Wassermann , Jakob Das Gänsemännchen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Jakob Wassermann Das Gänsemännchen Roman Ich widme dieses Werk Moritz Heimann dem brüderlichen Freund Erster Teil Die Mutter sucht ihren Sohn 1 Die Landschaft hat vielfaches Grün ; vom Rednitztal bis zum Taubertal hinüber ziehen sich tiefe Wälder , meist Nadelholz . Doch um die Dörfer ist in weitem Bogen alles bebaut , denn es ist uralter Kulturboden . An den zahlreichen Weihern steht das Gras höher , so hoch oft , daß man von den Gänseherden nur die Schnäbel gewahrt , und wäre das Geschnatter nicht , man könnte sie für wunderlich bewegte Blumen halten , diese Schnäbel . Das Städtchen Eschenbach liegt ganz flach in der Ebene . Es ist ein übriggebliebenes Stück Mittelalter , aber die Fremden kennen es nicht , es ist stundenweit von jeder Bahnlinie entfernt . Ansbach ist die nächste Stadt im großen Ring des Verkehrs ; um sie zu erreichen , bedient man sich der Postkutsche . So heute wie damals , als Gottfried Nothafft , der Weber , dort lebte . Die Stadtmauern sind mit Moos und Efeu bewachsen ; über den Graben führen noch die alten Zugbrücken durch baufällige runde Tore in die Straßen . Die Häuser haben Erker und weitvorspringende Firste , und ihr gekreuztes Balkenwerk sieht aus wie Muskelgeflecht . Von dem Dichter , der einst hier geboren wurde und der das Lied vom Parzival sang , wissen die Leute nichts mehr . Vielleicht raunen in der Nacht die Brunnen von ihm , vielleicht wandelt sein Schatten manchmal im Mondschein um Kirche und Rathaus . Die Menschen wissen nichts mehr von ihm . Das kleine Häuschen des Webers stand unweit vom Gasthaus zum Ochsen , ein wenig abgerückt von der Straße . Drei vertretene Stufen führten zum Tor , und sechs Fenster blickten auf den stillen Platz . Wer hätte denken sollen , daß der Geist der großen Industriewelt sich bis zu diesem verlorenen Winkel zerstörerisch eine Bahn schaffen würde ! Als Gottfried Nothafft im Jahre 1849 geheiratet hatte , seine Frau Marianne war eine von zwei Schwestern Höllriegel aus Nürnberg , hatte er sich noch auskömmlich zu ernähren vermocht . Sie wünschten sich beide ein Kind und jahrelang vergebens . Oft sagte Gottfried am Feierabend , wenn er auf der Bank vor dem Haus die Pfeife rauchte : » Wie schön , wenn wir einen Sohn hätten . « Da schwieg Marianne und senkte die Augen . Später sagte er nichts mehr , weil er die Frau nicht beschämen wollte . Aber seine Miene verriet den Wunsch nur um so deutlicher . 2 Eines Tages machte sich ein Stocken des Gewerbes bemerkbar . Die Weber im ganzen Lande klagten ; sie konnten nicht mehr mitkommen , es war eine lähmende Krankheit , von der sie betroffen wurden . Der Markt hatte plötzlich niedrigere Preise , die Beschaffenheit der Ware hatte sich verändert . Dies geschah gegen das Ende der fünfziger Jahre , als von Amerika aus die neuen Maschinenwebstühle eingeführt wurden . Da fruchtete kein Fleiß mehr , das billige Produkt , das die Maschine zu liefern vermochte , raubte der Handarbeit den Absatz . Gottfried Nothafft ließ sich ' s zuerst nicht verdrießen ; so läuft ein Rad noch , wenn der Antrieb gehemmt wird . Aber nach und nach verging ihm die Lust . In einem einzigen Winter wurde sein Haar grau , und mit fünfundvierzig Jahren war er ein gebrochener Mann . Und da , als die Armut drohend vor der Türe stand und Mariannes Gemüt durch Haß befleckt war , erfüllte sich die Sehnsucht des Ehepaares , und die Frau wurde , im zehnten Jahr der Ehe , schwanger . Der Haß , den sie hegte , galt der Maschine . In ihren Träumen wurde die Maschine zu einem Ungeheuer mit stählernen Schenkeln , das tückisch kreischend Menschenherzen verschlang . Es erbitterte sie die Ungerechtigkeit eines Vorgangs , bei dem in frecher Mühelosigkeit gedieh , was ehedem unter den bedächtigen Fingern des Webers sinnvoll und natürlich erstanden war . Die Gesellen mußten einer nach dem andern entlassen werden , und ein Webstuhl nach dem andern kam auf den Dachboden . Tag für Tag schlich Marianne hinauf und kauerte stundenlang vor den Geräten , die einst eine wohltätig bestimmbare Kraft in Bewegung gesetzt hatte und die jetzt Leichnamen glichen . Gottfried ging mit seinen Lagervorräten hausierend über Land . Einmal kehrte er zurück und brachte ein Stück Maschinengewebe mit , das ihm ein Kaufmann in Nördlingen geschenkt hatte . » Sieh doch , Marianne , was das für ein Ding ist , « sagte er und reichte ihr den Stoff . Aber Marianne zog schaudernd die Hand davon weg , als hätte sie den Raub eines Mörders erblickt . Nach der Geburt des Knaben verloren sich die krankhaften Empfindungen , dafür verfiel Gottfried von Monat zu Monat mehr . Und wenn er auch die Jahre überstand , er hatte aufgehört , ein heiterer Mensch zu sein , und freute sich nicht einmal des heranwachsenden Knaben . Als er seine eigenen Waren verkauft hatte , übernahm er fremde und schleppte sich mühsam von Dorf zu Dorf , Sommer und Winter hindurch . Trotz der Knappheit , die im Hause herrschte , war Marianne überzeugt , daß Gottfried erspartes Geld zurückgelegt habe , und gewisse Andeutungen des Mannes hatten diese Hoffnung befestigt . Es gehörte zu seinen eigentümlichen Lebensansichten , die Frau über den wahren Stand seines Vermögens im unklaren zu lassen . Als die Läufte immer schlechter wurden , schwieg er über diesen Punkt völlig . 3 Auf dem Kornmarkt in Nürnberg betrieb Jason Philipp Schimmelweis , der Mann von Mariannes Schwester , eine Buchbinderei . Schimmelweis war ein Westfale . Er war aus Haß gegen Junker und Pfaffen in die protestantische Stadt im Süden gekommen und hatte von Anfang an allen Leuten durch seine Mundfertigkeit große Achtung abgenötigt . In dem Haus , wo er sein Geschäft errichtet , hatte auch Therese Höllriegel gewohnt und sich durch Schneidern ihr Brot verdient . Er hatte geglaubt , sie besitze einiges Geld , aber es hatte sich erwiesen , daß es für seinen Ehrgeiz zu wenig war . Da benahm er sich gegen Therese so , als ob sie ihn betrogen hätte . Er verachtete sein Handwerk und wollte höher hinaus . Er fühlte den Beruf zum Buchhändler in sich . Aber um diesen Plan zu verwirklichen , mangelte es ihm an Kapital . So hockte er denn mißvergnügt in dem unterirdischen Gewölbe und leimte und salzte und zürnte seinem Geschick und las in seinen Mußestunden sozialistische und freigeistige Schriften . Es war der Herbst , in dem der Krieg gegen Frankreich wütete . Am Vormittag war die Kunde von der Schlacht bei Sedan eingetroffen . Von allen Kirchen läuteten die Glocken . Da trat zu Jason Philipps Verwunderung Gottfried Nothafft in die Werkstatt . Sein langer Patriarchenbart und die hohe Gestalt machten ihn zu einer ehrwürdigen Erscheinung , obwohl sein Gesicht müde aussah und die Augen erloschen waren . » Grüß Gott , Schwager , « sagte er und bot die Hand , » dem Vaterland geht ' s besser als seinen Bürgern . « Schimmelweis , der Verwandtenbesuche nicht liebte , erwiderte den Gruß mit vorsichtiger Kälte . Erst als er erfuhr , daß Gottfried im » roten Hahn « Logis genommen , hellten sich seine Züge auf . Er fragte , was den Schwager in die Stadt geführt . » Ich habe mit dir zu sprechen , « antwortete Gottfried Nothafft . Sie gingen in einen Raum hinter der Werkstatt und setzten sich nieder . In Jason Philipps Augen lag ein abschlägiger Bescheid schon jetzt für jedes Ansinnen , das ihn Mühe oder Geld kosten würde . Aber er fand sich angenehm enttäuscht . » Du sollst wissen , Schwager , « begann Gottfried Nothafft , » daß ich mir in den neunzehn Jahren , die ich mit meinem Weib zusammengelebt , dreitausend Taler erspart habe . Und weil mir zumut ist , als könnte mir bald was Menschliches zustoßen , komm ich zu dir mit der Bitte , das Geld in Verwahrung zu nehmen für Marianne und den Buben . Hab Sorge genug gehabt , es beiseite zu halten in der letzten schlimmen Zeit . Marianne weiß nichts davon und soll nichts davon erfahren . Sie ist ein schwaches Weib , die Weiber verstehen nichts vom Gelde und was für eine Würde es hat , wenn es mit so saurem Schweiß erworben ist . In einer Stunde der Not greift sie danach , und eh sie sich besinnt , ist ' s weg . Ich will aber meinem Daniel den Eintritt ins Leben erleichtern , wenn er die Lern- und Lehrjahre hinter sich hat . Er ist jetzt zwölf , also noch einmal zwölf , so Gott will , und er ist ein Mann . Marianne kannst du mit den Zinsen aushelfen , und ich verlange nichts anderes von dir , als daß du schweigst und an dem Jungen väterlich handelst , wenn ich nicht mehr bin . « Jason Philipp Schimmelweis erhob sich und drückte Gottfried Nothafft gerührt die Hand . » Du kannst dich auf mich verlassen wie auf die Bank von England , « sagte er . » Das hab ich mir wohl gedacht , Schwager , und darum der Weg . « Er zählte dreitausend Taler in Reichsscheinen auf den Tisch , und Jason Philipp stellte ihm eine Quittung aus . Dann drängte er in ihn , er möge doch die Nacht über im Hause bleiben , allein Gottfried Nothafft sagte , er müsse wieder heim zu Weib und Kind und habe von der verflossenen Nacht genug , die er in der lärmenden Stadt zugebracht . Als sie in die Werkstatt zurückkehrten , saß Therese dort und hielt ihr Erstgebornes , die dreijährige Philippine , auf dem Schoß . Das Mädchen hatte einen großen Kopf und häßliche Züge . Gottfried vergönnte sich kaum Zeit , der Schwägerin Rede zu stehen . Später erkundigte sich Therese bei ihrem Mann , was Nothafft gewollt habe . Kurzangebunden versetzte Jason Philipp : » Mannsgeschäfte . « Drei Tage darauf schickte Gottfried die Quittung wieder ; auf ihre Rückseite hatte er geschrieben : » Was soll mir der Wisch , er könnt mich nur verraten . Ich habe Wort und Handschlag von dir , selbes genügt . Mit Dank für deinen Freundschaftsdienst dein treugeneigter Gottfried Nothafft . « 4 Eh noch der Friede geschlossen wurde , legte sich Gottfried zum Sterben hin . Er wurde in dem kleinen Kirchhof an der Mauer begraben , und ein Kreuz wurde aufgerichtet . Jason Philipp und Therese waren zur Beerdigung gekommen und blieben drei Tage bei Marianne wohnen . Die Hinterlassenschaftsprüfung ergab zu Mariannes Schrecken , daß keine zwanzig Taler im Hause waren , und was sie vor sich sah , war ein Leben der Not und des Kummers . Da waren Jason Philipps Ratschläge und Anordnungen ein rechter Trost , und seine Erklärung , daß er ihr nach Kräften beistehen wolle , beruhigte ihr Herz . Es wurde beschlossen , daß sie einen Kramladen einrichten solle , und Jason Philipp schoß hundert Taler vor . Es hatte den Anschein , als sei Jason Philipp ein gemachter Mann . Er trug den Kopf hoch , und seine runden Bäckchen zeugten von Wohlgenährtheit . Er trommelte gern an die Fensterscheiben und pfiff dabei . Es war die Marseillaise , die er pfiff , aber in Eschenbach wußte man das nicht . Daniel blickte aufmerksam auf seine Lippen und pfiff die Weise nach . Da lachte Jason Philipp , daß sein Bäuchlein erbebte , dann sagte er , sich der Trauerstimmung erinnernd : » So ein Bengel . « Der Knabe mißfiel ihm jedoch . » Der selige Gottfried scheint sich zu wenig um ihn gekümmert zu haben , « sagte er , als er einmal Zeuge einer Widerspenstigkeit Daniels war , » der Bursch braucht eine starke Hand . « Daniel hörte diese Worte und sah dem Onkel höhnisch ins Gesicht . Am Sonntag nach der Vesper nahm das Ehepaar Schimmelweis Abschied , und Daniel war nicht da . Die Frau des Ochsenwirts rief herüber , sie habe ihn mit dem Organisten in die Kirche gehen sehen . Marianne lief zur Kirche , um ihn zu holen . Nach einer Weile kam sie zurück und sagte zu dem wartenden Jason Philipp : » Er sitzt bei der Orgel und ist nicht wegzubringen . « » Er ist nicht wegzubringen ? « fuhr Jason Philipp auf , und seine runden Bäckchen glühten vor Zorn , » was heißt denn das ? Das läßt du dir gefallen ? « Und er ging selbst in die Kirche , um den Ungehorsamen zur Stelle zu schaffen . Als er in den Chor hinaufstieg , begegnete ihm der Organist und lachte . » Sie suchen wohl den Daniel ? « fragte er ; » der stiert noch immer die Orgel an und ist wie verzaubert von dem bißchen Spiel . « » Will ihm den Zauber schon austreiben , « knurrte Jason Philipp . Daniel kauerte hinter der Orgel auf dem Boden und blieb beim Anruf seines Onkels unbeweglich . Er war so versunken , daß seine Augen einen Ausdruck hatten , der Jason Philipp auf den Gedanken brachte , der Knabe sei vielleicht nicht recht bei Verstand . Er packte Daniel bei der Schulter und herrschte ihn an : » Komm mal sofort mit mir nach Hause . « Die Augen aufschlagend und erwachend und das entrüstete Fauchen der fremden Stimme vernehmend , riß sich Daniel los und erklärte frech , bleiben zu wollen , wo er war . Jason Philipp geriet in Wut und suchte sich des Knaben neuerdings zu bemächtigen , um ihn mit Gewalt hinunterzuschleppen . Da sprang Daniel zurück und rief mit zitternden Lippen : » Rühr mich nicht an ! « Ob es nun die Stille des Kirchenraums war , die mahnend und erschreckend auf Jason Philipp wirkte , oder ob die außerordentliche Bosheit und Leidenschaft in den Zügen des Knirpses ihn veranlaßten , von seinem Vorhaben abzustehen , genug , er drehte sich um und ging wortlos davon . » Es ist höchste Zeit , die Post wartet schon , « rief ihm seine Frau entgegen . » Ein hübsches Früchtchen ziehst du dir auf , « sagte er mit finsterem Gesicht zu Marianne ; » an dem wirst du noch was erleben . « Marianne blickte zu Boden . Die Worte trafen sie vorbereitet . Die Wildheit und Verstocktheit des Knaben , das selbstsüchtige Beharren auf seinen Einbildungen , seine Härte , seine Ungeduld und die Verachtung jeder Regel , dies alles ängstigte sie sehr . Es wollte ihr scheinen , als ob das Schicksal etwas von dem törichten und quälenden Haß , den sie während der Schwangerschaft genährt , in das Gemüt des Kindes habe fließen lassen . 5 Jason Philipp Schimmelweis verließ das düstere Kellerloch am Kornmarkt , mietete einen Laden an der Museumsbrücke und eröffnete eine Buchhandlung . Das Ziel jahrelanger Wünsche war erreicht . Es wurde ein Gehilfe aufgenommen , und Therese saß den Tag über an der Ladenkasse und lernte Geschäftsbücher zu führen . Als sie ihren Mann gefragt hatte , woher er das Betriebskapital genommen , hatte er erwidert , ein Freund , der zu seiner Tüchtigkeit Vertrauen geschöpft , habe es ihm gegen mäßige Verzinsung geliehen . Den Namen des Freundes zu verschweigen , sei ihm zur Pflicht gemacht worden . Therese glaubte ihm nicht . Ihr Geist war voll dunkler Befürchtungen . Sie grübelte unablässig und wurde wachsam und mißtrauisch . Sie forschte insgeheim nach dem namenlosen Helfer und fand keine Spur von ihm . Wenn sie hin und wieder Jason Philipp zur Rede stellte , schnauzte er sie böse an . Von einer Zurückerstattung des Geldes und von Zinsenzahlung wurde nicht gesprochen , auch wiesen die Geschäftsbücher keine Eintragung der Art auf . Sie hätte an Wichtelmännchen glauben müssen , um sich ihrer die Jahre überdauernden Besorgnisse entschlagen zu können . Aber sie glaubte nicht an Wichtelmännchen . Die Natur hatte sie weder mit Fröhlichkeit noch mit Sanftmut begabt ; unter dem Druck des unlösbaren Rätsels wurde sie eine verdrossene Gattin und eine launenhafte Mutter . Wenn Ruhe im Laden war , nahm sie bald dies , bald jenes Buch zur Hand und las . Einen Mörderroman etwa ; oder einen schwatzhaften Traktat über geheime Laster . Womit sollte ein Publikum angelockt werden , dem das Bücherkaufen als eine sündhafte Verschwendung galt ? Sie las ohne sonderliche Lust , nur mit einer mürrischen Art von Wißbegierde Enthüllungen über das Leben an Fürstenhöfen und gedruckte Verrätereien aller möglichen Spione , Abenteurer und Halunken . Unbewußt gewöhnte sie sich daran , die Welt , in die ihr Blick nicht gelangen konnte , nach Büchern zu beurteilen , in denen sich die Ausgeburten verpesteter Gehirne Wahrheit anmaßten . Aber als sich mit den Jahren der Wohlstand im Bürgertum hob , verließ Jason Philipp Schimmelweis die lichtscheue Sphäre seines Gewerbes . Er war ein Mann , der die Zeit verstand , und er hißte die Segel , wenn er sicher war , daß günstiger Wind sie schwellen würde . Er vertraute sein Boot der immer mächtiger werdenden Strömung der proletarischen Parteien an und hoffte dort Profit zu machen , wo halb und halb sein Herz war . Er zeigte dem Bürger die Rebellenstirn und bot dem Arbeiter die biedere Rechte . Man mußte nur einen Weg nach oben finden . Mancher unbedeutende Krämer konnte jetzt seine muffigen Stuben mit einer Villa in der Vorstadt vertauschen , die er mit pomphaften Möbeln ausstattete , und seine Söhne ins Ausland schicken . Da erwachte auch die alte Reichsstadt aus ihrem romantischen Schlummer . Hatten die erhabenen Kirchen , die schöngeschwungenen Brücken und verwinkelten Häuser ehedem ein sinnreich Lebendiges gebildet , so waren sie jetzt nur noch Überbleibsel , und Burg und Wälle und die gewaltigen Rundtürme wurden zu Ruinen einer glücklich überstandenen Zeit der Träume . Schienen wurden durch die Straßen gelegt und verrostete Ketten , an denen unförmliche Laternen aufgehängt waren , vom Eingang enger Gäßchen entfernt . Fabriken und Schlöte umgaben das ehrwürdige und pittoreske Weichbild wie ein eiserner Nahmen das Gemälde eines alten Meisters . » Der moderne Mensch muß Luft und Licht haben , « sagte Jason Philipp Schimmelweis und klimperte mit dem Geld in seiner Hosentasche . 6 Daniel besuchte das Gymnasium in Ansbach . Er sollte nur die Berechtigung zum einjährigen Heeresdienst erwerben und dann in eine kaufmännische Stellung eintreten . So hatte es Jason Philipp mit Marianne ausgemacht . Er zeigte nur geringen Eifer . Die Lehrer schüttelten die Köpfe über ihn . Ein so beschaffenes Wesen hatten sie trotz ansehnlicher Welterfahrung noch nicht kennen gelernt . Das Brüllen einer Kuhherde und der Lärm des Spatzenvolks fanden ihn williger lauschend als die bewährtesten Leitsätze der Grammatik . Viele hielten ihn für dumm , einige andere für tückisch . Seinen Weg durch die Klassen machte er , obgleich mit Not , durch eine wunderbare Fähigkeit des Erratens und in besonders kritischen Momenten durch die Hilfe und den Fürspruch des Kantors Spindler . Die Familien , bei denen er die Wohltat des Freitisches genoß , beklagten sich über seine schlechten Manieren . Die Gerichtsrätin Hahn hatte ihm wegen einer flegelhaften Antwort das Haus verboten . » Habenichtse müssen demütig sein , « rief sie ihm zu . Kantor Spindler war . ein Mann , der mit Fug von sich behauptete , daß er zu Größerem bestimmt gewesen , als in einer Kreisstadt zu versauern ; seine weißen Locken umrahmten ein Gesicht , welches durch die Melancholie um den Untergang von Idealen und Illusionen geadelt wurde . An einem Sommermorgen hatte er sich mit der frühen Sonne erhoben und war über Land gegangen . Wie er nun beim Dorf Dautenwinden an die erste Scheune kam , sah er eine Musikantengesellschaft , die am Abend vorher und bis in die Nacht zum Tanz aufgespielt hatte und nun , aus dem Heu sich erhebend , die Fasern von Kleidern und Haaren strich . Und droben , unter dem offenen Giebel der Scheune , lag Daniel Nothafft im Stroh und versuchte der Flöte , um die er einen der Musikanten gebeten hatte , mit vertiefter und hingegebener Miene eine Melodie abzulocken . Der Kantor blieb stehen und schaute hinauf . Die Musikanten lachten , aber er nahm an ihrer Heiterkeit keinen Teil . Es dauerte lange , bis der ungeschickte Flötenbläser ihn gewahrte , dann kletterte er herunter und wollte sich mit einem scheuen Gruß davonstehlen . Der Kantor trat ihm in den Weg . Sie gingen zusammen , und Daniel erzählte , daß er sich seit dem gestrigen Nachmittag von den Musikanten nicht habe trennen können . Der Vierzehnjährige vermochte es nicht auszudrücken , aber es war , als habe ihn eine höhere Macht gezwungen , dieselbe Luft mit Menschen zu atmen , die Musik machten . Von dem Tag an , drei Jahre lang , kam Daniel in jeder Woche zweimal zum Kantor , der ihn aufs gründlichste in der Lehre von Kontrapunkt und Harmonik unterrichtete . Diese Stunden hatten Beflügelung und Weihe . Der Kantor fand ein eigenes Glück darin , eine Neigung zu nähren , deren Entfaltung ihm wie Lohn für viele Jahre echoloser Einsamkeit erschien . Die verzweifelte Leidenschaft , das Aufbäumen und dumpfwilde Rasen , die ihm sowohl aus dem Wesen wie auch aus den ersten Kompositionsversuchen seines jungen Schülers entgegenschlugen , gaben sie ihm gleich Anlaß zur Sorge , wollte er immer wieder durch den Hinweis auf die hochruhenden Muster und Meister der Kunst beschwichtigen . Und so kam die Zeit , wo Daniel sein Brot verdienen sollte . 7 Da fuhr der Kantor nach Eschenbach , um mit Marianne Nothafft zu reden . Marianne begriff ihn nicht . Beinahe hätte sie gelacht . Sie hatte bisher unter Musik nichts anderes verstanden als das Gedudel eines Leierkastens , den Gesang des Turnvereins oder den Marsch einer Militärkapelle . Wollte er herumziehen und vor den Haustüren fiedeln ? Er war ein Verrückter in ihren Augen . Sie preßte die Hände gegeneinander und hörte dem Kantor zu wie einem Menschen , der nichtige Worte an ein großes Unglück verschwendet . Der Kantor sah , daß seine Macht so klein war wie seine Welt und mußte unverrichteter Dinge wieder gehen . Marianne schrieb an Jason Philipp Schimmelweis . Man sah es fast , wie Jason Philipp den rotbraunen Vollbart mit beweglichen Fingern durchpflügte und spöttisch mit den Augen zwinkerte ; man hörte die ganze Schärfe seiner norddeutschen Zunge , als er an Daniel schrieb : » Hab nichts anderes von dir erwartet , als daß es dein innigster Wunsch ist , ein Tagdieb zu werden . Mein lieber Junge ! Entweder du parierst und entschließest dich , ein anständiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden , oder ich ziehe meine Hand von euch ab . Was dann das Los deiner Mutter sein wird , male dir gefälligst selber aus , denn vom Hering- und Pfefferverkaufen kann sie nicht leben , wenn der Herr Sohn mitschmarotzt . « Daniel zerriß den Brief in unzählige Teile und ließ sie vom Fenster aus mit dem Wind fortfliegen , indes seine Mutter weinte . Hierauf ging er in den Wald , irrte bis zum Abend herum und nächtigte in der Höhlung eines Baumes . 8 Es wäre zu erzählen von fortgesetzter Auflehnung , von lieblosen Worten hüben und drüben , von Bitten und Klagen und fruchtlosen Vorstellungen und erbitterter Wechselrede und erbittertem Schweigen . Und wie er flieht und zurückkehrt und wie träg er die Tage hingehen läßt und wie er durch die Landschaft stürmt und an den Wassertümpeln liegt , wo das Gras hochsteht , und wie er sich des nachts aus dem Schlaf erhebt und die Fenster öffnet und der Ruhe flucht und den Wolken ihre Bewegung neidet . Und wie die Mutter ihm folgt , wenn er in die Kammer schleicht und das Ohr an die Tür preßt und hineintritt und die Kerze brennen sieht und zu ihm geht , an sein Bett geht und vor seinen glänzenden Augen erschrickt , die sich bei ihrem Nahen verfinstern . Und wie sie voll Erinnerung an ihre ersten Sorgen um ihn , erwartend , daß der Abend und der Anblick ihrer Schwäche ihn willfährig machen wird , noch einmal bittet und fleht . Und wie er sie dann anschaut und gleichsam innerlich zusammenstürzt und zu tun verspricht , was sie fordert . Wie er dann in Ansbach beim Lederhändler Hamecher auf den Warenballen sitzt , im langen öden Tor , oder auf den Stufen einer Kellertreppe , oder auf dem Speicher und träumt , träumt , träumt . Und wie sich Herrn Hamechers nachsichtige Verwunderung in Befremdung und dann in Entrüstung verwandelt und er dem Unbrauchbaren nach einem halben Jahr den Laufpaß gibt . Wie dann Jason Philipp noch einmal Gnade für Recht ergehen läßt und einen neuen Schauplatz mit neuen Menschen für pädagogisch ersprießlich hält , schon um Kantor Spindlers verhängnisvollen Einfluß zu mindern . Wie von Bayreuth gesprochen wird und wie niemand Daniels feuriges Erschauern bemerkt , weil ihnen der Name Richard Wagners fremd ist und der Name des dortigen Weinhändlers Maier vertraut . Wie er nach Bayreuth kommt , dem Jerusalem seiner Sehnsucht , und sich zum Scheinfleiß zwingt , um nur bleiben zu dürfen , wo Sonne , Luft und Erde , die Tiere , der Kehricht und die Steine jene Musik aushauchen , von der Kantor Spindler gesagt , daß er sie wohl ahne , aber zu alt sei , um sie zu fassen oder zu lieben . Und wie er ungeachtet seiner Bemühung , den Nützlichen zu spielen , Notenköpfe unter die Fakturen malt und in verlassenen Gewölben sonderbare Gesänge vor sich hinbrüllt und ein ganzes Faß mit Wein auslaufen läßt , weil auf seinen Knien aufgeschlagen die englischen Suiten liegen . Und wie er sich ins Festspielhaus zu einer Probe stiehlt , durch einen beflissenen Wächter hinausgewiesen wird und dabei die Bekanntschaft von Andreas Döderlein macht , der Professor an der Musikschule in Nürnberg ist und unermüdlicher Apostel des neuen Heilandes . Und wie Döderlein zu verstehen und zu helfen nicht ungewillt scheint und viel Vergnügen über den urwüchsigen Enthusiasmus und die flammende Hingabe seines Schützlings äußert . Und wie Daniel , berauscht von der allgemeinen und unverbindlichen Verheißung einer Freistelle an der Schule des Professors bei Nacht und Nebel der Stadt den Rücken kehrt und sich aufmacht , um zu Fuß nach Eschenbach zu wandern ; vor die Mutter hinstürzt ; sich förmlich hinwühlt vor ihr ; bettelt ; beschwört ; fast irre redet ; sie zu bewegen sucht , Jason Philipps Sinn zu ändern , ihr zu erklären sucht , daß sein Leben , seine Seligkeit , sein Blut und Herz an diesem einen Einzigen hängt , und wie sie nun hart wird , die ehedem Gütige , steinhart und eiskalt , und nichts versteht , nichts spürt , nichts glaubt , nur das Schreckliche seiner unheilbaren Verstörung , so nennt sie es , empfindet . Von alledem wäre zu erzählen , aber es sind Ereignisse , so selbstverständlich in ihrer Folge wie daß Funken und Rauch Produkte des Feuers sind ; bestimmbar jedenfalls , oft dagewesen und immer wieder in gleicher Weise wirkend . Es sind althergebrachte Vorurteile von Zigeunerhaftigkeit und Vagabundentum , die in Mariannes Seele nisten , denn all ihre Vorfahren und ihres Mannes Vorfahren haben sich im Handwerk redlich ihr Brot verdient . Sie sieht nicht ein , was durch die Freistelle an Döderleins Anstalt gewonnen sein soll , da Daniel ja nichts besitzt , um sein Leben zu fristen . Er hat beim Kantor Klavierspielen gelernt , will sich auf dem Instrument vervollkommnen und mit dieser Fertigkeit seinen Unterhalt erwerben . Sie schüttelt den Kopf . Er spricht von der Größe der Kunst , von der Beglückung , die ein Künstler geben , der Unsterblichkeit , die er erringen könne , und daß es ihm vielleicht vergönnt sei , etwas zu machen , was nur Einer einmal zu machen imstande sei . Sie hält es für anmaßenden Wahn und lächelt verächtlich . Da wendet er sich in seinem Innern von ihr ab , und sie ist ihm keine Mutter mehr . Als Jason Philipp Schimmelweis vernahm , was im Werke war , scheute er die umständliche Reise nicht und erschien in Mariannes Laden wie ein Racheengel . Daniel fürchtete ihn nicht mehr , weil er nichts mehr von ihm hoffte . Insgeheim mußte er lachen , als er den kurzen und kurzhalsigen Mann in seinem Grimm sah . Dabei flackerten immer noch listige und spöttische Lichter über Jason Philipps rotwangiges Gesicht , denn er hatte eine zu hohe Meinung von sich , um den nichtswürdigen Schwärmereien eines Neunzehnjährigen mit dem ganzen Gewicht seiner Persönlichkeit entgegenzutreten . Während er mit funkelnden Äuglein sprach und das rote Zünglein einige widerspenstige Schnurrbarthaare von den beredten Lippen wischte , stand Daniel an den Türpfosten gelehnt , hatte die Arme über der Brust verschränkt und betrachtete bald seine Mutter , die stumm und altgeworden in der Sofaecke saß , bald das Ölporträt seines Vaters , das ihm gegenüber an der Wand hing . Ein Jugendfreund Gottfried Nothaffts , ein Maler , der verschollen war wie seine übrigen Bilder , hatte es verfertigt ; es zeigte einen Mann von ernster Haltung und erinnerte an einen der fürstlich aussehenden Zunftmeister des Mittelalters . Da erkannte Daniel den Weg , der ihn durch die Geschlechterreihe dorthin geführt hatte , wo