Trotzige Herzen . Roman von W. Heimburg . Auf den Bergen lag dichter bläulicher Herbstnebel ; er schien liebkosend festgehalten zu werden in den unzähligen Wipfeln der Buchen und Eichen und verflüchtigte sich erst zu einem dünnen zarten Schleier , als die Wälder zurücktraten , um den Häusern des Städtchens Platz zu lassen . Die kleine norddeutsche Residenz zog sich reinlich und niedlich , als habe eine Kinderhand sie soeben der Spielzeugschachtel entnommen , in die Ebene hinunter . Ueber ihr , stolz und frei auf einem Kegel erbaut , thronte das herzogliche Schloß mit seinem stumpfen Turm und dem mächtigen Flügelbau . Die herrlichen weiten Gärten , die mählich in den Wald übergingen , stiegen abwärts bis zum Schloßplatz , an dem die Wohnungen der Hofbeamten , das Herrenhaus der Domäne , der Marstall , das Theaterchen , die Hofkirche und der Gasthof lagen . Erst hier begann die eigentliche Stadt . Schnurgerade Straßen , mit alten dichtbelaubten Kastanien besetzt , führten zum Marktplatz . Oben standen noch einige stattliche villenartige Gebäude , hier unten herrschten die kleinen Bürgerhäuser vor , und allmählich wurden es gar Hütten . Aus den Regionen des Hofes gelangte man in die Regionen , wo sich das geschäftliche Leben abspielte , das in Ackerbau und Viehzucht gipfelte , demzufolge die Residenz einen fast dörflichen Anstrich in ihrem centralen Teile bot und weder für ein patentes Schuhwerk noch für verwöhnte Nasen etwas Anziehendes hatte . Oben „ am Schloß “ , wie die Leute stolz den schöneren Teil ihrer Vaterstadt nannten , war es desto feiner . Die Natur hatte hier verschwenderisch ihre Reize ausgestreut , und wer diesen Glanzpunkt des Städtchens heute am verschleierten Herbstmorgen gesehen hätte , dort überragt von nebelumwallten Bergen , hier von dem Schlosse , über dessen Terrassen die Ranken des wilden Weines ihre Purpurbanner flattern ließen , dessen weiße Mauern aus dem bunten Herbstlaube der Gärten auftauchten , der würde den guten Stadtkindern von Breitenfels gern zugestehen , daß ihr Städtlein von hoher Poesie umgeben sei , wozu übrigens die fast spukhafte Einsamkeit und Verlassenheit , die hier herrschte , nicht wenig beitrug . Wie traumverloren sah das Schloß auf den Platz herab . Die meisten Fenster waren verhangen , nur nach der Waldseite , nach Süden hinaus , schien der mittlere Stock bewohnt und war es auch . Dort verbrachte die alte verwitwete Herzogin ein einsames Leben in Gesellschaft zweier Hofdamen , einer älteren und einer jungen , eines weißhaarigen , von der Gicht geplagten Kammerherrn sowie verschiedener Möpse und zärtlich geliebter Papageien . Die Kammerfrauen und Lakaien brauchten keinen Puder für ihr Haar , es war vom Alter weiß geworden . Der Leibkutscher wackelte sogar schon ein wenig mit dem Kopfe , und der Viererzug der Durchlauchtigsten Herzogin , welcher jeden Nachmittag [ 002 ] den letzten steilen Hang die riesige Kalesche hinaufzog , um , vor dem Portale haltend , die hohe Frau zu erwarten , die mit der Regelmäßigkeit einer Uhr ihre Spazierfahrt unternahm – dieser Viererzug schien unsterblich . Seit langen Jahren kannten die Breitenfelser die großen Schimmel , und es ging sogar ein dunkles Gerücht von ihnen , daß sie einstmals , vor grauen Zeiten , durchgegangen seien . Aber Bestimmtes wußte niemand , es war zu lange her . Vor dem kunstvollen schmiedeeisernen Gitter droben ging eine Schildwache auf und ab ; das war aber auch heute das einzige lebende Wesen hier herum , wenn man nicht des Herrn Oberförsters Teckel , die Lola und den Männe , dazu rechnen wollte , die sich im welken Kastanienlaub umherjagten . Geradezu spukhaft war es . Da auf einmal zitterte etwas durch die feuchte Herbstluft , eine Menschen- , eine Frauenstimme , ein glockenheller Sopran . „ O , du purpurner Glanz der sinkenden Sonne , “ klang es aus dem trotz der Kühle geöffneten Wohnstubenfenster des Herrn Medizinalrat Doktor May , des vielgeliebten , aber auch vielgeplagten Leibarztes Ihrer Durchlaucht , ohne dessen Rat die hohe Frau keinen Tag leben konnte , dem sie , wie sie jedermann , der es hören wollte , erzählte , ihr Leben nicht ein- , sondern hundertmal verdankte , den sie sämtlichen Autoritäten seines Standes , und wären es die berühmtesten unter den berühmten , vorzog . Das May ’ sche Haus lag dem Schlosse gegenüber , seine Fenster blinzelten von unten herauf ehrerbietig zu ihm empor . Durchlaucht pflegte „ ihrem lieben May “ des öfteren zu versichern , wie wohlthuend es ihr sei , den abendlichen Schein seiner Lampe heraufstrahlen zu sehen , wisse sie doch , daß dort ein treues Herz für sie denke und ihr Leben zu verlängern trachte , welches ihr , obgleich es eigentlich nichts bedeute als einen Kampf gegen den Egoismus ihres erlauchten Stiefsohnes , doch zur lieben Gewohnheit geworden sei . Jedenfalls wollte sie noch nicht sterben , die hohe Dame , und so befolgte sie mit rührender Gewissenhaftigkeit die Vorschriften ihres ärztlichen Beraters . Der Herr Medizinalrat mußte natürlich jeden Augenblick gewärtig sein , auf das Schloß citiert zu werden ; eine auswärtige Praxis konnte er infolgedessen nicht betreiben , und im Städtchen selbst waren noch vier Kollegen , die kaum ihr Brot fanden . Was aber das ärztliche Honorar für die Hilfleistung und täglichen Konsultationen am herzoglichen Hofe anlangte , so war es durchaus nicht verblüffend groß ; Durchlaucht zahlten tausend Thaler jährlich für sich und den gesamten Hof , außerdem hatte ihr „ lieber May “ freie Wohnung , so und so viel Klaftern Buchenholz , und endlich besaß er mehrere Orden des herzoglichen Hauses . Er war aber zufrieden damit , sagte sich , daß er als einfacher praktischer Arzt mehr als ein Paar Stiefel ablaufen müsse , um tausend Thaler zusammen zu bringen , schlug Wohnung und Holz über Gebühr hoch an und lebte schlecht und recht und glücklich mit seiner Frau , die vollständig die Ansicht ihres Eheherrn teilte . Die Söhne , von denen der eine Lieutenant in einem preußischen Artillerieregiment , der andere noch Student war , hätten freilich lieber gesehen , wenn ihnen ein reichlicherer Zuschuß aus der väterlichen Kasse geflossen wäre , indes , ein Schuft giebt mehr als er hat , erklärte der Medizinalrat . „ Drückt euch durch , Jungens , ihr habt es ja nicht besser gewollt , habt eure Metiers selbst gewählt – mehr als zehn Thaler monatlich kann ich nicht hergeben ; ihr habt ja noch den Zuschuß aus der Ruprecht-Stiftung . “ Am wenigsten ward Aenne von der bescheidenen Lage ihres Vaters angefochten . Sie vermißte nichts , bis jetzt jedenfalls noch nichts . Sie kannte nichts anderes , war nach alter guter Sitte erzogen , und nach der gehörten die Frauen und die Oefen in das Haus , ein Sprichwort , das der Herr Leibarzt des öfteren im Munde führte . Aenne war so jugendfrisch , so gesund an Seele und Leib , so befriedigt von ihren kleinen Pflichten , so beglückt von ihrem einzigen , durch mangelhaften Unterricht freilich nicht sehr geförderten Talent ihrer schönen Singstimme , daß sie mit niemand getauscht hätte ; am wenigsten mit Fräulein Antonie von Ribbeneck , der jüngsten Hofdame Ihrer Durchlaucht , die in ihren dienstfreien Stunden , von trostloser Langweile geplagt , zuweilen ein Stündchen bei Mays vorsprach . Mays waren ja hoffähig in Breitenfels ; zu jedem Theeabend wurden sie von Durchlaucht befohlen , und Aenne mußte singen vor dem wunderbar zusammengestellten Cercle im herzoglichen Musiksaal . Auch für heut ’ abend war sie huldvollst darum ersucht worden , und nun probte sie noch einmal ihre Lieder , eines besonders , zu dessen Vortrag sie sich erst eben entschlossen hatte , um mit ihm den heutigen Musikabend , den ersten der kommenden Saison , zu eröffnen . Es mochte so ungefähr zehn Uhr morgens sein ; Mutter May war unter Assistenz des Dienstmädchens Karoline , die eben sechzehn Lenze zählte , beim Zubereiten des Mittagsessens in der Küche , der Herr Medizinalrat saß in seiner Stube vor dem Cylinderbureau und schrieb . Die Frau Herzogin wünschte in einigen Zimmern neue Oefen , da die alten nicht genügend mehr heizten , und Se . Hoheit , der Regierende , hatte die Eingabe des Kammerherrn von Ellenberg nicht beantwortet , wohl in der Meinung , daß die hohe Stiefmama die gewünschte Verbesserung aus eigenen Mitteln bestreiten könne . Die Herzogin-Mutter aber bestand auf ihrem verbrieften und besiegelten Recht , demzufolge der Regierende gehalten war , ihren Witwensitz in wohnlichem Zustand zu erhalten , und alterierte sich sichtlich über den Rabensohn so , daß der Leibarzt sich ins Mittel zu legen für gut fand und von der Gefährlichkeit sothaner Oefen , die Kohlenoxydgase ausströmen lassen und somit die Gesundheit der hohen Dame zu gefährden ernstlich imstande seien , eine blühende Schilderung entwarf . Wenn Se . Hoheit auch hierauf nicht zeichnete , so gab er sich vor dem ganzen Lande das Ansehen eines lieblosen Stiefsohns . Im Wohnzimmer , der Arbeitsstube des Rats gegenüber und von dieser nur durch den Flur getrennt , verhallten eben die letzten Töne . Aenne May stand vom Piano auf und klappte etwas geräuschvoll den Deckel des Instruments zu , so daß Tante Emilie aus dem leisen Schlummer , in den die süßen Töne sie gewiegt hatten , entsetzt aus der Sofaecke empor fuhr und schrie : „ Gott im Himmel , was bist du für ein Mädchen – man meint ja , ’ s ist ein Erdbeben ! “ Aenne May lachte , und unter diesem Lachen , bei dem Anblick dieser Frühlingserscheinung , an der alles lachte , schwand die verdrießliche Miene der alten Dame und sie sagte : „ Wo willst hin , Goldköpfchen ? Du ziehst ja die Handschuhe an ? “ „ Zur Generalprobe aufs Schloß , Tantchen . Leb ’ wohl , setz ’ dich gemütlich in deine Ecke und schlafe weiter – kannst ’ s ja haben ! Auf Wiedersehen ! “ Sie machte einen Knicks nach Art kleiner Mädchen und entschwand den entzückten Augen der alten Dame , um gleich darauf über den Schloßplatz der schmiedeeisernen Pforte des herzoglichen Parkes zuzugehen . Aenne May hatte eine schlanke , im schönsten Ebenmaß gebaute Gestalt , blondes Haar , duftig und lose , das aussah , als wäre es leicht mit Asche überstäubt ; dazu den zartesten Teint und glänzende bräunliche Augen , die jedermann groß und offen anzuschauen pflegten , vertrauende Augen , denen man es anmerkte , daß sie in ihrem jungen Dasein noch nichts Häßliches erblickt , noch keine Thräne der Enttäuschung zu weinen gebraucht hatten . Manchmal war es , als spielten Goldfünkchen in ihnen , gleich den lustigen Gedanken , die hinter der Stirn sich jagten ; und so war es meistens , es gab kein fröhlicheres Mädchen wie Aenne May , ihr Gekicher hörte man zu allen Zeiten und die Mutter schüttelte des öftern den Kopf , wenn sie eine Neckerei verübt hatte , und pflegte zu versichern : „ Das Lachen wird dir schon noch vergehen . “ Jetzt aber war es noch nicht so weit , und das feine Näschen schnupperte noch beständig in der Luft umher , ob es nicht etwas zu lachen gab für den Mund , hinter dessen roten Lippen so gern die prächtigen Zähne hervorlugten . Sie war mittlerweile bis an die Gartenpforte gekommen , ohne zu gewahren , daß vom Fenster der Oberförsterei ein paar Männeraugen ihr folgten . Aber sie mußten keine Macht über sie haben , diese Blicke ; sie sah sich nicht um , sondern ging jetzt innerhalb des Parkes langsam einen Seitenpfad empor , der auf die sogenannte Südterrasse und von da in den Schloßhof führte . Oben blieb sie an dem steinernen Geländer stehen und schaute in die Ebene hinein , die im Scheine einer blassen Herbstsonne vor ihr lag , so weit , ach so weit ! Dann spazierte sie , wie die Schulkinder thun , in dem welken raschelnden Laub mit möglichst wenig aufgehobenen Füßen weiter und um die große Fontäne herum , auf deren ruhigem Spiegel die gelben Blätter der Linden schwammen , die im Kreise um sie her standen . Die heisere Uhr des alten Schloßkirchturmes schlug just halb , und bei diesem Klange blieb Aenne May stehen ; sie hatte ja noch Zeit , eine halbe Stunde lang . Sie wandte sich und [ 003 ] raschelte wieder vorwärts in dem Laub bis zu einem Pavillon am westlichen Ende der Terrasse und lugte dort durch die Scheiben der Glasthür . Im selbigen Augenblick fuhr ihr Kopf aber so blitzschnell zurück , daß der dunkelblaue Filzhut vom Scheitel rutschte und sie , mit beiden Händen danach greifend , eine jähe Wendung zur schleunigsten Flucht machte . Die Thür des kleinen achteckigen Gebäudes wurde nämlich aufgerissen und ein junger Mann in farbenbekleckstem Leinwandrock trat oder stürzte vielmehr mit dem Rufe ihr entgegen : „ Das ist wirklich zu nett ; Fräulein Aenne – nun müssen Sie aber auch gleich eine Kritik abgeben ! Treten Sie ein und sagen Sie mir , wie die Kleckserei ausgefallen ist und ob die Herzogin und ihr Gefolge holder Damen es ansehen können , ohne von Krämpfen befallen zu werden ! “ Sie hatte sich dem Redenden gleich zugewandt , aber sie lachte nicht , sie sah vielmehr ein bißchen blaß aus , folgte indessen ohne eine Spur von Widerstreben der Einladung und trat voran in den Raum , dessen Thür weit offen blieb und an dessen zwischen den Fenstern befindlichen Wänden eine gar nicht ungeübte Hand figurenreiche Fresken mittelalterlichen Stiles gemalt hatte . „ Da , Aenne , “ rief er mit komischem Stolz und zeigte auf das Mittelfeld , „ das sind Sie ! Machen Sie ein Kompliment vor sich ! “ „ Wirklich ? Das soll ich sein ? “ „ Ja ! Sehen Sie es denn nicht selbst ? Da sind Ihre blonden Haare , Ihre braunen Spitzbubenaugen – – “ Er hielt inne und schaute sie an mit solchem ehrlichen Entzücken , daß sie verlegen von ihm weg zu dem Bilde hinüber sah . „ Und das sollte ich sein ? “ sagte sie noch einmal forciert lustig , „ aber keine Spur ! “ „ Lange nicht so reizend wie in natura , natürlich nicht ! “ gab er zu , „ aber – “ „ Keine Spur ! “ unterbrach sie ihn , „ so geschmacklos hätte ich mich im ganzen Leben nicht angezogen – ein grünes Unterkleid , ein karmoisinrotes darüber , o , und ein blauer Saum und blauer Gürtel dazu ! Pfui , Heinz , Sie haben keine Spur von Farbensinn ! “ „ Das bestreite ich ! Uebrigens damals , Anno 1450 , war es so Mode , “ verteidigte er sich . „ Und die dort daneben , die Hofdame mit dem Kränzlein im Haar , das ist – ja , das ist nun wirklich ähnlich . Heinz ! “ jubelte sie jetzt , „ die haben Sie mit Liebe gemalt , o ja , die Toni von Ribbeneck ! “ „ Mit was habe ich sie gemalt ? “ fragte er lachend . Aber sie antwortete nicht , sondern betrachtete königlich belustigt die Figur , diese Figur , die der Natur so köstlich abgelauscht war ; das starke hochmütige Gesicht mit den blassen aufgeworfenen Lippen , die allzu breiten Schultern , die viereckige Taille und das dünne , zu einzelnen Strähnen aufgelöste Haar , auf dem das Blütenkränzlein saß . Die Guitarre im Arm schritt sie neben der Gräfin Breitenfels , der Ahnfrau der Herzogin , her . „ Es ist ein Jammer und ein Elend , Heinz , daß Sie nicht Maler geworden sind ! “ rief das Mädchen endlich . „ Satteln Sie um , machen Sie , daß Sie nach München oder sonst wohin kommen , und lassen Sie diese Ihre schöne Gabe nicht verkümmern ! “ „ Sie sehen ja , Aenne , daß ich ihn mächtig kultiviere , diesen Götterfunken ! “ „ Das sind doch nur Possen , “ antwortete sie und wies auf die Bilder . „ Nun ’ mal ganz im Ernst , Heinz , fühlen Sie sich denn wirklich glücklich in Ihrer gegenwärtigen Stellung ? “ „ Ja , “ sagte er fest , aber mit einem Schatten über dem hübschen Gesicht . „ Ja ? “ fragte Sie spöttisch . „ Es muß ja allerdings ein erhebendes Gefühl sein , in Breitenfels ein zwanzig Mann starkes Corps zu befehligen , die Wachen vor den Thüren Ihrer Durchlaucht zu revidieren und mittags mit Helm und Schärpe der alten Excellenz zu melden , daß alles ruhig sei im Land und die Frau Herzogin ohne Gefahr ihr Mittagsschläfchen machen kann . “ „ Er zieht nicht , Aenne , der Spott – das ist Dienst , “ erklärte er . „ Ich bin mit Leib und Seele Soldat , wer daran je zweifelt , der – – ich möchte es keinem raten – – und sehen Sie , Aenne , dies Kommando finde ich obenein noch riesig nett ! “ Und dabei setzte er sich auf den Tisch und sah ihr mit beredtem Blick in die Augen und lächelte . Er war in seiner Art ein ebenso schönes Menschenexemplar wie Aenne May in ihrer , genau so frisch , so jung wie sie , leider auch ebenso arm , nur mitunter weniger zufrieden , was er aber nur sich selbst eingestand . Und das war ihm nicht übelzunehmen in Anbetracht seiner wirklich drückenden Familienverhältnisse . „ Haben Sie gut geschlafen , Spötterin , und ist Ihnen der Waldspaziergang gut bekommen ? “ fragte er nach einer Pause . Sie war glühend rot geworden . „ Ja ! “ flüsterte sie ausweichend . „ Aber , bitte , sagen Sie mir , Heinz , wie spät es ist ! Ich muß zur Probe punkt elf Uhr im roten Saale sein . “ „ Noch viel Zeit , Fräulein Aenne , noch eine ganze Viertelstunde ! Haben Sie die Gnade , nehmen Sie drüben Platz auf jenem Schemel und lassen Sie mir noch ein wenig Ihren Anblick – – behufs Verbesserung der mangelhaften Aehnlichkeit . “ Und während er zur Palette griff , sprach er immer zu ihr , ohne sie anzusehen . „ Solchen Sonnenuntergang habe ich noch nicht erlebt wie gestern , Aenne , das war ja , als ob der ganze Wald in Feuer stände ! Wenn man das malen wollte , es käme ein Gewirr von leuchtenden Farben auf die Leinwand , daß jedermann rufen würde : ‚ Unmöglich ! Ganz unmöglich ! So was giebt ’ s nicht ! ‘ – Und wir da so mitten in dem Purpur auf der Lichtung – Sie hätten nur Ihr Gesichtel sehen sollen , Aenne , es war ja einfach reizend ; und dann das Lied dazu , Sie wollten es erst gar nicht singen . “ Und er markierte die Melodie zu den Worten , während er den Takt mit dem Malstock schlug . „ O du purpurner Glanz der sinkenden Sonne , Wie zauberhaft webst du um Flur und Hain ; Wie färbst du mit lodernder Rosenwonne Das blasse Antlitz der Liebsten mein ! Diese Worte , die fanden sich wie von selber in meinem Kopf – für einen Lieutenant – das müssen Sie doch zugeben – gar nicht so übel , ja sogar famos ! Und dann die Melodie – Ihre Lieblingsmelodie – ach – sehen Sie , Aenne , daß war so ein Lebensmoment , den man nie vergessen kann ! Und wie dann die blaue Dämmerung kam und im Waldpfad dunkle Schatten auftauchten – Aenne , wissen Sie – – “ rief er entzückt . „ Ich weiß gar nichts mehr ! “ unterbrach ihn das Mädchen , und als er sich , betroffen von ihrem Ton , umwandte , sah er , daß sie jäh errötet war und daß ihre Züge einen peinlich gespannten Ausdruck hatten . „ Aber , Aenne , Sie sind mir böse ? Mir , Ihrem alten Freunde ? “ Und als sie schwieg , fuhr er fort : „ Na , Aenne , wie lange kennen wir uns nun schon ! Seit unserer Görenzeit , beinahe seit zehn Jahren , wo ich Schüler des Gymnasiums hier war . Ist es nicht genug , wenn wir uns feierlich ‚ Sie ‘ nennen , seit wir uns vor nun einem Vierteljahr als erwachsene Menschen wiedersahen ? Gestern abend habe ich sogar – glaube ich – du – – Ach , Aenne , können Sie mir nicht verzeihen ? Warum soll man denn – aber Aenne – was haben Sie nur ? “ „ Ich muß nun gehen , “ erklärte sie , sich langsam erhebend , blaß bis in die Lippen . „ Auf Wiedersehen denn , Aenne , heute abend ; und daß Sie sich von keinem andern Menschen als von mir das Abendessen vom Büffett holen lassen – ich warne Sie ! Und Aenne , geben Sie mir doch die Hand , seien Sie mir nicht böse , wegen gestern ! “ Sie reichte ihm lächelnd die Rechte , aber dabei konnte sie es nicht hindern , daß ihr ein paar schwere Thränen aus den Augen fielen . Es war dies etwas so Ungewohntes , etwas , das so im Kontrast stand zu ihrem lachenden Mund , daß er sie wie ein Rätsel anstarrte , und als sie nun rasch aus der noch immer geöffneten Thür und unter den entlaubten Kastanien über die völlig einsame Terrasse schritt , da blieb er wie angewurzelt stehen und sah ihr nach , und noch lange , nachdem sie verschwunden war , stand er so . Dann strich er sich wie erwachend über die Stirn , betrachtete wie abwesend die Wandmalerei , die er wie weiland „ Fludribus “ in Scheffels „ Trompeter “ zu einem hohen Namenstage zu verbrechen im Begriff war , und setzte sich , ganz hingenommen von seinen Gedanken , auf den nämlichen Stuhl , von dem eben das junge Mädchen aufgestanden war . Du lieber Himmel – Aenne May hatte geweint ! Es war ihm , als seien mit diesen Thränen aus ihren Augen zugleich die Schuppen von seinen Augen gefallen ; aber , wie konnte er denn auch denken – Aenne May und er ! Er , der ärmste Lieutenant der gesamten deutschen Armee , den man höheren Ortes für ein halbes Jahr hierher kommandiert hatte , um ein wenig seinen [ 004 ] Finanzen aufzuhelfen , d. h. um ihn eine Zeit lang dem teuren Garnisonleben zu entrücken : hierher , wo er , sozusagen , umsonst lebte und die Kommandozulage obenein bekam . Auch hatte er freie Wohnung im Schlosse und Verpflegung dank dem Interesse der Frau Herzogin , bei welcher seine Tante Hofdame war . Und in eine solche Null , solch ’ aussichtsloses Nichts , sollte sich ein schönes Mädchen verliebt haben so ohne weiteres ? Eine , die jedenfalls nicht , selbst nicht in dieser kleinen Stadt , von Männeraugen unbemerkt geblieben war in ihrer jungen Schönheit ! Ach was , Heinz , das ist ja Unsinn ! Höchstens hat sie dir den – – ja Donnerwetter , es war auch frech – den leisen Kuß auf die schönen blonden Haare übelgenommen bei dem gestrigen Spaziergang . – Aber eigentlich war die Sache so natürlich und eigentlich hat sie es kaum merken können . – Warum auch ging sie so weit von ihm ab , an der Grenze des Weges ? Warum blieb sie mit ihren Flechten an einem Ast hängen , so daß er sie befreien mußte , wobei dann diese Unthat vorfiel ? Er erinnerte sich , daß sie nachher gestern abend kein Wort mehr zu ihm gesprochen hatte , daß er nicht wie sonst vor der Hausthür ihrer väterlichen Wohnung aufgefordert wurde : „ Kommen Sie mit hinein , Heinz . “ – – Und nun heute ? Freilich konnte sie nicht wissen , daß er um diese Zeit hier malen würde ; sie hatte nur sehen wollen , wie weit er mit den Bildern sei , zu denen er da unten in der Wohnstube ihrer Eltern eine Skizze von ihr gemacht hatte . – Dann war sie doch hereingekommen auf seine Bitte , aber erst , nachdem sie versucht hatte , fortzulaufen . – – Ja freilich , sie war anders gewesen heute . – „ Ach Himmel , und das – das wäre ja zum Schreien ! “ sagte er laut . „ Sie sollte es nur wissen , das liebe Tierchen , was ich in meinem Leben schon alles geliebt , begehrt und erstrebt habe , um es dann aufgeben zu müssen , so daß ich allmählich eine Art Fertigkeit im Entsagen gewonnen habe . Zuerst die Schule , als Vater gestorben war und es hieß : Kadettencorps – durch Gnade des Herzogs – Schulgeld nicht mehr zu erzwingen – – ! Dann mein Malergelüste , diese brotlose Kunst , wie Mutter jammerte , als ich sie fast kniefällig bat , mich in München studieren zu lassen ! Ich wollte nichts von ihr als die fünfhundert Thaler , das fürstliche Erbe Onkel Davids . – Dann die Kriegsakademie – aber wovon sollte ich leben in Berlin während dieses Kommandos ? Ach , Aenne May , du kennst die Welt nicht , du weißt nicht , wie jammervoll sie ist für einen blutarmen Lieutenant ! Aber es soll mir eine Warnung sein , ich bin kein schlechter Kerl , ich will deinen Frieden nicht trüben , will dich nicht unglücklich machen ! Heute abend spiele ich den liebenswürdigen Schwerenöter gegen alle Welt , du wirst dich wundern , Aenne May ! Ich will schon sorgen , daß du die Achseln zuckst und wieder lachst in ein paar Tagen und sagst : ‚ Dummer Junge , der Heinz ! ‘ – Weinen darfst du nicht über mich , das soll nicht sein ! Nein – ein Schuft bin ich nicht – – “ Er fuhr unter diesen Selbstvorwürfen und Gelöbnissen aus seinem Malerkostüm in die Uniform , wusch die Hände , stülpte den Helm auf und schlug den nämlichen Weg ein wie Aenne , d. h. er ging nach dem inneren Schloßhof , ließ die Hälfte seiner bewaffneten Macht , zehn Mann stark , antreten vor der Haupte wache , gab Parole aus und meldete sich dann zum Rapport bei Sr. Excellenz dem Kammerherrn . Als er über den teppichbelegten Korridor schritt nach dem Empfangszimmer , klang Aennes Stimme aus der nur angelehnten Flügelthür des Musiksaales : „ O du purpurner Glanz der sinkenden Sonne , Wie zauberhaft webst du um Flur und Hain ; Wie färbst du mit lodernder Rosenwonne Das blasse Antlitz der Liebsten mein ! Halt ein ! Entzieh ’ deine segnenden Gluten Der heilig erschauernden Welt nicht gleich ! Vergebens – sie sinkt in die schimmernden Fluten ... O Sonne , o Liebe , wie kalt ohne euch ! “ Ein lebhafter Applaus folgte . Heinz blieb stehen . Ein glückliches Lächeln ging über seine Züge . Er machte einen Schritt nach dem Musiksaale zu . Dann aber raffte er sich zusammen . „ Unsinn , Heinz ! Ruhig Blut ! “ murmelte er vor sich hin und setzte seinen Weg fort . [ 021 ] Aenne kam just zum Mittagsbrot wieder zu Hause an . Der Vater stand bereits , die Hände auf dem Rücken , am Kachelofen der sogenannten Eßstube , die , nach dem Garten hinaus gelegen , im Sommer von grünlichem , geheimnisvollem Lichte erfüllt war , welches die beiden alten Birnbäume draußen vor den Fenstern verursachten , im Winter jedoch licht und freundlich von den Strahlen der Mittagssonne erhellt wurde . In der Mitte des mäßig großen Raumes stand der Klapptisch aus Birkenholz , mit Wachstuch überzogen , jetzt von einem blendend weißen Drelltuch bedeckt , die Ecke hinter dem Ofen war von dem Sofa eingenommen , dessen Lederbezug schon Brüche und Risse aufwies - es hatte noch immer nicht zu einem neuen gelangt – davor ein kleiner Tisch . Den gegenüberliegenden Winkel füllte der das Buffett vertretende Eckschrank , in welchem das Speisegeschirr , die Tassen , Zucker und Theekekse sowie ein Magenbitter aufbewahrt wurden , und an der Wand zwischen den Fenstern stand die Kommode mit einem Spiegelchen darüber . Alles aus Birkenholz , nur die Nähmaschine am Fenster rechts war echtes Mahagoni und erzählte in ihrer leuchtenden Politur , daß sie eine Ehrenstellung einnehme im Hause . Heute herrschte neben dem Geruch von Weißkraut und Hammelfleisch noch ein starker Bügeldunst , die Frau Rätin hatte eigenhändig das helle Batistkleid ihres Töchterleins zur abendlichen Toilette geplättet . Daß auch noch ein wenig Benzingeruch von gewaschenen Handschuhen sich hineinmischte - Tante Emilie hatte dies Geschäft besorgt , und zwar ebenfalls in der Eßstube , die in ihrer isolierten Lage nach hinten hinaus sich vorzüglich für solche Arbeiten eignete - machte die Atmosphäre noch ein wenig pikanter . Aenne riß also gleich das Fenster auf und bekam dafür von allen Seiten Vorwürfe . Der Papa deckte schleunigst sein rotes Schnupftuch über den glänzenden kahlen Scheitel , Tante Emilie schrie nach einem Shawl und die vom Kochen und Plätten echauffierte Hausfrau rief . „ Wirst du wohl das Fenster zumachen , Aenne ! Denkst du , daß es mir egal ist , ob ich meine Kopfkolik heute abend bekomme , oder nicht . “ Gehorsam schloß das junge Mädchen das Fenster , trat an den Tisch , wo die andern bereits hinter ihren Stühlen standen , und sprach das Tischgebet . Dann aß sie mit dem besten Appetit der Welt , hatte für alle ein freundliches Wort , lachte , neckte ihre Tante , erzählte , daß dieselbe beim gestrigen Spaziergange gestreikt und sie mit Heinz von Kerkow nahe am Ziele , am Borkenhüttchen verlassen habe , angeblich weil sie einen Krampf im Fuß bekommen könnte , wenn