Lumpenmüllers Lieschen . Von W. Heimburg . 1. In dem Zimmer der Baronin Derenberg prasselt ein Holzfeuer im hohen Kamine und verleiht dem Gemach mit den alten geschweiften Meubeln etwas Trauliches , Anheimelndes . In einer der tiefen Fensternischen sitzt ein junges Mädchen von kaum vierzehn Jahren und schaut in das verglimmende Abendroth des kurzen Wintertages ; ihr feines Profil zeichnet sich scharf ab gegen den hellen Hintergrund des Fensters . Sie hat die schmalen Hände in einander gefaltet , und ihre Gedanken wandern offenbar in die Ferne . „ Mama , “ sagte sie dann plötzlich und wendet den Kopf mit der blonden Lockenfülle der zarten , blassen Frau zu , die in einem Sessel am Kamine sitzt und strickt . „ Mama , Army bleibt wieder unverantwortlich lange in Großmama ’ s Zimmer ; wir werden nicht dazu kommen , in die Mühle zu gehen , und es ist doch schon die höchste Zeit ; Army hat nur acht Tage Urlaub , und vier sind schon verstrichen . Heute hatte er mir ’ s ganz bestimmt versprochen , mitzukommen , – was soll nur Lieschen denken , daß er noch nicht einmal drunten war ? “ Das junge Mädchen war bei diesen Worten aufgestanden und hatte sich der Mutter genähert ; ein Zug von Unmuth und Ungeduld lag aus dem kindlichen Gesichte . „ Hab ’ nur Geduld , Nelly ! “ erwiderte die Mutter , und streichelte die blühende Wange der Tochter . „ Du weißt , wenn Großmama es wünscht , muß Army bleiben so lange sie will . Großmama wird ihm Mancherlei zu sagen haben . Uebe Dich in Geduld , mein Liebling ! Sie ist so nöthig für das Leben . – Zünde die Lampe an ! Du weißt , es ist noch Verschiedenes an Army ’ s Wäsche fertig zu machen . “ Die schlanke Mädchengestalt , mit den noch kindlichen Formen , glitt beinahe geräuschlos über den getäfelten Fußboden , und bald beleuchtete die Lampe das Zimmer , das nun doppelt traulich erschien in seiner altmodischen und doch so behaglichen Einrichtung . Auch die Baronin erhob sich und nahm Platz an dem großen runden Tisch . Jetzt fiel der Schein der Lampe auf ein blasses anziehendes Gesicht , dem wohl der Kummer die vielen schmerzlichen Linien eingegraben hatte . Das Töchterchen ihr gegenüber trug ihre Züge ; in diesem Augenblicke leuchteten die blauen Augensterne unter den langen Wimpern hell auf , denn draußen im Corridor , ertönte ein fester elastischer Schritt . Gleich darauf öffnete sich die Thür des Zimmers – ein schmucker junger Officier trat ein . Auf seinem neunzehnjährigen Gesicht lag der sonnigste Lebensmuth der Jugend . Nelly eilte ihm entgegen . „ Army , wie schön , daß Du kommst ! Nun können wir doch noch zur Mühle gehen , “ bat sie und schlang , sich auf den Zehen erhebend , schmeichelnd die Arme um seinen Hals ; „ ich hole nur schnell Kapuze und Mantel , denn lange dürfen wir nicht mehr säumen ; in der Mühle wird pünktlich zu Abend gegessen . “ Sie wollte fröhlich davon eilen . „ Nelly ! “ rief der junge Mann und hielt sie am Arme , „ laß das jetzt ! Es – paßt nicht mehr , “ setzte er zögernd hinzu . „ Es paßt nicht mehr ? “ Das junge Mädchen sah fragend zu dem Bruder auf . „ Nein , Nelly , Du mußt vernünftig sein ; als Kind darf man umgehen , mit wem man will , weil man eben Kind ist , als Officier aber geht das nun einmal nicht – “ „ Nun , Lieschen darfst Du doch besuchen ; Du bist doch sonst immer so gern mitgekommen . “ „ Ei , Army ! “ sagte die Baronin , „ das ist nicht Dein Ernst ; es sind ehrenwerthe Leute , die auf der Mühle , und haben es stets gut mit Dir gemeint ; es würde undankbar sein – “ „ Aber Mama , ich bitte Dich , “ erwiderte er , und seine dunklen Augen leuchteten unwillig auf . „ Die Leute zählen zu den Ungebildeten . Denke Dir , wenn der Müller einmal nach B. reiste und hätte den unglücklichen Gedanken , mich aufzusuchen ! Ich käme in die tollste Verlegenheit . “ „ Es sind gar keine ungebildeten Leute , “ rief Nelly , „ und das hat Dir nur Großmama gesagt , die Lumpenmüllers nun einmal nicht leiden kann . “ „ Lumpenmüllers ! Da haben wir ’ s ! “ lachte der junge Officier . „ Bleibe jeder in seinem Stande ! Auch Du Nelly , wirst nicht immer dort verkehren können . Wenn das erste lange Kleid hinter Dir drein rauscht – dann Adieu Lumpenlieschen ! “ „ Nimmermehr ! “ erwiderte außer sich das junge Mädchen , „ ich würde Nachts zur Mühle laufen wenn man mir es am Tage verböte . Lieschen ist meine einzige Freundin . Was soll ich nur sagen , weshalb Du nicht kommst ? “ Sie brach in Thränen aus . „ Es wird sich ja ein Grund finden lassen , Nelly – weine doch nicht ! “ tröstete der Bruder . Seine Stimme klang weich , genau so wie früher , wenn er die Puppe der Schwester zerschlagen hatte und nicht wußte , womit er sie trösten sollte . „ O , nicht wahr , Army , “ bat sie nun und blickte hoffnungsreich zu ihm auf , „ Du hast mich necken wollen – wir gehen zur Mühle , gelt ? “ Er stand einen Augenblick regungslos da ; vor seine Seele trat die wohlbekannte Gestalt eines kleinen Mädchens , wie er sie hundertmal früher gesehen , Lieschen , Lumpenmüllers Lieschen aus [ 650 ] der Papiermühle dort unten im Grunde ; sie schaute ihn an mit den sonnigen blauen Kinderaugen ; die rothen Lippen öffneten sich . „ Army , kommst Du mit ? Wir wollen zur Muhme gehen ; sie soll uns Aepfel geben , und ein Vogelnest habe ich gesehen im Park ; komm , Army , komm ! “ Mechanisch machte er eine Bewegung , als wolle er die Mütze ergreifen , die auf dem Tische lag . Der Schein der Lampe traf einen funkelnden Ring an seiner Hand , in dessen goldgrünem Steine das Bärenwappen der Derenbergs blinkte ; flüchtig streifte sein Blick dasselbe , und hastig ergriff er die Mütze und warf sie auf einen Nebentisch . „ Quäle mich nicht ! “ sagte er kurz und wandte sich ab . Eine lange Pause entstand ; das junge Mädchen erhob sich und setzte sich auf ihren früheren Platz , das Köpfchen tief über die Arbeit beugend , aber die kleinen Finger , welche die Nadel führten , zitterten heftig , und aus den Augen fielen große Tropfen auf das weiße Zeug . Die Baronin seufzte und heftete ihre Blicke mit schmerzlichem Ausdruck auf den Sohn , der unaufhörlich im Zimmer hin und her ging . Die alte Rococo-Uhr schlug die sechste Stunde und begann ein längst vergessenes Liebeslied zu spielen ; die feine zierliche Melodie klang verhallend durch das Gemach , und noch immer lag das Schweigen des Unmuths auf den drei Menschen , die doch die zärtlichste Liebe verband . „ Army , “ nahm endlich die blasse Frau das Wort , „ wann gab Dir die Großmama den Ring , den Du jetzt am Finger trägst ? “ Er blieb vor dem Kamine stehen , und indem er das Schüreisen in die Gluth stieß , daß die Funken hoch aufsprühten , sagte er : „ Heute Nachmittag , vorhin , als ich in ihrem Zimmer war . “ „ Weißt Du auch , daß es Deines Vaters Ring ist , Army ? “ Der junge Mann wandte sich plötzlich um . „ Nein , Mama , das hat mir Großmama nicht gesagt ; sie sprach nur im Allgemeinen von der Bedeutung des Wappens und – “ „ Nun , mein Kind , so sage ich es Dir , “ kam es von den Lippen der Baronin , und es schien , als zitterte ihre Stimme vor innerer Erregung . „ Es ist der Ring , den Großmama einst von der kalten erstarrten Hand Deines Vaters zog , als er – gestorben war . “ Die letzten Worte klangen wie ein halb erstickter Schrei . Die Redende sank wie gebrochen in den Sessel zurück . „ Meine liebe , gute Mama ! “ rief Army und war schnell neben ihr , während Nelly , sich über sie beugend , die Wange an ihr thränenüberströmtes Gesicht schmiegte . „ Weine nicht , liebe Mama ! “ bat er , „ ich will den Ring so hoch in Ehren halten , wie es nur ein Sohn vermag , der stolz ist auf das Andenken seines Vaters ; ich will mich bemühen , ebenso gut , so edel zu werden , wie er es war . “ Es lag in diesen Worten , in den Blicken , mit welchen er zu der weinenden Mutter aufschaute , noch die ganze Ueberzeugung eines unverdorbenen kindlichen Herzens , die ganze volle Pietät , die in dem verstorbenen Vater den besten Menschen sieht . Aber die Wirkung seiner Worte war eine beinahe vernichtende . Die schmächtige Gestalt der Baronin richtete sich aus dem Sessel empor ; sie blickte wie geistesabwesend auf den Sohn , und : „ Army , allmächtiger Gott ! “ rief sie in dem Tone der Verzweiflung . „ O , nur das nicht , nur das nicht ! “ „ Mama ist krank , “ sagte der Sohn und eilte zum Klingelzuge . Aber ein schwaches „ Komm zurück , Army ! Es geht schon vorüber , “ rief ihn an ihre Seite ; sie nahm dankbar ein Glas Wasser und sagte , indem sie zu lächeln versuchte : „ Ich habe Euch erschreckt , Ihr armen Kinder . – Die Erinnerung an den Tod Eures Vaters ist mir noch heute eine tieftraurige , aber jetzt , wo Army im Begriff steht , in das Leben zu treten , muß ich mit Euch von der Vergangenheit sprechen , was ich bis jetzt immer zu vermeiden suchte . Ihr habt Euch wohl schon im Stillen gewundert , “ fuhr sie nach kurzer Pause fort , „ daß wir ein so einfaches , zurückgezognes Leben führen , ein Leben , das eigentlich jedes Aufwandes entbehrt . Ach , Army , nicht meinetwegen schmerzt es mich – nur Euretwegen . Ihr tretet ein in die drückendsten Verhälnisse , die man sich denken kann , heraufbeschworen durch den grenzenlosen Leichtsinn Eures – “ Sie hielt erschrocken inne und brach in bitterliches Weinen aus . Army stand mit finster gefalteter Stirn am Kamin und sah herüber zu der weinenden Frau ; der sonnige Ausdruck seines Gesichtes war wie hinweggeweht , und um seinen Mund lag ein Zug bitterer Enttäuschung . „ Als ich hier einzog an der Seite Eures Vaters , ein Kind von eben sechszehn Jahren , “ nahm die Baronin wieder das Wort , „ da fand ich hier Glanz und heiteres Leben . Schloß Derenberg war wegen seiner Gastfreiheit berühmt seit langen Jahren , und Eure Großmama verstand es , ein Haus zu machen . Sie war damals noch wunderschön , fast ebenso berückend wie auf ihrem großen Bilde oben im Ahnensaal , und sie liebte Glanz und Pracht . Mir erwies sie sich so gut und lieb , daß ich wirklich meinte , eine zweite Mutter in ihr gefunden zu haben . Ach , jene kurze glänzende Zeit war die schönste meines Lebens , und als ich Dich an ’ s Herz drücken durfte , mein Army , und Dich , meine Nelly , da fehlte nichts zu meinem Glücke . – Dann aber kam das Schreckliche : der Tod Eures Vaters ; plötzlich und jäh brach das Unglück über uns herein . “ Sie schauderte und preßte die zitternden Hände an die Schläfen , als müsse sie sich besinnen , ob das , was sie da erzählte , auch wirklich schon einer fernen Vergangenheit angehöre . „ Nach seinem Tode wurde mir in der Person des alten Justizrathes Hellwig ein Curator beigegeben . Es fand sich , daß unsere Verhältnisse mehr als ungeordnet waren ; wohin auch das Auge sich wendete – Hypotheken , Pfandscheine , unbezahlte Rechnungen ; es war ein Wirrwarr sonder Gleichen , in den Großmama und ich uns plötzlich versetzt sahen . Wie viel schlaflose Nächte , wie viel kummervolle Stunden sind seitdem vergangen , und doch ist bis heute trotz der Bemühungen des alten Hellwig noch nicht Licht in dem Chaos geworden . “ „ Rege Dich nicht auf , liebe Mama ! “ bat der junge Officier , „ ich wußte ja längst , daß wir in beschränkten Verhältnissen leben , wenn ich auch nicht ahnen konnte , daß wir so arm sind , aber fasse Muth ! Es kommen gewiß auch wieder andere , bessere Zeiten , und Großmama hat mir erst vorhin gesagt , daß die Sachen durchaus nicht so verzweifelt liegen , da wir jedenfalls noch eine reiche Erbschaft von Tante Stontheim zu erwarten haben . “ „ Großmama glaubt allerdings an diese Erbschaft , aber – “ „ Sie meint , “ unterbrach eifrig der junge Mann die Mutter , „ daß ich mich , ehe ich zu meinem Regiment gehe , Tante Stontheim vorstellen soll . “ „ Ich habe nichts dawider , mein Kind , und wünsche lebhaft , Großmama irre sich nicht , aber zu bedenken bleibt , daß die Derenbergs in Königsburg ebenso erbberechtigt sind wie wir ; der Tochter des Obersten von Derenberg vom sechszehnten Regiment gebührt dasselbe Recht wie Dir und Nelly . “ In diesem Augenblicke öffnete Sanna , die alte Dienerin der Baronin , die hohen Flügel der Thür , und die alte Baronin Derenberg trat in ’ s Zimmer ; eine noch immer stattliche , gebietende Erscheinung , hielt sie sich tadellos gerade , trotz ihrer begonnenen sechszig Jahren sie trug ihre einfache graue Wollrobe mit derselben Würde und Anmuth , mit der sie einst in schwerster Seidenschleppe durch das Zimmer geschritten war . Ihr volles , noch immer dunkles Haar , an den Schläfen leicht zurückgenommen , bedeckte ein Häubchen , unter dessen gelblich angehauchter Spitzenkante die mächtigen schwarzen Augen hervorflammten . Ueber ihrer ganzen Erscheinung lag ein echt aristokratischer Hauch , und aus den seinen Zügen sprach der Ausdruck eines durch nichts zu demüthigenden Stolzes . Wie alt sah die vergrämte kränkelnde Schwiegertochter aus neben dieser imposanten Frauengestalt ! Army eilte ihr entgegen ; er nahm ihr ein großes Buch ab , das sie in der Hand hielt , und führte sie dann zum Kamine , wo Sanna bereits mehrere Sessel geordnet hatte . Die Enkelin war ebenfalls rasch aufgesprungen , und die blasse Frau trocknete verstohlen die letzten Thränen aus den Augen . „ Wovon war hier die Rede ? “ fragte die alte Baronin , indem sie am Kamine Platz genommen und die Dienerin mit einer Handbewegung entließ . „ Ich hörte etwas von ‚ denselben Rechten wie Army und Nelly ‘ “ „ Wir sprachen von Tante Stontheim und der Erbschaftsangelegenheit , “ erwiderte ihr die Schwiegertochter , sich ebenfalls an den Kamin setzend , „ und dabei gedachte ich auch der Königsburger Derenbergs und meinte , Blanka von Derenberg sei ebenso gut zu der Erbschaft berechtigt wie unsere Kinder . “ „ Blanka ? Welche Idee ! “ rief die alte Dame achselzucked . das rothhaarige , scrophulöse Geschöpf ? Die Stontheim hat – Gott sei Dank ! – einen zu guten Geschmack , um solchen Mißgriff zu thun ; übrigens hatte sie auch , so viel ich mich erinnere , einen sehr gerechtfertigten Widerwillen gegen diesen großthuerischen [ 651 ] Herrn Oberst und ebenso gegen seine hochblonde Frau Gemahlin , die er Gott weiß in welchem Winkel Englands oder Schottlands aufgelesen hat – sie ist ja wohl eine Miß Smith oder Newman ? Nun , so etwas Obscures war es . Nein , Cornelie , das ist einmal wieder eine Deiner ganz grundlosen , hervorgesuchten Geschichten , mit denen Du Dich und Andere ängstigst . “ Es klang etwas Ironisches aus ihrer Rede , wie immer , wenn die stolze Frau das Wort an ihre Schwiegertochter richtete . „ Ich meinte nur , “ erwiderte diese sanft , „ daß man durchaus nicht mit Bestimmtheit – – “ sie brach ab . „ Das Leben bringt schon so viele Täuschungen mit sich , daß man wirklich – “ „ Army wird es schon verstehen , “ fiel ihr die alte Dame gereizt in die Rede , „ der alten grämlichen Tante das Herz so zu wenden , daß ihm das wahrhaft fürstliche Vermögen zufällt . “ „ Wie meinst Du das , Großmama ? “ ertönte plötzlich die klare Stimme des jungen Mannes . „ Du verlangst doch hoffentlich nicht , daß ich – erbschleichen soll , wie man das so nennt ? Ich werde ihr höflich begegnen , wie es einem Cavalier einer Dame gegenüber zukommt , aber das ist auch Alles – scherwenzeln kann ich nicht ; was sie mir aus freien Stücken nicht geben will , mag sie behalten ! “ Die Großmntter richtete sich erstaunt aus ihrer nachlässigen Stellung im Sessel auf , und ihre Augen sahen funkelnd vor Entrüstung über diese unumwundene Erklärung in die des Enkelsohnes . „ Sollte man das von so einem jungen Grünschnabel für möglich halten ? “ fragte sie mit einem Tone , in den sie sich bemühte , etwas Scherzhaftes zu legen , aber ihre Stimme bebte vor Aerger . „ He , Army ! Hast Du den Respect mit dem Cadettenrock ausgezogen und meinst , weil Du seit acht Tagen die Epaulettes trägst , Du könntest Deiner Großmutter gute Lehren geben und ihren guten Rath verschmähen ? Du bist eben noch zu jung , um die Verhältnisse , in die Du jetzt eintreten wirst , richtig zu beurtheilen . Ist es Erbschleichen , wenn man das Herz einer alten einsamen Verwandten zu gewinnen sucht ? “ „ Ja , Großmama , “ sagte Army fest , und kein Zug veränderte sich in seinem hübschen Gesichte . „ Ja , es ist Erbschleichen , sobald man mit dem Herzen eines Menschen auch sein Geld zu gewinnen sucht – “ „ Das man äußerst nöthig hat , wenn man nicht zeitlebens am Hungertuche nagen und in einem Schloß ohne Herrschaft und Einkünfte darben will , “ fiel die alte Baronin zornig ein und rückte ein Stück mit ihrem Sessel zurück . „ Das gebe ich zu , Großmama , ich würde auch den schroffen Ausspruch nie gethan haben , wenn nicht noch eine Erbin da wäre ; aber weil Blanka – “ „ Schon wieder diese Blanka ! Kennst Du sie überhaupt ? Weißt Du , ob sie noch lebt , das kränkliche Geschöpf ? Wie fatal es ist , diese Kinderweisheit , die stark nach der Confirmationsstunde schmeckt , auskramen zu hören ! Ich wünsche dringend , Army , daß Du zur Stontheim reisest ; ich dulde keinen Widerspruch ; noch heute geht der Brief ab , der Dich anmeldet . “ „ Gewiß , Großmama , ich werde reisen , “ sagte Army mit kalter Höflichkeit , „ sobald Du es wünschest . “ Sie erhob sich ; ihr stolzes Gesicht war von einer dunklen Röthe überflammt , und um den Mund lag ein eigenthümlich hartnäckiger Zug ; nie war die Aehnlichkeit zwischen Großmutter und Enkel auffallender gewesen . Mit blitzenden Augen und fest auf einander gepreßten Lippen , in schroffer Haltung , so standen sie sich gegenüber , Keines dem Andern weichend . „ Du reisest morgen Nachmittag mit der Fünf-Uhr-Post , “ sagte die Alte kalt und bestimmt , und ohne die zustimmende Verbeugung des jungen Mannes abzuwarten , grüßte sie die bestürzte Schwiegertochter mit einer leisen Neigung des Kopfes und schritt hinaus . Eine peinliche Stille herrschte , als sich die Flügeltüren hinter der hohen Gestalt der alten Baronin geschlossen hatten . Der es gewagt hatte , der stolzen Frau zu widersprechen , deren Wort Befehl für Alle im Hause war , er stand in so ruhiger Haltung am Kamin und schaute so gleichmütig in die Flammen , als sei nichts passirt . Nelly blickte den Bruder mit verwunderten Augen an ; er war nicht mehr er selbst . Niemand sprach ein Wort . Nach einer Weile trat die alte Sanna in ’ s Zimmer ; sie hielt einen Brief in der Hand und fragte : „ Haben die Frau Baronin aus dem Dorfe etwas mitzubringen ? Der Heinrich muß zur Post ; es schneit just so arg , und vielleicht wär ’ s mit Eins abzumachen . “ Die Baronin verneinte , und die Alte verschwand eilig . Army hatte sich indessen an den Tisch gesetzt und blätterte in dem Buche , das er vorhin aus den Händen der Großmutter genommen . „ Da finde ich etwas von unserer schönen Agnese Mechthilde droben im Ahnensaal , “ rief er freudig ; „ komm einmal her , Schwesterchen ! Das ist interessant – höre nur ! “ Das junge Mädchen trat zu ihm heran , bog sich über die Lehne seines Stuhles und sah mit neugierigen Augen auf das vergilbte und mit schwer zu entziffernder Schrift bedeckte Papier . Er las , mühsam buchstabirend : „ ‚ An dem 30. Novembris von Anno 1694 ist allhier zu Schloß Derenberg die Leiche der Hochgeborenen Frauen Agnese Mechthilde Baronin auf und zu Derenberg , Schüttenfeld und Braunsbach , so eine geborene Freiin Krobitz aus dem Hause Trauen gewesen , in dem hiesigen Erbbegräbniß solenniter begraben , und zwar alles nach ihrer eigenhändig bei Lebezeiten gemachten Verordnung . Und hat gestanden die hohe Leiche in dem Saal neben der Kapellen , und hat den Sarg gedecket erstlich ein groß weisses und über diesem ein schwarz sammetenes Leichentuch mit darauf von Silbern Toile genähetem Kreuz ; obendrauf lag ein silbernes vergüldetes Crucifix , und waren auf jeder Seite acht kleinere , zu Häupten und Füssen aber größere und auf orange farben Atlas reichgestickte doppelte Wappen , so das der Derenbergs wie der Trauen , geheftet . Den Sarg trugen Die von Adel in die Kapellen , so in der Nachbarschaft seßhaft und gar oft hieselbst gebankettiret hatten . Zunächst dahinter gingen die sechs Söhne der Verstorbenen , sodann der Wittwer , so sehr betrübet war . ‘ “ „ Das ist langweilig , “ unterbrach sich der junge Officier , „ aber hier – höre weiter ! “ „ Und ist die Frauen Agnese Mechthilde , Baronin auf und zu Derenberg eine gar stolze und kluge Fraue gewesen , so ihrem Manne wacker beigestanden in allen Fährden . Sie hat eine lange feine Gestalt gehabt und rothes Haar , so eigentlich kein gut Zeichen sein soll , indem es in einem alten Sprüchlein heißet : ‚ Frawen undt auch pferdt , Sindt sie schön , so sindt sie wehrd , Sindt sie aber ohne Tück , so ist ’ s fürwar ein großes glück ; Darum nimb war , wasz für Haar ! Ist solches roth , hatz groß Gefahr . ‘ Doch hat sie sonsten nicht mehr Tück gehabt als andere Weibsbilder auch , und ist eine feine schöne Fraue gewesen , und hat sich ihretwegen ein Cavalier , so ihr in Liebe zugethan und sie ihn nicht hat erhöret , das Leben aus Desperation selbsten genommen , was ihm Gott verzeihen möge , und hat sie ihn in seinem Blute schwimmend vor der Thür ihres Gemaches gefunden , was sie also erschrecket , daß sie zur Stund ist in ein hitzig Fieber verfallen , also daß man gemeinet hat , sie werde elendiglich ihr Leben aufgeben . Der allgütige Gott hat ihr aber eine fröhliche Genesung geschenket , doch soll sie nie wieder gelachet hahen nachhero , und ist der Cavalier , so ein Junker von Streitwitz gewesen , im Schloßgarten allhier begraben . “ „ Was sagst Du dazu , Mamachen ? “ rief Army ganz erregt , „ ich glaub ’ s schon , daß sich ihretwegen Einer das Leben nehmen konnte ; es ist ein wundervolles Gesicht . Ich wünschte , ich könnte mir das Bild mitnehmen und in meine Lieutenantsstube hängen ; sie muß ein reizendes Geschöpf gewesen sein , diese Agnese Mechthilde . “ „ Ei , Army ! “ lächelte die Baronin , „ ich habe ja noch gar nicht gewußt , daß Deine erste Schwärmerei einer Todten gilt . Nun es ist wenigstens nicht gefährlich – was meinst Du , Nelly ? “ Nelly erwiderte nichts ; die heitere Stimmung wollte in den kleinen Kreis nicht wieder einkehren ; das junge Mädchen saß stumm über ihre Arbeit gebeugt und dachte daran , was sie Lieschen zur Entschuldigung sagen könnte ; Army vertiefte sich wieder in die Lectüre des alten Buches , und um den Mund der Baronin war das flüchtige Lächeln verschwunden . Dann und wann fuhr sie mit der Hand über die Augen und seufzte tief auf , und jedesmal , wenn ein so banger Seufzer das Ohr ihrer Kinder traf , wandten sie gleichzeitig den Kopf und ein paar traurige Blicke ruhten einen Augenblick fragend auf dem bekümmerten Gesichte der Mutter ; dann nahm Jedes seine Beschäftigung wieder auf . „ Die gnädige Frau Baronin wünschen den Thee auf ihrem [ 652 ] Zimmer zu trinken , “ sagte eintretend die alte Sanna , „ sie lassen um Entschuldigung bitten , daß sie nicht mit zu Abend speisen ; die Frau Baronin haben Kopfschmerz . “ Die alte Frau trug einen Präsentirteller mit einer alterthümlichen kleinen Kanne und einer Tasse im Rococogeschmack . Sie war offenbar im Begriffe , ihrer Herrin den Thee zu bringen , und stand nun , einer Antwort wartend , an der Thür ; sie blickte prüfend auf die drei Gestalten , als wollte sie ergründen , was für einen Eindruck diese Nachricht auf sie mache . Die träumende Frau am Kamine schien ihre Worte gar nicht gehört zu haben und schreckte empor , als ihre Tochter freundlich sagte : „ Wir bedauern das gewiß sehr , liebe Sanna , und wünschen Großmama herzlich gute Besserung . “ „ Ist Ihre gnädige Frau krank , Sanna ? “ fragte die Baronin . „ Jawohl , “ erwiderte diese , und ihre große knochige Figur richtete sich zur vollen Höhe auf , indem sie die grauen Augen unter der finsteren Stirn fest auf das erschrockene Gesicht der Fragenden richtete . „ Die Frau Baronin müssen ja von hier krank fortgegangen sein , denn sie kamen mit heftigem Herzklopfen in ihr Zimmer ; ich habe ihr schon drei Brausepulver mischen müssen . Wenn ’ s nur nichts Schlimmes wird ! “ Es lag etwas Vorwurfsvolles , Impertinentes in dieser Antwort , weniger noch in den Worten , als in der Stimme und dem Ausdrucke des Gesichtes , sodaß der Baronin Derenberg plötzlich vor Entrüstung das Blut in die Wangen stieg . „ Ich bedaure sehr , “ sagte sie mit erhobener Stimme , indem sie eine entlassende Handbewegung machte , „ und hoffe , daß es der gnädigen Frau morgen besser gehen wird . “ „ Sehr wohl , “ erwiderte die Alte und verließ das Zimmer , aber ihre Haltung und der Ausdruck ihrer Züge unter der gefältelten Haube waren geradezu feindselig geworden . Army war aufgesprungen , und dunkelroth im Gesichte schaute er der verschwindenden Dienerin nach . „ Army , ich bitte Dich , “ rief die Baronin , „ laß sie ! Du machst es nicht besser , wenn Du sie zur Rede stellst . So ist sie ja von jeher gewesen ; sie kann , wie ihre Herrin , das heiße südliche Blut nicht verleugnen , und dann – sie liebt die Großmutter abgöttisch . Du weißt , Army , daß Sanna schon mit der Großmama aus Venedig hierherkam , daß sie die Zeiten des Glanzes mit ihr verlebt hat und jetzt standhaft die Sorgen und Entbehrungen mit ihr theilt . Sanna hat viele gute Seiten ; eine Treue wie die ihrige ist selten ; und Euch , Kinder , besonders Dich , Army , liebt sie über Alles ; sie ist außerdem schon so alt , daß man ihr vieles gar nicht übel nehmen kann . “ Army antwortete nicht ; er nahm seine Mütze . „ Ich muß einen Augenblick in ’ s Freie , sonst schlafe ich schlecht , “ sagte er entschuldigend , küßte der Mutter die Hand und verließ das Zimmer . Er stand dann in dem hohen kalten Corridor und fragte sich selbst , wohin er eigentlich wolle . „ Erst muß ich mir den Paletot holen , “ dachte er , und schritt den langen Gang hinunter zu seinem Zimmer ; ihm war so wunderbar zu Muthe heut – zum ersten Male hatte seine junge Stirn der Ernst des Lebens gestreift . Freilich , er wußte ja , daß seine Familie in dürftigen Verhälnissen lebte , aber er hatte sich nach echter Knabenart keine Gedanken darüber gemacht . Nun hatte ihm die Großmutter davon gesprochen und ihm zugleich die Hoffnung auf eine reiche Erbschaft in Ausicht gestellt , aber es war ja noch eine Erbin da , ein kleines rothhaariges Geschöpf , wie Großmama sie vorhin nannte . Die schöne Agnese Mechthilde fiel ihm ein ; wie hieß es doch in dem Verse : „ Darumb nimb war , wasz für Haar ! Ist solches roth , hatz groß Gefahr . “ Die rothen Haare würden doch nicht auch ihm Gefahr bringen ? Doch nein , er hatte keine Anlage zum Idealisten . Großmutter hatte gesagt : „ Auf Dich , Army , und auf die Stontheim ’ sche Erbschaft