5 » Wahrhaftig , Franz , an deiner Stelle wüßte ich nicht , ob ich lachen oder weinen sollte ! Eine Erbschaft ist mir immer als das Ziel meiner Wünsche erschienen , aber wie mit jedem Dinge im menschlichen Leben – alles mit Unterschied . Franz , wirklich , du tust mir leid ! Da hast du nun etwas Ererbtes am Halse , an das du nie gedacht hast . Ein sogenanntes Gut , ein paar hundert Morgen Äckerchen und Wiesen , etwas Wald , einen verwilderten Garten , ein vernachlässigtes Wohnhaus , als Inventar vier gallige , spatlahme Andalusier , sechs spindeldürre Kühe und eine Tante als Hauptsache , die das Gallige und Spindeldürre in ihrer angenehmen Persönlichkeit zu vereinigen scheint . – Menschenkind , so ringe doch wenigstens die Hände oder schimpfe , oder tue irgend etwas dergleichen , aber stehe nicht so einher wie die stumme Verzweiflung selbst ! « Amtsrichter Weishaupt sprach diese Worte im komischen Zorn zu seinem gegenübersitzenden Freund , dem Assessor Linden . Vor ihnen auf dem Tische stand eine Rheinweinflasche nebst Gläsern , und auf dieser bereits geleerten Flasche hafteten 6 die Augen des Angeredeten mit nachdenklichem Ausdruck , als könne er von dem Etikett eine Antwort ablesen . Es war ein großes Zimmer , in dem sich die beiden befanden , eine Art Gartensaal , unendlich altmodisch und einfach ausgestattet mit zwei birkenen Eckschränken , wie sie zu Großmutterzeiten die jetzigen vornehmen Kredenztische vertraten und anstatt kostbarer Majoliken die vergoldeten buntbemalten Porzellantassen hinter ihren Glasscheiben sehen ließen , mit einem großen Sofa , dessen schwarzer Roßhaarbezug gar keinen Gedanken an ein behaglich-molliges Ruhestündchen aufkommen ließ , mit sechs rührend einfach konstruierten Rohrstühlen , die um den großen Tisch standen , und endlich mit mehr als zweifelhaften Familienporträten , unter denen besonders das Pastellbildnis einer blondgelockten jugendlichen Schönheit auffiel , deren unendlich kleiner Mund wie verlegen lächelte , als wollte sie sagen : » Glaubt mir nur , ganz so dumm habe ich in Wirklichkeit nicht ausgesehen ! « Und über all dieses verbreiteten orangegelbe Fenstervorhänge ein eigentümlich unangenehmes Licht . Die Tür des Zimmers stand geöffnet und , wie entschädigend für alle Geschmacklosigkeiten , bot sich dem Auge eine wunderliebliche Aussicht . Hohe , bewaldete Bergkuppen , mit üppigem Laubwald bedeckt , dessen ernstes Grün der Herbst schon in leuchtende Farben verwandelt hatte , bildeten den 7 Hintergrund . In nächster Nähe der Garten , malerisch genug in seiner Verwilderung ; und hinter den Bäumen hervorschimmernd die roten Ziegeldächer des Dorfes . Und das Ganze verschleiert von dem feinen Hauch eines Oktobermorgens , dessen die Sonne noch nicht Herr werden konnte . Mit der herben , reinen Luft aber wehte anmutend der taktmäßige Schall der Dreschflegel herüber , die auf der Tenne des Gutes geschwungen wurden . Von der Weinflasche war das dunkle Auge des jungen Mannes hinausgeschweift . Er sprang plötzlich empor und trat in die Tür . » Und trotz alledem , Richard , es ist ein reizendes Fleckchen Erde « , sagte er warm , » ich habe für Norddeutschland immer große Sympathien gehabt . Glaube mir , der Faust liest sich hier noch einmal so gut , wo der Brocken dort herüberschaut . Ich bitte dich , krächze nicht mehr wie ein Unglücksrabe ! Ich werde Frankfurt nie vergessen , aber auch nicht allzusehr vermissen – hoffe ich . « » Na , Gott bewahre ! « scherzte der Kleine , noch immer mit dem leeren Weinglase spielend , » du willst mir doch nicht weismachen – « Aber Linden unterbrach ihn : » Ich will dir gar nichts weismachen , ich will versuchen , ein Landwirt zu werden , und ich will dies nicht nur , weil ich muß , Richard – mir ist wirklich in dem alten Neste ganz behaglich ; ergo höre auf , mein Alterchen . « » Na , Glück zu ! « erwiderte der andere , neben den 8 Freund tretend und fast zärtlich in das hübsche Männergesicht schauend . » Ich habe ja im allgemeinen nichts einzuwenden gegen dieses Gutsbesitzerspiel , wenn ich nur wüßte wie und wo – . Siehst du , Franz , wäre ich nicht solch ein armer Schlucker , ich sagte dir sofort , › hier , mein Junge , hast du ein Kapital von soundsoviel . Nun fange einmal an , das veraltete lotterige Ding in Zug zu bringen ‹ . – So , wie es jetzt ist , kann ' s nicht bleiben . Aber – na , du weißt « , schloß er mit einem Seufzer . Franz Linden hatte abermals keine Antwort , aber er pfiff leise eine lustige Melodie , wie er immer tat , wenn er unangenehme Gedanken verscheuchen wollte . » Ja , pfeife nur « , murmelte der Kleine , » es wird die einzige Musik sein , die du hier zu hören bekommst – oder etwa noch eine knarrende Stubentür oder das Konzert einer höchst respektablen Mäusefamilie , die sich in deinem Zimmer angesiedelt hat . Brr – Franz ! Jetzt denke dir dieses einsame Nest im Winter – auf den Bergen Schnee , auf der Straße Schnee , im Garten Schnee und in der Luft weißes Gewimmel – Herr Gott , was willst du die langen Abende hindurch beginnen , an denen wir sonst im Taunus , auf der Bockenheimer Gasse saßen oder im Theater ? Wer soll hier Skat mit dir spielen ? Für wen willst du deine vielbewunderten Gedichte machen ? In der Dorfschenke 9 werden sie sicher nicht verstanden . – Ach , wenn ich dich so ansehe , du hier allein , versauernd und Sorgen dazu ! « Er seufzte . » Ich will dir etwas sagen , Franz , Scherz in die Ecke « , fuhr er fort , » du wirst heiraten müssen ! Und da gebe ich dir den Rat , tue bei dieser Angelegenheit deinen Idealen ein wenig Zwang an . Sieh ab von elfengleichem Wuchs , sinnigen Augen und holdester Weiblichkeit – zugunsten eines anderen Vorzuges , der durch nichts zu ersetzen ist in unserem prosaischen Leben . Bringe mir kein armes Mädchen , Franz , und wäre sie die Perle aller Weltteile . In deiner Lage würde es einfach Torheit sein , eine Sünde an dir und allen deinen Nachkommen . – Es schadet rein gar nichts , wenn deine hübschen Reime nicht auf sie passen – du wirst auch die Schönste nicht ewig andichten . – Jammervoll ! « Er stiebte die Asche seiner Zigarre ab . » In Frankfurt – hättest du ernstlich gewollt – war was zu machen . Aber du hast dich von den koketten Augen der kleinen Thea völlig blenden lassen . Wie oft habe ich mich damals geärgert ! – Wenn der Mensch über die Fünfundzwanzig hinaus ist , sollte er wahrhaftig vernünftiger werden ! « Franz Linden schwieg beharrlich , und der Kleine wußte sofort , daß er , wie er sich auszudrücken pflegte , in den Fettopf getreten hatte . » Na , Franz , laß gut sein « , scherzte er , » hier gibt ' s vielleicht auch reiche Mädchen . « 10 » Ei gewiß , mein Herr , ei gewiß « , klang es hinter ihnen , » reiche Mädchen und hübsche Mädchen . Unsere alte Stadt ist von jeher dafür berühmt gewesen . « Beide Herren wandten sich nach dem Sprecher um ; der Amtsrichter nur , um mit einem ärgerlichen Achselzucken sofort wieder in die Gegend hinauszuschauen , Franz Linden , um ihn höflich zu begrüßen . » Ich bringe die gewünschten Notizen « , fuhr der Eingetretene fort , ein kleiner Mann in den fünfziger Jahren , mit einem unglaublich schmalen spitzen Gesicht , auf dem ein süßes Lächeln spielte , devot in jeder Miene , jeder Bewegung . » Ich danke sehr , Herr Wolff « , sagte Franz Linden und nahm die Papiere . » Wenn ich sonst noch dienen kann – – Fräulein Rosalie wird bezeugen , daß ich dem verstorbenen Herrn Onkel stets ein dienstwilliger Freund gewesen – « » Ich bin völlig fremd hier « , erwiderte der junge Hausherr , » es kann wohl sein , daß ich Ihrer Hilfe bedarf . « » Größte Ehre , Herr Linden ! Ja , und wie gesagt , sollten Sie in der Stadt Bekanntschaften suchen – da sind die Tubmanns , die Schenks , die Meiers und Hellborns , und vor allem die Baumhagens . Reiche und angenehme Häuser , Herr Linden – werden mit offenen Armen 11 aufgenommen , ist immer Mangel an liebenswürdigen Kavalieren in der kleinen Stadt . Die Herren von der Kavallerie – Sie wissen schon – ein wenig oben hinaus , wollen sich lediglich amüsieren ; – – ich bin gern erbötig , falls Sie – – « Der Amtsrichter unterbrach ihn mit einem gewaltigen Räuspern . » Franz « , sagte er trocken , » was ist das für ein Turm dort drüben auf dem Berge ? Du hast ja gestern die Generalstabskarte studiert . « » Die Hubertushöhe « , erwiderte der junge Mann , zu ihm tretend . » Gehört dem Freiherrn von Lobersberg « , mischte sich Herr Wolff ein . » Interessiert mich gar nicht « , murmelte der Amtsrichter und fixierte , in Ermangelung eines Fernrohres , den Turm durch die hohle Hand . » Ich habe die Ehre , mich zu empfehlen « , schnarrte Wolff , » muß noch hinüber nach Lobersberg . « Der Amtsrichter nickte kurz ; Linden begleitete den Agenten bis zur Tür und kam dann langsam zurück . » Nun erkläre mir , bitte « , fuhr der Freund auf ihn los , » wie kommst du zu diesem Menschen – was sage ich – zu dieser Ratte , die sich so unaufgefordert in deine Angelegenheiten drängt ? « Die dunklen Augen Franz Lindens sahen wie erstaunt in das ärgerliche Antlitz des Amtsrichters . » Je nun , Richard , er ist des verstorbenen Onkels 12 rechte Hand gewesen , sozusagen sein Faktotum , und schließlich – er darf wohl ein Wörtchen mitreden , da er leider Gottes eine große Hypothek auf Niendorf stehen hat . « » Das berechtigt ihn noch nicht zu dem aufdringlichen Gebaren , das der Mann dir gegenüber entfaltet « , sagte der Kleine . » I , Kreisrichterchen « , entschuldigte der junge Mann , » er hält mich für einen Neuling , für einen Ignoranten in dem heiligen Getriebe einer Landwirtschaft . Du – – « » Und ich halte ihn für einen dunklen Ehrenmann ! Und wenn wir uns wieder einmal sprechen , Goldsohn , wirst du mir sagen : › Richard , weiß Gott , du hattest recht mit diesem Menschen , der Kerl ist ein Spitzbube ! ‹ « » Weißt du « , erklärte Franz Linden , zwischen Scherz und Ernst schwankend , » ich wollte , ich hätte dich ruhig in deiner Wohnung am Goethe-Platz gelassen . Du bist imstande , mir mit deinen morosen Ansichten alles , alles hier zu verekeln . Komm , wir wollen einen Gang machen durch den Garten , dann wird es leider Zeit sein , daß du zur Bahn mußt , wenn du allerwegen noch den Kurierzug erreichen willst . « Er nahm des brummenden Freundes Arm und zog ihn mit sich , hinunter in die verschlungenen Wege , auf denen schon das welke Laub der Bäume lag . 13 » Ich bin überzeugt , der Kerl hat ein Heiratsbüro « , murmelte ingrimmig der Amtsrichter . Als sie um die Ecke eines verwilderten Bosketts gingen , sahen sie jenseits des kleinen , ganz mit Wasserlinsen bedeckten Teiches eine alte Frau langsam dahinschreiten . » Ich bitte dich um Gottes willen « , begann der Kleine wieder , » sieh dir diese Gestalt an , diese Haube mit der ungeheuren Trauerschleife , dieses wunderliche Kleid mit einer Taille , die unter den Armen sitzt . Und wie malerisch trägt sie den schwarzen Schal – weiß der Himmel , sie hat einen roten Parapluie ! Goldsohn , den benutzt sie vermutlich , um am ersten Mai auf Urlaub zu gehen , respektive zu reiten ; brr – und das ist deine einzige Gesellschaft ! « In der Tat , sie sah wunderlich aus , diese alte Frau , wie sie so voller Grandezza dahinwandelte , als sei eins der verblichenen Pastellbilder aus dem Gartensaal wieder lebendig geworden . » Soll ich sie rufen ? « fragte lächelnd Franz Linden . » Der Himmel bewahre uns ! « wehrte der andere . » Mir ist die Nähe des Blocksberges wirklich unheimlich , dein Herr Wolff sieht aus wie Mephisto , und diese – nun , ich habe es eben angedeutet : sie ist eine peinliche Zugabe für dich , Franz . « Die wunderliche Frauengestalt war längst hinter den Büschen verschwunden , als der junge Mann 14 endlich wie verloren antwortete : » Du siehst zu schwarz , Richard – inwiefern könnte dieses alte , dem Grabe zuwankende Menschenkind lästig sein ? Sie lebt förmlich verschollen in ihrem Erkerstübchen . « » Nun , ich taxiere sie darauf , daß sie dich alle Augenblicke um etwas bitten wird – wenn sie friert , heizt der Ofen nicht gut , wenn sie Reißen hat , wirst du ihr eine Katze schießen müssen . Sie wird sich in deine Angelegenheiten mengen , deine Sachen verlegen und dir zahllose kleine Verdrießlichkeiten bereiten . Oh , alte Tanten sind eigens dazu erfunden , ihre Mitmenschen zu quälen . Aber es schadet nichts , koche du dir nur einen recht großen Topf voll Zuckerguß und glasiere alles damit . ' s wird nötig sein . – Ich glaube aber , Franz , es ist Zeit , der Eilzug wartet nicht . « Der Angeredete sah nach der Uhr , nickte mit dem Kopfe und ging eilig dem Hause zu , um das Anspannen zu bestellen . Gedankenschwer folgte ihm der Freund . Endlich stieß er ein halblautes » Donnerwetter ! « heraus . » So ein Bild von einem Jungen « , räsonierte er innerlich weiter , » soll hier Hungerpfoten saugen auf dieser Bauernklitsche ? Was wird er überhaupt für eine Rolle spielen unter den reichen Grundbesitzern dieses gesegneten Landstriches ? Hätte doch der Selige Gott weiß wen zum Erben auserkoren , nur den nicht – soll sich ' s auch noch zur Ehre schätzen ! Was hätte er für Karriere machen können ! 15 Versauern und verbauern wird er hier , und diese – hole der Henker das ganze Niendorf ! Hätte ich ihn nur wieder daheim im lustigen Frankfurt – Herrrr , es ist – – « Ein Viertelstündchen später saßen die Freunde in einem etwas altmodischen Gefährt und rollten der Kreisstadt zu . Hinter ihnen versank das stille Harzdörfchen , und eine vieltürmige Stadt zeigte sich am Horizont ihren Blicken . Allzu weit hatten sie nicht zu fahren , in Zeit einer Stunde war das Ziel erreicht , und der Wagen hielt vor dem stattlichen Bahnhofsgebäude . So schweigend wie sie gekommen , wurde Billett und Gepäck besorgt , und erst auf dem Perron begann Linden zu sprechen . » Grüß mir Frankfurt , Richard , und die Kollegen . Schreibe mir auch mal , wenn du Zeit hast . Sorge , daß ich meine Möbel und Bücher bald bekomme , und nun vielen Dank für deine Begleitung nach hier . « Der Amtsrichter machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand . » Wollte Gott , ich könnte dich mit zurücknehmen , Franz « , sagte er beinahe weich , » du glaubst nicht , wie du mir fehlen wirst . Mit dem Schreiben ist das so so bei mir , du kennst mich ja , du bist fixer bei der Hand damit , wirst auch mehr Zeit haben – – « Das Pfeifen , das Rollen und Rasseln des heranbrausenden Zuges schnitt ihm das Wort ab ; schon im nächsten Moment saß er in einem Coupe . » Adieu , Franz – komm noch einmal dicht heran , 16 alter Junge – sieh , wenn du in ernstlicher Verlegenheit bist , schreibe mir zuerst davon . Wenn ich auch selbst nicht in der Lage – du weißt , meine Schwester ist in guter Lage . « Noch ein Händedruck , noch ein Blick in zwei ehrliche Männeraugen , und Franz Linden stand allein auf dem Bahnhof . Langsam wandte er sich und schritt vom Perron hinunter seinem Wagen zu . Er hatte schon den Fuß auf dem Tritt , als er sich besann und dem Kutscher befahl , im Hotel auszuspannen , er habe in der Stadt zu tun . Er war so völlig im Bann des unbehaglichen Gefühles , das nach der Trennung von liebgewordenen Menschen das Herz erfüllt , daß er in keineswegs gehobener Stimmung die Straße zur Stadt hinabschritt . Am Eingang derselben bog er zur Seite und verfolgte einen menschenleeren Weg , der an der wohlerhaltenen alten Stadtmauer entlangführte . Wohin er wollte , wußte er selbst nicht . Er hatte gar nichts hier zu suchen , er kannte keinen Menschen , aber er mußte sich doch etwas orientieren in seiner Nachbarschaft . Sie schien in der Tat ihren Ruf als alte deutsche Kaiserstadt zu rechtfertigen . Trotzig lag das Schloß mit dem berühmten Dome auf steilem Fels : aus dem Gewirre roter spitzgiebliger Dächer ragte manch schlanker Kirchturm empor , und wie ein fester Kranz umgaben noch heute Wall und Mauern die Altstadt , regelmäßig unterbrochen durch plumpe , viereckige Warttürme . Er freute sich über das hübsche Bild . Und wie er so dahinschritt , ließ seine Phantasie die prächtige Kaiserstadt aufwachen aus tausendjährigem Schlummer . Nach einem Weilchen blieb er stehen und sah zu einer der grauen Warten empor . » Wirklich , beinah wie das Eschenheimer Tor in Frankfurt « , sagte er halblaut , » was für wunderliche Sprünge machen die Gedanken ! « – Er befand sich plötzlich wieder mitten in der Gegenwart . Noch vor kaum vier Wochen war er unter dem schönen Tor dahingegangen , ohne zu ahnen , daß er diesen Kollegen in Norddeutschland so bald schon begrüßen würde . – Gleich einem Blitze aus heiterem Himmel war diese Erbschaft gekommen , die ihn zum Besitzer von Niendorf machte . – Wie der alte Bruder seines Großvaters darauf verfallen war , gerade ihn aus der ganzen zahlreichen Verwandtschaft zum Erben einzusetzen , es blieb fast ein Rätsel und ließ sich nur auf die besondere Zuneigung zu der Mutter des jungen Mannes zurückführen , die der alte Sonderling immer bevorzugt hatte . Es war ihm aber beim Empfange der Nachricht gewesen , als falle ein goldener Regen in seinen Schoß . Es lebt sich schlecht in einer Millionenstadt mit dem Einkommen eines Assessors . Und dann – er hatte in dem glänzenden verwirrenden Leben dort eine Herzenswunde empfangen , und die Narbe brannte zuweilen noch . Das war , wenn an ihm eine elegante Equipage vorübersauste – schwarz 18 die Pferde , schwarz mit Silber die Livreen und im mattgrauen Fond eine Frauengestalt , dunkle Straußfedern über dem marmorweißen Gesicht , goldigbraun der üppige Haarknoten im Nacken , und ach ! so fremd ihn anblickend aus den großen , blauen Augen . – Er war dann verstimmt auf Tage nach solchem Begegnen . » Eine Modepuppe , ein herzloses Weib « , nannte er sie bitter ; aber er hatte doch einmal das Gegenteil geglaubt , ein ganzes Jahr lang , bis er eines Morgens ihre Verlobungsanzeige in der Hand hielt . Sie heiratete einen Bankier , einen kleinen , dicken Bankier , der ihr oft als Zielscheibe des Spottes gedient hatte . Aber , mein Gott – er hatte eine Million ! Ja , wie gern war er aus ihrer Nähe gegangen , wie hatte er sich gefreut , das ganze Getriebe der großen Welt im Rücken zu haben , wie selig hatte er an die Mutter geschrieben – und was hatte er gefunden ? Aber gleichviel ! Der Verwalter , den er vorläufig angenommen hatte , schien ein tüchtiger Mensch zu sein . Er selbst wollte sich in keiner Hinsicht schonen , und dann – Wolff . Er verstand wieder nicht , was Weishaupt an dem Manne auszusetzen fand . Er wanderte schon längst durch belebte Gassen der Stadt . Er hatte nach dem Hotel gefragt , in dem sein Kutscher ausspannen wollte . Nun betrat er den Markt , in dessen Mitte der Roland steht . Ein 19 stattliches Rathaus im Renaissancestil erhob sich im Westen des Platzes , und ihm schlossen sich würdig hohe , spitzgieblige Patrizierhäuser an : einige mit Erker geschmückt , einige stufenartig nach oben hinausgebaut , daß es aussah , als müßten sie das Übergewicht bekommen . Nur zwei bis drei Gebäude waren neueren Ursprungs , und auch bei diesen hatte man sich augenscheinlich bemüht , den mittelalterlichen Charakter festzuhalten . Angenehm überrascht blieb Linden stehen , und sein Blick flog musternd über die Front des hohen Gebäudes , vor dem er zufällig haltgemacht hatte . Drei mächtige Stockwerke türmten sich aufeinander . Über der großen , spitzbogigen Haustür erhob sich ein zierlicher Erkerbau , der sich durch alle Etagen fortsetzte , um als stattlicher Turm sein Haupt , mit einer Windfahne geschmückt , in den blauen Oktoberhimmel zu erheben . In der Beletage zeigten die durch Säulen geteilten Erkerfenster altertümliche Butzenscheiben , jedenfalls war man dort » stilvoll « eingerichtet . Im zweiten Stock aber schimmerten reiche Spitzengardinen hinter klaren hohen Glasscheiben , und ein Flor von Fuchsien und Nelken grüßte und nickte von den außen angebrachten Blumenbrettern herunter . Nur noch ein holdes Mädchenantlitz darüber , und das lieblichste Bild wäre gegeben . Aber es zeigte sich nichts dergleichen und noch einen Blick auf das kunstvolle Eisengeländer der 20 Treppe werfend , wandte sich der aufmerksame Beschauer ab und schritt quer über den Markt dem Hotel zu , um Mittag zu speisen . Da es schon eine späte Stunde , war er der einzige Gast in dem hübschen großen Speisesaal . So aß er ziemlich rasch und begann von neuem die Straßen der Stadt zu durchwandern . Hinter dem Rathause kam er in ein Gewirr von engen und engsten Gäßchen , trat dann aber unter einem gewölbten Bogen unversehens hervor auf einen Platz , umstanden von hohen , halbentblätterten Lindenbäumen , die ernst und feierlich eine mächtige Kirche zu bewachen schienen . Es war , als ob hier alles Leben erstorben sei , nur einige Kinder spielten zwischen dem welken Laub , und eine alte Frau humpelte nach einem sonnigen Eckchen , sonst tiefste Ruhe ringsumher . Eine Seitentür der Kirche stand geöffnet . Er ging hinüber und trat in die schweigende Dämmerung des Gotteshauses . Er nahm den Hut ab und betrachtete , überrascht von der edlen Einfachheit dieses Baues , die schlanken , doch kraftvoll aufstrebenden Pfeiler und das reiche Netzgewölbe des Chores . Dann schritt er den Mittelgang empor , zwischen den altersbraunen , kunstvoll geschnitzten Kirchenstühlen . Er freute sich darüber , er besaß lebhaftes Interesse für die schönen Formen der Renaissance , und er freute sich doppelt , weil er Ähnliches hier nicht gesucht hatte . Dann hielt er 21 plötzlich seine hallenden Schritte an – dort am Taufstein , über welchem mit ausgebreiteten Flügeln die weiße Taube schwebte , erblickte er drei Frauen . Zwei von ihnen schienen geringen Standes , die ältere , vermutlich die Hebamme , hielt den Täufling in beständig schaukelnder Bewegung . Die andere , im einfachen schwarzen Wollkleid und Umschlagetuch , ein junges Weib , schaute mit verweinten Augen auf das Kind . Eine dritte hatte sich zu dem Kleinen herniedergebeugt . Der Kirchendiener , der eben das Wasser in das Taufbecken goß , verdeckte sie augenblicklich völlig , und Linden sah nur die Schleppe eines dunklen seidenen Kleides auf dem Sandsteinboden . Und jetzt tönte eine weiche , biegsame Frauenstimme in sein Ohr . » Weinen Sie nicht so viel , meine gute Johanne , Sie werden noch recht viel Freude haben an dem kleinen Würmchen – weinen Sie doch nicht ! – Lieber Engelmann , benachrichtigen Sie den Herrn Oberprediger – meine Schwester scheint nicht zu kommen , sie wird Abhaltung haben . Wir wollen nicht länger warten . « Die Sprecherin wandte sich zu der Mutter und Franz Linden sah nun voll in ein junges Mädchenantlitz . Ja , es war nicht eigentlich schön , dieses schmale Oval , überschattet von goldigbraunem , üppigem Haar ; zu blaß der Teint , zu traurig der Ausdruck , den die etwas herabgezogenen Mundwinkel noch verschärften . Aber unter den 22 feingezeichneten , wenig geschwungenen Brauen sahen ein Paar tiefe blaue Augen ihn an , klar wie die eines Kindes , bittend und fragend , wie Frieden heischend für die heilige Handlung . Es mochte wohl oft vorkommen , daß Fremde in die schöne Kirche eintraten und dadurch Störung veranlaßten – so glaubte wenigstens Franz Linden den Blick zu verstehen . Atemlos still verharrte er nun , an den alten Kirchenstuhl gelehnt , und seine Augen folgten jeder Bewegung der schlanken Mädchengestalt , wie sie jetzt das Kind in die Arme nahm und zu dem Geistlichen trat . » Herr Oberprediger « , klang die weiche Stimme , » Sie müssen mit einem Taufzeugen vorliebnehmen , meine Schwester ist leider ausgeblieben . « Der Geistliche hob den Kopf . » Dann könnten Sie wohl , liebe Schmidt – « , er winkte der älteren Frau zu . Franz Linden stand plötzlich vor dem Taufsteine neben dem jungen Mädchen . Er wußte selbst nicht , wie er so rasch dahin gekommen . » Gestatten Sie mir diese zweite Patenstelle « , sprach er . » Ich kam zufällig in die Kirche , ein landfremder Mensch . Ich möchte die erste Gelegenheit in meiner neuen Heimat , Christenpflicht zu üben , nicht versäumen . « Er war einem Impuls gefolgt , und er wurde verstanden . Der greise Prediger nickte lächelnd . » Es ist ein armes , früh vaterlos gewordenes Kind , 23 mein Herr « , erwiderte er ; » vier Wochen vor seiner Geburt verunglückte der Vater – Sie tun ein gutes Werk . – Ist es Ihnen , liebe Frau , recht ? « wandte er sich zu der jungen Mutter . » Nun schön – Engelmann , so tragen Sie den Namen des Herrn Paten in das Kirchenbuch ein . « » Karl Max Franz Linden « , sagte der junge Mann . Und nun standen sie zusammen vor dem Prediger , die beiden , die vor einer Viertelstunde noch keine Ahnung voneinander gehabt hatten . Sie hielt das schlummernde Kind in den Armen . Sie hatte nicht emporgesehen , das lebhafte Rot der Überraschung brannte noch auf dem zarten Gesicht , und das einfache Spitzchen an dem Kissen des Täuflings zitterte leise . Es waren nur wenig Worte , die der Geistliche sprach ; wunderbar klangen sie nach in beider Herzen . Linden sah herab auf das braune tiefgesenkte Haupt neben sich , dann lagen zwei Hände auf dem ärmlichen Bettchen des Täuflings , zwei warme junge Menschenhände dicht nebeneinander , und von beider Lippen kam ein helles , klares » Ja « , die Frage des Geistlichen beantwortend . Als die Zeremonie vorüber , trug das Mädchen der weinenden Mutter das Kind zu und drückte einen Kuß auf das kleine rote Gesichtchen , dann kam sie hinüber zu Linden , und ihre Augen blickten ihn an mit einem Gemisch von Verwunderung und Dankbarkeit . 24 » Ich danke Ihnen , mein Herr « , sprach sie und legte einen Moment die schmale Hand in seine Rechte , » ich danke Ihnen im Namen der armen Frau – es war gut von Ihnen ! « Dann ein unnachahmlich stolzes Neigen des kleinen Kopfes und sie ging , leise umrauscht von der schweren Seide ihres Kleides . Dort unten an der Pforte im hellen Schein des hereinbrechenden Tageslichtes sah sie noch einmal zu ihm hinüber , der regungslos am Taufstein geblieben war , um ihr nachzuschauen . Es war , als senke sie nochmals grüßend das blasse Antlitz , dann war sie verschwunden . Franz Linden war allein in der stillen Kirche zurückgeblieben . Wer mochte sie sein , die da eben neben ihm gestanden hatte ? – Ein leises Klingeln ließ ihn sich umsehen . Der Küster mit dem Schlüsselbund trat aus der Sakristei . » Sie wollen zuschließen , alter Freund ? « sagte er zerstreut , » ich gehe schon . « Dann , wie sich besinnend , kam er ein paar Schritte zurück . » Wer war die junge Dame ? « wollte er fragen , aber er brachte es nicht über die Lippen , er betrachtete nur angelegentlich die in glühenden Farben schimmernden Glasmalereien der hohen Fenster . » Die sind einzig schön « , lobte der Küster , » und werden immer sehr bewundert . Das dort ist von 1511 , der Auszug der Kinder Israels , ein Geschenk der Äbtissin Anna vom Schlosse droben . Sie soll , 25 wie man sagt , eine Vorliebe für diese Kirche gehabt haben ; ist auch die schönste weit und breit herum , unsere Benedikti-Kirche . « Franz Linden nickte . » Da mögen Sie wohl recht haben « , sagte er zerstreut . Dann händigte er dem Manne eine kleine Summe ein für den Täufling und schritt hinaus . Bald darauf rollte sein Wagen der Heimat zu . Dunkel hoben sich die Umrisse des kleinen Gebirges vom leuchtend roten Abendhimmel , und immer näher rückte der Kirchturm von Niendorf . – Es war nichts Fremdes mehr um ihn , wie heute früh noch . Das erste leise , wonnige Bewußtsein des Heimatgefühls zog in sein Herz . Auf der Höhe wandte er sich