Meisel-Hess , Grete Die Intellektuellen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Grete Meisel-Hess Die Intellektuellen Roman Erstes Kapitel Die Verwandten » Gute Gesellschaft hab ' ich gesehen , man nennt sie die gute Wenn sie zum kleinsten Gedicht keine Gelegenheit gibt . « Goethe . Frau Professor Diamant saß in ihrem großen Ankleidezimmer , vor einem hohen , dreiteiligen Spiegel . Sie hatte soeben die Friseurin entlassen . In breiten Wellen war das stumpfblonde Haar um den Kopf gelegt , von einem mit Wachsperlen bestickten , schwarzen Sammetband durchschlungen . Der Teint , der im vollen Tageslicht einen grauen Ton hatte , war jetzt , in der Zimmerwärme des feuchten Septemberabends , leicht gerötet . Die Augen , vom reinen , tiefen Blau der Kornblumen , glänzten . Sie erhob sich , reckte die hohe Gestalt , warf den Frisiermantel ab . Die volle Büste lastete auf den weichen Fischbeinstäben des niedrigen Korsetts , das die Hüften schlank und fest zueinanderzog . Frau Edda warf einen Blick auf die Uhr und griff eilig nach dem Kleid , das auf einer Stuhllehne bereit lag , einem Gewand von weicher chinesischer Seide , mit gewagt durchbrochenen Spitzenornamenten . Sie liebte es nicht , in den letzten Stadien des Ankleidens Bedienung um sich zu haben und vollendete ohne Hilfe die Toilette . Ihr Gatte rief aus dem Nebenzimmer : » Sie werden gleich da sein . « Frau Edda hatte die letzten Haken geschlossen und hing den Frisiermantel an seinen Platz in den Schrank . Sie steckte noch vorsichtig , ohne die weiße Seide ihres Kleides zu gefährden , ein Paar Leisten in die Straßenschuhe , die sie abgelegt hatte . Dann spülte sie nochmals rasch beim Waschtisch , mit vorgestreckten Armen und zurückweichender Gestalt , die Hände ab , überrieb flink mit einem Rehleder die Fingernägel , - der Teint war fertig , - und nahm eine Stahlschatulle aus dem Wäscheschrank . Sie öffnete sie langsam und begann ihre Ringe anzulegen . Ringe von verschiedenen bizarren Formen . Ringe in spitzer Marquisenform , andere wieder , in denen sich die Edelsteine als Blüten hoch über den Finger rankten , fremdartige , orientalische Ringe mit großen , dunklen Steinen und solche mit klaren Solitären . Unbedenklich gestattete ihr ihr sicherer Geschmack diese Bürde an ihren schlanken Fingern . Sie wußte , daß ihre Hände davon nicht beschwert erschienen . Sie trat noch einmal vor den großen Ankleidespiegel und betrachtete sich einen langen Augenblick , warf dann , mit einer bei ihr häufigen Bewegung des mit ballmäßiger Eleganz bekleideten Fußes , die Schleppe zurück und verließ das Zimmer . Knisternd in ihrer weißen Seide , eilte sie an die Tür der Küche , öffnete sie behutsam , lugte hinein , und zog sich eilig wieder zurück . Weiter raschelte die Schleppe über den langen Korridor und verschwand hinter der Portiere des Speisezimmers . Professor Gustav Diamant hatte in Wien einen guten Namen . Als Student war er aus der mährischen Provinzstadt , in der sein Vater das Amt eines Sekretärs der Kultusgemeinde bekleidete , nach Wien gekommen , hatte hier mit dem ansehnlichen Rest seines mütterlichen Erbes seine Studien vollendet , sich zum Spezialarzt ausgebildet , eine gute Praxis errungen , die Dozentur früh erworben und sich mit Fräulein Edda Reisenleitner verheiratet . Fräulein Reisenleitner entstammte einer Familie , deren Schicksale sich am Fuße des Kahlenberges abspielten , solange man sich ihres Bestehens erinnerte . Ein einfacher Töpfer war noch der Urgroßvater gewesen , und in seinem kleinen Kontor , draußen in der Vorstadt , hatte eine schön bemalte Tafel mit der folgenden Inschrift gehangen : Töpferlied ! Was für schöne , bunte Sachen Kann ich mir aus Tone machen , Wenn ich meine Scheibe dreh ' , Meiner Hände Werke seh . Kachel , Flaschen , Krüge , Kannen , Tiegel , Tassen , Bratenpfannen , Kuchenformen , Blumentöpfe , Schüssel , Teller , Suppennäpfe , Sauber ausgemalt , glasiert , Und mit Blümelein geziert . Meine Ware , sagt der Bauer , Ist von keiner rechten Dauer , Ja , der arme Mensch hauptsächlich Ist vergänglich und gebrechlich , Darum wundere dich nicht , Wenn einmal ein Topf zerbricht . Arm- und Beinbruch ist viel schlimmer , Darum denk ich , ist doch immer , Besser mancher Topf zerbrochen Als auch nur ein einziger Knochen . Und darum auch bleibt ' s dabei : Werft und brecht recht viel entzwei ! Sein Sohn war Künstler . Wohl bediente er Töpferscheibe und Brennofen noch persönlich , aber nur , um neuartige Formen und Glasuren zu erfinden . Er achtete die uralte Tradition des Handwerkes und wußte , daß die Kunst die Meisterschaft darin als Boden brauchte . Er wollte hinter die Geheimnisse der historischen Keramik kommen , versuchte es , größere , glasierte Flächen zu beleben und erfand dabei neue , geschmackvolle Farben ; besonders bevorzugte er die kräftigen und doch zarten Tönungen der Perser . Während er so zwischen alteuropäischer Handwerkskunst und morgenländischer Farbenkraft eine Einigung suchte , schuf er einen neuen , keramischen Stil , auf dessen Grundlage später die Moderne weiter arbeitete . Sein Talent vererbte sich nicht . Sein Sohn , Eddas Vater , war weder Töpfer noch Künstler , sondern Kaufmann . Er brachte die Firma auf die Höhe der modernen Ofenfabrikation . Diese Reisenleitnersche Ofenfabrik hatte Eddas Bruder übernommen . Dr. Diamant , damals noch Dozent , war dem Mädchen als ein interessanterer Freier erschienen als irgendeiner der Fabrikantensöhne oder Leutnants , mit denen sie auf Bällen tanzte . Ihre Schönheit hatte ihn zu einer Werbung verführt , die sich jeder Erwägung entzog . Jetzt waren sie seit mehr als fünf Jahren in kinderloser Ehe zusammen , hatten einander gemessen und begrenzt . Er war vor kurzem Professor geworden und hastete von morgens früh bis zum späten Nachmittag einer großen Praxis nach . Seine übrige Zeit verbrachte er zumeist in seinem Laboratorium , an das sich ein ausgedehnter Stall schloß , in dem er die Tiere hielt , an denen er fortgesetzt experimentierte . Bis spät nachts saß er dann zu Hause noch an seinem Schreibtisch . Frau Edda hatte es nicht leicht , ihr Leben in bewegtem Gange zu halten , wie sie so sehr gewünscht hätte . Sie kämpfte mit ihrem » Laster « , wie sie es selbst nannte , - mit ihrer Trägheit , - die vielleicht nichts anderes war als große Erschöpfbarkeit , wie sie in alten Familien zu spuken pflegt . Frau Edda , die so gern auf das Waffengeklirre horchte , das » draußen « die Geister aneinander geraten ließ , die mit Neugier alle Nachrichten verfolgte , die von überwundenen Widerständen berichteten , - Frau Edda konnte sich aus der Gefangenschaft ihrer Zimmer nicht frei machen . » Der Tag zerrinnt mir unter den Fingern « , klagte sie , wenn man ihr vorhielt , daß sie ihr Talent nicht pflege . Denn Frau Edda hatte ein Talent , vielleicht war es der Großvater , der ihr das seine , in veränderter Form , vererbt hatte . Auf der Marmorplatte und in der Lade ihres breiten Toilettetisches lagen zwischen Elfenbeinbürsten , Kristallflacons , feinen Stahlscheren , Nägelfeilen , silbernen Schalen - verstreute , einzelne Blätter . Da sah man mit wenigen , kecken Strichen Motive der weiblichen Kleidung zu neuen Kombinationen vereint . Fast immer , wenn Edda ihre Entwürfe Modejournalen zur Verfügung stellte , hatten die Redaktionen darnach gegriffen , ja man hatte regelmäßige Beiträge von ihr erbeten . Aber Frau Edda mußte ablehnen , denn sie konnte , wie sie es nannte , nur » unfreiwillig « arbeiten . Ihre Inspirationen kamen » in Anfällen « . Plötzlich , wo immer es war , zumeist während einer Stadtfahrt im Wagen , oder bei der Lektüre eines anregenden Buches , geschah es , daß , wie sie es nannte , » eine Klappe im Gehirn sich öffnete « , - und dann fiel prompt ein neues Trachtenmotiv heraus . Während der Professor sich morgens früh erhob , sobald der gedämpfte Wecker seiner Taschenuhr sein leises Surren hören ließ und das Morgenlicht durch den absichtlich freigelassenen kleinen Spalt zwischen Fensterbrett und Jalousie fiel , sich hastig ankleidete , stehend eine Tasse Tee trank und seiner Klinik zueilte , lag Frau Edda in den Banden eines Schlafes , die ihr so unzerreißbar erschienen , daß der Besuch des Kaisers von China sie nicht veranlaßt hätte , sie energisch abzuschütteln . Erst , wenn diese Bande » von selbst fielen « , wendete sich ihr schlaftrunkenes Gehirn der Tatsache zu , daß ein Stück Leben heute abzuwickeln sei . Sie trank dann langsam im Bett ihren Kakao , knabberte Zwieback dazu , durchblätterte die Zeitungen und Modejournale und las ihre Post , die nicht unbeträchtlich war , da sie gern Korrespondenz pflegte . Langsam und schwer ordnete sie im Gehirn den Inhalt dieser Briefe und Zeitungen , die sie beinahe belastend anregten . Ehe sie nicht genau wußte , wie und wo dieses neue Material unterzubringen sei und wie sie dazu Stellung zu nehmen hätte , fühlte sie sich nicht » frei « genug , aufzustehen . Sie badete umständlich , pflegte die etwas schadhaften Zähne mit mehreren Wässern und Pasten , gewann manchmal ein paar Minuten für den Versuch einiger Freiübungen , überließ sich eine halbe Stunde der Friseurin , und nur eineinhalb bis zwei Stunden verbrachte sie auf diese Art bei der Morgentoilette , - für eine Dame gewiß nicht zuviel . Wenn sie fertig war , machte sie » Ordnung « . Sie konnte sich , wie sie behauptete , nicht ruhig hinsetzen , wenn nicht alles genau auf seinem Platze lag , und so fand sie sich in einem ewigen Turnus durch die weitläufige Wohnung . Sie ging den Dienstboten nach , bemerkte , daß die Stühle nicht so standen , wie sie stehen mußten , daß eine Decke schief lag , daß etwas Staub zwischen zwei Nippes liegen geblieben war . Der Professor hatte diese » Ordnungssucht « , wie er es nannte , kaltblütig in die Pathologie verwiesen . Auch Frau Edda gab diese Tätigkeit nicht für hausfraulichen Antrieb aus . In die Küche wagte sie sich kaum , dort waltete die Perfekte , und dort wurde jene Arbeit gemacht , vor der Frau Edda Angst hatte , richtige beklemmende Angst . In verwirrendem Vielerlei lagen da die zahllosen Ingredienzien , aus denen sich jede einzelne Mahlzeit zusammensetzt . Es roch nach Fetten , nach blutigem Fleisch , es prasselte , schmorte , dampfte ; und mit ihren langschleppenden , lichten Hauskleidern wußte sie gar nicht , wie sie sich auf den Fliesen der Küche und zwischen den beladenen Tischen bewegen sollte , wenn eine neue Köchin sie durchaus einmal hier » brauchte « . Nach dem Mittagessen , wenn der Professor in seinem Ordinationszimmer verschwand , lag Edda im Schaukelstuhl und rauchte langsam , ohne Eile , mit dem Behagen der milden Nervenbetäubung , aber mit wachem , bösen Gewissen , eine , zwei und drei Zigaretten , stand auf , mit schwerem Kopf , hatte » Lufthunger « , klingelte dem Stubenmädchen , das um diese Zeit der Ordinationsstunde alle Hände voll zu tun hatte , und befahl , ihre Garderobe zum Ausgehen bereit zu legen . Sorgfältig legte sie Stück für Stück an . Sie bevorzugte die reiche , französische Mode vor der englischen , schweres Material , auch zu einfachen Gelegenheiten ; besonders liebte sie kostbare , immer etwas bizarre Mäntel und Hüte von unwahrscheinlichen Dimensionen , die ihr schönes Gesicht weitausgreifend umrahmten und die hohe Gestalt mit fürstlichem Pomp stilisierten . Diese Erscheinung paßte weder auf die Trottoire der großstädtischen Straßen unter eine Menge geschäftlich getriebener Menschen , noch in das Gedränge der öffentlichen Verkehrsmittel ; zumeist winkte sie dann auch einem der Fiaker vor der Türe , die die Frau Professor schon kannten und sie mit lautem » Küß die Hand , Gnädige , - fahr m ' r Euer Gnaden « umdrängten , sowie sie aus dem Hause trat . Und Frau Edda fuhr dahin , Einkäufe oder Besuche zu machen , oder in einem Café mit Freunden zu plaudern , am liebsten mit literarischen Freunden . Zumeist begleitete sie eine Cousine ihres Mannes , Kathi Diamant , ein nicht mehr ganz junges Mädchen , das mit Schwärmerei an Edda hing ; überhaupt verkehrte Edda lieber mit der Familie ihres Mannes , als mit ihrer eigenen , sie liebte die besondere Färbung der jüdischen Denkweise , welche Juden untereinander oft abstößt . Die scharf angreifende , geistige Art ihres Mannes war das Lebendige , das sie immer noch mit ihm verband , - nachdem er sie in eine gefährliche Spannung gebracht hatte . Lange , nachdem sie Frau geworden , hatte sie nicht verstanden , woher ihr gegen den Mann , den sie frei gewählt hatte , wie er sie , oftmals dieses grollende Gefühl kam , dieser sprungbereite Haß , der sich in tausend kleinen Szenen entlud , - da es zur großen Aussprache zwischen ihnen niemals kam , - der hundert eingebildete und konstruierte Vorwände heftiger Entladungen erfand , - - bis der wahre Grund ihrer geheimen Feindschaft , ihrem bohrenden Spähen , ihrer wachgehetzten Weibheit klargeworden war : die Versprechungen ihres Körpers schienen für diesen Mann erfüllt . Bald wußte sie auch , daß nicht sie seine große Leidenschaft war . Er war Forscher . Seine Untersuchungen füllten ihn mit unteilbarem Interesse . War er in seinen Experimenten vergraben , so schien ihm sein Haus , sein Vermögen , seine Frau , ja selbst sein Leben gering . Die gefährlichsten bakteriologischen Untersuchungen beschäftigten ihn fortgesetzt . Edda hatte ein Grauen vor seiner Tierstation . Aber hier war die Grenze ihrer Macht . Seine drängende Werbung war ihr eine Verheißung gewesen . Wo blieb die Erfüllung ? Während am Anfang ihrer Ehe etwas , wie eine frohe Erwartung , sie morgens aufgetrieben hatte , nahm ihre Trägheit , die ihre Tage tötete , jetzt mehr und mehr zu . Sie war müde , apathisch , nur » aufgepulvert « in den Stunden im Caféhaus oder in abendlicher Geselligkeit . Die » Klappe im Gehirn « öffnete sich manchmal , aber diesem Geschehen auf die Spur zu kommen , die Mechanik dieser Tätigkeit beherrschen zu lernen , versuchte sie nicht . Immer seltener auch nahm sie sich die Mühe , ihre Ausgaben zu berechnen . Sie nahm sein Geld mit vollen Händen , sie forderte immer mehr , und er erfüllte fast demütig jeden ihrer Wünsche . Diamants erwarteten heute abend Verwandte zu Besuch . Als erste kam die gewohnte Begleitung Eddas . Kathi war offenbar schlecht gelaunt . Mürrisch warf sie den breiten , geflügelten Hut aufs Klavier , die Handschuhe dazu . » Warum hast du denn nicht draußen abgelegt , Kathi ? « fragte Edda . Sie hatte einen kleinen Sprachfehler , stieß , ein ganz klein wenig , bei den S-Lauten , mit der Zunge an die etwas zugespitzten , kurzen Vorderzähne , deren Goldplomben zwischen den Lippen glänzten ; aber ihre Sprache bekam dadurch etwas von jener » Wiener Gemütlichkeit « , deren Dialekt auch den pompös entfremdenden Eindruck ihrer Erscheinung aufhob . » Erst wann ich den Mund aufmach ' , trauen sich die Leut ' an mich heran « , pflegte sie zu sagen . Das große , überschlanke , dunkle Mädchen stand mißmutig in der Tür , zwischen Salon und Speisezimmer und betrachtete den gedeckten Tisch . Ihr von schwarzem Kraushaar umrahmtes , beinahe braunes Gesicht , hob sich in scharfem Kontrast aus dem Schneeweiß des steifleinen Herrenkragens , der die dunkelblaue seidene Hemdbluse abschloß . Unter dem knappen , fußfreien und festgegürteten blauen Tuchrock zeichnete sich die schmale Linie der Hüften nach Knabenart . » Natürlich , - das echte Damastene , - Silber aus der großen Kassette , - die Teller vom 24persönigen Service , - wann dir einer zerhaut wird , was dann ? « » Geht dich einen Schmarrn an , liebe Kathi , - einen - großen - Schmarrn . « » Edl ! « Sie warf sich ihr an den Hals , versteckte ihr Gesicht in der weißen Seide , der der Duft javanischen Puders , eines fremdartigen Parfüms , und der gepflegten Haut entströmte . Diese Duftwelle kam wie eine täuschende Beruhigung über das Mädchen . » Edl , sei nicht bös ! Aber mir is so - so , - « » Das weiß ich . « Kathi warf sich in einen breiten , englischen Klubfauteuil von rotem Leder . » Meiner Seel ' , ich weiß nimmer , was ich anfangen soll . Aus der Haut fahren möcht ich , wann ich wüßt ' , daß ich an andere find ' , die mir gut paßt . « » Ist es das Bureau ? « » Keine Idee , - ich vergiß wenigstens die paar Stunden auf mich . « » Und der Lohninger ? « Kathi verzog das Gesicht . » Vom Heiraten redet er nix . « » Dann schlag dir ihn aus ' n Kopf ! « » Ja aber - an wen soll man eigentlich denken ? « » Schau , Kathi , nimm dich zusamm ' ! Denk überhaupt nicht immer daran , daß dir ein Mann fehlt . « » Du hast leicht reden . « Ein spöttisches Lächeln zuckte , in schneller Heimlichkeit , in den Mundwinkeln Eddas auf und verschwand sofort . » Schau die Olga an « , sagte sie . » Ja , - hast es denn schriftlich , was in der steckt ? Glaubst , - damit , daß sie in Versammlungen Reden schwingt , - ist die erledigt ? « » Nein , - die ist überhaupt nicht so leicht erledigt ; schwerer als du und ich . « » Sie soll schon mal verlobt gewesen sein , mit einem Leutnant , dort in Schlesien . « » Ich hab ' was läuten hören . « » Der alte Diamant wird überschätzt . Wahrscheinlich hat der Herr Leutnant mehr erwartet , und wie es zum Rechnen kommen is , wird er zum Rückzug geblasen haben . « Edda zuckte die Achseln . » Nichts Gewisses weiß man nicht ; d.h. ich weiß nichts und der Gustav auch nicht . Meine Schwägerin Geneviève , - die wird ' s wissen . « » Komisch , daß die sich angefreundet haben , diese zwei Mädchen aus der Fremde . « » Die Geneviève - die Eva - ist prachtvoll , - du kannst sagen , was du willst . « » Ich sag ' ja nix . Ich weiß eh , daß sie viel zu schad ist für deinen Herrn Bruder . « » Aber mich interessiert die Olga doch viel mehr . « » Geht sie richtig fort von Wien ? « » Ich denke sicher . Der Stanislaus nimmt sie mit nach Berlin . Ich glaube sogar , sie werden heute das letztemal hier sein . « » Also darum das gute Silber usw. usw. « » Und das ärgert dich ? « » No Gott , ärgern . Ich find ' , du machst mit denen zu viel Geschichten . « » Hat dir der Vortrag vom Stan nicht gefallen ? « » O ja , - das schon . « Nachdenklich rekapitulierte sie : Probleme der Moderne , - » stellenweis war mir ' s zu hoch . Weißt , es ist ein Wunder , - so a Jüngl aus Polen ! « Edda lehnte sich im Schaukelstuhl zurück und streckte die Beine auf ein maurisch geformtes Taburett . » Ihr Juden seid ' s unverbesserlich . « Kathi dehnte den mageren , langgliedrigen Leib , stand auf und ging der Wand zu , an der eine Tapetentür zu sehen war . » Er arbeitet noch ? « Edda verneinte . » Zieht er sich an ? « » Kannst hineingehen ; er ist schon fertig . « Kathi klopfte kurz und leise , drückte die Türschnalle vorsichtig nieder und ging mit elastischen Katzentritten in die halbdunkle Studierstube ihres Cousins , des Professors . Edda streckte sich noch bequemer aus . Drinnen hörte sie die Stimme ihres Mannes und Kathis , deren Kopf gleich wieder in der Tapetentür erschien . » Wo ist die herbstlaubfarbene Krawatte ? « » Die liegt in seinem Kasten , links unter den Handschuhen . « Es klingelte . Edda stand auf . Die Portiere , die vom Korridor zum Speisezimmer führte , wurde zurückgeschoben , und die erwarteten Gäste traten unangemeldet ein . Man begrüßte einander verwandtschaftlich . Edda drehte alle elektrischen Flammen auf . Die Geschwister sahen einander , flüchtig betrachtet , wenig ähnlich . Stanislaus in seinem festverknöpften , vielgetragenen , schon etwas glänzenden Rock von dunkelgestreiftem , dünnen Tuch , mit schlechter , vorgebeugter Haltung , breitem , gewölbten Rücken , wirkte engbrüstig . Die Beine schienen zu schwach für den massigen Rumpf . Der große Kopf hing der Brust zu , die kurzsichtigen Augen , von unausgesprochener Farbe , blickten manchmal , besonders wenn er den Kopf neigte , über den schwarzgeränderten Zwicker weg , was ihm den Ausdruck einer interessiert aufhorchenden Eule verlieh . In mächtiger Biegung beherrschte die Stirn das Gesicht . Sehr dichtes , blauschwarzes , an den Spitzen geringeltes Haar bedeckte den Schädel , fiel in einzelnen , gebogenen Büscheln über die Schläfen und ziemlich lang hinter den Ohren herab , die es zum Teil wohltätig verdeckte . Wandte er den Kopf , so kamen sie , in ihrer fledermausartigen Zackung , zum Vorschein . Gestreckt und schmal dehnte sich die Nase zum Mund nieder , der , zusammengepreßt , eine dünne , gerade Linie zog . Der schwarze Schnurrbart hing schlaff , in langen , nur wenig aufgebogenen Enden , über die Mundwinkel . Dieser Kopf saß auf einem zu kurzen Hals , der in einem Umlegekragen steckte , den ein Mäschchen , kaum groß genug , den Kragenknopf zu decken , abschloß . Diese Erscheinung hatte in Frau Edda bei der ersten Bekanntschaft den Trieb erweckt , physisch zurückzuweichen . Aber ein Gefühl , das mehr als gewöhnliche Neugier war , - der Hunger ihrer gierigen Intelligenz , - trieb sie mit starkem Interesse diesen Verwandten ihres Mannes zu . Olga kannte sie seit Beginn ihrer Ehe . Gerade damals war die nun Sechsundzwanzigjährige zu dauerndem Aufenthalt nach Wien gekommen . Kathis Eltern , ihre nächsten Verwandten , hatten ihr ein Heim angeboten . Aber der alte Diamant , der seine Tochter fortgeschickt hatte , während sein Sohn ihn gegen seinen Willen verließ , sorgte so weit für sie , daß sie vor allem ihrem Bedürfnis nach Unabhängigkeit folgen konnte . Sie besuchte die Universität als Hospitantin , hörte nationalökonomische und philosophische Kollegien mit Regelmäßigkeit . An den Veranstaltungen der Frauenbewegung nahm sie ständig teil . Bald trat sie aus der Rolle der Zuhörerin heraus , griff in die Diskussion ein und lenkte die Debatte zumeist in ein Fahrwasser , das den Strebungen der Wiener Frauenbewegung , die sich auf politische und wirtschaftliche Erweiterungen des weiblichen Wirkungskreises beschränken , unwillkommen war . Sie bekämpfte die Tendenzen , die einer Isolierung der Geschlechter zuzuführen schienen und sah im Kampf um Brotberufe wohl eine notwendige Etappe , aber nicht die letzten Ziele der Bewegung . Eine eigentliche berufliche Betätigung vermochte sie in Wien , trotz verschiedener Versuche , nicht zu finden . Auf dem gedrungenen , mittelgroßen Körper des Mädchens saß ein Kopf mit langem Gesichtsoval , herben , fast eckigen Zügen und einer stark gebogenen , vorspringenden Nase . Ein rostroter Haarbusch überflammte die ganze Erscheinung . Die Augen waren blank und schwarz , mit länglichen Pupillen und schienen von den dünnen , rötlichen Brauen , wie mit eilig schrägem Zug , skizzenhaft überstrichen . Der Teint war etwas sommersprossig . Der Mund zeigte dieselbe dünne , gerade Linie , wie bei Stanislaus . Hier glichen sich die Geschwister . Und als sie mit Edda lächelnd plauderten , kam mit diesem Lächeln , das die blanken Zahnreihen freilegte , die Gesichter belichtete , ihre Ähnlichkeit zutage . Olga trug ein dunkelbraunes Kleid von billigem Wollstoff . Der Rock bedeckte die Bluse nicht fest genug , so daß das auf die Bluse genähte Taillenband bei manchen Bewegungen zum Vorschein kam . Es war ihr alter Schmerz , daß sie es durchaus nicht vermochte , ihrer Figur jene glatten Flächen zu geben , auf welchen die Frauenkleider unverrückbar drapiert erscheinen . Aber sie verschmähte jede Schnürung und konnte sich darum mit der auf diese Schnürung berechneten Kleidung nicht zurechtfinden . Durch das große , englisch möblierte Speisezimmer , dessen Wände ausschließlich von Aquarellen bedeckt waren , ging Frau Edda , im Elfenbeinschein ihres weißseidenen , schleppenden Kleides , mit ihren funkelnden Händen , die sich blütenzart in dem bis zum Ellbogen entblößten Arm fortsetzten , hoch und licht , zwischen den beiden Geschwistern , dem Salon zu . Olga und Stanislaus erzählten von ihrem Besuche in der Heimat . Einmal im Jahre wünschte der Vater die Tochter zu sehen und duldete es , daß Stanislaus mitkam . » Es ist immer dieselbe alte , traurige und beklemmende Geschichte « , sagte Stanislaus und senkte den Kopf . Er sprach ein reines , scharf vokalisiertes Deutsch . Olga warf trotzig die Lippen hoch , und die Falte zwischen ihren Augenbrauen vertiefte sich . » Er sollte stolz sein auf euch « , sagte Edda . Olga machte ein finsteres Gesicht . » Ein Mädel , das sich nicht verheiratet , immer nur Geld braucht , sich mit lauter Dingen befaßt , die nichts einbringen « , - sie lachte rauh . Dennoch gab der Alte dieser Tochter den Lebensunterhalt . Mit ihrem einundzwanzigsten Jahr war eine Versicherungspolice für sie fällig geworden . Die Zinsen dieses Vermögens gab er ihr , und sie reichten aus , unter Verhältnissen bescheidenster Art auf einer möblierten Stube zu leben . Zu seinem Sohne Stanislaus aber hatte er gesagt : » Für dich hab ' ich das Geschäft geführt . Etwas Fertiges haben - hast du sollen ! Weggerannt bist du , - ä Tagedieb geworden ! - - Das Geschäft laßt du mir alten Mann am Hals , - zugrunde gehen wird ' s und soll ' s. Verdien ' dir dein Brot , wie du willst , - du bist ä Mann , - dir geb ' ich ka Kreuzer . « Im Osten von Österreichisch-Schlesien , unweit der preußischen und russischen Grenze waren die beiden zuhause . Dort stand auf dem großen , gepflasterten Ringplatz das alte , schmutziggraue Haus ihres Vaters , mit einer Wohnung von großen , dunklen Zimmern im Stockwerk und einem Kolonialwarengeschäft im Erdgeschoß . Dieser Laden war aber nur ein Teil des Geschäftes des alten Moses Diamant . Er lieferte Lebensmittel aller Art waggonweise nach Deutschland . Das Geschäft war , wie er behauptete , - » ä Goldgrub ' « . Nur eine junge , tüchtige Kraft fehlte . Ein Schwiegersohn , der » nicht ä Paar Hosen « hätte , wäre dem alten Händler willkommen gewesen , aber , statt dessen - - ä Geschicht ' mit ä Leutnant . Auch gut - - bis - ja bis - ! - - Und der Sohn ? Der Sohn - ausgerechnet - studieren hat er wollen . Der Alte widersetzte sich , zwang den Jungen ins Geschäft . Lange Jahre hatte er ausgehalten . Hatte abgewogen , was jeder begehrte , die Bücher geführt , Geschäfte abgeschlossen . Aber punkt sechs Uhr hatte er abends Schluß gemacht , zum größten Verdruß des Vaters , hatte sich eingesperrt in sein Zimmer und seine Bücher vorgeholt . Eines Tages war er fort , und aus Berlin kam ein Brief , daß er nach langen Gewissenskämpfen dableiben wollte . Er verstand die Wünsche des Vaters , er begriff den angstvollen Trieb des alten Mannes , den Kindern das Stück Boden , das er mit seiner Lebensarbeit errafft hatte , zu hinterlassen . Er aber , Stanislaus , er zog aus diesem Boden nicht das , was er brauchte . Berlin hatte ihn hart angefaßt , - fast so hart , wie der Alte zuhause . Aber was er da ausgrub , das war Nahrung für ihn gewesen , und er wußte , daß er in diesem Boden nicht einsinken würde . Der Vater , der ein begreifender Kopf war , ergab sich . Aber er half dem Sohne nicht . » Wenn ' s dir zuviel wird , - wenn du nicht weiter kannst , - komm zurück , nach Haus . Du bist hier immer zuhause , merk ' dir das , - immer kannst du kommen . « Aber der Sohn kam nicht , nur einmal im Jahre , als Besuch . Bitterkeit gegen die verschlossene Hand des Vaters und Mitleid mit seinem vereinsamten Alter , - die Mutter war seit langem tot , - ballten sich ihm zu schweren Lasten , so oft er » zuhause « war . Wochenlang konnte er dann über dem Bild der entfremdeten Heimat keine Ruhe finden . Er schilderte Edda diese Stimmung , die sie , Olga und ihn , diesmal , wie immer , da oben erwartet hatte . Und während er sprach , empfand er die geheime Erleichterung des Entronnenen . Das üppige , vornehme Zimmer , der milde Glanz des elektrischen Lichtes , die vertraut verwandtschaftliche Nähe dieser schönen , fremdrassigen , liebenswürdigen Frau , die eine absichtsvolle Neigung mit seinesgleichen verbündet hatte , das alles glitt beruhigend in