Die zweite Frau Roman von E. Marlitt Leipzig : Keil , 1891 1. Ueber dem Teich , hoch im blauen Frühlingshimmel , hing lange und unbeweglich ein dunkler Punkt . Das blanke Gewässer wimmelte von Fischen ; es lag immer so einsam , und wehrlos da , und die alten , nahe an seinen Spiegel gerückten Baumriesen konnten auch nicht helfen , wenn der graugefiederte Dieb , jäh aus den Lüften herabstürzend , nach Herzenslust das silberschuppige Leben im Wasser würgte . Heute nun traute er sich nicht herab , denn es waren Menschen da , große und kleine , und die kleinen schrieen und jubelten so ungebärdig und warfen im kindischen Vermessen ihre bunten Bälle nach ihm ; rastende Pferde wieherten und stampften das Ufergeröll , und durch die Baumwipfel quollen Rauchwolken und fuhren mit zuckenden Armen gen Himmel . Menschenlärm und Rauch – das war nichts für den heimtückisch hereinbrechenden Räuber , nichts für den Segler des kristallenen Aethers ; mißmutig zog der Reiher immer weitere Kreise und verschwand zuletzt unter einem gellenden Kinderhurra so spurlos , als sei sein gewichtiger Körper zerblasen und zerstoben . Am linken Ufer des Teiches lag ein Fischerdörfchen – acht zerstreut umherstehende Häuser , beschattet von vielhundertjährigen Linden , und so niedrig , daß die Strohdächer gerade zwischen den unteren Baumästen auftauchten . Mit ihren Hamen und Netzen an den Wänden , den schmalen Holzbänkchen neben der Thür , und an der Südseite flankiert von Weißdorn und Heckenrosen , hoben sie sich zierlich vom weißen Uferrande . An wuchtige ostfriesische Fischergestalten durfte man dabei freilich nicht denken ; auch war es gut , daß der ungeheure Park mit seinen beträchtlichen Waldstrecken die dahinterliegende Residenz vollkommen verdeckte – man glaubte an ländliches Leben und Treiben , bis eine der schmalen Hausthüren aufging . Hätte der deutsche Fürst gewußt , daß das harmlose Klein-Trianon der glänzenden Königin von Frankreich schließlich den Kopf kosten sollte , so wäre das Fischerdörfchen sicher nie gebaut worden ; aber er war nicht prophetischen Geistes gewesen , und so stand die anmutige Nachbildung seit beinahe hundert Jahren am Parkteich – die primitivste Idylle von außen , und im Innern das verwöhnteste Menschenkind umschmeicheln . Der Fuß , an dem der Uferkies hing , trat direkt auf schwellende Teppiche ; dicke Seidenstoffe glänzten auf den Polstermöbeln und drapierten die Wände , da und dort unter breiten Spiegelflächen verschwindend . Wenn draußen auch bis zur glücklichen Täuschung mit Armut und Einfachheit kokettiert wurde , an weißgescheuerten Tischen mochte man doch nicht essen , noch weniger aber auf harten Holzbänken vom süßen Spiel ausruhen . Das Fürstenhaus , dessen einem Sproß das Fischerdörfchen sein Dasein verdankte , hielt seit alten Zeiten fest an dem Brauch , nach welchem jeder Thronerbe in seinem achten Lebensjahre eine Linde pflanzen mußte . Der Wiesengrund am linken Teichufer , das Maienfest genannt , war so zu einer historischen Merkwürdigkeit , zu einer Art Ahnentafel geworden . Selten war wohl einer der gefürsteten Bäume eingegangen – das Maienfest hatte wahre Prachtexemplare aufzuweisen ; uralte Recken im eisgrauen Panzer , hielten sie den mächtigen grünen Schild himmelstürmend empor und schützten die Nachgekommenen und die Schwächlinge , denn die waren auch da , trotz der empfangenen Weihe – die Natur läßt sich eben kein Wappen aufnötigen . Heute , im Monat Mai , war der wichtige Akt für den Erbprinzen Friedrich gekommen . Selbstverständlich feierten der Hof und die loyale Residenz den Tag in der durch das alte Hausgesetz vorgeschriebenen Weise . Sämtliche Kinder der Hoffähigen waren eingeladen ; die minder Glücklichen aber , die über keine fünf- und siebenzinkige Krone zu verfügen hatten , fuhren mit ihren Eltern hinaus , zuzusehen , wie ein wirklicher Prinz den Spaten handhabe . Hinter der Wagenburg trieb sich eine Menge Volks auf Weg und Steg herum , und die wilde Jugend hockte auf den Bäumen , unbestritten den vorteilhaftesten Observationsposten . Das Fest war auch ein zwiefaches . Vor achtzehn Monaten war der Vater des Erbprinzen , der Landesherr , gestorben , und mit dem heutigen Tage erst hatte die schöne Herzogin-Witwe die ungewöhnlich lange festgehaltene tiefe Trauer abgelegt . Dort stand sie , neben dem bereits gepflanzten Lindenstämmchen . Nicht einen Augenblick blieb man im Zweifel , daß sie die Höchstgebietende sei . Sie war schneeweiß gekleidet ; nur im Gürtel hing ihr eine blasse Heckenrose und von dem roten Futter des kleinen Sonnenschirms , mit welchem sie das unbedeckte Haupt beschattete , fiel ein leichter Rosaschein über das Gesicht , über ein feines , sehr kurzes Näschen und üppig geschwungene , wenn auch nur schwach gefärbte Lippen . Die auffallend unregelmäßigen Linien unter mähnenartig sich aufbäumenden schwarzem Haar , der Schatten , der sich zart bläulich um die Augen legte , und jener wachsweiße , unbelebte Teint , bei welchem wir gleichwohl unwillkürlich an große innere Leidenschaftlichkeit denken müsse , verliehen dem Gesicht den Typus der spanischen Kreolin , wenn auch sicher nicht ein Tropfen Blutes jener Rasse durch die Adern der deutschen Fürstin lief . Sie verfolgte den kreisenden Reiher mit derselben Aufmerksamkeit , wie die Kinderschar , die bei seinem Verschwinden in das jubelnde Hurra ausbrach . » Du hast wieder nicht mitgeschrieen , Gabriel , « sagte zornig ein kleiner Knabe zu einem größeren , neben ihm stehenden , dessen einfacher , weißer Leinenanzug inmitten der elegant gekleideten Kinder seltsam auffiel . Der Angeredete schwieg und seine Augen suchten den Boden ; das versetzte den Kleinen in Wut . » Schämst du dich denn gar nicht vor den anderen , elender Junge ? ... Auf der Stelle schreist du Hurra ! Wir rufen auch mit ! « befahl und ermutigte er zugleich . Der weißgekleidete Knabe wandte angstvoll das Gesicht weg . Er machte Miene , seinen Platz zu verlassen - da hob der Kleine blitzschnell seine Gerte und schlug ihn in das Gesicht . Die Kinder stoben auseinander – einen Augenblick stand die kleine zornbebende Gestalt allein – ein ideal-schönes Kind in elegantem grünen Samtanzuge , mit prächtigen braunen Locken , ein Bild der Kraft und Vornehmheit ; der Erbprinz und sein Bruder samt ihrem kindlichen Gefolge konnten sich mit ihm nicht messen . Seine Erzieherin kam bleich und erschrocken herbei , aber schon hatte die Herzogin die kleine geballte Hand ergriffen . » Das war nicht hübsch , Leo , « sagte sie ; allein in ihrer Stimme klang kein strafendes Zürnen mit , weit eher eine tiefe Zärtlichkeit . Der Kleine riß seine Hand ungestüm aus den samtweichen , schmeichelnden Fingern ; mit einem scheuen Seitenblicke nach dem Gezüchtigten , der sich eben entfernte , drehte er sich auf dem Absatze herum . » Ach was , « grollte er , » es geschieht ihm ganz recht ! Papa kann ihn auch nicht leiden – er sagt immer : › Diese Memme erschrickt vor ihrer eigenen Stimme . ‹ « » Wohl , mein kleiner Trotzkopf ; weshalb aber bestehst du dann darauf , daß dieser Gabriel dich stets begleite ? « fragte lächelnd die Herzogin . » Weil – nun , weil ich ' s eben so haben will . « Mit diesem trotzigen Worten warf er seinen Lockenkopf zurück , wandte der Gesellschaft den Rücken , als existiere sie nicht , und verschwand hinter einem der Häuser . Auf weitem Umwege suchte er die dickstämmige Linde zu erreichen , hinter welche sich der Geschlagene zurückgezogen hatte . Einsam lehnte die weiße Gestalt an dem Baume . Es war ein Knabe von vielleicht dreizehn Jahren , ein tiefmelancholisches Gesicht über feingebauten , geschmeidigen , aber wenig muskelstarken Gliedern . Er hatte sein Taschentuch in das Teichwasser getaucht und drückte es kühlend gegen die linke Wange , während seine zarten Lippen nervös aufzuckten , vielleicht weniger unter dem Schmerze , den ihm der Schlag verursacht , als infolge der inneren Aufregung . Der kleine Leo umkreiste ihn mehrere Male , wobei er mit seiner Gerte wild in der Luft fuchtelte . » Thut es s e h r weh ? « fragte er plötzlich hart und kurz mit finster gefalteten Brauen und stampfte dem kleinen kräftigen Fuß auf . Gabriel hatte das Tuch weggenommen , um es abermals in das Wasser zu tauchen – ein feurig roter , quer über die Wange laufender Striemen war sichtbar geworden . » Ach nein , « antwortete der Knabe mit sanfter , unbeschreiblich wohllautender Stimme , » es brennt nur noch ein wenig . « Im Nu flog die Gerte auf den Boden ; mit einem herzzerreißenden Aufschrei schlang der Kleine seine Arme um den Geschlagenen – man hörte seine Zähne aneinanderknirschen . » Ich bin ein zu schlechter Junge ! « stieß er hervor . » Dort liegt meine Gerte , Gabriel ; nimm sie und schlage mich auch ! « Die anderen Kinder begafften mit offenem Munde diesen unvorhergesehenen Ausbruch einer tiefen , schmerzlichen Reue . Auch die Herzogin stand in der Nähe ; eine seltsame Empfindung mochte sie überwältigen – wie hingerissen zog sie ungestüm das Kind an ihr Herz und bedeckte sein schönes Gesicht mit Küssen . » Raoul ! « flüsterte sie – wie ein Hauch kam der Name von ihren Lippen . » Ach dummes Zeug ! « murrte der Kleine , derb und kräftig sich loswindend . » Raoul heißt ja mein Papa ! « Die marmorweißen Wangen der fürstlichen Frau erröteten in tiefer Glut ; sie fuhr empor und blieb einen Moment unbeweglich stehen ; dann wandte sie langsam den Kopf und warf einen scheuen , unsichern Blick hinter sich – die Damen , die nahe gestanden , waren unter der Thür des nächsten Häuschens verschwunden . 2. Von der Residenz her rollte eine Hofequipage ; ein Herr saß im Fond , und neben ihm auf dem blauen Seidenpolster lagen die Utensilien zum Krocketspiel . Eben bog der Wagen in die Fahrstraße ein , die am Teiche hinlief , als ein Fußgänger aus dem Dämmerdunkel eines Gehölzes trat . Der Herr im Wagen ließ sofort halten . » Grüß Gott , Mainau ! « rief er herüber . » Na , das nimm mir nicht übel ; man hofft mit Schmerzen auf dich , und da kommst du flanieren auf dem größtmöglichen Umwege ! ... Die Linde steht längst – hast dem Hause Mainau die stolze Tradition verwirkt , daß deine Hand es war , die den Stamm umspannte , während Friedrich der Einundzwanzigste Erde auf die Wurzeln schaufelte . « » Man wird dereinst einen Trauerflor über mein Bild hängen müssen . « Der Herr im Wagen lachte ; er öffnete behende mit einer einladenden Handbewegung den Schlag . » Plagt dich der Teufel , Rüdiger – im Fond ? « wehrte der andere in komischer Entrüstung , » Gott sei Dank , noch weicht mir das Zipperlein aus ! ... Fahre weiter im stolzen Bewußtsein deiner Mission – hast das vergessene Krocketspiel holen müssen ? Beneidenswerter ! « Der Herr sprang auf den Boden , warf den Schlag zu , und während der Wagen weiterfuhr , schlugen die beiden den Fußpfad ein , der durch Buschwerk nach dem Fischerdörfchen lief ... Sie sahen seltsam nebeneinander aus – der im Wagen gekommene klein , beweglich und sehr wohlbeleibt , und sein Begleiter so hoch von Gestalt , daß sein Haupt häufig dem unteren Baumgeäst ausweichen mußte . Der Mann hatte etwas überraschend Blendendes in seiner Erscheinung , in dem ausdrucksvollen Kopf und in allen Gebärden jenes dämonenhaft wirkende Feuer , das eben als sanfte Glut fast elegisch dem Auge entströmt und im nächsten Augenblicke die schlanke , scheinbar weiche Hand zur Faust ballt , um einen verhaßten Gegner zu Boden zu schlagen . Der kleine jähzornige Knabe drüben beim Fischerdörfchen glich ihm Zug um Zug , fast bis zur Lächerlichkeit . » Gehen wir denn ! « sagte Herr von Rüdiger . » Zum Diner kommen wir leider heute nie spät genug ... Brr – Kinderbrei und Puddings in allen erdenklichen Auflagen ! ... Eine Strafpredigt brauche ich auch nicht zu fürchten , ich bringe ja dich mit ... Apropos , du warst für zwei Tage verreist , wie den Leo der Herzogin sagte ? « » Ich war verreist , Verehrtester . « Diese lakonische Bestätigung klang zu ironisch und abfertigend für den kleinen Beweglichen – das » Wohin « blieb ihm hinter den Lippen sitzen ... Sie kamen eben an einer Stelle vorüber , wo das Dickicht auseinanderriß und einen Ausblick über den Teich hin gewährte . Man übersah das ganze Dörfchen . Unter den Linden standen weißgedeckte Tafeln ; zwischen diesen und einem der Häuser , durch dessen Thür man den fürstlichen Koch in weißer Mütze am Herd beschäftigt sah , liefen Lakaien hin und her – das Diner war in Vorbereitung . Die aufregende Szene , die der kleine Leo veranlaßt , war längst vergessen , man spielte ; alles was laufen konnte , spielte mit – graziöse Hofdamen und schlanke Kammerjunker , aber auch alle Kavaliere mit steifen Beinen , ja selbst die dicke , asthmatische Oberhofmeisterexzellenz watschelte händeklatschend durch den Kindertumult . Die Herzogin war so nahe an das seichte Teichufer getreten , daß man meinte , das Wasser spiele an ihre Füße heran . Wie ein Schwanengefieder schwamm ihr weißes Spiegelbild in der klaren Flut . Einige junge Damen hatten ihr einen Kranz von Waldreben und Blumenglocken gebracht ; er lag über ihrer Stirn und ließ lange , grüngefiederte Ranken über die schöne Büste und den Nacken hinab hängen . » Ophelia ! « rief Baron Mainau halblaut mit einer pathetischen Gebärde – ein unbeschreiblicher Sarkasmus lag in seiner Stimme . Sein Begleiter fuhr herum . » Nun bitte ich mir ' s aber aus – das ist doch wieder einmal die reine Komödie , Mainau ! « rief er ganz empört . » Das verfängt wohl bei den Damen , die wie die Lämmer vor dir zittern , bei mir aber nicht . « Er steckte die Hände in die Seitentaschen seines leichten Ueberziehers , zog die Schultern in die Höhe und begann verschmitzt lächelnd : » Es war einmal eine wunderschöne , aber arme Prinzessin und ein glänzender , junger Kavalier . Die beiden liebten sich , und die Prinzessin wollte die Durchlaucht an den Nagel hängen und eine Frau Baronin werden – « einen Moment hielt er inne , und sein schelmischer Seitenblick streifte den Begleiter ; er sah aber nicht , wie der schöne Mann erblaßte , wie er mit zusammengebissenen Zähnen so glühend in das Dickicht starrte , als solle das junge Laub versengen . Er fuhr harmlos fort : » Da kam der Vetter der Prinzessin , der Regierende , und begehrte ihre schöne Hand . Die schönen , schwarzen Augen vergossen bittere Thränen , schließlich siegte aber doch das stolze Fürstenblut über die Liebesleidenschaft , und die Prinzessin ließ es geschehen , daß man ihr die Herzogskrone auf die prächtigen , dunklen Locken setzte ... Hand aufs Herz , Mainau , « unterbrach er sich lebhaft , » wer mochte ihr das damals verdenken ? Höchstens die Sentimentalen ! « Mainau legte die Hand nicht aufs Herz , er erwiderte auch nichts – zornig knickte er einen jungen Zweig ab , der so keck gewesen war , seine Wange zu berühren , und schleuderte ihn von sich . » Wie mag ihr heute das Herz klopfen ! « sagte Rüdiger nach einer kurzen Pause – er wollte sichtlich das interessante Thema um keinen Preis fallen lassen . » Die Witwentrauer ist zu Ende ; dem Fürstenstolz ist genügt für alle Zeiten , denn die Herzogin ist und bleibt die Mutter des Regierenden – du bist auch deiner Ehefesseln ledig . Alles fügt sich wundervoll ... und jetzt willst du mir weismachen – na wer ' s glaubt ! ... Wir wissen , was sich heute ereignen wird – « » Schlauköpfe , die ihr seid ! « sagte Baron Mainau mit verstellter Bewunderung . Bei diesen Worten traten sie hinaus auf den freien Platz , wo die Wagen standen . Sie gerieten zwischen das Menschengetümmel und hielten sich deshalb mehr auf dem schmalen Uferweg . » He , Bursche , bist du toll ? « rief Mainau plötzlich und nahm einen halbwüchsigen , kräftigen Betteljungen , der in höchst gefährlicher Position auf einem über dem Wasserspiegel schwankenden Ast schaukelte , beim Kragen ; er schüttelte ihn einigemal tüchtig wie einen nassen Pudel und stellte ihn auf die Füße . » Eine kleine Wäsche könnte deinem Pelz nicht schaden , mein Junge , « lachte er und klopfte seine sauber behandschuhten Hände gegeneinander , » ich bezweifle aber , daß du schwimmen kannst . « » Pfui , er war sehr schmutzig , der Bengel ! « sagte Rüdiger sich schüttelnd . » Das war er . Ich kann dich auch versichern , daß ich mich auf dergleichen Berührungen durchaus nicht kapriziere – das sind so rasche , plebejische Sünden der Hand , um welche die Seele nicht weiß . – Ja , da hast du ' s nun wieder – wir haben noch manchen Schritt bis zu jenem erhabenen Moment , wo auch unsere Körpermasse so aristokratisch durchdrungen ist , daß ihr ein solcher Mißgriff unmöglich wird – wie ? Meinst du nicht ? « Rüdiger wandte sich ärgerlich ab ; er beschleunigte aber auch zugleich seine Schritte . » Deine Heldenthat ist drüben auf dem Maienfest gesehen worden , « sagte er hastig . » Vorwärts , Mainau ! Die Herzogin verläßt ihren Platz ... Und da kommt auch schon dein wilder Junge ! « Der kleine Leo umrannte den Teich und lief stürmisch auf den Papa zu . Baron Mainau bog sich einen Augenblick liebkosend über sein Kind und nahm weiterschreitend die kleine Hand in seine Linke . Während man auf dem Maienfest weiterspielte , kam die Herzogin , von mehreren Herren und Damen des Hofes begleitet , langsam wandelnd daher ... Sie hatte auch den schwebenden Gang , die unnachahmlich graziöse Geschmeidigkeit der Kreolin ... Ja , die schwere , düstere Witwentracht war abgestreift , wie die häßliche Puppe von dem hellbeschwingten Schmetterling . Dem Anstand , der Konvenienz war genügt worden bis auf die äußersten Anforderungen – nun endlich durfte auch das Glück kommen , nun durften die Flammen der Leidenschaft rückhaltlos aus den Augen brechen , wie in diesem Moment . » Ich muß schelten , Baron Mainau , « sagte sie mit etwas unsicherer Stimme . » Sie haben mich eben sehr erschreckt durch Ihre rettende That und dann – kommen Sie doch allzu spät . « Er hielt den Hut in der Rechten und verbeugte sich tief . Der Sonnenschein spielte über den braungelockten , rätselvollen Kopf hin , vor welchem die Damen » wie die Lämmer « zitterten . » Ich würde mit Freund Rüdiger versichern , daß ich sehr unglücklich sei , « versetzte er , » allein Eure Hoheit werden mir das sicher nicht mehr glauben , wenn ich sage , wo ich mich verspätet habe . « Die Herzogin richtete ihre Augen groß und befremdet auf sein Gesicht – es war ein wenig bleich geworden , aber sein Blick , dieser selten zu ergründende Blick funkelte ihr in einer Art von wildem Triumph entgegen . Ihre Hand fuhr unwillkürlich nach dem Herzen – die kleine , blasse Rose im Gürtel knickte ab und fiel unbemerkt zu den Füßen des schönen Mannes . Er wartete umsonst auf eine Frage der fürstlichen Frau – sie schwieg , wie es schien , in atemloser Erwartung . Mit einem ehrerbietigen Kopfneigen fuhr er nach einer augenblicklichen Pause fort : » Ich war in Rudisdorf bei meiner Tante Trachenberg und erlaube mir , Euer Hoheit anzuzeigen , daß ich mich daselbst mit Juliane Gräfin Trachenberg verlobt habe . « Die Umgebung stand wie versteinert – wer von ihnen hätte den Mut finden können , dieses momentane furchtbare Schweigen mit einem Laute zu unterbrechen , oder gar einen indiskreten Blick auf das Antlitz der Herzogin zu werfen , die entgeistert die blutlosen Lippen aufeinanderpreßte ? ... Nur ihre Nichte , die junge Prinzessin Helene , lachte unbefangen und mutwillig auf . » Welche Idee , Baron Mainau , eine Frau zu heiraten , die Juliane heißt ! ... Juliane ! ... Puh – eine Urgroßmutter , mit der Brille auf der Nase ! « Er stimmte ein in das heitere Lachen – wie klang das melodisch und harmlos ! ... Das war die Rettung ! Die Herzogin lächelte auch mit todesblassen Lippen . Sie sagte dem Bräutigam einige Worte mit so viel Ruhe und vornehmer Haltung , wie nur je eine Souveränin einen Untergebenen beglückwünscht hat . » Meine Damen , « wandte sie sich darauf leicht und ungezwungen an eine Gruppe junger Mädchen , » ich bedaure , Ihren reizenden Schmuck ablegen zu müssen – der Kranz drückt mich an den Schläfen . Ich muß mich für einen Augenblick zurückziehen , um die Blumen zu entfernen ... Auf Wiedersehen beim Diner ! « Sie wies die Begleitung der Hofdame zurück , welche ihr behilflich sein wollte , und trat in ein Haus , dessen Thür sie hinter sich schloß . Lilienweiß war ja ihr Gesicht zu allen Zeiten , und die berühmt schönen Augen hatten so oft jenen heißen Glanz , der an das fiebernde Blut des Südländers denken läßt – sie hatte wie immer gütig lächelnd und grüßend gewinkt und war wie eine schwebende Fee hinter der Thür verschwunden ... Niemand sah , daß sie drinnen sofort wie eine vom Sturm niedergerissene Tanne auf den teppichbelegten Boden hinschlug , daß sie , wahnwitzig auflachend , den Kranz aus dem Haare riß und in wildem thränenlosen Schmerz die feinen Nägel in die seidene Wanddraperie krallte ... Und dazu nur eine kurze , streng zugemessene Spanne Zeit , um die Qual austoben zu lassen – dann mußten diese verzerrten Lippen wieder lächeln und alle die Hofschranzen draußen glauben machen , daß das kochende Blut friedlich und leidenschaftslos in den Adern kreise . Währenddem stand Baron Mainau , seinen Knaben an der Hand , am Ufer und beobachtete , scheinbar amüsiert , den Tumult bei der Wagenburg . Man hatte ihn beglückwünscht ; aber es war wie eine Lähmung über die gesamte Hofgesellschaft gekommen – er sah sich sehr rasch allein . Da stand plötzlich Rüdiger an seiner Seite . » Eine furchtbare Rache ! Eine eklatante Revanche ! « murmelte der Kleine – in seiner Stimme bebte noch eine Schwingung des Schreckens . » Brr – ich sage mit Gretchen : › Heinrich , mir graut vor dir ! ‹ ... Gott steh ' mir bei ! Sah man je einen Menschen , der seinem gekränkten Mannesstolze so grausam , so raffiniert , so unversöhnlich ein Opfer hinschlachtete , wie du eben gethan ? ... Du bist tollkühn , entsetzlich – « » Weil ich in nicht ganz gewöhnlicher Form , zur geeigneten Zeit erklärt habe : › Nun will ich nicht ? ‹ ... Glaubt ihr , ich werde mich heiraten lassen ? « Der kleine Bewegliche sah ihn eingeschüchtert von der Seite an – dieser sonst so formvollendete Mainau war doch manchmal zu rauh , um nicht zu sagen grob . » Mein Trost dabei ist , daß du unter den grausamen Maßregeln deines unbändigen Stolzes selbst schwer leidest , « sagte er nach einem kurzen Schweigen , doch fast trotzig . » Du wirst mir zugeben , daß ich das einzig und allein mit mir auszumachen habe . « » Mein Gott , ja ! ... Aber nun – was nun weiter ? « » Was weiter ? « lachte Mainau . » Eine Hochzeit , Rüdiger . « » Wahrhaftig ? ... Du hast ja nie in diesem Rudisdorf verkehrt – ich weiß es ganz genau ... Also eine schleunigst acquirierte Braut aus dem Almanach de Gotha ? « » Erraten , Freund . « » Hm – von erlauchtem Geschlecht ist sie , aber , aber – Rudisdorf ist , wie man weiß , jetzt – verödet ... Wie sieht sie denn aus ? « » Guter Rüdiger , sie ist eine Hopfenstange von zwanzig Jahren mit rotem Haar und niedergeschlagenen Augen – mehr weiß ich auch nicht . Ihr Spiegel wird das besser wissen ... Bah , was liegt daran ? ... Ich brauche weder eine schöne , noch eine reiche Frau ; nur tugendhaft muß sie sein – sie darf mich nicht inkommodieren durch Handlungen , für die ich mit einstehen müßte – du kennst ja meine Ansichten über die Ehe . « Jenes stolz grausame Lächeln , das vorhin die Herzogin erbleichen gemacht , zuckte wieder über sein Gesicht hin – offenbar in der Erinnerung an die » eklatante Revanche « . » Was bleibt mir übrig ? « sagte er nach kurzem Schweigen mit frivoler Leichtigkeit . » Der Onkel hat mir Leos Hofmeister Knall und Fall fortgejagt , weil er nachts im Bette las und konsequent knarrende Stiefel trug , und die Erzieherin hat die üble Gewohnheit , entsetzlich zu schielen und im Vorübergehen Konfekt von den Platten zu naschen – sie ist unmöglich . Ich aber will in der Kürze nach dem Orient gehen , ergo – brauche ich eine Frau daheim ... In sechs Wochen vermähle ich mich – willst du mein Trauzeuge sein ? « Der Kleine trippelte von einem Fuß auf den anderen . » Was will ich denn machen ? Ich muß wohl , « versetzte er endlich halb zornig , halb lachend ; » denn von denen dort « – er deutete nach einer Gruppe flüsternder und herüberschielender Kavaliere – » geht dir keiner mit – darauf kannst du dich verlassen . « » Du , Gabriel , « sagte gleich darauf der kleine Leo aufgeregt zu dem weißgekleideten Knaben , » die neue Mama , die kommt , ist eine Hopfenstange – hat der Papa gesagt – und rote Haare hat sie wie unser Küchenmädchen ... Ich kann sie nicht leiden ; ich will sie nicht haben – ich schlage mit der Gerte nach ihr , wenn sie kommt . « 3. » Liane , da sieh her ! Raouls Brautgeschenk ! – Sechstausend Thaler wert ! « rief die Gräfin Trachenberg in das Zimmer herein – dann rauschte die über die Schwelle . Der Salon , in welchen sie trat , lag parterre in einem Seitenflügel des stolzen Schlosses . Seine ganze Vorderseite sah aus wie eine riesige , hier und da von feinem Bleigeäder und sehr schmalen Thürpfeilern unterbrochene Glasscheibe , welche einzig und allein das Fußgetäfel des Zimmers von der draußen in grandiosem Stil sich hinbreitenden Terrasse schied . Ueber das Terrassengeländer hinaus sah man auf breite Rasenflächen , durchschnitten von Kieswegen , deren Kreuzpunkte weiße Marmorgruppen bezeichneten . Dieses elegante Parterre umschloß ein Gehölz , scheinbar undurchdringlich wie ein Wald und gerade der Mittelthür des Salons gegenüber von einer schnurgeraden , fast endlos tiefen Allee durchlaufen , welche ein hochaufspringender , im Maienlicht funkelnder Wasserstrahl vor dem fernen blauduftigen Höhenzug abschloß . Das Ganze – Schloß und Garten – war ein Meisterstück in altfranzösischem Geschmack ; aber ach – aus dem Steingefüge der Terrasse stiegen keck und verwegen ganze Schwärme gelber Mauerblümchen , und die unvergleichlich schön modellierten Rasenflächen sträubten sich in despektierlich wuchernden Unkrautbüschen und fingen an , in die Wege auszulaufen ; die breite Kiesbahn der Allee aber deckte bereits das intensivste Smaragdgrün ... Und auf was alles mußten erst die prachtvollen Stuckfiguren des Plafonds im Gartensalon niedersehen ! ... Sie waren abscheulich blind und wackelig , diese Rokokomöbel an den Wänden ; sie waren vor langen Zeiten als unmodern aus den brillanten Schloßräumen verstoßen worden und hatten alle Stadien der Demütigung durchlaufen müssen bis in die Stallknechtstuben hinab , wo sie dem Sand und Strohwisch verfielen und abgescheuert wurden ... Nun standen sie wieder da auf dem Parkett , hohnlächelnde Zeugen der unerbittlichen Konsequenzen eines herausgeforderten Schicksals . Alle die Prachtmöbel , die sie einst verdrängt , die kostbaren Spitzengardinen , die Bilder , Uhren , Spiegel , die nach ihnen gekommen , waren dem Hammer verfallen – sie wanderten hinaus nach allen vier Winden , und nur das alte verachtete Gerümpel durfte bleiben und wurde ängstlich reklamiert ; denn es gehörte zum Fideikommiß und durfte nicht verkauft werden , als – die Sequestration über sämtliche Güter des Grafen Trachenberg verhängt wurde . Das war vor vier Jahren geschehen – » ein schmachvolles Zeichen der ruchlosesten Zeit , ein empörender Sieg des Kapitals über das Ideale , den ein gerechter Himmel nie hätte zugeben sollen , « sagte die Gräfin Trachenberg immer . Inmitten des Gartensalons stand eine lange eichene Tafel , an deren einem Ende eine Dame von auffallender Häßlichkeit saß . Fast schreckerregend wirkte der große Kopf mit dem starren , entschieden roten Haar und der vollkommensten Negerphysiognomie unter der zwar zarten , weißen , aber mit Sommersprossen bedeckten Haut . Nur die Hände , die so emsig arbeiteten , waren von leuchtender Schönheit , wie Marmorgebilde . Sie drehte einen blauen Syringenzweig zwischen den Fingerspitzen – man meinte , der Duft müsse von der Blütendolde fliegen und das Zimmer erfüllen , so frisch gebrochen schwankte sie am Stengel ; aber dieser Stengel wurde eben mit einem feinen , grünen Papierstreifen umwickelt – es war eine künstliche Blume . Beim Eintritt der Gräfin Trachenberg fuhr die Dame erschrocken zusammen ; die Blume flog auf die Werkzeuge , und mit eiligen Händen wurde ein weißes Tuch über die Zeugen der Arbeit geworfen . » Ach – die Mama ! « stieß ein junges Mädchen halb murmelnd heraus . Es stand am anderen Ende der Tafel , mit dem Rücken zur Thür . Ueber diesen Rücken hinab fiel es im flammenden Schein wie ein Mantel – die junge Dame hatte das Haar bis an den Scheitel aufgelöst ; gleichmäßig , ohne sich in einzelne Strähnen zu teilen , hing das unglaublich reiche , stark