Drüben in dem hohen , schmalen Hause , hinter den Fenstern mit den weißen Filetgardinen und den vielen Geraniumtöpfen , da wohnte sie , von der ich hier erzählen will . Freilich war sie jetzt kein schönes , junges Mädchen mehr , auch kommen keine spannenden Szenen , keine romantischen Handlungen in der Erzählung vor . Es ist eben eine einfache Geschichte , die ich hier niederschreibe , sehr einfach , aber wahr , denn sie hat sie mir selbst anvertraut , und meine Heldin ist eine alte Jungfer . Erschreckt nicht , meine freundlichen Leserinnen , ihr glaubt nicht , welch eine Fülle von Poesie ich drüben in dem kleinen Stübchen fand . Wie manchen langen Nachmittag habe ich an meinem Fenster gesessen und , scheinbar mit einer Arbeit oder mit Lektüre beschäftigt , mein einsames Visavis beobachtet . Und wenn die noch immer zierliche Gestalt im einfachen grauen Lüsterkleide , das schneeweiße Häubchen auf dem glatt gescheitelten Haar , am Fenster saß und die Zeitung las , indem sie strickte , so überkam mich immer ein unendliches Mitleid mit der Einsamen . Nie sah ich eine Freundin bei ihr , nie überhaupt einen Besuch . Nur die kleinen Kinder ihres Hauswirts erblickte ich manchmal an ihrem Fenster , eifrig beschäftigt , Äpfel zu schmausen . Die alte Dame , die gütige Spenderin dieser Leckereien , stand hinter ihnen und sah mit strahlendem Lächeln , wie es den kleinen Wesen schmeckte . Leise hauchte sie dann wohl einen Kuß auf so ein blondes Köpfchen , als wollte sie es segnen . Jeden Nachmittag zur bestimmten Zeit sah ich sie aus ihrer Haustür treten , um spazierenzugehen . Ein paar Stunden später saß sie schon wieder strickend oder nähend in ihrem Lehnstuhl am Fenster . Zuweilen , an warmen Sommerabenden , wenn sie die Fenster geöffnet hatte , dann konnte ich sie an ihrem altmodischen Spinett sitzen sehen , und alte , längst vergessene Melodien klangen zu mir herüber . Oh , stundenlang hätte ich zuhören mögen , während meine Phantasie sich mit ihrer Vergangenheit beschäftigte . Wie kommt es nur , daß sie so gänzlich einsam ist ? dachte ich dann . Die Nachbarn nannten sie » das alte Fräulein Siegismund « , aber weiter konnte ich trotz meines Forschens nichts erfahren . » Sie geht mit keinem Menschen um – sie lebt ganz für sich – sie ist vollständig unzugänglich « – das waren die Antworten auf meine Fragen . Je mehr und je länger ich das alte Fräulein verstohlen beobachtete , je reger wurde mein Interesse , je größer mein Mitleid , je lebhafter der Wunsch , etwas von ihr zu erfahren . Da ging ich einmal , es war gegen Abend , und zwar an einem wunderschönen Sommerabend , nach dem Garnisonkirchhof , um einen Kranz auf das Grab einer früh verstorbenen Freundin zu legen . Auf dem wohlgepflegten Friedhofe war es still und einsam , die Rosen standen in vollster Blüte und gossen ihre Wohlgerüche verschwenderisch aus über die stillen Hügel . Es hatte am Nachmittage gewittert , die Luft war so rein , die Bäume und der Rasen so grün und frisch , daß man an den Tod nicht glauben mochte . Die Sonne blitzte noch einmal durch die zerrissenen Wolken und spiegelte sich in den Tautropfen der Gräser und Blumen , die wie zahllose Tränen erschienen an diesem Orte . Mein Rosenkranz war bald um das einfache Marmorkreuz geschlungen . Ich setzte mich einen Augenblick auf die kleine Bank unter die Trauerweide und dachte an die , die nun schon seit einem Jahre unter dem grünen Hügel lag . Sie hatte Rosen so sehr geliebt , sie war auch noch so jung gewesen und so plötzlich aus dem strahlenden Glücke gerissen worden . Trostlose Eltern , ein vor Schmerz beinahe verzweifelnder Bräutigam hatten an dem Sarge des lieblichen Mädchens gestanden . Mich hatte es damals sehr ergriffen , den ersten Schatten auf mein Leben geworfen , als ich die heitere Gefährtin der schönen Mädchenzeit so rasch sterben sah – wie glücklich hätte sie noch werden können , wie lange noch leben – ja wie lange ! Ob das Leben nur so ein Glück ist ? Doch nicht immer , wenn man so lebt , wie das alte , einsame Mädchen drüben . Ob es nicht besser ist , man stirbt jung , geliebt , heiß beweint , als einsam sein alle Tage ? So lange ! Da hörte ich Tritte hinter mir , mich umschauend , gewahrte ich die , an die ich eben gedacht hatte . Sie trug ihr graues Kleid , das schwarze Tuch , den altmodischen Hut und Sonnenschirm und in der Hand einen Kranz von Geraniumblüten . Sie ging mit zur Erde gesenkten Blicken dem älteren Teile des Kirchhofes zu und verschwand bald hinter den Gebüschen meinen Augen . Meine Neugierde war auf einmal wieder mächtig rege geworden . Wessen Grab mag sie hier bekränzen ? fragte ich mich . Ihre Eltern waren nicht hier gestorben – das wußte ich . Ich setzte mich wieder und wollte warten , bis sie zurückkäme . Dann aber stand ich auf und ging vorsichtig nach derselben Richtung , die sie eingeschlagen hatte . Auf einmal hemmte ich meine Schritte , nicht weit von mir , den Rücken mir zugewendet , lag die alte Dame auf den Knien vor einem ganz mit Efeu bewachsenen Hügel , das Gesicht in die dunklen Blätter gedrückt . Ich trat hinter ein altes , verwittertes Denkmal und sah zu ihr hinüber – regungslos verharrte sie in dieser Stellung . Es wurde mir förmlich unheimlich in dieser Stille , die dunkle Gestalt vor mir . Dann erhob sie sich plötzlich und ging wieder davon mit ebenso gesenkten Blicken , nur bemerkte ich Spuren von vergossenen Tränen auf ihrem Gesicht . Der Geraniumkranz lag auf den dunklen Blättern des Efeu . Als ich sie nicht mehr sah , trat ich zu dem Grabe . Mein Fuß stieß an einen Gegenstand , und als ich ihn fortschieben wollte , erkannte ich ein kleines , vergriffenes , in Leder gebundenes Buch . Ich hob es auf , es war wahrscheinlich einmal rot gewesen , einige nur noch schwach vergoldete Lettern zeigten die Chiffre W.v.E. Ich steckte das Buch in die Tasche und bückte mich zu dem Grabe . Eine verwitterte Sandsteintafel fand ich , fast ganz unter dem Efeu verborgen , und darauf die Worte : Wilhelm v. Eberhardt , Leutnant im ... ten Infanterieregiment , geb . den 1.Juli 1805 , gest . den 20. November 1834 . Ich zog das kleine Buch hervor – W.v.E. , Wilhelm v. Eberhardt , wie sonderbar ! Und heute war ja der 1. Juli , also der Geburtstag des Verstorbenen . In welchen Beziehungen mochte das alte , einsame Mädchen zu diesem Toten gestanden haben ? Er war noch jung gewesen , als er starb , eben dreißig Jahre nach den Daten auf dem Leichenstein , und nun , nach so vielen Jahren , noch dieser heiße Schmerz ? Sie mußte ihn sehr geliebt haben . – Ob es ein Verwandter von ihr war ? Doch nein , man trauert nach vierzig Jahren nicht mehr so heiß um irgendeinen Vetter . Vielleicht war er ihr Bräutigam ? Das konnte möglich sein . Armes , altes Mädchen , wer weiß , was du für ein trauriges Leben hinter dir hast ! So in Gedanken vertieft , war ich zu Hause angelangt . Vor unserer Tür warf ich einen Blick nach ihren Fenstern hinauf . Sie saß im Lehnstuhl , wie alle Tage , doch heute müßig , sie hatte den Kopf in die Hand gestützt , welche ein weißes Tuch hielt . Ihre Augen sahen wie verloren unverwandt auf einen Fleck . Da fiel mir das kleine Buch wieder ein , – ob ich es hintrage , oder ob ich es eingewickelt durch den Diener hinüberschicke ? Doch es war ja die beste Gelegenheit , mich ihr zu nähern . Rasch drehte ich um , schritt über die Straße und befand mich schon im nächsten Moment auf dem etwas finsteren Vorsaal im zweiten Stock . » Wohnt hier Fräulein Siegismund ? « fragte ich eines der blonden Kinder , welches eben mit einem großen Butterbrot die obere Treppe herabkam . » Ja « , war die Antwort , » du kannst nur da klopfen , dann kommt sie gleich heraus . « » Danke dir , meine Kleine « , sagte ich und pochte entschlossen , obgleich mit Herzklopfen , an die alte , braune Tür . Ich hörte drinnen einen leisen Schritt , es wurde geöffnet , und erstaunt trat die alte Dame ein wenig zurück , dann aber sagte sie : » Bitte , gnädige Frau , treten Sie näher . « Ich war sehr verwirrt und verlegen , weil mir jetzt erst einfiel , daß ich mit dem Finden des Buches zugleich meine Neugierde eingestehen mußte . Sie wies mir einen Sofaplatz an und erwartete nun den Grund meines Kommens zu erfahren . Ihre großen Augen hingen mit einem Ausdruck von Verwunderung an den meinen . » Verzeihen Sie , liebes Fräulein « , begann ich endlich , » daß ich Sie störe . Ich war so glücklich , etwas zu finden , was vermutlich Ihnen gehört , da wir beide uns , wie es mir schien , allein auf dem Kirchhof befanden ? « Die alte Dame hatte plötzlich in die Tasche gefaßt , dann war sie bleich geworden , und griff nun mit beiden Händen nach dem kleinen Buche , welches ich ihr hinhielt . » Oh , tausend Dank « , sagte sie , » es wäre ein unersetzlicher Verlust für mich gewesen . « Hierauf schwieg sie wieder , als hätte sie schon zuviel gesagt . » Sie kennen mich gewiß , liebes Fräulein « , nahm ich das Gespräch wieder auf , » wir sind so nahe Nachbarn , daß ich mich wohl kaum vorzustellen brauche . « » O gewiß , gnädige Frau , ich kenne Sie und ihren Herrn Gemahl . Es ist meine ganze Freude , Ihr glückliches Leben zu sehen . Sie sind so heiter , so vergnügt , das herzliche Lachen ihres Herrn Gemahls schallt oft bis zu mir herüber , Sie sind auch beide noch so jung ! Gott erhalte Ihnen Ihr Glück . « Es klang so wehmütig , wie sie diese Worte sagte , daß ich , von einem plötzlichen Impuls getrieben , ihre Hände ergriff , und sie bat : » Liebes Fräulein , auch wir nehmen den herzlichsten Anteil an Ihnen . Sie sind so einsam , so allein ! Kommen Sie doch auch einmal zu mir herüber , ich will Sie aufheitern , mit Ihnen plaudern und – « » Ich danke Ihnen , liebe Frau Hauptmann « , sagte sie , und in ihren Augen schimmerte es feucht , » danke Ihnen herzlich für diese Worte , aber lassen Sie mich in meiner stillen Stube , ich passe nicht in die fröhliche Gesellschaft . Ich habe mich so hineingelebt in diese Einsamkeit , daß es mir schwer wird , unendlich schwer , sie zu verlassen . Kommen Sie lieber zu mir , kommen Sie , sooft Sie wollen , ich werde mich sehr freuen und werde mich dadurch an die Zeit erinnern , wo ich noch so jung , so glücklich war wie Sie . « » Oh , gern « , antwortete ich lebhaft , » gern , wenn Sie es erlauben . Ich habe so manchen langen Nachmittag für mich , wenn mein Mann im Dienst ist . Ich komme sehr bald , nächstens « , fügte ich hinzu , indem ich mich erhob . » Für heute darf ich Sie nicht länger stören , aber ich danke dem Zufall , der mich den Weg zu Ihnen finden ließ , denn ich interessiere mich schon solange ich drüben wohne für Sie , liebes Fräulein . « Ich reichte ihr die Hand , die sie mit Wärme drückte : » Halten Sie auch Wort , ich freue mich schon sehr auf Ihren Besuch . « Ein heller Freudenstrahl brach aus den alten Augen , als sie mich nickend und grüßend entließ . Droben am Fenster stand mein Mann und sah ganz verwundert aus . » Wo kommst du denn her , du Ausreißerin « , lachte er , als ich , noch ganz aufgeregt von meinem Besuche , in sein Zimmer trat . » Du siehst ja aus , als hättest du deine Lieblingsidee ausgeführt und einen Besuch bei deiner alten Jungfer gemacht ! « » Habe ich auch ! « rief ich triumphierend , » und es war wundervoll drüben . Sie ist in der Nähe noch weit interessanter als vom Fenster aus , und dann ist es bei ihr so himmlisch altmodisch , weißt du : alte Pastellbilder an den Wänden , alte gradlehnige Möbel , eingelegte Schränke mit großen , spiegelblanken Messingschlössern , unter dem Spiegel mit dem geschliffenen Rahmen alte , uralte Porzellantassen auf der geschweiften Kommode – es ist so gemütlich , so anheimelnd drüben , ich werde oft , sehr oft hinübergehen . « » Hat sie dich denn eingeladen ? « » Gewiß , sonst würde ich doch nicht hinüber wollen . Das heißt « , setzte ich unsicher hinzu , » ich habe sie zuerst eingeladen , und das hat sie abgelehnt , sie geht nicht gern mehr aus . Aber ich darf kommen , sooft ich will , und es werden gewiß interessante Stunden werden . « Mein Mann lachte . » Kleine Schwärmerin , ich fürchte , du langweilst dich noch recht herzlich drüben – inwiefern soll es interessant sein ? « » Sie wird Zutrauen zu mir gewinnen und mir von ihrer Jugend erzählen . Gewiß , das wird sie tun , sie ist – « » Sie ist jung gewesen und einsam und unbegehrt alt geworden , das wird ihre Geschichte sein , wie so vieler alter Mädchen « , schaltete mein Mann ein . » Was doch die Frauen zuweilen für eine lebhafte Phantasie haben . Aber ich denke , nun speisen wir zu Abend , und dann kannst du mir erzählen , wie du es angefangen hast , den Eingang zu der alten Burg da drüben zu erzwingen . « Ich erzählte ihm nun , während er mit dem besten Appetit der Welt aß , von meinem Gange nach dem Kirchhof , von dem Fund des Buches und von dem alten Grabe , das den Namen » Wilhelm v. Eberhardt « trug . » Wilhelm v. Eberhardt ? « fragte mein Mann . » Ich war im Korps mit einem Eberhardt zusammen , merkwürdig – er hieß auch Wilhelm mit Vornamen . « » Oh , dieser ist schon lange tot , schon beinahe vierzig Jahre « , erwiderte ich . » Du sollst einmal sehen , diese alte Jungfer hat eine traurige Episode in ihrer Jugend verlebt , und Wilhelm v. Eberhardt war gewiß ihr Geliebter . « » Natürlich ! « neckte mein Mann . » Bei euch Frauen geht es nicht ab ohne Liebe . Es kann ja ein Vetter von ihr gewesen sein , oder – « » Nein , nein « , fiel ich ein , » um einen Vetter trauert man nicht Jahre hindurch so tief . Du wirst es noch erleben , ich habe recht . « Und ich hatte recht . Schon in den nächsten Tagen klopfte ich wieder an Fräulein Siegismunds Tür , wurde herzlich empfangen und fand mich bald so behaglich , als wäre ich daheim bei meinem Großmütterchen . Und sie verstand auch , es gemütlich zu machen . Die Kaffeemaschine summte auf dem mit schneeweißer Serviette belegten Tische , die altmodischen Tassen mit den kleinen Füßchen standen neben der altertümlich geformten Zuckerschale , durch die Geraniumstöcke drang grünes Licht in das kühle Zimmer , und auf dem Sofa neben meiner alten Jungfer saß ich mit meiner Arbeit . Sie selbst in ihrer feinen Weise machte die Wirtin mit aller Etikette früherer Zeiten . » Ich bin ganz ans der Übung , mein kleines Frauchen « , sagte sie wie entschuldigend . » Es ist lange , lange her , seit ich Besuch hatte . Sie müssen so vorliebnehmen . « Ich hatte nun eine wahre Freude daran , die alte , hübsche Dame so schalten und walten zu sehen . Nie sah ich so schlanke , feine Hände . Die Gestalt war noch ungebeugt . Das feine , ovale Gesicht zeigte Spuren von früherer großer Schönheit , die großen Augen hatten etwas Schwärmerisches , Sanftes , man hätte immerfort hineinsehen mögen . Ihr ganzes Wesen atmete eine Milde , eine Herzensgüte aus , die man wohl selten vereint findet mit einem so freudenlosen , einförmigen Dasein . Sehr bald hatte ich ihr ganzes Vertrauen gewonnen . An allen meinen kleinen Sorgen nahm sie teil , nie ging ich ohne einen guten Rat von ihr , nie ohne irgend etwas gelernt zu haben . Sie half mir Strümpfe für meinen Mann stricken , gab mir alte , bewährte Rezepte für mein Kochbuch , und bald verging kein Tag , an dem ich nicht hinüberhuschte , ihr eine Probe eines selbst gekochten Gerichtes zu bringen , ein Buch zu leihen , oder überhaupt , um sie zu sehen , und immer wurde ich liebevoll empfangen und , wie mein Mann behauptet , gründlich verzogen . So war sie mir wirklich eine Freundin geworden , sie vertrat beinahe die Stelle der fernen Mutter bei mir , und noch immer hatte ich nichts von ihrer Vergangenheit erfahren . Da war ich einmal an einem häßlichen , regnerischen Novembertage bei ihr in dem traulichen Stübchen , draußen heulte der Wind und jagte prasselnd den Regen an die Fenster . Im Zimmer war es so dunkel , daß ich meine Stickerei aus der Hand legen mußte , ich konnte nicht sehen zu der feinen Arbeit . Die alte Dame war heute auffallend still und einsilbig , sie strickte emsig , und das Klappern der Nadeln war das einzige , was die Stille unterbrach . Dann ließ sie die Hände in den Schoß sinken und seufzte . » Fehlt Ihnen etwas , liebes Fräulein ? « fragte ich . » O nein « , entgegnete sie , » aber ich bin heute traurig . Es gibt Tage , an denen ein Zufall fernliegende Zeiten mächtig wieder in Erinnerung bringt . Ein solcher traf mich heute früh und stimmte mich trübe . Und da fällt mir ein , Sie haben mir Ihre Freundschaft geschenkt und Ihr Vertrauen , ohne daß Sie das geringste von mir , von meinem Leben wußten . Das ist selten und edel , und wenn Sie es hören wollen , so will ich Ihnen erzählen , wie es kam , daß ich so einsam im Leben dastehe . Ich habe lange , sehr lange nicht davon gesprochen . Es lebt nur noch einer , der mich in meiner Jugend gekannt hat . Aber Sie sollen es wissen , die Sie mir meine alten Tage noch so verschönern . « Sie faßte meine Hand und drückte sie fest . » Wie alt sind Sie , mein liebes Kind ? Dreiundzwanzig Jahre ? Da war für mich die Sonne schon untergegangen – doch ich will ja erzählen – , wollen Sie es auch gern hören ? Ich glaube , es ist gut für mich , ich spreche wieder einmal davon . « Ich brauche wohl kaum zu versichern , wie sehr ich darum bat , und wie gespannt ich ihren Worten lauschte , als das alte Fräulein erzählte : » Über meine Kinderzeit will ich rasch hinweggehen . Mein Vater war Prediger in dem lieblichen Weltzendorf , zwei Stunden von hier , das Sie ja auch kennen werden . Meine Mutter starb , als ich eben mein fünftes Jahr zurückgelegt hatte . Mein Vater war trostlos , er hat sich auch nicht wieder verheiratet . Das dunkle Bild , welches noch in meiner Erinnerung von der Verstorbenen lebt , zeigt mir eine große , hellblonde junge Frau , die mir immer sehr hübsch erschien und die mich oft auf ihren Schoß nahm und mich küßte . Dann , als sie gestorben , kam eine traurige Zeit für mich . Mein Vater war kein junger Mann mehr und etwas Sonderling , er hatte sich nie viel um mich gekümmert , und der Schmerz um die Dahingeschiedene machte ihn nur noch teilnahmloser . Ich lief wild umher , und die alte Kathrin , die schon meine Mutter auf den Armen getragen , glaubte ihre Pflicht vollkommen zu erfüllen , wenn sie mich kämmte und wusch und mir die gehörigen Portionen Butterbrot und Äpfel zukommen ließ . Ich trieb mich tagsüber im Garten und im Felde umher und kam nur zu den Mahlzeiten unter die Augen meines Vaters , der meine beschmutzten Kleider gar nicht bemerkte . Kathrin war herzensgut , aber sie konnte nicht so viel waschen und flicken , wie ich gebrauchte , und so kam es , daß ich manchmal schmutziger aussah wie die ärmsten Kinder des Dorfes , mit denen ich übrigens durchaus keine Gemeinschaft hielt . Im Winter hockte ich in einem Winkel hinter dem großen Kachelofen und konnte stundenlang auf das summende Spinnrad Kathrinens schauen , das sie den ganzen Nachmittag über emsig in Bewegung erhielt . Zuweilen regte sich aber doch der Drang zum Lernen , zu irgendeiner Beschäftigung in mir . Dann schlich ich mich in meines Vaters Stube und bat ihn schüchtern um ein Bilderbuch . » Ich habe keins , meine Kleine « , pflegte er zu sagen , » aber ich will dir aus der Stadt eins mitbringen , wenn ich einmal hinfahre . Für jetzt störe mich nicht länger . « Damit senkte er den Blick wieder auf seine Bücher , und ich schlich mich betrübt hinaus . O wie jubelte ich , als der Frühling kam . Nun vermißte ich auch kein Bilderbuch mehr , das ich natürlich nie bekommen hatte . Ich lief in Wald und Feld umher mit Peter , meiner Katze , und war glücklich . Fünf Minuten von Weltzendorf entfernt liegt das Rittergut Bendeleben , ein alter Herrensitz , der sich schon seit undenklichen Zeiten in der Familie derer v. Bendeleben befand . Jetzt gehört er einem reichgewordenen Leinenfabrikanten – ja , wie sich doch alles ändern kann , wer hätte das damals gedacht ! Eines Tages war ich wieder mit Peter in den Wald gelaufen , es war sehr warm und ich achtete nicht darauf , daß sich der Himmel mit düsterem Gewölk umzog . Ich lag müde auf dem grünen Moose und schaute in die Wipfel der Eichen und Buchen über mir . Da hörte ich in der Ferne ein dumpfes Rollen und war im Nu auf den Füßen , denn Kathrin hatte mir eine abergläubische Furcht vor Gewittern beigebracht und mir hoch und teuer versichert , wenn man während eines Gewitters im Walde sei , so würde man unfehlbar vom Blitz erschlagen . Ich lief , das Kätzchen auf dem Arme , wie von etwas Schrecklichem verfolgt , den Weg zurück , den ich gekommen war . Schon nach wenigen Minuten leuchtete einen Moment ein gelber Schein durch das dunkle Blätterdach und ein furchtbarer Donnerschlag folgte , die Bäume bogen sich und rauschten im Sturm . Ich preßte das Kätzchen fest an mich und flog noch rascher dahin . Plötzlich gewahrte ich , daß ich nicht auf dem rechten Wege sei , ich war eben über eine kleine , aus Baumstämmen gefügte Brücke gelaufen und befand mich in einer großen Allee , dahinter schimmerte das alte dunkle Schloß durch die Bäume – ich war im Bendelebener Park . An Umkehr war nicht zu denken , zumal jetzt wieder ein greller Blitz und heftiger Donner erfolgte , und so lief ich in atemloser Hast die Allee entlang , direkt auf das Schloß zu . Und ehe ich selbst wußte , wie es kam , stand ich oben auf der Terrasse vor dem Portal und sah mich um mit gewiß angsterfüllten Blicken . Da trat eine Dame aus der Tür , offenbar in der Absicht , nach dem Wetter auszuschauen , denn sie bemerkte mich nicht . In meiner Angst vergaß ich alle Schüchternheit , lief zu ihr hin , erfaßte ihr Kleid und schluchzte : » Ach , nimm mich und Peter mit hinein , wir fürchten uns so sehr . « Die Dame sah ganz überrascht zu mir herunter , dann lächelte sie , und indem sie mich an der Hand faßte und in den Gartensaal führte , fragte sie : » Mein Gott , wie kommst du hierher ? Bist du nicht Pastors kleines Gretchen ? « Ich nickte . » Bekümmert sich denn niemand um dich « , fragte sie weiter , » daß du so wild umherlaufen kannst , wo du willst ? « Damit streifte ein Blick meinen reduzierten Anzug . » Kathrin weiß , daß ich im Walde bin « , sagte ich leise . Es folgten nun noch viele Fragen , die von mir entweder mit Kopfschütteln oder mit Nicken beantwortet wurden , während draußen das Unwetter tobte – » ob ich oft so allein herumstreife ? « , » ob ich gar nichts lernen müsse ? « , » ob ich keine Lust dazu habe ? « und endlich , » wie alt ich sei ? « » Sechs Jahre ? Nun , da ist es aber doch die höchste Zeit , daß etwas geschieht . Hör zu , mein Kind , wenn du jetzt nach Hause kommst , so bestelle deinem Vater , die Frau v. Bendeleben würde ihn morgen früh besuchen , um mit ihm eine Sache von Wichtigkeit zu besprechen . Kannst du das behalten ? « Ich bejahte und wurde , nachdem das Gewitter vorüber war und der Regen aufgehört hatte , sofort nach Hause geschickt , wo man mich wohl kaum vermißt hatte . Mein Vater machte ganz verwunderte Augen ob meiner Bestellung , und Kathrin schüttelte mit dem Kopfe , hatten sich doch die Bendelebens nie um ihre Herrschaft bekümmert , und hatte sie doch manchmal ein Wörtchen von Hochmut fallen lassen . In ihren Augen war der geistliche Stand der erste von der Welt , und daß die Frau Baronin nicht manchmal auf ein gemütliches Kaffeestündchen zur Frau Pastorin selig in die Pfarre gekommen war , konnte Kathrin noch immer nicht verschmerzen . Was mochte sie nur jetzt hier wollen , wo die hübsche , junge Hausfrau nun schon seit einem Jahre in der kalten Erde lag ? Da war das Kopfschütteln Kathrinens wohl sehr gerechtfertigt , und auch ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen . Immer dachte ich an die schöne , vornehme Frau und an den prächtigen Saal , und was sie wohl mit meinem Vater zu besprechen habe am folgenden Tage . Und der Tag kam , und mit ihm Frau v. Bendeleben . Sie ging direkt in meines Vaters Zimmer und blieb lange darin . Dann wurde ich gerufen , und als ich eintrat , sah ich , daß mein Vater die Hand der Dame in der seinigen hielt . Er sah freudig und doch ergriffen aus . » Nun sehen Sie selbst , bester Pastor , wie verwahrlost das kleine Ding ist ! « rief Frau v. Bendeleben , indem sie auf mich zeigte , die ich verlegen an der Tür stehengeblieben war . » Sie haben recht , Frau Baronin « , sagte mein Vater , » und ich bin in der Tat ganz beschämt , daß – ich weiß nicht , wie ich danken – « » Schon gut , Herr Pastor , schon gut « , unterbrach sie ihn . » Wir haben beide Vorteil davon , meine Kinder erhalten eine Gefährtin beim Unterricht und beim Spielen , und die Kleine lernt etwas . Und nun , Gretchen , nicht wahr , du hast auch Lust dazu ? Willst du mit mir gehen und recht fleißig sein ? Willst du Lesen , schreiben , Stricken und Nähen lernen ? « » O ja « , versicherte ich lebhaft , » ich komme mit , es ist so hübsch bei dir – wenn Papa es haben will « , setzte ich leise hinzu und sah scheu zu ihm hinüber . » Ja , mein Kind , und sei dankbar , indem du fleißig bist . Dir wird ein großes Glück zuteil . « Doch das , was er noch sagte , hörte ich kaum . In hellem Jubel stürzte ich hinunter in die Küche , wo Kathrin mit unserem einfachen Mittagsmahl beschäftigt war . » Kathrin , Kathrin ! Ich gehe mit aufs Schloß , ich werde Lesen und Schreiben und – « » Was ist das für ein Unsinn « , unterbrach mich die Alte , indem sie mich zurückstieß . » Was willst du denn auf dem Schlosse ? « Ich stammelte ganz kleinlaut , was zwischen meinem Vater und Frau v. Bendeleben verabredet worden war . Kathrin schlug die Hände über dem Kopfe zusammen . » Daß sich Gott erbarm ' , deshalb kam sie hierher ? « Dann rückte die Alte ihre Haube zurecht und stieg entschlossen die Treppe zu meines Vaters Studierstube hinauf . Ich folgte ihr , aus Angst , sie könne mir die schöne Aussicht wieder zerstören . Mein Vater saß schon wieder über seinen Büchern , Frau v. Bendeleben war fort . » Herr Pastor « , fing Kathrin an , » das Gretel wollen Sie forttun aufs Schloß ? « » Jawohl « , erwiderte mein Vater , etwas ungeduldig über die zweite Störung , » heute gegen Abend wirst du sie hinbringen , aber sauber angekleidet . « » Daß Gott erbarm '