Amtmanns Magd . 1. Die alte Frau Oberforstmeisterin war schon seit länger als einem Jahr verstorben . Ein Jahr ist für die Toten , die bekanntlich schnell vergessen werden , eine lange Zeit , und die alte Dame im Hirschwinkel hatte nach landläufigem Ausdruck keinerlei » Freundschaft « hinterlassen – es war um ihretwillen weit und breit auch nicht das kleinste Stückchen Trauerband gekauft und angelegt worden . Somit wäre ihr einsames Dasein wohl ohne weiteres spurlos verlöscht wie ein ausgeblasenes Licht , wenn sie nicht zeitlebens den stark bemerkbaren Stempel einer Sonderlingsnatur getragen hätte – solches Zeichen aber verflüchtigt sich nicht so bald für die Überlebenden . Die wenigen Dorfleute , die ihr Weg dann und wann am Gutshause im Hirschwinkel vorüberführte , guckten deshalb auch beharrlich nach dem Erkerfenster im oberen Stock und erwarteten steif und fest , daß der kleine Frauenkopf mit den weißen Ringellöckchen an Stirn und Schläfen und der Stahlbrille auf dem Nasenrücken beim Geräusch ihrer Schritte lebhaft herumfahre und durch die Scheiben sehe . Da hatte ja immer der scharfmusternde Blick über die Brillengläser hinweg jedes noch so ängstlich verheimlichte Loch im Ärmel , jeden Schmutzflecken an den Schürzen und Weiberröcken , aber auch die stillste Leidensmiene sofort bemerkt , und je nachdem war ihnen ein Wort strengen Tadels oder die Aufforderung , doch schnell einmal mit dem Armsündergesicht heraufzukommen , zugerufen worden . Den Arbeitern im Walde aber , den Holzknechten , den Pechsiedern und Kienrußbrennern , fehlte sie erst recht . Das » Waldweiblein « war immer so pünktlich und rüstigen Schrittes dahergekommen . Die schwarze Krepphaube , das um die Schultern geschlagene Kantentuch war ihnen so bekannt gewesen wie die behenden Frauenfüße in weißen Strümpfen , über denen sich nach alter Mode die schwarzen Schuhbänder kreuzten , wie der grünseidene Strickbeutel , der ihr am Arm baumelte , und der kluge , neben der greisen Herrin hertrabende weiße Pudel . Aus dem grünen Arbeitsbeutel war immer frischgepflücktes Kräuterwerk , nach welchem sich der alte Rücken unermüdlich bückte , in dicken Büscheln gequollen , und dabei hatte dieser vorweltliche weite Seidensack ein ganzes Lager von chirurgischen Instrumenten , Pflasterschachteln und Medizinfläschchen beherbergt , woneben einige grobe Seifenstückchen nie fehlten ; denn wie andere mildtätige Seelen warme Suppe , so hatte die Frau Oberforstmeisterin eifrig Seife im großen Waschkessel für die Armen gekocht . Der Schrecken der Schmutzigen , ein unerschrockener Arzt und Bader für die Kranken und Verunglückten , war sie aber auch ein wahrer Zank- und Sprühteufel gegenüber dem blühenden Thüringer Aberglauben gewesen , und bei dem leisesten Verdacht , daß man zum » Verbüßen und Besprechen « von Wunden und Gebrechen greife , hatte sie den Leuten den Kopf gewaschen und ihnen den Text gelesen » nach Noten « , wie sie sagten . Sie war eines natürlichen Todes gestorben , an einem Erkältungsfieber , das sie sich beim Kräutersuchen auf zugigem Berggipfel geholt . Weil sie jedoch von der ersten Stunde ihres Erkrankens an bis zum letzten Atemzug stark phantasiert und die Besinnung nicht wiedererlangt hatte , so unterlag es keinem Zweifel , daß ihr die bösen Mächte , die sie Zeitlebens bekämpft , schließlich selbst » an den Kragen « gegangen waren – sie mußte durchaus » etwas « im Walde gesehen haben , es war ihr » angetan « worden . Letztwillige Verfügungen fanden sich nicht vor , und so fiel ihr vortrefflich bewirtschaftetes , im sogenannten Hirschwinkel gelegenes Gut einem Verwandten in der Mark zu , von welchem keine Menschenseele je etwas gehört hatte . Er blieb auch fern und unsichtbar , nachdem er sein Erbe angetreten hatte , kaum daß man erfuhr , er heiße Markus und sei Besitzer einer bedeutenden Maschinenfabrik in der Nähe von Berlin . Er schien kein Gewicht auf den neuen Besitz zu legen ; die Verwaltung desselben mochte ihm nicht passen ; deshalb war alles in Bausch und Bogen verpachtet . Der Pächter wohnte im unteren Geschoß , und im oberen Stock des verwaisten Gutshauses vergnügte sich das Mäusevolk , » und die Spinnen würden ja wohl noch die Schlüssellöcher mit ihren scheußlichen grauen Webelappen verstopfen « , pflegte die schönere Hälfte des Pächters , Frau Triebet , mit verächtlichem Achselzucken zu sagen ; denn weder ihr selbst noch dem Kehrbesen und Scheuerwisch war der Eintritt gestattet . Auf den höher gelegenen Strichen des Thüringer Waldes gedeihen die Halmfrüchte nicht sonderlich , Wiesen und Kartoffelbau herrschen vor . Die schmalen Talgründe liegen oft in stundenlanger grüner Linie wie ein schimmerndes Samtpolster zwischen den waldbewachsenen Bergen ; Gras , glitzerndes Wassergerinnsel , auch wohl ein kühler Forellenbach oder die weiße , glatte Landstraße wechseln miteinander ab . Der Hirschwinkel dagegen war eine selten sonnige , geschützte Waldecke , eine Art Eiland , auf welchem der Sommerwind nach Herzenslust mannshohes Halmgewoge der Kornfelder vor sich herjagen und sogar in den tiefgelben Breiten des edlen Weizens wühlen konnte . Das hübsche Gut lag ziemlich abseits von den belebten Verkehrswegen , gleichsam hinter den Waldkulissen ; deshalb konnte es recht wohl geschehen , daß der Fremde , der bereits seit einer vollen Stunde den Waldfahrweg beschritt , plötzlich halt machte , um sich an frischem Quellwasser für einen vermeintlich noch längeren Marsch zu erquicken . Der dünne Wasserstrahl , der am Abhang zwischen dem entblößten Wurzelgeflecht einer schief überhängenden Fichte hervorquoll , war kalt wie Eis und von köstlichem Wohlgeschmack – der kleine silberne Reisebecher wurde wiederholt gefüllt und geleert , dann schritt der Herr fürbaß . Über den Arm trug er einen Sommermantel , in der Hand hielt er eine kleine Ledertasche – eine leichte Reiseausrüstung ; sonst hätte man den schlanken Mann in der hellgrauen Joppe für einen Spaziergänger halten können , so behaglich schlendernd , ganz dem Genuß der Waldschönheit hingegeben , verfolgte er die Weglinie , die , wie gewaltsam in das Buchendüster hineingeschnitten , sich durch die Stämme drängte . Er war bisher ein einsamer Wanderer gewesen , keine Menschenseele war ihm begegnet . Er sah die Eichhörnchen von Ast zu Ast schlüpfen und die grünen Fahnen der Farne am Wege zittern , wenn sich kleines Getier unter dem Pflanzengeschlinge tummelte , das die schaffende Kraft des Waldbodens immer wieder bis in die Fahrgeleise herübertrieb . Die leichtbewegte Luft hauchte ihm Erdbeerdüfte und für Augenblicke auch den appetitlichen Geruch von Bratkartoffeln zu ; sie trug auch das schwache Geräusch ferner Axtschläge herüber , und seit einer Viertelstunde begleitete den Gehenden zur Rechten das Murmeln fließender Gewässer , die er nicht sah . Nun aber lichtete sich das Dickicht allmählich nach dieser Seite hin , und sonnige Wiesenflächen leuchteten herein ; ein rascher Bach schoß mitten durch das rasige Gelände und trieb weiter unten die Räder einer Schneidemühle . Da war im engen Rahmen dunkelnden Gehölzes der ganze Zauber einer Waldidylle eingefangen . Ein schmaler Steg führte über das Wasser , ein einfaches Gefüge , durch dessen auseinanderklaffende Bretter das drunten rauschende Gewässer heraufblickte . Der Fremde beschleunigte seine Schritte . Er betrat den Steg , jedenfalls um den vollen Anblick des hübschen Landschaftsbildes zu gewinnen ; aber er kannte wohl die Heimtücke solcher sorglos über die Bäche geschlagener Holzbrückchen nicht , denn während er die Augen gefesselt auf die Mühle richtete , versank sein Fuß plötzlich und sah wie eingekeilt zwischen dem den äußersten Rand bildenden Fichtenstamm und dem nächsten Brett . Eine Verwünschung auf den Lippen , mühte er sich unter allen Zeichen zorniger Ungeduld , den Fuß aus der Klemme zu ziehen ; aber der Steg hatte kein Geländer , und dem Gefangenen stand nicht einmal ein Gehstock zur Verfügung , auf den er zu nachdrücklicher Kraftanwendung den Oberkörper hätte stützen können . Bebend vor Ärger und Erregung hielt er inne und schaute nach irgendeinem Beistand aus , der in dem einsamen Tale sehr fraglich schien . Just in dem Augenblick kam eine weibliche Gestalt um die Ecke der Schneidemühle und schritt geradeswegs auf den Steg zu . Sie trug ein Grasbündel auf dem Kopfe , das sie mit dem gehobenen Arme stützte . Allem Anschein nach war es eine Dienstmagd , ein junges blödes Bauernmädchen , das sich vor dem Fremden auf der Brücke fürchtete ; denn ihr anfänglich sehr rascher Gang verlangsamte sich augenscheinlich bei seinem Erblicken . » Heda , spute dich ein wenig , mein Kind ! « rief er ihr ungeduldig zu . Nun blieb sie gar wie festgemauert stehen . Er murmelte etwas von bodenloser Bauerndummheit zwischen den Zähnen und machte abermals einen verzweifelten Versuch , sich zu befreien . – Angesichts dieser Anstrengungen mochte es dem Mädchen doch wohl klar werden , daß er kein zu Fürchtender , vielmehr ein Hilfloser sei . Sie besann sich nicht länger und kam herbei . » So – weißt du nun , daß ich kein Menschenfresser bin ? « sagte er , ohne sie weiter anzusehen . » Sieh her – du mußt mir aus dem Schraubstock da helfen ! Stelle dich hierher , dicht neben mich , aber fest , damit ich meinen Arm auf deine Schulter legen kann . « Sie trat zu ihm , ohne ein Wort zu sagen ; aber in dem Augenblick , wo er Miene machte , sich auf sie zu stützen , sah er , wie sie verstohlen in das Grasbündel hinaufgriff und einen dicken Halmbüschel zwischen ihre Schulter und seinen Arm niederzog – lächerlich ! – das Bauernmädchen da war eine Prüde ! Er hielt inne und zog den Arm zurück . » Möchtest du nicht ? « fragte er belustigt . » Nein – eigentlich nicht ! Aber der Sägemüller und sein Knecht kommen vor abends nicht heim , und die Müllerin ist schwach und krank . « » Ach so , da müßte ich ja wohl wie der Fuchs im Tellereisen hier verkommen , wenn du dich nicht erbarmtest ? « – Er bog sich vor , um unter das weiße Tuch zu blicken , das sie gegen den Sonnenbrand über den Kopf gezogen und unter dem Kinn geknüpft hatte ; es ragte weit vor wie ein umfangreicher Hutschirm und beschattete Stirn und Nase bis zur Unsichtbarkeit ; die untere Gesichtshälfte verschwand noch mehr in den dicken Falten der verschlungenen Leinenzipfel – hübsch oder häßlich , das blieb unentschieden ! » Ja , meine kleine Prüde , da kann ich dir freilich nicht helfen , du wirst dich herablassen müssen , « setzte er endlich mit verhaltenem Lachen hinzu . » Denke , du seiest eine barmherzige Schwester , und tue es um der christlichen Liebe willen . « Sie schwieg und stemmte die Linke auf die Hüfte , um ihrer Haltung mehr Festigkeit zu geben . Sie war ein großes , schlank und schön gebautes Mädchen und stand wie eine Mauer , als er , den Arm auf ihre Schulter pressend , mit einigen heftigen Rucken den Fuß aus der Klemme zu ziehen sich abmühte . Ein leises Ächzen , eine halbverbissene Verwünschung klangen an ihrem Ohr hin , dann sprang er plötzlich befreit mitten auf die Brücke und stampfte wiederholt auf , um sich zu vergewissern , daß das mißhandelte Glied unverletzt geblieben sei . Das Mädchen schritt unterdessen weiter . » Halt – auf ein Wort ! « schrie er ihr nach . » Hab ' keine Zeit ! Der Fisch verdirbt ! « antwortete sie , unbeirrt weitergehend . Sie zeigte ihm halb zurückgewendet , daß ihr ein Netz mit einer Forelle am Arme hing . » Ließe sich in dem Falle das Fischchen nicht ersetzen – wie ? – « » Nein . « » Nein ? – Also nicht ... Aber meinen Dank ? – « » Behalten Sie ihn ! « » Oho – du bist kurz angebunden , mein Kind ! « lachte er und steckte das seidene Taschentuch , mit welchem er die Reste der Fichtenrinde von seinem Fuß weggestäubt hatte , wieder zu sich . Gleich darauf schritt er an ihrer Seite . » Mir scheint , unter dem häßlichen Tuch da steckt ein ganz verteufelt trotziger Kopf , « sagte er . » Wie aber , wenn ich nun ebenso trotzig bin wie du , und deine Hilfe durchaus nicht geschenkt haben will ? « » Dann tun Sie wohl , an Ihren Platz auf der Brücke zurückzukehren . « Er lachte laut auf und suchte gespannt abermals einen Blick unter das verhüllende Tuch zu werfen . Das Mädchen hatte Mutterwitz – die » Bauerndummheit « hatte sie sicher so wenig im Gesicht wie auf den Lippen . Sie wandte flink den Kopf nach der anderen Seite , und ihm blieb nur die Musterung ihrer Gestalt . Sie war ärmlich gekleidet . Aus dem verschossenen Kleid waren die Ärmel getrennt und hatten den Hemdärmeln Platz machen müssen – sie fielen lang und schön weiß bis über die Ellbogen herab . Busen und Rücken umhüllte plump ein verwaschenes , hinten geknüpftes Baumwolltuch , und die starren Falten der steifgestärkten blauen Schürze umstanden steif ihre Hüften . Sie war ohne Zweifel eine Dienende . Das Kleid , wenn auch entstellt und zum Arbeitskittel umgeändert , war von städtischem Schnitt und stammte sicher aus den Sachen der Dienstherrin . » Nun , dann will ich dir für einen Samariterdienst wenigstens die Hand drücken . « Er streifte rasch den Handschuh von der Rechten , einer weißen , kräftigen Hand mit einem schönen Siegelring am Finger , und hielt sie ihr hin . » Meine Hand ist hart , « versetzte sie zurückweichend – der Arm , an welchem ihr das Netz hing , vergrub sich förmlich in den Schürzenfalten . » Nun ja , ich hätte das wissen können ! « sagte er mit Humor . » Die Thüringer Disteln stechen , wo man sie anrührt ; das merkte ich schon vorhin auf der Brücke ... Dienst du in der Mühle da drüben ? « Sie schwieg einen Augenblick , dann sagte sie : » Der Sägemüller kann keine Magd halten . Er hat die Mühle nur in Pacht , sie gehört zum Gut in Hirschwinkel ! « – Dabei schritt sie in tannengerader Haltung , das Grasbündel auf dem Kopfe stützend , und weder rechts noch links blickend , beschleunigten Schrittes den Fahrweg entlang . Sie zeigte unverhohlen , daß sie keine Lust habe , sich weiter ausfragen zu lassen . Diese bäurische Unnahbarkeit schien ihn höchlich zu belustigen . Er war ein noch junger Mann , der mit seinem leichten Gang nicht um eine Linie hinter ihr zurückblieb . » Also die Mühle gehört zum Gut ? « wiederholte er fragend . » Sieh , sieh – nun weiß ich doch auch , wo du zu Hause bist . Der Weg da führt doch wohl direkt nach dem Gutshaus im Hirschwinkel ? « » Auch nach dem Vorwerk . « Er blieb stehen . » Aha , das ist die kleine , zum Gut gehörige Pachtung , die der verkommene Amtmann widerrechtlich besetzt hält – « Jetzt wandte sich der Kopf unter dem Grasbündel mit einer jähen Wendung nach ihm hin . Die untere Gesichtshälfte hob sich dabei aus den Tuchfalten , und der Fremde sah für einen Augenblick einen kleinen , schönen Mund mit blaßroten Lippen , um den der Zorn seine Linien zog . » Ich bin beim Amtmann , « schnitt sie ihm kurz , fast drohend , die Rede ab . » Was der Tausend – da habe ich dich ja wohl gar beleidigt ? Hältst wohl große Stücke auf deinen Herrn ? « Sie schwieg scheinbar trotzig . Er lächelte verstohlen . » Du scheinst mir eine › Besondere ‹ zu sein . Aber auch im Dienst beim Amtmann ! Das will was heißen ! ... Weißt du aber auch , daß ich gerade deshalb Gewalt über dich habe ? « Das Mädchen wich unwillkürlich zurück . » Ja , ja – ernstlich ! Ich kann dir das Grasbündel da ohne weiteres wegnehmen und dir dein Tuch abpfänden , wenn du mir nicht das volle Besitzrecht deines Herrn an der Wiese nachweisest , auf der du gemäht hast . Er zahlt seinen Pacht nicht und zieht fortgesetzt den Nutzen aus Grundstücken , die ihm vor länger als Jahresfrist gekündigt sind ... Was hast du darauf zu erwidern , wie ? « Sie schien anfänglich kein Wort über die Lippen bringen zu können ; dann aber sagte sie mit leiser Stimme : » Daß Sie der neue Herr im Hirschwinkel sein müssen . « » Der bin ich . – Siehst du nun ein , daß du alle Ursache hast , mir schön zu tun ? « » Ich – Ihnen ? « Eine grenzenlose Empörung schien ihr ganzes Wesen zu durchschüttern . » Reg ' dich nicht auf ! « lachte er . » Ich bin kein Schlimmer ; im Gegenteil – ich nähme nun die harte Hand gar nicht , die mir › das Kräutlein rühr mich nicht an ‹ vorhin so schnöde verweigert hat , und wenn sie mir noch so freundlich geboten würde ... Aber ein wenig höflicher möchte ich dich sehen . « » Gegen den Feind der Menschen , die ich lieb habe ? « » Feind ? – Hm ja , du hast ganz recht , insofern ich ein geschworener Feind der offenkundigen Spieler und Schlemmer bin ; und dein Amtmann ist einer , der seinesgleichen suchen soll . « Ein Seufzer hob den Busen des Mädchens , und gepreßt stammelte sie : » Da werden Sie wohl mit meinem – « » Mit deinem lieben Herrn kurzen Prozeß machen , willst du sagen ? « fiel er ihr mit sehr strengem Ton , und ohne eine Miene zu verziehen , ins Wort . » Versteht sich ! Ich werde ihn an die Luft setzen , und zwar sofort , ohne Gnade , den Verschwender , den Prahlhans – darauf verlasse dich ! – In Geschäftsangelegenheiten verstehe ich durchaus keinen Spaß ... Weißt du nun , wen du vor dir hast ? « » Ach ja – einen reichen Mann , wie er schon in der Bibel steht . « » Richtig ! Einen Mann , der absolut nicht ins Himmelreich kommt , eben weil er ein Reicher ist – der Arme ! – Ja , ja , hast recht – einen Tyrannen , einen Blutaussauger , einen Menschen , der Geldfragen gegenüber ein steinhartes oder vielmehr gar kein Herz hat , wie es einem praktischen Geschäftsmann ziemt ... Aber laufe doch nicht so , Mädchen ! « Sie war in der Tat in förmlichen Sturmschritt verfallen , und diesmal blieb Herr Markus zurück . Er sah ihr mit gespannter Aufmerksamkeit nach ... Und wenn auch der häßliche , plumpe Anzug das Mädchen entstellte , eine Thüringer Edeltanne war sie doch , eine Erscheinung voll Leben und unbewußter Grazie in dem Spiel der schlanken , jugendkräftigen Glieder ... Schade um diese Gestalt , an der Sonnenbrand , Arbeit und Armut rieben und zehrten , um sie in kurzer Zeit hart und eckig , zum frühgealterten Weibe zu machen ! ... Es blieb allerdings fraglich , ob nicht der Kopf den Adel , die Anmut des schönen Leibes sofort verwischte , wenn das verhüllende Tuch fiel . Der lieblich geschwungene Mund verbürgte noch lange nicht , daß das Mädchen nicht schielte , keine gemeinen Züge hatte und nicht sommersprossig und rothaarig war – doch nein ; unter dem weißen Tuchzipfel stahl sich ein gelöstes , glänzend dunkles Zopfende hervor – rothaarig war sie nicht ! 2. Das Mädchen hatte sich kaum um zwanzig Schritt entfernt , als eine kleine , dicke Frau in braunem runden Strohhut und weiter Jacke aus einem schräg nach dem Fahrweg mündenden Waldpfad trat . Sie schritt direkt auf die Eilige zu und hielt sie an der Schürze fest . » Hör mal , Mädel , habt ihr denn wirklich die teuern Speisekartoffeln so in Hülle und Fülle , daß du Ende Juni , sage Ende Juni , den Betteljungen die ungewaschenen Mäuler damit stopfst ? « fragte sie . – Das klang nicht etwa wie Schelten ; die Frau sprach sehr langsam und bedächtig , aber nachdrücklich – man hörte , daß sie gewohnt sei , in aller Gemütlichkeit den Leuten die Köpfe zurechtzusetzen . – » Ich krieche tagtäglich auf allen vieren durch die Kellerecken , um noch ein paar feine Salatkartoffeln für unseren Tisch zu erwischen , und dort « – sie zeigte nach der Richtung zurück , in der sie gekommen – » dort braten sie haufenweise in der Asche ... Das soll einen nicht ärgern ! Wir bezahlen auf die Minute pünktlich den teuren Pacht für schlechten Boden , und deine Amtmanns ernten die besten Acker ab ; sie leben ins Tageslicht hinein und fragen den Kuckuck danach , daß auch einmal bezahlt sein muß – « » Lassen Sie mich gehen , Frau ! « rief das Mädchen halb gebieterisch , halb ängstlich , und strebte weiter zu kommen . » Frau ! Frau ! « wiederholte die kleine Dicke geärgert und ohne den Schürzenzipfel loszulassen . » Bin ich denn ein Tagelöhnerweib ? Und hast du denn gar keine Lebensart , Mädchen ? Wenn du noch gesagt hättest , Frau Verwalterin , oder meinetwegen auch nur Frau Griebel – aber schlechtweg › Frau ‹ ! ... Du bist ja nicht um ein Haar besser als deine Herrschaft . Verschenkst mir nichts dir nichts gute Sachen , die nicht bezahlt sind , und hast den Hochmutsteufel und eitle Dinge im Kopfe ... Sieht man dich denn je ohne das Scheuleder da auf dem Acker oder beim Grafen ? « – Sie zeigte nach dem weißen Kopftuch . – » Hör mal , wenn man dienen muß , da darf man nicht danach fragen , ob einem die Sonne ein paar Sommerfleckchen mehr auf die Haut brennt oder nicht – das paßt nicht , da lachen dich die Leute nur aus , wie sie sich auch lustig darüber machen , daß dir der Graskorb nicht nobel genug ist . Hierzulande trägt man das Futter nicht auf dem Kopf heim , das ist nicht Mode bei uns ! Und laß doch mal sehen « – sie bog sich vor – » ach herrje , Forellchen hast du da im Netz ? Guck einer an , Forellchen ! – Ja , ja , auf dem Vorwerk wissen sie , was gut schmeckt ! « » Der Fisch ist für die Kranke . « » Ach ja – für die Kranke wird er geholt , und der Herr Amtmann ißt ihn – die alte Naschkatze , die ! ... Gucke , Mädchen , wüßte ich das nicht , ich schickte manchmal ein Rebhuhn oder sonst was Gutes ' nüber – ich bin ja doch kein Unmensch und hab ' Mitleid – « » Wir danken ! « kam es kurz und herb unter dem weißen Tuch hervor . » Wir danken ! « spottete die kleine Behäbige nach . – » Großplatziges Ding du ! Wer ist denn › wir ‹ ? – ' s ist ja wahr , Amtmanns haben schlimm gehaust mit ihrem großen Vermögen , das Hemd auf dem Leibe gehört ihnen kaum noch ; aber deswegen sind ' s immer vornehme Leute und noch lange nicht deinesgleichen . « Inzwischen war Herr Markus längst näher gekommen und stand neben der Sprechenden , ohne daß sie es bemerkte . Er verbiß mit Mühe das Lachen . Die drollige Frau hatte sich bei dem nachäffenden » Wir danken ! « ironisch knicksend , tief und gravitätisch zu Boden gestaucht , und das war urkomisch gewesen . Sie hielt das Mädchen noch fest – dem Beobachtenden war es , als müsse er den gefangenen Vogel befreien . » Wer wird sich denn so ereifern , meine kleine Dame ! « unterbrach er die Standrede . Die Frau fuhr wohl bei der unvermuteten Einmischung ein wenig zusammen , aber außer Fassung geriet sie nicht . Sie wandte schwerfällig den Kopf auf dem fleischigen Halse und sah den Fremden aus schmalgeschlitzten blauen Äuglein von oben bis unten groß an . » Wie kommen Sie mir denn vor ? « sagte sie trocken . » Ich bin eine ehrbare Frau und noch lange nicht › meine kleine Dame ‹ für einen jeden , der dahergeschlichen kommt wie der Ratz vom Taubenhaus . « Er unterdrückte ein Lächeln und sagte mit empörendem Gleichmut : » Protestieren Sie , so viel Sie wollen – es hilft Ihnen doch nichts ! › Meine kleine Dame ‹ wird mir in dieser Stunde noch eine Tasse Kaffee vorsetzen und heute abend einen guten Eierkuchen backen ; › meine kleine Dame ‹ wird mir für ein anständiges Nachtlager sorgen und mäuschenstill sein , wenn ich im Kirschwinkel tue , als sei ich zu Hause – « » Ach herrje – der Spaß ! Sie sind Herr Markus ! « lachte sie überrascht auf ; aus ihrer Ruhe aber brachte sie die unerwartete Ankunft des » neuen Herrn « trotzdem nicht . » Warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt ? ... Kommen Sie denn endlich aus Ihrer alten , märkischen Sandbüchse und sehen sich das gottgesegnete Fleckchen Erdboden an , das Ihnen der liebe Herrgott nur so in den Schoß geworfen hat ? ... Na , und was sagen Sie denn dazu ? Haben Sie solchen Wald , solche Wiesen , solche Berge schon einmal in Ihrem Leben gesehen ? – Seien Sie nur still – das machen Sie mir nicht weis ! ... ' s ist hohe Zeit , daß Sie kommen , Herr Markus , hohe Zeit ! Über unseren Köpfen pfeifen die Mäuse in Heerscharen , und die Mottenwolken will ich sehen , die aus den Wollstrümpfen und Unterjacken der sel ' gen Frau Oberforstmeisterin auffliegen , wenn das Nest endlich aufgemacht wird ! « Währenddem entfernte sich das freigelassene Mädchen in stürmischer Eile . Herr Markus sah ihr über Frau Griebels Kopf hinweg nach . Dort , wo sie ging , lag der Fahrweg bereits im hellen Sonnenschein . Rechts säumte ihn das Wiesengrün , und auch auf der entgegengesetzten Seite trat das Walddickicht weit auseinander ; wie Alleebäume reihten sich die Buchen hin und warfen da und dort Schlagschatten über den Weg , der in scharfer Krümmung nach links einbog . » Liegt in der Richtung dort der Hirschwinkel ? « fragte Herr Markus und zeigte nach einer vereinzelten Baumgruppe , hinter welcher das Mädchen eben verschwand . Noch einmal bei der Wegbiegung hatte sich ihre Gestalt in scharfer Profilstellung vom Hintergrund abgehoben , seltsam fremdartig , weit mehr die Erscheinung einer schlanken , braunen Fellahtochter vom Nilufer , als die eines stämmigen Thüringer Waldkindes . » O herrje , wie närrisch Sie fragen ! « lachte Frau Griebel . » Sie stehen ja mittendrin im Hirschwinkel und gehen schon seit einer reichlichen halben Stunde auf Ihrem eigenen Grund und Boden ! Und dort zwischen den Bäumen können Sie auch schon die Hintergebäude vom Gute sehen ... Von Kaffee sprachen Sie vorhin , Herr Markus ? Na , Sie sollen einen Kaffee bei der Griebel trinken , der seinesgleichen sucht ! ... Gehen Sie nur einstweilen weiter auf dem schön trockenen Weg da – immer der Nase nach , Sie können gar nicht fehlgehen ! Ich schlüpfe unterdessen hinten ' rum , durch den Hof in die Küche – muß doch sehen , ob die Magd kochendes Wasser hat . « Es war nun zwar kein » Schlüpfen « , mit welchem sich die kleine Dicke seitwärts durch die knackenden Büsche schlug ; aber sie kam doch flink vorwärts und war sehr schnell den Blicken des Weiterschreitenden entschwunden . – Das Gutshaus war ein völlig schmuckloser Bau , ein altes Haus mit hochragendem Dach , und an der Giebelwand , nach der Wetterseite hin , mit Schiefer wohlverwahrt und beschlagen . Sonst einförmig weiß angestrichen , hatte es als einzige Unterbrechung inmitten seiner kasernenartigen Vorderseite nur einen Erker , der von unten bis hinauf zum Dach so voll und dicht mit Waldefeu bewachsen war , daß die Fenster in seinen drei Wänden vertieft wie Schießscharten erschienen . Drunten hatte das einsam gelegene Haus grüne Sicherheitsläden ; im oberen Stock aber hingen nur gleichmäßig weiße , mit groben , gehäkelten Kanten besetzte Rollvorhänge hinter den verstaubten Scheiben . In der weiten , das ganze Gehöft abschließenden Umfassungsmauer , die sich zu beiden Seiten an das Haus anschloß , befand sich rechts der Eingang , eine schöne massive Doppeltür mit glänzend geputztem Messinggriff ; zur Linken dagegen lief sie ohne Unterbrechung in die Ecke aus , auf welcher ein hölzernes , grünumranktes Gartenhäuschen wie ein kleines rundes Nest saß ... Kirsch- und Apfelbäume reckten dort ihre Zweige über die Mauer , und dahinter hoben sich auch Linden- und Kastanienwipfel . Das ehemalige Heim der Frau Oberforstmeisterin machte einen überraschend freundlichen , behäbigen Eindruck . Vor den Fenstern lag grüner Rasen , so üppig und gleichmäßig , als werde er unter der Schere gehalten , und weiterhin , in die mäßige Talsenkung hinab , lief das Ackergelände mit seinem wogenden Halmenmeer , seinen Raps- und Runkelfeldern und den üppigen Flachsbreiten mit wehendem blauem Schleier . Herr Markus war nach Frau Griebels Verschwinden langsam weitergeschlendert und stand nun angesichts » des Fleckchens Erdboden , das ihm der liebe Herrgott in den Schoß geworfen « . – Himmlischer Waldfrieden wehte ihn an . Das betäubende Hämmern und Pochen in seiner Fabrik , das rastlose Lärmen und Hasten der Berliner Straßen , in denen er auch heimisch war , wie weit , wie weltenweit lag das alles in diesem Augenblick hinter ihm ! Ein paar Truthühner liefen geräuschlos aus der Tür , die man wahrscheinlich zu seinem Empfang eiligst geöffnet hatte , und droben aus dem einen Schornstein fuhr plötzlich eine gewaltige Rauchwolke in den glänzend blauen Himmel hinein – Frau Griebel schürte jedenfalls unter dem Kaffeetopf und heizte die Back- und Bratmaschine zu Ehren