Theodor Fontane Ellernklipp Nach einem Harzer Kirchenbuch 1. Kapitel . Hilde kommt in des Heidereiters Haus Erstes Kapitel Hilde kommt in des Heidereiters Haus In einem der nördlichen Harztäler , in Nähe der Stelle , wo das Emmetal in das flache Vorland ausmündet , lagen in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Dorf und Schloß Emmerode ; jenseits des Dorfes aber , einige hundert Schritte weiter talaufwärts , wurd ein einzelnstehendes , hart in die Bergwand eingebautes Haus sichtbar , das in seiner Front ein paar Steinstufen und eine Vorlaube von wildem Wein und über der Tür ein Hirschgeweih zeigte . Hier wohnte Baltzer Bocholt , ein Westfälinger , der in jungen Jahren in Kur-Trier als Soldat gedient hatte , späterhin aber nach Emmerode gekommen und um seiner guten Führung willen erst ein gräflicher Heidereiter und einige Jahre später , durch Heirat mit des alten Erbschulzen Aleswant einziger Tochter , ein über seinen Stand hinaus vermöglicher Mann geworden war . Er hatte nun Haus und Hof und Amt und Frau , dazu den Respekt in Dorf und Schloß , und ging stolz und aufrecht einher und freute sich seines Glückes , bis er nach einer elfjährigen friedfertigen Ehe zum ersten Male den Unbestand alles Irdischen an sich selbst erfahren mußte . Die Frau starb ihm plötzlich und ruhte jetzt – seit zwei Monaten erst – an der Berglehne drüben , die , dreifach abgestuft , auf ihrer untersten Stufe den von Mauer und Stechpalmen umfaßten Kirchhof , auf ihrer mittleren die kleine Kapellenkirche zum Heiligen Geist und auf ihrer höchsten das zacken- und giebelreiche Schloß der alten Grafen von Emmerode trug . Es war im September und der Heidereiter eben von Ilseburg zurück , wohin er sich , um ein eisernes Gitter für das Grab seiner Frau zu bestellen , in aller Frühe schon begeben hatte , als er Pastor Sörgels alte Doris über die Straße kommen und gleich darauf in den Flur seines Hauses eintreten sah . » Nun , Doris , was gibt ' s ? « » ' nen Brief vom Herrn Pastor . « Und der Heidereiter , der noch in seinem Staatsrock war und eben erst Miene machte , den Hirschfänger abzulegen , nahm ihr den Brief ab und las ihn , nachdem er sich mit einem Anfluge von Wichtigkeit ans Fenster gestellt hatte . » Die Muthe Rochussen ist diese Nacht gestorben , und ihr Kind ist bei mir . Ich wünsche mit Euch vertraulich darüber zu sprechen und sehe demnächst Eurem Besuch entgegen . « Baltzer Bocholt klappte das Papier wieder zusammen und ließ mit seinem » ergebensten Empfehl « zurücksagen , daß er sich gleich die Ehre geben und vor Seiner Ehrwürden erscheinen würde , bei welchem Titel , als ob ihr derselbe mit gegolten hätte , Doris einen Dankesknicks vor dem Heidereiter machte . Dieser aber sah ihr nach und beobachtete von seinem Fenster aus , wie sie , statt über den Brückensteg , über die sechs Steine ging , die durch den Bach gelegt waren , und eine Minute später in dem Vorgarten der halb schon unter den Kirchhofsbäumen versteckten Pfarre verschwand . Inzwischen hatte des Heidereiters Magd oder , um ihr ihre volle Ehre zu geben , die stattliche Person von über dreißig , die seit dem Tode der Frau dem Hauswesen vorstand , ein Frühstück aufgetragen . Aber Baltzer Bocholt setzte sich nicht , weil ihn der Brief doch unruhig oder neugierig gemacht hatte , und keine halbe Stunde , so ging er auf die Pfarre zu , strich gewohnheitsmäßig über das große runde Kratzeisen hin , trotzdem seine Sohlen so sauber und trocken waren wie der Weg , den er gekommen , und trat in den Flur . Und gleich darauf auch in die Studierstube des Pastors Sörgel . Er war oft in dieser Stube gewesen , und der Friede , der darin weilte , hatte mehr als einmal zu seinem Herzen gesprochen . Aber doch nie so wie heute . Die Wanduhr ging , und die dicke Schwanenfeder kritzelte hörbar über das Papier ; in die Nähe des Fensters aber war ein Schemelchen gerückt , auf dem ein Kind saß , das in einer großen Bilderbibel blätterte . Der Alte legte die Feder nieder , reichte dem Heidereiter die Hand und sagte zu dem Kinde : » Hilde , du kannst nun in den Garten gehen und dir pflücken , was du willst . Und kannst auch die Bibel mitnehmen . Aber sei vorsichtig und mache keinen Fleck . « Das Kind tat , wie ihm geheißen , und nur die Bibel ließ es zurück . Nicht aus Trotz , wohl aber aus Respekt . » Lieber Bocholt « , nahm der Geistliche das Wort , als Hilde gegangen war , » ich hab Euch rufen lassen . Ihr wißt , was es mit der Muthe war , aber ich denke , wir geben ihr ein gutes und ordentliches Begräbnis und fragen nicht erst lange . « Baltzer nickte zustimmend . » Aber « , so fuhr der Alte fort , » da haben wir nun die Hilde . Wohin mit ihr ? Ihr kennt die Gräfin und wißt , wie ' s drüben steht , oder sagen wir , wie ' s im Herzen der Gnädigen aussieht ; ihr Stolz wird größer sein als ihr Mitleid , und sie wird ihre Hand abziehen und sich ' s zurechtlegen in ihrem Gewissen . Denn es gibt immer Gründe für das , was wir wünschen ... Aber Ihr , Baltzer Bocholt , Ihr wäret der Mann . Ihr könntet ' s ! Und es wär ein christlich Werk . « » Es fehlt die Frau , Herr Pastor . Eben komm ich von Ilseburg und habe das Gitter bestellt . « » Es fehlt die Frau . Wohl . Aber sie wird Euch nicht immer fehlen . Ihr seid noch rüstig und werdet drüber hinkommen ; und das weiß ich , es sind ihrer viele ... « » Glaub ' s nicht , Ehrwürden . « » Und wenn nicht , so seid Ihr der Mann , der mit einem Blick besser erzieht als drei Frauen ... Aber seht nur « , und er wies auf das Kind , das draußen zwischen den schon hoch in Samen geschossenen Spargelbeeten stand und dem Spiel zweier Schmetterlinge mit den Augen folgte . Der Heidereiter freute sich ersichtlich des Anblicks und sagte nach einer Weile : » Gut . Ich will es bedenken . « » Und was Ihr beschließt , das soll mir gelten ; denn ich kenn Euch und weiß , es wird das Rechte sein . – Aber nun kommt , daß wir nach der Muthe sehen . « Und er klatschte zweimal in die Hand und rief dem Kinde vom Fenster aus zu : » Wir wollen gehen , Hilde ! Nimm dein Tuch ! « Und gleich danach schritten alle drei quer über das Tal auf einen langen und ziemlich hohen Heckenzaun zu , der , neben dem Gehöfte des Heidereiters ansteigend , erst auf den Wiesen- und Weidegrund der » Sieben-Morgen « und dann immer höher hinauf auf eine weitgestreckte , mit Ginster und Heidekraut bestandene Hochfläche führte , die » Kunerts-Kamp « hieß und nach hinten zu mit einem anscheinend endlosen Tannenwalde schloß . An dem Punkte aber , wo Kamp und Wald sich ineinanderschoben und ein Eck bildeten , stand das kleine weißgetünchte Haus der Muthe Rochussen , einer armen Holzschlägerswitwe . Hilde war eine gute Strecke zurückgeblieben , um Gräser und Blumen zu pflücken , und erst als Sörgel und der Heidereiter bis dicht an den Zaun heran waren , der das weiße Häuschen von drei Seiten her einfaßte , beeilte sie sich , wieder in die Nähe beider zu kommen . Und nun schob sie , die kleine Hand durch das Gitter zwängend , einen Holzriegel von innen her zurück und lief über den Hof hin auf die mit Tannenzweigen bestreute , zugleich als Küche dienende Diele , daran die beiden einzigen Stuben des Hauses gelegen waren . Und nun öffnete sie die vorderste derselben und trat zurück , um die beiden Männer eintreten zu lassen . Diese blieben jedoch , einen Augenblick wenigstens , wie betroffen stehen , denn was sie sahen , war mehr ein Begräbnis- als ein Sterbezimmer . Alles Unschöne war wie vorweg aus dem Wege geräumt . Unter einer aus bunten Zeugstücken sauber zusammengesteppten Decke lag die Tote , das dunkle Haar gescheitelt und eine Kette von Bernsteinkugeln um den Hals , daran ein flammendes Herz hing . Ihre Linke hielt die gesteppte Decke fest und ließ für jeden , der eintrat , gleich auf den ersten Blick einen Schlangenring am vierten Finger erkennen . Es war ersichtlich , daß sie das Herannahen ihrer letzten Stunde gefühlt und das eitle Verlangen gehabt hatte , nach ihrem Tode noch eine Verwunderung und das Gerede der Leute zu wecken . Und so hatte sie denn das Haus bestellt , sich gekleidet und geschmückt und sich dann niedergelegt und war gestorben . Und ohne Kampf schien sie hinübergegangen zu sein , denn so herb ihre Züge waren , aus jedem sprach es doch wie das Glück einer endlichen Erlösung . Und nun war auch Hilde herangetreten und hatte die Blumen , die sie draußen auf der Heide gepflückt , über die Mutter ausgestreut . Und sie kniete nieder und küßte die herabhängende Hand . Aber sie weinte nicht und gab kein Zeichen tiefen Schmerzes . Es war vielmehr , als wisse sie nichts Deutliches von Tod und Sterben , und als beide Männer immer noch schwiegen , erhob sie sich und ging auf den Platz hinaus , wo der Brunnen stand und ein paar Leinenstücke zum Bleichen ausgespannt lagen . Es war stickig in dem Zimmer , und Sörgel , den es von Anfang an nach frischer Luft verlangt hatte , trat ans Fenster , um zu öffnen . Und dabei wurd er auf dem Fensterbrett und fast zu Häupten der Toten eines zierlichen und mit Silber eingelegten Ebenholzkästchens ansichtig , das an dieser ärmlichen Stelle beinahe mehr noch überraschen mußte als der Schmuck , den die Holzschlägerswitwe trug . In dem Kästchen aber lag alles , was diese hinterließ : ein Goldgulden , ein Spezies , ein paar kleinere Münzen und daneben zwei silberne Trauringe , die sie bei Lebzeiten getragen , aber in ihrer Sterbestunde von sich getan hatte . » Das ist ihr Trauring « , sagte Sörgel und legte den kleineren auf seine flache Hand . » Und das hier ist der von dem Rochussen . Und sind nun elf Jahre , daß sie mit ihm unten vorm Altar stand . Ihr wißt ja , wie ' s kam und was es war ; und sollte was zugedeckt werden . Aber sie hat nicht mit den beiden Ringen wie mit einer Lüge vor ihren Gott hintreten wollen , und ist mir , als ob ' s eine Beichte wär und ein Bekenntnis . Und nur hoffärtig ist sie geblieben bis an ihr Ende . Denn seht nur , von dem Schlangenringe hat sie nicht lassen wollen , den trägt sie noch , auf daß jeder ihn sehe . Ja , Heidereiter , irr und verworren sind unseres Herzens Wege . « Der schwieg und sah vor sich hin . Sörgel aber fuhr fort : » Und auch das hier « – und er wies auf die Münzen – » erzählt mir nur , was ich schon weiß . Sie hat nie gedarbt , arm , wie sie war . Es geschah eben , was geschehen mußte , solange noch wer da war , der den Finger aufheben und sagen konnte : so und nicht anders . Aber das ist nun vorbei seit heute nacht , und die Gnädigste drüben wird sich nicht aus freien Stücken zu dem Enkelkinde bekennen wollen . Es war ihr immer ein Stachel im Fleisch . Und so haben wir von Stund an eine Waise mehr in der Gemeinde . « » Nicht doch « , sagte Baltzer . » Ich nehme das Kind , und es soll mit meinem Martin zusammengehen . Ja , Pastor , ich will ein Gespann haben , damit fährt sich ' s besser , und ist dem Jungen gut . Und lieben wird er sie schon , denn ' s ist ein feines Kind und hat die langen Wimpern und das helle Rothaar – dasselbe , das die drüben haben . Und wer den Toten Blumen streut , der streut sie , denk ich , auch wohl den Lebenden . « » Ich hoff es « , antwortete Sörgel . Und danach riefen sie Hilden und sagten ihr , daß sie nun Abschied nehmen müsse . Die war denn auch bereit und stutzte nicht , und nur auf der Schwelle wandte sie sich noch einmal und lief zurück , um der Toten die Hand zu streicheln . Und nun erst folgte sie den beiden Männern und trat auch ihrerseits und ohne Zeichen tieferer Bewegung ins Freie . Der Pastor gedachte seinen Weg wieder über Kunerts-Kamp und die Sieben-Morgen zu nehmen , genauso , wie sie gekommen waren ; als ihn aber der Heidereiter bedeutet hatte , es sei näher über Diegels Mühle , schlenderten sie gemeinschaftlich an einer tiefen Grenzfurche hin , die von dem kleinen weißen Haus aus bis an den Abfall des Berges führte . Hilde ging vor ihnen her und stemmte , wie sie zu tun liebte , den rechten Arm in die Seite . Das gab ihr einen geraden Gang und machte , daß sie größer aussah , als sie war . Die beiden Männer aber folgten ihr mit den Augen , und Baltzer sagte lächelnd : » Ich werde sie zu hüten haben . « Eine kurze Strecke noch , und die Grenzfurche bog nach links hin um eine kahle Felswand herum , in deren Front sie sich als mannsbreite Straße fortsetzte . Die Felswand selbst aber hieß Ellernklipp . Ein mittelhoher Brombeerbusch wuchs hier als einzige Schutzlehne hart am Abgrund hin , und der alte Sörgel , indem er sich an dem Gezweige festhielt , sah in freudiger Bewegung in das Landschaftsbild hinein , das ihm heut , unter dem Einfluß einer besonderen Beleuchtung , als etwas Neues und Niegesehenes erschien . In den Fenstern des Schlosses stand die Vormittagssonne , weiter unten blinkte der Wetterhahn auf der Schindelspitze des Turmes , und von rechts her , unter Erlen halb verborgen , flimmerte das Schieferdach von Diegels Mühle herauf . » Ich muß nun da hinein « , sagte der Heidereiter und zeigte halb rückwärts auf den Wald . » Und dies ist der Weg , der nach der Mühle führt . Ehrwürden sehen den Haselbusch , und wenn Sie den haben , schlängelt sich ' s allmählich bergab . Aber immer rechts . Nach links hin geht ' s in den Elsbruch und ist steil und abschüssig , und wer fehltritt , ist kein Halten mehr . Und du , Hilde , gehst vorauf und suchst Ehrwürden die besten Stellen . « Und sie ging vorauf und wartete nur dann und wann , bis der Alte , den sie führen sollte , wieder heran war . In diesem aber klang es nach , was der Heidereiter in der Muthe Haus oben gesprochen hatte : » Wer den Toten Blumen streut , der streut sie , denk ich , auch wohl den Lebenden . « Und er wiederholte sich jedes Wort . » Aber ich fürchte « , fuhr er in leisem Selbstgespräch fort , » sie kennt nicht gut und nicht bös , und darum hab ich sie zu dem Baltzer Bocholt gegeben . Der hat die Zucht und die Strenge , die das Träumen und das Herumfahren austreibt . Und wenn sie Gutes sieht , so wird sie Gutes tun . « 2. Kapitel . Hilde spielt Zweites Kapitel Hilde spielt Hilde blieb in der Pfarre bis zum Begräbnis ihrer Mutter , am dritten Tag in aller Frühe . Man läutete nicht , und nur einige Neugierige waren gekommen , darunter auch Dienstleute vom Schloß . Und als nun der alte Sörgel das Gebet gesprochen und der Toten eine Handvoll Erde nachgeworfen hatte , nahm Baltzer Bocholt das Kind an der Hand , um es in seine neue Heimstätte hinüberzuführen . Auf dem Flur , in der Nähe der schmalen Treppe , standen alle Zugehörige des Hauses , und Baltzer , als er sie stehen sah , sagte : » Das ist gut , daß ihr da seid . Sieh , Hilde , dies ist unsere Grissel . Mit der wirst du nun zusammenleben und mußt ihr gehorchen in allen Stücken , als ob ich ' s selber wär . Und dies ist Joost , unser Knecht , der meint es gut . Nicht wahr , Joost ? Und laß dich nur aufs Pferd von ihm setzen , aber immer nur , wenn er Zeit hat , und darfst ihn nicht stören bei seiner Arbeit . Und dies ist unser Martin ; der soll nun dein Bruder sein , und ihr sollt euch liebhaben . Wollt ihr ? Willst du , Hilde ? « Diese nickte , während Martin schwieg und verlegen vor sich niedersah . Baltzer aber hatte dessen nicht acht und fuhr fort : » Und nun gebt euch die Hand . So . Und jetzt einen Kuß . Und nun , Grissel , führ unser neues Kind in seine Stube hinauf und zeig ihm , wo es wohnt . Und zu Mittag sehen wir uns wieder . Punkt zwölf , auf die Minute . Hörst du ! Denn ich bin ein alter Soldat und liebe Pünktlichkeit . Und nun Gott befohlen ! « Danach wandt er sich und ging aus dem Flur in die Vorlaube , während Martin in den Hof lief und Grissel und Hilde treppauf stiegen . Oben waren zwei Giebelstuben , in deren einer Grissel bis dahin allein gewohnt hatte . Die sollte sie jetzt mit Hilde teilen . Es war ein großer , weißgetünchter Raum , in dem aber so vielerlei stand , daß er wenigstens nicht kahl und kalt wirkte . Die Truhen und Schränke waren bunt gestrichen , und in der Nähe des Fensters hing eine Wanduhr , auf deren Zifferblatt ein goldgelber Hahn krähte . Der Pendel ging , ein paar große Fliegen summten , und Grissel sagte : » Sieh , Hilde , hier müssen wir uns nun vertragen . Werden wir ? Ich denke doch . Du siehst mir danach aus , als ob jeder mit dir leben könnt und wärst ein gutes Kind und hättest keinen Eigenwillen . Und das ist immer das Beste , keinen eigenen Willen haben . Ich meine so für gewöhnlich , denn mancher hat einen und muß einen haben ... Und dies hier ist deine Seite , dein Bett und dein Stuhl , und dieser Rechen ist für dich . Und es darf nichts umherliegen . Die Fenster aber müssen offen sein , denn es lebt sich besser in frischer Luft , und ich weiß nicht , wer sie wieder zugemacht hat . Gewiß unser Joost ; der denkt immer : je stickiger , je besser , und will alles warm haben wie seinen Pferdestall . « Und während sie so sprach , hatte sie das Fenster aufgemacht und eingekettet und winkte Hilden , an dem anderen Fenster ein gleiches zu tun . Und Hilde tat es , und ein Ausdruck von Glück überflog ihre Züge , so sehr gefiel ihr , was sie sah . Unmittelbar unter ihrem Fenster lag der Wirtschaftshof , auf dem die Tauben von einem Dachfirst zum anderen flogen ; abwärts am Bach hin , in Entfernung weniger hundert Schritte , stieg der Rauch aus den Dächern des Dorfes , und immer weiter zu Tale dehnte sich das weite , flache Vorland aus und blinkte sonnenbeschienen in allen Herbstesfarben . In all das sah Hilde hinein und sagte , während sie lang und tief aufatmete : » Hier will ich immer stehen ... Ah ... ! Es ist so weit hier . « » Ei nun « , lachte Grissel , » das ist gut , daß es dir gefällt . Aber du kannst hier nicht immer stehen . Ein junges Ding wie du , das ist nicht dazu da , bloß in die Welt zu gucken und zu warten , bis das Glück kommt oder der Bräutigam , was eigentlich ein und dasselbe ist . So wenigstens glauben sie . Nein , mein Hildechen , ein junges Ding muß arbeiten ; denn bei der Arbeit vergehen einem die dummen Gedanken , und der Böse kann nicht herein , der immer vor der Tür steht ... Und nun komm und laß uns in die Küche gehen , daß wir ein Feuer machen und ihm ein Frühstück bringen . « » Muß ich es ihm bringen ? « » Ja . Da wird er sich freuen . Denn er hat dich gern , und du gefällst ihm . Oder fürchtest du dich vor ihm ? « Sie schwieg und sah vor sich hin . Grissel aber fuhr fort : » Er lacht nicht viel und sieht aus , als ob er bloß brummen und beißen könnt . Aber er ist nicht so schlimm und hat es eigentlich gern , wenn andere lachen . Lache nur und erzähl ihm viel und sei zutulich , und du wirst sehen , er läßt sich um den Finger wickeln . Und so sind alle Mannsleut , und die , die so sauertöpfisch aussehen , just am meisten . Aber das verstehst du noch nicht . Oder verstehst du ' s ? Höre , Hilde , du siehst mir aus , als verständest du ' s. « Und dabei lachte Grissel wieder , nahm sie bei der Hand und führte sie treppab in die Küche . Hilde fand sich schnell in allem zurecht , und den dritten Tag , als Grissel eben den Tisch deckte , sagte der Heidereiter , indem er sich auf seinem Stuhle herumdrehte : » Nun , wie geht es ? Ich meine mit der Hilde ? « » Wie soll es gehen ! Gut geht es . Es ist ein liebes Kind , still und gehorsam . « » Das freut mich « , sagte Baltzer , » daß ihr euch vertragt . Aber ich wußt es . Sie hat so was Feines , und ist alles anders . Meinst du nicht auch ? « » I freilich , mein ich . Die Muthe war ja eine feine Person und eigentlich über ihren Stand . Und was ihr Mann war , ich meine den Jörge Rochussen – denn er soll ja doch wirklich ihr Mann gewesen sein , und sie reden ja von zwei Trauringen , die der alte Sörgel oben in einer Schachtel gefunden und mit in die Sakristei genommen hat – , nu , der Jörge , der war ja kohlschwarz und eigentlich noch schwärzer als die Muthe , bloß nicht so kraus . Und davon , denk ich , hat unser Hildechen das rote Haar und ist so was Feines . « » Höre , Grissel « , entgegnete der Heidereiter , » ich kenne dich und weiß , wo das hinaus soll . Aber ich sage dir , ich will davon nicht hören . Was geschehen ist , ist geschehen , und es muß nun tot sein , so tot wie die Muthe . Die hat alles mit ins Grab genommen , ich meine die Geschichte von drüben , und das Kind ist jetzt ehrlicher Leute Kind , unser Kind , und du wirst den Mund halten . Ich weiß auch , du kannst es , wenn du willst . Denn du bist eine kluge Person , eine rechte Schulmeisters- und Küsterstochter , und hörst das Gras wachsen , geradeso wie der alte Melcher Harms oben , den du nicht leiden kannst . Und warum nicht ? danach frag ich nicht , das ist deine Sach . Aber meine Sach ist , daß ich kein Gerede haben will , und soll alles sauber und rein sein in meinem Haus . Und was gewesen ist , ist gewesen . Und dabei bleibt ' s. Hörst du ? « Grissel , während Baltzer so sprach , hatte das Tischtuch immer wieder und wieder geglättet , trotzdem es längst glatt lag , und sagte nur : » Es ist gut , sie soll nichts hören davon , und im Dorfe redet sich ' s tot . Aber ihr eigen Blut wird es ihr sagen . Und ich merke schon so was . « » Unsinn . « » Ihr müßt ihr bloß nach den Augen sehen , Baltzer , und wie sie so zufallen am hellen lichten Tag . Und ist immer müd und tut nichts ; aber mit eins richtet sie sich auf und steht kerzengrad und ist , als ob ihr die Guckerchen aus dem Kopf wollten . Und dann ist es wieder vorbei . Ja , Baltzer , es wird nichts Leichtes sein mit dem Kind . « » Und was meinst du , was geschehen soll ? « » Allerlei , mein ich . Ich meine , sie muß in die Schul und an die Arbeit . Es ist ja zum Gotterbarmen mit ihr , und kann nichts und weiß nichts , und ist wild aufgewachsen und will immer hinaus . Und wenn sie nicht hinaus will , so will sie schlafen . « » Ich habe selber schon an Schule gedacht « , antwortete der Heidereiter . » Aber der alte Sörgel will es nicht und meint , es sei noch zu früh , und hat erst von Ostern gesprochen . Und weil ich ja gesagt habe , so muß es bleiben . « Und es blieb so . Ein milder Herbst war , stille warme Tage bis tief in den Oktober hinein , und das Vieh , das sonst früh in den Stall kam , wurde immer noch an des Heidereiters Hause vorübergetrieben , um oben auf den Sieben-Morgen seine Weide zu finden . Die Kühe hatten ein gestimmtes Geläut , und Hilde , wenn sie das Läuten von ferne hörte , lief ihnen entgegen und setzte sich auf den Bankstein in der offenen Vorlaube . Der melancholische Ton der Glocken durchzitterte sie mit einer Sehnsucht weit hinaus , aber diese Sehnsucht in die Weite war ihr Glück . Und zuletzt kam der alte Melcher Harms , den sie schon von früher her kannte , wo sie noch oben auf Kunerts-Kamp zu Hause war . Er trug einen langen Leinenrock mit vielen Knöpfen , wie die Hirten zu tragen pflegen , und immer , wenn er seinen dreikrempigen Hut abnahm , sah man einen großen braunen Kamm , der sein spärliches , aber langes Haar nach hinten zu zusammenhielt . Und um dieses Kammes willen war es , daß er bei den Dorfleuten etwas spöttisch der Kamm-Melcher hieß . Aber Hilde hing an ihm , und allabendlich , wenn er heimkehrte , brachte er ihr einen Strauß mit , den er aus Heidekraut und ein paar verspäteten Erdbeeren zusammengebunden hatte . Dann nahm sie seine Hand und tat Fragen über Fragen , und erst wenn sie mitten im Dorf und die meisten Kühe längst im Stalle waren , entsann sie sich und schlenderte die Kreuz und Quer und von einem Ufer aufs andre bis an ihr Haus und die von wildem Wein überwachsene Vorlaube zurück . Da traf sie sich mit Martin , der ihr in allem zu Willen war , ohne daß sie selber einen rechten Willen gehabt hätte . Aber er erriet ihre Gedanken und handelte danach . Und so wußt er denn auch bald , daß sie nichts Lieberes tat als Boot und Flotte spielen , und in seinen freien Stunden saß er seitdem in der Geschirr- und Hobelkammer , schnitt Schiffchen aus Holz- und Rindestücken und gab ihnen einen Mast mit einem weißen Segel daran . Und dann setzten sie die Schiffchen ein und sahen ihnen nach . Die meisten kenterten gleich und wurden ans Ufer geworfen , aber zwei hielten sich bis weit hinaus , und sie konnten sie nicht bloß verfolgen , sondern auch deutlich erkennen , wie sie gerad auf den Sonnenball zufuhren , der zwischen dem niederhängenden Gezweige stand und die schäumenden Wellen vergoldete . » Sieh « , sagte Martin , » das sind wir ; ich hab unsere Namen drangesteckt , und die scheitern nicht . Und wenn du ' s nicht glaubst , so komm nur , wir wollen sehen , ob ich nicht recht habe . « Und sie liefen abwärts , um die gekenterten Schiffchen wieder aufzusuchen und danach festzustellen , welche zwei noch flott waren ; aber schon das zweite , das zwischen den Steinen lag , war der » Martin « . Er nahm es und erschrak . » Ach , Hilde , dann ist es ein anderes Schiff , das mit dir fährt . « Und eine Träne stand in seinem Auge . Hilde gab keine Antwort und sah immer nur den beiden Segeln nach , die noch im Abendlichte glänzten , bis endlich das Licht und die Segel verschwunden waren . Unter solchem Spielen verging der Herbst , und es war fast , als ob der Wetterumschlag nicht kommen wollte . Aber zuletzt kam er doch . Eines Abends hatten sich Grissel und Hilde niedergelegt und kurz vorm Einschlafen beschlossen , am nächsten Tage die Winteräpfel von den Bäumen zu schütteln , da kam ihnen der Sturm zuvor , und noch ehe Mitternacht heran war , wachte Grissel auf und sah zu Hilde hinüber , ob sie noch schliefe . Aber sie saß schon auf , mit gefalteten Händen , und sah in den Vollmond , der hell hereinschien und