Christ , Lena Mathias Bichler www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Lena Christ Mathias Bichler Im Weidhof Meine Kostmutter hat mir gesagt , daß ich am vierten Sonntag nach der Erscheinung des Herrn , also gerade an dem Tag auf die Welt gekommen bin , da in Sonnenreuth der erste Viehmarkt im Jahr ist . Wer meine Mutter ist , hat sie gesagt , das weiß sie nicht ; und von meinem Vater hat sie bis auf den heutigen Tag nichts gesehen . Ich auch nicht ; und ich glaube fast , daß es wahr ist , was die alte Irscherin , die Waldhex , gesagt hat : nämlich , daß ich ein Wechselbalg bin , bei dem die Truden und Unhold Gevatter gestanden sind . Das aber ist einmal gewiß : Ich bin an dem obgemeldeten Tag auf d ' Nacht nach dem Gebetläuten vor der Haustür der alten Weidhoferin gelegen und habe durch mein jämmerliches Wimmern die Leut erschreckt . Denn wie der Weidhofer , der Meßmer von Sonnenreuth , vom Gebetläuten heimkommt und zu der Haustür hineinwill , liegt was am Boden . Er stößt mit dem Fuß daran hin , da fängt es an zu wimmern . Der Weidhofer macht ' s Kreuz ; dann aber hebt er das Päcklein auf und trägt ' s hinein in die Stuben . Und wie sie den ganzen Haderlumpen auseinandergewickelt haben und haben geschaut , da war ' s ich . Und auf einem Zettel ist es gestanden : daß ich heut nacht zur Welt gekommen und noch nicht getauft bin , und daß die Gemeinde schon für mich zahlen wird . Da hat die Meßmerin gesagt : » In Gott ' s Nam ; zieht man ' n halt auf , den Wurm ! « Und sie hat mich am andern Tag aus der Tauf gehoben und hat mir eine Wiegen in ihre Schlafkammer gestellt und an ihre Bettstatt gerückt . Und einen Namen hat sie mir gegeben , nach ihrem Sinn und Stand , und ich heiße : Mathias Bichler , der Weidhoferbalg . Denn da man keinen Vater noch eine Mutter gewußt hat , die mir hätten ihren Namen geben können , so hat halt die alte Weidhoferin den ihrigen hineingesetzt ins Taufbuch und hat gemeint : » Alt ist er und gut auch , und er wird schon auskommen damit und vielleicht einmal ein rechtschaffener Bauer werden , wie der alte Bichler , Gott hab ihn selig , einer gewesen . « Aber es ist wohl ein wenig anders gekommen ; und ich habe schon von klein auf zu allem andern mehr Lust und Geschick gezeigt als zu einem Bauern . Auch bin ich nicht , wie andere Bauernkinder , stundenlang auf dem Stubenboden oder im Hausflöz gehockt , zufrieden , wenn man mir einen leinenen Schnuller in den Mund steckte und den Stiefelzieher auf den Schoß legte als Spielzeug . Ich begann vielmehr , kaum ich ein vier , fünf Jährlein alt und Herr über den Gebrauch meiner Glieder geworden war , allerlei Wünsche und Neigungen zu betätigen , die wenig zu einem genügsamen und geraden Bauernwesen paßten . Am liebsten schlich ich mich in die Künigkammer , die beste Stube des Hauses , in der seit Menschengedenken aller Prunk und Glanz des Weidhofs angehäuft wurde . Da wühlte ich in den Truhen und Schränken , behängte mich mit seidenen und blumendurchwirkten Tüchern , silbernen Ketten und schimmernden Flachszöpfen , setzte die alte , hohe Pelzhaube des seligen Weidhoferahnls auf und stellte mich so herausgeputzt vor den Spiegel des Glaskastens und betrachtete und beschaute mit viel Ergötzen meine Herrlichkeit . Sodann kletterte ich auf Tisch und Stuhl , nahm die alten , vergoldeten Heiligenbilder von den Wänden , lehnte sie der Reihe nach rings um die Ofenbank und begann , vor diesen auserlesenen Zuschauern die wunderlichsten Tänze und Sprünge auszuführen . Oder ich trieb mich auf dem Dachboden herum und trug dort alles zusammen , dessen ich irgendwie habhaft werden konnte : Decken , Schüsseln , Messer , Mausfallen , Weichbrunnkrügl , Gebetbücher ; ja sogar das Vogelhaus samt dem Hansl und die Blumenstöcke vom Söller schleppte ich dahin . Dabei hatten alle diese Dinge in meinen Spielen ihre Bestimmung ; sei es nun , daß der Vogelkäfig zum Weidhof und die Blumenstöcke zum Obstgarten wurden , oder daß aus den Gebetbüchern ein ganzes Bauerndorf erstand , indem ich sie halb geöffnet auf den Boden stellte , die Messer als Bewohner dieses stillen Orts in die Ritzen des Fußbodens steckte , während ich den Käfig bald zur Kirche , bald zur Schule machte und der flatternde , kreischende Vogel bald zum Schulmeister , Pfarrer oder gar Herrgott erhöht wurde . Rings um dieses Dorf hing ich dann die Decken über altes Gerümpel und nannte sie das Gebirge , während ich in die Schüsseln von den Bergen aus Quellen , Teiche oder gar Seen erschuf , welche Tat mir freilich einmal eine Tracht Prügel eintrug , als der Weidhofer , der schon überall nach mir gesucht hatte , mich , als ich eben regnen ließ , in dieser seltsamen Gegend fand . Nun hat mir einmal der Bürgermeister im Zorn darüber , daß ich in seinem Garten die schönsten Frauenbirnen vom Baum gebrockt und in den eigenen Sack gesteckt hab , nachgeschrien , daß ich ein Zigeunerbalg und von teuflischen Gauklern sei . Auch sonst wies allerlei darauf hin , daß ich kein Bauernblut im Leib gehabt , vielmehr ein loser Vogel und von abenteuerlichem Wesen war , auch jede Kameradschaft mit andern Kindern meines Alters vermied und mich , weiß Gott wo , herumtrieb , daher meine Ziehmutter auch viele Kümmernisse mit mir ausstand . Sie war ein ruhiges und gottesfürchtiges Weib und hatte das Haus voll Kinder , ohne selber jemals eins geboren zu haben . Es waren lauter fremde , die sie um ein Vergeltsgott und etliche Kreuzer Kostgeld aufzog . Sie fragte nie lange , woher oder von welchen Leuten so ein Wurm kam ; mit gutem Herzen nahm sie ihn in die Arme und war ihm eine rechte Mutter . Wenn ich an den langen Winterabenden in der Stube hockte und mit dem Ziehvater Besen band oder der Mutter das Garn vom Spinnrocken verzwirnte , da erzählte sie oftmals den Mägden von ihren Eltern und deren Schicksalen . Lebendig steht er noch vor mir , der selige Weidhofer , wie ein knorriger , trutziger Baum , mit allen Bauerntugenden , die seine einzige Tochter , meine Kostmutter , von ihm rühmend berichtete . Er hatte den Weidhof schon als junger Bursch übernehmen müssen , nachdem ihm der schwarze Tod über Nacht die Eltern und das Gesinde weggeholt hatte . Er war damals gerade im Tirolerland gewesen bei einem Vetter , als ihm flüchtende Bewohner des Heimatdorfes die Hiobsnachricht zutrugen . Kurz darauf holte er sich eine Bäuerin aus der Umgegend , die ihm neben dem stattlichen Brautschatz auch einen sparsamen Sinn und ein Paar riegelsame Arme mitbrachte . Mit ihr hauste er fünfunddreißig Jahre und war zufrieden und angesehen . Und als er ihr nachmals ein verschnörkeltes Grabkreuz und den alten Efeustock auf ihren Hügel setzen mußte , half ihm eine einzige Tochter trauern und den Hof versorgen . Diese Tochter aber war meine Ziehmutter . Sie war damals ein hageres , gelbhaariges Mädchen , das nüchtern und gelassen alle Dinge nahm , wie sie kamen . Daher sagte sie auch ohne viel Besinnen ja , als der Meßmerkaspar , ein ungeschlachter , aber gutmütiger Mensch , um sie anhielt . Der alte Weidhofer hätte es nun freilich anders im Sinn gehabt , und der Antrag des mageren Freiers war nicht nach seinem Willen ; doch brachte er es nicht über sich , seinem einzigen Kinde dies zu sagen , und so wurde bald still Hochzeit gehalten . Nach Wunsch und Willen des Weidhofers blieben beide im Haus ; denn obschon der immer noch rüstige Alte nicht um alles den Weidhof bei Lebzeiten seinem Schwiegersohn übergeben und sich ins Austragstüblein gesetzt hätte , wollte er doch nicht , daß seine Wabn als Meßmerin in einer Häuslleutwirtschaft ein kümmerliches Brot äße . Und nachdem er sich als fast siebzigjähriger Greis zu seiner seligen Bäuerin in die Grube gelegt hatte , übernahm der Meßmerkaspar den Hof und nannte sich von nun an Weidhofer . Seine Ehe mit der immer hagerer und bleicher werdenden Wabn blieb kinderlos , obschon diese die mannigfachsten Gelöbnisse und Wallfahrten unternahm . Schließlich tröstete sie sich und begann , ein innerliches , gottseliges Leben zu führen , las fleißig den Thomas von Kempis und andere fromme Werke und hielt im Haus auf Zucht und Gottesfurcht . Da hätte sie es denn freilich gern gesehen , daß ich , nachdem ich die ersten paar Hosen auf der Schulbank zerrissen hatte und anfing , ein ziemlich wohlgestalter , kleiner Bursch zu werden , auch zugenommen hätt an Weisheit ; denn mein Ziehvater , der Meßmer , jammerte um einen Ministranten . Wohl waren unter den sieben Kostkindern , die sein Weib aufzog , vier Buben ; allein , er konnte keinen für dies Amt gebrauchen . Der lange Ambros war so dumm , daß er das Glöcklein nicht einmal bedienen konnte bei der Messe , geschweige denn dem Pfarrer antworten . Der Fritz war noch im Flügelrock , und Hans und Hausl mußten schon aufs Feld . Da sagte die alte Mutter oft zu mir : » Mathiasl , schau , daß d ' gscheiter wirst ! « , oder : » Mathiasl , guck , unser lieber Herr braucht ' n Knecht ! « Und der Weidhofer , mein Ziehvater , setzte sich mit mir auf die Hausbank und lehrte mich das Konfiteor , das Deo gratias und noch gar vieles . Oft nahm er auch ein paar alte Milchkännlein und wies mir , wie man den Priester beim Amt bedient und bei der Messe . Dies alles hätte mir wohl gefallen , und ich begriff schnell und mit gutem Verstand , was er mir zeigte ; allein die Leute sagten , daß es eine Sünde sei , wenn so ein hergelaufener Balg am Altar des Herrn bediene . » Wer weiß « , sagten sie , » von wem er stammt , und was für ein gottloses Gewerbe vielleicht seine Eltern getrieben haben ! « Und etliche Bauern sagten : » Wir haben selber Buben ; wir brauchen keinen gelegten ! « Also durfte ich nicht in die Kirche und zum Altar , und der Weidhofer schickte mich nun mit dem Vieh auf die Weide , und ich wurde der Hüterbub . Das war freilich keine harte Zeit für mich , und ich hatte viel der Weil für allerhand Dinge , die meinem Sinn damals noch näher lagen als Gebetläuten und Kirchendienen . Aus Weidenstäbchen schnitt ich mir kleine Pfeifen und brachte es dabei auf eine solche Anzahl , daß ich mit ihnen das Te deum blasen konnte . Sie lagen alle , den Tönen nach geordnet , auf einem Felsblock , und ich vergnügte mich viel mit ihnen . Oder ich machte Wasserspritzen und Luftpistolen aus Holunderholz und verhandelte sie sonntags nach der Kirche am Gottesackertürl gegen alte Silbergroschen , Glaskugeln , Adlerfedern oder andere Sachen , von denen ich in einem Felsenloch schon ein gutes Häuflein beieinander hatte . Darinnen saß ich oft stundenlang und unterhielt mich mit diesen leblosen Dingen , als seien sie meinesgleichen . Ich stellte etliche wunderlich geformte Wurzelstöcke an die Felswand , daß sie die Bauern wären ; und die kauften oder verhandelten alsdann die Kostbarkeiten , wobei ich jedem eine andere Stimme lieh und ein anderes Temperament , gerade so , wie ich es an den Festtagen auf dem Kirchplatz von Sonnenreuth gesehen und gehört hatte . Die Wallfahrt Zu meiner Kinderzeit hat man in Sonnenreuth den Schulzwang noch nicht gekannt ; daher auch der Weidhofer , mein Kostvater , seine Pfleglinge , um an Schulgeld zu sparen , kaum sie ein paar Tafeln zerschlagen hatten , wieder von dieser gelehrten Stätte hinwegholte und an die Arbeit spannte . Da mußte denn ein jedes , sei es nun im Stall oder draußen in Feld und Wald gewesen , aus sich selber die Bildung des Verstandes und der Seele vollenden . Zum besseren Gedeihen dieses Werkes gab mir die Ziehmutter eine zerschlissene Fibel , eine alte Legende und das Evangeliumbuch mit auf die Alm , daraus ich dann oftmals meinen hölzernen Freunden in der Höhle vorgelesen und gepredigt habe . Da geschah es wohl bisweilen , daß das Vieh , während ich in dem Verstecke mit mir selber Jahrmarkt oder Christenlehre hielt , auf und davon ging , so daß ich großen Fleiß brauchen mußte , es wieder zusammenzubringen . Dabei ist es auch einmal geschehen , daß sich eine Kalbin , die vielleicht aus irgendwelcher Ursache erschreckt geflüchtet war , so sehr verstiegen hatte , daß ich nimmer glaubte , sie lebend wieder zu erlangen . Sie stand blökend auf einem kaum armbreiten Felsvorsprung des Schwarzenbergs und konnte nicht vor noch zurück ; ich weiß beim Himmel nicht , wie sie dahin gekommen . In meiner Not fiel mir ein , ich könnte mich zu unserer lieben Frau vom Birkenstein verloben , und ich versprach ihr sechs von meinen alten Silbergroschen , wenn ich meine Kalbin heil und unverletzt herunterbrächte . Ich weiß aber nicht , wie es kam , oder ob sie half : In diesem Augenblick kamen ein paar fremde Gesellen aus einer Felsenrinne hervor und halfen mir das Vieh herunterschaffen . Es waren aber Pascher oder Schmuggler , die das Revier auskundschafteten ; und sie fragten mich des langen und breiten um alle Weg und Steg . Gern und willig gab ich ihnen über alles Aufschluß , froh , daß ich die Kalbin wieder hatte ; denn mein Ziehvater , der Meßmer , war ein strenger , jäher Mann , der in der ersten Hitze oft manches tat , was ihn nachher gereute . Also hatte unsere liebe Frau von mir ein Gelöbnis erhalten , und mich dünkte , daß ich es nun auch alsobald ausführen müsse , wenn ich ihr gefällig sein wollte . Und ich begann alsbald , mein Felsloch auszuräumen und die Schätze im Sonnenlicht auszubreiten ; es war ein gerechtes Häuflein . Aber es wurde mir nicht leicht , mich so ohne weiteres von den schönen , funkelnden Silberstücken zu trennen ; immer wieder drehte ich sie zwischen den Fingern , legte sechs in die linke Hand , wog sie , schüttelte sie und schob sie endlich schnell wieder in den Sack , indem ich halblaut vor mich hin sagte : » Nein , diese nicht ! Ich suche andere aus ! « Doch auch mit diesen ging es mir nicht besser , bis ich endlich unvermittelt das ganze Häuflein zusammenraffte und wieder in die Höhle steckte . So trieb ich es acht Tage lang ; da kam das Fest Mariä Himmelfahrt . Für diesen Tag hatte ich mir von der Weidhoferin Urlaub zur Wallfahrt erbeten , und sie schickte mir den langen Ambros , daß er für mich zwei Tage den Viehhüter mache . Der brachte mir in einem Bündel ein Stück Käse , Brot und die Nagelschuhe , dazu mein gutes Jöpplein und den Rosenkranz . Auch ein Wachs und eine dicke Silberkette legte er mir hin und sagte : » Das sollst unserer lieben Frau mitnehmen von der Weidhoferin . Und du sollst ein paar Vaterunser für sie beten und die Meinung machen , daß dies nur grad eine Drangab ist zu der Verlöbnis , die sie getan hat . Und sie kommt schon noch selber , dies Jahr , und tut ihren Dankgott ! « Da gab es mir einen Riß . Meine Kostmutter hatte mir hier ihren kostbarsten Schmuck , ihre Brautkette , für die liebe Frau geschickt , weil sie kurz zuvor bei dem scharfen Hagelschauer ihre Felder wunderbar beschützt hatte ; wie durfte ihr nun ich , dem sie nicht weniger wunderbar geholfen hatte , meine paar Silbergroschen verweigern ! So eilte ich denn in die Höhle , steckte eine Hand voll Münzen in meine lederne Hose , schob die übrigen in die dunkelste Ecke und dachte , daß die Himmelmutter wohl mächtig genug sei , mir das Opfer , welches ich ihr hiedurch brachte , hundertfach zu vergelten . In diesen Gedanken legte ich die Schuhe an , hing die Joppe über die Achsel und sagte : » Ambros , jetzt geh i halt in Gotts Nam . Pfüate Gott ! « Und zum Vieh sagte ich noch , daß ich ihnen einen besonders großen , kräftigen Segen mitbringen wolle und daß ich sie schon einschließen würde in die Andacht . Dann nahm ich das bunte Sacktuch , in welches das Opfer der Meßmerin eingewickelt war , hing es an meinen Stecken , lupfte mein Hütl und machte mich auf den Weg . Obgleich ich erst etwa zwölf Jahre zählte und noch nicht über unsere Alm hinausgekommen war , fehlte es mir nicht an Schneid ; es war mir genug , daß die Nandl , unsere Schwaigerin , einmal mit der Hand gegen den Wendelstein gewiesen und dabei gesagt hatte : » Siehst Mathiasl , dort hint is unsa liebe Frau vom Birknstoa . Grad unterhalb vom Wendlstoa ! « Darum wandte ich mich sogleich gegen diesen , suchte mir einen Weg , der in der Richtung führte , und trabte frisch dahin , indem ich wohlgemut ein Frauenlied ums andere hinaussang . Dabei schaute ich immer wieder hinter mich , ob mir keine Kuh oder Geiß nachkäme , und horchte auf das immer ferner klingende Geläute des Viehs . Doch bald lag alles weit hinter mir in bläulichen Dunst und Nebel eingehüllt , und ich stieg langsam auf einem einsamen Waldweg , zu dessen Seiten ein kleines Wasser talab floß , bergan . Eine große Stille war rings um mich her ; nur der Schrei des Hähers , das Singen der Waldvögel und das Summen der Hummeln und Wespen tönte an mein Ohr . Kein Mensch begegnete mir ; nur ein paar Rehe sprangen erschreckt davon , als sie mich so unvermerkt vor sich sahen . So stieg ich weiter , bis ich , den Wald hinter mir lassend , über eine Almwiese wanderte , mit großen , erstaunten Augen hinabschauend auf eine weite Welt , von deren Größe ich mir keine Vorstellung machen konnte . Wohl an die zehn Kirchtürme erblickte ich da , die bald spitzig wie ein Griffel , bald rund wie unsere Edelbirnen oder sonst wunderlich geformt im Sonnenlicht glänzten . Ich blieb stehen , stützte das Kinn auf den Stock und sah unverwandt hinab und dachte , was das wohl schöne Orte sein möchten , und ich wäre gern einmal in jedem gewesen . Da erhielt ich plötzlich einen heftigen Stoß von rückwärts , daß ich rittlings über meinen Stecken fiel ; und da ich aufsah , stand ein Bauer zürnend und greinend hinter mir und schrie , daß es mir durch alle Glieder fuhr , ich solle schauen , daß ich aus seinem Grund und Boden hinauskäme ; und wenn er noch einmal so einen verdammten Ellbacher Lumpen in seinem Rain fände , könnt schon sein ... ! Ich erwiderte ihm zwischen Zorn und Schreck , daß ich gar kein Ellbacher sei , ja , daß ich diesen Ort gar nicht wisse . » I bin doch der Weidhoferbalg von Sonnenreuth ! « sagte ich ; » und ich geh nur grad wallfahrten auf Birkenstein ! « Da schaute er mich erst zweifelnd , dann lachend an und meinte : » Wie sagst ? Vom Weidhofer z ' Sonnenreuth ? « Und als ich , wieder aufstehend , nickte , sagte er , dann solle ich nur da weitergehen : » Gleich da hinten bei dem Zwiefiturm ist Fischbachau ; balst dich a weni schleunst , nachher gehst es leicht in zwo Stund ! « Ich nickte wieder , und nachdem ich ihm noch mürrisch » Pfüa Gott « gesagt , lief ich davon . Der schmale Wiesenpfad führte wieder in einen Wald , und ich eilte nun , ohne zu rasten , dahin , bis ich auf eine breite Straße kam , an der ein Wegweiser nach Ellbach und Durham zeigte . Indem ich nun bald auf den Weg , bald auf die Tafel blickte , donnerte ein Schuß durch die Berge und gleich darauf noch mehrere . Ich dachte , daß es gewiß Böller sein möchten , und hörte aufmerksam auf die Richtung , woher sie kamen . Da drang plötzlich , erst verworren , dann immer deutlicher , lautes Beten an mein Ohr , ich blickte mich um , da sah ich eine große Schar Männer und Frauen die Straße heraufkommen , Fahnen und Kreuze tragend und den glorreichen Rosenkranz betend . Voran gingen zwei Priester im Chorhemd ; etliche Ministranten mit roten , goldverzierten Schulterkrägen folgten ihnen und trugen kranzgeschmückte Statuetten der Heiligen auf langen Stangen , und dahinter reihten sich die Beter . Sie schritten alle gebeugt , und der Schweiß stand vielen auf dem Gesicht , doch hielten sie eine schöne Ordnung ; und es gingen auf der rechten Straßenseite die Frauen und auf der linken die Männer hintereinander , also daß die ganze Straßenbreite leer zwischen ihnen blieb . Ein Mann im Chorrock lief mit einem langen , silbernen Stab beständig den Zug entlang und schrie mit großem Nachdruck immer die ersten Worte eines jeden Ave Maria hinter sich , worauf die Beter alle zu gleicher Zeit einfielen ; und es war die Ordnung also , daß die Männer den Gruß vorbeteten , die Frauen aber mit der Bitte nachkamen . Ich zog mein Hütlein , ließ sie an mir vorüber und folgte ihnen , überzeugt , daß es Wallfahrer seien , die gleich mir die Mutter vom Birkenstein heimsuchten . So war es auch ; und wir zogen unter dem Geläute der Glocken durch die Orte , und es kam mir vor , als trabte eine große Schafherde vor mir her , der ich als ein junges Hündlein oder wie ein krummgehendes Lamm folgte . Doch zog ich auch meinen Rosenkranz aus dem Sack und schrie mit vieler Kraft mein » Gegrüßt seist du , Maria « hinter den Betern , so daß sich endlich die letzten umsahen und mir ganz freundlich und ermunternd zunickten . Immer noch krachten die Böller ; und ich dachte , daß es nun nicht mehr weit sein könne bis zu dem Ort , wo sie abgefeuert wurden ; denn sie donnerten hart , und ihr Schall brach sich unmittelbar an allen Wänden . Langsam bewegte sich der Zug bergan , vorüber an kranzgeschmückten Häusern , und von allen Seiten strömten Pilger herbei und schlossen sich ihm an . Und während ich , neugierig einen vollbesetzten Wirtsgarten betrachtend , gedankenlos noch meine Ave Maria schrie , verschwanden droben allmählich die Fahnen und Statuetten hinter den Birken eines von Menschen dichtumlagerten Felsens , von dem das Geläute silberner Glocken tönte , der Glocken der Kapelle unserer lieben Frau vom Birkenstein . Allmählich zerteilte und löste sich der Zug in Gruppen , und ich schob mich behende durch die Versammlung vor dem Kirchlein ; denn ich wollte meine Aufgabe vollbracht haben . Darum stieg ich sogleich die schmale Holztreppe hinauf , die zu einem Wandelgang führte ; der zog sich rings um das Kirchlein und war an Decke und Wänden mit Votivtafeln und Gemälden dicht behangen . Ein niederes Tor stand weit geöffnet , und der Duft von Weihrauch und Kerzen drang heraus . Ich zwängte mich durch einen dichten Knäuel von Bäuerinnen und schlüpfte ungeachtet ihrer erzürnten Mienen und Reden hinein in die Kirche . Eine tiefe Stille war hier trotz der großen Zahl der Betenden , und man hörte nichts als das Fallen der Rosenkranzperlen und das Knistern seidener Schürzen und Kopftücher . Nur manchmal begann irgendein Weiblein zu seufzen oder zu hüsteln , oder es entstand ein kleines Geräusch durch eine abrinnende Opferkerze . Ich empfand diese Stille und die Schwüle in dem winzigen , vollgepfropften Raum ganz beängstigend und suchte , da mir zudem auch jeder Blick auf den Altar durch die Erwachsenen unmöglich war , in die Nähe desselben zu gelangen . Ich schob mich daher bald hier , bald dort an einer seidenen Schürze vorbei , trat wohl auch manchmal einem oder dem andern auf die Zehen , bat diesen oder jenen Bauern , mich durchzulassen , und brachte es am Ende zustande , daß ich mich an der Stufe des Hochaltars befand . Heißa ! Riß ich da die Augen auf ! In einem magischen roten Licht , umgeben von goldgeflügelten Cherubinen und kleinen Engeln , die auf rosenrot leuchtenden Wolken schwebten , stand die Mutter mit dem Kind . Beide trugen goldene , steingeschmückte Kronen und reichverzierte Prunkmäntel ; insonderheit der schwere , weitausgebreitete Purpurmantel unserer lieben Frau erregte in mir Staunen und Verwunderung . Das Bild schien mir zu schweben , und bei dem unsteten Schein der vielen Kerzen glaubte ich fast , es lebe ; denn es stand frei , hoch über dem Altar , und hielt ein Zepter mit so lieblicher Gebärde , wie nur ein lebendes Wesen dies tun kann . Und ich dachte , wie es doch möglich gewesen wäre , ein solch köstliches Werk zu schaffen und aus dem ungefügen Holz zu schneiden ; denn der Weidhofer hatte mir erzählt , daß es holzgeschnitzt und bemalt sei . Und mit einem Male trat ein Wunsch auf meine Lippen , an den ich noch nie zuvor gedacht : Ich möchte ein solcher Meister werden , wie der dieses Bildes einer gewesen . Inbrünstig sagte ich ihn drei- , viermal vor mich hin , und das letztemal muß ich es wohl laut getan haben ; denn eine Stimme hinter mir flüsterte erzürnt : » Bist net glei stad ! « Ich wandte erschreckt den Kopf , und es war mir , als sei ich aus einem Himmel gerissen worden ; die ganze Andacht war dahin , und ich dachte an nichts mehr , als wie ich am schnellsten aus den Augen dieser Menschen käme . Da trat eine dicke Bäuerin vor und legte mit vielen Kniebeugen und ehrfürchtigen Gebärden eine dicke Kerze und ein verschnürtes Päcklein auf den Altar . Sogleich folgten noch etliche , und ich erinnerte mich dabei , daß ich nun auch mein Opfer hinlegen müsse . Also holte ich erst meine Silbergroschen aus dem Sack und legte sie abseits von den andern Gaben auf den Altar ; sodann band ich das Tuch auf und wollte schon das Wachs herausnehmen . Aber da fiel mir ein , daß ich auch etwas zu beten hätte , und ich sagte nun , indem ich das Tüchlein geöffnet mit beiden Händen hielt , was mir meine Kostmutter aufgetragen ; dann leerte ich es zu meinen Groschen aufs Altartuch und drückte mich hierauf durch die Menge wieder dem Ausgange zu . In diesem Augenblick krachten wieder die Böller , läuteten die Glocken , und ein Chor sang das Pange lingua , begleitet von Posaunen und Geigen . Auf dem freien Platz hinter der Kapelle war ein Altar und eine Kanzel errichtet worden , und eben gab der Pfarrer den Segen mit dem Allerheiligsten . Nun strömte alles herbei ; die Kapelle und der Wandelgang leerten sich , und die Menge lagerte sich auf Felsblöcken oder im Grase und hörte auf die Worte des Evangeliums . Da dachte ich bei mir , daß es nun wohl besser sein möchte , wenn ich wieder in die Kapelle ginge ; denn ich verstand damals noch nicht gar viel von Predigten und mußte nicht selten dabei dem Schlaf wehren . Also trat ich abermals ins Kirchlein und setzte mich betrachtend und staunend in die vorderste Bank ganz nahe der Mauer , die mit Gemälden und Bildern überreich geschmückt war . Und wieder überkam mich dieses seltsame Gefühl , und ich betete und wünschte , daß ich immer in einem solch heiligen Haus weilen könne . Dabei schaute ich starr auf das Bild der Mutter , deren liebliches Gesicht durch das flackernde Licht bald zu lächeln , bald zu trauern schien ; und ich merkte nicht , wie eine verborgene Tür sich drehte und ein Arm sich herausstreckte . Da klirren meine Silbergroschen am Altar ; ich blicke hin und sehe , wie eine rote Hand sie zusammenrafft und mit ihnen verschwindet . Gleich darauf erscheint sie wieder und packt auch das übrige ; ich stoße einen Schrei aus und stürze aus der Kirche und davon , fest überzeugt , daß der Teufel leibhaftig der Mutter Gottes ihre Gaben geraubt . Mein Entsetzen war so groß , daß ich ohne Besinnen die Holzstiege hinablief , mitten durch die andächtig der Predigt lauschende Menge , und weder sah noch hörte , als etliche mich anschrien und versuchten , mich aufzuhalten . Durch ein felsiges Tal sprang ich dahin und hielt nicht inne , bis ich , schweißbedeckt auf einer einsamen , sumpfigen Wiese angelangt , bei jedem Tritt tief in dem nassen Moor versank . Das bestärkte mich noch in dem festen Glauben , daß hier der Böse umgehe und besonders mir Verderben bringen wolle ; und ich begann , mich zu bekreuzen und unsere liebe Frau anzurufen . Der Frost schüttelte mich , und es peinigte mich ein großer Durst , während ich langsam einen Fuß um den andern durch den Morast zog . Nach geraumer Weile wurde der Boden wieder fester , und ich kam endlich auf einen