Reventlow , Franziska Gräfin zu Herrn Dames Aufzeichnungen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Franziska Gräfin zu Reventlow Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil Verehrter Freund und Gönner ! Sie wissen ja - Sie wissen genug darüber , wer Wir sind - womit wir uns unterhalten und mit welchem Inhalt wir die uns zugemessenen Erdentage zu erfüllen suchen . Sie wissen auch , wie wir das Dasein je nachdem als ernste und schwerwiegende Sache - als heiteren Zeitvertreib , als absoluten Stumpfsinn oder auch als recht schlechten Scherz hinzunehmen , aufzufassen und zu gestalten pflegen . Sie waren es , der von jeher das richtige Verständnis für unseren Plural hatte - für die große Vereinfachung und anderseits die ungeheure Bereicherung des Lebens , die wir ihm verdanken . Wie armselig , wie vereinzelt , wie prätentiös und peinlich unterstrichen steht das erzählende oder erlebende Ich da - wie reich und stark dagegen das Wir . Wir können in dem , was um uns ist , irgendwie aufgehen , untergehen - harmonisch damit verschmelzen . Ich springt immer wieder heraus , schnellt wieder empor , wie die kleinen Teufel in Holzschachteln , die man auf dem Jahrmarkt kauft . Immer strebt es nach Zusammenhängen - und findet sie nicht . Wir brauchen keinen Zusammenhang - wir sind selbst einer . Die Sendung , die wir heute unserem Briefe beifügen , oder , richtiger , der Inhalt eben dieser Sendung ist wieder ein neuer Beweis dafür . Denn dies alles , teurer Freund , den wir insgesamt gleich schätzen und verehren , gilt nur als Vorrede einer Vorrede , die jetzt beginnen und Ihnen zur Erläuterung beifolgender Dokumente dienen soll , das heißt zur Erläuterung des Umstandes , daß wir eben diese Dokumente in Ihre Hände legen und von Ihnen die Lösung manches Rätsels erhoffen . Mit den Papieren hat es nun folgende Bewandtnis : Es mag etwa dreiviertel Jahr her sein , daß wir gelegentlich einer Seereise einen jungen Menschen kennenlernten . Wir fanden ihn sehr liebenswürdig und unterhielten uns gerne mit ihm . Es dauerte allerdings einige Zeit , bis es so weit kam , denn er war zu Anfang ungemein zurückhaltend und schien schwere seelische Erschütterungen durchgemacht zu haben - aber davon später . Der junge Mann hieß mit dem Nachnamen : Dame - also Herr Dame . Dieser Umstand mochte wohl einiges zu seiner reservierten Haltung beitragen und gehörte zu den vielen Hemmungen , über die er sich beklagte . Wenn er sich vorstellte oder vorstellen ließ , wurde er stets etwas unsicher und fügte jedesmal hinzu : » Dame , ja - ich heiße nämlich Dame . « Wir fragten ihn einmal , weshalb er das täte - der Name sei doch nicht auffallender als viele andere , und er mache auf diese Weise eigentlich die Leute selbst erst aufmerksam , daß sich eine Seltsamkeit , sozusagen eine Art Naturspiel , daraus konstruieren lasse . Er entgegnete trübe : Ja , das wisse er wohl , aber er könne nicht anders , und es gehöre nun einmal zu seiner Biographie . ( Diese Bemerkung lernten wir erst später bei der Lektüre seiner Aufzeichnungen verstehen . ) Herr Dame war seinem Äußeren und seinem Wesen nach durchaus der Typus junger Mann aus guter Familie und von sorgfältiger Erziehung mit einer Beimischung von mattem Lebemannstum - sehr matt und sehr äußerlich . Er wäre nie ohne einwandfreie Bügelfalte auf die Straße gegangen , auch wenn ihm das Herz noch so weh tat - und das Herz muß ihm wohl oft sehr weh getan haben . Die Grundnote seines Wesens war überhaupt eine gewisse betrübte Nachdenklichkeit oder nachdenkliche Trübsal , aber daneben liebte er Parfüms und schöne Taschentücher . Als wir ihn kennenlernten , war er schweigsam und verstört ; allmählich , besonders wenn wir in den warmen Nächten an Deck saßen , ging ihm immer das Herz auf , und er erzählte von sich selbst und von seiner Biographie - wie er längere Zeit unter eigentümlichen Menschen gelebt und eigentümliche Dinge mitangesehen und auch miterlebt habe . Schon von Haus aus habe er einen dunklen Trieb in sich gefühlt , das Leben zu begreifen , und da habe man ihn an jene Menschen gewiesen . Leider vergeblich , denn er konnte es nun erst recht nicht begreifen , sondern sei völlig verwirrt geworden und eben jetzt auf dem Wege , in fernen Ländern Heilung und Genesen zu suchen . Den Ort , wo sich das alles begeben hat , wollte er nicht gerne näher bezeichnen - er sagte nur , es sei nicht eigentlich eine Stadt , sondern vielmehr ein Stadtteil gewesen , der auch in seinen Papieren oft und viel genannt wird . Wir konnten uns das nicht recht vorstellen . Er erzählte uns denn auch , daß er damals allerhand niedergeschrieben habe , in der Absicht , vielleicht später einen Roman oder ein Memoirenwerk daraus zu gestalten , und wir interessierten uns lebhaft dafür . So kam die Zeit heran , wo wir uns trennen mußten , denn die Reise ging zu Ende . An einem der letzten Tage stieg Herr Dame müden Schrittes in seine Kabine hinab und kam mit einem ansehnlichen Paket beschriebener Hefte wieder ; dann sagte er , wenn es uns Freude mache , sei er gerne bereit , uns seine Aufzeichnungen zu überlassen . Er wolle sie auch nicht wieder haben , denn das alles sei für ihn abgetan und läge hinter ihm , und er habe wenig Platz in seinen Koffern . Was damit geschehe , sei ihm ganz gleichgültig , wir möchten es je nachdem weitergeben , verschenken , vernichten oder veröffentlichen . Er selbst würde schwerlich wieder nach Europa oder gar in jenen Stadtteil zurückkehren . Dann nahmen wir recht bewegt Abschied und wünschten ihm alles Gute . Unser Wunsch sollte leider nicht in Erfüllung gehen , denn der Zug , mit dem er weiterfuhr , fiel einer Katastrophe zum Opfer , und in der Liste der Geretteten war sein Name nicht genannt - so ist wohl anzunehmen , daß er mit verunglückte . Wir haben denn auch nichts mehr von ihm gehört . Die Aufzeichnungen haben wir gelesen - es war das erste , was wir damit taten ; aber , wie schon anfangs erwähnt , vieles darin ist uns ziemlich dunkel geblieben . Nach unserer Ansicht handelt es sich , wie ja auch Herr Dame selbst meinte , um recht eigentümliche Menschen , Begebnisse und Anschauungen . - Unter anderem interessiert es uns lebhaft , wo jener Stadtteil zu finden ist , in dem sich das alles begeben . Wir leben , wie Sie wissen , schon so lange in der Fremde , daß es viel zu anstrengend wäre , die Kulturströmungen einzelner Stadtteile genauer zu verfolgen . Vor allem wünschen wir Ihre Ansicht darüber zu erfahren , ob die vorliegenden Dokumente wohl die Bedeutung eines document humain haben und sich zur Veröffentlichung eignen würden . Meinen Sie nicht auch , daß es dann vielleicht ein schöner Akt der Pietät wäre , dem anscheinend Frühverblichenen auf diese Weise einen Grabstein zu setzen ? Wenn Sie es für geboten erachten , würden wir Sie bitten , einen Kommentar dazu zu schreiben - uns fehlt leider die nötige Sachkenntnis , und so haben wir uns auf einige bescheidene und mehr sachliche Anmerkungen beschränkt - aber vielleicht ist es auch überflüssig . Kurzum - ja , wirklich kurzum , denn wir lieben die Kürze auch dann noch , wenn wir ausführlich sein müssen , lieben sie um so mehr , wenn wir gerade ausführlich gewesen sind - wir legen diese Papiere und alles Weitere vertrauensvoll in Ihre Hände . 1 Dezember Langweilig - diese Wintertage ... Ich habe nach Hause geschrieben und ein paar offizielle Besuche gemacht . Man nahm mich überall liebenswürdig auf und stellte die obligaten Fragen - wo ich wohne , wie ich mir mein Leben einzurichten gedenke und was ich studiere . Der alte Hofrat schien es etwas bedenklich zu finden , daß ich kein bestimmtes Studium ergreifen will und so wenig fixierte Interessen habe - ich solle mich vorsehen , nicht in schlechte Gesellschaft zu geraten . Das war sicher sehr wohlgemeint , aber es fällt mir auf die Nerven , wenn die Leute glauben , ich sei nur hier , um mir die Hörner abzulaufen und mich nebenbei auf irgendeinen Beruf vorzubereiten . Es war eine Erholung , nachher Dr. Gerhard im Café zu treffen . Ich erzählte ihm von meinen Familienbesuchen , er räusperte sich ein paarmal und sah mich prüfend an . Dann meinte er , das mit dem Hörnerablaufen sei wohl eine veraltete studentische Schablone , aber es gäbe neuerdings eine ganze Anzahl junger Leute , die sich gärenshalber hier aufhielten , und zu diesen würde wohl auch ich zu rechnen sein . Eine sonderbare Definition - gärenshalber - , aber der Doktor drückt sich gerne etwas gewunden aus ... das scheint überhaupt hier üblich zu sein . Wenn man darüber nachdenkt , hat er eigentlich nicht ganz unrecht . Vielleicht ist etwas Wahres daran - es kommt mir ganz plausibel vor , daß mein Stiefvater mich gärenshalber hergeschickt hat . Nur paßt es wohl gerade auf mich nicht recht . Ich habe keine Tendenzen zum Gären und auch gar kein Verlangen danach - überhaupt nicht viel eigne Initiative - ich werde einfach zu irgend etwas verurteilt , und das geschieht dann mit mir . Mein Stiefvater meint es sehr gut und hat viel Verständnis für meine Veranlagung ; so pflege ich im großen und ganzen auch immer das zu tun , was er über mich verhängt . Verhängt - ja , das ist wohl das richtige Wort . Schon allein die äußeren Umstände bringen es mit sich , daß immer alles eine Art Verhängnis für mich wird . Zum Beispiel in erster Linie mein Name und meine Väter . Meinen richtigen Vater habe ich kaum gekannt - er soll sehr unsympathisch gewesen sein - und nur den Namen von ihm bekommen . Mein Stiefvater hat einen normalen , unauffälligen Namen und war eigentlich die erste Liebe meiner Mutter . Sie hätte ihn ebenso gut gleich heiraten können , und alles wäre vermieden worden . Es wurde aber nicht vermieden , denn es war über mich verhängt , diesen Namen zu bekommen und mein Leben lang mit ihm herumzulaufen . Dame - Herr Dame - wie kann man Herr Dame heißen ? so fragen die anderen , und so habe ich selbst gefragt , bis ich die Antwort fand : Ich bin eben dazu verurteilt , und der Name verurteilt mich weiter zu allem möglichen - zum Beispiel zu einer ganz bestimmten Art von Lebensführung - einem matten , neutralen Auftreten , das mich irgendwie motiviert . Dissonanzen kann ich nun einmal nicht vertragen , und das Matte , Neutrale liegt wohl auch in meiner Natur . Ich habe es nur allmählich noch mehr herausgearbeitet und richtig betonen gelernt . Über das alles habe ich mit Dr. Gerhard ausführlich gesprochen , er schien es auch zu verstehen , und es interessierte ihn . Der Verurteilte sei wohl ein Typus , meinte er , mit derselben Berechtigung , wie der Verschwender , der Don Juan , der Abenteurer und so weiter als feststehende Typen betrachtet würden . Dann hat er gesagt , jeder Mensch habe nun einmal seine Biographie , der er nachleben müsse . Es käme nur darauf an , das richtig zu verstehen - man müsse selbst fühlen , was in die Biographie hineingehört und sich ihr anpaßt - alles andere solle man ja beiseite lassen oder vermeiden . 7. Dezember Darüber habe ich dieser Tage viel nachgedacht . Heute hätte ich gerne wieder Dr. Gerhard getroffen und das neuliche Gespräch mit ihm fortgesetzt . Aber es saß diesmal eine ganze Gesellschaft mit am Tisch . Unangenehm , daß man beim Vorstellen nie die Namen versteht - das heißt , meinen haben sie natürlich alle verstanden - mein Verhängnis - er ist so deutlich und bleibt haften , weil man sich über ihn wundert . Ich habe diese junge Frau beneidet , die neben Gerhard saß , weil man sie nur Susanna oder gnädige Frau anredete . Du lieber Gott , ich werde ja nicht einmal heiraten können , wenn ich gern wollte . Wie könnte man einem Mädchen zumuten , Frau Dame zu heißen ? Und dann daneben zu sitzen , das mitanzuhören und selbst ... nein , diese Reihe von Unmöglichkeiten ist nicht auszudenken . Ich weiß nicht , wie es kam , daß ich dieser Susanna oder gnädigen Frau - wie ich sie natürlich anreden mußte , meine quälenden Vorstellungen anvertraute . Sie hat nicht einmal gelacht - doch , sie hat schon etwas gelacht , aber sie begriff auch die elende Tragik . Es kam später noch ein Herr an den Tisch , den man mir als Doktor Sendt vorstellte . Er ist Philosoph und macht einen äußerst intelligenten Eindruck . Mir schien auch , daß er eine gewisse Sympathie für mich fühlte . Man hat sich dann sehr lebhaft unterhalten . Ich konnte manchmal nicht recht folgen - Doktor Sendt merkte es jedesmal , zog dann die Augenbrauen in die Höhe , sah mich mit seinen scharfen hellblauen Augen an und erklärte mir in klarer , pointierter Ausdrucksweise , um was es sich handle . Ich möchte gerne mehr mit ihm verkehren ; mir ist , als könnte ich viel von ihm lernen . Und eben das scheint mir hier eine zwingende Notwendigkeit . Zuletzt sprachen sie viel von einem literarischen Kreise , um den es etwas ganz Besonderes sein muß . Dabei entspannen sich starke Meinungsverschiedenheiten . Bei diesem Gespräch hörte ich nur zu , ich mochte nicht immer wieder Fragen stellen , um so mehr , weil allerhand Persönliches berührt wurde und ich nicht gerne indiskret erscheinen wollte . Übrigens genierte ich mich auch etwas , weil der Dichter , der den Mittelpunkt jenes Kreises bilden soll , mir ziemlich unbekannt war . Seinen Namen kannte ich wohl , aber von seinen Werken so gut wie nichts . Da war ein junger Mensch mit etwas zu langen Haaren , auffallend hohem Kragen und violetter Krawatte , die auf ungewöhnliche , aber immerhin ganz geschmackvolle Art geschlungen war . ( Frau Susanna stieß den Philosophen an und raunte ihm zu , es sei wohl eine kultliche Krawatte - und der antwortete : Violett - natürlich ist das kultlich . ) Dieser junge Mensch also sprach von jenem Dichter ausschließlich als dem Meister . Ich hatte bisher nur gehört , daß man in Bayreuth so redet , und es befremdete mich ein wenig . Überhaupt redete er mit einem Pathos , das mir im Kaffeehaus nicht ganz angebracht schien und sicher auch jenen Meister unangenehm berühren würde , wenn er es zufällig einmal hörte - und war sichtlich verstimmt über einige Bemerkungen der anderen Herren , besonders des Philosophen , der sich etwas ironisch über Heldenverehrung und Personenkultus äußerte . Merkwürdige Dinge kamen da zur Sprache - eine ältere Dame erzählte : man ( anscheinend Mitglieder jenes Kreises ) wäre bei einer Art Wahrsager - einem sogenannten Psychometer - gewesen , und es sei unbegreiflich , wie dieser Mann durch bloßes Befühlen von Gegenständen den Charakter und das Schicksal ihrer Besitzer zu erkennen wisse - ja , bei Verstorbenen sogar die Todesart . » Es ist ganz ausgeschlossen « , so sagte sie , » daß er über irgend etwas Persönliches im voraus orientiert sein konnte und ... « - » Aber Sie müssen doch zugeben , daß er manchmal versagt « , fiel der junge Mensch mit der violetten Krawatte ihr ins Wort , » in bezug auf den Meister hat er sich schwer geirrt . Und gerade das ist sehr interessant und bedeutungsvoll , denn es zeigt deutlich , daß er die Substanz des Meisters wohl fühlte , nicht aber beurteilen konnte ... « » Wieso ? « fragte einer von den Herren , der nicht dabeigewesen war . Der junge Mensch maß ihn mit einem überlegenen Blick und wandte sich wieder an die Dame , die zuerst gesprochen hatte : » Sie haben es ja selbst gehört - er bezeichnete sie als unecht und theatralisch . Und weshalb - weil er eben nicht ahnte , um wen es sich hier handelt - weil er sich die hier verwirklichte Größe aus seinem engen Gesichtskreis heraus nicht vorstellen konnte . So half er sich mit der These des Theatralischen darüber hinweg . Für uns nur wieder eine neue Bestätigung , wie wenige der Erkenntnis des einzig und wahrhaft Großen würdig sind . « Die Dame hatte beide Ellbogen auf den Tisch gestützt und hörte mit leuchtendem Blick zu : » Ja , ja , so ist ' s , wir fühlten es ja auch alle - aber wie klar und schön Sie es jetzt ausgelegt haben . « » Es ist so klar , daß es kaum noch einer Auslegung bedurfte - zudem hatte der Meister den bewußten Ring erst seit einem Jahr getragen , und seine Substanz war zweifellos noch mit fremden , früheren Substanzen gemischt - das mußte die Beurteilung bedeutend erschweren . « Darauf entstand eine Pause , und dann sagte die Dame sehr nachdenklich : » Hören Sie , vielleicht liegt es noch einfacher - ich habe diesen Mann schon lange im Verdacht , daß er schwarze Magie treibt , und dann läge es wohl nahe , daß er alles wirklich Große und Schöne hassen - innerlich ablehnen muß . Und wiederum - daß der Meister nach jener Äußerung die Gesellschaft verließ , beweist doch stärker als alles andere , daß er sich mit etwas Unlauterem in Berührung fühlte und sich dem entziehen mußte . « » Oh , ich glaube « , warf Sendt spöttisch ein , » auch wenn man ihm von völlig lauterer Seite derartige Dinge sagte , würde er sich zurückziehen . « » Das soll wohl wieder eine von Ihren logischen Spitzfindigkeiten sein « , erwiderte die Dame gereizt , » aber die Sache trifft es nicht . Allerdings hatte er sich mit vollem Recht zurückgezogen - aber diese Dinge sind überhaupt nicht wesenhaft und gehören nicht zur Mitte . « » Warum beschäftigt man sich denn immer wieder mit ihnen ? Ich meine , vor kurzem noch gehört zu haben , daß die Beschränkung auf die weiße Magie nicht gebilligt wurde ? « » Gegen die schwarze sind von jeher schwere Bedenken erhoben « , antwortete die Dame etwas strafend . » Besonders seit jener böse Magier die Substanz des Meisters so verkannte « , bemerkte Sendt , während er ihr in den Mantel half , denn sie hatte sich inzwischen erhoben , um zu gehen . » Allerdings « , murmelte sie vor sich hin , und es klang sehr überzeugt . Dann brach sie auf und mit ihr der größere Teil der Gesellschaft . Nur Doktor Sendt und Susanna blieben noch . Der Philosoph sah sie an , lächelte und sagte : » Mirobuk ! « Ich hatte das Wort noch nie gehört , und was es bedeuten sollte , war mir nicht klar , aber Susanna lachte und sagte : » Achten Sie nur darauf - Herr ... Herr Dame , wenn Sendt Mirobuk sagt , so hat es meistens eine gewisse Berechtigung . « Ich faßte Mut und fragte , was denn um Gottes willen das mit der Magie bedeute , die Dame sprach ja wie ein erfahrener alter Hexenmeister . Schwarze und weiße Magie - was versteht man überhaupt darunter ? Ich dachte , so etwas käme nur in Märchenbüchern oder im Mittelalter vor . - » O nein « , sagte mir Sendt , » die Dame huldigt nur wie viele andere dem Spiritismus , und Sie müssen wissen , daß dieser von seinen Anhängern als weiße Magie proklamiert wird , weil man sich nur an die guten und sympathischen Geister wendet und mit ihnen Beziehungen anknüpft . Die schwarze Magie aber beschäftigt sich gerne mit den Geistern von Verbrechern und Bösewichtern , die sich noch nicht ganz von der Erde befreit haben . Sie besitzen deshalb auch noch irdische Kräfte und rächen sich gelegentlich an dem , der sie beherrscht . Und der Magier , von dem hier die Rede war , hat sich eben so schlecht benommen , daß man ihm alles mögliche zutraut und sich in Zukunft vor ihm hüten wird . « Ich war ihm recht dankbar für diese Aufklärung , nur kam es mir befremdlich vor - nein , befremdlich ist nicht das rechte Wort , aber jener junge Mann und die Dame hatten eine so verwirrende Art , sich dunkel und geheimnisvoll auszudrücken und dabei , als ob von ganz realen Dingen die Rede sei , daß ich selbst etwas unsicher geworden war . Wie sie von dem Meister als von einem ganz übernatürlichen Wesen sprachen - von seinem Ring und seiner Substanz - am Ende ist er auch ein Magier - ein Zauberer - ein Nekromant oder dergleichen . Ich war Susanna im Grunde recht dankbar , daß sie mich auslachte und sagte , es sei leicht zu merken , daß ich mich noch nicht lange hier aufhalte . 2 8. Dezember Heute wollte ich nicht ins Café , aber ich ging doch hin und fand wieder eine ungünstige Konstellation vor ; der Philosoph saß mit der lebhaften älteren Dame von neulich zusammen . Ich mochte nicht aufdringlich erscheinen , so setzte ich mich an den Nebentisch , den einzigen , der noch frei war , und las Zeitungen . Sie sprachen aber so laut , besonders die Dame , daß ich nicht umhinkonnte , zuzuhören , und hinter der Zeitung mein Notizbuch vornahm , denn es schien mir wieder sehr bemerkenswert , was sie da redeten . Die Dame erzählte von einem Professor Hofmann , dessen Name neulich schon verschiedentlich erwähnt wurde - er habe ihr gesagt , sie sähe ausgesprochen kappadozisch aus . Kappadozien kommt , soviel ich weiß , in der Bibel vor , aber ich begriff nicht recht , wieso jemand kappadozisch aussehen kann , und warum sie das mit solcher Wärme erzählte . Woher will man denn wissen , wie die Kappadozier ausgesehen haben ? Der Philosoph lächelte auch . Nun kam einiges , was ich nicht recht verstand , und dann das , was ich mir notiert habe . » Nein , es sollten die Posaunen von Jericho sein - hören Sie nur : sie waren alle bei mir auf dem Atelier ... « » War er auch dabei ? « fragte der Philosoph , und die Dame warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu . » Aber ich bitte Sie , wenn Sie spotten wollen ... « » Nein , nein , ich dachte nur - aber bitte , fahren Sie fort . « » Also der Professor , seine Frau und einige von den jungen Dichtern . Einer von ihnen ging gleich an meinen Flügel , betrachtete ihn von allen Seiten und sagte irgend etwas . Dann fragte die Frau Professor ihren Mann : Wollen wir es jetzt sagen ? , und er nickte . Dieses Nicken sehe ich noch deutlich vor mir , aber ich kann es nicht beschreiben , es lag etwas ganz Besonderes darin . Dann war plötzlich ein Paket da , es wurde ausgewickelt , und ein Kästchen mit einem Schlauch daran kam zum Vorschein - es sah etwa aus wie ein photographischer Apparat . Und Frau Hofmann sagte lebhaft , dieses Kästchen habe ein Freund ihres Mannes aus dem Orient mitgebracht , es gäbe auf der ganzen Welt nur noch ein ebensolches , und das gehöre dem Oberrabbi von Damaskus . Wenn man es an ein Klavier anschraube , innerlich erhitze und dann hineinbliese , so gäbe es genau denselben Ton wie die Posaunen von Jericho . « » Hatten Sie nicht Angst , daß auch bei Ihnen die Mauern einfallen könnten ? « fragte der Philosoph . » Nein , von den Mauern war gar nicht die Rede - ich weiß nur , daß ich dann nach Spiritus suchte , um das Kästchen zu füllen , und ihn nicht finden konnte , aber mit einemmal war er doch da , und das Kästchen war auch schon am Klavier angebracht . Der Professor blies in den Schlauch , und es gab einen dumpfen Ton - aber dann muß der Spiritus ausgelaufen sein , und plötzlich stand alles in Flammen . Niemand kümmerte sich darum , und ich dachte an meinen Perserteppich , der unter dem Flügel liegt . Sie wissen ja , ich bin etwas eigen mit meinen Sachen . Aber der Professor sagte , es sei gar kein Perser , es sei ein Beludschistan , und er habe keine Beziehung zum Wesen der Dinge - ist das nicht merkwürdig ? Ja , und nun kam noch etwas ganz Triviales , ich meinte , der Flügel würde sicher auch anbrennen , und in diesem Moment stand der Professor in seiner ganzen Größe vor mir und sagte : Wenn Fräulein H ... mir ihren Verlust genau beziffert , soll alles ersetzt werden . « » Und dann ? « fragte der Philosoph . » Das weiß ich selbst nicht mehr , es war ganz verschwommen . Aber sagen Sie selbst , liebster Doktor , ist es nicht wirklich seltsam ? Meinen Sie nicht , daß es kosmische Bedeutung hat ? « Damit brach das Gespräch ab , denn Gerhard kam , und die Dame ging bald darauf fort . Ich setzte mich zu ihnen und fragte Sendt , was denn das für eine rätselhafte Geschichte sei , ich hätte leider nicht vermeiden können , sie mitanzuhören . Und jetzt zweifelte ich nicht mehr daran , daß man hierzulande Zauberei treibt . » Haben Sie denn nicht gemerkt , daß die Dame mir einen Traum erzählte ? « » Nein - darauf bin ich gar nicht gekommen . « » Lieber Dame « , sagte Gerhard , und es klang beinah wehmütig - er hat überhaupt immer etwas Schmerzliches im Ton - , » Sie machen Fortschritte . Schon können Sie Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden . Das geht uns allen hier wohl manchmal so - nicht wahr , cher philosophe ? « » Traum oder nicht Traum « , antwortete der Philosoph nervös , » was sie mir da auftischte , war wieder einmal eine Wahnmochingerei , wie sie im Buch steht . « » Wahnmochingerei - was ist das ? « » Nun , was Sie da eben mitangehört haben . « Doktor Gerhard wollte wissen , was für ein Traum es gewesen sei . » Natürlich ein kosmischer « , sagte der Philosoph , » sie hoffte es wenigstens und wollte von mir wissen , ob es stimmt . Sonst traut sie sich nicht , ihn bei Hofmanns zu erzählen . « Ich hätte gerne noch gewußt , was eine Wahnmochingerei ist und kosmische Träume . Aber der Philosoph schien mir nicht gut aufgelegt , und ich kann doch nicht immer fragen und fragen wie ein vierjähriges Kind . 3 14. Dezember Ein komischer Zufall , daß ich Heinz Kellermann hier treffe . Wir haben uns seit dem Gymnasium nicht mehr gesehen . Er behauptet zwar , es gebe nichts Zufälliges , sondern was wir Zufall nennen und als solchen empfinden , sei gerade das Gegenteil davon , nämlich ein durch innere Notwendigkeit bedingtes Geschehen . Man sei nur im allgemeinen zu blind , um diese inneren Notwendigkeiten zu sehen . Trotzdem schien er ebenso verwundert wie ich und fragte mit der gedehnten und erstaunten Betonung , die ich so gut an ihm kannte : » Wie kommst du denn hierher ? « Ich konnte diese Frage nur zurückgeben , und dann sagte er etwas überlegen : Oh , man könne nur hier leben , und hier lerne man wirklich verstehen , was Leben überhaupt bedeute . Ich habe ihm erzählt , daß das auch mein sehnlichster Wunsch sei , und wie ich mich mit meiner Biographie herumquäle - na Gott ja - daß ich eben ein Verurteilter bin und nicht recht weiß , was ich mit mir und dem Leben anfangen soll . Daraufhin ist er gleich viel wärmer geworden und lud mich für den Abend in seine Wohnung ein - es kämen noch einige Freunde von ihm , auf die er mich sehr neugierig machte . Ich ging hin , und es war auch wirklich der Mühe wert . Aber ich werde jetzt wieder ein paar Tage daheim bleiben und mich sammeln . Es sind zu viel neue und verwirrende Eindrücke von allen Seiten . Wohin ich komme und wen ich kennenlerne - alles ist so seltsam , wie in einer ganz anderen Welt , und ich tappe noch so unsicher darin herum . - Ob das nun Zufall ist oder innere Notwendigkeit , daß ich hierher kam und gerade diese Menschen kennenlernte ? Aber es lockt mich , ich kann dem allen nicht mehr entfliehen - ich bin wohl dazu verurteilt , und der Gedanke gibt mir meine innere Ruhe etwas wieder . Doktor Gerhard rät mir ja immer wieder , ich solle etwas schreiben - jeder Mensch habe einiges zu sagen und müsse , was er erlebt , in irgendeiner Form nach außen hin gestalten . Wenn es auch nur wäre , um meinem Stiefvater Vergnügen zu machen , er hat ja schon immer gemeint , ich hätte ein gewisses Talent dazu . - Und er ist gewiß aufrichtig , denn er hält sonst nicht übermäßig viel von