Braun , Lily Lebenssucher www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Lily Braun Lebenssucher Erstes Kapitel Wie Konrad Hochseß zuerst das Leben suchte , und was er fand Es gibt Jahre , in denen der Frühling nicht fröhlich ist ; die wenigen Blumen , die er über die Wiesen streut , sind blaß und welken rasch ; nur zögernd , fast als fürchteten sie sich , kriechen die jungen Blätter an den Bäumen aus der braunen Hülle ; das dürr raschelnde Herbstlaub im Walde wird kaum jemals ganz von einem frischen Moosteppich verdrängt , und auch der klarste , blaue Himmel trägt einen feinen grauen Schleier wie die jungen Nonnen bei der letzten Weihe . Solch ein Frühling strich mit seiner schlaffen , weichen Luft über die Höhen des fränkischen Jura , spielte im Vorüberstreifen flüchtig mit der zerbrochenen Äolsharfe auf dem grauen Turm von Hochseß , tanzte ein wenig über dem ausgetrockneten , zwischen Nesseln träumenden Ziehbrunnen , um schließlich die schmale Wange und die blonden , glatten Haarsträhnen des schlanken Knaben kosend zu streicheln , der auf der alten efeuumsponnenen Mauer saß und unbewegt in das Land hinausstarrte . Weithin breitete es sich aus vor ihm , von dem engen Tale an , das drunten schlief , eingewiegt vom Murmeln und Plätschern des breiten Baches und dem Klappern der Wassermühle , deren Räder er trieb . Blasse Wiesen schmiegten sich sehnsüchtig an den zärtlichen Freund , als erwarteten sie von seiner Umarmung ihr buntes Blumenleben , und in zahllosen Windungen umschlang er sie , als ob er zögere , sich von ihnen zu trennen ; Sträucher von wilden Rosen , Schlehen und Rotdorn , die zum Himmel empor ihre Ästchen streckten , nach heißer Sonne verlangend , die ihre Blüten wecken sollte , umkränzten sie , ehe die Bergwände steil emporstiegen . Buchen und Eichen , Tannen und Eschen überzogen alle Hänge bis zum Gipfel hinauf . Ihre Stämme , vom silbernen Grau bis zum tiefsten Schwarz , standen gegen den matten Himmel wie Marmorsäulen . Da und dort aber wich der Wald zurück ; Felsmauern und Türme überragten ihn finster drohend in wild-verwitterten Gebilden . Zwischen ihnen , so hatte der Knabe einst geträumt - und die Erinnerung daran zauberte ein verlorenes Lächeln auf seine Züge - , hausten die Götter und Helden der Vorzeit , und Sonntagskindern zeigten sie sich in Maiennächten . Sie zu suchen , war er einmal heimlich ausgezogen , ein kleines Bübchen noch , dorthin , wo in gewaltigen Quadern , wie von Zyklopen erbaut , die Riesenburg silbern in der Sonne leuchtete . Sein Auge blieb an ihr haften : wie war damals sein Atem geflogen im steilen weglosen Anstieg , wie hatte sein Herz geklopft im Glauben an das Große , das seiner wartete . Und dann - unwillkürlich hob er die geballte Faust wider die fernen Felsen - , dann , als das mächtige Tor sich über ihm wölbte und fiebernde Erwartung die Brust zu sprengen drohte , hörte er Mädchenkichern und die dozierende Stimme des Lehrers , der die bunte Schar auf gebahnten Wegen emporgeführt hatte , sah um den Rand des höchsten Felsens , der ihm als unnahbarer Wachtturm erschienen war , ein schmächtiges Drahtgitterlein gespannt , sah ein Fähnchen hoch oben flattern , darunter eine Bank , mit hundert Namen bedeckt , - und in einer der schmalen Felsenhöhlen barg er seine Verzweiflung . Dort hatte er die Nacht erwartet , ach , die götterlose Nacht ! , war dann hinaufgeklettert , hatte die Fahnenstange mit Anspannung all seiner von der Wut gesteigerten Kräfte aus der Erde gerissen und hinab geschleudert , hatte die wurmstichige Bank zum Kippen gebracht und sich am Drahtgeländer die kleinen Hände blutig gerissen . In Gedanken an die erste , bitterste Enttäuschung seiner Kindheit zog grausamer Spott über sich selbst seine Mundwinkel abwärts , so daß er sekundenlang ganz alt erschien . Ein Blick in die sonnenüberglänzte Ferne verklärte sein Antlitz wieder . Er folgte dem Bach und dem sich weiter und weiter dehnenden Tal , wo die Wiesen in buntgestreifte Felder sich verwandelten , wo , in Obstgärten gebettet , von Kastanien überragt , rote behäbige Dächer und alte kunstvolle Fachwerkbauten mit spitzen Giebeln um schlankturmige Kirchen sich scharten . Er sah die Schlösser auf den Höhen , die dem toten Felsen gleich gewesen wären , wenn ihre Fenster nicht in der Sonne wie lebendige Augen gefunkelt hätten . Und ganz , ganz fern im Nebelgrau , wie ein phantastisches Traumgebilde , am Fluß gelagert , sich mit Mauern und vielen Türmen zu den Hügeln emporstreckend , lag sie , die Stadt - die großen , schwarzen Augen des Knaben verdunkelten sich noch mehr , seine sehr blassen Hände krampften sich ineinander , so daß die Fingerspitzen sich röteten - , die Stadt , deren strahlender Glanz die Nacht und ihre Gespenster besiegte , deren brausender , auf- und abschwellender Ton die unheimlichen Stimmen der Stille verschlang ; die Stadt , über die der Dom , einer Königsfeste gleich , sich erhob und tote Kaiser in seinen hohen Hallen dem Raunen alter , in goldene Roben gehüllter Priester und dem hellen Gesang weißgekleideter Chorknaben lauschten . An einem Pfeiler stand eine steinerne Madonna . Der Knabe faltete die Hände , seine Augen glänzten wie von innen erhellt . Heimlich dachte er an sie und betete zu ihr , wenn sie ihn Sonntags drunten im Dorf in die kahle lutherische Kirche führten . Und an einem anderen stand auf hohem Roß der gekrönte Ritter , dessen Namen er trug - - » Konrad ! « rief eine Stimme , die klang , als klopfe jemand an ein zersprungenes Glas . Der Knabe hob ein wenig den Kopf , » der Lehrer « , dachte er und sah wieder regungslos sinnend ins Land hinaus . Vor dem dunklen Bilde des Ahnherrn droben im Saal hatte der Führer seiner Kindheit ihn heute feierlicher als sonst an das Heldenbeispiel dieses Mannes mit dem großen schwarzen Kreuz auf dem weißen Mantel erinnert . Er reckte seine schlanke Gestalt , als prüfe er ihre Muskeln : ein Ritter wie jener würde er sein - wenn sie nur erst vor ihm stünden , die Feinde ! » Konrad ! « rief es noch einmal ; seltsam , wie die letzte Silbe in einem hohen Vogelton lange nachzitterte . Ein weiches Lächeln , wissend und gütig , fast wie das eines reifen Mannes , überflog die Züge des Knaben , und seine rasche Phantasie , für die eine Farbe , ein Ton genügte , um den Vorhang vor einer Welt der Märchen und Wunder emporschnellen zu lassen , zauberte ihm im gleichen Augenblick all die Bilder vor Augen , die jene Stimme , so lange er denken konnte , heraufbeschworen hatte : weiße , von üppigen Rosen umsponnene Schlösser unter dunkelblauem Himmel , schwarzäugige Frauen in königlichen Sälen , eine Stadt von Palästen , bewohnt von einem Volk der Mediceer , und seine heiße Sehnsucht spannte ihre Flügel weit - weit . Er glitt von der Mauer herunter . » Die Großmutter « , flüsterte er im Weitergehen . » Konrad ! « klang es zum dritten Male . Und wieder eine andere Stimme , wie das Meckern einer Ziege . Jetzt aber lachte der Gerufene hell auf und war mit ein paar Sätzen - die Muskeln der langen , schlanken Beine spielten unter den dünnen Strümpfen wie die eines Vollblutpferdes - unter den Kastanien , an denen die roten Blüten leuchteten , vor dem Haus . » Bin ich zu spät , Giovanni ? « Der Angeredete , ein spindeldürres Männchen , um dessen krummgezogenen Körper die ausgewaschene Sommerjacke in tausend Falten schlotterte , meckerte fröhlich auf , seine Augen , winzige schwarze Kohlenpunkte im braungelben , verknitterten Pergament des Gesichts , umfaßten den Knaben mit einem Ausdruck leidenschaftlicher Zärtlichkeit . » Tut nix , tut nix , bambino mio « , sagte er und streichelte seinen Arm mit jener scheuen Bewegung , mit der der Sammler seinen kostbarsten Schatz zu betasten pflegt , » wir träumten einmal wieder ? « Konrad streckte die Arme mit gespreizten Fingern weit aus , als gelte es , die Welt zu umarmen . » Vom Frühling , nicht wahr ? « flüsterte der Alte mit einer vor Erregung vibrierenden Stimme , » von unserem Frühling ? Von heißer Sonne und roten Rosen ? Von - daheim ? ! « » Von daheim ! « wiederholte Konrad mit einem verlorenen Blick . Dann strich er sich mit den langen schlanken Händen über die Stirn und lachte auf . » Nein , nein ! Ich dachte nur an morgen . Dann bin ich fort , fort in der Stadt bei den vielen Buben , die alle jung sind wie ich , mit denen ich toben kann und mich balgen , und tanzen und reiten und schwimmen . Wo ich nicht immer allein sein werde wie hier zwischen lauter - lauter - « Er stockte und senkte , übergossen von Schamröte , die Stirn . » Zwischen lauter Alten ! « ergänzte Giovanni ; sein Kopf nickte ruckweise wie der einer Marionette , er zog das dünne Röckchen fester um die Schultern , als fröre ihn . » In der Stadt hört freilich das Träumen auf . Da arbeiten sie und schwitzen über den Büchern . Da sind auch die Jungen alt . « Auf dem Antlitz des Knaben erlosch die Freude ; er warf einen ängstlich fragenden , scheuen Blick auf den Gefährten , der mehr zu sich selbst , als zu ihm zu sprechen schien . » Niente - niente , bambino mio - du wirst frieren , noch mehr frieren als hier , wirst sehen , wie sie in den Straßen hin und her laufen , um warm zu werden ; wie sie alle suchen - und längst vergessen haben , was sie suchen . Nur Träume leben - « Seine Stimme verlor sich in ein heiseres Flüstern und verklang wie ein ferne plätschernder Bach . Über Konrads Züge flog ein halb selbstbewußtes , halb mitleidiges Lächeln . » Einen Sack voll Träume , die ich erlebte , bringe ich dir mit wenn ich heimkomme , « sagte er überlaut mit seiner noch unschön mutierenden Knabenstimme , als wollte er durch den starken Ton den Eindruck des gehörten Geflüsters überwinden . Neckend zupfte er den in sich Versunkenen an den spärlichen Haarlöckchen ; den Körper des Alten durchzuckte es . Er reckte sich auf und strich sich , beglückt über diese Liebesbezeugung , über den spitzen Schädel . » Konrad ! « klang die weiche Frauenstimme noch einmal . Der Gerufene lief ihr entgegen . » Ein echter Savelli , « murmelte Giovanni stolz , den schönen Knaben mit den Blicken zärtlich verfolgend , » ein echter - « und er verstummte jäh . Gerade hatte ein Sonnenstrahl Konrads Haupt getroffen , die Haare blitzten goldig auf . » Zweierlei Blut - zweierlei Blut ! - Das tut nicht gut - das tut nicht gut - « zischelte er kopfschüttelnd . Seine Gestalt knickte wieder zusammen . Hinter dem Ziehbrunnen verschwand er . Dann ächzte und knarrte noch von ferne die Turmtür . Auf der Terrasse , wo in großen weißen Kübeln runde Lorbeerbäume standen und sehnsuchtkranke Glyzinen an der Hauswand mühsam emporkletterten , saß die Gräfin Savelli , in viele weiche , bunte Kissen geschmiegt , am Teetisch . » Verzeih ' , Großmama - « mit der Gebärde aufrichtiger Hingabe beugte sich der Knabe über die dargebotene Hand . Weiß und schmal und schmucklos , mit perlmutterglänzenden Nägeln an den spitzen Fingern , streckte sie sich ihm entgegen . » Wie schön sie ist ! « sagte er erstaunt , als sähe er sie zum erstenmal , und vergaß darüber den Kuß . Die alte Frau zog ihn an sich , so daß der Duft ihrer weichen weißen Haare ihn umschmeichelte . Dann warf sie einen raschen triumphierenden Blick auf den kleinen Kreis um sich . Die beiden glattgescheitelten Damen neben ihr , die sich glichen wie ein Ei dem anderen , - sie trugen sogar dieselben grauen , schwarz-getupften Satinkleider auf den dürren langen Gestalten , dieselben schwarzen Zwirnhandschuhe über den mageren breitkuppigen Fingern - sahen einander mit hochgezogenen Brauen an . Der alte Schulmeister , der trotz des Jahrzehnts , das er hier oben verlebt hatte , nicht anders als auf der äußersten Kante des Stuhles zu sitzen vermochte , lächelte pflichtschuldigst . » Unsere letzte Teestunde , Konrad , « hub die Gräfin an , und über ihre schwarzen noch immer lang umwimperten Augen legte es sich wie ein Schleier . Dem Knaben stieg das Blut in die Schläfen : durfte er seiner Seligkeit Ausdruck geben oder mußte er Abschiedsschmerz heucheln ? » Dummer Junge , « fuhr sie mit erhobener Stimme fort , als empfände sie seine Gedanken , und ihre Augen blickten wieder klar , » sind wir sentimental wie die Deutschen ? « Ihre Worte pfiffen wie ein Peitschenhieb über den Köpfen der anderen ; die beiden grauen Fräulein senkten die hellen blonden Scheitel . » Er ist und bleibt ein Hochseß , « sagte die eine von ihnen scharf , ohne den Blick zu erheben . Die Gräfin lachte , ein helles klingendes Mädchenlachen . » Kein Zweifel , Tante Natalie , kein Zweifel ! « Und dann mit geschürzten Lippen : » Sind wir nicht alle stolz auf die Mischung ? « Natalie räusperte sich vielsagend . Elise , ihre Schwester , setzte mit lauterem Geräusch , als es der guten Form entsprochen hätte , ihre Tasse auf den Tisch . » Kommt er nicht in eine deutsche Pension ? Hat er nicht in unserm lieben Habicht einen echten deutschen Schulmeister gehabt ? « frug die Gräfin halb spöttisch , halb gelangweilt , es war in den acht Jahren , seitdem sie Konrads Erziehung allein zu leiten hatte , nicht das erste Gespräch der Art , » und zwei deutsche Tanten , die , wenn man ' s ihnen nicht auf das bloße Ansehen hin glauben würde , ihre Reinheit von jedem Tropfen welschen Blutes bis ins zwölfte Jahrhundert hinein nachweisen können ! « » Und - - , « Tante Elisens Stimme zitterte . » Ich weiß - ich weiß , « lachte die Gräfin , » und eine italienische Großmutter , die alles wieder verdirbt ! « » Nein , o nein ! « widersprach Natalie mit betonter Höflichkeit , » aber einen italienischen Komödianten , der dem Jungen nichts als phantastische Geschichten in den Kopf gesetzt hat und seine evangelische Seele mit Heiligenlegenden vergiftet . « Konrad wurde noch einen Schein blasser . Er warf einen heißen Blick voll Haß auf die grauen Tanten . Seiner Großmutter schöne Hände , die auf der Armlehne ruhten , schlossen und öffneten sich abwechselnd , und ihre Fußspitze ging im gleichen raschen Takt auf und nieder . » Der arme Giovanni ! « Die Gräfin schien vollkommen ruhig , während ihr Blick sich ganz in der Ferne verlor . » Vergeßt ihr immer wieder , daß er meiner Lavinia letzte Freude war ? Unter den Kastanien lag sie in Decken gewickelt , ganz ausgestreckt , schon vom Tode gezeichnet und freute sich doch wie ein Kind , als der gelbe Kasten mit dem schwarzäugigen Volk in den Hof rumpelte . Die hellen Tränen liefen ihr über die blassen Wangen , als sie unsere Lieder , unsere weichen sehnsüchtigen Lieder sangen ! Was wißt ihr davon , wie das unsereinem tut - es sind gar keine Töne , es sind die Schläge unseres Herzens , die Stimme unseres Blutes ! - Und die Tänze dann ! Nicht euer stumpfsinniges Drehen mit gesenkten Lidern , sondern ein Kampf zwischen Mann und Weib - « » Aber meine Beste ! « tönten wie aus einem Munde die scharfen Stimmen der alten Fräuleins . » Ach so - das Kind ! « sagte die Gräfin ; der spöttische Ton , den sie anschlagen wollte , gelang ihr nicht . Sie erhob sich rasch . » Gehen wir , es wird kühl . « Aber schon war der Knabe , der inzwischen unruhig hin und her gerückt war , aufgesprungen und hatte sich mit beiden Händen auf den Tisch gestützt , daß die Gläser leise klirrten . » Jetzt - jetzt muß ich es sagen , « brach es mit rauher Stimme tief aus seiner Brust hervor . » Konrad ! « mahnte der Lehrer ; ein verweisender Blick der Tanten traf ihn ; nur die Großmutter schaute ihn an , eine große , heiße Erwartung in den Augen . Dann aber , als sie ihn zittern sah , legte sie ihm mit rasch aufsteigender Angst die Hand beruhigend auf den Arm . Seit der Arzt ihr gesagt hatte , daß des Enkels Herz schwach sei , verdoppelte sich ihre Sorge um ihn . » Ich muß es - weil ich morgen gehe . Weil ihr Giovanni nicht leiden könnt , weil - weil - « seine Knabenstimme überschlug sich , in den Schläfenadern pochte sichtbar das Blut , während die Wangen nur um so tiefer erblaßten , » ich leide es nicht , daß ihr ihn höhnt und zankt . Mit seinen Späßen und Kunststücken hat er die Mutter lachen gemacht . Ich hatte es nie , nie gehört . Ich horchte verwundert auf , und ich lachte mit ihr ; zum allererstenmal lachte ich mit meiner Mutter ! Dann brachte man sie in ihr Zimmer hinauf , in ihr weißes , großes , kaltes Bett , « ein Schluchzen drohte ihm die Stimme zu ersticken , aber er bezwang sich , » die Kunstreiter zogen davon - nur Giovanni blieb . Er spannte ein Seil vom Turm über den Hof bis zum Torweg . Da konnte die Mutter vom Bett aus sehen , wenn er seine Sprünge machte , seine Gesichter schnitt . Wie sie lachte ; wie sie froh sein konnte ! Der Vater - , « ein harter Zug grub sich mit tiefen Falten in das weiche Knabenantlitz - » der Vater war nicht da - « » Konrad , du versündigst dich - « Tante Natalie stand drohend dicht vor ihm . » Weil ich sage , was ihr wißt , so gut wie ich : daß der Vater nicht da war , als - als - , « seine Stimme erstickte in wildem Weinen . Gräfin Savelli zog ihn an ihr Herz . » Mio caro amore - « sie überschüttete ihn mit Schmeichelnamen , aber sein Körper zuckte , von der Erregung geschüttelt , in ihren Armen . » Guten Abend , « sagten Elise und Natalie und verschwanden nach einigem geräuschvollen Stühlerücken hinter der Glastür des Gartensaales . » Guten Abend , « sagte der Schulmeister ; er hatte feuchte Augen und strich mit einer bebenden Hand über seines Zöglings blondes Haupt . Nun waren die beiden allein . Vom Tale her stiegen in feinen Schleiern die Nebel auf . Konrad warf einen zögernden Blick um sich , um gleich darauf die großen angstvoll aufgerissenen Augen fragend der Großmutter zuzuwenden . » Willst du mir nicht sagen - jetzt am letzten Abend sagen - wie es kam , daß - daß er nicht da war ? « Die Gräfin richtete sich gerade auf ; in ihren Augen entzündete sich ein grausamer , gelber Funken wie in der Pupille der Löwin , die , zum Sprunge bereit , vor dem Feinde ihrer Jungen auf der Lauer liegt . Sie sprach , wie immer , wenn sie mit dem Knaben allein war , italienisch , aber ihre Stimme kam tief und rauh aus der Kehle , so daß die vollen Laute von den Zähnen , durch die sie gepreßt wurden , zerrissen schienen . » Drüben auf dem Eckartshof war er zur Jagd geladen . Bleibe bei mir , Manfredo - nur heute verlaß mich nicht , flehte Lavinia - sie war an jenem Tage so weiß wie das Linnen , das sie deckte , nur ihre Haare lagen um sie wie ein schwerer , schwarzer Trauerschleier - und ich sah , daß dem Mann , der den ganzen Frühlingsduft der Erde mit sich hineintrug , vor ihr grauste . Ich kann nicht , sagte er gequält , küßte ihr flüchtig die kalte , kraftlose Hand und ging . Sie aber lag von da an regungslos in den Kissen ; die Tränentropfen allein , die unaufhaltsam unter den langen Wimpern ihrer geschlossenen Lider hervorquollen , bewiesen mir , daß sie noch lebte . Giovanni spannte indessen sein Seil vor ihren Fenstern . Aber sie sah seine Sprünge und Grimassen nicht . Da begann er den Tanz mit Gesang zu begleiten , und sie schlug die Augen groß auf . Welche Augen ! Als laure der Tod in ihrer Tiefe ! Ich schickte nach dem Eckartshof . Aber sie saßen an der Frühstückstafel und ließen sich nicht stören . Da ging ich selbst . Und geradenwegs , an den verblüfften Dienern vorbei , in den Saal . Blond und weiß , mit Rosen auf den Lippen und den Wangen , saß die Hausfrau neben ihm . Lavinia stirbt , rief ich in ihr Gelächter und wandte mich wieder zum Gehen . Ich sah , wie das Blut , das eben noch von Lebenslust gepeitschte , aus den Gesichtern wich , und fühlte die Stille , die ich zurückließ . Er folgte mir - langsam , widerwillig , er , der sich einmal verzweifelnd mir zu Füßen gewunden hatte , als ich ihm Lavinia versagte ! Wir stiegen stumm den Berg hinauf . Plötzlich aber schoß er an mir vorbei , der helle Schweiß stand ihm auf der Stirne , es war , als jage ihn der Schrecken . Meine Hoffnung begleitete seinen Lauf . Erwachte nicht vielleicht mit der Liebe das Leben wieder ? ! Ich betrat den Hof . Er war voller Menschen . Sie schwiegen alle , den entsetzten Blick auf einen Punkt geheftet , da lag Giovanni unter dem Seil in seinem Blut . Lavinia aber war tot . « Die Gräfin Savelli schwieg . Sie war nun ganz zusammengesunken und sah sehr klein und sehr alt aus . Der Knabe zitterte , daß die Zähne ihm aufeinander schlugen . » Sieh dort hinaus ! « mahnte die Großmutter ; ihre weiße , in die unbestimmte Ferne weisende Hand schimmerte wie von innen erleuchtet ; » und nicht zurück ! Dort suche das Leben ! « Am nächsten Morgen fuhr der alte , wappengeschmückte Wagen den letzten Junker von Hochseß zum Hoftor hinaus nach dem Bahnhof . Es regnete , ein lautloser , gleichmäßiger Regen , von einem gleichmäßig weißgrauen Himmel herab . Unter der Haustür standen die Tanten ; in den mageren schwarzbehandschuhten Händen hatten sie weiße Tüchlein , die aber nicht recht wehen wollten , als sie sie hochhoben ; der alte Lehrer stand hinter ihnen und schluchzte . Giovanni hatte sich in sein Turmzimmer eingeschlossen . Die Gräfin Savelli begleitete den Enkel in die Stadt und ging mit ihm hinauf in den Dom , um dessen Säulen und Arkaden die Dämmerung ihren feinen Schleier wob . Sie sprachen kein Wort miteinander ; aber zu dem königlichen Jüngling erhoben sich zu gleicher Zeit ihre Blicke , den ein unbekannter Künstler in Stein gemeißelt hatte , ein Vorbild reiner Ritterschaft . Konrad war , als sähe er sich selbst im Spiegel und als lächle der Doppelgänger ihm freundlich zu . Stumm drückten Großmutter und Enkel einander die Hände . Dann gingen sie . Und die Gräfin Savelli übergab ihn mit ein paar freundlich-kühlen Worten dem Gymnasialdirektor Professor Traeger und seiner Ehefrau , deren behäbige Fülle und betonte Matronenhaftigkeit von seinen langen dürren Gliedern und sorgfältig frisierten Haaren seltsam abstachen . Die allzu tiefen und allzu häufigen Bücklinge , mit denen beide die Großmutter bewillkommneten und dann zur Türe geleiteten , als sie ging , hatten Konrads Urteil über sie unwiderruflich festgelegt . Das war seine erste Enttäuschung . Denn in seinen Träumen war ihm der Direktor als ein Mann von Würde erschienen . An der Abendtafel sah er die anderen Pensionäre zum erstenmal . Sie kamen ihm klein und dürftig vor ; der eine hatte zerbissene Nägel , der andere häßliche rote Pünktchen im Gesicht , der dritte kratzte sich bei jedem Wort , das er sprach , den dicken Schädel mit den gelben Borstenhaaren , und alle miteinander überboten sich in lächerlichen Dienstleistungen gegenüber dem Ankömmling . Das war seine zweite Enttäuschung . Nur der vierte Schüler - » ein Judenjunge ! « flüsterte ihm augenzwinkernd sein Tischnachbar zu - hatte kaum einen Gruß für ihn . Damit gewann er sein Interesse . Drei Jahre blieb Konrad Hochseß in der Pension . Als er zum erstenmal zu den Ferien nach Hause kam , stürzten ihm bei Giovannis ängstlich fragendem Blick die hellen Tränen aus den Augen . Der Großmutter gegenüber lächelte er ; nur als ihre Hand beim Willkommen kosend über seine Haare strich , zuckte es schmerzlich um seine schmaler gewordenen Lippen . Eines Tages forderte ihn Giovanni mit einem geheimnisvollen Lächeln zu einem Spaziergang auf . Sie gingen weit durch den Park , bis er sich im Walde verlor . Da lag ein haushoher Felsblock , dessen Fuß von Brombeerranken dicht umwuchert war . » Willst du mich daran erinnern , daß ich einmal als kleiner Knirps da oben saß und verzweifelt heulte , weil ich nicht zurück konnte ? « lachte Konrad . » Damals wußte ich nicht , daß es ein unfehlbares Mittel gibt , um von allen Höhen hinunterzukommen : fallen ! « fügte er mit dunklerer Stimme hinzu . » Unsinn ! Unsinn ! « antwortete fröhlich meckernd der Alte . » Wozu ist denn der alte Seiltänzer da ? Der holt noch immer den Buben herab oder hält den Sack auf , wenn er abstürzt ! Aber jetzt , jetzt heißt ' s kriechen - nicht klettern . Den Tanzsaal der Mondgeister hat der alte Giovanni für sein Goldkind gefunden - den Tanzsaal der Mondgeister ! « Und er bog weit die stachligen Ranken auseinander , hinter denen der Fels eine dunkle Spalte aufwies . » Eine Höhle ! « jauchzte Konrad , » eine Höhle , die keiner kennt ! « Eine Zauberwelt voll phantastischer Tropfsteingebilde öffnete sich ihm , die des Alten Blendlaterne mit hin und her flackerndem Licht seltsam beleuchtete . Sie wurde von nun an der Schlupfwinkel seiner Träume , die geheimnisvolle Erweckerin allen Frohsinns . Hohe gelbe Kerzen von Wachs , wie die Bauern sie alljährlich in psalmodierenden Prozessionen nach Vierzehnheiligen zu tragen pflegen , stellte Konrad hier unten auf ; ein altes holzgeschnitztes Heiligenbild , es mochte wohl eine Magdalena gewesen sein - eine vor der Buße , denn die langen Haare deckten nur spärlich den jungen blühenden Mädchenkörper - das Giovanni in einem Bodenwinkel gefunden hatte , prangte in der großen Nische hinter der einen gewaltigen Säule , die das ganze Gewölbe zu tragen schien . Ihr zu Füßen breitete ein schwarzes Bärenfell sich aus - Konrads Lager , wenn er all die schwülen Bücher mit den bunten Umschlägen verschlang , durch die seine Pensionskollegen die steife Zurückhaltung des hochmütigen Junkers endlich überwunden hatten . Um ihretwillen hatte er sich sogar herbeigelassen und war Arm in Arm mit dem , der sich die Nägel biß , über den Grünen Markt gegangen ; um ihretwillen hatte er mit dem häßlichen Dickschädel auf der Altenburg Schmollis getrunken und die rothaarige Kellnerin unter dem Beifallsgebrüll der anderen in den Arm gekniffen . Als er das zweitemal den heimatlichen Boden betrat , hatte sich eine feine Falte zwischen seinen Brauen eingegraben . Walter Warburg , der » Judenjunge « , begleitete ihn . Professor Traeger hatte den jungen Mann als den klügsten und anständigsten unter seinen Schülern bezeichnet ; daraufhin hatte die Gräfin Savelli , nicht ohne starkes inneres Widerstreben , dem Wunsche Konrads , ihn mitzubringen , nachgegeben . Die beiden strichen von früh bis spät über Berg und Tal ; sie suchten Steine und Pflanzen und Tiere und saßen an Regentagen unermüdlich über ihren Sammlungen . Für Giovanni , dessen Haut nur noch wie ein zerknittertes Pergament in tausend Falten über seinen Knochen hing , schien Konrad keine Zeit zu haben . Einmal fing er den heißen Blick tückischen Hasses auf , mit dem der Alte seinen Freund durchbohren zu wollen schien , als dieser gerade , entzückt vom köstlichen Fang , einen großen Trauermantel auf das Spannbrett spießte . Ein seltsames Gefühl , aus Scham und Zorn gemischt , zwang Konrad von nun an , dem greisen Seiltänzer noch mehr aus dem Wege zu gehen . Es kam sogar vor , daß er es wie eine Erleichterung empfand , wenn die Tanten ihm von Giovannis gestörtem Geist allerlei Häßliches glauben machen wollten . Aber auch von der Großmutter zog er sich mit auffälliger Absicht zurück und behandelte sie mit der fremden Höflichkeit eines wohlerzogenen jungen Mannes . Die Freunde schienen völlig ineinander aufzugehen und der anderen nicht zu bedürfen . Und doch hatte Konrad ein Geheimnis vor Walter : seine Höhle . Es kam vor , daß er nachts aus dem Schlosse schlich , um bei Kerzenglanz vor der heiligen Magdalena mit sich allein zu sein . Nur zwei Augen , zu alt , um des Schlafs noch viel zu bedürfen , kleine schwarze Augen verfolgten ihn ; sie sahen , daß er keine Bücher mehr in sein Versteck trug , wohl aber eine kranke Sehnsucht , die müde aus seinen