Theodor Fontane Grete Minde Nach einer altmärkischen Chronik 1. Kapitel . Das Hänflingnest Erstes Kapitel Das Hänflingnest » Weißt du , Grete , wir haben ein Nest in unserm Garten , und ganz niedrig , und zwei Junge drin . « » Das wäre ! Wo denn ? Ist es ein Fink oder eine Nachtigall ? « » Ich sag es nicht . Du mußt es raten . « Diese Worte waren an einem überwachsenen Zaun , der zwei Nachbargärten voneinander trennte , gesprochen worden . Die Sprechenden , ein Mädchen und ein Knabe , ließen sich nur halb erkennen , denn so hoch sie standen , so waren die Himbeerbüsche hüben und drüben doch noch höher und wuchsen ihnen bis über die Brust . » Bitte , Valtin « , fuhr das Mädchen fort , » sag es mir . « » Rate . « » Ich kann nicht . Und ich will auch nicht . « » Du könntest schon , wenn du wolltest . Sieh nur « , und dabei wies er mit dem Zeigefinger auf einen kleinen Vogel , der eben über ihre Köpfe hinflog und sich auf eine hohe Hanfstaude niedersetzte . » Sieh « , wiederholte Valtin . » Ein Hänfling ? « » Geraten . « Der Vogel wiegte sich eine Weile , zwitscherte und flog dann wieder in den Garten zurück , in dem er sein Nest hatte . Die beiden Kinder folgten ihm neugierig mit ihren Augen . » Denke dir « , sagte Grete , » ich habe noch kein Vogelnest gesehen : bloß die zwei Schwalbennester auf unsrem Flur . Und ein Schwalbennest ist eigentlich gar kein Nest . « » Höre , Grete , ich glaube , da hast du recht . « » Ein richtiges Nest , ich meine von einem Vogel , nicht ein Krähen- oder Storchennest , das muß so weich sein wie der Flachs von Reginens Wocken . « » Und so ist es auch . Komm nur . Ich zeig es dir . « Und dabei sprang er vom Zaun in den Garten seines elterlichen Hauses zurück . » Ich darf nicht « , sagte Grete . » Du darfst nicht ? « » Nein , ich soll nicht . Trud ist dawider . « » Ach Trud , Trud . Trud ist deine Schwieger , und eine Schwieger ist nicht mehr als eine Schwester . Wenn ich eine Schwester hätte , die könnte den ganzen Tag verbieten , ich tät es doch . Schwester ist Schwester . Spring . Ich fange dich . « » Hole die Leiter . « » Nein , spring . « Und sie sprang , und er fing sie geschickt in seinen Armen auf . Jetzt erst sah man ihre Gestalt . Es war ein halbwachsenes Mädchen , sehr zart gebaut , und ihre feinen Linien , noch mehr das Oval und die Farbe ihres Gesichts , deuteten auf eine Fremde . » Wie du springen kannst « , sagte Valtin , der seinerseits einen echt märkischen Breitkopf und vorspringende Backenknochen hatte . » Du fliegst ja nur so . Und nun komm , nun will ich dir das Nest zeigen . « Er nahm sie bei der Hand , und zwischen Gartenbeeten hin , auf denen Dill und Pastinak in hohen Dolden standen , führte er sie bis in den Mittelgang , der weiter abwärts vor einer Geißblattlaube endigte . » Ist es hier ? « » Nein , in dem Holunder . « Und er bog ein paar Zweige zurück und wies ihr das Nest . Grete sah neugierig hinein und wollte sich damit zu schaffen machen , aber jetzt umkreiste sie der Vogel , und Valtin sagte : » Laß ; er ängstigt sich . Es ist wegen der Jungen ; unsere Mütter sind nicht so bang um uns . « » Ich habe keine Mutter « , erwiderte Grete scharf . » Ich weiß « , sagte Valtin , » aber ich vergeß es immer wieder . Sieht sie doch aus , als ob sie deine Mutter wäre , versteht sich , deine Stiefmutter . Höre , Grete , sieh dich vor . Hübsch ist sie , aber hübsch und bös . Und du kennst doch das Märchen vom Machandelboom ? « » Gewiß kenn ich das . Das ist ja mein Lieblingsmärchen . Und Regine muß es mir immer wieder erzählen . Aber nun will ich zurück in unsern Garten . « » Nein , du mußt noch bleiben . Ich freue mich immer , wenn ich dich habe . Du bist so hübsch . Und ich bin dir so gut . « » Ach , Narretei . Was soll ich noch bei dir ? « » Ich will dich noch ansehen . Mir ist immer so wohl und so weh , wenn ich dich ansehe . Und weißt du , Grete , wenn du groß bist , da mußt du meine Braut werden . « » Deine Braut ? « » Ja , meine Braut . Und dann heirat ich dich . « » Und was machst du dann mit mir ? « » Dann stell ich dich immer auf diesen Himbeerzaun und sage › spring ‹ ; und dann springst du , und ich fange dich auf , und ... « » Und ? « » Und dann küß ich dich . « Sie sah ihn schelmisch an und sagte : » Wenn das wer hörte ! Emrentz oder Trud ... « » Ach Trud und immer Trud . Ich kann sie nicht leiden . Und nun komm und setz dich . « Er hatte diese Worte vor dem Laubeneingang gesprochen , an dessen rechter Seite eine Art Gartenbank war , ein kleiner niedriger Sitzplatz , den er sich aus vier Pflöcken und einem darübergelegten Brett selbst zurechtgezimmert hatte . Er liebte den Platz , weil er sein eigen war und nach dem Nachbargarten hinübersah . » Setz dich « , wiederholte er , und sie tat ' s , und er rückte neben sie . So verging eine Weile . Dann zog er einen Malvenstock aus der Erde und malte Buchstaben in den Sand . » Lies « , sagte er . » Kannst du ' s ? « » Nein . « » Dann muß ich dir sagen , Grete , daß du deinen eignen Namen nicht lesen kannst . Es sind fünf Buchstaben , und es heißt Grete . « » Ach , griechisch « , lachte diese . » Nun merk ich erst ; ich soll dich bewundern . Hatt es ganz vergessen . Du gehörst ja zu den sieben , die seit Ostern zum alten Gigas gehen . Ist er denn so streng ? « » Ja und nein . « » Er sieht einen so durch und durch . Und seine roten Augen , die keine Wimpern haben ... « » Laß nur « , beruhigte Valtin . » Gigas ist gut . Es muß nur kein Kalvinscher sein oder kein Katholscher . Da wird er gleich bös und Feuer und Flamme . « » Ja , sieh , das ist es ja eben ... « Valtin malte mit dem Stocke weiter . Endlich sagte er : » Ist es denn wahr , daß deine Mutter eine Katholsche war ? « » Gewiß war sie ' s. « » Und wie kam sie denn ins Land und in euer Haus ? « » Das war , als mein Vater in Brügge war , da sind viele Spansche . Kennst du Brügge ? « » Freilich kenn ich ' s. Das ist ja die Stadt , wo sie die beiden Grafen enthauptet haben . « » Nein , nein . Das verwechselst du wieder . Du verwechselst auch immer . Weißt du noch ... Ananias und Äneas ? ! Aber das war damals , als du noch nicht bei Gigas warst ... Ach , bei Gigas ! Und nun soll ich auch hin , denn ich werde ja vierzehn , und Trud ist bei ihm gewesen , wegen Unterricht und Firmung , und hat es alles besprochen ... Aber sieh , ihr habt ja noch Kirschen an eurem Baum . Und wie dunkel sie sind ! Nur zwei . Die möcht ich haben . « » Es ist zu hoch oben ; da können bloß die Vögel hin . Aber laß sehen , Gret , ich will sie dir doch holen ... wenn ... « » Wenn ? « » Wenn du mir einen Kuß geben willst . Eigentlich müßtest du ' s. Du bist mir noch einen schuldig . « » Schuldig ? « » Ja . Von Silvester . « » Ach , das ist lange her . Da war ich noch ein Kind . « » Lang oder kurz . Schuld ist Schuld . « » Und bedenke , daß ich morgen zu Gigas komme ... « » Das ist erst morgen . « Und eh sie weiter antworten konnte , schwang er sich in den Baum und kletterte rasch und geschickt bis in die Spitze , die sofort heftig zu schwanken begann . » Um Gott , du fällst « , rief sie hinauf ; er aber riß den Zweig ab , an dem die zwei Kirschen hingen , und stand im Nu wieder auf dem untersten Hauptast , an dem er sich jetzt , mit beiden Knien einhakend , waagerecht entlangstreckte . » Nun pflücke « , rief er und hielt ihr den Zweig entgegen . » Nein , nein , nicht so . Mit dem Mund ... « Und sie hob sich auf die Fußspitzen , um nach seinem Willen zu tun . Aber im selben Augenblicke ließ er die Kirschen fallen , bückte sich mit dem Kopf und gab ihr einen herzhaften Kuß . Das war zuviel . Erschrocken schlug sie nach ihm und lief auf die Gartenleiter zu , die dicht an der Stelle stand , wo sie das Gespräch zwischen den Himbeerbüschen gehabt hatten . Erst als sie die Sprossen hinauf war , hatte sich ihr Zorn wieder gelegt , und sie wandte sich und nickte dem noch immer verdutzt Dastehenden freundlich zu . Dann bog sie die Zweige voneinander und sprang leicht und gefällig in den Garten ihres eigenen Hauses zurück . 2. Kapitel . Trud und Emrentz Zweites Kapitel Trud und Emrentz In den Gärten war alles still , und doch waren sie belauscht worden . Eine schöne , junge Frau , Frau Trud Minde , modisch gekleidet , aber mit strengen Zügen , war , während die beiden noch plauderten , über den Hof gekommen und hatte sich hinter einem Weinspalier versteckt , das den geräumigen , mit Gebäuden umstandenen Mindeschen Hof von dem etwas niedriger gelegenen Garten trennte . Sechs Stufen führten hinunter . Nichts war ihr hier entgangen , und die widerstreitendsten Gefühle , nur keine freundlichen , hatten sich in ihrer Brust gekreuzt . Grete war noch ein Kind , so sagte sie sich , und alles , was sie von ihrem Versteck aus gesehen hatte , war nichts als ein kindisches Spiel . Es war nichts und es bedeutete nichts . Und doch , es war Liebe , die Liebe , nach der sie sich selber sehnte und an der ihr Leben arm war bis diesen Tag . Sie war nun eines reichen Mannes ehelich Weib ; aber nie , soweit sie zurückdenken mochte , hatte sie lachend und plaudernd auf einer Gartenbank gesessen , nie war ein frisches , junges Blut um ihretwillen in einen Baumwipfel gestiegen und hatte sie dann kindlich unschuldig umarmt und geküßt . Das Blut stieg ihr zu Kopf , und Neid und Mißgunst zehrten an ihrem Herzen . Sie wartete , bis Grete wieder diesseits war , und ging dann raschen Schrittes über den Hof auf Flur und Straße zu , um nebenan ihre Muhme Zernitz , des alten Ratsherrn Zernitz zweite Frau und Valtins Stiefmutter , aufzusuchen . In der Tür des Nachbarhauses traf sie Valtin , der beiseite trat , um ihr Platz zu machen . Denn sie war in Staat , in hoher Stehkrause und goldner Kette . » Guten Tag , Valtin . Ist Emrentz zu Haus ? Ich meine deine Mutter . « » Ich denke , ja . Oben . « » Dann geh hinauf und sag ihr , daß ich da bin . « » Geh nur selbst . Sie hat es nicht gern , wenn ich in ihre Stube komme . « Es klang etwas spöttisch . Aber Trud , erregt wie sie war , hatte dessen nicht acht und ging , an Valtin vorüber , in den ersten Stock hinauf , dessen große Hinterstube der gewöhnliche Aufenthalt der Frau Zernitz war . Das nach vorn zu gelegene Zimmer von gleicher Größe , das keine Sonne , dafür aber viele hohe Lehnstühle und grünverhangene Familienbilder hatte , war ihr zu trist und öde . Zudem war es das Wohn- und Lieblingszimmer der ersten Frau Zernitz gewesen , einer steifen und langweiligen Frau , von der sie lachend als von ihrer » Vorgängerin im Amt « zu sprechen pflegte . Trud , ohne zu klopfen , trat ein und war überrascht von dem freundlichen Bilde , das sich ihr darbot . Alle drei Flügel des breiten Mittelfensters standen auf , die Sonne schien , und an dem offenen Fenster vorbei schossen die Schwalben . Über die Kissen des Himmelbetts , dessen hellblaue Vorhänge zurückgeschlagen waren , waren Spitzentücher gebreitet , und vom Hof herauf hörte man das Gackern der Hühner und das helle Krähen des Hahns . » Ei , Trud « , erhob sich Emrentz und schritt von ihrem Fensterplatz auf die Muhme zu , um diese zu begrüßen . » Zu so früher Stunde . Und schon in Staat ! Laß doch sehen . Ei , das ist ja das Kleid , das du den Tag nach deiner Hochzeit trugst . Wie lang ist es ? Ach , als ich dir damals gegenübersaß , und Zernitz neben mir , und die grauen Augen der guten alten Frau Zernitz immer größer und immer böser wurden , weil er mir seine Geschichten erzählte , die kein Ende hatten , und immer so herzlich lachte , daß ich zuletzt auch lachen mußte , aber über ihn , da dacht ich nicht , daß ich zwei Jahre später an diesem Fenster sitzen und auch eine Frau Zernitz sein würde . « » Aber eine andre . « » Gott sei Dank , eine andre ... Komm , setz dich ... Und ich glaube , Zernitz denkt es auch . Denn Männer in zweiter Ehe , mußt du wissen , das sind die besten . Das erst ist , daß sie die erste Frau vergessen , und das zweit ist , daß sie alles tun , was wir wollen . Und das ist die Hauptsache . Ach Trud , es ist zum Lachen ; sie schämen sich ordentlich und entschuldigen sich vor uns , schon eine erste gehabt zu haben . Andre mögen anders sein ; aber für meinen alten Zernitz bürg ich , und wäre nicht der Valtin ... « » Um den eben komm ich « , unterbrach Trud , die der Muhme nur mit halbem Ohre gefolgt war , » um eben deinen Valtin . Höre , das hat sich ja mit der Gret , als ob es Braut und Bräutigam wäre . Er muß aus dem Haus . Und ich denke , du wirst ihn missen können . « » Laß doch . Es sind ja Kinder . « » Nein ; es sind nicht Kinder mehr . Valtin ist sechzehn oder wird ' s , und Gret ist über ihre Jahre und hat ' s von der Mutter . « » Nicht doch . Ich war ebenso . « » Das ist dein Sach , Emrentz . « » Und dich verdrießt es « , lachte diese . » Ja , mich verdrießt es ; denn es gibt einen Anstoß im Haus und in der Stadt . Und ich mag ' s und will ' s nicht . Du hast einen leichten Sinn , Emrentz , und siehst es nicht , weil du zuviel in den Spiegel siehst . Lache nur ; ich weiß es wohl , er will es ; alle Alten wollen ' s , und du sollst dich putzen und seine Puppe sein . Aber ich , ich seh um mich , und was ich eben gesehen hab ... Emrentz , mir schlägt noch das Herz . Ich komme von Gigas und suche Greten und will ihr sagen , daß sie sich vorbereitet und ernst wird in ihrem Gemüt , da find ich sie ... nun rate , wo ? Im Garten zwischen den Himbeerbüschen . Und wen mit ihr ? Deinen Valtin ... « » Und er gibt ihr einen Kuß . Ach Trud , ich hab ' s ja mitangesehn , alles , hier von meinem Fenster , und mußt an alte Zeiten denken , und an den Sommer , wo ich auch dreizehn war und mit Hans Hensen Versteckens spielte und eine geschlagene Glockenstunde hinter dem Rauchfang saß , Hand in Hand und immer nur in Sorge , daß wir zu früh gefunden , zu früh in unserm Glück gestört werden könnten . Laß doch , Trud , und gönn ' s ihnen . ' s ist nichts mit alter Leute Zärtlichkeiten , und ich wollt , ich stünde wieder , wie heute die Grete stand . Es war so hübsch , und ich hatt eine Freude dran . Nun bin ich dreißig , und er ist doppelt so alt . Hätt ich noch vier Jahre gewartet , höre , Trud , ich glaube fast , ich hätte besser zu dem Jungen als zu dem Alten gepaßt . Sieh nicht so bös drein und bedenk , es trifft ' s nicht jeder so gut wie du . Gleich zu gleich und jung zu jung . « » Jung zu jung ! « sagte diese bitter . » Es geht ins dritte Jahr , und unser Haus ist öd und einsam . « » Alt oder jung , wir müssen uns eben schicken , Trud « ; und dabei nahm Emrentz ihrer Muhme Arm und schritt mit ihr in dem geräumigen Zimmer auf und ab . » Mein Alter ist zu jung , und dein Junger ist zu alt ; und so haben wir ' s gleich , trotzdem uns der Schuh an ganz verschiedenen Stellen drückt . Nimm ' s leicht , und wenn du das Wort nicht leiden kannst , so sei wenigstens billig und gerecht . Wie liegt ' s denn ? Höre , Trud , ich denke , wir haben nicht viel eingesetzt und dürfen nicht viel fordern . Hineingeheiratet haben wir uns . Und war ' s denn besser , als wir mit fünfundzwanzig , oder war ' s noch ein Jahr mehr , auf dem Gardelegner Marktplatz saßen und gähnten und strickten und von unsrem Fenster aus den Bauerfrauen die Eier in der Kiepe zählten ? Jetzt kaufen wir sie wenigstens und leben einen guten Tag . Und das Sprichwort sagt , man kann nicht alles haben . Was fehlt , fehlt . Aber dir zehrt ' s am Herzen , daß dir nichts Kleines in der Wiege schreit , und du versuchst es nun mit Gigas und mit Predigt und Litanei . Aber das hilft zu nichts und hat noch keinem geholfen . Halte dich ans Leben ; ich tu ' s und getröste mich mit der Zukunft . Und wenn der alte Zernitz eine zweite Frau nahm , warum sollt ich nicht einen zweiten Mann nehmen ? Da hast du meine Weisheit , und warum es mir gedeiht . Lache mehr und bete weniger . « Es schien , daß Trud antworten wollte , aber in diesem Augenblick hörte man deutlich von der Straße her das Schmettern einer Trompete und dazwischen Paukenschläge . Es kam immer näher , und Emrentz sagte : » Komm , es müssen die Puppenspieler sein . Ich sah sie schon gestern auf dem Anger , als ich mit meinem Alten aus dem Lorenzwäldchen kam . Und danach gingen beide junge Frauen in das Frau Zernitzsche Vorderzimmer mit den hohen Lehnstühlen und den verhangenen Familienbildern und stellten sich an eins der Fenster , das sie rasch öffneten . « Und richtig , es waren die Puppenspieler , zwei Männer und eine Frau , die , bunt und phantastisch aufgeputzt , ihren Umritt hielten . Hunderte von Neugierigen drängten ihnen nach . Es war ersichtlich , daß sie nicht hier , sondern erst weiter abwärts , an einem unmittelbar am Markte gelegenen Eckhause zu halten gedachten , als aber der zur Rechten Reitende , der lange , gelb und schwarz gestreifte Trikots und ein schwarzes , enganliegendes Samt- und Atlascollet trug , der beiden jungen Frauen gewahr wurde , hielt er sein Pferd plötzlich an und gab ein Zeichen , daß der die Pauke rührende , hagre Hanswurst , dessen weißes Hemd und spitze Filzmütze bereits der Jubel aller Kinder waren , einen Augenblick schweigen solle . Zugleich nahm er sein Barett ab und grüßte mit ritterlichem Anstand zu dem Fenster des Zernitzschen Hauses hinauf . Und nun erst begann er : » Heute abend , sieben Uhr , mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung , auf dem Rathause hiesiger kurfürstlicher Stadt Tangermünde : Das Jüngste Gericht . « Dies Wort wurde , während der Schwarzundgelbgestreifte die Trompete hob , von einem ungeheuern Paukenschlage begleitet . » Das Jüngste Gericht ! Großes Spiel in drei Abteilungen , so von uns gespielet worden vor Ihren christlichen Majestäten , dem römischen Kaiser und König und dem Könige von Ungarn und Polen . Desgleichen vor allen Kurfürsten und Fürsten deutscher Nation . Worüber wir Zeugnisse haben allerdurchlauchtigster Satisfaktion . Das Jüngste Gericht ! Großes Spiel in drei Abteilungen , mit Christus und Maria , samt dem Lohn aller Guten und der Verdammnis aller Bösen . Dazu beides , Engel und Teufel , und großes Feuerwerk , aber ohne Knall und Schießen und sonstige Fährlichkeit , um nicht › denen schönen Frauen ‹ , so wir zu sehen hoffen , irgendwie störend oder mißfällig zu sein . « Und nun wieder Paukenschlag und Trompetenstoß , und auf den Marktplatz zu nahm der Umritt seinen Fortgang , während der Puppenspieler im Trikot noch einmal zu dem Zernitzschen Hause hinaufgrüßte . Auch die dunkelfarbige Frau , die zwischen den beiden andern zu Pferde saß , verneigte sich . Sie schien groß und stattlich und trug ein Diadem mit langem schwarzem Schleier , in den zahllose Goldsternchen eingenäht waren . » Gehst du heute ? « fragte Emrentz . » Nein . Nicht heut und nicht morgen . Es widersteht mir , Gott und Teufel als bloße Puppen zu sehen . Das Jüngste Gericht ist kein Spiel , und ich begreif unsre Ratmannen nicht , und am wenigsten unsern alten Peter Guntz , der doch sonst ein christlicher Mann ist . Heiden und Türken sind ' s. Sahst du die Frau ? Und wie der lange schwarze Schleier ihr vom Kopfe hing ? « » Ich gehe doch « , lachte Emrentz . Damit trennten sich die Frauen , und Trud , unzufrieden über das Gespräch und das Scheitern ihrer Pläne , kehrte noch übellauniger , als sie gekommen , in das Mindesche Haus zurück . 3. Kapitel . Das » Jüngste Gericht « und was weiter geschah Drittes Kapitel Das » Jüngste Gericht « und was weiter geschah In jener Stille , wie sie dem Mindeschen Hauswesen eigen war , verging der Tag ; nur der Pfauhahn kreischte von seiner Stange , und aus dem Stallgebäude her hörte man das Stampfen eines Pferdes , eines schönen flandrischen Tieres , das der alte Minde , bei Gelegenheit seiner zweiten Heirat , aus den Niederlanden mit heimgebracht hatte . Das war nun fünfzehn Jahr ; es war alt geworden wie sein Herr , aber hatte bessere Tage als dieser . Grete hatte gebeten , das Puppenspiel im Rathaus besuchen zu dürfen , und es war ihr , allem Abmahnen Truds unerachtet , von ihrem Vater , dem alten Minde , gestattet worden , nachdem dieser in Erfahrung gebracht hatte , daß auch Emrentz und Valtin und der alte Zernitz selbst dem Spiele beiwohnen würden . Lange vor sieben Uhr hatte man Greten abgeholt , und in breiter Reihe , als ob sie zusammengehörten , schritten jetzt alle gemeinschaftlich auf das Rathaus zu . Die Freitreppe , die hinaufführte , war mit Neugierigen besetzt , auch mit solchen , die drinnen ihre Plätze hatten und nur wieder ins Freie getreten waren , um so lange wie möglich noch der frischen Luft zu genießen . Denn in dem niedrig gewölbten Saale war es stickig , und kein anderes Licht fiel ein als ein gedämpftes von Flur und Treppe her . In der zweiten Reihe waren ihnen , unter Beistand eines alten Stadt- und Ratsdieners , einige Mittelplätze freigehalten worden , auf denen sie bequemlich Platz nahmen , erst Zernitz selbst und Emrentz , dann Valtin und Grete . Das war auch die Reihenfolge , in der sie saßen . Grete war von Anfang an nur Aug und Ohr , und als Emrentz ihr aus einem Sandelkästchen allerhand Süßigkeiten bot , wie sie damals Sitte waren , überzuckerte Frucht und kleine Theriakkügelchen , dankte sie und weigerte sich , etwas zu nehmen . Valtin sah es und flüsterte ihr zu : » Fürchtest du dich ? « » Ja , Valtin . Bedenke , das Jüngste Gericht . « » Wie kannst du nur ? Es sind ja Puppen . « » Aber sie bedeuten was , und ich weiß doch nicht , ob es recht ist . « » Das hat dir Trud ins Gewissen geredt « , lachte Emrentz , und Grete nickte . » Glaub ihr nicht ; es ist ' ne fromme Sach . Und in Stendal haben sie ' s in der Kirchen gespielt . « Und dabei nahm Emrentz eine von den kandierten Früchten und drückte den Stengel in ihres Alten große Sommersprossenhand . Der aber nickte ihr zärtlich zu , denn er nahm es für Liebe . Während dieses Gesprächs hatte sich der Saal auf allen Plätzen gefüllt . Viele standen bis nach dem Ausgang zu , vor den Zernitzens aber saß der alte Peter Guntz , der schon zum vierten Male Burgemeister war und den sie um seiner Klugheit und Treue willen immer wieder wählten , trotzdem er schon an die achtzig zählte . » Das ist ja Grete Minde « , sagte er , als er des Kindes ansichtig wurde . » Sei brav , Gret . « Und dabei sah er sie mit seinen kleinen und tiefliegenden Augen freundlich an . Und nun wurd es still , denn auf dem Rathausturme schlug es sieben , und die Gardine , die bis dahin den Bühnenraum verdeckt hatte , wurde langsam zurückgezogen . Alles erschien anfänglich in grauer Dämmerung , als sich aber das Auge an das Halbdunkel gewöhnt hatte , ließ sich die Herrichtung der Bühne deutlich erkennen . Sie war , der Breite nach , dreigeteilt , wobei sich der treppenförmige Mittelraum etwas größer erwies als die beiden Seitenräume , von denen der eine , mit der schmalen Tür , den Himmel und der andre , mit der breiten Tür , die Hölle darstellte . Engel und Teufel standen oder hockten umher , jeder auf der ihm zuständigen Seite , während eine hagere Puppe , mit weißem Rock und trichterförmiger Filzmütze , die dem lebendigen Hanswurst des Vormittagsrittes genau nachgebildet schien , zu Füßen der großen Mitteltreppe saß , deren Stufen zu Christus und Maria hinaufführten . Was nur der Hagere hier sollte ? Grete fragte sich ' s und wußte keine Antwort ; allen anderen aber war kein Zweifel , zu welchem Zweck er da war und daß ihm oblag , Schergendienste zu tun und die Sonderung in Gut ' und Böse , nach einer ihm werdenden Ordre , oder vielleicht auch nach eigenem souveränem Ermessen , durchzuführen . Und jetzt erhob sich Christus von seinem Thronsessel und gab mit der Rechten das Zeichen , daß das Gericht zu beginnen habe . Ein Donnerschlag begleitete die Bewegung seiner Hand , und die Erde tat sich auf , aus der nun , erst langsam und ängstlich , dann aber rasch und ungeduldig , allerhand Gestalten ans Licht drängten , die sich , irgendeinem berühmten Totentanz entnommen , unschwer als Papst und Kaiser , als Mönch und Ritter und viel andere noch erkennen ließen . Ihr Hasten und Drängen entsprach aber nicht dem Willen des Weltenrichters , und auf seinen Wink eilte jetzt der sonderbare Scherge herbei , drückte die Toten wieder zurück und schloß den Grabdeckel , auf den er sich nun selber gravitätisch setzte . Nur zwei waren außerhalb geblieben , ein wohlbeleibter Abt mit einem roten Kreuz auf der Brust und ein junges Mädchen , ein halbes Kind noch , in langem weißem Kleid und mit Blumen im Haar , von denen einzelne Blätter bei jeder Bewegung niederfielen . Grete starrte hin ; ihr war , als würde sie selbst vor Gottes Thron gerufen , und ihr Herz schlug und ihre zarte Gestalt zitterte . Was wurd aus dem Kind ? Aber ihre bange Frage mußte sich noch gedulden , denn der Abt hatte den Vortritt , und Christus , in einem Ton , in dem unverkennbar etwas von Scherz und Laune mitklang , sagte : » Mönchlein , schau hin , du hast keine Wahl , Die schmale Pforte , dir ist sie zu schmal . « Und im selben Augenblick ergriff ihn der Scherge und stieß ihn durch das breite Tor nach links hin , wo kleine