Scheerbart , Paul Lesabéndio . Ein Asteroiden-Roman www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Paul Scheerbart Lesabéndio Ein Asteroiden-Roman Personenverzeichnis Biba . Sehr alter Pallasianer , der sich besonders für die Sonne interessiert und philosophische Bücher schreibt . Bombimba . Ganz , jugendlicher Pallasianer , dessen Entstehung geschildert wird . Dex . Ein Führer auf dem Stern Pallas . Die Heraufbeförderung und Bearbeitung des Kaddimohnstahls ist seine Hauptbeschäftigung . Labu . Ein künstlerischer Führer , der sich fast nur für die Formen mit gekrümmten Linien interessiert . Lesabéndio . Ein Führer , der mehr technische als künstlerische Interessen hat und die Erbauung eines großen Turmes am meisten fördert . Manesi . Ein gärtnerisch veranlagter Führer , der für Rankengewächse begeistert ist und viele Pilzwiesen anlegt - auch in den Höhlen des Sterns Pallas . Nax . Ein Bewohner des Sterns Quikko . Kommt mit neun andern Quikkoïanern durch Vermittlung von Lesabéndio und Biba auf den Pallas . Nuse . Erbauer von Lichttürmen . Peka . Künstlerischer Führer , der nur mit graden Kanten und Flächen arbeiten will und alle kristallinischen Formen höher schätzt als die anderen Formen . Sofanti . Fachmann für Hautfabrikation . Erstes Kapitel Lesabéndio macht den Biba auf einen kleinen Doppelstern aufmerksam und sagt , daß nach seiner Meinung der Asteroïd Pallas ebenfalls ein Doppelstern sei . Biba schwärmt danach für das intensive Leben auf der Sonnenoberfläche und erklärt , daß er gerne dort sein möchte . Lesabéndio will ihn davon abbringen und liest ihm eine Geschichte vom Stern Erde vor , auf dem vor kurzem ein alter Pallasbewohner gelebt hat , ohne von den Erdbewohnern bemerkt zu werden . Zum Schlusse wird von dem irdischen Astronomen Pallas berichtet , der dem Asteroïd Pallas seinen Namen gab , der merkwürdigerweise ebenso klingt wie der Name , den die Pallasianer selber ihrem Sterne gegeben haben . Violett war der Himmel . Und grün waren die Sterne . Und auch die Sonne war grün . Lesabéndio machte seinen Saugfuß ganz breit und klemmte ihn fest um die sehr steil abfallende zackige Steinwand und reckte sich dann mit seinem ganzen Körper , der eigentlich nur aus einem gummiartigen Röhrenbein mit Saugfuß bestand , über fünfzig Meter hoch in die violette Atmosphäre hinein . Mit dem Kopfe des Lesabéndio ging oben in der Luft eine große Veränderung vor sich ; die gummiartige Kopfhaut wurde wie ein aufgespannter Regenschirm und schloß sich dann langsam zu ; das Gesicht wurde dabei unsichtbar . Die Kopfhaut bildete danach eine Röhre , die nach vorn offen war , während sich auf ihrem Grunde das Gesicht befand , aus dessen Augen zwei lange fernrohrartige Gebilde heraustraten , mit denen der Lesabéndio die grünen Sterne des Himmels sehr deutlich sehen konnte , als wäre er ganz in ihrer Nähe . Der heftige Biba reckte sich neben dem Lesabéndio ebenso in die violette Atmosphäre hinein . Während aber der Gummikörper des Letzteren ganz steif und grade stand , bewegte sich Bibas Gummikörper wie ein Grashalm im Winde . Nun sagte Lesabéndio - und seine Stimme klang dabei sehr laut , da sie durch die Kopfhautröhre verstärkt wurde : » Biba , siehst Du neben dem Stern Erde den kleinen Doppelstern ? « Biba legte nun auch seine Kopfhaut um die Ohren und machte aus der Haut auch eine Röhre und ließ auch in dieser Hautröhre seine Augen zu zwei langen Fernrohren werden . Und der Biba entdeckte den kleinen Doppelstern ebenfalls und sagte nach einer Weile : » Der Doppelstern hat aber nichts mit dem Stern Erde zu tun ; er ist einer von den kleinen Sternen , den Asteroïden , zu denen auch der Stern Pallas gehört , auf dem wir leben . « » Das ist « , versetzte Lesabéndio , » auch meine Meinung . Ich möchte nur gern wissen , ob wir diesen Doppelstern mal in nächster Nähe sehen könnten . « » Ich habe « , sagte da der Biba , » diesen Doppelstern schon öfters beobachtet ; er geht viel langsamer als der Pallas , und wir müssen ihn deshalb in einiger Zeit einholen . Wir werden den Doppelstern wohl bald in nächster Nähe sehen . Aber warum interessiert Dich das ? « » Das obere System des Doppelsterns « , erwiderte Lesabéndio , » sieht wie eine spitze Düte aus , deren Spitze sich oben befindet . Das untere System des Doppelsterns ist eine Kugel , die sich dreht ; die Pole der Kugel befinden sich rechts und links . Erleuchtet wird die Kugel von einem Lichte , das aus dem Inneren der Düte kommt - von oben herunter kommt das Licht - aus der unten offenen Düte heraus . Das Licht erleuchtet die ganze Kugel , da sich die Pole dieser sich drehenden Kugel seitwärts rechts und links befinden . Düte und Kugel hängen also eng miteinander zusammen . « » Ja « , sagte nun der Biba erstaunt , » das hab ich Alles längst gesehen . Warum interessiert Dich das in so außerordentlicher Weise ? « » Weil « , rief nun der Lesabéndio plötzlich sehr laut , » ich glaube , daß zum Stern Pallas auch eine solche Düte gehört - oder etwas Ähnliches . Kurzum : weil ich glaube , daß der Stern Pallas auch ein Doppelstern ist . « Biba sagte darauf nach einer Weile : » Ich werde darüber nachdenken . « Dann wurden die Beiden wieder ganz klein , die Kopfhaut legte sich an den Hinterkopf , und die großen Augen lagen wieder ganz einfach neben der messerscharfen , fein gekrümmten Nase . Um Bibas Mundwinkel glitzerten viele feine Falten , und er sprach dabei , während sein Kopf jetzt nur anderthalb Meter vom breiten Saugfuß entfernt war : » Zweifellos haben wir das Recht , in allen astralen Dingen sehr viele Doppelsysteme zu vermuten und sehr viel Vielfältiges - ist doch unsre Sonne mit ihrem großen Trabantenheer auch nur ein derartiges Vielfältiges - ein großes Doppelsystem , in dem die Trabanten den einen Teil bilden , während die Sonne das Andere , das Höhere - die Düte ist . Wie kommt es aber , daß sich all die Trabanten von der großen Sonne fesseln ließen ? Ich glaube , es ist hauptsächlich maßlose Neugierde und maßlose Bewunderung . Die beiden großen Sterne , die der Sonne am nächsten sind , bewegen sich garnicht um sich selbst , starren die Sonne immerzu an und sind ganz weg vor berauschender Bewunderung . Der dritte Stern , den wir Erde nennen , ist nicht mehr so heftig von der Intensität der Sonnenkraft mitgerissen ; er dreht sich noch um sich selbst - er hats noch nicht vergessen , daß er einst auch eine Sonne war - sein Mond starrt ihn ebenso unbeweglich an - wie die beiden großen Sterne , die der Sonne am nächsten sind , die Sonne anstarren . Und mir gehts beinahe so wie diesen beiden Sternen , obgleich ich kein Stern und auch weiterab bin . Aber diese rasenden Stürme der Sonnenhaut - dieses intensive wilde unerschöpfliche zuckende Flammen- , Licht- und Glutleben reißt mich auch hin . Was soll man zu einer so unbeschreiblichen Kraft - zu solcher ungeheuren Schnelligkeit und zu solchem sprühenden trotzigen Lebensübermaß sagen ? Ich möchte mich für die Stoffverhältnisse der Sonnenhaut unempfindlich und unsichtbar machen und einmal da auf der Sonnenhaut mittendrin in all dem tollen Flecken- und Protuberanzen-Leben stehen und sehen - wies denn bloß möglich ist . Es muß der höchste Lebensrausch da sein - ein Lebensrausch , gegen den alles Trabantenglück einfach müde Schlafmützigkeit ist . Oh - wenn ich da hinkommen könnte ! Lesabéndio , die Sonne ist größer als alle ihre Trabanten . « » In noch größeren Kreisen « , erwiderte Lesabéndio , » als wir bewegen sich auch Sonnen um die große Sonne , die sich in der Mitte unseres Planetensystems befindet . Weiterab von der Mitte - weiterab als die Pallasbahn - gibt es auch große Sonnen , die sich wie wir um unsre Mittelpunktssonne bewegen , warum willst Du Deine Gedanken nur dieser widmen ? Und - haben wir nicht auch auf unserm Stern Pallas genug zu bewundern ? « Biba bewegte vier seiner Arme , aus denen sich viele lange Finger herausstreckten , bedeutsam in der Luft herum und machte dann seine Arme zehn Meter lang und deutete mit allen Fingern zitternd nach der grünen Centralsonne , die als dickster grüner Stern oben im violetten Himmel sanft leuchtete wie eine ganz stille , ruhige Welt . » Sie ist nicht still und ruhig ! « rief der Biba . Und der Lesabéndio sprach nun , während der Biba wieder seine Arme und Hände in die Falten seines Körpers hineinlegte : » Ein interessantes Buch hab ich neulich entdeckt , in dem ein Pallasianer seinen Aufenthalt auf dem Stern Erde schildert ; er ist dort für die Erdverhältnisse unsichtbar und unempfindlich gewesen und ist von seinem Leben auf diesem Stern Erde garnicht so entzückt . Und so könnte Dirs auch ergehen , wenn Du mal in ähnlicher Weise auf die Sonne kämest . « Biba wurde sehr lebhaft und wollte das Buch kennen lernen , und der Lesabéndio griff mit vielen Fingern an seine Halskette , von der an feinen Fäden viele kleine Rollen herunterbaumelten . Und eine von diesen Rollen machten Lesabéndios flinke Hände auf . Da die meisten Pallasianer ihre Augen auch ganz leicht zu Mikroskopen machen konnten , so wurden fast alle Bücher in allerkleinster Form in photographischer Manier nur für Mikroskopaugen hergestellt , sodaß jeder Pallasianer imstande war , seine ganze Bibliothek am Halsbande zu tragen . Lesabéndio las nun aus dem Buche , das der Pallasianer , der auf der Erde gewesen war , geschrieben hatte , das Folgende langsam und deutlich vor : » Auf dem den Pallasianern wohlbekannten Keulenmeteoriten fuhr ich durch die Bahn des Sterns Erde . Und es gelang mir da , ganz gefahrlos die Oberfläche der Erde zu erreichen . Die Erde ist ein außerordentlich schwerer Stern , besteht aber aus Stoffen , die so vollkommen anders sind als diejenigen , die wir auf dem Pallas kennen , daß mein ganzer , doch recht umfangreicher Körper für die Bewohner der Erdoberfläche gänzlich unsichtbar und unempfindlich blieb . Ich aber konnte mit meinen vortrefflichen Augen sehr wohl alles sehen , was auf der Erde vorging . Was ich aber sah , war wohl sehr seltsam , aber doch wenig erfreulich . Die Erdbewohner konnten durch meinen Körper durchgehen , ohne daß sie es bemerkten . Ich fühlte bei solchem Durchgehen nur ein feines , nicht unsympathisches Kribbeln in meinen Gliedern . Ich versuchte , auch ins Innere der Erde zu gelangen - das war aber an allen Stellen unmöglich . Und so mußte ich auf der Oberfläche bleiben . Ich fand überall eine Vegetation , die meinen Körper ernährte . Während wir aber auf dem Pallas nur nötig haben , unsern Körper mit den Pallaspilzen in Berührung zu bringen , um den Nahrungsstoff durch unsre Körperporen aufzunehmen , war ich auf der Erde gezwungen , Pilze und Schwämme erst zu zerreiben , bevor sie von meinen Poren aufgenommen werden konnten . Entsetzt aber war ich durch die Ernährungsart der Erdbewohner ; diese nehmen die Nahrung durch den Mund auf , bis ihr Leib aufquillt . Und das Furchtbarste war , daß sie andre Lebewesen töteten , zerschnitten und zerhackten und dann stück- und kloßweise in ihren Mund steckten ; im Munde hatten sie steinharte Zähne , mit denen sie alles zermalmten . Ich versuchte auf alle mögliche Art , mich den Erdbewohnern bemerkbar zu machen ; es gelang mir aber nicht . Die Erdbewohner sind von sehr verschiedenartiger Intelligenz , die führende Rolle hatten Lebewesen , die auf zwei Stelzbeinen mühsam sich weiterschleppten und sich Menschen nannten . Diese Menschen waren ursprünglich Raubtiere - das heißt : Lebewesen , die mit Klaue und Zahn über andre Lebewesen herfielen , sie töteten und auffraßen . Aus diesen Raubtierinstinkten entwickelten sich nun die abscheulichsten Gewohnheiten . Die Menschen vernichteten nicht nur die weniger intelligenten Lebewesen auf der Erdrinde , sie vernichteten sich sogar gegenseitig um der Nahrung willen . Und wenn ich auch nicht gesehen habe , daß sie sich gegenseitig auffraßen , so mußte ich doch sehen , wie sie in großen Horden zu Tausenden aufeinander losgingen und sich mit Schußwaffen und scharfen Eisenstücken die entsetzlichsten Wunden beibrachten , an denen die meisten nach kurzer Zeit starben . « » Hör auf ! « schrie da der Biba plötzlich und wurde ganz blau im Gesicht , » wie kannst Du mir das vorlesen ? Du marterst mich ja . Soll ich glauben , daß auch die Bewohner der Sonnenoberfläche auf einer derartig niedrigen Entwicklungsstufe stehen ? Niemals werde ich das glauben - ich müßte es denn mit meinen eigenen Augen sehen . Und das wäre entsetzlich . Willst Du mir meine Sehnsucht nach der Sonne rauben ? « » Aber « , sagte nun der Lesabéndio , » wie kann Dich dieser Bericht so aus der Fassung bringen ? Mußt Du nicht froh sein , daß Du auf einem Sterne lebst , dessen Bewohner ein feineres Leben führen ? Sieh , lieber Biba , ich möchte Dir gerne Deine ungestüme Begierde nach dem Sonnenleben abnehmen . Es ist nicht gut , wenn man so ungestüm nach einem anderen Leben sich sehnt und dabei die Vorzüge des Lebens , in dem man sich befindet , mißachtet . Auch das Leben auf der Erdhaut muß nach dem Buche , das ich hier in Händen habe , ebenfalls Vorzüge besitzen . « » Ich bitte Dich « , sagte darauf der Biba ganz weich , » scherze nicht : Du kannst doch nicht behaupten , daß diese Erdbewohner , die sich gegenseitig in Horden vernichten , irgendwelche Lichtseiten in ihrem Leben aufweisen könnten . « Lesabéndio lachte und widersprach und las schließlich aus dem kleine Buche , das er in seinen Händen hatte , noch das Folgende vor : » So unglaublich es klingen mag , so muß doch gesagt werden , daß sich einzelne von diesen Menschen auch mit dem Leben der anderen Sterne beschäftigen und daß sie sich künstliche Glasaugen gemacht haben , mit denen sie die übrigen Sterne in vergrößertem Maßstabe sehen . Und besonders lustig war es , als ich hörte , daß die Menschen auch den Stern Pallas entdeckt hatten . Unsern Stern nennen sie nach dem Astronomen Pallas . Dieser Astronom heißt nämlich Peter Simon Pallas , und ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen . Natürlich weiß dieser Pallas nicht viel von uns , aber er wußte doch , daß unser Stern gute vierzig Meilen im Durchmesser hat . Gesehen hat er von unserm Stern allerdings nur einen Lichtpunkt . Dieser Peter Simon Pallas hat natürlich nur unsre Atmosphäre gesehen , die von der Sonne und von dem uns nächsten großen Trabanten der Sonne , den die Menschen Jupiter nennen , beleuchtet wird . Aber es ist doch unglaublich seltsam , daß der Name des irdischen Astronomen , nach dem unser Stern genannt wird , genauso klingt wie der Name , den wir unserm Sterne gegeben haben . Man sollte deswegen auch über niedriger stehende Lebewesen auf anderen Sternen niemals zu schnell ein abfälliges Urteil aussprechen . « Bibas Gesichtszüge erheiterten sich und wurden wieder hellbraun wie sonst . Dann aber wollte der Biba das ganze Buch selber lesen , und Lesabéndio liehs ihm . Nachdem der Biba das Buch an einem Faden seines Halsbandes befestigt hatte , beschlossen die Beiden , an der steilen Felswand emporzusteigen . Sie reckten sich wieder hoch auf , wurden dann blitzschnell wieder klein und stießen sich dann mit dem zusammengezogenen Saugfuß ab , sodaß sie in die Höhe flogen - wohl dreihundert Meter hoch . Sie breiteten in der Luft ihre Rückenflügel aus , sodaß sie sich wieder der Felswand näherten , an der sie dann mit dem Saugfuß abermals festen Fuß faßten . Von dort aus sprangen sie wiederum hoch empor wie vorhin und kamen so mit einigen guten Sätzen zu den Gipfeln des Gebirges , das den oberen Rand des Pallas kreisförmig abschließt . Zweites Kapitel Es wird zunächst die Tonnenform des Pallas geschildert . Dann werden die schwirrenden Bandbahnen des Nordtrichters vorgeführt . Und dann kommt Lesabéndio mit Biba zum neuen Riesenlichtturm , den sie mit Nuse , Dex und Manesi auf Seilbahnen besteigen . Auf der Spitze des Turms erleben sie das wunderbare Schauspiel des Nachtbeginns . Während Nuse auf dem von ihm erbauten Lichtturm bleibt , begeben sich die vier anderen Herren zum Mittelpunkt des Sterns - Lesabéndio fliegt hinunter und sieht sich die Beleuchtungen des Nordtrichters an , während die drei Andern eine Seilbahn benutzen , um schneller zum Mittelpunkt des Sterns zu gelangen . Das Gebirge , das den oberen Rand des Pallas kreisförmig abschließt , hat viele hohe Gipfel und viele schroff abfallende Felswände . Der Kreis , den dieses Gebirge bildet , hat einen Durchmesser von zwanzig Meilen . Der Stern Pallas sieht äußerlich so aus wie eine Tonne . Die Höhe der Tonne von oben nach unten beträgt vierzig Meilen , die Breite in der Mitte dreißig Meilen . Und dort , wo die Deckel der Tonne sind , ist der Durchmesser der runden Deckelfläche oben wie unten zwanzig Meilen groß . Aber es befinden sich keine Deckel an dieser Tonne ; im Innern der Tonne sind oben wie unten zwei leere Trichter von zwanzig Meilen Tiefe . Die beiden Trichter stoßen mit ihren Spitzen im Mittelpunkte zusammen . In diesem Mittelpunkte befindet sich ein Loch , das im engsten Teile noch eine halbe Meile breit ist . Durch dieses Loch sind die beiden Trichter miteinander verbunden . Die kräftig ausgebauchte Tonne dreht sich langsam um sich selbst - um die senkrechte Linie , die durch den Mittelpunkt von oben nach unten geht . Und mit Ausnahme der leeren Trichter besteht die Tonne aus festem Stoff . Lesabéndio befand sich nun mit dem Biba auf dem oberen Rande des Nordtrichters . Und dieser obere Rand zeigte viele hohe Gebirgsgipfel . Und nach unten gings zwanzig Meilen schräg ab in die Tiefe zum Mittelloch . Aber die Wände dieses Riesentrichters waren nicht flach und glatt - sie zeigten wie der Rand oben viele zackige Gipfel und viele schroff abfallende Felswände . Aber diese Felswände waren auch nicht glatt , sondern vielfach zerrissen und von vielen tiefen Tälern durchfurcht . Die Pallasianer hatten nun wohl die Fähigkeit , infolge ihres Saugfußkörpers hoch in die Lüfte zu springen und sich auch in den Lüften mit Hilfe ihrer Rückenflügel schwebend zu erhalten , sodaß sie leicht zu jeder Bergspitze und überallhin gelangen konnten . Diese natürliche Fortbewegungsart erschien aber den Pallasianern sehr bald nicht schnell genug . Und sie hatten daher in den beiden Trichtern unzählige sogenannte Bandbahnen hergestellt , die die Gipfel und Täler nach vielen Richtungen hin - schräg , waagrecht und auch senkrecht - miteinander verbanden . Die Bandbahnen bestanden aus langen Bändern , die nicht viel breiter als fünf Meter waren und sich an den beiden Endpunkten auf automatisch tätigen Rollen sehr schnell fortbewegten ; ein Bandstück bewegte sich oben und das andre unten . Nun brauchte der Pallasianer nur auf das Band aufzuspringen und sich mit seinem Saugfuß auf dem Bande festzuheften - so sauste er mit rasender Eile dahin . Am Schluß sprang dann der Pallasianer ab und flog mit der gegebenen Geschwindigkeit so lange durch die Luft weiter , bis er eine zweite Bahn erreicht hatte , die ihn mit derselben Schnelligkeit wie die erste weiter beförderte . Nun liefen immer sehr viele Bandstreifen auch in andrer Richtung , sodaß alle Trichterwände nach allen Richtungen hin leicht befahren werden konnten . Die Bandstreifen bewegten sich natürlich sämtlich ohne Unterlaß , da die rotierende Tätigkeit der Rollen , um die die Bandstreifen rumgelegt waren , nicht aussetzte . Die Bandbahnen boten ein Bild der heftigsten Verkehrsfreude ; die Pallasianer flogen immerzu auf die Bänder rauf und immerzu wieder von den Bändern runter , sodaß langsam in natürlicher Bewegung dahinschwebende Pallasianer durch ihr langsames Schweben auffielen - wie träge Nichtstuer . Um ihre Saugfüße ein wenig zu schonen , pflegten zusammenfahrende Pallasianer aufeinander zu sitzen - was zuweilen sehr drollig aussah . So saß auch der Biba mit seinem Saugfuß auf Lesabéndios Rücken hinter den Flügeln , als die Beiden auf den Bandbahnen rasch einem ferner gelegenen Berggipfel zustrebten . Nachher saß der Lesabéndio auf dem Biba . Die Beiden kamen rasch weiter im oberen Teile des Trichters und überflogen mindestens dreißig breite Talschluchten in ein paar Augenblicken . Und dann flogen sie rasch von der letzten Bahn ab nach oben hinauf auf die Spitze eines sehr hohen Berggipfels , auf dem Tausende von Pallasianern ganz still dasaßen und ein neues Bauwerk anstarrten . Das Bauwerk war ein Glasturm . Doch dieser Glasturm ragte eine volle deutsche Meile in den Weltenraum hinauf . Und so wars sehr natürlich , daß Tausende von Pallasianern dieses neue Bauwerk ganz still anstarrten . Der Pallasianer Nuse , der diesen Turm gebaut hatte , sah jetzt den Lesabéndio mit dem Biba heranfliegen und breitete gleich seine Kopfhaut wie einen riesigen Regenschirm seitwärts aus und brachte den Rand seiner Kopfhaut zum Schwingen . Lesabéndio und Biba taten dasselbe ; so pflegten sich die Pallasianer immer zu begrüßen , wenn sie gern miteinander sprechen wollten . Und sie sprachen miteinander . Viele feine Falten glitzerten dabei neben den Mundwinkeln der Pallasianer . Und die messerscharfen Nasen zuckten öfters . Der Glasturm war ein Lichtturm , der heftig leuchten sollte - in der langen Nacht . Die lange Nacht war auf dem Pallas so lang wie ein Monat auf der Erde ; der Tag war ebenso lang . Der eigentliche Lichtspender ist aber auf dem Pallas nicht die Sonne , sondern eine weiße große Wolke , die hoch über dem Nordtrichter befindlich ist . Diese weiße Wolke leuchtete jetzt auch in vollem Glanze . Die Berge auf dem Trichterrande waren auch zumeist weiß ; nur einzelne Stellen zeigten blaue und graue Farben ; in der Tiefe des Trichters waren die blauen und grauen Farben dunkler und vorherrschend , sodaß man da das Weiße nur vereinzelt sah . Die Gesichter der Pallasianer hatten gelbe Farbe - nur die Augen waren braun und die Lippen ebenfalls , während die Kopfhaut aufgesperrt innen radiale braune Streifen auf gelbem Untergrunde zeigte ; die Rückseite der Kopfhaut war dunkelbraun . Der kautschukartige dunkelbraune Körper hatte viele große und kleine gelbe Flecke . Nuse hatte schon viele Lichttürme gebaut - zumeist auf den Berggipfeln , die sich tiefer im Nordtrichter befanden - aber keiner der Lichttürme hatte den zehnten Teil der Größe erreicht , die der Lichtturm erreichte , vor dem jetzt Tausende von Pallasianern staunend dasaßen . Nuse klagte und sagte : » Es ist so unsäglich schwierig , die Pallasianer zu so großen Arbeiten zu überreden . Ich will doch eigentlich noch hundert solche Türme bauen . Aber meine guten Freunde wollen vorläufig noch nicht ; sie wollen immer wieder was Andres . « » Oh « , versetzte da der Lesabéndio , » das ist ja das Geheimnis unsrer Kraft : je mehr Schwierigkeiten und Hindernisse von uns zu überwinden sind , um so mehr wächst unsre Kraft . Und es läuft doch alle unsre Tätigkeit nur darauf hinaus , uns immer kräftiger , größer und bedeutender zu machen . « Alle Tätigkeit der Pallasianer konzentrierte sich aber darum : den Stern Pallas weiter auszubauen - umzubauen - besonders landschaftlich zu verändern - prächtiger und großartiger zu machen . Und sie hatten vor nicht allzulanger Zeit ein Material im Innern ihres Tonnensterns entdeckt , das den Horizont ihrer Baugelüste merklich erweiterte . Dieses Material hieß Kaddimohnstahl und bestand aus unzerbrechlichen meilenlangen Stangen . Mit solchen Stangen war auch der neue Lichtturm erbaut ; ohne dieses neue Material hätte man natürlich nicht so hoch in die Höhe gehen können . Der Pallasianer Dex , der neben Nuse stand , wußte mit diesem Kaddimohnstahl am besten umzugehen ; auf dem gegenüberliegenden Teile des Trichterrandes hatte er zwei riesige Bergspitzen in riesigem Bogen miteinander verbunden , und Manesi , der Vegetationsarrangeur , hatte diesen Bogen , der im Halbkreise die beiden Gipfel verband , mit hängenden und hochaufragenden Pallas-Bäumen besetzt . Auch der Manesi stand neben dem Nuse . Nuse war nur Beleuchtungsarrangeur und sehr stolz auf seinen ganz bunten Glasturm , der übrigens im oberen Teile sehr viele Ausbuchtungen und weit heraustretende Ausläufer zeigte ; die letzteren sprangen wie radiale Strahlen aus dem Turm heraus . Als die Fünf den Turm genug bewundert hatten , machten sie aus ihren Augen wieder lange Fernrohre , schlugen die Kopfhaut wie ein Futteral um die Fernrohraugen rum und sahen sich jetzt die neue Schöpfung des Dex an , die noch nicht fertig war und gegenüber auf dem Trichterrande in einer Entfernung von zwanzig Meilen auch recht kühn in den Weltenraum hinaufragte . Dann bat der Nuse die vier anderen Herren , mit ihm auf die Spitze des neuen Glasturmes zu steigen . Der Himmel war dunkelviolett , und man sah auch all die grünen Sterne am Himmel - auch die dunkelgrüne Sonne , neben der ein kleiner hellgrüner Komet sichtbar wurde . Oben mitten über dem Nordtrichter leuchtete die weiße Wolke . Aber die weiße Wolke bekam schon ein paar dunkelgraue Flecke . » Wir müssen uns beeilen ! « sagte der Nuse . Und danach sprangen die Fünf in den Turm , und jeder von ihnen nahm dort ein Instrument in die Hand , das einer großen Kneifzange ähnelte . Im Innern des Turmes rollten dicke Seile über Rollen . Diese Seile wurden mit den Kneifzangen fest angepackt - und dann wickelte der Pallasianer blitzschnell seinen Unterkörper um die langen Druckstangen der Kneifzange herum - und flog so in ein paar Sekunden zur Spitze des Turmes hinauf . Die Hemmvorrichtungen funktionierten oben auf einer Strecke von tausend Metern , sodaß sich die Zange im richtigen Moment oben von dem Seile loslöste , ohne daß der Passagier Gefahr lief , auf der Spitze des Turmes gleich weiter hinauf in den Weltenraum hinaufzufliegen . Die Fünf waren also bald oben . Und oben sagte der Lesabéndio sehr heftig : » Wundervoll ist ja hier die Aussicht . Ich wundre mich nur , daß wir so hoch gekommen sind . Wenn wir vom Gipfel unsrer Trichterrandberge aus uns mit Hilfe der schnellsten Bandbahnen in die Höhe schießen lassen , so erreichen wir kaum eine Höhe von dreihundert Metern , und mit solchem Turmbau kommen wir siebentausendfünfhundert Meter hoch . Wenn das nicht seltsam ist , so weiß ich nicht , was seltsamer wäre . Unsre Leuchtwolke oben hat abstoßende Kraft . Wie wärs , wenn wir nun diese abstoßende Kraft überwänden , indem wir noch höhere Türme bauten ? « » Wie willst Du « , fragte nun der Dex , » das anfangen ? « » Wir bauen « , versetzte Lesabéndio , » auf jeden Trichterrandgipfel einen meilenhohen , ganz schlanken Turm , der sich nach der Mitte des Trichters hinüberbeugt . Dann verbinden wir die Spitzen dieser schiefen Türme durch einen Ring , dessen Durchmesser kleiner ist als der Durchmesser des Trichterrandes . Und dann bauen wir auf diesen Ring wieder schiefe Türme , verbinden wieder die Spitzen der schiefen Türme durch einen noch kleineren Ring - und fahren so in fünfzig bis hundert Etagen fort - dann sind wir oben mitten in der Wolke und wissen bald , was sich dahinter oder über der Wolke befindet . Ich vermute , daß da oben das Geheimnis unsres Lebens verborgen ist . « Da schmunzelten die vier Herren , die dem Lesabéndio zugehört hatten . Und dann lachte der Nuse und sagte : » Schöner Bauplan das ! Aber ich möchte wissen , wo Du die Bauleute herbekommst . Ich kriege sie nicht zu einem zweiten Turm - und Du willst , wenn ich nicht irre , an die tausend Türme bauen . « Dex rief danach : » Und das Material ? Ei , da müßten wir noch viel Kaddimohnstahl ausbuddeln ! Obs so viel gibt ? Ich glaube allerdings , daß es ganz bestimmt so viel gibt . « Da bestürmten die Andern den Dex zu sagen , woher er das wisse . Und er erzählte ihnen etwas von seinen Entdeckungen und Vermutungen . Währenddem wurde oben die Wolke immer dunkler und senkte sich dann mit ungeheurer Schnelligkeit hinab - und machte Nacht auf dem Pallas , indem sie sich um den ganzen Tonnenstern herumwickelte ; nur unter dem Südtrichter ließ sie eine freie Aussicht in den Weltenraum übrig . Diese Wolke bestand aus Trillionen feinster Spinngewebefäden , die sich durcheinander spannen , ohne sich zu verwickeln und zu verknoten . Die Sterne des Himmels waren nun nicht mehr zu sehen . Dafür leuchteten im Nordtrichter Hunderte von Nuses kleineren Lichttürmen auf , und der große Lichtturm , auf dessen Spitze die fünf Herren standen , leuchtete mit vielen beweglichen buntfarbigen Scheinwerfern so mächtig in die Nacht hinein , daß aus der Tiefe des Kraters ein großes Beifallsgeschrei hervordrang . Nun wollte Biba mit Manesi und Dex rasch zum Centralloch des Sterns , um dort die merkwürdige Musik zu hören , die sich immer beim Einbruch der Nacht hörbar machte ; sie schossen wieder mit der Seilbahn auf ihren Zangen zur Tiefe hinunter und benutzten unten eine Tunnelbahn , die ebenfalls eine Seilbahn war - und auf der man auch mit Zangen in zwei Minuten die zwanzig Meilen bis zum Centralloch hinuntersausen konnte . Solche Tunnelbahnen gab es