Blaubart . Von E. Marlitt . Vor der kleinen Tür , deren eisernes Gitter einen schmalen Einblick in den Garten gewährte , hielt ein Einspänner . Das elende Fuhrwerk war eben in fliegender Eile die Chaussee herabgerasselt und hatte somit bewiesen , daß der häßliche , alte Gaul an der Deichsel und der gelb angestrichene Kutschkasten doch noch nicht so mürbe und lebensmüde seien , wie es den Anschein hatte . Für das verschrumpfte , staubige Lederverdeck war der Gewitterregen , der unaufhaltsam herniederströmte , augenscheinlich eine lange nicht genossene Wohltat ; der hinten aufgebundene elegante Koffer dagegen gewann sicher nicht durch die schwarzgefärbten Bäche , die aus den steifen Lederfalten auf seinen hellen Deckel herabrannen , und der Gaul protestirte durch Schnauben und ohnmächtiges Stampfen gegen das unfreiwillige Bad . Er hätte von seinem Lenker lernen können , wie man sich mit Ruhe und Würde in das Unvermeidliche fügt ; der dickköpfige Bursche auf dem Kutschersitz klatschte energisch mit der Peitsche und wartete dann geduldig unter der triefenden Mütze auf den Effect seiner Armbewegung . Aber auch die Insassen des Wagens schienen nicht zu harmoniren mit diesem wahrhaft spartanischen Gleichmuth gegen äußere Unbill ; denn als auch die letzte Schwingung des Peitschenknalles drüben an dem Berge verhallt war und hinter der Gartentür nichts sich rührte und bewegte , als der Regen , der klatschend auf die riesigen Rhabarberstauden niederfiel , da erschien eine schmale Damenhand unter dem Lederbehang , der die Fensteröffnung des Wagens bedeckte . Die feinen Finger , die ein silbergrauer Handschuh so elfenbeinglatt umschloß , daß selbst die zierliche Mandelform der Nägel sich abzeichnete , wurden offenbar von Ungeduld dirigirt ; sie gaben sich alle erdenkliche Mühe , den steifen Riemen zu lösen , mittels dessen draußen das Lederstück befestigt war – vergebens . Die Hand zog sich endlich wieder zurück und die Art und Weise , wie sie sich blitzschnell zu einer allerliebsten kleinen Faust zusammenbog , ließ auf einen bedeutenden Grad von Unmuth schließen . Zu gleicher Zeit hielt es aber auch der Kutscher für angezeigt , sein Signal zu wiederholen , und diesmal blieb es nicht ohne Erfolg . Eine feine Türklingel ertönte , dann näherten sich rasche Schritte über den knirschenden Kies ; ein roter , baumwollener Regenschirm erschien hinter der Gartentür und unter demselben ein hagerer , alter Mann in gestreifter Weste , einem altmodischen , bis auf die Fersen reichenden Rock und das eigentümlich breitgedrückte , grundhäßliche Gesicht zwischen zwei steife Vatermörder geklemmt , die ihn zwangen , gleich dem Krokodil , jeder Kopfschwenkung seine gesammte Persönlichkeit hinzuzufügen . Nach einem prüfenden Blick durch das Gitter öffnete er die Tür , nahm sogleich den widerspenstigen Riemen in Angriff und rief in respectvollem Ton nach dem Garten zurück : „ Ja , ja , es ist richtig , Frau Hofrätin , es ist der Christian aus Neudorf . “ Sofort trat eine große , stattliche Frau in die Tür . Ihre starken , dunkelgefärbten Züge zeigten unverkennbar freudige Erregung und Erwartung , aber beim Anblick des kläglichen Fuhrwerkes verschwand dieser Ausdruck augenblicklich . Die gerötete Stirn wurde noch dunkler und um den Mund , den der Anflug eines schwarzen Bärtchens beschattete , flog ein Zug heftigen Verdrusses . „ Ei , da soll mich doch Gott bewahren ! “ fuhr sie den erschrockenen Burschen auf dem Kutschersitz an . „ Ist denn Dein Herr verrückt ? Schämt er sich nicht , eine junge Dame von Stande in solch ’ einen erbärmlichen Rumpelkasten zu stecken ? In solch ’ eine Mäuseherberge ? “ Während dieses Zornausbruchs hatte der Mann mit dem roten Regenschirm den widerspenstigen Riemen gelöst , der Lederbehang und die Wagentür wurde zurückgeschlagen . Ein reizendes Füßchen erschien , aber es vermied den Wagentritt ; wie aus der häßlichen Puppe der Schmetterling , so flog eine leichte Mädchengestalt aus der altfränkischen Kutsche auf den Boden , und sogleich schlangen sich zwei Arme , um den Hals der scheltenden Frau Hofrätin . „ Sei nicht böse auf den guten , alten Postmeister , Tante Bärbchen ! “ bat das junge Mädchen , und in seiner Stimme mischte sich mit dem Schluchzen der Wiedersehensfreude ein Anflug von Schalkheit . „ Er wollte mich durchaus nicht weiter befördern , weil sein ganzes vierfüßiges Regiment in Begleitung sämmtlicher respectablen Postkutschen ausgerückt war ; aber ich sehnte mich fast zu Tode hierher zu kommen und bat und bettelte so lange , bis er brummend dies Prachtstück aus der Remise brachte , wo es seit vielen Jahren seine verlorene Jugend betrauert . Tantchen , liebes , gutes Tantchen – und Mäuse sind ganz gewiß nicht drin , sonst wäre ich doch lieber zu Fuße nebenher gelaufen . “ Und Tante Bärbchen lachte und umschlang das junge Mädchen . Bei dieser Gelegenheit sehen wir , daß ein Aermel ihres derben , carrirten Gingham-Hauskleides schlaff an der Seite niederhängt , der linke Arm fehlt ; doch mit der Rechten , die zugleich einen triefenden Regenschirm hielt , drückte sie die zarte Gestalt innig an ihre Brust und es sah merkwürdig genug aus , als sich ihr großer , kräftig geformter Kopf mit den fast männlich kühnen Zügen über das sonnige , weiße Gesichtchen neigte , das unter Thränen lachend emporblickte . „ Na , nur schnell hinein in ’ s Haus ! “ mahnte sie . „ Da hat mein Schirm schöne Straßen über Dein Kleid laufen lassen ! Muß es denn aber auch gerade Seide sein auf der Reise ? Und noch dazu Seide über einen so fürchterlichen Luftballon gespannt ! [ 418 ] Und wie willst Du denn über den nassen Kies kommen mit den Papiersöhlchen an den Füßen ? … Sauer wird Dich tragen müssen . “ Der Mann mit dem roten Regenschirm näherte sich sofort und breitete mit dem tiefsten Ernst seine langen Arme aus , aber das junge Mädchen floh lachend in den Garten . In demselben Augenblick brauste eine elegante Equipage heran . Hinter den Spiegelscheiben des Wagenfensters hingen fest zugezogene , seidene Gardinen und auf dem Bock neben dem Kutscher saß ein Neger in Livree . Der Kutscher fuhr mit der ganzen Rücksichtslosigkeit seiner Classe , sobald sie einen reichen oder vornehmen Herrn hinter sich im Wagen weiß . Offenbar hatte er das Gefühl eines Souverains auf der breiten Chaussee , denn er fuhr so dicht an der altersschwachen Postkutsche vorüber , als existire sie ebensowenig wie der Bauernknecht , der mittlerweile vom Bock herabgestiegen war und sich bei seinem Pferd zu schaffen machte . Nur mittels eines gewaltigen Sprunges rettete der entsetzte Bursch seine gesunden Glieder vor den Pferdehufen und Rädern der vornehmen Equipage . Er brachte vor Schrecken kein Wort heraus , aber es war auch gar nicht nötig , die Frau Hofrätin stand bereits neben ihm und schien den Kampf für ihn aufnehmen zu wollen . „ Ist das auch eine Art ? “ rief sie mit kräftiger , weithin schallender Stimme dem Kutscher nach . „ Ich werde Ihm die Polizei auf den Hals schicken für seine Unverschämtheit ! “ Der Kutscher fuhr unbeirrt weiter ; der Neger jedoch wandte sich um und zeigte hohnlachend seine zwei Reihen blendend weißer Zähne . Gleich darauf verschwand der Wagen in der Einfahrt der angrenzenden Besitzung . „ Das hat man davon , wenn solch ’ ein erbärmlicher Kasten vor der Tür hält ! “ wandte sich die Dame grimmig an ihren Diener , dem ein Paar kleiner , roter Flecken der Entrüstung über den Vatermördern glühten . „ Das war wieder einmal Wasser auf die Mühle da drüben ! … Mach ’ Er , daß Er in ’ s Haus kommt , Sauer , “ fuhr sie beruhigter fort , „ und hole Er dem Burschen da ein Glas Wein ; der Schreck ist ihm in die Glieder gefahren , er sieht ja fast noch wackeliger aus , als seine alte Kalesche . “ Sauer eilte fort und auch die Hofrätin trat in den Garten zurück . Der Regen hatte plötzlich nachgelassen ; es rieselte fein hernieder und nur noch von den Zweigen tropfte es klatschend und schwerfällig . Die eben angekommene junge Dame hatte sich während des Vorfalls auf der Chaussee unter einen dichtbelaubten Baum geflüchtet und sah mit großen , erstaunten Augen auf ein neues Haus , das seine glänzend weißen Mauern jenseit des hohen Gartenzauns erhob . „ Lilli , Du bist und bleibst doch ein Leichtsinn ! “ schalt die Tante . „ Weißt Du denn nicht , daß das der zugigste Platz im ganzen Garten ist ? … Ich bitte Dich , Kind , “ fuhr sie erregt fort , indem sie den Blick des jungen Mädchens auffing , „ sieh nicht dort hinüber . Ich stelle Dir die eine Bedingung – aber in allem Ernst – daß Du während Deines Hierseins tust , als höre da drüben mit dem Zaun die Welt auf . … Was dort lärmt , schwatzt und geigt , darf nicht für Dich existiren , wenn wir gute Freunde bleiben wollen ; hast Du mich verstanden , Lilli ? “ Die junge Dame öffnete ihre Augen noch weiter , aber sogleich flog ein reizendes Lächeln um ihre Lippen , sie verbeugte sich und legte die Hände auf Augen und Ohren , zum Zeichen , daß sie blind und taub sein wolle . „ Vorläufig sollst Du wissen , “ sagte die Hofrätin und deutete mit dem Schirm nach dem neuen Haus , „ daß da drüben täglich ein neuer Nagel zu meinem Sarg geschmiedet wird . … Jetzt laufe , daß Du in ’ s Haus kommst … Nimm doch Dein Kleid in die Höhe ; siehst Du denn nicht , daß der Buchsbaum schwimmt und den Firlefanz auf Deinem Rock jämmerlich zurichtet ? “ Lilli warf einen schelmischen Seitenblick auf die stattliche , kernfeste Gestalt der Tante – die Sargarbeit derer da drüben gedieh anscheinend nicht besonders – dann schürzte sie ihr Kleid , sprang den ziemlich steilen Kiesweg hinauf , der nach dem Hause führte , nahm eine dicke , wohlgenährte Katze , die eben träge durch die Hausflur schlich , bei den Vorderpfoten und tanzte so lange mit ihr herum , bis die Tante lachend , aber mit drohend gehobenem Zeigefinger in der Tür erschien und eine alte Köchin entsetzt aus der Küche stürzte , um ihren am Asthma leidenden Liebling der übermütigen Tänzerin zu entreißen . Die Hofrätin Falk hatte bei den Bewohnern der Stadt R. einen großen Stein im Bret . War auch die Art und Weise , wie sie den Leuten die Wahrheit in ’ s Gesicht zu sagen pflegte , nicht gerade die feinste und schmeichelhafteste und hatte sie die üble Gewohnheit , sich stets mit großer Energie und Entschiedenheit Derjenigen anzunehmen , deren guter Leumund auf dem Marterrost kleinstädtischer Klatschzungen lag , so fielen diese Schattenseiten doch nur leicht in ’ s Gewicht der seltenen Großmuth gegenüber , mit der diese Frau von ihrem bedeutenden Reichtum Gebrauch machte . Der Bedrückte fand stets ihre Hand und Tür offen , ihre Freunde konnten in Verlegenheit und übler Lage unverrückbar auf ihre Hülfe und ihr Schweigen zählen , und weil in der ganzen Stadt kein Kind zu finden war , das nicht wenigstens einmal Obst und Kuchen bei der Frau Hofrätin gegessen und sich auf den Rasenplätzen ihres Gartens herumgetummelt hatte , so war es wohl sehr natürlich , daß sie eine Allerweltstante wurde . Der vornehm klingende Titel wollte durchaus nicht über die Lippen der Kleinen , desto leichter aber wurde ihnen das traute „ Tante Bärbchen “ . Und diese Frau mit dem Herzen voll Liebe und Erbarmen , mit dem starken , unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn , sie hatte diese Welt betreten , lieblos verkürzt in ihren natürlichsten Rechten : sie wurde nur mit einem Arm geboren . Die böse Welt suchte diese Missetat der Natur in Einklang zu bringen mit dem göttlichen Gesetz : „ Ich will die Sünden der Väter heimsuchen an den Kindern . “ Man raunte sich zu , der Vater der Unglücklichen habe einem armen Mädchen die Ehe versprochen und sich dabei vermessen , der Allmächtige solle ihn an Armen und Beinen strafen , wenn er sein Wort nicht halte . Er habe den Schwur gebrochen und das einarmige Kind sei die notwendige Erfüllung des göttlichen Drohwortes . Beschwören konnte indeß Niemand dies Gerücht , das auch niemals bis zu den Ohren der armen Verkürzten gedrungen war . Sie blieb das einzige Kind ihres Vaters , der sie vergötterte und dem auch sie anhing mit der ganzen Liebe , deren ihr Herz fähig war . Um ihn über ihre Zukunft zu beruhigen , reichte sie an seinem Sterbebette in ziemlich vorgerückten Jahren dem Hofrat Falk , einem alten Hausfreund , ihre Hand . Aber auch er starb nach einer kurzen , glücklichen Ehe und fortan lebte sie als Wittwe in ihrem väterlichen Hause , umgeben von zwei musterhaften Inventarstücken desselben , dem alten Bedienten Sauer und der sechszigjährigen Köchin Dorte . Das Haus lag außerhalb der Stadt . Die Chaussee , die hart an dem alten , mit einem häßlichen Turm gekrönten Stadtthor begann , mußte eine beträchtliche Strecke laufen , bevor sie den Berg erreichte , der , droben jäh emporsteigend , seinen greisenhaften , unbedeckten Scheitel aus einem Kranz prächtiger Buchenwaldung hob , während er drunten gleichsam ein Knie vorbog , auf welchem das Haus der Hofrätin lag . Es war alt und unschön . Ein ungeheures Ziegeldach mit zwei mächtigen Schornsteinen saß so anspruchsvoll auf der einstöckigen Fronte , als sei sie lediglich um seinetwillen da . Einige dickstämmige Weinstöcke umspannen zwar die Wände , aber sie vermochten nicht ganz , einzelne Streifen der schmucklosen , weißen Tünche und die vom Alter braungefärbten Holzrahmen der Fenster zu verstecken . Und doch lag es so traut und heimlich da , gleichsam auf den grünen Pfühl des Waldes gebettet , der seinen Atem darüber hinwehte , jenen Hauch der Romantik , in den sich auch alte , versteckte Jagdschlösser einspinnen … Trat man auf der Talsohle weit zurück , so daß man die ganze untere Breite des Berges übersehen konnte , dann erhielt freilich das alte Haus einen Gegner , der höhnisch alle Schattenseiten des verunglückten Baues , alle Sünden seines Schöpfers hervorhob . Auf demselben Vorsprung des Berges , nur durch einen hohen lebendigen Zaun von Tante Bärbchens Besitzung getrennt , erhob sich die brillante Façade eines neuen Hauses . Ein viereckiger , stumpfer Turm an der Südseite überragte das beinahe flache Dach des Hauptgebäudes um eines Stockwerkes Höhe . Droben schwebte zart durchsichtig wie Spinnengewebe eine zierliche Galerie um die Zinne , und die vier Fenster , die fast die ganzen Wandbreiten des Turmes einnahmen , zeigten in blendendem Farbenschmelz kostbare Schildereien aus buntem Glas . Fast schien es , als verhauche die nordische Luft ihre ganze Kühle und Schärfe an der trennenden grünen Hecke . In Tante Bärbchens Garten strich sie über ehrliche deutsche Kraut- und Kohlhäupter , über ungekünstelten Graswuchs [ 419 ] voller hochaufgeschossener Wiesenblumen , und drüben flüsterte sie in den verlockenden Zweigen des Lorbeers , in den Kronen dunkler Granat- und Orangenbäume , die ihre leuchtenden Blüten auf die Terrasse vor dem Hause und die in den Garten hinabführende breite Steintreppe schüttelten . Drüben rauschte das Brunnenwasser aus der einfachen Holzröhre in eine uralte , grünbemooste Steinmulde , und hier sprangen Fontainen und spritzten ihre Silbertropfen auf den duftig grünen Flaum des englischen Rasens , auf eine wahrhaft orientalische Rosenpracht … Man meinte , auf jenes alte Dach , das sich vertraulich an die Buchenwipfel schmiegte , auf dessen Ziegeln große Büschel Hauswurz nisteten und das zahllose Schwalbennester beschirmten , den ernsten Schatten der deutschen Sage gleiten zu sehen , während drüben ein Stück heiterer , südlicher Poesie waltete . Früher stand da , wo sich jetzt das neue Haus erhob , ein Gebäude , das dem Haus der Hofrätin glich , wie ein Ei dem andern . Vor Zeiten existirte auch die grüne Hecke nicht . An ihrer Stelle lief eine schöne Kastanienallee den Berg hinab und mündete drunten vor einem hohen Thor , dem einzigen in der ganzen , großen Umfangsmauer . In den Häusern wohnten zwei Vettern , Hubert und Erich Dorn mit ihren Familien . Sie waren sehr angesehen in der Stadt und galten für steinreich . Ihr musterhaftes Zusammenleben war zum Sprüchwort geworden ; nie fiel ein Wort des Streites zwischen den zwei Männern . Die Kinder liebten und zankten sich , und die Mütter waren weise genug , Kläger und Beklagte allein fertig werden zu lassen . Der Garten wurde gemeinschaftlich benutzt und zur Sommerzeit aß man stets vereint in dem großen Pavillon , der zu Anfang der Allee stand … Da trat plötzlich eine schwarze Wolke über die beiden Häuser der Eintracht . Ein neuer Geist zog ein und ein fahles Gespenst , der Neid , heftete sich an seine Fersen und folgte ihm unhörbar , als er über die Schwelle schritt . Es war die Sammelleidenschaft , von der die beiden Familienoberhäupter mit einem Mal besessen wurden . Sie nahm liebe Familienbilder von den Wänden und hing dafür alte , verdunkelte Oelgemälde auf ; die geliebten Leinenschränke der Hausfrauen wurden in entfernte Winkel gerückt , an ihre Stelle traten hohe Glaskästen mit Mordwaffen aller Arten und Zeiten , vor denen sich die Frauen- und Kinderseelen entsetzlich fürchteten . Das alte Aegypten kehrte ein unter den gemütlichen Thüringer Dächern , und über seinen unverstandenen Hieroglyphen vergaßen die Sammler , weiter zu forschen im Reich der lebendigen Zungen , in ihren wohlausgestatteten Bibliotheken . Anfänglich lachten die beiden Frauen über die urplötzliche Sammelwuth ihrer Eheherren . Allmählich aber überschlich Bangigkeit ihr Herz , wenn die sonst so friedliebenden Männer heftig wurden im Streit über den Wert oder Unwert einer neuen Acquisition ; wenn der blasse Neid in den Zügen des Einen und Schadenfreude triumphirend in denen des Anderen erschien ; wenn Jeder bei Erlangung einer heißersehnten Antiquität sofort frohlockend in den Ausruf ausbrach : „ Was der da drüben wohl dazu sagen wird ! “ Die Zänkereien wurden immer heftiger und erbitterter und die Versöhnungsmomente seltener und kürzer . Es geschah auch wohl , daß beide Männer im leidenschaftlichen Wortwechsel beim Mittagstisch aufsprangen . Dann schlug der leicht aufbrausende Erich , die bleichen , entsetzten Gesichter der Frauen und Kinder nicht beachtend , mit der Faust auf den Tisch , daß Teller und Gläser klirrten , und stürzte zornsprühend aus dem Pavillon … Der Schatten der ausgestoßenen Eintracht irrte noch eine Zeitlang wehklagend durch den Garten und entfloh dann für immer … Es ereignete sich nämlich , daß ein entfernter Verwandter von Hubert ’ s Frau starb ; sie war Universalerbin . Nebst vielen Capitalien und Kostbarkeiten fiel ihr auch ein Oelbild zu , ein herrlicher van Dyk . Sie machte es ihrem Mann zum Geschenk , der es stolz und frohlockend seiner Sammlung einreihte . Aber gerade diese Sammlung war der Zankapfel zwischen den beiden Vettern ; ihre Zusammenstellung zeigte von keinem besonderen Kennerblick , es war viel Spreu darunter . Diese Schwächen hob Erich , der selbst nicht übel malte , stets mit bitterem Hohn hervor ; seine Sammlung verriet freilich ein feines , kritisches Auge . Nun aber stürzte sein Triumph zusammen wie ein Kartenhaus , als da drüben unter den so oft angefochtenen Copieen plötzlich das kostbare Original erschien ; er selbst besaß keinen van Dyk . Mit erblichenem Gesicht – Hubert behauptete stets , es sei von Wuth und Ingrimm verzerrt gewesen – stand er vor dem Bilde ; all ’ sein Forschen und Prüfen führte immer wieder zu der schmerzlichen Ueberzeugung , daß es echt sei . Mit verdunkeltem Auge sah er Freunde und Bekannte in das Haus da drüben strömen , Jeder wollte das wunderholde Mädchenantlitz sehen , das die längst erstarrte Meisterhand auf die Leinwand gezaubert hatte . Er aß und schlief nicht mehr . Jede Begegnung mit dem Vetter , der stets von dem Bild zu reden anfing , versetzte ihn in fieberhafte Aufregung ; er floh zuletzt scheu seinen Anblick , es war ihm unmöglich , jenem Auge zu begegnen , aus welchem der Triumph glänzte … Eines Morgens scholl ein Schrei des Schreckens und der Erbitterung durch Hubert ’ s Haus . Da , wo noch gestern zwei süße Mädchenaugen gestrahlt hatten , starrte jetzt die leere Wandfläche hernieder – das Bild war verschwunden . Hubert war außer sich . Er schwur darauf , daß sein Kleinod sich nur um ein Haus weiter verirrt habe , und forderte es geradezu von Erich zurück . Es kam zwischen den beiden Männern zu einem fürchterlichen Auftritt , der nun auch die Leidenschaft in den weiblichen Gemütern aufrüttelte . Noch nie hatte die Furie der Zwietracht so fessellos durch die zwei Häuser getobt , als in dieser unheilvollen Stunde . Die Streitenden stoben , nachdem von beiden Seiten entsetzliche Worte gefallen waren , auseinander . Zum letzten Mal für dieses Leben , und zwar in einem zornfunkelnden Blick , begegneten sich die Augen , klangen in gegenseitigen Schmähungen die Stimmen aneinander … Noch an demselben Tage erschienen Arbeiter in der Allee ; sie rammten genau in der Mitte derselben Pfähle in die Erde ein , die Kastanienbäume fielen unter der Axt ; es wurden Sträucher dicht aneinander gepflanzt , und von diesem Moment an liefen die Kinder von beiden Seiten täglich mit der Gießkanne herzu und gossen fleißig und beharrlich , damit die Reiser wachsen sollten , „ wachsen bis in den Himmel , “ meinten sie . So entstand die grüne Hecke , und wie sie ihre Wurzeln tief in die Erde senkte und droben ausschlug und trieb , so klammerte sich der Haß um die Herzen der Kinder und wuchs mit ihnen . Es änderte auch nichts an diesem unnatürlichen Verhältniß , als Erich wenige Jahre nach jenen Vorfällen , vom Schlag getroffen , plötzlich starb . Seine Witwe , die ihn leidenschaftlich geliebt hatte , sah man nach seinem Tode nie wieder lächeln . Mit der tiefsten Erbitterung gedachte sie stets „ Derer da drüben “ , die seine letzten Lebensjahre umdüstert und seine Ehrenhaftigkeit mit einem Makel zu behaften gesucht hatten . Noch im hohen Alter war diese Wunde nicht verharscht ; ihre Augen , die längst keine Thränen mehr hatten , sprühten unversöhnlichen Haß , wenn sie ihrem einzigen Enkelkind – das war Tante Bärbchen – die Unglücksgeschichte immer und immer wieder erzählte . Das Kind lernte schon mit seinen ersten Gedanken das „ Drüben hinter der Hecke “ fürchten , und daß auch dort der Haß im Atem blieb und forterbte , davon erhielt die Kleine eines Tages einen eclatanten Beweis . Auch Hubert hatte Enkel ; sie wurden vornehm erzogen und hatten eine französische Gouvernante . Der Lärm der spielenden Kinder scholl hinüber in den stillen Garten , wo das einsame Bärbchen seine Puppen herzte , oder den Schmetterlingen nachlief , selbst bis an den gefürchteten Gartenzaun , über den sie , zu des Kindes Erstaunen , sorglos hinflogen . Dann verweilte sie auch wohl einen Augenblick und horchte verwundert den fremdklingenden Lauten , in denen sich die Kinder unterhielten . Einmal stand sie auch da und lauschte . Da rauschte es über ihr ; die oberen Zweige der Hecke bogen sich auseinander , und ein trotziges Knabengesicht , aus dem zwei dunkle Augen übermütig auf sie niederfunkelten , drängte sich durch das Grün . Er starrte die erschrockene Kleine einen Augenblick an , dann schnitt er eine abscheuliche Grimasse . „ Ach , bist Du ein häßliches Mädchen ! “ rief er . „ Hast ja nur einen Arm ! Das ist Gottes Gericht , sagt meine Großmama immer … Ihr habt ja doch das Bild drüben … Bilderdieb , Bilderdieb ! “ Tante Bärbchen errötete noch in ihren alten Tagen , wenn sie daran dachte , daß sie in jenem Augenblick zornig einen Stein aufgehoben und ihn nach dem Knabenkopf geschleudert hatte , der hohnlachend , aber blitzschnell bei der drohenden Gefahr hinter der Hecke verschwunden war . Dieser Vorfall hatte einen unauslöschlichen Eindruck auf sie gemacht ; auch in ihrem Gemüt faßte die Erbitterung jetzt Wurzel ; der Groll rückte abermals um eine Generation weiter , und die Enkel neigten so wenig zur Versöhnung , wie ehemals die erzürnten Großväter . [ 420 ] Die Jahre vergingen . Hubert ’ s Nachkommenschaft sank im blühenden Alter in ’ s Grab bis auf den Einen , der Tante Bärbchens Kinderherz so tief verwundet hatte . Er heiratete eine junge Dame aus vornehmer Familie und siedelte nach siebenjähriger Ehe auf den Wunsch seiner geld- und adelstolzen Frau aus der kleinen Stadt in eine große Residenz über . Haus und Garten wurden vermietet , und nun faltete der finstere Dämon , der so lange die beiden Häuser umkreist hatte , seine Flügel zusammen ; es war , als müßten selbst Bäume und Sträucher aufatmen , als drüben der letzte Koffer aus dem Hause getragen wurde . Eine lange Zeit der ungestörten Ruhe folgte jetzt für Tante Bärbchen , bis auf einmal das moderne Haus jenseit der Hecke aufstieg und , eine neue Quelle des Aergers und Streits , höhnend herübersah . Die Hofrätin verlor stets ihre gute Laune auf mehrere Stunden , sobald sie an die verhaßte Nachbarschaft erinnert wurde ; heute aber war selbst die Unverschämtheit der Dienstleute von drüben sofort vergessen und ein strahlendes Lächeln des Wohlgefallens glitt über die Züge der alten Dame , als ihre Augen dem jungen Mädchen folgten , das leichtfüßig vor ihr her nach dem Hause zuflog . Lilli war das Kind ihrer liebsten Jugendfreundin , die sich nach Berlin verheiratet hatte . Soweit das junge Mädchen zurückdenken konnte , hatte sie stets die Sommermonate bei der Hofrätin zugebracht ; denn ihre Gesundheit war immer eine äußerst zarte gewesen und hatte in der kräftigen Thüringer Luft erstarken sollen . Seit drei Jahren waren indeß diese Reisen unterblieben . Lilli ’ s Mutter starb , und in der ersten Zeit des Schmerzes wollte sich der Vater von seinem Kind nicht trennen . Erst jetzt hatte er auf Lilli ’ s inständige Bitten nachgegeben ; sie empfand tiefe Sehnsucht nach der Tante , die ihr stets einen größeren Fond von Liebe entgegengebracht , als die eigene Mutter . Daher ihre Ungeduld , ihre Todesverachtung , mit der sie auf der letzten Eisenbahnstation die sogenannte Mäuseherberge bestiegen hatte . Jetzt lag das junge Mädchen in einem altmodischen , aber bequemen Lehnstuhl . Statt des schwarzseidenen Reisekleides flossen die weichen Falten eines hellen Muslins um die Gestalt , an der augenscheinlich die Thüringer Luft ihre gerühmte Kraft und Stärke umsonst versucht hatte . Man konnte nichts Zarteres sehen , als diese feinen Glieder , die , eben in sich zusammensinkend , schmal und klein zwischen den Polstern ruhten , scheinbar , ohne dieselben zu drücken . Sah es doch fast aus , als ob selbst die dunklen Flechten am Hinterkopf zu schwer seien für den schlanken Hals ; denn das Haupt bog sich stets leicht hintenüber , als zöge es die Wucht der allerdings unglaublichen Haarfülle zurück . In solchen Momenten der Ruhe und Hingebung ahnte wohl Niemand , daß diese weichen Glieder urplötzlich wie mittels Stahlfederkraft Bewegungen voller Energie annehmen konnten , während jene sanfte Neigung des Kopfes zum Ausdruck jugendlichen Uebermutes und Eigenwillens wurde . Ebensowenig ließ sich hinter der leichtgewölbten Kinderstirn , die wie ein weißes Blumenblatt unter den zurückfließenden Haarströmen leuchtete , jener aufgeweckte , willenskräftige Geist vermuten , welcher eine so wunderbare Herrschaft über die zartgebaute Hülle ausübte . Ihre Blicke glitten in diesem Moment langsam und prüfend durch das Zimmer . Sie nickte dann und wann befriedigt mit dem Kopfe und lächelte naiv und vergnügt wie ein Kind , das seine liebsten Spielsachen nach einer Trennung wiedersieht . Ja , es war Alles noch beim Alten ! Da stand das wunderliche Kanapee mit den hohen Beinen und den dicken Federkissen . Sie wußte genau , daß diese vier kolossalen Polster eigentlich in einem Ueberzug von schwerer , grüner Seide steckten , aber Kappen von nicht zu vertilgendem , derbem Gingham bedeckten die veraltete Pracht . Die roten und blauen Hyacinthen dort auf den zwei blankgebohnten Kommoden hatten nichts von ihrer Schönheit eingebüßt – kein Wunder , sie waren ja genau von demselben Stoffe wie der kleine Dorfcantor , der mitten unter ihnen geigte , wie das zarte Schäfermädchen , das mit vieljährigem Lächeln unter dem blumengeschmückten Strohhütchen hervorsah – sie waren von Meißner Porcellan . Ach , und die Zeit war auch schonend an den beiden Pfauenfedern vorübergegangen , die hinter dem großen Spiegel steckten ! Er selbst warf noch immer das ihm gegenüberhängende Oelbild der mit Schminkpflästerchen bedeckten Großmutter zurück , und unten in den Ecken seiner versilberten Fassung steckten verschiedene Karten mit Verlobungsanzeigen und Neujahrsgratulationen . Und da trat eben der alte Sauer herein . Sein Rock war nicht um Haarbreite kürzer geworden ; Vatermörder und Nacken hielten sich stocksteif in unverminderter Harmonie , und sein Fuß machte genau die wohlbekannte , groteske Schwenkung , mittels welcher er zunächst den langen Rockflügel zurückwarf und dann die Tür hinter sich zutrat , wenn er etwas in den Händen trug . Er brachte die altmodische , silberne Teekanne und zwei wohlbekannte kostbare Täßchen von chinesischem Porcellan ; der Farbenschmelz ihrer abnormen Gebilde war noch derselbe , aber die Kittadern in den Untertassen hatten sich wohl um einige vermehrt … Welche Fülle von Erinnerungen aus der Kinderzeit stieg in Lilli ’ s Seele auf , als ein liebliches Aroma dem langgebogenen , häßlichen Schnabel der Teekanne entquoll und das Zimmer durchduftete ! Das war freilich nicht der kostbare Blumentee , den Seine Majestät von China Höchstselbst zu schlürfen pflegt , nicht der feine Pecco , den das verwöhnte Kind der großen Stadt daheim trank , die Blätter der heimischen Walderdbeere waren es , die unter dem siedenden Wasser ihre Duftadern öffneten und gesunde , kräftige Säfte ausströmten . Bei Tante