Arzt der Seele Wilhelmine von Hillern ( 1869 ) Band I Erstes Kapitel . „ Nur ein Mädchen “ . In einer waldumsäumten aber flachen Gegend Nord ­ deutschlands unweit eines ärmlichen Dorfes lag eine rauchende Branntweinbrennerei , wie man deren häufig auf den Gütern norddeutscher Adeligen findet , damit verbunden ein großartiges Fabrikgebäude und ein Gehöft mit einem von Unkraut überwucherten Gemüsegarten , einigen Obstbäumen , welche die Trümmer längst ver ­ fallener Bänke beschatteten , und einem Wohnhause , das zwar stattlich gebaut , aber so verwahrlost und schmutzig war , wie sein Wächter , der lechzende , magere Kettenhund , dessen leerer , sandiger Freßtrog und ausgetrockneter Saufnapf zeigten , wie lange dem armen Tiere bei der drückenden Juli-Hitze keine Erquickung gereicht worden war . — Wer auf dies Bild einen Blick warf , konnte nicht zweifeln , daß das Innere des Hauses ebenso trostlos sei , wie sein Äußeres , und daß darin keine milde liebestätige Hand walte , die ein Haus rein und schmuck erhält , einen Garten pflegt , einem Tier seine Nahrung reicht — und wo eine solche Hand fehlt , da fehlt auch den Menschen Pflege und Ordnung , Freude am Schönen und nicht selten am Guten — vielleicht sogar jede Freude und jedes Glück ! — Es war Niemand auf dem Hofe und im Garten , nichts regte sich als ein paar leise piepende Hühner , die sachte eines nach dem anderen hinter dem Hundehaus hervortrippelten , um sich einen etwaigen Abfall von des Hundes Fressen zu suchen . Ehe sie ganz herankamen , zogen sie ein Bein hinauf , drehten fragend die Köpfe zur Seite und warteten vorsichtig , ob sich dieser wohl rühren würde , sie zu verscheuchen , aber er blieb matt in seiner Hütte , die Schnauze zwischen die Pfoten gelegt und die blutunterlaufenen Augen starr ins Weite ge ­ richtet . Nun schlichen die hungrigen Hühner ermutigt heran und pickten und suchten um den Freßnapf her , doch vergebens , es war nichts zu finden weit und breit , als trockener Sand . Neben dem Brunnen stand ein Butterfaß , und eine Bank , auf welcher ein Ballen frischer Butter lag , der vergessen und von der Sonne geschmolzen in das wuchernde Unkraut herabtroff . Vielleicht dachte der arme schmachtende Hund darüber nach , wie sehr ihm diese Verschwendung zu Gute käme , wäre sie in sein Bereich gefallen , denn er sprang plötzlich auf und lief , seine rasselnde Kette nach sich ziehend , so weit wie möglich von der Hütte weg , als wolle er sich überzeugen , wie lang denn seine Fessel eigentlich sei ; dann hielt er an , besann sich eine Weile und kroch gesenkten Kopfes wieder unter sein niederes Dach zurück . — Vor einem Fenster des Erdgeschosses standen ein paar unbegossene und verdorrte Kaktusstöcke und einige Flaschen mit destillierten Kräutern ; der einen davon mangelte der Kork und ihr Inhalt war mit Mücken und Käfern vermischt . — Alles , was weit und breit zu sehen war , zeugte von Nachlässigkeit und Unreinlichkeit , aber ihr fehlte die Entschuldigung der Armut , denn wie reich der Eigentümer des Gutes sei , bewiesen die ausgedehnten Vieh- und Pferdeställe , die weitläufigen Ökonomiegebäude und die unabsehbaren Kartoffel- und Kornfelder , welche dasselbe umgaben . Die Anwesenheit eines Kranken oder Lahmen verriet ein bequemer kleiner Rollwagen , der auf dem Hofe stand und dessen Lederkissen von der Sonne durchröstet wurden . — Im Hause schien nur der unterste und oberste Stock bewohnt , denn die Laden des mittleren waren sämtlich geschlossen und so dick mit Spinngeweben überzogen , daß sie schon seit lange nicht mehr geöffnet worden sein konnten ; auch waren die Schwalben vielleicht die einzigen lebenden Geschöpfe , denen das unfreundliche Gebäude ein angenehmes Obdach ge ­ währte , denn sie hatten sich massenhaft angesiedelt und die Gesimse zeigten reiche Spuren ihres Haushaltes . — Die Hühner reckten neidisch blinzelnd die Köpfe zu ihnen empor und hüpften auf die niederen Fenster des Erdgeschosses , um dessen Bewohner an ihr Dasein und ihre Bedürfnisse zu erinnern . Plötzlich aber flatterten sie er ­ schrocken weg , denn aus einem der geöffneten Fenster klang der Schrei eines Kindes so durchdringend und wehklagend , daß der große Hund die Ohren spitzte und wieder unruhig die Länge seiner Kette maß . In einem niedern Zimmer , einer Art Gesindestube , in welcher die schwüle Luft zum Ersticken verschlimmert war durch den Dunst eines geheizten Plättofens und feuchter Wäsche , welche drei robuste , schweißtriefende Mägde glätteten , stand vor einer alten Kommode ein kleines Mädchen von ungefähr zehn Jahren . Es war halb entkleidet und das von den Schultern fallende Hemdchen gab ein Körperchen bloß , so zart und schmächtig , daß sein Anblick jeder Mutter die Tränen in die Augen getrieben hätte . Aber es war keine Mutter bei dem Kinde , sondern eine alte Haushälterin , die mit ihren knochigen Fingern die Kleine verletzt zu haben schien , denn sie hielt sich laut weinend mit der einen Hand die magere Schulter und weigerte sich , ein Kleid anzuziehen , das ihr die Frau aufdringen wollte . „ Was gibt es denn schon wieder ? “ schrie eine zornige Stimme aus dem Nebenzimmer . Das Kind fuhr er ­ schrocken zusammen , die Alte ging zur Türe und rief hinein : „ Ernestine ist wieder so ungezogen , daß man es nicht aushält . Sie hat ihr bestes Kleid zerrissen , weil sie behauptet , es sei verwachsen und tu ’ ihr weh ; es ist aber nicht wahr , es sitzt noch ganz gut . “ „ Wie kann denn das elende Ding ein Kleid ver ­ wachsen haben ! “ entgegnete die rauhe Stimme von Innen . „ Augenblicklich ziehst Du es an und machst , daß Du fortkommst ! “ Das Kind lehnte an der Kommode und sah düster und trotzig vor sich nieder . „ Sie tut es nicht , gnädiger Herr , sie will eben nicht in die Kindergesellschaft ! “ sagte die lieblose Vermittlerin . „ Ich habe Dir befohlen , daß Du hingehst “ , — rief der Vater , — „ wenn Dir eine Dame wie die Frau Staatsrätin1 die Ehre erweist , Dich einzuladen , so hast Du dankbar zu folgen . Ich will nicht , daß es heißt , ich er ­ zöge meine Tochter wie ein Aschenbrödel ! “ — Die kleine Ernestine erwiderte nichts , aber sie heftete einen Blick ihrer großen eingesunkenen Augen auf die Haushälterin , der diese ganz außer sich brachte , — einen Blick so voll Verachtung und Haß , wie sie in einer Kinderseele kaum für möglich gehalten werden sollten . Die Frau schlug die Hände zusammen : „ Nein , das böse abscheuliche Ding , — Sie sollten nur sehen , Herr von Hartwich , wie sie mich jetzt anschaut ! “ Mit diesen Worten wollte sie Ernestinen das Kleid über den Kopf werfen , — doch das Mädchen riß es herab , trat darauf und schrie mit schäumender Wut , durch einzelne Tränenstöße unterbrochen : „ Und ich zieh ’ s nicht an und ich geh ’ nicht zu den fremden Leuten ! Ich lasse mich nicht so behandeln . Sie sind ein boshaftes , schlechtes Weib , dem ich nicht gehorchen will ! “ „ Ei , Du meine Güte ! — Hab ’ ich in meinem Leben solch ein entartetes Kind gesehen ? “ klagte die Beleidigte , mit einem heimlichen Grauen auf die kleine Gorgone blickend , die mit aufgelösten Haaren und fliegender Brust vor ihr stand . „ Wird das Gezerr da draußen nun ein Ende nehmen ? “ wütete der Vater . „ Bin ich ungücklicher Mann dazu verdammt , nichts als Kinder- und Mägdegeschrei zu hören ? Ernestine ! Da komm ’ herein ! “ Die Kleine begann bei diesem Befehl am ganzen Leibe zu zittern , sie wußte , was ihrer nun wartete und ging langsamen Schrittes der Türe zu . „ Wird ’ s bald ? “ tönte die Stimme des Kranken . Ernestine trat ein und blieb unweit des Bettes stehen , in dem dieser lag . „ Da komm her ! “ rief er und bedeutete sie mit der rechten Hand , die linke war lahm , ganz nahe zu sich , während er , als Ernestine zögerte , fortfuhr : „ Du unnützes widerliches Balg , das , seit es auf der Welt ist , noch keinem Menschen Vergnügen gemacht hat , nicht einmal seiner Mutter — denn Dein Dasein kostete sie das Leben , Gott hat mir in Dir alle Leiden , aber nicht die Freuden beschieden , die ein Sohn bereitet , denn Du hast den Trotz und die Starrheit eines Buben und den armseligen gebrechlichen Leib eines Mädchens — was fängt man nun mit solch einem jämmerlichen bösartigen Geschöpf an , das nichts kann , als heulen oder wüten ? “ Bei diesen Worten brach das Kind von Neuem in ein lautes Schluchzen aus und wollte hinauseilen , aber ein donnerndes „ Halt , erst Deine Strafe “ , rief es zurück . Nun wuβte Ernestine , was unvermeidlich war und bebend flehte sie : „ Nicht schlagen , Vater — o nicht schon wieder schlagen ! “ Doch unerbittlich befahl sie der Kranke zu sich hin . Die Lippen fest zusammengepreβt , die kleinen Hände krampfhaft verschlungen , trat sie an das Bett . Der Kranke hob die breite harte Hand und ein schwerer Streich fiel brennend auf die durchsichtige Wange des Kindes , das von der Wucht des Schlages zu Boden geworfen ward . „ Willst Du jetzt gehorchen — oder willst Du noch mehr ? “ frug keuchend der Vater . „ Ich will gehorchen “ — schluchzte die Kleine und erhob sich . „ Zuerst aber bittest Du der Frau Gedike ab ! “ befahl der zornige Mann . „ Nein , “ rief Ernestine sich bäumend : „ Das tu ’ ich nicht ! “ „ Wie , noch nicht gebrochen , der Eisenkopf ? Tu ’ s , oder ich zerschlage Dir alle Rippen ! “ „ Und wenn Du mich umbringst , ich tu ’ s nicht , “ antwortete das Kind und ihre Augen leuchteten seltsam , als der Vater sich im Bette aufzurichten bemühte und den Arm nach ihr ausstreckte . „ O pfui ! Bist Du bei Sinnen ? “ sagte eine melodische Stimme plötzlich hinter Ernestinen . „ Ist das eine Art für einen vernünftigen Mann , sich mit einem eigensinnigen Kinde herumzubalgen und den Tierbändiger zu spielen bei einem kranken Kätzchen ! “ — Dann wendete sich der Sprecher zu der Kleinen und sagte freundlich : „ Geh ’ , mein Kind , und laβ Dich anziehen , Du wirst gewiβ recht vergnügt sein bei den schönen kleinen Mädchen ! “ Ernestine senkte die langen scharzen Wimpern und gehorchte still . Der seltsame Erlöser des gequälten Kindes war ein hochgewachsener , schlanker , fast schöner Mann mit feinen Zügen und einer vornehmen Ruhe , die zwar eher Kälte genannt werden konnte , aber um der gefälligen Form willen , in die sie gekleidet war , einen geziemenden Eindruck machte . Seine Redewise war leise , wohlklingend und langsam , seine Sprache tadellos reines Deutsch . Ein geistiger Hauch , der auf seinem ganzem Wesen lag , gewann ihm augenblicklich ein entschiedenes Übergewicht über seine Umgebung . Seine Kleidung war einfach , aber geschmackvoll , sein Gang leicht und leise , seine Haltung und Bewegung schlangenhaft geschmeidig , sein Ausdruck für den unbefangenen Beobachter leutselig , für den Menschen ­ kenner jedoch ironisch und hinterlistig . — In Augenblicken der Leidenschaft wirken solche mensch ­ liche Reptile höchst wohltätig abkühlend auf die erhitzten Gemüter und hemmen ihre leidenschaftlichen Ergüsse , wie Eisumschläge Blutungen stillen . — Von seinem Ein ­ treten an war der Kranke ruhig , fast kleinlaut geworden , das Zimmer erschien ihm plötzlich kühler , er empfand einen angenehmen Luftzug , als die hohe Gestalt an seinem Bett vorüberglitt und sich in den Lehnstuhl zu dessen Häupten schmiegte . „ Es ist ja kein Wunder , wenn man außer sich gerät “ — entschuldigte sich Herr von Hartwich — „ das Balg bringt einen auch aufs Äußerste . Wenn man so unsäg ­ liche Schmerzen leidet und monatelang gelähmt ans Bett gefesselt ist , wie ich , da ist man gereizt und hat nicht mehr die Geduld eines Gesunden , der den widerwärtigen Szenen aus dem Wege gehen kann ! “ — „ Das könntest Du auch , mindestens indirekt , indem Du die Kleine in den oberen Stock hinauf schaffen ließest , der nun jahrelang leer steht . Du hättest so wenigstens Ruhe und müßtest Dir nicht nachsagen lassen , daß das schwächliche Kind des reichen Hartwich bei solcher Hitze in der Plättstube sitzen muß , ich finde das mehr als un ­ recht , ich finde es unklug ! “ „ So “ — fiel Hartwich heftig ein , — „ ich soll also da oben die Mägde und das Kind treiben lassen , was sie wollen , und hier unten ganz verlassen liegen ? Oder soll ich vielleicht gar noch einen teuern Krankenwärter bezahlen , damit man mich gleich als einen Sterbenden aus ­ schreit und die Fabrikarbeiter meinen , sie seien herrenlos ? “ „ Das Letztere wird nicht geschehen , denn diese be ­ trachten Dich schon lange nicht mehr als ihren Herrn , da sie wissen , daß ich das denkende und leitende Haupt des ganzen Unternehmens bin . Was aber nun die Aus ­ rede mit der Kostspieligkeit eines Krankenwärters betrifft , so ist eine solche Torheit nur mit Deinem unerhörten Geiz zu entschuldigen , der sich in letzter Zeit bis zur Manie gesteigert hat . Für wen sparst und scharrst Du nur zusammen ? Für Dein Kind nicht , denn das hast Du ja auf den Pflichtteil gesetzt , — für mich noch weniger , — denn Du warst mir von jeher ein echter Stiefbruder und vermachtest mir Dein Vermögen nur , weil ich Dir sonst das Geheimnis meiner Erfindungen nicht über ­ lassen hätte , weil Du lieber nach Deinem Tode das Ganze als bei Lebzeiten auch nur den kleinsten Teil hergeben wolltest . — Ich aber versichere Dir , daß , wenn — was ja vielleicht gar nicht geschehen wird — wenn ich Dich je beerben sollte , ich lieber auf ein paar tausend Taler verzichten , als den Skandal einer solchen Kindererziehung länger mitansehen will ! “ Der Kranke horchte hoch auf . „ Du sprichst heute sehr unumwunden mit mir und rechnest , wie es scheint , sehr fest auf die Unabänderlichkeit meines letzten Willens ? “ fragte er drohend und gereizt . Ohne eine Miene zu verziehen , fuhr der Andere fort : „ Du bist trotz aller Deiner Sonderbarkeiten und Fehler ein so rechtschaffener Charakter , um Offenheit und Ehrlichkeit so schwer zu bestrafen , wie Du mir es eben andeuten zu wollen scheinst . Du weißt am besten , daß ich es gut mit Dir meine und ein ehrlicher Mann bin . Ich hätte Dir große Summen abnötigen , hätte Dich auf Grund der beträchtlichen Einnahmen , welche durch meine Tätigkeit erzielt wurden , zwingen können , mich zum Kompagnon zu ernennen und dergleichen mehr , aber ich begnügte mich mit dem bescheidenen Gehalt eines Direktors und mit der Gewißheit , daß durch Dein Testament — Gott schenke Dir ein langes Leben — meinem Kinde , wenn ich nicht mehr bin , eine glänzende Zukunft bereitet ist . — Ich denke , diese Beweise von Uneigennützigkeit geben mir auch das Recht , ein freies Wort mit Dir zu sprechen ! “ „ Nun wohin zielt denn die weitschweifige Vorrede eigentlich ? “ fragte Hartwich , während sich eine auffallende Abspannung seiner bemächtigte und seine Zunge schwerer zu werden begann . „ Mach ’ s kurz , denn ich bin schläfrig . “ „ Nun einfach darauf , daß Du Ernestinen entweder in den oberen Stock — oder , was das Beste wäre , aus dem Hause tun sollst ! “ „ Aus dem Hause — wohin denn ? “ „ Nun , in ein Institut , wo sie anständig erzogen wird und etwas lernt , damit man sich dereinst nicht schämen muß , sie als Verwandte anzuerkennen ; das Kind verbauert ja völlig in der Umgebung von Mägden , Knechten und Dorfkindern . “ „ Ah pah ! “ brummte der Kranke , „ was liegt daran ! “ „ Wenn es Dir auch gleichgültig ist , was aus Deiner Tochter , so ist es doch mir nicht gleichgültig , was aus meiner Nichte wird und welchen Einfluß sie , wenn sie überhaupt am Leben bleibt , auf mein heranwachsendes Töchterchen üben kann . So , wie sie jetzt ist , denke ich mit Sorge daran , daß diese Kinder in wenig Jahren Spielgefährtinnen sein sollen ! Lebt sie bis dorthin noch und ist hier , so werde ich meine Kleine fortschicken müssen , sonst verdirbt Ernestine sie mir ganz und gar ! Abgesehen davon aber , wünsche ich ihre Entfernung auch in Deinem Interesse ; Du kannst Dich dem starren , verwahrlosten Kinde gegenüber nicht mäßigen und so lange Du sie um Dich hast , sind Szenen , wie die vorige , unvermeidlich . Ich habe aber heute erfahren , daß bereits im ganzen Dorf das Gerede von Deiner ‚ Grausamkeit ‘ gegen Dein leibliches Kind geht ! — Das wirft ein schlechtes Licht auf Deinen Charakter in einem Augenblick , wo Du unsern neuen Nachbarn den Eindruck strengster Rechtschaffenheit machen solltest ! “ „ Ach , das ist dummes Zeug ; wenn ihnen die Fabrik 50,000 Taler wert scheint , so kaufen sie sie — ob sie mich für einen Schurken oder Ehrenmann halten ! “ warf Hartwich ein . „ Wert scheint — ja , das ist es eben “ — fuhr der schlangenglatte Mann fort — „ aber zu diesem Schein gehört mancherlei und unter Anderem auch ein klein wenig Vertrauen auf die Person des Verkäufers , — dafür sind es Menschen . “ — „ Und Dir liegt der Verkauf gar sehr am Herzen , weil Du die fünfzehntausend Taler Überschuß , die ich Dir zugesichert , lieber in die Tasche stecktest , als Dein Brot durch Arbeit verdientest “ , bemerkte sarkastisch der Kranke . — „ Ein hübsches Geschenk , das ich Dir da in den Schoß werfe ! “ „ Ein Geschenk ? “ fragte der Bruder , „ eine Ent ­ schädigung für den Gehalt , dessen ich beim Verkauf der Fabrik verlustig ginge , — ohne welche ich diesen unter allen Umständen hintertreiben würde ! — Daß Du es doch immer wieder versuchst , Dir als Großmut anzurechnen , was lediglich Geschäftssache zwischen uns Beiden ist . Ich fordere ja von Dir keine Großmut — Du bezahlst mich für meine Dienste — ich diene Dir , weil Du mich be ­ zahlst ; wozu uns ein Gefühl vorheucheln , welches wider alle Natur wäre . Wir sind Stiefbrüder , es wäre eine sentimentale Verschrobenheit , wenn wir uns bemühten , einander zu lieben ! “ „ Wenigstens gibst Du Dir nicht die geringste Mühe , Dich bei mir beliebt zu machen “ — bemerkte der Kranke . „ Wozu sollt ’ ich das ? “ erwiderte lächelnd der Bruder . „ Es muß doch Alles in der Welt einen Zweck haben — das aber hätte keinen . Für meine Liebenswürdigkeit schenktest Du mir keinen Heller , was Du mir gibst , mußte ich mir durch andere Verdienste erwerben , als durch brüderliche Zärtlichkeit . “ „ Du bist ein Teufel , den kein Mensch von Fleisch und Blut lieben kann , und warst es von klein auf . Wie peinigtest Du meine arme Mutter ! Du weißt nichts von menschlichen Gefühlen . Wie Du in der größten Hitze immer feuchtkalte Hände hast , so wird auch Dein Herz nie warm . Ich bin bös und jähzornig , aber so fühllos wie Du , bin ich doch nicht . Gott bewahre mich — Du bist eines von den unheimlichen Wesen , die aus dem Verband mit der Natur ausgeschieden sind und deren Leib keinen Schatten mehr wirft , wenn sie in der Sonne gehen ! “ Der Kranke schloß erschöpft die Augen und dicke Schweißtropfen standen auf seiner Stirn . Der Bruder nahm ein feines Tuch und wischte sie leicht und sorgfältig ab . „ Sieh , wie Du Dich wieder unnütz aufregst und wie Du übertreibst ! “ sagte er in dem lieblichsten wohlwollendsten Tone — „ weil ich kein Freund unwahrer Ergüsse und erzwungener Empfindungen bin , nennst Du mich gefühllos . Weil ich blutleer und nicht zu Wallungen geneigt bin — muß ich gar in Deiner er ­ hitzten Krankenphantasie zum Vampyr werden ! — Ich will Dich jetzt verlassen , sonst rege ich Dich auf . — Beherzige meine Warnungen wegen des Kindes , — denn solch ein Treiben bringt uns Schande und ich finde nichts uner ­ träglicher , als diese ! “ Hartwich antwortete nicht , er hatte das Gesicht zur Wand gekehrt und wendete sich nicht um , bis der Bruder lautlos zur Türe hinausgeschlüpft war . — Während dieses Gesprächs hatte sich die kleine Ernestine anziehen lassen . Als sie fertig war , ging die Haushälterin hinaus und Ernestine bemühte sich , ihre Füße in ein Paar alter , zu eng gewordener Stiefelchen einzuschnüren . „ Hast Recht , Ernstchen ! “ hetzte leise eine der Mägde , — „ die Gedike ist ein böses Weib und wir können sie Alle nicht leiden — wenn Du sie ärgerst , ist ’ s ihr gesund und freut uns ! “ „ Ich will sie nicht ärgern — aber ich hasse sie — und den Vater auch — er ist grausam gegen mich ! “ sagte das Kind mit jenem Ingrimm , durch welchen sich der wehrlos Mißhandelte stets zu rächen sucht . „ Er ist aber auch ein wahrer Rabenvater “ , — flüsterte Rieke , die ältere Magd , leise der jüngeren zu , aber Ernestine vernahm es recht wohl mit jenem scharfen Ohr , das die Kinder für Alles haben , was sie nicht hören sollen . „ Er hat sich immer einen Sohn gewünscht und von nichts Anderem gesprochen , als von seinem Jungen und den Plänen , welche er für den gemacht habe . Als aber endlich das Kind zur Welt kam und kein Knabe war , da schrie er ganz außer sich : „ Nur ein Mädchen ? “ — ging hinaus und schlug im Zorn die Türe hinter sich zu , daß es dröhnte . Die junge Mutter — ’ s war ein zartes Frauchen — bekam vor Schreck und Kummer Weinkrämpfe und regte sich so auf , daß sie das Fieber bekam und am dritten Tage starb . Dann packte ihn freilich die Reue , er raufte sich die Haare und weinte und schrie bei der Leiche , aber lebendig machen konnte er sie doch nicht mehr . Er ist jetzt schwer gestraft seit ihn der Schlag getroffen , und die Ernestine ist viel ­ leicht auch zur Strafe so garstig geworden — aber er sollte doch wenigstens an dem armen kränklichen Geschöpf gut machen , was er bei seiner Geburt verbrach , statt es zu mißhandeln . — Das Kind kann ja doch nichts dafür , daß es kein Junge ist . “ Ernestine hatte , dieser Rede mit klopfendem Herzen gelauscht und nun schlich sie sich sachte hinaus , damit die Magd nicht merke , daß sie etwas verstanden . Draußen blieb sie beim Hunde stehen und wollte ihn streicheln , aber das gequälte , dürstende Tier knurrte sie an . Sie sah , daß er kein Wasser mehr habe , ging mit dem Saufnapf zum Brunnen und füllte ihn . Als sie das Wasser so schön aus der Röhre sprudeln sah , konnte sie der Versuchung nicht widerstehen , ihren brennenden Kopf unter den kühlen Strahl zu beugen . „ Ernestine , was ist denn das wieder für eine Unart ! “ schrie die Haushälterin zum Fenster heraus , aber schon triefte das Wasser aus den langen Locken des Kindes herab über Schultern , Brust und Rücken . — „ Es wird in der Sonne trocknen , bis ich zur Frau Staatsrätin komme “ , dachte sie und brachte dem Hunde seinen Trunk ; eine zweite Liebkosung wies dieser aber knurrend ab , weil er sich nicht im Saufen stören lassen wollte . „ Nicht einmal der Hund kann mich leiden “ , dachte sie und schlich fort . „ Nur ein Mädchen ! deshalb ist der Vater so bös , weil ich kein Junge bin ? “ und im Weiter ­ schreiten murmelte sie das Wort in Einem fort und ihre Füße gingen im Takte darnach , wie nach einer Melodie : „ Nur ein Mädchen , — nur ein Mädchen ! “ — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Aus dem Fenster des oberen Stockwerks schauten ihr der Oheim und dessen Gattin nach . Die Letztere war wenigstens äußerlich der entschiedendste Gegensatz zu ihrem anämischen Gatten . Sie war ungewöhnlich beleibt und ihr lachendes Gesicht zeigte eine so mächtige Voll ­ blütigkeit , daß , wenn ihr Mann selbst ein Vampyr gewesen wäre , er sich jedenfalls von dem angehäuften Vorrat an Blut- und Lebensfülle eine hübsche Zeit nähren ge ­ konnt hätte . Er war aber kein solches Ungetüm , wenn er auch die Knappheit seines körperliches Seins mit einem gewissen Schmarotzerbehagen durch diese üppige Hälfte ergänzte und ihren warmen Lebensatem durstig einschlürfte , wie etwa der Frierende und Hungernde den Duft eines warmen Backofens . Eine poetischere Vergleichung ließ die fette Frau und ihr Verhältnis zu der feinen durchgeistigten Person des Gatten nicht zu , denn trotz ihrer strahlenden Schönheit , ihrer breiten buschigen Augenbrauen , und der glänzendschwarzen Herzkirschen-Augen , trotz des wild gewellten , dicken Haares über einer kräftigen Stirn , trug der ganze Ausdruck des breiten Gesichts mit seinem gedrungenen Doppelkinn und dem aufgeworfenen Mund ein so plumpes , geistloses und grobsinnliches Gepräge , daß ihr Anblick nur die materiellsten Gedankenverbindungen hervorrufen konnte . — Doch dieser Ausdruck bedeutete zugleich , daß , wie groß auch der körperliche und geistige Unterschied zwischen dem Paare sein mochte , — etwas da war , daß die Beiden einander ver ­ wandt machte — es war das Herz , das bei ihm verknöchert , bei ihr von Speck überwachsen war . Es gibt Menschen , deren Gemütsart sich durch die medizinische Benennung „ Fettherz “ trefflich ver ­ anschaulichen lässt . Er kennzeichnet alle jene Gemüter , die keiner Bewegung , keiner gesunden moralischen Tätigkeit mehr fähig sind , weil eine träge Sinnlichkeit sich , wie das Fett im Herzen , hemmend und lähmend darin abgelagert hat . — War auch der Entwicklungsgang im Gemüte ihres Gatten ein von dem ihren grundverschiedener gewesen , — so fiel doch das Endergebnis übereinstimmend genug aus , um zwischen den Eheleuten jene Harmonie herzustellen , in welcher gewöhnlich der „ Hehler “ mit dem „ Stehler “ lebt . Die dicke , brünette Frau war eine würdige Gesinnungsgenossin ihres hagern , blonden Mannes , und daß sie außerdem Mittel wußte , ihm das Leben an ­ genehm zu machen , die bei Niemandem ihre Wirkung verfehlen , der Geschmacks- und Geruchsnerven hat , bewies der mit köstlich duftenden Früchten , Biskuits und einer in Eis gekühlten Himbeerbowle besetzte Tisch vor dem schwellenden Sofa . — So ertrug denn der feine Denker die Beschränkteit und Plumpheit seiner „ besseren Hälfte “ um ihrer körperlichen Vorzüge und der Leichtig ­ keit willen , mit der sie sich zur Genossin seiner eigen ­ nützigen Pläne machen ließ , — als Köchin besaß sie ganz und gar seine Hochachtung und die Ehe dieser beiden so verschiedenen Menschen war vollkommen , was man eine glückliche nennt . „ ’ S ist eine scheußliche Kröte , die Ernestine “ , sagte die zärtliche Tante , ihrer kleinen , bleichen Nichte nach ­ schauend , wie sie gesenkten Kopfes dahinschlich , „ wenn ich sie auch noch so gut behandle , sie will ja doch nichts von mir wissen ; man sagt , Hunde und Kinder merkten , wer sie lieb hat und wer nicht ; so mag es das Balg ahnen , daß ich sie nicht mag . “ — „ Ob Du sie leiden magst , ob nicht , ist hier ganz Nebensache “ , entgegnete der Gatte . „ Du hast sie nicht an Dich zu fesseln verstanden und das ist ein Fehler , — denn der schlechte Schein von Hartwichs Grausamkeit gegen das Kind fällt dadurch auch mit auf uns . Man hält sie im Dorfe schon für ein Opfer liebloser Erziehung . Der Pfarrer betrachtet sie wie eine Märtyrerin , deren er sich als Christ annehmen müsse , der Schullehrer ist wegen ihres klugen Kopfes für sie eingenommen , — es fehlte nur , daß diese Leute uns auf den Hals kämen und meinem blödsinnigen Bruder noch in der elften Stunde das Gewissen rührten , daß er ihr in der Reue Gott weiß welche Vorteile zuwendete ! Das wäre ein fataler Streich , und solche Leute fallen leicht von einem Extrem ins andere . — Das Kind muß also unter jeder Bedingung von ihm fern gehalten werden . Gelingt es mir nicht , sie von hier fortzubringen , so müssen wir sie wenigstens durch Güte an uns ziehen und den Leuten den Mund stopfen !