Reventlow , Franziska Gräfin zu Der Geldkomplex www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Franziska Gräfin zu Reventlow Der Geldkomplex Meinen Gläubigern zugeeignet 1 Meine liebe Maria ! Aus einem eindringlichen Brief von B ... , der mir durch das Konsulat nachgeschickt wurde , sehe ich , daß man sich um meinen Verbleib beunruhigt . Es nahm sich vielleicht nicht gerade freundschaftlich aus , daß ich so spurlos verschollen bin und auf nichts mehr antwortete ( hab noch nachträglich vielen Dank für Deine verschiedenen Briefe ) - aber glaube mir , es geschah zum Teil aus zarter Rücksicht . Erwarte nur ja nicht , daß die hiermit wieder eröffnete Korrespondenz von allzu erfreulichen Tatsachen handeln wird . B ... meint , und Ihr anderen am Ende auch , ich hätte längst die berühmte Erbschaft angetreten und damit das Weite gesucht . Nein , das stimmt nicht , der alte Herr ist ja noch nicht einmal tot . Aber jedenfalls kann es nicht lange mehr dauern , und das ist einer von den Gründen , weshalb ich hier bin - bitte , erschrick nicht - in einer Nervenheilanstalt , oder sagen wir lieber Sanatorium , das klingt immerhin noch etwas milder . Sanatorium - ich seh ' Dich und mit Dir alle die anderen verständnislos den Kopf schütteln . Ich bin auch nicht nervenkrank , nicht einmal besonders nervös , ich habe nur einen Geldkomplex . Ich hoffe zu Gott , Du weißt , was ein Komplex in diesem , nämlich im pathologischen , Sinne bedeutet ? Etwa so : verdrängte , nicht ausgelebte Gefühle , Triebe und dergleichen , die sich , ich glaube , im Unterbewußtsein zusammenballen und einem seelische Beschwerden verursachen . Es handelt sich da um irgendeine neue Nervenheilmethode , die man Psychoanalyse nennt . Erfunden hat sie der bekannte Professor Freud in Wien - dies nur , damit Du verstehst , weshalb ihre Anhänger Freudianer heißen . Man möchte sonst glauben , es bedeutet irgend etwas besonders Lustiges oder gar Zweifelhaftes . Aber es gibt eine Menge Leute , die Dir das besser auseinandersetzen können als ich , und ich rate Dir , Dich lieber an diese zu wenden . Ich selbst hatte auch bisher von diesen Geschichten keine Ahnung und würde mich absolut nicht dafür interessieren - wenn nicht ein Freudianer meinen Geldkomplex entdeckt hätte . Es gibt gewiß nichts Faderes , als seine eigene Leidensgeschichte zu erzählen , und ich erzähle im ganzen lieber Freudengeschichten . Die Nervenheilanstalt hat aber sicher in Euren Augen etwas so Blamables , daß ich mich doch rechtfertigen und Dir den trüben Hergang näher erzählen möchte . Du mußt halt Nachsicht haben , wenn ich dabei etwas weitschweifig und manchmal konfus werde . Liebe Maria , wir haben uns letztes Jahr wenig gesehen , da Du meist fort warst , aber Du weißt , daß mein Dasein schon vorher nur noch eine einzige wirtschaftliche Krisis war . Wie oft habt Ihr in Eurer Verblendung meinen Optimismus und meine Todesverachtung bewundert - mit Unrecht , denn gerade das ist mein Verderben gewesen . Ich habe die Sache mit dem Geld niemals ernst genug genommen , ließ es so hingehen und dachte , es würde schon einmal anders werden . Kurz , um mich im Freudianerjargon auszudrücken - ich habe es entschieden ins Unterbewußtsein verdrängt , und das hat es sich nicht gefallen lassen . Bitte , haltet mich nicht für ernstlich gestört , aber ich bin tatsächlich dahin gekommen , es - das Geld - als ein persönliches Wesen aufzufassen , zu dem man eine ausgesprochene und in meinem Falle qualvolle Beziehung hat . Mit Ehrfurcht und Entgegenkommen könnte man es vielleicht gewinnen , mit Haß und Verachtung unschädlich machen , aber durch liebevolle Indolenz verdirbt man ' s vollständig mit ihm . Und das muß ich getan haben , ich ließ es kommen und gehen , wie es gerade kam und ging - ach , der verfluchte Optimismus , den Ihr so nett gefunden habt . Als ich dann merkte , daß es anfing , sich immer feindlicher gegen mich zu stellen , habe ich es gelockt , bin ihm nachgelaufen ; aber es war schon zu spät - es wollte nicht mehr . Also - die wirtschaftliche Krisis erreichte einen nie geahnten Höhepunkt . Du hast ja oft genug bei mir gewohnt , Maria , und kennst das aus eigener Anschauung - die Wohnung ist gekündigt , jedes menschenwürdige Einrichtungsstück gepfändet oder schon auf Nimmerwiedersehen abgeholt - es klingelt beständig , aber man macht nicht mehr auf - jedes Poststück , das ins Haus kommt , beginnt Im Namen des Königs ... usw. Trotzdem tauchen immer neue Leute auf , die Geld wollen , Geld , Geld und noch einmal Geld . Die ganze Atmosphäre bekommt etwas Überhitztes , Widernatürliches , schwirrt von abnormen Anforderungen . Es ist einfach nichts da , und doch hört , sieht , liest und erfährt man nichts anderes mehr , als daß jeder sein Geld haben will . Du hast dann manchmal behauptet , es ginge bei mir wie in den Lesebuchgeschichten , wo fromme Leute eine Kirche oder dergleichen nützliche Dinge bauen wollen , ohne jegliches Kapital , aber mit unerschütterlichem Gottvertrauen . Schon wollen sie verzweifeln , richten aber gläubig den Blick gen Himmel - sieh , da klingelt es , und ein anonymer Wohltäter schickt eine unwahrscheinliche Summe . Das war einmal - das war manches Mal - aber eben bei jener letzten Krisis war keine Rede davon . Die Wohltäter waren ausgestorben , verschwunden , verreist , erzürnt oder nicht mehr zu haben . Ich hatte auch das blinde Gottvertrauen nicht mehr und fühlte , daß die Kluft , die sich zwischen ihm - dem Geld - und mir aufgetan hatte , nicht mehr zu überbrücken war . Es begann sich an mir zu rächen , und das Infame an dieser Rache war , daß es mich nicht nur mied , sondern eben durch seine völlige Abwesenheit alle meine Gedanken und Gefühle ausschließlich erfüllte , mich vollständig in Anspruch nahm und sich nicht mehr ins Unterbewußtsein verdrängen ließ . Es gibt Momente , wo Leute anfangen zu beten . Und es gab einen Moment , wo ich anfing zu rechnen , blind und inbrünstig zu rechnen . Ich rechnete beim Aufwachen und beim Einschlafen , rechnete , wo ich ging und stand , rechnete all die Summen , die ich brauchte , in meinem früheren Leben gebraucht hätte und späterhin brauchen würde , zusammen und wieder auseinander , kalkulierte alle vorhandenen und nicht vorhandenen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten in der Gegenwart , Zukunft und Vergangenheit . Mein ganzes Leben zog wieder an mir vorüber bis in die kleinste pekuniäre Einzelheit , ich sah ein , daß ich niemals genug Geld gehabt hatte und voraussichtlich nie genug haben würde - alle verdrängten Begehrlichkeiten , alle gescheiterten Luxusträume wachten wieder auf , alles , was ich jemals hätte tun oder kaufen mögen und nicht getan oder gekauft hatte , gaukelte mahnend vor meinem inneren Auge , und so ging es fort bis ins Endlose ... Daß man in dieser Verfassung nicht sehr umgänglich ist , kannst Du Dir denken . Ich fühlte denn auch , daß die Bekannten kein besonderes Vergnügen mehr an meinem Verkehr hatten . Sie fanden mich langweilig , präokkupiert und zitterten vor Geldansinnen . Darin hatten sie auch vollkommen recht , denn war ich mit Menschen zusammen , so tat ich im stillen nichts anderes , als sie taxieren und geeignete Momente abwarten , um sie zu einer Anleihe , einer Schiebung oder Unterschrift zu verlocken ... Ich möchte nicht gar zu ausführlich werden , um Deinet - wie um meiner selbst willen . Denn wenn ich näher darauf eingehe , bekomme ich heute noch Rechenanfälle . Es kam dann schließlich ein Tag - so etwa Anfang oder Mitte Mai - , wo ich morgens vor die Stadt hinaus ging , um auf andere Gedanken zu kommen . Aber es nützte gar nichts - gleich auf dem Wege begegnete mir ein Hotelwagen , ich las stumpfsinnig die Aufschrift : Zu den vier Jahreszeiten und überlegte mechanisch , was denn eigentlich für eine Jahreszeit sei , während ich durch die Wiesen ging . Alles stand in Blüte und Sonnenschein , Lerchen sangen und im Teich quakten die Frösche - anscheinend vor Vergnügen . Ich beneidete sie . Und wieder fingen meine Gedanken an , unaufhaltsam um den einen Punkt zu wirbeln ... ja , es wird wohl Frühling sein , aber was geht mich das an ? Es gibt keine Jahreszeiten , keinen Sonnenschein und keine Blüten - es gibt keinen Lerchengesang und keine Frösche - es gibt nur Geld . Das alles tut , als ob es glücklich wäre , und doch gibt es kein Glück und keine Tragik , denn mit Geld läßt sich jede Tragik aushalten , und ohne Geld geht auch das Glück zum Teufel oder man kann nichts damit anfangen . So strich ich alles durch und setzte dafür Geld . Das hatte tatsächlich etwas Erlösendes , bis mir dann wieder aufs Herz fiel , daß es in meinem Fall ja eben keines gab , und nun fing alles wieder von vorne an . Ich will mich Deiner erbarmen , Maria , und es nicht noch weiter ausmalen ... Eben an jenem Morgen traf ich dann einen mir flüchtig bekannten Nervenarzt , einen Freudianer . Ich wollte mich unbefangen mit ihm unterhalten , konnte aber aus meinem Gedankengang nicht mehr herauskommen . Er wurde aufmerksam , interessierte sich , tat alle möglichen Fragen , dann blieb er mitten im Wege stehen , sah mich enthusiastisch an und stellte fest : ich litte an einem schweren Geldkomplex , und den könne man nur durch psycho-analytische Behandlung heilen , die er am liebsten selbst übernehmen wollte . Im weiteren Verlauf des Gesprächs schlug er mir vor , ich solle mich einstweilen in die Anstalt seines väterlichen Freundes , Professor X. , begeben , er selbst habe die Absicht , seine Ferien dort zu verbringen , und werde also nachkommen . Dem Professor X. möchte ich nur um Gottes willen nichts von der geplanten Behandlung sagen , denn er sei ein erbitterter Gegner alles Freudianertums . Ich könnte mich ja auf irgendeine fixe Idee hinausreden und ein wenig simulieren . Anfangs war ich etwas unschlüssig und ziemlich erschrocken über den Gedanken , mit einer pathologischen Sache behaftet zu sein . Das heißt , ich hatte wohl selbst schon geahnt , daß es nicht mehr ganz richtig mit mir war . Andererseits aber hatte der Gedanke , diesen Zustand wieder loszuwerden , vieles für sich - das fürchterliche Rechnen und die beständigen Geldgedanken mußten mich binnen kurzem ganz zugrunde richten . Wenn es in dieser Weise fortging , war ich sowieso nicht imstande , mich ernstlich mit der Ordnung meiner Angelegenheit zu befassen . Als ich kurz darauf die Nachricht von der schweren Erkrankung des alten Erbherrn bekam , war mein Entschluß gefaßt , denn nun auch noch mit positiven Kapitalsmöglichkeiten zu rechnen , das ging , weiß Gott , über meine Kraft . So stellte ich meine Angelegenheiten , meine Gläubiger und alles übrige in Gottes Hand , fuhr hierher und tat sowohl der Welt wie mir selbst gegenüber , als ob ich nicht mehr existierte . Aber selbst die Erinnerungen greifen mich noch zu sehr an , und ich glaube , wir haben für heute beide genug ... ein andermal mehr . 2 Wie mir denn hier zumut ist , willst Du wissen ? - Einstweilen ist es so ziemlich die dümmste Situation , die mir das Leben bisher serviert hat , und mit törichten Situationen war es freigebig genug . Ich war noch nie in einem Sanatorium und habe noch nicht recht heraus , wie man sich hier zu benehmen hat . Der Professor nahm mich natürlich eingehend ins Verhör , und ich war in einiger Verlegenheit , was ich ihm sagen sollte . Da ich nun am ersten Abend meine Mitpatienten ziemlich unsympathisch fand , gab ich an , ich litte an krankhafter Menschenscheu - so konnte ich mich doch wenigstens ruppig benehmen , wenn mir die Leute ernstlich auf die Nerven fielen . Aber er meinte , dann wolle er mich lieber vorläufig isolieren . Ich sollte die Mahlzeiten alleine auf meinem Zimmer nehmen usw. - Nein , um Gottes willen , das wollte ich nicht , zuviel Alleinsein machte mich vollends verrückt . - Nun , er wolle mir gern möglichste Freiheit lassen , soweit ich nicht störend auf andere einwirkte , etwa die Abneigung gegen meine Mitmenschen in auffallender Weise äußern sollte . - Nein , nein , das würde ich ganz gewiß nicht tun , sagte ich voller Überzeugung - er sah mich daraufhin ganz erstaunt an und schüttelte den Kopf . - Pause - angestrengtes Nachdenken . Dann beklagte ich mich über Schlaflosigkeit , Depressionszustände und was mir gerade in den Sinn kam . - Wie sich die äußerten - nämlich die Depressionen - , ob ich etwa oft und ohne Grund Neigung zum Weinen fühle ? Darüber fiel ich wieder aus der Rolle und mußte über dieses merkwürdige Ansinnen herzlich lachen . Aber er hielt das , Gott sei Dank , für nervös , legte mir väterlich die Hand auf die Schulter und meinte , ich hätte am Ende irgendwelche schwere seelische Erschütterungen durchgemacht ... ach , du lieber Gott , auch ohne den Geldkomplex zu erwähnen , konnte ich ihm doch nicht gut sagen : ja gewiß - aber sie lagen ausschließlich auf pekuniärem Gebiet - ich war mein Leben lang allen menschlichen und seelischen Konflikten gewachsen , nur den wirtschaftlichen nicht . Weder glückliche noch unglückliche Liebe , weder Ehe noch Ehebruch , sondern ausschließlich Gläubiger , Hausherrn und Lieferanten haben es dahin gebracht , mich psychisch zu zerrütten . Schwerlich hätte der Professor das richtige Verständnis gehabt , und ihm wären höchstens Bedenken über meine Zahlungsfähigkeit aufgestiegen . Dann fuhr es mir plötzlich durch den Kopf : Gott im Himmel , wenn nun am Ende ein Wunder geschähe , der alte Erbherr sich wieder erholte und ich auch hier meinen pekuniären Verpflichtungen nicht nachkommen könnte ! Die Geldgedanken , die ich seit ein paar Tagen fast vergessen hatte , fielen wieder über mich her wie ein Schwarm von Raben . Ich war außerstande etwas zu sagen , was der Professor wohl auf die seelischen Erschütterungen schob und mich voller Teilnahme gehen ließ . Immerhin hatte ich den Eindruck , daß er mich für ziemlich übergeschnappt hielt . Du mußt ja auch selbst sehen , Maria , wie es um mich steht . Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst ... habe ich mir früher je Gedanken gemacht , wie man sich am Ende irgendeines Aufenthaltes aus der Affäre ziehen würde ? Vielleicht bin ich schon auf dem Wege zum Verfolgungswahn , denn ich habe längst angefangen , in jedem Menschen den eventuellen Gläubiger zu sehen . Das geht nun auch hier schon wieder los . Der gute Professor ist wirklich sehr nett mit mir - aber eines Tages wird er mir unweigerlich als Gläubiger gegenüberstehen - die anderen Patienten - wer weiß , ob ich nicht in die Lage kommen werde , sie anpumpen zu müssen - und das Personal , das sicher fürstliche Trinkgelder erwartet ... nein , glaubt mir nur , die Bestie im Menschen , vor der so oft gewarnt wird , braucht man nicht halb so zu fürchten wie den Gläubiger im Menschen . Apropos , um die in M ... habe ich mich nicht weiter bekümmert , mögen sie sich untereinander um meinen Nachlaß zerfleischen . Die Flüche der Ausgesogenen und Betrogenen hallen nur manchmal noch auf Umwegen zu mir herüber . Einige haben ihre Forderungen dem Verein Kreditreform übergeben , und dieser schlug mir vor , mich gütlich mit ihnen zu einigen , sonst käme mein Name auf eine schwarze Liste , die an achtzigtausend Kaufleute versandt würde . Es war das einzige Schreiben dieser Art , das mich wirklich sympathisch berührte , und ich möchte jenen menschenfreundlichen Verein dafür segnen . Es ist wohltuend , zu denken , wie Schulden sich einfach dadurch erledigen , daß man auf eine Liste kommt und daß man mit jenen achtzigtausend Kaufleuten gar nichts zu tun hat , sie zum mindesten nicht auch noch Geld von mir beanspruchen . Kurz nach Empfang dieses Schreibens hatte ich einen Traum : ich war in einer Wüste , und die achtzigtausend Kaufleute kamen als Karawane auf mich zu , umringten mich , boten mir mit mildem Lächeln alles mögliche an und wollten mir ein Kamel zum Reiten geben . Bis dahin war der Traum sehr schön , aber dann bemerkte ich plötzlich , daß das Kamel ein Menschengesicht hatte , und zwar sah es aus wie mein letzter Hausherr in M ... Darüber erschrak ich so , daß ich ganz verstört aufwachte . Du mußt wissen , daß die Freudianer sich im Interesse der Patienten auch mit Traumdeutung befassen . Dies war jedenfalls ein richtiger Komplextraum , und ich habe ihn mir deshalb notiert , um für Baumann Material zu sammeln . Womit soll ich ihn sonst beschäftigen ? Vorläufig behandelt mich der Professor nach der hier üblichen Methode mit Tageseinteilung , Ruhestunden , Bädern , Wickeln und dergleichen mittelalterlichen Foltern . Es ist zum Gottserbarmen , und ich möchte wissen , ob die Leute ihre Seelenschocks oder Depressionen wirklich dadurch loswerden . Auf mich wirkt es gerade umgekehrt , ich fange jetzt erst an , nervös zu werden . 3 Aus lauter Verzweiflung habe ich angefangen , Bekanntschaften zu machen . Man erzählt sich seine Leiden , räsoniert über die Behandlung , vergleicht die jedem zugemessene Anzahl von Bädern und Packungen , kurz , man fachsimpelt auf Tod und Leben . Ich komme mir zwar immer noch sehr dilettantisch vor . Angstzustände , nervöse Herzgeschichten , Idiosynkrasien , Neurosen und Psychosen , die in diesem Milieu zum guten Ton gehören , sind mir bisher böhmische Dörfer gewesen , aber ich lerne doch allmählich , mich sachverständig darüber zu unterhalten . Wir haben da einen achtzehnjährigen Pastorensohn , der sich zum Atheismus durchgekämpft und darüber eine Psychose bekommen hat . Nun gibt es einen entlegenen Teil des Gartens mit einem kleinen Holzpavillon , und in dem Pavillon steht - ich weiß nicht , warum - eine Spieluhr . Ebendort geht der jugendliche Atheist ganze Nachmittage im glühendsten Sonnenschein tiefsinnig und barhäuptig auf und ab . Jedesmal , wenn er zum Pavillon zurückkommt , zieht er die Spieluhr wieder auf . Ich habe ihm ein paarmal schweigend zugesehen und ihm dann klarzumachen versucht , daß diese Betätigung unmöglich heilsam auf seine Nerven wirken könne . Er sollte lieber mit mir ins Dorf hinuntergehen und ein Glas Wein trinken - hier oben sind geistige Getränke verpönt . Wir gingen also Wein trinken , unterhielten uns über Religion , verständnislose Eltern , Vorrechte der Jugend und andere einschlägige Fragen , und es wurde ihm entschieden etwas besser . Darüber versäumten wir irgendwelche abendlichen Duschen , und der Professor bemerkte am nächsten Morgen etwas ironisch , meine Menschenscheu scheine sich ja auffallend zu bessern . Trotzdem setzen wir unsere Spaziergänge fort , und ich sehe , daß es dem Jungen gut anschlägt . Dann ist da ein blonder Landwirt , der behauptet , er sei schon von Jugend auf Melancholiker - in lichten Momenten schwärmt er von einer Reise um die Welt , die ihn vielleicht auf frohere Gedanken bringen könne , unter anderem möchte er gerne die kalifornische Schweinezucht aus eigener Anschauung kennenlernen . Ferner eine dicke Baumeisterswitwe , die nervenkrank geworden ist , weil ihr Mann Bankerott gemacht und sich dann erschossen hat . Sie hat uns die Geschichte gewiß schon fünf- , sechsmal mit allen Details vorgetragen , und man hat aufrichtiges Mitgefühl . Mehr als alles andere , mehr als Tod und Bankerott ist es ihr nachgegangen , daß in einer Zeitung gesagt wurde , ihr Mann sei ein unverbesserlicher Baulöwe gewesen und habe sich damit zugrunde gerichtet . Über diese Beschimpfung kann sie absolut nicht wegkommen . Ja und so weiter . Du siehst , es ist keine besonders lustige Umgebung - aber wenn man so dazwischen sitzt , gibt sie einem doch allerhand zu denken . Nach meinem Gefühl wären fast alle Psychosen in erster Linie mit Geld zu heilen . Hätte der rebellische Pfarrerssohn Geld , so brauchte er weder zu seiner Familie zurück noch eine neue Weltanschauung , sondern würde sich nach Herzenslust amüsieren und , da schon ein Glas Wein und ein bißchen Geschwätz ihn aufleben läßt , bald geheilt sein . - Der Landmann könnte um die Welt reisen und über den Wundern der kalifornischen Schweinezucht seinen Trübsinn vergessen . Auch die Witwe möchte sich sicher über den unverbesserlichen Baulöwen trösten , wenn er ihr ein anständiges Vermögen hinterlassen hätte . Aber das sieht wohl kein Nervenarzt ein , und es nützt ja auch nichts , wenn er es einsähe . Man kann nicht von ihm verlangen , daß er seine Patienten auch noch finanziert . Mein Tischnachbar , der Privatdozent Lukas , ist Gott sei Dank nur überarbeitet . Ich unterhalte mich gern mit ihm , nur ist er mir zu sehr Reformmann und hat extravagante Ideen über die Erwerbsfähigkeit der Frau - er ist Nationalökonom . Gegenüber sitzt eine Medizinstudentin , die ihm natürlich sekundiert , ihr Steckenpferd ist das weibliche Gehirn , das trotz irgendwelcher Unterschiede ebenso brauchbar sein soll wie das männliche . Über dieses Gehirn wären wir neulich beinah hart aneinandergekommen . Das verblendete Mädchen trat aufs lebhafteste dafür ein , daß möglichst viele Frauen sich den wissenschaftlichen Berufen zuwenden sollten und dabei bessere Chancen hätten als in anderen . Dr. Lukas hielt das Erwerbsleben für noch geeigneter , und ich meinte aus tiefster Überzeugung , daß wir überhaupt zu keiner ernstlichen Tätigkeit taugten , nicht einmal zum Schneidern und Kochen , denn jeder Schneider oder Koch macht es immer noch besser . Und die sogenannte geistige Arbeit ist vollends ruinös und schrecklich . ( Ich war den Tag gerade schlechter Laune , und es tat mir wohl , meinen Empfindungen freien Lauf zu lassen , um so mehr , wenn ich jemanden damit ärgern konnte . ) Die Medizinerin setzte ihren Zwicker auf und sah mich fast erschrocken an : » Aber Sie sind doch selbst Schriftstellerin ... « Ach Barmherzigkeit , wie kommt sie zu dieser Kenntnis ? Du weißt ja , Maria , ich kann das nun einmal nicht vertragen und habe gegen das bloße Wort eine förmliche Idiosynkrasie . So fuhr ich denn auch diesmal auf wie von sechs Taranteln gestochen und sagte : Nein , ich sei gar nichts . Aber ich müsse hier und da Geld verdienen , und dann schriebe ich eben , weil ich nichts anderes gelernt hätte . Gerade wie die Arbeitslosen im Winter Schnee schaufeln - sie sollte nur einen davon fragen , ob er sich mit dieser Tätigkeit identifizieren und sein Leben lang mit » Ah , Sie sind Schneeschaufler « angeödet werden möchte . Das verstand sie nicht und sagte etwas von der Befriedigung , die alles geistige Schaffen gewähre . » Nein , die kenne ich nicht , aber ich habe manchmal davon gehört « , wagte ich hier zu bemerken , » was mich selbst in solchen Fällen aufrechterhält , ist ausschließlich der Gedanke an das Honorar . « Daraufhin ließ sie mich , nicht aber das weibliche Gehirn fallen und behauptete , immerhin müsse doch auch meines so organisiert sein , daß ich etwas damit leisten könne . » Aber ganz im Gegenteil , es leidet unendlich darunter . Es gibt doch so etwas wie Gehirnwindungen , und ich fühle tatsächlich bei jeder geistigen Anstrengung , wie mein Gehirn sich darunter windet . Nein - ich glaube unbedingt an den Schwachsinn des Weibes , und zwar aus eigener schmerzlicher Erfahrung . Seien wir nur ehrlich , liebes Fräulein Doktor « , fügte ich versöhnlich hinzu , » wenn unsere Gehirne wirklich so viel taugten , wären wir doch alle beide nicht hier . « Das aber nahm sie sehr übel und beteuerte , ihr Nervenleiden beruhe nur auf erblicher Belastung . 4 Du - ich fange an , wieder an Wunder zu glauben . Lach nur nicht , man findet ja im Lauf der Zeit manchen alten Glauben wieder , zum Beispiel den an ein zweites Leben , in dem man entweder Geld haben oder keines mehr brauchen wird . Ja , ich könnte mich sogar mit dem Tod aussöhnen , der mir früher so unsympathisch war - denn , selbst wenn nichts anderes mehr käme , so wird ' s doch wenigstens keine Gläubiger und keine Rechnungen mehr geben . Wie gut , daß man nicht fromm ist , sonst würde ich mir vorstellen , die ewige Verdammnis bestände darin , daß sie einem auch dorthin nachfolgen . Also Eure Gebete sind sichtlich erhört worden , laß Dir nur erzählen . Vorgestern ging ich wieder einmal mit dem Atheisten und der Baulöwenwitwe , die sich uns manchmal anschließt , ins Dorf hinunter . Wir haben aus lauter Verzweiflung angefangen , dort nachmittags Kegel zu schieben . Alle drei fühlten wir uns etwas unglücklich und jammerten rechtschaffen über unser elendes Dasein und über unsere Nerven . Als wir dann zwischen dem Kegeln eine Erholungspause machten , sah ich im Wirtsgarten einen Herren sitzen , der mir merkwürdig bekannt vorkam . Ja nun , es war tatsächlich Henry - wir hatten uns jahrelang nicht gesehen , und ich war sehr überrascht , ihn so unverändert wiederzufinden . Damals , als er nach drüben ging , dachten alle , er würde Karriere machen , als Millionär mit Bauch und Berlocken wiederkommen und uns alle finanzieren . Als er dann nie mehr schrieb , gab man ihn wehmütig auf . Aber er ist wieder da , ist immer noch derselbe , gründet immer noch , es geht auch immer noch schief , und dann hat er gleich wieder eine neue und fabelhafte Chance an der Hand . Sein Erstaunen , mich hier mit den beiden beim Kegelschieben zu finden , war ebenso groß wie meines und wuchs noch , als ich ihm erzählte , daß wir droben in das Sanatorium gehörten . Wohl oder übel mußte ich dann die anderen an den Tisch holen . Es ging auch ganz gut , die Witwe schloß ihn gleich ins Herz und erzählte von ihrem Baulöwen . Henry überlegte sofort , wie man die Gläubiger überlisten und das verkrachte Vermögen retten könne . Später gingen die anderen voran , um ihre Abendbehandlung nicht zu versäumen , ich blieb noch eine Weile und ließ mir erzählen . Er ist hergekommen , um Terrains für eine Fabrik anzukaufen , und will noch eine Weile bleiben , weil ihm der Ort gefällt und er dringend etwas Erholung braucht . Im Laufe des Gesprächs fiel mir auf , daß er sich doch verändert hat , er ist schweigsamer geworden , und manchmal schaut er so merkwürdig vor sich hin in die Luft und sein Blick wird ganz starr . » Woran denkst du denn , Henry ? « » Ich rechne . « » Immer ? « » Immer . « » Dann hast du auch einen Geldkomplex . « » Was hab ' ich ? « - er wußte nur von Häuserkomplexen , Baukomplexen , Terrainkomplexen . Ich erklärte es ihm , so gut ich konnte , und fürchtete beinahe , er möchte es übelnehmen , aber er stürzte sich förmlich darauf wie auf eine neue Spekulation . Vielleicht berührte es ihn auch wie ein heimatlicher Klang , eben weil er beständig mit seinen Häuser- , Bau- usw. Komplexen zu tun hat . Aber dieser Mann hat viel mehr Illusionsfähigkeit als ich , er fand die Möglichkeit einer Heilung durch Analyse ganz einleuchtend und will meinen Freudianer unbedingt kennenlernen , sobald er kommt . Das ist mir ganz recht , so kann ich mich vielleicht um die Behandlung drücken , zu der ich schon längst keine Lust mehr habe . An dem Abend verspätete ich mich arg , und der Professor machte mir einen richtigen Krach . Er hat von unseren Ausflügen Wind bekommen , warf mir vor , daß ich den Atheisten zum Weintrinken verführt habe , auch die Witwe sei heute abend ganz außer Rand und Band , und meine eigene Behandlung lasse ich überhaupt völlig außer acht . Ach , mir wäre bald die Geduld gerissen , und ich war nahe daran , in offene Rebellion auszubrechen , zu sagen , daß mir ja absolut nichts fehle und man mich um Gottes willen in Ruhe lassen solle . Es ist wirklich hart genug , sich auf Schlaflosigkeit und dergleichen behandeln zu lassen , wenn man einen so gesunden Schlaf hat wie ich , und überhaupt ... Aber seit der letzten wirtschaftlichen Krisis bin ich völlig charakterlos geworden , ich habe nicht mehr den Mut , den Ast abzusägen , auf dem ich sitze ... das wohlbekannte Gefühl , wenn er plötzlich kracht und man drunten liegt ... nein , das kann ich nicht mehr . Jedesmal , wenn ich aufbegehren möchte , sehe ich wieder wie in einer Vision den Professor als Gläubiger vor mir und werde sanft wie ein Lamm . Die Kegelausflüge haben wir also aufgeben müssen , dafür habe ich Henry bewogen , als Neurastheniker ebenfalls in das Sanatorium zu ziehen . Er findet sich ganz gut hinein , und man macht sich gegenseitig das Leben so angenehm wie