Ganghofer , Ludwig Der Ochsenkrieg www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ludwig Ganghofer Der Ochsenkrieg Roman aus dem 15. Jahrhundert Peter Rosegger in Verehrung Erstes Buch 1 Er nahm den Zügel straffer und versetzte dem schnaubenden Gaul einen Hieb mit der Reitpeitsche . Das Tier zuckte zusammen , bewegte aber keinen Huf , stierte mit vorgequollenen Augen auf die grauen Tümpel des Sumpfbodens und fing zu zittern an . Dem jungen Reiter brannte der Zorn im Gesicht . Wieder hob er die Peitsche . Doch er schlug nicht , ließ die Gerte sinken und schob sie hinter den Ledergürtel . Während er unter beruhigendem Zureden dem Pferde den Hals tätschelte , sah er prüfend an dem Tier hinunter . Der schlanke Pongauer Rappe hatte ein reichlich Teil seiner glänzenden Schwärze eingebüßt . Die Beine waren bis an den Bauch herauf in das Grau des zähen Schlammes gewickelt , durch den der Weg des Tieres gegangen war . Die Hand auf die Kuppe des Pferdes stützend , sah der Reiter hinter sich . Zwischen Moosbüscheln konnte er auf eine weite Strecke , bis hinüber zum Waldsaum , die Spuren seines Rittes gewahren , diese tiefen , schon mit Wasser vollgelaufenen Stapfen des Pferdes . Die fernsten dieser kreisrunden Wasserlöcher glänzten in der späten Sonne des Sommertages wie blanke Goldstücke . Umkehren ? Der Reiter schüttelte den Kopf . Er guckte über die unruhig bewegten Ohren des Pferdes hinüber . Da vorne war der Boden nicht besser als da hinten . Aber nur vierzig , fünfzig feste Sprünge müßte der Pongauer machen , dann wäre der gute , grüne Almboden da ! Und wie zum Hohn für den ratlosen Reiter schritt da drüben das Weidevieh gemütlich umher : junge , blökende Kalben , Kühe mit schwer schlenkernden Eutern , mächtige Ochsen mit blechig rasselnden Glocken . Der diese heiseren Schellen gehämmert hatte , das war kein guter Glockenschmied . Der Reiter machte einen gütlichen Versuch , das Pferd in Gang zu bringen . Doch der Pongauer zitterte und wollte die tragende Insel , die er nach seinem grauenvollen Einsinken gefunden hatte , nicht verlassen . Sie war so klein , daß der Gaul keinen Schritt nach vorne oder rückwärts machen konnte , ohne in dieses linde Grau zu treten , das keinen Boden hatte . » Moorle « , sagte der Reiter , während er das Pferd an der dicken Mähne zauste , » da wird nichts helfen ! Hinüber müssen wir ! Oder im Dreck das Jüngste Gericht erwarten ! « Langsam gab er dem Pferd die Eisen , immer schärfer . Der Pongauer keuchte . Doch er stand , als wären seine Beine in Stahl verwandelt . » In Herrgotts Namen , so tu noch rasten , ich will geduldig sein ! « Der junge Reiter besah sich die Gegend . Hinter ihm lag der stille Waldberg , über den er von der Berchtesgadener Grenzwach am Hallturm herübergeritten war - ein Ritt , so herrlich wie töricht . Aber das ist so : Alles Schönste des Lebens braucht immer als Vater den Leichtsinn , den man schelten möchte . Und vor ihm , in der Ferne da drüben , stiegen die blauen Bergriesen auf , die Mühlsturzhörner , der Hochkalter und der Steinberg . Da mußte in dem sonnendunstigen Tal dort draußen der Hintersee liegen . Und gleich da drunten , wo sich die lange Waldschlucht gegen halbversteckte Felder weitete , blitzte eine große , weiße Wassersichel , von Röhricht umstanden . Der Taubensee ? Dann mußte der böse Boden , auf den er da geraten war , das verrufene Hängmoos sein , auf das sich die Berchtesgadener Herren bei ihren Pirschgängen nicht gerne verirrten . Verrufen ? Und da drüben lag die schönste Weide , die eine Herde von Kühen und Ochsen nährte ! Und aus einer Grasmulde des tieferen Almgehänges stieg wie ein feiner , blauer Strich der Rauch eines Herdfeuers zum Himmel auf . Mit klingender Stimme schrie der Reiter nach dem Hirten . So ein Viehhirt kennt doch die Wege im Sumpf , wie Gott das Gute kennt im Herzen eines schlechten Menschen . Doch niemand antwortete . Und hinter den westlichen Bergen ging schon die Sonne hinunter . » Moorle ! Jetzt müssen wir vorwärts . « Der Pongauer war anderer Meinung . Kein Zureden , kein Zorn , kein Eisen , keine Peitsche half . Da gab es keinen andern Rat mehr als absteigen und das Moorle führen . Der Reiter tappte gleich beim ersten Schritt hinunter bis übers Knie ; mit Widerstreben gehorchte das Pferd der ungeduldigen Kraft , die den Zügel straffte ; unsicher trat es über den Moosbuckel hinaus , versank bis an die Gurten , schlug verzweifelt mit den Hufen , machte kehrt und kletterte , den am Zügel hängenden Menschen hinter sich herreißend , wieder empor , auf die tragende Insel . Und der Reiter , bis an die Hüften mit Schlamm behangen , schwang sich in den Sattel , um von der Unruhe des Pferdes nicht in den Sumpf gestoßen zu werden . Während der Pongauer heftig zitterte , drehte er den Kopf mit einem Blick , der zu fragen schien : » Wer war jetzt der Klügere von uns beiden ? « Dann schüttelte sich der Gaul , daß die abgeschleuderten Schlammflocken weit hinausflogen über das sumpfige Gehäng . Irgendwo ein Lachen . Der junge Reiter drehte flink das Gesicht . Oberhalb des Bruchbodens sah er zwischen dicken Wacholderbüschen einen roten Fleck - zu groß für eine Blume . Da drüben hockte wohl die Hirtin ? Und die saß wohl schon lange da und guckte zu ? Und lachte ? In Zorn wollte der junge Reiter da hinüberschreien . Aber da klang bei den Wacholderbüschen eine Stimme : » Tu warten , Mensch ! Ich komm . « Eine kräftige Stimme war ' s - gleich dem Laut eines halbwüchsigen Buben , der noch immer auf dem Kirchenchor den Engel singt , aber schon mannen will . Leichtfüßig kam die Hirtin über den Sumpf herüber , von einem Moosbuckel zum andern springend . Die mußte fest und gesund sein ! Sie bewegte sich , wie frohe Menschen tun . Die Füße waren nackt . Ein grauer Zwilchkittel hing bis zu den halben Waden hin . Sie trug kein Wams , kein Mieder ; über dem groben Hemde war nur mit Lederriemen und kleinen Hirschhornknebeln ein roter Tuchstreifen um die Brüste geschnürt , die leise zitterten , sooft das Mädchen von einem Moosbuckel zum nächsten hinübersprang . Das straff gezopfte Schwarzhaar lag wie eine dicke , schwere Haube um das strenge , sonnverbrannte Gesicht , in dem die blauen , wunderlich ruhigen Augen sich ansahen wie verläßliche Sterne . » Beim Wald da drüben « , sagte sie mit ihrer herben Knabenstimme , » wo der Weg ausgeht , da hättest umwegs gegen den Berg hin müssen . Der grade Weg ist nit allweil der beste . « Sie sprach so bedächtig , wie kluge Menschen reden , die schon in Jahren sind . Er sah sie schweigend an und dachte : Tut wie ein Altes und ist ein paar Jährlein über die Zwanzig ! Sie hatte den letzten Moosbuckel erreicht , blieb mit dem einen Fuße drüben und stellte den andern auf des Pongauers Insel neben den Huf des Pferdes hin . Da fragte der Reiter : » Bist du die Hirtin auf dem Hängmoos ? « Sie gab keine Antwort . Ihre geschickten Hände lösten flink eine Schnalle des Riemenwerkes und streiften das Zaumzeug über den Kopf des Pferdes herunter . Mit Tieren verstand sie umzugehen . Moorle wurde ruhig , sobald er diese Hände spürte , und drehte schnuppernd die Schnauze gegen die Hirtin hin . Sie zog dem Reiter den Zügel fort , den er noch immer festhielt , hängte das Zaumzeug über die Schulter und sagte : » Absteigen mußt ! Lang hab ich nit Zeit . Vor Nacht muß ich meine siebzehn Küh noch melken . « Der kühle Bergschatten wanderte schon über das Sumpfland hinaus , und im Tale draußen bohrten sich die schwarzblauen Schattenkegel immer tiefer in den gelben Sonnenduft . » Absteigen ? Und der Gaul ? « » Ohne Bürd hat er ' s leichter , als wenn er tragen muß . « Während der Reiter auf der andern Seite des Pferdes aus dem Sattel glitt - ein bißchen vorsichtig - zerrte die Hirtin rasch die Schnallen des Gurtes los und nahm den Sattel auf ihren Nacken . » Nein , du ! Den laß mich tragen ! « » Du wirst Augen und Händ für den Weg brauchen . « Sie wandte sich und machte wieder diese raschen , sicheren Sprünge über die grünen Mooskissen im Schlamm . Ein bißchen lachend , schlüpfte der Reiter unter dem Bauch des Pferdes durch , wobei sein grünes Hirschlederwams über den Rücken hin eine Färbung ins Graue bekam . Nur an der Brust dieses Wamses und auf der Oberseite der mit violettem Tuch geflügelten Ärmel blieb noch die schöne Farbe . Alles andre - die gelb gestülpten Reitschuhe mit den Stachelsporen , die violetten Strumpfhosen und der Ledergurt mit dem Wehrgehenk - alles war grau geworden . Diese Graumannsfärbung wurde auf dem weiteren Wege noch befördert . Die Hirtin hatte richtig prophezeit : Nicht nur die Augen , auch die Hände wurden ihm nötig . Bald lachte er , bald schalt er wieder , wenn er bei einem Sprung daneben trat , und immer warf er einen Blick nach der Hirtin , wie in Sorge , ihr spottendes Lachen hören zu müssen . Aber sie wandte keinen Blick nach ihm , sie sprang und sprang , wobei die Eisenbügel des Sattels leise klirrten , und kümmerte sich nimmer um den Weglosen , den zu führen sie gekommen war . Moorle , auf seiner kleinen Insel , betrachtete diesen Vorgang mit wachsendem Erstaunen . Er streckte den Hals und wurde ungeduldig . Und als er die Hirtin neben seinem Herrn , der das schlanke Mädchen noch um einen halben Kopf überragte , auf den schönen , grünen Almboden treten sah , stieß er ein Gewieher aus und machte einen verzweifelten Sprung . Bis an die Schultern versank er , schlug und arbeitete , kam in die Höhe , tauchte wieder hinunter , fand eine hilfreiche Insel , zögerte und ließ sein Wiehern klingen , hörte den sorgenvollen Lockruf seines Herrn und machte rasende Sprünge . Und als der Rappe den sicheren Almboden erreichte , bis über den Hals herauf in einen Eisenschimmel verwandelt , begann er wie in bewußter Rettungsfreude ein so irrsinniges Umhertollen , daß die Kühe , Kalben und Ochsen vor Schreck mit gehobenen Schwänzen unter rasselndem Schellenklang davonrannten . Moorles junger Herr begann bei diesem Bilde heiter zu lachen . Auch den strengen Mund der Hirtin kräuselte ein Lächeln . Die Kühe , die vor dem lebensfreudigen Moorle Angst bekamen , liefen ihr zu , und während sie den Weg zur Hütte nahm , war die halbe Herde des Ahnfeldes um sie herum , ein dicker Kranz von fetten Rücken und gehörnten Wackelköpfen . Da tauchte hinter einem Steinhügel eine kleine , verkrüppelte Menschengestalt auf . Ein Knabe ? Oder ein Greis ? Das Gesicht war blaß und runzlig , aber die Augen waren jung - es waren die gleichen blauen Augen , wie sie in dem strengen , sonnverbrannten Gesicht der Hirtin glänzten . Arme und Beine waren mager und kurz , der von schwarzen Haarsträhnen umhangene Kopf saß tief zwischen hohen Schultern , und der Rücken war zu einer häßlichen Krümmung entstellt . Doch dieser Krüppel war besser gekleidet , als sich die Bauernsöhne in den Tälern drunten zu tragen pflegten ; fast sah er aus wie ein verzärteltes Herrenkind , das man durch schmuckes Gewand für die Mißgestalt seiner Glieder entschädigen wollte . In der einen Hand hielt er ein kurzes , gebogenes Messer , in der andern ein Stück weißen Lindenholzes , aus dem eine fliegende Schwalbe halb herausgeschnitten war . Die Hirtin ging mit dem Sattel auf eine hölzerne Hütte zu und machte dem Krüppel , der sich hinter einem Felsblock verbergen wollte , rasche Zeichen mit der Hand . Er schien zu verstehen , schien ruhiger zu werden , nickte , sah hinüber , wo der Fremde stand , und schnitt von dem Lindenholz einen Span herunter . Dann legte er Holz und Messer auf einen Fels , näherte sich mit gaukelndem Säbelgang dem fremden Jüngling und begann , ihm , ohne ein Wort zu sagen , mit der Spankante den grauen Schlamm von den Kleidern herunterzuschaben . Der Fremde ließ sich das eine Weile lachend gefallen . Dann fragte er : » Wer bist du ? « Und weil er keine Antwort bekam , faßte er den Krüppel an der Schulter . » Du ! Red doch ein Wort ! Wer bist du ? « Das Gesicht erhebend , lallte der Krüppel mit schwerer Zunge ein paar sinnlose Laute und machte mit dem graugewordenen Span ein Zeichen gegen Mund und Ohr . Dann fing er wieder zu schaben an . Ein Taubstummer ? Schweigend betrachtete der Fremde den kleinen , fleißigen Kobold , und weil er an ihm diese blauen Augen sah , wandte er in fragendem Verwundern das Gesicht zur Hütte hinüber . Da drüben stand die Hirtin und reinigte am Brunnentrog den Sattel und das Riemenzeug . Dann ging sie auf den grasenden Moorle zu , streckte die Hand und lockte mit leisen Lauten . Das Pferd streckte den Hals und schnupperte , ließ sich an der Mähne fassen , folgte der Hirtin willig zum Brunnentrog und hielt verständig unter den Wassergüssen aus , mit denen ihm die Hirtin den Schlamm von Leib und Gliedern spülte . Und ließ sich trocknen mit einem Tuche , ließ sich satteln und zäumen . Die Hirtin schien die Tiere liebzuhaben , auch dieses fremde . Unter leisem Schwatzen faßte sie den Moorle an der Schnauze , und in ihrem stillen , strengen Gesicht erwachte eine warme Herzlichkeit , während sie dem Pferd die Nüstern streichelte und ihm die Büschel des dicken Stirnhaars aus den Augen strich . Dann hängte sie die Zügel über den Brunnenstock , gab dem Pferd einen leichten , zärtlichen Schlag auf den schwarzglänzenden Hals und trat in die Hütte . Moorle sah der Hirtin nach und wieherte . Sie kam aus der Türe , zwischen den Händen eine hölzerne Schale , die mit Milch gefüllt war , und ging zu der Stelle hinüber , wo der Fremde sich schaben ließ . Bei seinem Anblick mußte sie ein bißchen schmunzeln . Aber dieses leichte Gekräusel ihrer Lippen war schon wieder verschwunden , als sie die Milchschale auf eine Steinplatte stellte mit den Worten : » Wenn dich dürsten tät ? « Sie deutete gegen das Waldtal hinunter . » Dort geht der Karrenweg . Da kannst du nimmer fehlen . Jetzt muß ich zur Arbeit . Gottes Gruß ! « Sie wollte gehen . » Du ! « sagte er mit raschem Laut . Ruhig wandte sie das Gesicht . » Laß dir Vergeltsgott sagen für alle Treuung an mir und meinem Gaul . « » Ist gern geschehen . In der Einöd müssen die Leut einander helfen . Wo viel beinander sind , müßten sie ' s auch . Aber da tun sie ' s nit . Und keifen und beißen wie die hungrigen Hund bei der Schüssel . « Er sah sie mit wachsendem Staunen an . Diese seltsamen Worte ! Aus dem Mund einer Zweiundzwanzigjährigen ! Aber es war in diesen Worten weder Groll noch Bitterkeit . Ganz ruhig hatte sie das gesagt . Und wieder , weil sie gehen wollte , rief er hastig : » Du ! « Er hätte noch gern geschwatzt mit ihr . In diese blauen , ruhigen Augen war ein gutes Schauen . Sie lächelte ein wenig . » Jetzt muß ich schaffen . « » Da muß ich dich gehen lassen , freilich . Man wär bei dir gut aufgehoben . Der arme , kranke Bub da , der ist wohl bei dir in Pfleg ? « Die Hirtin schüttelte den Kopf , während sie mit einem Blick voll heißer Liebe an dem Krüppel hing . » Das ist mein Bruder . « Dann ging sie davon . Er blickte auf den eifrig schabenden Krüppel hinunter und sah der Hirtin nach . Wie ist das möglich ? Daß aus dem Schoß der gleichen Mutter solch eine Mißform ins Leben fallen kann ? Und solch ein festes , helles und aufrechtes Menschenkind ? Freundlich fuhr seine Hand über das Schwarzhaar des Krüppels hin . Er schob den Buben , der immer noch zu schaben hatte , von sich fort und ging , mit einem violetten und einem grauen Bein , zu der hölzernen Milchschale hinüber , tat den Trank eines Durstigen und legte eine Silbermünze neben die Schale . Der Krüppel lallte einen zornigen Laut , griff nach der Münze , schob sie in die Gürteltasche des Fremden und säbelte mit den kurzen Beinen zu dem Stein hinüber , auf dem sein Messer neben der geschnitzten Schwalbe lag . » Guck nur , wie stolz ! « Es war wie Ärger in diesen Worten . Das lange , lichte Braunhaar aus dem erhitzten Gesicht schüttelnd , schritt der Fremde zum Brunnen hinüber und stieg in den Sattel . Moorle benahm sich ein bißchen ungebärdig , mußte aber flink dieser kräftigen Faust und dem Druck dieser festen Schenkel gehorchen . Bei der Hütte bückte sich der Reiter , um durch die Türe schauen zu können . Er sah einen Raum , in dessen Zwielicht eine versinkende Flamme flackerte . Seine Augen suchten , während er weiterritt . Er gewahrte die Hirtin auf dem höheren Almgehänge . Mit dem kupfernen Milchzuber und einem dreibeinigen Stühlchen ging sie einer aus plumpen Steinen aufgeschichteten Stallung zu . Viele Stücke der Herde trabten ihr mit heiseren Schellen nach . Und aus dem ganzen Almfeld , von überall , zogen die Kühe mit Gebrüll und Schellengerassel dem Steinbau entgegen , zu dem die Hirtin wanderte . Während Moorle vorsichtig über den groben , steilen Weg hinunterkletterte , wandte der Reiter immer wieder das Gesicht . Nun nahm der Wald ihn auf . - Als er beim Taubensee das offene Feld erreichte , fing der Abend zu dämmern an . In einem gezäunten Wiesgarten war ein Bauer mit seinem Weib dabei , das Gras zu mähen . Der Reiter verhielt den Gaul . » Bauer ! Komm her da ! « Die Sense flog ins Gras , der Bauer sprang , und sein Weib fing in dunkler Sorge zu bangen an . Wenn ein Herr befahl , das war für einen Bauern immer ein übel Ding . » Weißt du , wer die Hirtin ist auf dem Hängmoos droben ? « Der Bauer atmete auf . » Das ist die Jula vom Runotter , den man heuer wieder zum Richtmann der Ramsauer Gnotschaft gewählt hat . Sein Vater ist Erbrechter worden vor dreißig Jahr . « Sinnend sagte der Reiter : » Die Jula ? « » Die , ja ! Könnt ' s besser haben und müßt nit sennen . Die Jula geht aus Fürlieb almen , um ihres bresthaften Bruders willen . Der mag nit unter Leut sein . « Ohne zu antworten , ließ der Reiter dem ungeduldigen Pongauer die Zügel schießen . Und der Bauer kehrte zu seiner Sense zurück . In Sorge fragte das Weib : » Was hat er wollen ? « » Von mir kein Hälml . Gott sei Dank ! Bloß nach der Jula droben hat er mich ausgefratscht . Aber da wird ihm der g ' lustige Herrenschnabel trücken bleiben . « » Schrei nit so ! « tuschelte das ängstliche Weib . » Was war ' s denn für einer ? « » Ich glaub , der jung Someiner . « » Dem Gadener Amtmann der seinig ? « » Der , ja ! Aber ' s Zwielicht kann mich genarrt haben . Es heißt doch allweil , der jung Someiner wär auf der Prager Magisterschul . « » Was geht uns der Bub des Amtmanns an ? « Das Weib bekreuzigte sich . » Gott sei gelobt , daß wir nit Kinder haben . Nit Buben , die Eisen fressen müssen für die Herren , und nit Töchter , die man zu Lustföhlen macht . « Der Bauer brummte was in den dielten Bart und schwang im sinkenden Abendtau die Sense wieder . - In gleichmäßigem Takte klang der Hufschlag des trabenden Pferdes . Der Reiter achtete des Gaules wenig und war nachdenklich . » Die Jula ? « Hatte er nicht die Jula vom Runotterhof einmal gesehen , vor sieben Jahren , noch als ein halbes Kind ? Wie das magere , trutzäugige Ding sich ausgewachsen hatte ! Aber so stolz und so sparsam mit Worten wie damals war sie noch immer . Auf der besseren Straße , in die der Taubenseer Karrenweg einbog , klang der Hufschlag des Pongauers fester und heller . Die ersten Sterne schimmerten , und es schlich die stahlblaue Nacht um die Berge , als der Reiter zu den Wohnstätten der Ramsau kam . Neben der Straße rauschte die Ache . Und auf der andern Seite des Weges huschten armselige Hütten vorüber , die nicht Zaun und Gärtlein hatten ; dann kamen fest umgatterte Höfe mit hohen Dächern , es kam die kleine Kirche und das große Leuthaus , in dem noch Licht war und trunkene Knechte beim Dünnbier sangen . Und dort , auf dem Hügel droben , das große Gehöft mit den starken Planken und dem steilen Moosdach ? War das nicht der Hof des Richtmanns Runotter ? Dessen Vater einst , als das Stift zu Berchtesgaden unter drückenden Schulden zu leiden begann , das alte Schupflehen um einhundertvierzig Pfund Pfennig als Erbrecht und Eigengut erworben hatte ? Der Pongauer , in dem die Sehnsucht nach dem Stall erwachte , fiel in einen sausenden Trab . » Die Jula ! « Und daß die schlanke , aufrechte Jula einen Krüppel zum Bruder haben mußte ? Die klösterlichen Hofleute , die gut von den Herren redeten , erzählten es so : Die Frau des Runotter mit ihrem vierjährigen Dirnlein wäre eines Tages , als die Erdbeeren reif geworden , im Hochtal des Windbaches hinaufgestiegen zur Ahn ihres Mannes ; am selben Tage hätten die Berchtesgadnischen Chorherren dort oben eine Hetzjagd auf Hirsche abgehalten ; und ein Rudel flüchtenden Hochwildes hätte die Runotterin , die seit drei Mondzeiten gesegneten Leibes war , zu Boden geworfen und über eine stubenhohe Steinwand hinuntergestoßen ; das kleine Dirnlein wäre über den Unfall der Mutter so arg erschrocken , daß ihm durch , lange Zeit ein seltsames Zittern blieb , eine blinde Angst mit atemwürgenden Schreikrämpfen ; und nach sechs Monden gebar die Runotterin den taubstummen Krüppel und blieb ein stilles , trauriges Weib und starb . Aber die Bauern , wenn sie keinen Herrn und Hofmann in Hörweite wußten , erzählten es anders . Und das wußten alle im Land , daß damals ein junger Chorherrr , Hartneid Aschacher , plötzlich nach dem Kloster Chiemsee hatte verschwinden müssen , weil er seines Lebens im Berchtesgadener Lande nimmer sicher war . Ein dumpfes , donnerähnliches Rauschen in der schönen . Nacht . Das war der Windbach , der seine Wasser herunterstürzte durch die enge Klamm . In dem jungen Reiter erloschen die Bilder des Erinnerns . Er mußte scharf nach der Straße spähen , die zwischen den hohen , schwarzen Waldmauern kaum noch zu sehen war . Nun kam die freie Höhe der Strub . Kleine , rötliche Lichter , weit zerstreut durch das finstere Tal hin - große , funkelnde Sterne im tiefen Blau des Himmels ; und zwischen den Flammen der Höhe und den trüben Laternchen des tiefen Lebens , das zu schlummern anfing , dehnten sich die schwarzgrauen Wälle der Berge in die Ferne , vom klobigen Untersberg bis hinüber zum scharfen Zahn des Watzmann . Das erste Haus von Berchtesgaden . Der Reiter mußte den Pongauer zu ruhigem Gange zwingen , weil das Pflaster der Marktstraße begann . Zwischen den groben Steinen drohten Löcher , die für einen Pferdehuf wie Fallen waren . Die meisten Häuser standen schon in schlafendem Dunkel . Nur selten ein Licht . Bei einer Wende der engen Gasse sah man in lauschiger Ecke ein schmales , hohes Gebäude , aus dessen geschlossenen Läden zu ebener Erde es rötlich herausdunstete , das Badhaus . Im zweiten Stockwerk waren zwei Fenster offen und hell erleuchtet . Da droben war heiteres Lachen . Man hörte das Geklimper einer Laute und eine trällernde Mädchenstimme . Hier wohnte die Pfennigfrau eines Chorherrn . Noch immer war das Stift gelähmt unter schweren Schulden , aber so viel an Einkünften , die aus Holzschlägen , Salzgefäll , Steuern , Holdenzins und Erbrechtskäufen erflossen , hatte es noch immer , daß man sich das Leben heiter machen konnte . Die Gasse wand sich , und es kam der stille Marktplatz . Schulter an Schulter standen da die schmucken Häuser der Handwerker und Kaufleute , mit schweren Eisenstangen und Hängschlössern vor den Gewölben . Von den Mauern widerhallte der klirrende Huftritt des Pongauers . In der Tiefe des Marktplatzes , hinter dem schwarzen Umriß eines steinernen Brunnens , flackerte ein Pfannenfeuer vor der Pförtnerstube des Stiftstores . Es kamen zwei Wächter , die halblaut miteinander schwatzten . Der eine von den beiden , ein magerer , baumlanger Spießknecht , grüßte den Reiter : » Schön gute Nacht , Herr Magister ! « Der dankte : » Vergelts , Marimpfel ! « Und eine kleine Eitelkeit erwachte in ihm : » Aber weißt du , der Magister liegt in der Truhe . Jetzt mußt du Doktor sagen . « » Gotts Teufel und Bohnenstroh ! « Ein breites Lachen . » Da tu ich Glück ansagen , Edel Herr Doktor Someiner ! « Wieder dieses Lachen . » Sucht sich ein Kind die richtig Mutter aus , so wird das Leben ein lustigs Aufwärtsschupfen . « Der Huftritt des Pongauers klirrte . Und von irgendwo aus der Luft klang eine besorgte Frauenstimme : » Bub , bist du ' s ? Bist du ' s ? « » Wohl , Mutter ! « » Endlich ! Gott sei Dank ! - Vater , so schau doch ! Hast wieder umsonst gebrummt . Der Bub ist doch lang schon da . « Die Stimme erlosch , und man hörte das Geklapper eines Schubfensters , das herunterfiel . Der Pongauer blieb vor einem dunklen Tore stehen , und der Reiter stieg aus dem Sattel . Lampert Someiner , Magister artium und Doktor des kanonischen und gemeinen Rechts , hatte das Haus seines Vaters erreicht , des Amtmanns zu Berchtesgaden . Der eichene Torflügel rasselte auf . Ein Knecht mit einem Windlicht erschien und nahm den dampfenden Moorle in Empfang . Und Lampert sprang über die Schwelle mit dem flinken Schritt des Sechsundzwanzigjährigen , der sich der Heimat freut und weiß : Jetzt hab ich mein Tischleindeckdich ! Ein Flur mit gewölbter Decke , erleuchtet von einer kleinen Hirschtalglampe . Eine Tür - die Türe der Amtsstube - war schwer vergittert . Über ein steiles , enggemauertes Trepplein gings hinauf . Und durch den gleichen Flur , in dem diese Herrentreppe war , wurde der Pongauer zu seinem Stall geführt . Oben auf der Treppe stand Mutter Someiner mit hoch erhobenem Leuchter , dessen Teller einen schwarzen Schatten über die Frau herunterwarf . » Ach , Bub , wie kannst du denn nur so lang ... « Da sah sie den Zustand seiner Kleidung und erschrak . » Um Himmels willen ! Bub ? Was ist geschehen ? Dir ? « » Nichts , Mutter , nichts ! « Er lachte . » Der Moorle und ich , wir haben nur ein lützel durch schiechen Honig müssen . Süß ist er nicht gewesen , aber gepickt hat er . Tu mich nicht anrühren , sonst werden deine weißen Tüchlein grau . « Lachend schob er sich an der Mutter vorüber , sprang die andere Treppe hinauf und trat in eine kleine , weiße , von zwei dicken Kerzen erleuchtete Stube . Die schwere , weiß umhangene Bettstelle nahm fast ein Drittel des Raumes ein ; in der Ecke ein kleiner Tisch mit kupfernem Becken und kupferner Wasserkanne , die von der Handzwehle bedeckt war . An der Wand eine große eisenbeschlagene Truhe . Darüber ein Zapfenbrett mit Gewand und Waffen . Und dann ein Erker , der halb ein kleines , vergittertes Fenster und halb eine niedere Tür war , die zu einer Altane führte . Das Stübchen duftete herb . In das Wachs der Kerzen war Räucherwerk eingeschmolzen , dessen strenger Wohlgeruch in dünnen Rauchfäden aus den zuckenden Feuerherzen der beiden Dochte stieg . Solche Kerzen goß man , seit durch das deutsche Land der schwarze Tod gegangen war , der jeden Dritten unter den Boden warf . Drunten , auf der ersten Treppendiele , war die Amtmännin stehengeblieben , bis sie vernahm , daß droben die Türe geschlossen wurde . Nun betrat sie die Wohnstube . Frau Someiner war in dunkles Braun gekleidet . Und dennoch war sie weiß . Die leinene Glockenschürze bildete eine Art von Übergewand , und weiße Ellbogenschoner waren um die Ärmel gebunden . Ein rundes , aufgeregtes Muttergesicht mit lebhaften Braunaugen . Und über dem leichtergrauten Haar die weiße Fältelhaube mit der Kinnbinde . Der Tisch in der Wohnstube