Reventlow , Franziska Gräfin zu Von Paul zu Pedro www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Franziska Gräfin zu Reventlow Von Paul zu Pedro Amouresken 1 Ja , nun sind Sie wieder fort , lieber Freund - Sie fehlen mir sehr , und ich denke mit einiger Wehmut an unser Beisammensein , vor allem an unsere Teegespräche zurück . Es war doch recht hübsch , wenn wir uns aus Regen und Wind in den Tea-room flüchteten und jedesmal Angst hatten , ob unser Kaminplatz auch frei sein würde . Wenn wir anderswo sitzen mußten , waren wir eigentlich immer melancholisch . Man wurde auf einmal gewahr , daß die Welt recht ungemütlich sein kann , und wurde selbst ungemütlich . Sie , lieber Doktor , in erster Linie - oh , Sie konnten sehr ungemütlich sein , wenn Sie anfingen , es ernsthaft zu nehmen und mir die Seele aus dem Leibe herauszufragen . Ich weiß schon - gescheite Männer können das manchmal nicht lassen , aber es ist eine üble Angewohnheit , und ich glaube , sie ist schuld daran , daß man so oft die Dummen vorzieht . Und das könnt Ihr dann wieder nicht begreifen . Lieber Gott , ich denke ja auch manchmal nach , aber es ist immer ungemütlich . Und nun erst zu Zweien - davon bekommt man regelmäßig eine Art moralischen Kater . Sie dürfen mir jetzt auch brieflich nicht zu seriös werden und mich nicht wieder als Problem behandeln - ich bin keines - , sonst prophezeie ich unserer Korrespondenz einen frühen Tod . Einstweilen bin ich noch recht schreibselig aufgelegt , es ist gar so fad , allein in einer fremden Stadt zu sitzen , wenn es regnet , ununterbrochen regnet . Das vielbesprochene Abenteuer , dem ich mein Hiersein verdanke , ist zu Ende . Es lag ja schon in den letzten Zügen , als Sie herkamen . Sie waren wohl etwas mit schuld daran - er wurde mir so langweilig , er war auch wirklich und wahrhaftig langweilig , aber im Anfang habe ich es nicht so gemerkt . Mit Ihnen konnte ich mich jedenfalls viel besser unterhalten . Wenn ich mit ihm drei Stunden hier am Kamin sitzen sollte - du liebe Zeit - ich wäre einfach zersprungen . Ich habe ihn auch nie mit hergenommen , aus Pietät für Sie - in solchen Dingen bin ich sehr pietätvoll , Sie können ganz zufrieden sein . Also , er ist fort - zu seiner Frau und seinen Kindern . Lächeln Sie nicht so niederträchtig , ich kann doch nichts dafür , daß alle möglichen Leute Frau und Kinder haben . Man darf schon froh sein , wenn sie sich nicht scheiden lassen wollen , um einem fürs Leben anzugehören . Davor habe ich schon in frühen Jugendjahren einen nachhaltigen Schrecken bekommen . Da wollte einer mit mir durchgehen , der sechs Kinder hatte und natürlich auch eine Frau . Er sagte mir , ich sei eine Sphinx und er selbst ein Schurke - und das machte mir tiefen Eindruck - ich war noch so ganz dumm . Die große Szene spielte sich in einem Büro ab , und ich hatte das Gefühl , man könne doch eigentlich nicht nein sagen , wenn es so dramatisch herginge . Die Sphinx wirkte wie eine Verpflichtung zu irgend etwas Ungeheuerlichem . - Aber schließlich löste ich mich in Tränen auf und sagte doch nein . Wir sind uns nachher noch oft auf der Straße begegnet , haben aber nie wieder miteinander gesprochen . Er hat mich nur stumm und leidenschaftlich angesehen . Das war eigentlich recht guter Stil , er bekam dadurch eine Art Nimbus für mich , und ich verzieh ihm die sechs Kinder , die mich erst so entsetzt hatten . Aber denken Sie nur , wenn ich damals Romantik und schauervolle Wirklichkeit verwechselt hätte , wie es mir leider späterhin noch manchmal passiert ist ... Nein , ich war meinem Abenteurer hier in der Regenstadt von Herzen dankbar , daß er nicht zum Schurken werden wollte und ruhig heimfuhr . Er hoffte allerdings auf Fortsetzung , aber ich bin nicht dafür . Fortsetzung mit verheirateten Männern ist überhaupt nichts Rechtes , ich hab ' das Ausleihen niemals gerne gehabt . Es ist gerade so , wie wenn man sich von Freundinnen einen Mantel oder Pelz leiht - dann gefällt er mir , kleidet mich besonders gut , und ich ärgere mich , wenn ich ihn zurückgeben soll . Man kann es auch vergessen oder etwas daran ruinieren , und dann ärgert sich die Freundin . Es gibt immer leicht Unannehmlichkeiten für beide Teile . Übrigens habe ich gar nicht erst versucht , ihm das zu erklären , es ist unpraktisch , sich mit dem objet aime über diese Fragen zu unterhalten . Ich finde es viel hübscher , wenn er sich bei der Heimreise auf ein Wiedersehen freut . Und Sie ? - Sie können es sicher immer noch nicht begreifen , daß ich mich in ein objet verlieben kann , aus dem ich mir im Grunde gar nichts mache , mit dem man sich nach zwei , drei Stunden zu Tode langweilt und nie im Leben ein richtiges Teegespräch führen könnte . Aber Sie dürfen eigentlich ganz damit einverstanden sein , ich meine , es hat sich doch immer alles aufs schönste ergänzt . Mir schien auch , daß Sie sich in Ihrer diesmaligen Rolle als Konversationsliebe ganz wohl fühlten . Zu Ihnen flüchtete ich mich immer wieder , wenn er gar zu stumpfsinnig wurde . Nur , wenn wir einmal unseren richtigen Platz nicht bekamen und Sie , fern vom Kamin , zu tiefgründig waren - dann bekam ich wieder Sehnsucht nach ihm und stahl mich ans Telefon . Zum Beispiel , als Sie verlangten , ich sollte Hölderlins Hyperion lesen - oder wollen Sie immer noch nicht zugeben , daß Ihr Ansinnen deplaciert war ? Im Süden und wenn man gerade romantisch aufgelegt ist - mit Vergnügen . Aber bei dem Regen und unter diesen Umständen - ich hab ' s ja versucht , aber das einzige , was mir Eindruck machte , war die Stelle : » Guter Junge ! es regnet . « Und das gab meine Empfindungen so erschöpfend wieder , daß ich ganz glücklich war . Aber ich glaube , das haben weder Sie noch er begriffen . Denken Sie darüber nach , lieber Freund , und leben Sie für heute recht wohl . 2 Ich fürchte , ich werde mich nie daran gewöhnen , meine Briefe zu datieren . Tue ich es einmal , weil ich denke , es müßte sein , so ist das Datum gewöhnlich falsch . Man weiß es gerade nicht , hat keine Lust erst nachzusehen und schreibt irgendein beliebiges hin , weil es doch ganz gleichgültig ist , ob mein Brief am dritten oder am zehnten November geschrieben wurde . Ich datiere eigentlich nur , wenn ich einen Brief verbummelt habe und meine Nachlässigkeit beschönigen will . Und dann schreibt man natürlich absichtlich ein falsches Datum . Ich halte das , wie so viele kleine Lügen , für eine liebenswürdige Rücksicht , durch die man anderen ein ärgerliches Gefühl erspart . Bei den ersten Jugendlieben schrieb ich immer ein pathetisches Datum : sieben Uhr morgens - die Vögel zwitschern schon vor meinem Fenster ; - ob sie wirklich zwitscherten , weiß ich heute nicht mehr zu sagen , aber es machte sich so hübsch . Oder : Mitternacht - meine Tante ist schon schlafen gegangen ... Soll ich das bei Ihnen auch so machen ? Etwa : zwei Uhr früh - eben geht er die Treppe hinunter - die Stufen knarren , und es wäre mir sehr peinlich , wenn man ihn hörte . Sie würden natürlich gleich alles mögliche wissen wollen : wer denn ? - und wieso ? - und was gefällt Ihnen nun schon wieder an diesem Menschen ? Ich hab ' s ja gleich gewußt , o Freund meiner Seele , als Ihr Brief kam . Gleich gewußt , daß Sie Ihr Steckenpferd - man könnte es allmählich wohl eher als Streitroß bezeichnen - wieder gehörig tummeln würden . Kann man Sie denn immer noch nicht davon kurieren ? Sind wieder einmal alle Teegespräche und alle Demonstrationen am lebenden Objekt umsonst gewesen ? Ich fürchte : Ja - Sie werden stets von neuem beklagen , daß gerade die Frauen , die man am meisten schätzt , so furchtbar wahllos sind . - Und ich habe gar keine Lust , Ihnen immer wieder etwas vorzuleben , damit Sie zur Einsicht kommen . Ich müßte mich denn zur Abwechselung einmal nach Ihrem Geschmack richten , und das - nein , das ist zuviel verlangt . Übrigens behauptet fast jeder Mann , man sei wahllos . Der eine begreift nicht , daß man sich in einen Friseurtypus oder Tenor verlieben kann , und würde Naturburschen verzeihlicher finden . Der andere hat keine Auffassung dafür , daß exotischer Typ und gebrochenes Deutsch zu den unwiderstehlichen Attraktionen gehören . Nun - das wenigstens haben Sie mir ja manchmal nachfühlen können . Aber für Paul hatten Sie kein Verständnis - gar keines . Sie fanden es nicht recht der Mühe wert , daß ich seinetwegen hierher fuhr , daß Sie Ihr eigenes Reiseprogramm umstürzen und wir beide vierzehn Tage im Regen herumlaufen mußten . Es tut mir leid , aber ich muß bei dem Gedanken so lachen , daß meine Teenachbarn mich eben ganz erstaunt ansehen . Ja , Paul - Paul war in diesem Fall nur ein Sammelname . Er hieß gar nicht Paul - er war es nur . Es gibt eine bestimmte Art von Erlebnis , das ich Paul nenne , aus dankbarer Erinnerung an seinen ersten Vertreter . Ich meinte auch , ich hätte Ihnen das schon einmal erklärt , aber Sie haben es anscheinend nicht ganz begriffen . Paul ist eine Begebenheit , die immer von Zeit zu Zeit wiederkehrt . Nicht etwa , weil sie besonders tiefen Eindruck gemacht hätte - im Gegenteil , Paul ist immer etwas Lustiges , Belangloses , ohne Bedenken und ohne Konsequenzen . Aber er kommt immer wieder , wenn auch jedesmal in etwas veränderter Form und Gestalt . Paul kann alles mögliche sein , verheiratet oder Junggeselle , Leutnant , Ingenieur , junger Arzt , Afrikareisender - es kommt auch vor , daß er gar keinen Beruf hat . Manchmal ist er auch drüben geboren , dann nennt er sich Pablo und rollt das R - vorausgesetzt , daß der Vorname stimmt , was merkwürdigerweise oft , aber natürlich nicht immer der Fall ist . Man lernt ihn in Sommerfrischen , in Hotels und auf Reisen kennen ; an einem festen Wohnort - nein , ich glaube kaum , höchstens wenn er sich vorübergehend dort aufhält . Zu Paul gehören immer Koffer und Kellner , irgendeine momentane und geräuschvolle Umgebung . Man erkennt ihn auf den ersten Blick , wenn er einem im Coupe gegenübersitzt oder in ein Hotel hereinkommt , weiß sofort : das ist Paul . Es dauert auch nie sehr lange , bis man sich kennt , duzt ( mit Paul muß man sich duzen , es geht nicht anders ) und ganz genau weiß , wie sich nun alles entwickeln wird . Ich habe mir auch angewöhnt , ihn immer so zu nennen . Wenn ich das erstemal sage : du , Paul - so ist er sehr erstaunt und fragt , mit wem ich ihn jetzt verwechselt habe . - Nun , mit Paul natürlich - und dann bleibt es dabei . Ich hüte mich wohl , ihn aufzuklären , daß es in Wirklichkeit gar keine Verwechslung ist . Er würde es nicht verstehen . Paul ist auch selten eifersüchtig , wahrscheinlich , weil er sich seiner wechselvollen Vergänglichkeit dunkel bewußt ist . Er wird mir auch sicher niemals Vorwürfe über meine Wahllosigkeit machen . Und Sie denken jetzt wohl : Gott sei Dank , daß ich nicht Paul bin . Sie haben nicht ganz unrecht - Paul wird in der Regel bald langweilig , und man entflieht in den Tea-room . 3 Gestern habe ich lebhaft an Sie denken müssen . O Regenstadt - o Tea-room - o Teegespräch ! Ich habe inzwischen verschiedene Leute kennengelernt , und diese verschiedenen Leute saßen gestern hier an unserer geheiligten Stätte zusammen und verrannten , verbohrten , verwickelten sich in ein endloses Gerede über Liebe , Erotik und was dazugehört . Apropos - Erotik ! ich kann das Wort bald nicht mehr hören . Schade , daß es kein anderes dafür gibt . Die allerunmöglichsten Leute führen es schon im Munde und schmücken ihre unsympathischen oder obskuren Erlebnisse damit . Es geht nicht mehr , wir sollten es uns abgewöhnen - ja , aber im Teegespräch müssen wir es wohl faute de mieux einstweilen noch beibehalten , da hört es ja auch niemand . Was wollte ich Ihnen denn erzählen ? - Daß diese Leute wieder einmal das Wesen aller Dinge endgültig feststellten , alles schön sortierten , in Schachteln taten und Etiketten daraufklebten , nach meinem Gefühl aber immer in die falsche Schachtel und mit falscher Etikette . Liebe und Erotik zum Beispiel kamen in denselben Karton . Ich brauchte nur bis Paul zu denken - oder , wenn es Ihnen lieber ist , an Sie , um das unbillig zu finden . Ach , mein Gott , wenn alles immer Liebe oder auch nur etwas Ähnliches sein sollte , wo käme man da hin ? Jedesmal Seligkeit , wenn es anfängt , Konflikte , während es dauert , und große Tragik , wenn es zu Ende geht - so etwa schienen diese Gerechten es sich vorzustellen - nein , das möchte wirklich zu weit führen . Die Frau wolle doch wenigstens die Illusion haben , daß sie liebt , wenn sie einem Manne angehört - meinte jemand , und die anderen stimmten ihm bei . Das ist hart , sehr hart . Schon das diktatorische : die Frau , der Mann . Wer sind diese Frau und dieser Mann ? Warum wohl überhaupt diese Sucht , diese schöne Vielfältigkeit des Lebens und all seiner Möglichkeiten abzuleugnen oder wenigstens nach Kräften einzuschränken ? Wie Kellner - es gibt solche - , die gerne die große Speisekarte wegstecken , damit man das bequeme , aber unausstehliche Menü wählen soll . Man tut doch schließlich in erster Linie , was einen freut , und weil es einen freut . Und das ist natürlich jedesmal etwas anderes . Es kann wohl manchmal Liebe und große Leidenschaft sein , aber ein andermal - viele , viele andere Male ist es nur Pläsier , Abenteuer , Situation , Höflichkeit - Moment - Langeweile und alles mögliche . Jede einzelne Spielart hat ihre besonderen Reize , und das Ensemble aller dieser Reize dürfte man wohl Erotik nennen . Es kommt der Frau auch gar nicht in den Sinn , sich immer einzureden , daß es Liebe ist , im Gegenteil , das wäre ihr manchmal nur peinlich , und sie ist recht froh , daß es sich anders verhält . Man braucht doch auch Erholung vom Ernst des Lebens . Und Liebe ? Unter Liebe verstehe ich - nun , eine seriöse Dauersache . Aber Sie dürfen mir diesen Begriff nicht zu optimistisch auffassen . Dauersache ist alles , was - sagen wir , was monatelang dauert - seriöse Dauersache , wenn es viele Monate sind ; über ein Jahr - dann wird es schon Verhängnis mit einem Stich ins Ewige . Natürlich gibt es auch Dauersachen mit Unterbrechung und viele andere Variationen . Damit war meine gestrige Gesellschaft durchaus nicht einverstanden , und man versuchte mich mit vielen Fragen in die Enge zu treiben . Aber dann mache ich mir ' s bequem und verstumme . Ich habe überhaupt nicht viel Sinn für theoretische Fragen , außer , wenn es mich momentan reizt , zu widersprechen . Das ganze Gerede ist so überflüssig , es sollte wenigstens Konversation bleiben - wie mit Ihnen . Dann hat es seinen Reiz . Und wie angenehm , daß man als Frau keine Logik zu haben braucht ! Denken Sie , wenn ich all meine mühsam erworbene Lebensweisheit in Schachteln ordnen sollte - ach nein , ich werfe lieber alles durcheinander in eine Schublade und hole gelegentlich heraus , was mir - oder anderen Spaß macht . Im Anschluß an das Liebesproblem kamen natürlich auch die wertvollen Menschen aufs Tapet - also Wasser auf Ihre Mühle - die wertvolle Frau , die so oft und unbegreiflicherweise ihr Gefühl an unwürdige Objekte verschwendet , und der wertvolle Mann , der ungeliebt beiseite steht , ja und so weiter , die ganze Litanei . Teuerster Doktor , gerade damit haben Sie mir ja auch so oft , so oft zugesetzt . Und ich habe mich so redlich bemüht , Ihnen plausibel zu machen , daß innerer Wert gar nichts mit erotischer Attraktion zu tun hat . Wenn mir jemand gefällt , frage ich doch den Teufel danach , wie es mit seinem inneren Wert bestellt ist . Kommt beides zufällig zusammen - tant mieux . Dann ist es natürlich auch etwas anderes als die bloße Aventiure , die keine Fortsetzungen verträgt , weil der Partner einem als Mensch ganz gleichgültig ist und man nichts mehr mit ihm anzufangen weiß . Geht es um Ernstliches , so muß allerdings irgend etwas dasein , was für mich persönlich Wert hat , mir erfreulich , wohltuend , unentbehrlich erscheint oder mir imponiert , kurz , was ich haben möchte . An denen , die man liebt , will man wohl irgend etwas schätzen , manchmal schätzt man sie auch in Bausch und Bogen , oder bildet sich ' s wenigstens eine Zeitlang ein . Ja , das ist dann Liebe , solange die Attraktion dauert ; und wenn sie aufhört , so ist es unangenehm , weil man sich wirklich gerne hat . Ich halte schon deshalb nichts davon , daß man sich allzu intensiv zusammenlebt und dann in bitterem Leid auf Nimmerwiedersehen auseinandergeht . Bei jeder besseren amourösen Angelegenheit sollten Anfang und Ende überhaupt nicht so scharf umrissen sein . Ja , ich habe bei dieser angeregten Abendunterhaltung mein stilles Vergnügen gehabt , und wenn ich meine eigenen Amouren Revue passieren lasse , die tragischen und die heiteren , seriöse Dauersachen und flüchtige Minnehändel - wie sie sich nacheinander , nebeneinander und durcheinander abspielten , so fügt sich für mein Empfinden alles ganz von selbst zur schönsten Harmonie zusammen . Auch wenn - cher ami , das gilt Ihnen mit - andere Leute so oft etwas daran auszusetzen haben . 4 Ganz richtig , das ist sonderbar - gerade wir bösen , unbeständigen Menschenkinder werden oft so ungemein ernsthaft geliebt , wie man nur unbescholtene junge Mädchen und anständige Frauen lieben sollte . Zumeist wohl von den dummen Jungen , und das ist sehr hübsch - ich habe große Sympathie für sie - manchmal aber auch von ganz intelligenten Männern mit innerem Wert , und damit ist dann nicht so leicht fertig zu werden . Besonders , wenn sie uns zwingen wollen , Tiefen zu offenbaren , über die wir gar nicht verfügen . Am schlimmsten ist der Typus Retter - und glauben Sie mir , man darf sich noch so weit und noch so lange auf der schiefen Ebene befinden , es tauchen immer wieder Männer auf , die uns durch wahre Liebe retten wollen . Vielleicht darf man das nicht so verallgemeinern , ich kann ja nur aus eigener Erfahrung reden und mache möglicherweise einen ganz besonders rettungsbedürftigen oder geeigneten Eindruck . Wie auch die geistlichen Erzieher meiner frühen Jugend immer noch einen guten Kern in mir entdeckten und die Hoffnung nie ganz aufgaben . Der Retter meint es gut und aufrichtig , schon das ist schwer zu ertragen . Und er leidet durch die Bank an unheilbarer Selbstüberschätzung , hält sich eben für den , der imstande sei , unser zerflattertes Liebesleben einzufangen und auf einen Hauptpunkt , nämlich auf sich selbst zu konzentrieren . Er findet , es sei ein Jammer , daß wir uns zeitlebens so weggeworfen haben , an so viele , die es nicht wert waren ( darin würden Sie sich also ganz gut mit ihm verstehen ) - ja , wenn wir nur einmal an den Rechten gekommen wären - wie anders , Gretchen ! Der Retter hält sich - das liegt auf der Hand - für den , der es selbst jetzt noch vermöchte , das Wunder zu vollbringen . Dabei ist er trotz allem : wie schade um diese Frau - merkwürdig tolerant gegen unsere Vergangenheit , empfindet sie mehr als Verirrung : ihr ist viel vergeben , denn sie hat viel geliebt . Sie hat keinen Halt in sich selbst und keinen an anderen gehabt , hat sich von ihrem Temperament hinreißen lassen , und das haben die schlechten Männer sich zunutze gemacht . Ja , er läßt es an Verständnis nicht fehlen und ist überzeugt , man habe jeden , dem man sich hingegeben , glühend und tief geliebt , aber er war es natürlich in den seltensten Fällen wert . Der Retter sagt gerne : armes Kind und streicht einem dabei die Haare aus der Stirn - eine unausstehliche Angewohnheit , man darf nie vergessen , ein Taschenkämmchen mitzunehmen . Manchmal bietet er auch pekuniäre Hilfe an , aber mit dem Gefühl , daß für sie doch eigentlich etwas Degradierendes darin liegt und es ihr sehr peinlich sein müsse ( ach , Doktor , es ist ihr durchaus nicht peinlich , sie tut nur manchmal so - aus guter Erziehung ) . Die Bekanntschaft mit dem Retter ist natürlich immer ein Mißgriff und entspringt aus momentaner Sentimentalität oder einer unangenehmen Situation , die durch ihn behoben wird - oder , wenn man sich gerade mit jemand anders gezankt hat . Man fällt ihm bei irgendeiner Gelegenheit in die Arme . Der Retter will kein Philister sein - Gott bewahre . Er verwirft auch die illegitimen Liebesfreuden an sich durchaus nicht , faßt sie nur viel zu ernst auf und sucht ihnen eine ethische Weihe zu verleihen . Er betrachtet jede Schäferstunde als Anlaß zu ernsten Gesprächen und zu heillosem Ausfragen - besonders in bezug auf Zahlen und Daten ( und man rechnet doch so ungerne und sagt nie die Wahrheit - der Retter würde sie auch nicht vertragen ) . Trotz der schlagendsten Gegenbeweise hält er an dem Dogma von der monogamen Veranlagung der Frau fest . Er ist unbequem und nimmt es übel , wenn man nicht viel Zeit für ihn übrig hat . So schlägt er gerne mehrtägige Ausflüge vor , damit man einmal wirklich etwas voneinander hat und alles Trübe und Schwere von sich abschütteln kann - in Klammern : weil man draußen in Gottes freier Natur sicherer ist , daß die geliebte Frau nicht so oft alten Bekannten begegnet , oder daß es plötzlich klingelt und alle möglichen Leute zum Tee kommen , von denen man nicht recht weiß , warum und wieso ? Ach Gott , und ich finde amouröse Ausflüge überhaupt eine unglückliche Erfindung - ich kann sie nicht ausstehen , vor allem nicht mit Rettern oder mit wertvollen Menschen . Höchstens mit Paul - oder vielleicht mit Ihnen - pardon , pardon , daß ich Sie schon wieder mit Paul zusammenstelle und so oft auf seine Vorzüge zurückkomme . Es geschieht wirklich nicht aus Bosheit , aber ich lebe immer noch mit einem Fuß in der jüngsten Vergangenheit , in der schönen Zeit unseres Dreiecks . Mit dem Retter dauert es übrigens meist nicht lange . Er wünscht selbstredend eine seriöse Dauersache , und man lehnt tragisch ab : zu spät - man kennt sich selbst zu gut - leider - es bringt niemandem Glück , mich zu lieben - besser , man geht seinen dornenvollen Pfad alleine weiter , bis es ein Ende mit Schrecken nimmt . Oft wünscht der Retter sich ein Kind - gerade von dieser Frau - ich weiß nicht warum , vielleicht weil sie dann in seinen Augen ganz anders dastehen würde - und er nimmt es übel , wenn sie lieber darauf verzichtet . In diesem Fall würde er sie als Ehrenmann selbstverständlich heiraten , sie dürfte auch um des Kindes willen nicht nein sagen . Einer von meinen Rettern wollte mich auch ohne Kind heiraten ; er war verlobt , als wir uns kennenlernten , und löste dann seine Verlobung auf . Stellen Sie sich meinen Schrecken vor , als er mir das freudestrahlend mitteilte - wir trafen uns im Bahnhof , um aufs Land zu fahren - ich war geradezu entsetzt . Gott sei Dank wurde er daraufhin an mir irre , und ich fuhr nicht mit ihm aufs Land , sondern ohne ihn nach Hause . Daher stammt wohl auch meine Idiosynkrasie vor Ausflügen . Diese Art Menschen wollen ja auch immer ein volles Glück , wenn sie heiraten , und das hätte er an meiner Seite schwerlich gefunden . Die Idee vom vollen Glück hat für mich immer etwas so Trostloses , Bedrückendes . Es klingt so peinlich definitiv , als ob dann alles vorbei wäre , wie wenn man sich schon bei Lebzeiten seinen Sarg bestellt . Nur als Backfisch habe ich auch eine Zeitlang davon geträumt : Eines schönen Tages wird man heiraten , und dann ist man glücklich , die Sache ist erledigt . Aber dann wieder - ich erinnere mich deutlich an einen Ball im Elternhause , wo ich zum erstenmal mittanzen durfte und meine Gefühle in großer Verwirrung waren . Ich war vierzehn Jahre alt , die Tänzer behandelten mich wie eine erwachsene Dame , nannten mich Sie und sagten mir schöne Sachen . Und in drei von ihnen war ich zum Sterben verliebt . Ich sehe sie noch vor mir , alle drei waren sehr elegant und trugen die modernsten Stehkragen - ich weiß nicht , warum gerade die Kragen mir so viel Eindruck machten . Zwei waren brünett und einer blond . Die beiden Brünetten gefielen mir beinah noch besser , aber ich liebte auch den Blonden . Und ich weiß noch so gut , wie ich damals dachte , daß man doch immer nur einen Mann heiraten könnte ; wenn man nun aber dreie liebt - was dann ? Die Frage hat mir viel Kopfzerbrechen gemacht . - Übrigens trugen sie alle drei Zwicker - ich hätte mich dazumal nie in einen Mann ohne Zwicker verliebt , er wäre mir nicht ganz vollständig vorgekommen . Sehen Sie , all diese armen Leute mit dem vollen Glück werden doch nur einmal wirklich glücklich , und wir werden und sind es so oft . Daß wir es nicht ewig bleiben - nun , daran glaube ich auch bei den anderen nicht recht . Der Rausch verfliegt , und was dann ? - Die Räusche verfliegen auch , aber es kommen neue . Mein lieber Freund , der Retter ist ein unlustiges Thema - er fällt auf die Nerven , auch wenn man nur von ihm spricht . Er wirkt wie eine schwüle Atmosphäre , der man so bald wie möglich wieder entrinnen möchte . Also - ich entrinne hiermit Ihnen , den Rettern und dem Briefschreiben . Hätte ich doch immer einen so guten Vorwand , wenn ich nicht mehr schreiben mag . 5 Ich bitte Sie , liebster Doktor , schelten Sie nicht schon wieder über meine Zerstreutheit - gerade Sie haben verhältnismäßig wenig darunter zu leiden gehabt , ich verwechsele Sie schon längst nicht mehr mit anderen Bekannten - ich weiß immer , wer Sie sind und wie wir miteinander stehen . Sie können beim besten Willen nicht begreifen , daß ich Frau N ... , mit der wir einen so netten Abend verlebten , nicht wiedererkannte ? Damen erkenne ich fast nie wieder , sie sehen doch jedesmal anders aus - andere Toiletten , andere Hüte , andere Begleiter ... Und der nette Abend hat Ihnen anscheinend mehr Eindruck gemacht als mir . Du liebe Zeit , ich habe mehr als einmal Leute nicht wiedererkannt , mit denen ich noch viel nettere Abende verlebt hatte - und die es mir tödlich übelnahmen . Ihr Brief gefällt mir überhaupt nicht sehr , er klingt etwas trübselig und verstimmt . Und ich bin gerade so guter Laune , so ohne jeden Grund seelenvergnügt . Das ist bei mir ja öfters der Fall , und ich weiß schon , daß es manche Mitmenschen geradezu irritiert . Sie nehmen Ärgernis daran , daß man ohne Anlaß glücklich ist , um so mehr , wenn man infolge aller möglichen Lebensumstände Grund genug hätte , sich unglücklich oder wenigstens unbehaglich zu fühlen . Aber sei dem , wie es will - ich kann diese schwarze Stimmung bei Ihnen nicht ausstehen - mich macht es wiederum nervös , wenn ich jemand ohne schwerwiegende Veranlassung Trübsal blasen sehe . Und ich habe den edlen Vorsatz , Sie ein wenig zu trösten . Wären Sie hier , dann könnte ich Ihnen doch wenigstens die Falten von der Stirn streichen oder - je vous donnerais une de ces heures , qu ' un homme n ' oublie jamais . ( Diese hübsche Wendung ist leider ein Plagiat , ich habe sie irgendwo gelesen . ) Aber Sie sind nicht da und grollen nur irgendwo in der Ferne , weil ich Frau N ... gegenüber einen so heillosen faux pas begangen habe . - Schade , daß Sie nicht dabei waren , wie ich sie