Thoma , Ludwig Der Wittiber www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Ludwig Thoma Der Wittiber Ein Bauernroman Erstes Kapitel » Um d ' Kathi is schad ; dös behaupt ' i , weil ' s wahr is , und koa besserne Hauserin is weit umadum net g ' wes ' n « , sagte der Zwerger von Arnbach , und Männer und Weiber , die beim Leichentrunk saßen , nickten beistimmend . » De Ehr ' muaß ihr a niada Mensch lass ' n , daß ihr d ' Arbet guat vo da Hand ganga is . « » Han ? « Die Fischerbäuerin von Neuried redete undeutlich , weil sie ein tüchtiges Stück Wurst kaute ; aber wie sie es hinuntergeschluckt hatte , wiederholte sie ihre Worte . » Daß ihr d ' Arbet guat von da Hand ganga is , sag i. « » Und halt vastanna hat sie ' s aa « , rief einer über den Tisch hinüber . » Freili hot sie ' s vastanna . Und gar so viel a guate Melcherin is sie g ' wesen , « sagte die Fischerbäuerin , die als Schwester der Verstorbenen heute ein Aufhebens machen durfte . » Solchene muaß it viel geb ' n , und it leicht , daß a mal a Kuah nach ihr ausg ' schlag ' n hat , und vo drei Strich hat sie so viel Milli ausg ' molka , wia ' r an anderene aus vieri . « » Und g ' rat ' n is ihr alssammete , « rief die Huberin von Glonn , » sie hat a niad ' s Kaibi durchbracht ; und bal sie oans no so g ' ring herg ' schaugt hat , is ihr it umg ' stanna . « » Was mög ' st ? « fragte der Zwerger , den die Fischerbäuerin anstieß . » Ah so ! Geh , teat ' s d ' Würscht no mal her ! « Und er gab der Nachbarin hinaus , die mit Messer und Gabel darüberging und wehleidig sagte : » Es is schad um sie , weil sie gar so viel a guate Melcherin war . « Der Schormayer von Kollbach hörte die Lobreden oder hörte sie nicht ; er schaute verloren an sein Bierglas hin ; und wenn er den Deckel aufmachte und eines trank , geschah es auch gedankenlos und ohne Genuß . » Was hoscht jetzt an Sinn ? « fragte ihr der Zwerger . » Wia ? « » Was d ' an Sinn hoscht ? Übergibst , oda machst alloa furt ? « » I bin do it alloa . « » Ja no , die Tochta werd aa it ledi bleib ' n mög ' n ; und bal sie heiret , was is nacha ? « » Dös woaß i jetzt aa it . « » Geh , Zwerger , laß guat sei ! Wer red ' t denn von Übageb ' n , bal ma d ' Muatta erst vor a Stund ei ' grab ' n hamm ? « Der Schormayer Lenz sagte es , und zeigte sich überhaupt als rechtsinnigen Menschen , der auch im Unglück seine fünf Sinne beisammen hat , indem er acht gab , daß beim Leichenmahl alles mit Ordnung ging und Verwandte und Gefreundete herzhaft zugriffen . » Ja no , « antwortete der Zwerger , » mi red ' t grad ; und wer woaß , wann mi wieda beinand is . Und es is guat g ' moant g ' wen , Schormayer ; des sell derfst g ' wiß glaab ' n. « » Wia ? « » I sag , daß i dir nix Schlecht ' s moan , und nix für unguat ! « » Na , na ! « » Bal d ' Kathi bei ' n Leb ' n blieb ' n waar , kunnt ' st freili no a fünf Jahr regier ' n , aber a so werd ' s dir hart o ' kemma . « » Ja , ja . « » Sie is so viel a guate Melcherin g ' wen , und in Stall überhaupts hat ' s koa besserne gar it geb ' n , « sagte die Fischerbäuerin , indes sie einen Löffel Rübenkraut zum Schweinefleisch nahm . » Der Herr gebe ihr die ewige Seligkeit und lasse sie ruhen in Frieden , Amen ! « rief am untern Ende eine scharfe Stimme , die zu den frommen Worten nicht recht paßte . Und sie ging von der Asamin aus , die mit einem kleinen Gütler ein armseliges und streiterfülltes Leben führte . Sie hatte aber auch mit der Katharina Schormayer eine Schwester begraben und mußte deswegen an diesem traurigen Tage gehört werden . » Amen ! « responsierten die Verwandten und Gefreundeten , und räusperten sich dazu ; denn sie gönnten der Asamin nicht , daß sie das Wort führen sollte . Dann war es still ; bloß daß man Gabeln und Messer auf den Tellern kratzen hörte , oder auch einen , der seufzte , oder einen , der sagte : » Ja no ! Jetzt is scho amal a so . « Nach einer Weile jedoch brachte der Zwerger die Unterhaltung wieder in Fluß . » Des muaß mi sag ' n , schö hat da Herr Pfarra g ' redt , und g ' rad fei ' hat a sei Sach ' fürbracht . « » Er hot überhaupts a guat ' s Mäuwerk « , lobte der Schneiderbauer ; » da is er ganz anderst wia der inser in Arnbach . Der sell ko gar nix . « » Dös is wahr , bei dem muaß mi einschlafa , aba an Herrn Metz lob ' i. Er hat der Schormayerin ihr Ehr geb ' n , daß mi z ' fried ' n sei muaß . « » Ein fleißiges Weib ist eine Krone ihres Mannes , hat a g ' sagt , und dessell hat er aa g ' sagt : durch ein weises Weib wird das Haus erbauet . I hon ma ' s guat g ' mirkt . « Die Asamin ließ sich zu oft hören . » Mirk d ' as no ! Du ko ' st as guat braucha ! « schrie der Schneiderbauer grob und brachte viele zum Lachen . » Bal ' s aba da Herr Pfarra g ' sagt hat ! « » Is ja recht , mirk da ' s no g ' rad ! « » Von a Predigt ko si a niada was hoam nehma , net grad i alloa . « » Is ja recht . « » Und des sell derf i do sag ' n , daß mi de Predigt g ' fall ' n hat , und überhaupts is sie von mir so guat a Schwesta g ' wen als wia vo de andern ; und des is amal wahr , daß er dös g ' sagt hat . Ein fleißiges Weib , hat er g ' sagt , ist die Krone des Mannes . « » Is ja recht , bal ' s no du aa oane waarst ! « » Nacha krieget der Asam vielleicht gar was für di « , sagte der Zwerger ; und wieder lachten Verwandte und Gefreundete . » Schaug no , daß du was kriagst für de Dei ' ; und des sell muaß i dir no sag ' n ... « » Sei amal staad ! « mahnte der Lenz so nachdrücklich , daß die Asamin einhielt . Und jetzt schob auch seine Schwester Ursula die Fleischplatte vor den alten Schormayer hin . » Geh , Vata , iß dennerscht was ! « » I mog it . « » Dös is jetzt aa nix , bal du a so da hockst ; is ja des best ' Sach ! « » I mog it , sag ' i. « » Wickel ' s eahm ei ! « sagte die Fischerbäuerin . » Dahoam mag er ' s na scho . « Der Wittiber trank ein ums andere Mal und schaute mit leeren Augen vor sich hin , daß es den Schneiderbauer erbarmte . » Wie lang bist jetzt verheiret g ' wen ? « fragte er den stillen Mann . » I ? « » Ja , muaß do bald dreiß ' g Jahr sei . « » It ganz . Achtazwanzgi san mi beinand g ' wen . « » Is a lange Zeit . Da g ' wohnt ma si z ' samm . « » Da g ' wohnt ma si z ' samm , ja , ja ! Und jetz woaß i gar nix mehr , wo i hi ' g ' hör , und dahoam is nix , und anderstwo is aa nix . « » Es werd scho wieder , Vata , laß no guat sei ! « sagte Lenz . » Nix werd ' s. Dös vastehst du net . Bal mi achtazwanz ' g Jahr mitanand g ' arbet hat , und is oan Tag g ' wen wia den andern , und auf oamal is ' s gar , dös is dumm ganga . Dös hätt ' ' s it braucht . « » No schau , bei dir is no net allssammete aus « , tröstete der Zwerger . » Du host a Bargeld und kost zuaschaug ' n , wann ' s d ' heut übagibst . « » Ja , bal i d ' Arbet nimma hab , was is denn nacha ? Und alloa is d ' Arbet aa nimma luschti . Dös is amal nix mehr und werd nix mehr . « Er schaute wieder vor sich hin und rührte nichts an von allem , was aufgetragen wurde . Den andern aber hatte die Trauer den Appetit nicht verschlagen ; sie langten herzhaft zu , und über Essen und Trinken wurde es lebhafter . Von der seligen Schormayerin war nicht mehr so viel die Rede als von der Ernte und von den Viehpreisen ; und jeder wußte etwas zu sagen , was seiner Kenntnis Ehre machte . Und wie sich der Eifer steigerte , wollte auch der Lenz zeigen , daß er gut beschlagen war . Die Fischerbäuerin wieder nahm sich der Ursula an und erzählte ihr von einigen Bauernsöhnen , die rundherum mit guter Aussicht fürs Leben zu heiraten waren . Und wenn ihr die Namen ausgingen , wußte gleich eine andere noch einen besseren zu rühmen ; und über ein kurzes steckten die Weiber ihre Köpfe zusammen und waren vom Sterben mitten ins Heiraten gekommen . Die Asamin nicht . Ihre Meinung hatte in solchen Fragen erst recht keine Geltung , und überdem hielt sie es für richtig , jetzt mit einigen Wünschen an den Schormayer zu gehen . Ohne daß es die andern viel bemerkten , setzte sie sich hinter den Wittiber und fing erst einmal kräftig zu seufzen an . Da er nicht darauf achtete , zupfte sie ihn am Ärmel und sagte : » Dös is a wahr ' s Kreuz ! « Der Schormayer wandte sich um . » Was willst ? « » A Kreuz is , sag i , daß d ' Kathi hat sterb ' n müass ' n. « » Jetz laß du mi aus ! « » Ja , glaabst , mi bekümmert dös nix ? Sie is vo mir aa ' r a Schwesta g ' wen . « » I woaß scho . « » Und bal i aa g ' rad an arme Güatlerin bi , des sell macht da gar nix aus . Vielleicht hon i mehra Derbarma mit dir als an anderne . « » I dank da schö . Ja , is scho recht . « Und er drehte ihr den Rücken zu . Aber die Asamin war darüber nicht traurig , sie schaute links und rechts , ob die Gespräche noch am Fließen waren ; und wie sie das mit Befriedigung sah , faßte sie wiederum den Schwager am Ellenbogen . » Was hoscht denn ? « » Du , hat d ' Kathi gar it dergleich ' n to , daß sie ihre Verwandt ' n a bissel was zuakemma laßt ? « » Na , gar nix . « » Koan Pfennig it ? « » Na , sag i. « » Sollt ' st nacha scho du a wengl was toa , daß mi liaba bet ' dafür . « » Bal ' s d ' net gern bet ' st , laßt d ' as bleib ' n. « » Sie no net glei a so gach . Mi sagt ja grad , weil ' s a guat ' s Werk waar , wann mi an arma Menschen was gab . « » Du hoscht ihra Lebzeit ' n gnua kriagt , und hoscht as do bloß vabutzt . « » I ? « » Ja , du ! Und jetz laß mi mei Ruah ! « » Jetz da muaß i lacha . Wos hon denn i kriagt von ihr ? « » I red nix mehr . « Der Schormayer war ein weniges aus seiner allertiefsten Trübseligkeit gerissen und zeigte seiner Schwägerin die breite Seite . » Luada ! « brummte er vor sich hin und trank einmal . Die Asamin gab viel und doch nicht alles verloren ; sie wartete etliche Zeit , bis nach ihrer Meinung die Trauer wieder oben auf schwamm . Dann kriegte sie den Wittiber noch mal am Ärmel . » Ja Herrgott ... ! « » Geh ! Muaßt it a so sei ! I sag nix mehr von an Geld ! « » Du kriagst scho koans . « » Dös san mi arma Leut g ' wohnt . Aba , paß auf , den brauna Rock von ihr und den Spensa kunnt ' st ma do scho geb ' n. « » Wos für an brauna Spensa ? « fragte mit einmal Ursula , und fragte es sehr scharf . 187 ; I ho do mit dir it g ' red ' t. « » Na , aba an Vata tat ' st o ' betteln und schamst dir gor it . « » Dös is it bettelt , bal mi fragt ! « » Dei Frag ' n kenn i scho , und schama tuast di du gor it . Möcht sie ' s G ' wand vo da Muatta ! « » Was waar ' s nacha , bal mi an Spensa kriagat ? Hoscht du it gnua Sach ? Is dös it da Brauch , daß mi an Verwandt ' n was gibt ? Da möcht i scho von Betteln sag ' n und ' s Mäu recht aufreiß ' n , als wenn sie koan Schwesta net g ' wen waar von mi und ' s Bet ' n net aa braucha kunnt ! « Die Asamin deckte ihren Rückzug tapfer und gut , wie ein jeder sagen mußte , aber sie mußte eben doch zurückweichen und von allen Angriffen abstehen . Sie saß wieder am untern Ende des Tisches und blieb von den flinken Augen der Ursula bewacht , so daß kein lautes Gespräch mehr für sie eine neue Gelegenheit gab . » Und jetz geh i , « sagte der Schormayer bald darauf und stand auf . » I geh mit dir , Vata , « rief der Lenz . » Na , du bleibst do , und de andern aa . I find alloa ' hoam , und koan Unterhaltung brauch i net . S ' Good beinand ! « Er schwankte etwas und hatte in Kümmernis und Nachdenken mehr Bier getrunken , als mancher Fröhliche ertragen könnte ; aber die Türe erreichte er doch in einer mäßigen Bogenlinie . Die Trauerversammlung rief ihm Grüße nach und hielt wieder eine Zeitlang Betrachtungen ab über die Schormayerin und ihr schnelles Sterben und über den Tod im allgemeinen . » Es is wirkli hart für eahm , « sagte die Fischerbäuerin , » und bal mi ' s recht sagt , is er z ' alt zu ' n no mal Heiret ' n und z ' jung zu ' n Aufhör ' n. « Die Schneiderin rückte näher zu ihr und wisperte leise , daß es die Mannsbilder nicht hören sollten : » Überhaupts sag i dös : bei dem Alter is besser , wann da Mo z ' erscht stirbt , weil si inseroans leichter in d ' Ruah gibt . « » Da hoscht amal recht , und des sell is no allemal wahr g ' wen , wie ma sagt : bal inser Herrgott an Hanswurst ' n hamm will , laßt er oan mit fufz ' g Jahr Wittiber wer ' n. « Die Fischerin sah die Schneiderin bedeutsam an , und sie nickten mit den Köpfen und waren sich einige darüber . Zweites Kapitel Der Schormayer trat tiefe Löcher in die weiche Dorfgasse , wie er jetzt an dem trübseligen Herbstnachmittage heimging , aber er achtete nicht auf den glucksenden Lehm , der ihm an den Stiefeln hängen blieb . Wenn er vom Wege abkam und beinahe knietief in den Schmutz trat , fluchte er still und lenkte in die Mitte der Straße ein , aber bald zog es ihn wieder links oder rechts an einen Zaun , und er blieb stehen und brummte vor sich hin : » Nix mehr is ; gar nix mehr . « » Himmelherrgott ! « sagte er , wenn ein Windstoß in die Obstbäume fuhr und ihm kalte Regentropfen ins Gesicht schleuderte . Ein Hund riß an der Kette und bellte ihm heiser nach ; beim Finkenzeller öffnete die alte Mariann ein Fenster und rief ihm zu : » Derfst ma ' s it übel ham , daß i net bei da Leich ' g ' wen bi ; i hon an Wehdam in die Haxen und kimm it bei da Tür außi . I waar ihr so viel gern ganga , und derfst ma ' s g ' wiß glaab ' n , i bi ganz vokemma , wia ' n i dös g ' hört hab , und weil sie gar so ... « Der Schormayer hörte sie nicht ; er bog scharf um die Hausecke und war nun bald , unverständliche Worte murmelnd , an der Einfahrt seines Hofes . Die Spuren vieler Tritte waren noch sichtbar ; sie liefen mitten über den geräumigen Platz bis zur Haustüre , und bei ihrem Anblick raffte der Schormayer seine Gedanken wieder fester zusammen . » Da hamm s ' as raustrag ' n. Ah mei ! Ah was ! « Er faßte zögernd nach der Türklinke , als vom Kuhstall herüber eine helle Weiberstimme klang . » Bauer ! « - » Was is ? « » Schaugst it eina ? D ' Schellerin hat a Kaibi kriagt . « » Was nacha ? « » A Stierkaibi . « Die Stalldirne klapperte auf ihren Holzpantoffeln mit hoch aufgeschlagenen Röcken näher heran . » Vor a Stund is ' s kemma , und hat gar it viel ziahg ' n braucha , und i ho mir z ' erscht denkt , i schick umi zu ' n Wirt , aba nacha is an Tristl sei Knecht da g ' wen , und nacha ... « » Ja , ja ! Is scho recht ... « Er trat ins Haus und schlug die Türe hinter sich zu . Im Flötz stand noch der weißgedeckte Tisch , und darauf ein Kruzifix , auch war ein süßlicher Duft von Weihrauch zu merken , und so blieb der Schormayer nachdenklich stehen und schaute die Stiege hinauf , über die sie vor wenigen Stunden seine Bäuerin heruntergetragen hatten . Er zog den Mantel nicht aus und hing den Hut nicht an den Nagel ; wie er war , ging er mit schmutzigen Stiefeln in die Stube und setzte sich auf die Ofenbank . Es wurde schon Abend , und die Fenster schauten wie große Augen in dei dämmerige Stube herein ; eine Uhr tickte laut und aufdringlich , als das einzige Ding , was hier zu vernehmen war , und ihr Schlag und die Stille und dunkle Winkel erinnerten den Schormayer an seine Verlassenheit . Er dachte wohl nicht viel darüber nach und malte sich keine wehmütigen Bilder vor , aber er spürte die Einsamkeit , wie er sich so vornüberbeugte und auf den Boden sah . Da waren einige weiße Flecken ; und wie er nachdachte , woher sie kämen , trat ihm lebhaft und deutlich die traurigste Stunde seines Lebens vor Augen . Das waren Tropfen von Wachskerzen , und da herinnen waren die Weiber versammelt , als der Pfarrer die Leiche aussegnete . Er hörte die Hammerschläge , die von oben herunter tönten , als sie den Sarg zumachten , und dann schwere Tritte auf der Stiege , und das Schleifen der Totentruhe , und die tiefen Stimmen der betenden Männer und die hellen der Weiber , und dann wieder durch die Stille eine fette Singstimme , der eine andere erwiderte mit fremden Worten , die er oft und oft gehört , aber heute sich erst gemerkt hatte : » Requiescat in pa-ha-ce ! A-ha-men ! « Eine zitternde , verschnörkelte Stimme , und dann das Klirren des Weihrauchfasses , und gleich darauf ein weißer beizender Rauch , der viele zum Husten brachte . Und ein Flüstern unter den Männern , die den Sarg aufhoben , und wieder viele dumpfe Tritte und schreiende Stimmen durcheinander . » Vater unsa , der du bischt in dem Himmel , geheiliget werde dein Name ... « Der Bauer fuhr zusammen , weil die Stubentüre aufging . » Wos geit ' s ? « » I bin ' s « , sagte die Stalldirne , die auf Strumpfsocken hereinkam . » Was willst ? « » I ho ma denkt , ob ' s d ' as Kaibi net o ' schaugst , weil ' s gar so fei ' is . « » Morg ' n nacha . « » Und d ' Kuah is aa guat beinand ; gar it viel ei ' brocha . « » So ? « » Ganz leicht is ganga ; i hätt an Tristl Knecht schier gar it braucht ; aba no , mi woaß net . « Der Bauer gab keine Antwort . Zenzi ging ans Fenster und schaute hinaus ; gegen die Helligkeit erschien ihre Gestalt so groß und mächtig , daß sie der Schormayer zum erstenmal daraufhin anschauen mußte . Die hatte einen Buckel wie ein starkes Mannsbild und dicke Arme und volle Brüste . » Soll i dir a Kaffeesuppen kocha ? « fragte sie . » Na . « » Aba d ' Ursula werd so schnell it kemma , und i ko d ' as leicht macha . « » I mog nix . « Zenzi trat zur Ofenbank ; und wie der Bauer sie nicht wegschickte , setzte sie sich neben ihn . Ihr Arm streifte den seinen , und eine Wärme ging von ihr aus , die ihm wohltat ; den ganzen Tag hatte er das Gefühl gehabt , daß es ihn fröstle beim Alleinsein , und in der Stube hatte es ihn erst recht so überkommen . Zenzi drehte den Kopf nach ihm zu ; ihr sinnlicher , breit gezogener Mund und ihre flackernden Augen versprachen Dinge , die selten einer verschmäht . Aber der Schormayer schaute sie nicht an . » Wia lang is sie jetzt krank g ' wen ? « fragte Zenzi . » A schlecht ' s Blüat hat sie scho lang g ' hot , « erwiderte er , » aba g ' leg ' n is sie it länger wia ' r a viertl Jahr ; dös woaßt ja selm . « » An da Lungl hat ' s ihr g ' feit , gel ? « » Ja . « » A meiniger Vetta , wo i in Deanst g ' wen bi , hot ' s aa ' r a so g ' habt und is alle Täg weniga worn . Da is g ' scheidter , bal oans stirbt . « » Ja , ja . « » Dös ko mi net anderst macha , und da waar i jetzt net a so trauri . « » Dös vastehst du z ' weni « , sagte er und streifte sie mit einem Blick . » Moanst ? « » Wenn ma so lang vaheiret is mitanand , da g ' hört ma so z ' samm , daß ma sie dös gar it anderst ei ' bild ' n ko . « » Aba d ' Freud ko aa nimmer so groß g ' wen sei . « » Was für a Freud ? « » No , a so halt « , sagte Zenzi und stieß ihn mit dem Ellenbogen an . Er schaute sie wieder an ; ihr Mund war zu einem sinnlichen Lachen verzogen , und ihre Augen wichen nicht aus . » Ah mei ! « sagte er . » An selle Dummheit ' n denkt mi do net . « » Waar ma scho gnua ! « sagte sie . » Da denkat i freili dro . Für was is ma denn vaheiret ? « » Geah ! Du bischt halt no jung und dumm . In Ehstand is ganz anderst als wia lediger . « » Warum nacha ? « » Weil mi halt g ' scheidter werd , und älter aa , und weil mi an was anders z ' denka hot . « » Du bischt do net z ' alt . « Zenzi rückte näher , und da faßte er mit einer groben Bewegung ihren Arm und drückte ihn fest . » Herrgott ! Aber Arm hoscht scho her ! « sagte er . » Da is was dro , gel ? « » Ja du bischt scho a Mordstrumm Weibsbild ! « Er griff nach ihrer Brust . Sie kicherte . » Geah du ! « » Was hoscht denn für an Schatz ? « fragte er . » I ho koan . « » Ja , dös wer i dir glaab ' n. Vielleicht bischt gar no bei ' n Jungferbund ? « » Da kunnt i leichter dabei sei als wia anderne . I mag mit die Bursch ' n nix z ' toa hamm . « » So schaugst du aus ! « » Weil nix G ' scheidt ' s rauskimmt dabei . Aba du bischt oana ! Hörst it auf ? Hörst it auf ? « Sie lachte und wehrte sich gegen seine derben Griffe ; er legte den Arm um ihre Hüfte und zog sie keuchend zu sich heran , und im Ringen fiel ihm der Hut auf den Boden . Plötzlich machte sie sich mit einem Ruck frei und sprang in die Höhe . » Es kimmt wer ! « sagte sie hastig und streifte ihren Rock zurecht . Er sah verstört und mit blöden Augen nach der Türe und bückte sich , um seinen Hut aufzuheben , als Ursula eintrat . Sie warf einen schnellen Blick auf den Vater , der seine Verlegenheit verbergen wollte und den Staub vom Hute abblies , und dabei fuhr sie die Magd an : » Was hoscht denn du da herin z ' toa ? « » I hon an Bauern g ' sagt , daß mi a Kaibi kriagt hamm . « » Na geh no wieda an Stall außi ! « » I geh scho . « Der Schormayer kam ihr zu Hilfe . » A Stierkaibi is , hoscht g ' sagt ? Gel ? « » Ja . « » Und da Tristlknecht hat da g ' holfa ? « » Ja . Da Toni . « » Is scho recht nacha . Sagst eahm : i zahl eahm a paar Maß . « » Jetz mach amal , daß d ' weiterkimmst ; du hoscht di lang gnua vahalt ' n da herin , moan i « , schrie Ursula . » ' s nachstmal sag i halt nix mehr , bal dös aa no net recht is ; und so was geht do an Bauern o. « Zenzi schlug die Türe hinter sich zu , und man hörte sie noch im Flötz schelten , und ein Stück weit über den Hof . Der Schormayer hatte derweilen seine Fassung gewonnen , und der Ärger stieg in ihm auf . » Daß du gar a so grob bischt mit ihr ? « fragte er . » Red ' liaba it , Vata ! « » Wos ? Derfst du mir ' s Mäu biat ' n ? Gang dös scho o ? Herr bin i , daß d ' as woaßt ! « » Und dös g ' hört si amal it , daß des Mensch da herin steht . « » So ? Geaht mi dös nix o , was an Stall draußd g ' schiecht ? Dös waar mi des neuest ! Bin i gar nix mehr , weil d ' Muatta nimma do is ? « Jetzt hatte der Schormayer einen Boden unter sich und kam sich in seinem Rechte gekränkt vor . Und da schrie er , daß ihm die Halsadern schwollen . » Da waar ja i der Gar-nix-mehr auf mein Hof