5 Alte Liebe . Wirklich ein behagliches , ein allerliebstes Nest hatte sie sich geschaffen , in dem sie nun ihre » alten Tage « leben wollte . In einer Villenstraße Dresdens , erster Stock , Halbetage , fünf Zimmer und Gartengenuß . Außer ihr vorläufig nur die Familie des Wirtes im Hause , die andere Hälfte ihrer Etage war eben frei geworden . Das alte Fräulein , das dort wohnte , starb vor vierzehn Tagen , nachdem sie fünfundzwanzig Jahre dort gewohnt hatte . Bevor der Mietzettel ausgehängt wurde , mußte das Quartier erst neu hergerichtet werden . Der Wirt hatte versprochen , die Maler und Maurer erst kommen zu lassen , wenn sie , Helene Wilkens , in die Sommerfrische gereist sei . Wirklich rücksichtsvoll für einen Hauswirt ! – Nein , sie ist durchaus glücklich , aus der kleinen Vaterstadt fortgezogen zu sein nach dem Tode ihres Vaters . Das alte Haus dort mit den trüben Erinnerungen , in dem ihre Seufzer und ihre Tränen lebendig geblieben waren , in dem jeder Raum ihr erzählte von aufgeopferten Wünschen und ungestillter Sehnsucht , von dem Verkümmern und Verblassen ihrer Jugend , das hätte sie beinah erdrückt , nun sie es allein bewohnen sollte mit diesen Erinnerungen . 8 Sie war hier erst wieder aufgelebt , und hier erst würde sie vergessen lernen . Hier , wo sie nichts mehr erinnerte und mahnte an ihres Herzens einzige große Liebe . Es wurde aber auch Zeit , wenn sie noch etwas haben wollte vom Dasein . Sie war vierzig Jahr gewesen vor ein paar Wochen ! Man sah es ihr nicht gerade an . Wenn sie angeregt war , bekamen ihre Wangen Farbe und ihre Augen wieder Glanz ; aber mitunter , wenn die Erinnerung sie heimsuchte , dann hatte sie das Gesicht einer müden kranken Frau . Ein wenig voller war sie geworden in ihrem öden Dahinvegetieren zwischen der Krankenpflege des Vaters und den Kaffees , in denen das gesellige Leben ihrer Vaterstadt bestand . Im ganzen fühlte sie sich alt , recht alt , wenn sie sich auch noch freuen konnte am Schönen . Die Mittel , angenehm zu leben , waren ihr reichlich zu teil geworden . Das ganze Vermögen hatte sie bekommen als einzige Erbin . Alles gut angelegt in Staatspapieren , auf der Reichsbank deponiert . Sie freute sich , wenn sie mit der unterschriebenen Quittung in das elegante Banklokal wanderte , um die beträchtlichen Zinsen zu erheben . Das war auch ein Zeichen vom Alter ! Es hatte eine Zeit gegeben , da hatte sie dieses Geld gehaßt aus der tiefsten Tiese ihres jungen Herzens . Damals , als der Vater ihr sagte . » Ja , begreifst du denn nicht , Kind , daß der Wendenfels in erster Linie an dein Geld denkt ? « Kein Beschwören , kein Beteuern der Tochter hatte geholfen , ihn von seiner Meinung zu bekehren . Der junge Leutnant ging eines Tages mit einem Korbe heim – ließ sich versetzen und – tröstete sich nach Jahr und Tag mit einer andern . Er war schon Hauptmann , als er heiratete , und er nahm ein ganz armes Mädchen . Mit mühsam unterdrückten Tränen erzählte Helene Wilkens ihrem Vater von der armen Heirat , die der Verschmähte gemacht hatte . Aber der alte Herr schwieg sich darüber aus . Ja , der Mann hatte sich getröstet über seine fehlgeschlagenen Hoffnungen , – sie konnte es nicht . Sie schickte einen Freier nach dem andern fort . Es war , als habe der Frost , der über 9 ihr junges Liebesglück daherfuhr , mit den ersten Knospen auch alle Fähigkeit zu einem späteren Blühen vernichtet . Nun war sie endlich ruhig . Das machte das Alter und die veränderte Umgebung . Sie konnte manchmal lächeln , wenn sie daran dachte , was aus ihren Freundinnen geworden war , die ausnahmslos verheiratet waren , deren junges Glück sie bitter beneidet hatte , wenn sie ihnen auch mit möglichster Haltung den Brautkranz wand oder Patenstelle annahm bei dem kleinen Nachwuchs . Oh , sie lachte sie jetzt alle aus in ihrem sorglosen Dasein , – sie wurde von ihnen beneidet ! Heute nachmittag war eine dieser Freundinnen zu Besuch bei Helene Wilkens ; die war irgendwie nach Dresden verschlagen 10 worden mit ihrem Mann , der sich Professor nannte und junge Leute zum Fähnrichexamen vorbereitete . Die beiden Damen saßen im gemütlichen Erkerzimmer Helenens am Kaffeetisch , und die verärgerte und abgehetzte Professorin , die sich mit Mühe und Not ein Stündchen freigemacht hatte von den Pflichten ihres großen Haushaltes , ließ die musternden Augen umgehen über alle die traute Behaglichkeit und sagte mit einem Seufzer : » Du hast ' s gut , Lenchen ! Ja , wenn ich heute noch einmal davorstände , ich heiratete nicht . Aber was weiß man denn als junges Mädchen , lieber Gott ! Ich spreche so oft zu meinen Töchtern : Kinder , heiratet nicht , macht ' s wie Tante Lenchen Wilkens , – was geht der ab ? « » Na , weißt du , Sophiechen , das glauben dir die jungen Dinger doch nicht , das laß man ! « meinte Helene . » Ich hab ' s meinem Vater auch nicht geglaubt , wenn er sagte : Was geht dir ab ? Du hast ' s doch gut bei mir ! « » Ja , ja , freilich ! « murmelte die Professorin und tunkte ein Stück Kuchen in den Kaffee . » Und dann , « fuhr Helene fort , » es war auch nicht leicht , alles stillschweigend aufzugeben . Das Schwere und Bittere liegt hinter mir . Du hast alles Süße und alles Glück zu rechter Zeit gehabt , und wenn du nun ein bissel Sorgen hast , so ist es doch nur gerecht . Ebenso , daß ich nun noch ein bißchen Behaglichkeit und Selbständigkeit erlebe . « » Nun , « meinte die andre neckend , » vielleicht heiratest du noch und kriegst dein Süßes nach . « Und als Helene Wilkens herzlich zu lachen begann , lachte sie mit , meinte aber doch : » Höre , Lenchen , du siehst stattlich genug noch aus , – es muß nur einer sein , der für deine Jahre paßt . – Übrigens sag mal , hast du je etwas von deinem ehemaligen Bräutigam gehört ? « » Nichts , Sophiechen , als daß er geheiratet hatte und Witwer geworden ist . Das war das einzige . – Gott weiß , ob er noch lebt ! « » Zu schade war ' s doch . Es war ein zu reizender Mensch , « meinte nachdenklich die Professorin . 11 » Liebenswürdig und gut und hübsch fand ich ihn wenigstens ! « bestätigte Helene leise . » Nun , jetzt denkt man ja ruhig über die Geschichte . « In diesem Augenblick ging die Entreeglocke , und gleich darauf kam ein allerliebstes Mädchen von ungefähr siebzehn Jahren in das Zimmer , küßte Tante Wilkens die Hand und schlang die Arme um den Hals der Professorin . » Herzensmutti , bist du böse , daß ich dich abhole ? Sieh mal , der Weg vom Seminar geht doch hier vorbei – – « und dabei unterbrach sie sich beständig , um das Mutti schallend auf Wangen , Stirn und Augen zu küssen . Und die Professorin lachte und verwies dem Töchterlein ernstlich solch unstatthaftes Benehmen , aber ihre Augen strahlten plötzlich , und sie strich zärtlich über die blühende Wange des Kindes . Als Tante Wilkens den jungen Gast noch mit Kuchen und Schlagsahne gefüttert hatte und die Damen sich verabschiedeten , sagte Helene plötzlich mit melancholischem Lächeln zu der Freundin : » Ich glaube , Sophiechen , du tauschest doch nicht mit mir ! « Die Professorin antwortete nicht . Sie mochte wohl die Sehnsucht in den Augen des einsamen Mädchens lesen . » Adieu , Liebe ! « sagte sie nur . » Wenn du von deiner Schweizerreise zurück bist , komme ich mal wieder . Ach , siehst du , eine Schweizerreise , das ist der unerfüllte Wunsch meines Lebens geblieben . Gelt , Mizzi , die Tante hat ' s gut , die kann reisen ! « Als sie fort waren , stand Helene Wilkens eine ganze Zeitlang im Erker und schaute auf die im Abendsonnenlicht schimmernden Fenster der gegenüberliegenden Villa und auf die grünen 12 Rasenflächen des Vorgartens . Solange sie hier in Dresden wohnte , hatte sie sich noch nicht so einsam und trostlos gefühlt wie nach diesem kleinen Erlebnis . Und es war doch weiter nichts geschehen , als daß ein Kind mit seiner Mutter gekost hatte . Ihren Gedanken ließ sich nicht Vernunft predigen , sie wanderten mit den beiden , die sie eben verlassen hatten . Eng aneinander geschmiegt waren sie dahingegangen ihrem kargen Heim zu . Das alte bittere Weh , der alte herzzerreißende Neid , den Helene weit hinter sich wähnte , hatte sie ja nun auch hier gefunden . * * * Es war später Oktober geworden , als Helene Wilkens von der Reise zurückkehrte . Sie hatte sich angesichts der Gotthardbahn in Luzern ganz rasch entschlossen und war an die italienischen Seen gegangen . Sie brauchte ja niemand zu fragen , hatte Freiheit , Zeit und Geld schrankenlos zu ihrer Verfügung . Ja , und das ist doch ein sonderbares Gefühl , so von niemand vermißt zu werden . So zu wissen : es wartet keiner auf dich , du kannst ausbleiben , sokange du willst . Ein Gefühl , das frieren macht und traurig stimmt . Auf der Rückreise freute sie sich aber doch ein wenig auf ihr trauliches » zu Hause « . Sie kam übrigens als echte Hausfrau unangemeldet , um zu sehen , wie ' s die Luise treibe , wenn sie nicht daheim war . – Der Zug lief an einem regnerischen kalten Abend gegen acht Uhr in die große Halle des Hauptbahnhofes ein . Helene Wilkens stieg aus , übergab ihr sämtliches Gepäck und den Schein über den großen Koffer einem Dienstmann , schlüpfte in eine Droschke und kam nach kurzer Fahrt durch Dunst und Nebel vor dem Hause an . Ihre Fensterreihe war natürlich dunkel , aber nebenan , – ach ja richtig , die andre Hälfte der Etage ist ja nun wohl bewohnt ! Freilich , da war das Erkerzimmer erhellt . Hoffentlich angenehme Nachbarschaft , die da zugeflogen war . Wer mochte es sein ? Droben stand sie im erleuchteten Treppenhause still . Hier links blinkte ihr an der Korridortür auf blankgeputztem Messingschild ihr Name entgegen , das heißt , 13 es stand da einfach nur » Wilkens « . Denn in der großen Stadt brauchte nicht jeder Bummler zu wissen , daß hier nur ein einzelnes Fräulein wohne . Auf der rechten Seite war ein einfaches Porzellanschildchen befestigt . Helene konnte den Namen nicht lesen auf dieser Entfernung . Sie war aber doch neugierig , und ehe sie den Knopf ihrer elektrischen Glocke drückte , ging sie leise hinüber und beugte sich zu dem Schildchen hinunter . » Oberstleutnant a. D. Wendenfels « las sie zurückfahrend . Sie fühlte , wie das Erschrecken zitternd durch ihren Körper rann und wie ihr die Füße schwer wurden , die sie doch rasch wieder auf die andre Seite tragen sollten . Aber ehe sie noch klar denken und sich entfernen konnte , wurde die Tür vor ihr geöffnet , und sie stand , gerade als habe sie direkt zu ihm hinein gewollt , vor einem großgewachsenen älteren Herrn in grauem Haar und militärisch gestutztem Schnurrbart , der sofort den Hut abnahm und höflich fragte : » Sie wünschen , gnädige Frau ? « Es war dieselbe Stimme , die sie nie hatte hören können ohne Herzklopfen – klar , schneidig , bestimmt , – ein bißchen dunkler vielleicht , ein wenig müder als damals . Und dieselbe elegante Erscheinung war es noch , nur ein wenig fremd in der Zivilkleidung , ein wenig vornüber gebeugt , ein wenig voller vielleicht – Ihre zitternde Hand faßte den Schleier unter dem Kinn zusammen , und im Umwenden murmelte sie : » Verzeihung , ich verwechselte eben – ich wohne noch gar nicht lange hier . « Sie ging rasch zu ihrer Seite hinüber und läutete dort mit aller Macht . Aber als der schrille Ton verhallt war , scholl seine Stimme hinter ihr : » Fräulein Wilkens ! Helene – Helene Wilkens ! « Sie wendete den Kopf und sah ihn neben sich . » Nein , ist es denn möglich ? « sprach er weiter . » Helene , Sie ? Ich las wohl den Namen dort , aber wie konnte ich denn denken , daß der Zufall – Geben Sie mir doch Ihre Hand , daß ich sie küsse . Wenn Sie wüßten , wie mich das freut – glücklich macht ! « Es lag eine so überzeugende Wahrheit in seinen Worten , daß auch ihr Gesicht sich erhellte . Sie sagte ebenso herzlich , aber 14 leise und mühsam : » Wirklich , ein sonderbarer Zufall , Herr Oberstleutnant ! Auch ich freue mich sehr ! « Und dabei drückte sie wieder mit aller Kraft auf den elektrischen Knopf , so daß drinnen ein schrilles , langgedehntes Klingeln anhob . Aber es blieb totenstill hinter der Türe . » Mein Mädchen ist offenbar nicht zu Hause , « fügte sie rasch und ängstlich hinzu und noch immer mit der tiefen Bewegung kämpfend , die sie jählings überfallen hatte bei diesem Erkennen . Die Treppe herauf kam eben das Stubenmädchen des Wirts , um einen Korb Wäsche in die Mansarde zu tragen . Wie es die Dame erkannte , erschrak es : » O Gott , gnä ' Fräulein , Luise ist zur Kirmeß nach Oberndorf gefahren . Die wird nicht wiederkommen vor Zwölfen . Haben denn gnä ' Fräulein keinen Drücker bei sich ? « Nein , den hatte sie nicht nach der Schweiz und Italien mitgenommen . » Wollen das gnä ' Fräulein in der Wohnung unten warten ? Die Herrschaft ist freilich nicht daheim . Ich könnte aber rasch einen Schlosser holen ! « schlug das Mädchen vor . » Ih bewahre ! « sagte der Oberstleutnant , » das gnädige Fräulein wartet bei mir . Mein altes Hannchen bringt schon ein Abendessen und eine Tasse Tee noch zu stande . Bitte , Fräulein Wilkens ! « Er war hinübergegangen , schloß die Flurtür auf und trat zur Seite , um sie vorausgehen zu lassen . Einen Augenblick zögerte Helene noch , dann lächelte sie . Sie hatte eben beinahe vergessen , daß sie eine alte Dame geworden war und jede Ziererei geschmacklos sein würde . So schritt sie ihm voran in die Wohnung . Die alte Dienerin , die herzukam , machte ein höchst verblüfftes Gesicht , als sie ihren Herrn , der eben in den Klub hatte gehen wollen , wiederkommen sah mit einer Dame , der er zart und rücksichtsvoll Mantel und Hut abnahm . » Hannchen , machen Sie Tee ! « befahl er . » Und ein bissel kalten Aufschnitt besorgen Sie ! Die Dame kommt von der Reise . – So , und nun bitte hier herein , Fräulein Wilkens ! « Es war das Erkerzimmer , das drüben auch ihr Wohnzimmer 17 bildete . Ebenso traulich , nur in andrer Art. Dunkel die Möbel und Stoffe , tiefe plumpe Sessel , Waffen an den Wänden und hohe Büchergestelle . Das einzige Lichte , das durch die mit leichtem blauen Zigarrenrauch versetzte Luft schimmerte , war das lebensgroße Ölbild einer Frau in weißem Kleide . Es hatte seinen Platz über dem Schreibtisch . Helene Wilkens sah weg . Das Bild tat ihr weh . Sie wählte den Sessel , der mit dem Rücken nach dort stand . Er ging in der Stube auf und ab . » Das ist doch wie ein Traum ! « sagte er endlich , vor ihr stehen bleibend . » Und wissen Sie , vorhin hatte ich noch gerade an Sie – an uns – gedacht . Wie das so kommt , – Kleinigkeiten machen das oft . Mich brachte das Nebelwetter darauf . So ein Tag war es , Helene , wissen Sie noch , als wir – « » Sollen wir überhaupt davon reden ? « unterbrach sie ihn leise und ängstlich . Er schwieg einen Augenblick wie betroffen . » Nein , « sagte er dann , » wenn es Ihnen unangenehm ist , nicht . « » Unangenehm ist nicht das rechte Wort , – traurig ist es . « » Ja , « gab er zu , » traurig ist es , aber auch schön . Ehrlich gestanden , es ist das einzige Schöne , das einzige Poetische geblieben in meinem Leben . Ich habe die Erinnerung daran aufgehoben in meinem Herzen , sie wie eine Kostbarkeit bewahrt in festverschlossenem Schrein . Alles , was nachher kam , das war – « Wie sie ihn erstaunt , fast unwillig ansah , blieb er stehen . » Ich will Ihnen wahrlich keine Klagelieder vorsingen , « sagte er , » es wäre unrecht . Ich bin rechtschaffen glücklich gewesen in meiner Ehe . Aber sehen Sie , Sie waren für mich doch die erste Liebe , die Unerreichbare , das Rätsel . Meine Jugend selbst waren Sie . Ich hab ' s nie verwunden , daß ich scheiden mußte von ihr , ohne sie in mein Alter mit hinüber zu nehmen . – Ich weiß nicht , ob Sie mich verstehen – Sie haben vielleicht das alles längst vergessen , – haben – « » Ich verstehe Sie schon , Wendenfels ! « unterbrach sie ihn . » Aber « – sie lachte ein wenig wie verlegen . » Ich sage 18 nochmals : Wozu sollen wir darüber reden ? Wir sind so alte einsame Menschen geworden – « » Die nichts weiter haben als die Erinnerung ! « ergänzte er . » Und wenn so zwei der Zufall einmal zueinander bringt , dann sollen sie ein bißchen spazieren gehen in dem Paradies der Vergangenheit . Das Recht haben sie wahrlich , eben weil sie alt geworden sind und weil alles in dieser Erinnerung so rein und so wunderschön und traurig ist . – Und jetzt fangen wir an bei jenem Herbstabend , wo wir unter der Linde in Ihres Vaters Garten auf immer Abschied genommen haben bei Nebel und Regen und beide geweint haben um unser zerstörtes Glück . Sie , Helene , recht herzbrechend in Ihr weißes Tüchlein und ich über Ihrem blonden Köpfchen an meiner Brust . Sie werden ' s nicht gemerkt haben , aber ich gestehe es gern ein , es waren die letzten Tränen in meinem Leben , sie haben alles Weiche in mir mit fortgenommen . Und nun sagen Sie , Helene , was brachte das Leben Ihnen nach jener Stunde ? « Sie legte den feinen Kopf gegen die Lehne des Sessels und sah an ihm vorüber aus blassem Gesicht . » Nichts ! « sagte sie halblaut . Es schauerte sie selbst dabei , als sie in ein Wort faßte , was doch jahrelange Sehnsucht und Einsamkeit für sie bedeutete . Wie er schwieg , fuhr sie murmelnd fort : » Ich habe Vater gepflegt bis zu seinem Tode . Dann habe ich unser altes Haus zugeschlossen und bin hierher gezogen , – das ist alles . « Nun blieb es so still , daß man die Uhr auf dem Schreibtisch ticken hörte . Endlich fragte sie wieder und ihre Stimme klang wie aus weiter Ferne her : » Ich weiß , Ihre Frau ist gestorben , Wendenfels . Aber ich weiß nicht , ob Sie allein geblieben sind oder ob Sie Kinder haben . « » Eine Tochter habe ich , « antwortete er mit leiser Stimme . » Kann ich sie sehen ? Wo ist sie . « Er schüttelte den Kopf . » In einem Sanatorium ist sie , das arme Ding . « » Krank ? « Helene richtete sich empor und sah dem Mann ins erblaßte Gesicht . » Unheilbar ist sie , – das heißt , die Lähmung ist unheilbar , 19 sagt der Arzt . Sie kann lange leben in ihrem Siechtum . Übrigens , sie soll bald zu mir kommen mit einer Pflegerin , « fuhr er fort . » Ich mietete diese Wohnung schon ihretwegen . Sie mag nicht mit dem Rollstuhl auf die Straße , – hier ist der Garten . Ich 20 warte immer auf die Nachricht , daß sie mir schreibt : Ich komme , Vater ! – aber bis jetzt vergebens . « » Warum ? Hält der Arzt für besser , wenn sie noch bleibt ? « » Nein , sie selbst . Sie will nicht zu mir kommen , « antwortete er und fuhr dann rasch fort : » Wir haben einen Versuch gemacht , wir wollten beide gern . Aber sie wurde blässer und elender , als sie schon ist , bei mir . › Es ist so kalt bei dir , Papa ! ‹ sagte sie . – In der Anstalt hat sie junge Gefährtinnen , hat sie weiblichen Zuspruch , – ich bin ein so stiller Mensch geworden , Helene . Alles , was mir das Leben gebracht hat an Enttäuschungen , Sorgen und Widerwärtigkeiten , das pflege ich auszuschweigen . Das hat mich finster gemacht . Und darunter leidet sie , das macht sie kränker . – . Und , bei Gott , ich hänge an dem armen Geschöpfchen , fühle mich so schwer verantwortlich für sie , möchte alles tun – und all mein Werben bei ihr ist umsonst . « Er saß jetzt ihr gegenüber in dem Sessel , und in seinem Gesicht zuckte und arbeitete es in mühsam verhaltenen tiefen Seelenschmerzen . Es war gut , daß die alte Dienerin meldete , der Tee sei serviert . Er richtete sich empor und bot mit einem schwachen Versuch zu lächeln Helene den Arm . Sie saßen sich dann gegenüber im Speisezimmer , der Schein der Hängelampe lag auf ihren mit Silberfäden durchzogenen Haaren und zeigte ihnen die ernsten Linien um Auge und Mund , die die Zeit hineingezeichnet hatte . Ja , sie waren alt geworden und das Leid war durch ihr Leben getreulich mit ihnen gegangen von jener Stunde an , da sie sich trennten ! Helene aß und trank mechanisch ein wenig . Sie stieß auch mit ihm an , als er ihr ein Glas bot mit goldenem Rheinwein . » Auf unsere Jugend , Helene ! « sagte er dabei . Ihr war zum Weinen bange und schwer in diesem Moment , und das durfte nicht sein , sie durfte nicht weich werden ! In gezwungener Lustigkeit nahm sie nun ihr Glas . » Und auf gute Nachbarschaft ! « sagte sie lachend , obgleich ihr das Wasser in den Augen stand . » Herr Gott , ja ! « antwortete er . » Und darauf , daß unser Wiederfinden kein Traum gewesen ist morgen früh , wenn wir erwachen ! « 21 » Nein , nein ! Sie werden oft genug an meine Existenz erinnert und gestört werden , denn mein Klavierspiel habe ich nicht aufgegeben ! « rief sie munter . » Spielen Sie noch immer Beethoven , Helene ? « » O freilich ! « sagte sie . » Ja , der alte Herr war auch nicht unschuldig an unsrer Liebe . Meine Geige existiert ebenfalls noch . Da , sehen Sie – « er wies durch die offene Tür des Erkerzimmers nach einem Tischchen neben dem Violinpult . » Aber sie hat Ruhe , ich habe niemand , der mithält . « » Das wäre am Ende der Moment , wo wir unsre unterbrochene Übungsstunde wieder aufnehmen könnten , « sagte sie , und ihr noch immer hübscher Mund lächelte wehmütig . » Wissen Sie noch , wo wir stehen geblieben sind ? Nicht ? O , ich weiß es genau . Ein schwarzes Kreuzel habe ich gemacht an jener Stelle in mein Notenbuch , – es war ja auch etwas wie eine Sterbestunde damals . Ich wurde zu Vater gerufen , da war der Brief an ihn gekommen von Ihrer Mutter und die ganze Sache kam zur Sprache und – wir spielten nie wieder zusammen – , « schloß sie traurig und leise . Aber sie hob den Kopf wieder . » Wie sagt doch Storm : Wir wissen ' s doch , ein rechtes Herz ist gar nicht umzubringen ! Wir leben noch und wir spielen wieder , just an jener Stelle wollen wir dem Schicksal zum Trotz wieder anfangen . Nicht ? « » Ja , wenn wir das könnten ! « sagte er leise , und seine dunklen Augen suchten die ihren . Da wurde sie plötzlich purpurrot . » Es ist Zeit , daß ich nachsehe , ob meine Luise daheim ist ! « stammelte sie , sich rasch erhebend . Sie schritt schon dem Erkerzimmer wieder zu und suchte nach ihren Handschuhen , hastig , verlegen . » Luise ist natürlich noch längst nicht daheim ! « sagte er . » Bleiben Sie , liebe Freundin , gehen Sie nicht in solcher Unruhe von mir . Zwei alte Freunde wie wir sollten geizig sein mit der Zeit . Kommen Sie , hier am Kaminofen die beiden Sessel , wir wollen weiter plaudern . Nicht von Vergangenem , nicht von Künftigem – von Ihren Reisen zum Beispiel – , und 22 ich , wenn ich darf , rauche eine Zigarre . Übrigens werde ich Hannchen auf Kundschaft schicken nach Ihrer Luise . « Natürlich war Luise noch nicht zurück , und Helene Wilkens setzte sich beklommen in den Stuhl am glimmenden Feuer . Mühsam kam ein Gespräch in Fluß , – aber was er auch anhub , immer führte es auf alte , liebe , nie vergessene Pfade . » Es hilft ja doch nicht ! « sagte er . » Wir wollen nur ruhig von Ihrem Vaterstädtchen sprechen . Je mehr wir abstreben , desto bestimmter kommen wir hin , – da wohnte eben unsre Jugend . « Nun fragte er , und sie erzählte . Alle die Leute von damals und deren Geschick wurde durchgenommen , was aus den Gassen , den Häusern , den Läden und Lädchen geworden war , mußte sie berichten . Sie hatten beide rote Wangen wie die Jüngsten , als plötzlich Hannchen eintrat und meldete , die Luise sei heimgekommen und sei kreidebleich vor Schrecken geworden , als sie erfahren habe , ihre Dame sei wieder daheim . Helene erhob sich . » Ich danke Ihnen , lieber Freund , für Ihre Gastfreundschaft , geben Sie mir Gelegenheit , sie zu erwidern . Aber nicht morgen und übermorgen , – ich war lange abwesend und bin eine zu eitle Hausfrau , um Ihnen mein Heim in mangelhafter Ordnung zeigen zu wollen . « Ein paar Minuten später stand sie in ihren eigenen vier Pfählen . Wie schwindelig war ihr zu Mute ! Sie tadelte das Mädchen nicht , sie antwortete kaum , nur allein wolle sie sein , sagte sie . – Ein paar Tage später kam der Herr Oberstleutnant in der Nachmittagstunde herüber zu ihr . Sie plauderten und tranken Tee miteinander , und dann sagte Helene : » Wendenfels , ich soll Sie grüßen . « » Von wem ? « » Von Ihrem Töchterchen . Ich war oben auf dem › Weißen Hirsch ‹ , habe sie besucht . Nun möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen , den wir beide , die Else und ich , uns ausgedacht haben : Geben Sie mir das Kind in Pension . Sie ist dann in weiblicher Pflege , und sie ist in Ihrer Nähe , und wenn es sie fröstelt 23 bei ihrem stummen Vater , den ich übrigens gar nicht so schweigsam finde , – so kommt sie wieder zu mir und wärmt sich . « Er hatte sich aufgerichtet und sah sie erstaunt und gerührt an . » Das haben Sie getan ? Das wollten Sie ? « » Ja ! Herr Gott , was ist da Großes ? Ich habe mich seit Vaters Tode schon längst wieder nach einer Pflicht gesehnt , nach einem Wesen , das ich hegen und pflegen kann . Sie tun mir etwas Gutes , wenn Sie Ja sagen . « Er reichte ihr die Hand ohne ein Wort und ging still hinüber in seine Wohnung . Ein paar Tage später kam das kranke Töchterchen zu Helene . Ein liebes , über seine achtzehn Jahre ernstes Geschöpf , das sich schwärmerisch Helenen anschloß . Jeden Nachmittag schob Helene den Fahrstuhl hinüber in die Wohnung des Vaters , und jeden Abend um Sieben rollte dieser sein Kind wieder zurück in ihr Heim . Zuweilen blieb er dann noch als Gast bei der Mahlzeit der beiden Damen . Gegen Weihnacht machten sie nach Tisch Arbeiten für die Kinderbescherung , die Helene halten wollte zu Elsens Freude . Und wenn die Hände des kranken Mädchens sich mühten , ein Püppchen anzuziehen oder Rosen aus Seidenpapier für den Christbaum zu formen mit vor Eifer glühenden Wangen , dann trafen sich die Blicke des Mannes mit denen Helenens verstohlen , und sie lächelten 24 sich zu , froh über das bescheidene Glück des armen Kindes . Und Helene Wilkens war wunschlos glücklich in dieser Zeit . Da platzte eines Abends die Freundin Sophie , die Professorin , in diese Idylle hinein . Sie hatte Wendenfels auch gekannt und ebenso die Liebe der beiden , aber keine Ahnung von ihrem Wiederfinden . Sie saß stumm vor Überraschung und schaute von einem zum andern . Mühsam kam ein Gespräch in