rubriken sehr gut , aber die aufgeschlagene Blattseite hier war ihm neu in ihrer Bezeichnung . » Mitgabe an Hauswäsche für meinen Sohn Felix « stand obenan ... Sein eigener , künftiger Hausstand ! – Er wurde rot wie ein Mädchen bei dieser Vorstellung ... Diese Dutzende von Gedecken , Handtüchern , Bettbezügen reihten sich breit und wichtig aneinander , als seien sie die erste Grundbedingung des künftigen Familienglückes ... Und dieses ernsthafte , langweilige Register sollte in dem übermütigsten , tollsten Lockenkopfe haften , der je auf weißen Mädchenschultern gesessen ? – » O Lucile , wie würdest du lachen ! « flüsterte er und lachte selbst in sich hinein . Mechanisch ließ er die Blätter durch die Finger laufen . Hier , in dieser » Zinseneinnahme « summierten sich Tausende und Tausende . Welcher Reichtum ! Und dabei dieses unbeirrte Sammeln und Sparen , diese Angst , daß mit einem zerschlagenen Ei ein paar Pfennige verloren gehen könnten ! – Der junge Mann stieß das Heft wie im Ekel fort , und mit beiden Händen ungeduldig durch das reiche Blondhaar , fahrend , trat er an das Fenster . Mit seiner vornehmen Erscheinung , dem leisen Hauch feinsten Odeurs , der sie umschwebte , mit den ungesucht eleganten Manieren stand er auch heute so fremd zu dem » alten Falkennest « , wie die seinen Handschuhe , die er lässig abgestreift und hingeworfen , auf den plumpfüßigen , weißen Ahorntisch , die glänzenden Lackstiefel auf den groben , ausgetretenen Dielenboden paßten . Er drückte die Stirn an das Fensterkreuz und sah hinaus . Wie ein Anachronismus steckte das Klosterhaus zwischen den geschmückten Neubauten . Jenseits der Straßenmauer lief jetzt die eleganteste , mit rotblühenden Kastanien besetzte Promenade der Stadt hin . Er schämte sich , daß die seine Welt täglich an dem geflickten Mauerwerk vorüber mußte ; er fühlte sich gedemütigt angesichts des gegenüberliegenden , schloßartigen Hauses , von dessen bronzeumgitterten Balkons man den Hof übersehen konnte , der zwischen dem Klosterhaus und der Mauer lag . Wohl waren es vier herrliche , alte Lindenwipfel , die seine Mitte füllten – sie strotzten auch heuer wieder in maienhaftem Grün , von keinem dorrenden Ästlein entstellt – , allem die altehrwürdigen Steinsitze zu ihren Füßen und der Porphyrtrog des Laufbrunnens , den sie beschatteten , waren garniert mit dem frischgescheuerten Holzgerät der Milchkammer ... Dazu der Lärm vom Hofe ... Eben wurde frischer Klee eingefahren . Der Knecht fluchte über die enge Einfahrt des Torweges und hieb auf die Pferde ein ; die barfüßige Stallmagd scheuchte zwei störrige Kälber , die sich in den Vorhof verlaufen , schimpfend aus dem Wege , Taubenschwärme flogen auf , das andere Federvieh stob schreiend auseinander – » Bauernwirtschaft ! « murmelte Felix zwischen den Zähnen und wandte das beleidigte Auge zur Seite . Dort breitete sich das schöne Erdgeschoß des Schillingshofes aus ; und er atmete wie erlöst auf – dort war er ja immer heimischer gewesen , als auf dem Klostergute . Über die efeubewachsene Mauer hinweg sah er allerdings nur ein Stück des Rasenspiegels , in dessen Mitte die Wasser vor dem Säulenhause sprangen ; er sah auch nur beim Hinausbiegen seitwärts einen Schein der Spiegelscheiben zwischen den Steinornamenten der Rundbogen blinken ; aber dieser trennenden Mauer gegenüber schlossen drei Reihen prächtiger Platanen den Schillingshof von dem jenseitigen Nachbargrundstück ab . Sie konnte er vollkommen überblicken – sie liefen als Doppelallee vom Straßengitter aus neben der Südseite des Säulenhauses hin , tief in den eigentlichen Garten hinein . Diese herrliche Baumhalle war einst der Haupttummelplatz für ihn und seinen kleinen Freund Arnold gewesen ; sie behütete treulich die grüne Dämmerung , die frische Kühle drunten , und für den Freiherrn Krafft war sie an heißen Sommertagen eine Art Salon ; er empfing da Besuche , hielt seine Siesta und trank den Nachmittagskaffee unter den Bäumen . Auch jetzt stand die Kaffeemaschine auf dem Tisch , aber nicht die wohlbekannte messingene – sie hatte einer silbernen Platz gemacht . Es gruppierte sich überhaupt viel Silbergeschirr dort , auch kleine , mit Likör gefüllte Kristallkaraffen funkelten dazwischen – so war der Kaffeetisch früher nie besetzt gewesen . Damals hatte man auch auf weißgestrichenen Gartenbänken von Holz gesessen , – heute stand eine Menge eleganter , gußeiserner Möbel zwischen den Bäumen ; Schlummerrollen und farbenglänzende Kissen lagen umher , und aufgestellte , reichdekorierte Wandschirme bildeten behagliche , vor dem Zugwind geschützte Plauderwinkel . Das Fremdartigste aber war die Dame , die in diesem Augenblick neben dem Säulenhaus hervorkam – sie ging , offenbar wartend , langsam auf und ab ... Arnolds Mutter war früh gestorben , eine Schwester hatte er nie gehabt , darum war das weibliche Element , soweit Felix zurückdenken konnte , immer nur durch die gute , dicke Wirtschaftsmamsell vertreten gewesen . Nun schimmerte eine blauglitzernde Seidenschleppe durch den Alleeschatten , und Frauengeist und Frauenwille durften nach fast zwanzig Jahren wieder neben dem Regiment des alten Freiherrn ebenbürtig im Schillingshofe walten . Als Felix vor zwei Monaten zur Beisetzung der Tante auf dem Klostergute gewesen war , da hatte zur selben Zeit auch Arnolds Hochzeit in Koblenz stattgefunden – der Freund hatte vorher nur kurz und trocken angezeigt , daß er » das lange Mädchen « , die Koblenzer Cousine , heirate ... Das war sie nun , die junge Frau , die neue Herrin des Schillingshofes , eine überschlanke Gestalt mit schmalen Schultern , an Brust und Rücken flach und dürftig , vornübergeneigt , wie die meisten großen Leute , und doch vornehm , sichtlich eine Dame von Stande in jeder ihrer lässig schleppenden Bewegungen . Das Gesicht konnte er nicht voll erfassen , in scharfer Profilstellung erschienen ihm die Züge langgestreckt , von englischem Typus , und blaß angehaucht ; doch besaß die junge Frau einen herrlichen Schmuck in dem reichen , hellblonden Haar , das zwar elegant , aber so locker aufgesteckt war , als schmerze und beschwere diesen jungen Kopf peinlich jede Haarnadel . Sie sah öfter mit leisen Zeichen der Ungeduld abwechselnd nach den Fenstern und der Tür unter der Säulenhalle und ordnete und rückte wiederholt an den Tassen und Kuchenkörben . Dann kam eine junge Person im weißen Latzschürzchen , augenscheinlich die Kammerjungfer , aus dem Hause . Sie legte ihrer Gebieterin einen weichen Schal um die Schultern und zog ihr Handschuhe an . Und die Dame stand da wie ein Automat ; sie hielt die langen , schlanken Hände unbeweglich hingestreckt , bis jedes Knöpfchen geschlossen war ; sie regte sich nicht , als das Mädchen vor ihr niederkniete und eine aufgesprungene Spange an dem farbigen Schuh wieder befestigte . Sie sprach auch nicht und zog nur schließlich , trotz der durchsonnten , köstlich warmen Juniluft , fröstelnd den Schal über der Brust zusammen . » Verwöhnt und nervös ! « dachte Felix , während sie sich unmutig in die mit roten Kissen gepolsterte Ecke einer Bank sinken ließ . Inzwischen war Adam , der langjährige Diener des alten Freiherrn Krafft , aus der Tür des Säulenhauses gekommen . Er wohnte im Schillingshofe , war Witwer und hatte sein einziges Kind , ein zehnjähriges Mädchen , bei sich . Das führte er jetzt an der Hand . Die Kammerjungfer ging mit einem schnippischen Achselzucken an ihm vorüber , und die Dame auf der Bank sah nicht , daß er grüßte . Felix hatte den stillen , ernsthaften Diener sehr gern , dessen äußere Ruhe und Gelassenheit im Schillingschen Hause sprichwörtlich waren . Deshalb befremdete ihn die aufgeregte Hast , mit welcher der Mann den Rasenplatz umschritt und den Schillingshof verließ , um nach wenigen Minuten in den Hof des Klostergutes einzutreten . Sein kleines Mädchen schrie ängstlich auf und klammerte sich an ihn fest – ein großer Puter lief zornig kollernd auf es zu , als habe er die Absicht , ihm das rote Röckchen vom Leibe zu reißen . Der Mann scheuchte das erboste Tier fort und sprach beruhigend auf das Kind hinein ; aber das geschah in atemloser Aufregung , und die Wangen glühten ihm , als sei er betrunken . Felix sah nur noch flüchtig , wie der alte Freiherr , auf den Arm seines Sohnes gestützt , in