Keyserling , Eduard von Abendliche Häuser www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Eduard von Keyserling Abendliche Häuser Erstes Kapitel Auf Schloß Paduren war es recht still geworden , seit so viel Unglück dort eingekehrt war . Das große braune Haus mit seinem schweren , wunderlich geschweiften Dache stand schweigsam und ein wenig mißmutig zwischen den entlaubten Kastanienbäumen . Wie dicke Falten ein altes Gesicht durchschnitten die großen Halbsäulen die braune Fassade . Auf der Freitreppe lag ein schwarzer Setter , streckte alle vier von sich und versuchte sich in der matten Novembersonne zu wärmen . Zuweilen ging eine Magd oder ein Stallbursche über den Hof langsam und lässig . Hier schien es , hatte niemand Eile . In der offenen Stalltüre lehnte Mahling , der alte Kutscher mit dem weißen Bart , und gähnte . In der offenen Gartenpforte stand Garbe , der Gärtner , und verzog sein glattrasiertes Sektierergesicht und blinzelte in die Sonne . Dann begannen die beiden Männer aufeinander zuzugehen , mitten zwischen Stall und Garten blieben sie stehen , sprachen einige Worte zueinander , schwiegen , spuckten aus , ließen wieder einige Worte fallen . Auf der anderen Seite des Hauses wurde eine Glastür geöffnet , die geradewegs in den Garten führte , und der Schloßherr , der Baron von der Warthe , wurde in seinem Rollstuhl von seinem Diener Christoph hinausgefahren . Dicht in seinen Pelz gehüllt , eine Pelzmütze auf dem Kopfe , schwankte die in sich zusammengebogene Gestalt im Stuhle sachte hin und her . Das Gesicht war sehr bleich und in seiner strengen Regelmäßigkeit von einer müden Ausdruckslosigkeit , nur die hervortretenden Augen waren noch wunderlich klar und blau . Neben dem Rollstuhl schritt die Schwester des Barons , die Baronesse Arabella , hin , groß und hager in ihrem schwarzen Mantel und dem wehenden Trauerschleier , das Gesicht schmal und messerscharf zwischen den gebauschten weißen Scheiteln . So ging es die feuchten Herbstwege des Parks entlang , auf denen die Herbstblätter raschelten . Von den Bäumen fielen Tropfen , und die Wipfel waren voll lärmender Nebelkrähen . Christoph steckte das Kinn tiefer in den aufgeschlagenen Kragen des Livreemantels und schnaufte ein wenig in der Anstrengung des Stoßens . Dann hielt er plötzlich still , sein Herr hatte ein Zeichen mit der Hand gemacht , der Baron sah zu seiner Schwester auf und sagte mit einer Stimme , die ärgerlich und gequält klang : » Sag ' mal , Arabella , was ist die Dachhausen für eine Geborene ? « - » Birkmeier , die Fabrikantentochter « , erwiderte die Baronesse ruhig und wie mechanisch . Befriedigt ließ der Baron den Kopf sinken , und Christoph schob den Stuhl weiter . Und doch vor wenigen Wochen noch war Paduren die Hochburg des adeligen Lebens in dieser Gegend gewesen , und der Baron Siegwart von der Warthe hatte hier eine stille , aber unbestrittene Herrschaft über seine Standesgenossen ausgeübt . Der kleine rundliche Herr mit dem strengen , feierlichen Gesicht , das von dem weißen Haar und weißen Backenbart wie von einem silbernen Heiligenschein umrahmt wurde , war das Gewissen dieses Adelswinkels gewesen . Öffentliche Ämter mochte er nicht bekleiden , in Versammlungen schwieg er . » Ich bin kein Tribünenläufer « , pflegte er zu sagen , aber seine Ansicht war dennoch stets die ausschlaggebende , und in jeder wichtigen Sache war es die Hauptfrage : Was sagt von der Warthe ? In Sachen der Politik und der Landwirtschaft , in Familienangelegenheiten und Ehrenhändeln , überall sprach er das wichtigste Wort mit . Er lieh Geld denen , die es nötig hatten und die er dessen würdig hielt , und wachte streng darüber , daß gute altedelmännische Sitte hier nicht in Verfall geriet . Wenn der Baron von der Warthe die greisen Augenbrauen in die Höhe zog , mit der flachen Hand durch die Luft von oben nach unten fuhr , als machte er einen Sargdeckel zu , und leise sagte : » Hm , - ja , schade , aber der Mann ist erledigt « , dann war der Mann für diese Gegend wirklich erledigt . Der Baron war sich seiner Stellung wohl bewußt , und er genoß sie , und sie war vielleicht die einzige wirkliche Freude seines Lebens . Immer wohlwollend würdig zu sein , geachtet und ein wenig gefürchtet zu werden , mag ein großes Gut sein , es macht jedoch einsam und ist nicht gerade heiter . Das gab dem Baron wohl auch den feierlichen , ein wenig ungemütlichen Ausdruck ; er sah aus , als dürfe er sich nie gehen lassen und als sei ihm dieses selbst zuweilen unbequem . Dietz von Egloff , der es liebte , von älteren Herren respektlos zu sprechen , meinte : » Dem Gesicht des alten Warthe würde ich es gönnen , sich einmal eine Stunde lang nach Herzenslust verziehen zu dürfen , um sich von der ewigen Würde gründlich erholen zu können . « Der Baron liebte es , wenn es heiter um ihn her war , seine Jagden und sein Rotwein waren berühmt , aber er konnte sich nicht verhehlen , daß die Leute sich gerade dann am besten unterhielten , wenn er zufällig nicht zugegen war . Das mochte ihn zuweilen ein wenig melancholisch machen , aber er gestand sich das selbst nicht ein und war überzeugt , daß er das bessere Teil erwählt habe , die Weisheit , die Würde und die Macht . Die jungen Leute liebten ihn nicht , lachten über ihn , wenn sie unter sich waren , und nannten ihn den » Baron Mißbilligung « . Allein sie fürchteten ihn , und wenn sie in Schwierigkeit gerieten , wandten sie sich stets an ihn . Die alten Herren bewunderten ihn und lauschten seinen Worten wie einem Evangelium . Am Kamin bei der Nachmittagszigarre liebte es der Baron , zu seinem alten Freunde , dem Baron Port auf Witzow , von seinen Grundsätzen zu sprechen : » Ansichten , die jungen Leute wollen jetzt allerhand Ansichten haben . Nun ja , ich bestreite ja nicht , es mag allerhand Ansichten und Grundsätze geben , die ganz gut und richtig sind für andere . Man braucht ja schließlich kein Edelmann zu sein , aber für uns gibt es gewisse Ansichten und Grundsätze , die richtig und wahr sind , nicht weil jemand sie uns bewiesen hat , sondern weil wir wollen , daß sie richtig und wahr sind . Mir braucht man nichts zu beweisen und zu erklären . Ich will , daß das und das wahr und richtig ist , weil , wenn das falsch ist , ich nicht mehr der von der Warthe bin , der ich bin , und du nicht von Port bist , der du bist , weil wir sonst beide alte Narren wären . Siehst du , das sage ich . « Als sein Freund zu sprechen anfing , hatte der Baron Port sich aus der leichten Nachmittagsschläfrigkeit aufgerüttelt . Er beugte den schweren Oberkörper nach vorn , legte die Hand an das Ohr und hörte aufmerksam zu . Als die Rede zu Ende war , schlug er dem Baron von der Warthe mit der flachen Hand auf das Knie und meinte : » Da hast du wieder recht , Bruder . « Dann lehnten die beiden Herren sich in ihre Sessel zurück und sogen befriedigt an ihren Zigarren . Vorbildlich wie die Ansichten und die Landwirtschaft des Baron von der Warthe für seine Nachbarn waren , so war es auch sein Haus , die hohen Zimmer voll weitläufiger , schwerer Mahagonimöbel , großer Kachelöfen , voller Ahnenbilder und alten Silbers , in denen sich ein Leben geregelter Wohlhabenheit behaglich abspann . » Unsere Vornehmheit ist schlicht « , pflegte der Baron zu sagen . Er liebte das Wort » schlicht « und fuhr gern , wenn er es aussprach , mit der flachen Hand waagerecht durch die Luft . Daß die beiden Kinder des Barons in Paduren , Fastrade und Bolko , Vorbilder für alle Kinder der Nachbarschaft waren , das wußte jedes Kind der Gegend . Die Baronin von der Warthe war bei der Geburt ihres zweiten Kindes gestorben , die Baronesse Arabella stand dem Haushalt ihres Bruders vor und erzog die Kinder , und auch diese Erziehung wurde allgemein bewundert . Da war der Hauslehrer , Herr Arno Holst , der Bolko auf die höheren Gymnasialklassen vorbereiten sollte und die eben erwachsene Fastrade noch in Literatur und Kunstgeschichte einführte . Ein schmalschulteriger junger Mann mit kurzsichtigen braunen Augen , blonden Locken und einem hübschen Mädchengesicht . Er war sehr musikalisch , sang mit einer schönen Baritonstimme , las Schillersche Dramen vor und war von einer fast knabenhaft schwärmerischen Begeisterung für alles Schöne . Der Padurensche Hauslehrer war in der ganzen Nachbarschaft berühmt . » Es ist toll , « sagte Baron Port zu seiner Frau , » wenn der Warthe sich was anschafft , so ist es unfehlbar erster Güte . Wie er das nur macht ? Hat er einen Hühnerhund , so ist der hasenreiner als alle unsere Hunde , nimmt er sich einen Hauslehrer , so ist das gleich ein ungewöhnlich scharmanter Kerl . « » Kränklich scheint er mir « , sagte die Baronin , die es nicht liebte , die Schattenseiten an Menschen und Sachen zu übersehen . Um so größeres Erstaunen erregte die Nachricht , Herr Holst habe das Schloß plötzlich verlassen . In Paduren tat man so , als sei nichts Besonderes geschehen , es sei eben an der Zeit , Bolko auf das Gymnasium zu schicken . Allein ein Gerücht , niemand wußte , woher es kam , wollte nicht verstummen , es erzählte von wunderlichen Dingen , welche sich in Paduren ereignet haben sollten . Hatte sich Herr Holst in Fastrade verliebt ? Hatte Fastrade sich in den hübschen Hauslehrer verliebt ? Hatten sie sich verlobt , und hatte es einen bösen Familienauftritt gegeben ? Niemand glaubte so recht daran , dennoch wurde auf den benachbarten Gütern eifrig darüber geflüstert , und es war , als sei den meisten der Gedanke nicht angenehm , daß es auf Paduren auch nicht immer so einwandfrei hergebe , wie es scheinen wollte . Von Warthes war natürlich nichts zu erfahren . Bolko kam auf das Gymnasium , der Baron war würdig und voll Autorität wie immer , die Baronesse Arabella schwieg , und Fastrade sah man wie sonst auf ihrem kleinen Schimmel die Waldwege entlang jagen im blauen Reitkleid . Unter der weißen Knabenmütze flatterte blondes Haar um das runde , über und über rosa Gesicht , auf den Lippen ein stetiges Lächeln , als lächelte sie dem scharfen Luftzuge der tollen Bewegung zu . Auch in Gesellschaft war sie wie sonst das unbefangene heitere Mädchen mit dem hinreißenden Lachen . Sie bog dann den Kopf zurück , öffnete die Lippen ein wenig weit , und die Augen wurden glitzernd und feucht . » Die Augen der kleinen Warthe machen mich durstig , « hatte Dietz von Egloff gesagt , » auf der ganzen Welt habe ich nach einem Getränk gesucht , so stark blau und ganz durchsichtig , aber das gibt es nicht . « Zwei Jahre vergingen , Bolko bezog die Universität , Fastrade feierte ihren einundzwanzigsten Geburtstag , als wiederum eine Nachricht die Gegend in Aufregung versetzte . Fastrade , hieß es , verlasse ihr väterliches Haus , um fern irgendwo , in Hamburg sagte man , im Krankenhause die Krankenpflege zu erlernen . Die Nachricht bestätigte sich und war doch so unglaublich . Wie oft hatten nicht alle es von dem Baron von der Warthe gehört : » Unsere Töchter gehören in unser Haus , bis sie ihr eigenes beziehen . Tochter eines adeligen Hauses zu sein ist ein Beruf , der ebenso wichtig ist , wie jeder andre Beruf . « Und noch letzthin , als die zweite Tochter der Ports nach Dresden ging , um ihre Stimme auszubilden , hatte der Baron das eine Desertion genannt . Und nun desertierte seine einzige Tochter , ließ die beiden alten Leute allein . Was war geschehen ? In Paduren schwieg man darüber wie immer . Man glaubte zu bemerken , daß der Baron nach der Abreise seiner Tochter strenger und unnachsichtiger in seinen Urteilen war , daß er ungeduldig wurde , wenn man ihm widersprach , aber sonst war keine Veränderung bemerkbar . Große Jagden wurden in Paduren abgehalten , bei denen er nervös die Jugend zur Heiterkeit aufmunterte . Ja , er selbst bemühte sich , heiter zu sein , sprach viel von Bolko , von dem Studentenleben , erzählte aus der eigenen Studentenzeit verschollene Studentenstreiche , über die nur er und der Baron Port lachen konnten . An einem Novemberabend trat die Baronesse Arabella in das Arbeitszimmer ihres Bruders , sie fand ihn in seinem Sessel sitzend , den Kopf zurückgelehnt , das Gesicht grau und wie zerfallen , die Augen geschlossen , in der Hand hielt er ein Telegramm . » Mein Gott ! Siegwart ! « rief die Baronesse . Matt reichte er ihr mit der einen Hand das Telegramm , mit der anderen winkte er . Er wollte allein sein . Das Telegramm meldete , Bolko sei im Duell gefallen . Die Baronesse ging , um sich in ihr Zimmer zu verschließen und zu weinen . Im Schlosse wurde es eine Weile ganz still , als die Nacht aber hereingebrochen war , begannen Schritte unablässig durch die lange Zimmerflucht zu irren , und wenn sie an der Tür der Baronesse vorüberkamen , glaubte diese etwas wie ein leises Wimmern zu hören . Den nächsten Morgen war der Baron bleich und gefaßt , traf die Vorbereitungen für die Bestattung seines Sohnes und empfing die Trauerbesuche . Er war feierlich und würdevoll wie immer , nur schien es zuweilen , als gerieten diese Feierlichkeit und diese Würde ins Schwanken , als müßte er sie gewaltsam festhalten wie einen schweren Mantel , der von den Schultern herabzugleiten droht . Nach dem harten Schlage , der sie getroffen , zeigten die Einwohner von Paduren sich nicht in der Nachbarschaft . Sie blieben zu Hause und gingen recht schweigsam in den großen Räumen nebeneinander her . Einmal sagte die Baronesse Arabella zu ihrem Bruder : » Unsere Fastrade , soll unsere Fastrade nicht kommen ? « Er aber winkte ärgerlich ab . Die Nachbarn trauten sich nicht recht in das so still gewordene Schloß , nur der Baron Port besuchte seinen Freund . Dann saßen sie beide wie sonst am Kamin bei der Nachmittagszigarre , und der Baron von der Warthe sprach von seinen Grundsätzen und den falschen Ansichten der jungen Leute , er wollte sich wieder an den eigenen schönen und vernünftigen Worten erfreuen , aber es war , als schmeckten sie ihm nicht mehr , die Stimme begann zu zittern , wurde kleinlaut und mutlos und versiegte endlich ganz . Dann beugte sich der Baron Port vor und klopfte seinem alten Freunde sanft auf das Knie . - » Der Warthe ist nicht mehr der alte , « berichtete Baron Port seiner Frau , » er hält sich , er hält sich , aber das mit dem Sohn ist für ihn doch zu stark gewesen . « Ja , es war für ihn zu stark gewesen . Als Christoph eines Nachmittags in das Arbeitszimmer seines Herrn trat , wo dieser auf einem großen Sessel seine Nachmittagsruhe zu halten pflegte , fand er ihn auf dem Fußboden liegend . Der kleine Herr lag da , Hände und Füße hilflos von sich gestreckt , das Gesicht grau und wie von einer Qual verzerrt inmitten des silbernen Heiligenscheines der Haare und des Backenbartes . Ein Schlaganfall hatte ihn getroffen , hatte den armen Baron » Mißbilligung « in einem Augenblick all seiner Feierlichkeit und seiner schönen Haltung entkleidet und ihn zu einem hilflosen alten Manne gemacht . Zweites Kapitel Die Baronesse Arabella hatte sich entschlossen , am Nachmittage einen Besuch bei der Baronin Port zu machen . Die Krankenstubenstille des Schlosses quälte sie wie eine Krankheit . Sie wollte Menschen sehen und sprechen , vor allem sprechen . So fuhr Mahling sie in der großen Kalesche nach Witzow hinüber . Die Herbstwege waren schlecht , das Wetter feucht und kalt unter einem niedrigen grauen Himmel , der Wind wühlte im feinen Gezweige der Hängebirken wie in feuchtem roten Haar . Zwischen den Schollen der aufgepflügten Äcker lag hier und da schon ein wenig Schnee . Alles sah unreinlich aus und als ob es friere . Aber die alte Dame blickte mit einem liebenswürdigen und angeregten Lächeln auf die Landschaft hinaus . Sie machte schon jetzt ihr Besuchsgesicht , denn sie freute sich wirklich herzlich auf ihren Nachmittag . Das weiße Witzowlandhaus mit der niedrigen Treppe , vor dem sie jetzt hielten , erschien ihr heute besonders anheimelnd , auch der große Flur , der stets nach feuchtem Kalk roch und in dem die Baronesse jedesmal dachte : Die gute Karoline kann sagen , was sie will , das Haus ist doch feucht . Sylvia , die älteste Tochter des Hauses , ein schlankes , ältliches Mädchen mit einem bleichen Gesicht und einem gefühlvollen , ein wenig mitleidigen Lächeln , empfing die Baronesse . Sylvia hatte eine Art , die Leute zu begrüßen , als seien sie krank und bedürften der Teilnahme und der Schonung . Und das tat der alten Dame heute wohl . Im Wohnzimmer auf dem großen Sofa mit der zu steifen Rücklehne saß die Baronin Port , eine sehr starke Dame , das Gesicht stets rot und erhitzt unter der weißen Blondenhaube . » Nun , meine gute Arabella , « sagte sie mit einer lauten , tiefen Stimme , » da sind Sie , ich habe an Sie schon wie an eine Verstorbene gedacht . « Die Baronesse lächelte wehmütig : » Ach ja , zuweilen möchte man wirklich schon gestorben sein . « » Na , na , es kommen wieder bessere Zeiten , « beschwichtigte die Baronin , » setzen Sie sich , und erzählen Sie , wie geht es bei Ihnen ? « » Immer das gleiche , « erwiderte die Baronesse , » doch nein , eine gute Nachricht habe ich , unsere Fastrade kommt , ich habe an sie geschrieben , und sie kommt . « » So . « Die kleinen Augen der Baronin wurden blank vor Neugierde , und sie lüftete die Blondenhaube ein wenig an den Ohren , um besser hören zu können . » So , die kommt also , jetzt erst . « Die Baronesse zog traurig die greisen Augenbrauen empor und meinte : » Bisher hatte es der Vater nicht gewollt , aber jetzt - . « » Und immer wegen des jungen Menschen ? « fragte die Baronin gespannt . Die Baronesse nickte , sie schwieg einen Augenblick , lehnte den Kopf zurück . Sie wußte , jetzt würde sie über alle diese Dinge sprechen , über die sie so lange hatte schweigen müssen . Aber sie konnte nicht anders . Sylvia ging leise ab und zu und servierte den Tee . Die Baronin nahm eine Strickarbeit mit klappernden elfenbeinernen Nadeln , wie beruhigt darüber , daß sie ihren Besuch jetzt dort hatte , wo sie ihn haben wollte . » Ach ja ! Was man nicht erlebt , « begann die Baronesse , » und denken Sie sich , ich hatte doch von allem nichts gemerkt , ich merke so etwas nie . Erst als eines Tages die beiden sich an der Hand faßten und in das Schreibzimmer meines Bruders gingen , da packte mich der Schrecken , die Knie zitterten mir so , daß ich mich setzen mußte . « » Also einfach eine Verlobung « , bemerkte die Baronin sachlich . » Ja , « erwiderte die Baronesse , » die armen Kinder dachten sich wohl so etwas , aber mein Bruder machte dem allen schnell ein Ende . « » Wie ertrug es Fastrade ? « inquirierte die Baronin weiter . Die Baronesse seufzte , diese langverschwiegenen Dinge herauszusagen , ergriff sie so stark . » Fastrade , Sie kennen sie ja , ist ein so starkes und mutiges Mädchen , wenn sie gelitten , hat sie es uns nie gezeigt . Und wie die Zeit verging , glaubte ich , sie hätte ihn vergessen . Da kommt nun dieser Geburtstag , an dem sie dem Vater erklärt , sie muß fort in ein Krankenhaus , sie ist volljährig , sie hat Geld von ihrer Mutter ; was gesprochen wurde , weiß ich ja nicht , Sie kennen meine Feigheit ; wenn so etwas in der Luft liegt , verkrieche ich mich in mein Zimmer . Da kommt nun das Kind , weiß wie ein Tuch und sagt : Ich reise . Liebes Kind , sage ich , nur eins möchte ich wissen , ist es seinetwegen ? Sie sieht mich ruhig an und sagt klar und fest : Er ist krank und in Not , da muß ich bei ihm sein . Was konnte ich da sagen , ich habe ja nie recht was zu ihr sagen können . Als sie noch ein kleines Mädchen war , fühlte ich , daß sie von uns beiden immer die Klügere und Stärkere war . So reiste sie denn . Es war gute Schlittenbahn , ich stand im großen Saal am Fenster und hörte noch den Schellen ihres Schlittens zu , die man bei uns ja so weit von der Landstraße hört , da kam mein Bruder aus seinem Zimmer , setzte sich an den Kamin , stocherte mit der Zange in den Kohlen herum und murmelte so vor sich hin : Auf dem Posten bleiben will keine . Das ist wohl auch schwerer , ein Fräulein von der Warthe zu sein , als so etwas anderes . « » Also sie fuhr direkt zu dem jungen Menschen « , sagte die Baronin scharf . » Nun ja « , erwiderte die Baronesse zögernd , » er war krank , lag im Krankenhaus , da hat sie ihn wohl gepflegt und dann , dann starb er . « Die Baronin ließ die Arbeit sinken und blickte überrascht auf : » Er starb ? Gott sei Dank ! « » Wollen wir uns nicht versündigen , liebe Karoline , « meinte die Baronesse wehmütig , » der arme junge Mensch ! Vielleicht war es so besser . « » Viel besser , « bestätigte die Baronin , » überhaupt , die Sache ist dann nicht so schlimm , aber das kommt von der Geheimtuerei , da denkt man gleich wer weiß was . « » Und dann , liebe Karoline , « versetzte die Baronesse und lächelte gerührt , » unserer Fastrade kann man dies alles nicht anrechnen , sie hat ein zu heißes Herz . Als unser kleiner Hund umkam , sie war noch ein kleines Kind , da hat sie doch die ganze Nacht geweint und geradezu gefiebert . Und später , als die alte Wärterin Knaut starb , - mein Bruder hatte gewünscht , daß die Kinder bei der Beerdigung mit auf den Friedhof genommen werden , sie sollten sich früh an solche Pflichten gewöhnen , sagte er - , nun gut , am Abend , es war im Juni , ist Fastrade fort . Man sucht sie und wo findet man sie ? Sie sitzt auf dem Friedhofe in der Abenddämmerung am Grabe der Knaut , sie will die Knaut nicht allein lassen . So war sie immer . « Von ihrem Sitz aus konnte die Baronesse die dämmerige Zimmerflucht entlang sehen , an deren Ende jetzt die breite Gestalt des Baron Port erschien und langsam herankam . Er war von seinem Nachmittagschlafe aufgestanden und schien verstimmt , er begrüßte die Baronesse kurz und setzte sich an den Tisch . » Wir sprechen von der Fastrade , « sagte die Baronin , » sie kommt endlich nach Hause . « Der Baron machte eine abwehrende Handbewegung und beugte sich über die Teetasse , welche seine Tochter vor ihm hingestellt hatte . » Und Ihre Gertrud kehrt ja auch wieder zu Ihnen zurück « , versetzte die Baronesse . Da begann der Baron zu sprechen , heiser und undeutlich , als läge ihm nichts daran , daß er verstanden werde : » Ja , zurück kommen sie alle , aber wie ? Die Nerven kaputt , zerzaust wie die Hühner nach dem Regen , der arme Warthe hatte ganz recht , keine will auf dem Posten bleiben . Früher hatten die adeligen Fräulein nie solche Talente , die ausgebildet werden mußten , das ist auch so die neue Zeit . « Dieses knarrende Schelten schien ihm wohlzutun , er fuhr daher fort , verbiß sich in seinen Ärger : » So bin ich gestern bei Dachhausens zu Mittag . Na , daß es dort nach Finanz riecht , dafür können sie nichts , sie ist ja eine Fabrikantentochter , aber er ist ein braver Junge , und einer der Unseren . Gut , es wird also ein Rehbraten serviert , einer unserer ehrlichen , heimatlichen Böcke , aber ringsum auf derselben Schüssel liegen so halbe Orangeschalen voll Orangegefrorenem , so das süße Zeug , das man beim Konditor kriegt . « » Ist das gut ? « fragte die Baronesse teilnehmend . Der Baron zuckte mit den Schultern : » Gut ! In Berlin und Paris versucht man mal so abenteuerliches Zeug , aber hier bei uns - ich kann mir nicht helfen , mir kommt so was pervers vor . Na und unser anderer Nachbar , der Egloff in Sirow , daß er sein Haar gescheitelt trägt wie ein Mennonitenprediger , ist seine Sache , das soll amerikanisch sein . Also vorigen Tag war ich Geschäfte wegen bei ihm , da stellte er mir so einen kleinen Kerl vor , schwarz wie ein Tintenfaß , der ist ein portugiesischer Marquis , und einen langen Grauhaarigen mit einer blauen Brille , der ist wieder ein polnischer Graf . Und die Großmutter , die alte Baronin , sieht diese unheimlichen Leute strahlend an und freut sich , daß ihr Dietz so vornehme Bekannte hat . Und wenn sie abends in ihrem Zimmer sitzt und sich von dem Fräulein Dussa die frommen Bücher vorlesen läßt , dann horcht sie hinaus auf das Toben der Herren im Spielzimmer und ist glücklich , daß ihr Dietz sich so gut unterhält dort am grünen Tisch , wo er das Familienvermögen riskiert . « Der Baron schüttelte sich wie von Widerwillen übermannt und schloß düster : » Eins weiß ich , ich werde diese Komödie nicht mehr lange anzusehen haben , mein Parkettsitz wird bald leer sein . « Alle schwiegen ; die Dämmerung war vollends hereingebrochen . Als ihr Vater zu sprechen begonnen , hatte Sylvia sich erhoben und ging lautlos die Zimmerflucht auf und ab , zuweilen blieb sie an einem Fenster stehen und schaute hinaus auf den schwefelgelben Streifen , der am Abendhimmel über dem schwarzen Walde hing . Eine , die bleich und nachdenklich auf ihrem Posten geblieben war . Da die Dunkelheit kam , machte die Baronesse sich auf den Heimweg . Als sie im Wagen saß , sagte sie sich , daß es dort bei Ports nicht eben heiter gewesen war , aber sie hatte sprechen können , und das empfand sie wie eine Erleichterung nach allem Schweigen . Drittes Kapitel Es war reichlich Schnee gefallen , die Abenddämmerung lag blau über der weißen Decke . Die Baronesse Arabella hatte zwei Lampen im großen Saal anzünden lassen und ging nun unablässig dort auf und ab , die eingefallenen Wangen leicht gerötet . Oft blieb sie stehen und lauschte hinaus auf ein Schellengeläute , das fern von der Landstraße herübertönte . Solchem Schellengeläute zuzuhören , wie es von der Straße herklang , an den Biegungen schwächer wurde , wie es sich entfernte oder näher kam , war ihr stets eine gewohnte Beschäftigung an stillen Winterabenden gewesen , und wie bedeutungsvoll war dieses Geläute zuweilen , an dem Abend , da Fastrade von ihnen fuhr , und wiederum an jenem Abend , da die Glocke der Estafette immer näher kam , welche die Nachricht von des armen Bolko Tode brachte . Seitdem schien es der Baronesse , als könnte sie aus den Stimmen der Schellen etwas von dem heraushören , was dort auf der Landstraße zu ihr herankam . Heute , glaubte sie , heute klängen die Schellen besonders hell und erregend , es war Fastrade , die da kam . Die alte Dame freute sich , aber in dieser Freude lag eine Aufregung , die sie fast schmerzte . Jetzt war das Geklingel ganz nahe , es machte einen großen Bogen im Hofe und hielt vor der Freitreppe . Geräuschvoll öffnete Christoph die Haustüre . Die alte Dame stand regungslos da und horchte auf die Schritte im Flur . Fastrades Stimme mit ihrem metalligen Schwingen sagte . » Guten Abend , Christoph , wie unverändert Sie sind , nur grau sind Sie geworden . « - » Wir sind hier alle grau geworden , gnädiges Fräulein « , erwiderte Christoph . Jetzt öffnete sich die Tür , und Fastrade stand da in ihrer hübschen , aufrechten Haltung . Über dem schwarzen Trauerkleide nahm sich der blonde Kopf , das runde , von der Fahrt leicht gerötete Gesicht wunderbar hell und farbig aus . Sie lächelte ihr Lächeln , das ihr so leicht auf die Lippen stieg , und die Augen , von der Dämmerung verwöhnt , blinzelten in das Licht . Die Baronesse stand noch immer