Heyking , Elisabeth von Tschun www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Elisabeth von Heyking Tschun Eine Geschichte aus dem Vorfrühling Chinas Tschun war ein schmutziger kleiner chinesischer Junge . Er war nicht schmutziger als andere kleine chinesische Jungen . Er war im Gegenteil etwas reiner . Denn Tschuns Mutter war Christin . Und Christentum bedeutet in China unter anderem auch gelegentliches Waschen . Das Häuschen seiner Mutter stand nahe am Petang . Der Petang ist eine große weiße Kirche ; sie ist dicht umdrängt von einer Menge kleiner grauer Häuschen , in denen lauter Christen wohnen . So sieht sie aus wie ein stolzer weißer Vogel , unter dessen schneeigem Gefieder kleine graue Vogelbabies Schutz suchen . Dieser Anblick begeisterte einmal einen Missionar zu einer schwungvollen Rede , in der er den Chinesen sagte : » Die Kirche ist gleich einem schönen weißen Schwan , Ihr alle seid noch häßliche braune Kücken , aber beharrt nur im rechten Glauben , dann werdet Ihr auch einmal schwanengleich zum Himmel fliegen . « Zwecks Heidenbekehrung war diesem Missionar die Gabe beredter Bildersprache verliehen . Auf Logik kommt es dabei weniger an . - Mit Logik ist auch noch nie jemand bekehrt worden . Das sind Gefühlssachen . Manchmal auch Geldsachen . Der Petang war für Tschun und seine Verwandten und all die Christen rund herum eine Gefühlssache . Er war in ihrem Leben das Schöne . - Sie hätten darüber nicht zu reden vermocht , denn es war ja auch nicht der kleinste Professor der Aesthetik unter ihnen . Aber die ganze Woche freuten sie sich auf den Sonntagmorgen . Da zogen sie sich ihre besten Kleider an und gingen in die große weiße Kirche . Und die Frauen nahmen ihre kleinsten Kinder mit und blieben dort so lange wie nur irgend möglich , bis zum letzten Orgelton . Im Innern der Kirche war es zuerst etwas dämmerig . Tschun kam die Decke der Kirche so weit und hoch vor , als reiche sie hinauf in den Himmel , und oben waren ja auch eine Menge goldener Sterne , ganz wie nachts am wirklichen Himmel , nur daß der schwarz war , und hier standen die goldenen Sterne auf einem blitzblauen Grunde . Es war aber gewiß am schönsten so , denn den ganzen Petang und alles darinnen hatte sich ja der gute Bischof mit dem weißen Bart ausgedacht und dann geschaffen . Der Bischof , meinte Tschun , mußte darum sicher ein naher Verwandter des lieben Gottes sein . Tschun fand den Altar mit den Lichtern und bunten Papierblumen wunderschön , und die Priester trugen so herrliche Kleider ; an hohen Festtagen schienen sie von Gold und Silber zu flimmern ; Tschun konnte sich gar nicht so viele Kupfermünzen zusammendenken , wie ein solches Kleid kosten mußte . - Im Petang gab es eine Menge Priester . Manche von ihnen waren von fernher über das Wasser gekommen aus fremden Ländern . Klein-Tschun verstand nicht recht , was das heiße ; erst allmählich begriff er es und schloß , daß es wohl eine Folge des beklagenswerten Fremdseins sei , daß auf diesen Priestern der Zopf und die chinesische Tracht nie so ganz richtig aussahen . Es gab aber auch ganz echte Chinesen unter den Priestern . Klein-Tschun dachte , es müsse herrlich sein , wie sie zu werden und alle Tage im Petang mitten in den Weihrauchwolken zu stehen . Er vertraute diesen Wunsch seiner Mutter an , aber die antwortete , Priester dürften nicht heiraten und keine Kinder haben . Das stimmte Tschun sehr nachdenklich , denn auch der kleinste Chinesenmensch jeder Konfession weiß ja , daß man nur auf die Welt kommt , um selbst wieder einen Sohn zu haben , der die Verehrung der Ahnen fortsetzt . - An der rechten Seite des Hochaltars , etwas zurück und versteckt , waren Bänke , auf denen die Nonnen des Petang saßen . Sie trugen einfache blaue Kleider und große weiße Hauben . Es war nie der geringste kleine Fleck auf den Hauben , und Tschun wunderte sich , wie man das wohl anfange , denn seine eigenen Sachen wurden immer schmutzig , ohne daß er wußte wie und wo . - Die Nonnen wohnten in einem eigenen Gebäude , das hinter hohen Mauern lag , jenseits des Petang . Das Gebäude war einstöckig , aber sehr groß , mit Höfen und breiten , offenen Säulengängen . Es war alles schneeweiß gestrichen , und die Säulen warfen duftige , bläuliche Schatten auf die Steinfliesen . In der Mitte des einen Hofes stand auf hohem Sockel eine Figur der heiligen Jungfrau mit einem hellblauen Mantel ; ringsherum in regelmäßigen Beeten mit Kacheleinfassungen blühten dunkelrote Monatsrosen . - Es war eine stille , friedliche Welt für sich - ganz anders als das übrige Peking . - Es war aber auch eine fleißige Welt , in der jeder sein reichliches Teil Arbeit hatte . Die Nonnen nahmen eine Menge kleiner chinesischer Kinder bei sich auf , von den allerärmsten , allerelendesten , die ohne sie in irgendeinem Winkel , an irgendeinem bitterkalten Wintertage sicher umgekommen wären . Sie hüteten , pflegten und ernährten diese gelben , schlitzäugigen Geschöpfchen , als sei jedes kleine chinesische Menschenleben eine ganz wichtige Sache . Die größeren Kinder unterrichteten sie . Eine Schwester , die Teresa hieß , lehrte die Mädchen , wunderschöne Stickereien zu machen , Priestergewänder und Altardecken ; aber auch Wäsche , gestickte Kleider , Tischdecken , sogar Maskenkostüme wurden da angefertigt , für die fremden Damen , die in Peking wohnen . - Eine Schwester war Apothekerin , und jeden Tag kamen eine Menge Kranke und Krüppel zu ihr , um sich verbinden und Arzneien geben zu lassen . Schreckliche Geschwüre , eiternde Beulen , vernachlässigte Wunden und Leiden aller Art bekam die Schwester täglich zu sehen , und auf alles schaute sie mit derselben Güte und lächelnden Milde , als sei ihr das viele Häßliche nie widerlich , sondern nur ein bißchen trauriger als alles übrige . Tschun wurde auch einmal von seiner Mutter zu der Schwester Apothekerin gebracht . Gegen der Mutter Warnung war er nämlich anderen größeren Nachbarkindern nachgelaufen , die einen großen Papierdrachen steigen lassen wollten ; dabei hatten sich seine Füße in der Schnur verwickelt , er war gefallen und mit dem Kopf gegen einen großen , spitzen Stein geschlagen . Was weiter geschah , erinnerte er sich nicht genau . Er befand sich plötzlich zu Hause bei seiner Mutter , und bald darauf ging sie mit ihm in das Kloster , und die Schwester Apothekerin verband ihm den Kopf in einem Zimmer , wo es merkwürdig roch , und wo hinter Glasscheiben auf Gefächern an der Wand eine Menge Flaschen , Töpfe , Näpfe und große bunte Glasschalen standen . Tschun konnte sich nicht erinnern , je früher im Hause der Nonnen gewesen zu sein , aber vielleicht blieb ihm dies eine Mal nur wegen des Loches im Kopf so deutlich als erstes Mal im Gedächtnis . Er mußte noch mehrmals zurückkehren , um den Verband erneuern zu lassen , und bei diesen Besuchen lernte er das ganze Kloster kennen . Seine Mutter begleitete ihn jedesmal , obschon der Weg von ihrem Häuschen ganz kurz war und er recht gut hätte allein gehen können . Aber er erfuhr , daß seine Mutter früher , vor vielen Jahren , als sie noch jung war und unverheiratet , ganz bei den Nonnen gelebt hatte ; er sah dort andere Frauen , die auch in dem Kloster erzogen worden waren und immer wieder gern auf ein Stündchen hingingen , und die den Schwestern erzählten , das Leben sei nie mehr so schön geworden , wie es damals bei ihnen gewesen . Sie litten alle am Vergangenheitsheimweh , ohne es selbst zu wissen . Tschun hätte das noch gar nicht verstehen können , denn seine Welt war noch ganz Gegenwart . Eines Tages , als Tschun wieder mit seiner Mutter nach dem Petang gegangen war , sah er ein paar grüne Sänften vor dem Eingangstor stehen . Träger hockten herum und rauchten aus kleinen Pfeifen , und Reitknechte in bunten seidenen Röcken führten Pferde auf und ab , die in der frischen Herbstluft dampften , wie Schüsseln schönen warmen Reises . Die Pferde trugen kleine Ledersättel auf dem Rücken , wie Tschun sie damals noch nicht kannte . Die Schwester Apothekerin erzählte , einige Herren und Damen von den fremden Gesandtschaften hätten den Bischof besucht und seien nun herübergekommen , um auch die Schule der Nonnen zu besehen . Als Tschun mit seiner Mutter in die weiße Veranda heraustrat , standen die Fremden gerade da und verabschiedeten sich von der alten Oberin . Die Herren trugen hohe Stiefel aus gelbem Leder , das wie Spiegel glänzte , und Tschun wunderte sich sehr darob , denn er dachte , alle Menschen trügen sommers kleine chinesische Zeugschuhe mit dicken Filzsohlen und winters zum Reiten hohe Samtstiefel . Tschun war so beschäftigt mit den gelben Stiefeln , daß er die fremden Menschen selbst gar nicht sehr beachtete . Nur eine Dame fiel ihm auf , weil sie sich zu ihm beugte und sein Gesicht streichelte : und obschon es Spätherbst war , und alle Blüten längst erfroren waren , kam es Tschun vor , als dufte es plötzlich um ihn nach Blumen ; daß die freundliche Dame aber statt glattem , schwarzem Haar krause rötliche Löckchen bis nahe an die Augen hängen hatte , empfand Tschun als etwas sehr Häßliches , und sie tat ihm darum sehr leid . Als die Fremden fort waren , erzählte die Oberin , der eine kleine , ältliche Herr sei derjenige Gesandte , der den Bischof , die Priester , die Nonnen und den ganzen Petang beschütze . Tschun konnte das nicht begreifen . Der Bischof , mit dem goldenen Kleid und der hohen glänzenden Mütze , von dem grauen , unscheinbaren Männchen beschützt ? Wahrscheinlich hatte sich die Oberin geirrt , und es war gerade umgekehrt . Aber Tschun hatte nicht Zeit , sich lange bei den verwickelten Beziehungen zwischen Kirche und Staat aufzuhalten . Er stand in dem Lebensalter , da jeder Tag neue , erstaunliche Entdeckungen bringt - der erste Schnee , der im Gedächtnis weißer und glitzernder zurückbleibt als alle später erlebten Schneefälle , die langen Karawanen zottig-brauner Kamele , die allherbstlich aus der Mongolei kommen , und denen er sich doch nicht erinnern konnte je früher in den Straßen ausgewichen zu sein ; dann die langausgedehnten Neujahrsfeste , vor deren Beginn er Verwandte und Nachbarn immerzu von Geld reden hörte und von der Notwendigkeit , Schulden zu bezahlen ; und dann die Festzeit selbst , in der die Welt auf einmal mit bunten Bildern , Glückssprüchen und Laternen angefüllt zu sein schien , wo von einem Haus zum anderen Bretter mit Geschenken getragen wurden , köstliche Süßigkeiten und große rosa Klatschrosen , oder künstlich verkrüppelte , blühende Pflaumenbäumchen , die rote Visitenkarte des Gebers auf all den Herrlichkeiten obenauf liegend ; eine Zeit , in der Feuerwerk abgebrannt und die ganzen Nächte hindurch geschossen wurde , während tagsüber geputzte Leute durch die Straßen gingen und Besuche austauschten , bei denen man sich über zahllosen Tassen Tee und unter vielen Verbeugungen nach gegenseitigem Befinden erkundigte und sich Gutes wünschte . Es gab unendlich viel zu sehen für Tschun , der sich so gern draußen herumtrieb ; aber in der ganzen festlichen Welt erschienen ihm als begünstigtste Wesen ein paar Nachbarskinder , die für einige Kupfermünzen Knallerbsen gekauft hatten und damit in der Straße um sich warfen . Ob der Knallerbsen , und besonders , weil diese Kinder schon in die Schule gingen , erschienen sie Tschun als in der menschlichen Hierarchie weit über ihm stehend . Bald aber war er ihnen zu ebensolcher Höhe nachgewachsen , und als er sechs Jahre alt war , begann auch er eine vom Petang abhängige Schule zu besuchen . Er war stolz darauf , denn abergläubische Ehrfurcht vor den Wissenschaften war ihm , wie jedem Chinesen , angeboren . Alle Morgen , nachdem zu Hause von der ganzen Familie der Frühtee und die beim vorüberziehenden Straßenhändler gekauften Kuchen verzehrt worden waren , wobei Tschun als Jüngster , wie sich ' s schickt , zuletzt an die Reihe kam , wanderte er nun brav durch die schmutzigen Straßen zur Schule , ohne sich durch die Lockungen all dessen , was es unterwegs zu begaffen gab , verleiten zu lassen . » Der Weg zur Gelehrsamkeit ist lang « , hatte Tschun sagen hören , da durfte man nicht gleich bei den ersten Schritten säumen . In dem Schulzimmer kauerte Tschun mit den kleinsten Schülern auf dem Kang , während die größeren auf Bänken an Tischen saßen . Chinesische Lehrer , die selbst von den fremden Priestern ausgebildet worden waren , unterrichteten die Knaben im Lesen und Schreiben der , ach so schwierigen , chinesischen Schriftzüge , vor allem aber im Katechismus und der biblischen Geschichte . Den Methoden des chinesischen klassischen Unterrichts sich weise anpassend , bestanden die Aufgaben auch hier hauptsächlich nur im mechanischen Auswendiglernen . Dabei ging es aber sehr lebhaft her , denn all die Kinder lernten gleichzeitig und mit möglichst laut erhobener Stimme ihr Pensum und überhörten sich gegenseitig , ehe sie dem Lehrer aufsagten ; gegen den verwirrenden Lärm , der hierdurch auf der langen Straße zur Gelehrsamkeit herrschte , waren Lehrer und Schüler gleich unempfindlich . Am besten gefielen Tschun die Stunden in der biblischen Geschichte . Die Patriarchen erschienen ihm bald wie alte Bekannte , chinesischen Familienchefs gleichend , waren sie Hohepriester und Herrscher zugleich . Abraham , den Isaak schlachtend , war Tschun ein geläufiger Begriff , denn Väter waren ja nun mal allgewaltige Wesen , Herren über Tod und Leben , auch in China - besonders in China . Und ebenso erschien es ihm nichts gar zu Absonderliches , daß sich Brüder fanden , die einen der Ihren , den jungen Joseph , wie ein kleines , lästig gewordenes Haustier verkauften . Denn wenn zwar das Christentum seiner eigenen Familie Kindertötung oder Verkauf ausschloß , so war es doch eben nur ein Christentum weniger Jahre . Dahinter aber lagen die Jahrtausende chinesischer Vergangenheit mit all ihren aufgespeicherten Anschauungen und Sitten . Und das hatte ja Tschun häufig erwähnen hören , daß bei den stets wiederkehrenden Hungersnöten noch heute alljährlich Tausende von Kindern in dem einen oder anderen Teil Chinas ausgesetzt , verkauft oder gar von den Ihrigen getötet wurden . - Wenn Isaak statt eines Sohnes eine Tochter gewesen wäre , so hätte Tschun den Vorgang freilich für noch viel begreiflicher gefunden , und dann wäre der Tientschu auch wohl schwerlich dem Abraham noch im letzten Augenblick hindernd in den Arm gefallen , denn das weiß ja ein jeder , daß kleine Mädchen minderwertige Geschöpfe sind , um deren Rettung sich sicher kein Himmelsherr sonderlich bemühen würde , und daß Väter sie als » Besitz , an dem Geld verloren wird « bezeichnen , da sie ihnen ja zur Heirat eine Aussteuer geben müssen , die dann samt ihrer Arbeitskraft an die Familie des Ehemannes verloren geht . Im Petang dachte man über solche Dinge freilich anders . Unter den kleinen Waisenmädchen , die dort von den Nonnen aufgezogen und unterwiesen wurden , gab es manche , die verlassen und hungernd von Missionaren in Ueberschwemmungsgebieten aufgefunden und dann gerettet worden waren . » Gerettet « an Körper und Seele , denn außer der leiblichen Nahrung hatte man ihnen vor allem gleich die Taufe gespendet . - Ja , was taten diese fremden Menschen nicht alles , um solch armes Seelchen aus dem großen Meere des Verderbens herauszufischen und für ein seliges Jenseits zu gewinnen ! um » den Himmel zu bevölkern « , wie sie es nannten ! Allmählich erfuhr Tschun mehr darüber . Es sollte Nonnen geben , die ihnen völlig fremde Pest- und Cholerakranke pflegten , andere , die es sich sogar zur Aufgabe gestellt hatten , die doch unrettbar verlorenen Aussätzigen aus ihren jämmerlichen Schlupfwinkeln hervorzuholen und diesen Allerelendesten und Allereinsamsten , deren schwärende Körper wie morsches Zeug auseinander fielen , in besonderen Anstalten wenigstens das Lebensende zu erleichtern . Von einem Priester hörte Tschun erzählen , der in einer fernen chinesischen Stadt lebte , wo ein besonders böser Mandarin die ihm unbequemen Leute , falls sie zu arm waren , um sich durch Lösegeld freizukaufen , ins Hungergefängnis werfen ließ . Alle Morgen ging der Priester zu dieser Stätte des Grauens . Sobald die Gefangenen ihn draußen an der stark vergitterten Tür erblickten , durch die allein Licht und Luft in ihr niederes , finsteres Gelaß drang , krochen und wankten sie zu ihm heran . Halb nackte , skeletthafte Gestalten , alle an eine Kette angeschlossen . Und durch das Gitter , in den von verpesteter Fäulnis angefüllten Raum hinein , beim unheimlichen Stöhnen der vor Hunger Verschmachtenden und dem Röcheln der Sterbenden sprach ihnen der Priester von einem lichten Jenseits , von Auferstehung und Leben . Durch das Gitter auch taufte er sie , und da gab es keinen dieser in Finsternis und dem Schatten des Todes Sitzenden , der nicht allzugern einen Glauben angenommen hätte , der ihm für die hier erduldeten Qualen eine die Ewigkeit währende Seligkeit im Himmel verhieß . Es dünkte Tschun sehr seltsam , daß die fremden Männer und Frauen , die doch ruhig daheim hätten bleiben können , über das große Meer gefahren waren , um sich hier gerade solche Aufgaben zu suchen . Und wenn sie denn schon durchaus Armen und Kranken helfen wollten , was dem Chinesentum in Tschun durchaus nicht als ein unabweisbares angeborenes Bedürfnis begreiflich erschien , so frug er sich , warum sie sich nicht lieber zu Hause so betätigten ? Vielleicht gar , weil es dort keine so Arme und Kranke gab ? Das war ein ganz neuer Gedanke , und er eröffnete Tschun merkwürdige Ausblicke . Sehr wunderliche Vorstellungen begann er sich von der fernen , unbekannten Welt zu machen , aus der die fremden Priester und Nonnen stammten . Es zog ihn immer mehr zu diesen Ländern hin , wo der wahre liebe Gott seine eigentliche Heimat hatte , und wo die Menschen offenbar so viel , viel besser waren . Nachdem Tschun die nötige Zeit mit der Erlernung von Katechismus und der biblischen Geschichte verbracht hatte , ward er samt seinen Mitschülern zur ersten Kommunion im Petang zugelassen . Auf der einen Seite des Altars unter dem blauen Sternenhimmel knieten die Knaben mit frisch rasierter Stirn und wohlgeflochtenem Zopf , der ihnen glatt am Rücken herabhing . Auf der anderen Seite knieten die von den Nonnen geführten kleinen Mädchen in ihren buntesten , schönsten Kleidern . Und sie alle empfanden sich an dem Morgen als sehr wichtige junge Wesen , sowohl wegen ihrer Zerknirschung ob der vorher bei der Beichte eingestandenen Sünden , als weil ja der ganze Gottesdienst samt dem Gesang und Orgelspiel ihnen und ihrem Eintritt in die Gemeinde zu Ehren abgehalten wurde . Tschun begriff immerhin so viel von der Feier , daß er von nun an , aus eigenem freien Willen , zu dem wahren lieben Gott gehöre und sich hüten müsse , an gar manchem , was zum Leben der großen Mehrzahl der Chinesen gehört , teilzunehmen . Ja , das Christentum errichtete doch eine Art Scheidewand . Man war eigentlich kein so ganz echter Chinese mehr . Wenigstens meinten das die anderen , wenn sie sagten : » Ihr gehört zu den Fremden , laßt Euch von denen beschützen . « Die Priester , und an ihrer Spitze der mächtige Herr Bischof , traten ja auch wirklich bei allen Gelegenheiten für ihre Gemeindemitglieder ein und suchten sie davor zu bewahren , von den Mandarinen ihres Glaubens halber ganz besonders übervorteilt und ausgebeutet zu werden . Die Hauptschützerin aber blieb doch immer die Madonna , und ihr mußte man dafür treu bleiben . Das sagte auch der Herr Bischof , als die Kinder nach der Kommunion die Kirche verlassen hatten , und er im sonnigen Hof , wo große Fliederbüsche blühten , noch eine besondere Ansprache an sie richtete . Dabei schenkte er jedem ein Bild der Madonna , deren Statue im Garten der Nonnen zwischen roten Rosenbeeten steht , und sprach : » Es können noch schlimme Zeiten für uns alle kommen , denn die Madonna und wir , ihre Diener , haben starke Widersacher , drum müssen wir wachen und beten , daß uns die Stunde nicht unvorbereitet finde , wo vielleicht auch an uns der Ruf ergeht , für unseren Glauben alles einzusetzen . « Und Tschun dachte , in der frommen Erregung der Stunde , daß es schön sein müsse , für die Madonna zu kämpfen und zu sterben , wie er vernommen , daß so manche Heilige und Märtyrer es getan . Zu Hause heftete er dann das Bild an die Wand , wie die echten Chinesen es mit dem Bildnis Pussas , der Göttin des Kindersegens , tun . Dabei ging es ihm plötzlich durch den Sinn , daß zwischen den beiden der Unterschied eigentlich gar nicht so groß sei , denn auch Pussa wurde stets mit einem Kinde dargestellt . Etwas Aehnlichkeit bestand auch zwischen Thiän lao yeh , dem chinesischen Himmelsgroßvater , und Tientschu , dem wirklichen christlichen Gottvater . Vielleicht waren die alle untereinander doch ein bißchen verwandt ? Dann mochten die chinesischen wohl die minderwertigeren sein , wie sie in allen Familien vorkommen . Nach einigen Tagen religiöser Exaltation , wo der Himmel so viel näher und wichtiger schien als die Dinge dieser Erde , lenkten sich die Gedanken indessen bald wieder mit praktischer Nüchternheit auf das diesseitige Alltagsleben . Denn es galt nunmehr , Tschuns künftigen Beruf zu bestimmen . Darüber aber hegte er selbst seit langem schon einen geheimen Wunsch . Tschun besaß nämlich einen Onkel , der in einer der fremden Gesandtschaften angestellt war und ihm oftmals von dort erzählt hatte . Es klang alles so geheimnisvoll und lockend , und Tschun riß die kleinen Schlitzäugelchen so weit auf als es ging , wenn Onkel Kuang yin von all den kostbaren ausländischen Dingen sprach , die die Häuser der Fremden füllten , von den Oefen , die winters in allen Zimmern geheizt wurden , von den vielen Lampen , die abends brannten . Am merkwürdigsten erschien ihm die Beschreibung der großen Mahlzeiten , bei denen Herren und Damen zusammenkämen und die Damen Kleider trügen , aus denen ihre nackten Arme und Schultern herausschauten . Also angetan , sprängen sie nachher wie wild zusammen durch das Zimmer ; das daure bis tief in die Nacht hinein , beim Klang einer seltsam unverständlichen fremden Musik . Aber aus all den Erzählungen klang eines immer wieder deutlich heraus , daß nämlich die Fremden alle schrecklich reich sein mußten . Ganze Vermögen stiegen als Rauch durch die Schornsteine in die Lüfte . Es schien kaum glaublich , daß man so mutwillig verschwenden könne . Wieviel verständiger waren da doch die Chinesen , die winters einen wattierten Rock über den anderen ziehen , sich die Hände am Kohlenbecken wärmen , auf dem Wasser zum Tee gekocht wird , und nachts auf dem Kang nahe aneinanderrücken . Ja , diese Fremden in dem Gesandtschaftsviertel mußten nach des Onkels Erzählungen ganz rätselhafte Wesen sein ! Es hieß , daß sie Dinge könnten , die beinahe wie Hexerei klangen , und daneben waren sie doch offenbar erstaunlich dumm und unbeholfen ! Die wenigsten von ihnen verstanden auch nur die einfachsten chinesischen Worte , und von keiner Sache , meinte Kuang yin , wüßten sie den richtigen Preis und ließen sich betrügen , daß man sich für sie ob ihrer Torheit schämte . Tschun hätte diese fremde Welt gar zu gern auch gesehen , und er sagte darum seiner Mutter , daß er , wie Kuang yin , Diener in einer der Gesandtschaften werden möchte . Aber da kam er schlecht an . » Die einzigen guten Fremden sind die Priester und Nonnen des Petang , « antwortete sie ihm , » die hat uns der liebe Gott gesandt , aber die anderen sind sicher alle schlecht , und ihre Frauen wissen offenbar nichts von Zucht und guter Sitte . Da gehörst Du nicht hin . « Die Mutter hatte einen alten Vetter , Yang hung , der Uhrmacher und Händler chinesischen Schmuckes war , zu dem wollte sie Tschun in die Lehre geben . Es ward in der Verwandtschaft viel darüber hin und hergeredet , denn da Tschuns Vater lange schon tot war , fand man dies eine passende Gelegenheit , der Witwe gute Ratschläge zu geben . Mit echt chinesischer Geringschätzung der Zeit wurden über etlichen Schalen Tee und zwischen ein paar Zügen aus den kleinen Pfeifen endlose Gespräche geführt . Denn sprechen kostet nichts und ist daher eine Freude , die sich auch der ärmste Chinese mit oder ohne Veranlassung gern gestattet . Kuang yin , der immer schöne seidene Kleider trug und statt der Pfeifchen lieber Zigaretten rauchte , hätte Tschun gern zu einer Anstellung in einer Gesandtschaft verholfen , denn er hielt nicht viel vom Uhrmacherberuf . Er ging so weit , zu behaupten , das Importieren der einzelnen Uhrenteile aus Europa und nachherige Zusammensetzen durch die chinesischen Uhrmacher würde bald keinen Profit mehr abwerfen , denn die fertigen europäischen Uhren würden alljährlich zu immer niedrigeren Preisen in den fremden Ländern ausgeboten . Reparaturen würden schließlich die einzigen Arbeiten sein , die übrig blieben . » Ja , « meinte Kuang yin , » wenn wir die einzelnen Uhrenteilchen hier in China selbst fabrizierten mittels Maschinen und Dampf , wie die Fremden es bei sich zu Hause machen , dann könnten wir sie sicherlich unterbieten , denn die fremden Arbeiter sollen verwöhnte , anspruchsvolle Leute sein , die sich nie mit kleinem Gewinn begnügen - das hat mir der alte Wey erzählt , der ja in Europa gewesen ist . « Die anderen schüttelten die Köpfe . Kuang yin war doch einer der Ihrigen , den sie von klein auf kannten , aber er schien ihnen manchmal recht absonderlich mit seinen neuen Ideen - doch was kann man von einem erwarten , den sein Broterwerb zwingt , tagaus tagein mit den unheimlichen Ausländern zusammen zu sein . Nur der fortschrittlich gesonnene Vetter Wang pao hielt es mit ihm und meinte : » Wenn diese Fremden wirklich so viel mehr wissen als wir , sollte man es ihnen auf allen Gebieten ablernen . « » Gewiß , « stimmte Kuang yin eifrig bei , » so wie es die Japaner gemacht haben . Die sollen uns ja mit ihren neuen Waffen vor einigen Jahren sogar sehr geschlagen haben - wenigstens erzählt man es so in den Gesandtschaften - und daß die Japaner uns viel Land fortgenommen haben würden , wenn uns die Fremden beim Friedensschluß damals nicht geholfen hätten . « Ein ungläubiges Gemurmel entstand . Der Japanische Krieg und seine Ergebnisse waren durch die Regierung stets als eine Strafexpedition gegen die zwerghaften Inselrebellen dargestellt worden und der Bevölkerung nie recht zum Bewußtsein gekommen . » Am besten wäre es schon , man verjagte sie samt und sonders wieder , « murmelte der ob seiner Fremdenfeindschaft bekannte greise Großonkel Lin te i. » Gar so schwer könnte es doch nicht sein , denn es sind ihrer ja nicht viele . « » Trotz aller Ehrfurcht , die ich der Weisheit Eurer verehrungswürdigen Jahre schulde , Lin Lao yeh , « erwiderte Kuang yin , » möchte ich doch bemerken , daß das nicht so leicht sein würde . Auch sagt Wey , in Europa sei jeder Mann Soldat , da könnten immer neue hergeschickt werden . « » Sei doch nicht zu sicher , daß die Fremden für ewig hier sind , Kuang yin , « sagte mit hämischer Miene der Vetter Sin schen , den allerhand dunkle Handelsgeschäfte bis tief nach Schantung geführt hatten und der Kuang yin ob seiner sicheren Einnahmen und seines behaglichen Lebens in der Gesandtschaft eigentlich beneidete , » gerade Ihr hier in Peking wißt am wenigsten , was im Lande vorgeht . Weitgereiste Leute wie ich hören mehr davon . Und wenn es auch richtig ist , daß uns die fremden Teufel damals beim Friedensschluß gegen die Inselzwerge geholfen haben , so hat nachher doch jeder von ihnen ein Stück unseres Leibes für sich begehrt . Darob herrscht allerwärts wachsende Erbitterung . Wer weiß , was wir noch erleben werden ! « Zu solch fernabschweifenden Erörterungen höchster politischer Probleme führte die belanglose Frage , welchen Beruf eines der Millionen chinesischer Menschenstäubchen ergreifen solle ! Dies Menschenstäubchen selbst wurde dabei von niemand um seine Meinung befragt , und Tschun wußte , daß das so in der Ordnung sei , aber es ärgerte ihn doch im stillen , denn er mußte wohl von irgendwoher ein Körnchen Unabhängigkeitsgefühl geerbt haben , das geeignet sein mochte , ihn noch in Konflikte mit dem Althergebrachten zu führen . Zum erstenmal entstanden allerhand verworrene Gedanken in ihm , für die er keine Worte gewußt hätte , und die vielleicht mit dem » Recht auf Selbstbestimmung « zu tun hatten , das sich gelegentlich in Einzelnen und in Völkern ganz unerwartet regt - wenn das , auf einen der Millionen kleiner Chinesenjungen angewandt , nicht gar so lächerlich großklingende Worte wären . Immer wieder dachte Tschun , wie herrlich es doch gewesen wäre , mit Kuang yin in der Gesandtschaft leben zu dürfen . Denn alles , was er von den Verwandten über die Fremden gehört , auch das , was diese als Grund zur Geringschätzung gegen