Keyserling , Eduard von Wellen www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Eduard von Keyserling Wellen Erstes Kapitel Die Generalin von Palikow und Fräulein Malwine Bork , ihre langjährige Gesellschafterin und Freundin , kamen in das Wohnzimmer . Sie wollten sich ein wenig erholen . Die Generalin setzte sich auf das Sofa , das frisch mit einem blanken , schwarz und roten Kattun bezogen war . Sie war sehr erhitzt und löste die Haubenbänder unterm Kinn . Das lila Sommerkleid knisterte leicht , die weißen Haarkuchen an den Schläfen waren verschoben und sie atmete stark . Sie schwieg eine Weile und schaute mit den ein wenig hervorstehenden grellblauen Augen kritisch im Zimmer umher . Das Zimmer war weiß getüncht , wenig schwere Möbel standen an den Wänden umher und über die Bretter des Fußbodens war Sand gestreut , der in der Abendsonne glitzerte . Es roch hier nach Kalk und Seemoos . » Hart , « sagte die Generalin und legte ihre Hand auf das Sofa . Fräulein Bork neigte den Kopf mit dem leicht ergrauten Haar auf die linke Schulter , blickte schief durch die Gläser ihres Kneifers auf die Generalin , und das bräunliche Gesicht , das aussah wie das Gesicht eines klugen älteren Herrn , lächelte ein nachdenkliches , verzeihendes Lächeln . » Das Sofa , « sagte sie , » natürlich , aber man kann es nicht anders verlangen . Für die Verhältnisse ist es doch sehr gut . « » Liebe Malwine , « meinte die Generalin , » Sie haben die Angewohnheit , alles gegen mich zu verteidigen . Ich greife das Sofa gar nicht an , ich sage nur , es ist hart , das wird man doch noch dürfen . « Fräulein Bork erwiderte darauf nichts , sie lächelte ihr verzeihendes Lächeln und schaute schief durch ihren Kneifer jetzt zum Fenster hinaus auf den kleinen Garten , der davor lag . Salat und Kohl wuchsen dort recht kümmerlich , Sonnenblumen standen da mit großen schwarzen Herzen und über alledem lag ein leichter blonder Staubschleier . Dahinter der Strand grell orange in der Abendsonne , endlich das Meer undeutlich von all dem unruhigen Glanze , der auf ihm schwamm , von den zwei regelmäßigen weißen Strichen der Brandungswellen umsäumt . Und ein Rauschen kam herüber eintönig , wie von einem schläfrigen Taktstock geleitet . Die Generalin hatte den Bullenkrug für den Sommer gemietet , um hier an der See ihre Familie um sich zu versammeln . Vor drei Tagen war sie mit Fräulein Bork , Frau Klinke , der Mamsell , und Ernestine , dem kleinen Dienstmädchen , hier angelangt , um alles einzurichten . Es erforderte Arbeit und Nachdenken genug , für alle diese Menschen Platz zu schaffen und nicht nur Platz , » denn , « pflegte die Generalin zu sagen , » ich kenne meine Kinder , bei allem , was ich gebe , sind sie kritisch wie ein Theaterpublikum « . Heute nun war die Tochter der Generalin , die Baronin von Buttlär , mit , den Kindern , den beiden eben erwachsenen Mädchen Lolo und Nini und dem fünfzehnjährigen Wedig , angelangt . Der Baron Buttlär sollte nachkommen , sobald die Heuernte beendet war , und Lolos Bräutigam Hilmar von dem Hamm , Leutnant bei den Braunschweiger Husaren , wurde auch erwartet . » Werden sie auch heute abend alle satt werden ? « begann die Generalin wieder . » Die Reise macht hungrig . « » Ich denke , « erwiderte Fräulein Bork , » da sind die Fische , die Kartoffeln , die Erdbeeren , und Wedig hat sein Beefsteak . « » So , so , « meinte die Generalin , » übrigens der Junge wird es im Leben nicht leicht haben , wenn er immer sein Beefsteak haben muß . « Fräulein Bork zuckte mit den Achseln und sagte entschuldigend : » Er ist so zart . « Aber das ärgerte die Generalin : » Gewiß , ich gönne ihm sein Beefsteak , Sie brauchen ihn nicht zu verteidigen . Nur finde ich , liebe Malwine , daß Sie keinen rechten Sinn haben für das , was man allgemeine Bemerkungen nennt . « Dann schwiegen die beiden Damen wieder . Draußen von der Holzveranda tönte Lärm herüber , Tellergeklapper und hohe Stimmen . Ernestine deckte dort den Tisch für das Abendessen und stritt dabei mit Wedig . Auch Lolo und Nini waren erschienen , sie lehnten an der Holzbrüstung der Veranda schmal und schlank in ihren blauen Sommerkleidern . Der Seewind fuhr ihnen in das leichte rote Haar und ließ es hübsch um die Gesichter mit den fast krankhaft feinen Zügen flattern . Die Mädchen zogen ein wenig die Augenbrauen zusammen und schauten mit den blanken braunroten Augen unverwandt auf das Meer und öffneten die Lippen , als wollten sie lächeln , aber das große bewegte Leuchten vor ihnen machte sie schwindelig . Auch Wedig hatte sich nun zu ihnen gesellt und schaute auch schweigend hinaus . Das kränkliche Knabengesicht verzog sich , als täte all dieses Licht ihm weh . » So , « sagte die Generalin drinnen zu Fräulein Bork , » das war ein angenehmer stiller Augenblick . Ich höre , meine Tochter kommt die Treppe herunter , nun kann es wieder losgehen . « Frau von Buttlär hatte ein wenig geschlafen , trug ihren Morgenrock und hüllte sich fröstelnd in ein wollenes Tuch . Sie mochte früher das hübsche überzarte Gesicht ihrer Töchter gehabt haben , jetzt waren die Wangen eingefallen und die Haut leicht vergilbt . Aufgebraucht von Mutterschaft und Hausfrauentum war sie sich ihres Rechtes bewußt , kränklich zu sein und nicht mehr viel auf ihr Äußeres zu geben . Man setzte sich auf der Veranda zur Abendmahlzeit nieder an den Tisch , über den das rote Abendlicht hinflutete und der Seewind an dem Tischtuch und den Servietten zerrte . Das machte die Gesellschaft schweigsam , so das Meer vor sich , war es , als sei man nicht allein , nicht unter sich . » Ich habe mir das Meer größer gedacht « , erklärte Wedig endlich . » Natürlich , mein Sohn « , meinte die Generalin . » Du willst wohl für dich ein Extrameer . « Frau von Buttlär lächelte gerührt und sagte leise : » Er hat so viel Phantasie . « Fräulein Bork sah Wedig schief durch ihren Kneifer an und meinte : » An die Phantasie des Kindes reicht selbst das Weltmeer nicht hinan . « Nun begann Frau von Buttlär mit ihrer Mutter ein Gespräch über Repenow , ihr Gut , über Dinge , die sie anzuordnen vergessen hatte , von Gemüsen , die eingemacht werden sollten , und Dienstboten , die unzuverlässig waren , lauter Sachen , die seltsam fremd und unpassend in das Rauschen des Meeres hineinklangen , dachte Lolo . Aber unten am Tisch war ein Streit entstanden zwischen Wedig und Ernestine . » Ernestine , « sagte Fräulein Bork streng , » wie oft habe ich es dir nicht gesagt , du darfst beim Servieren nicht sprechen . Oh ! Cet enfant ! « setzte sie hinzu und seufzte . Die Generalin lachte . » Ja , unsere Bork hat es mit Ernestines Erziehung schwer , denkt euch , heute mittag entschließt sich das Mädchen zu baden . Sie geht ins Meer nackt wie ein Finger , am hellen Mittag . « - » Aber Mama ! « flüsterte Frau von Buttlär , die Mädchen beugten sich auf ihre Teller nieder , während Wedig nachdenklich Ernestine nachschaute , die kichernd verschwand . Das Abendlicht legte sich jetzt plötzlich ganz grellrot und unwahrscheinlich über den Tisch und Fräulein Bork schrie auf : » Seht doch ! « Alle fuhren mit den Köpfen herum . An dem blaßblauen Himmel standen riesige kupferrote Wolken und auf dem dunkelwerdenden Meer schwamm es wie große Stücke rotglänzenden Metalls , während die am Ufer zergehenden Wellen den Sand wie mit rosa Musselintüchern überdeckten . Wedig blinzelte mit den roten Wimpern und verzog wieder sein Gesicht , als schmerzte es ihn . » Das ist allerdings rot « , meinte er . Die Generalin jedoch war unzufrieden : » Sie haben mich erschreckt , Malwine , Sie haben eine Art , auf Naturschönheiten aufmerksam zu machen , daß man jedesmal zusammenfährt und glaubt , eine Wespe sitze einem irgendwo im Gesicht . « Die Mahlzeit war zu Ende , die Mädchen und Wedig stellten sich an die Verandabrüstung , um auf das Meer zu starren . Frau von Buttlär hüllte sich fester in ihr Tuch und sprach mit leiser , besorgter Stimme von ihren häuslichen Angelegenheiten . Die gewaltsamen Farben am Himmel erloschen jäh . Die farblose Durchsichtigkeit der Sommerdämmerung legte sich über das Land , und das Meer , jetzt lichtlos , schien plötzlich unendlich groß und fremd . Auch das Rauschen war nicht mehr so geordnet eintönig und taktmäßig ; es war , als ließen sich die einzelnen Wellenstimmen unterscheiden , wie sie einander riefen und sich in das Wort fielen . Klein und dunkel hockten die Fischerhäuser auf den fahlen Dünen , hie und da erwachte in ihnen ein gelbes Lichtpünktchen , das kurzsichtig in die aufsteigende Nacht hineinblinzelte . Auf der Veranda war es still geworden . Das seltsame Gefühl , ganz winzig inmitten einer Unendlichkeit zu stehen , gab einem jeden für einen Augenblick einen leichten Schwindel und ließ ihn stillehalten , wie Menschen , die zu fallen fürchten . » Wer wohnt denn dort ? « begann Frau von Buttlär endlich und wies auf eines der Lichtpünktchen am Strande . » Das dort , « erwiderte die Generalin , » das ist das Haus des Strandwächters . Eine verwachsene Exzellenz hat sich bei ihm eingemietet . Du kennst ihn auch , den Geheimrat Knospelius , er ist bei der Reichsbank etwas , er unterschreibt , glaube ich , das Papiergeld . « Ja , Frau von Buttlär erinnerte sich seiner : » So ein Kleiner mit einem Buckel . Recht unheimlich . « » Aber so interessant « , meinte Fräulein Bork . » Und die anderen Häuser ? « fragte Frau von Buttlär weiter . » Das sind Fischerhäuser « , erklärte Fräulein Bork , » das größte dort ist das Anwesen des Fischers Wardein und dort , ja , dort wohnt sie doch . « » Sie ? « fragte Frau von Buttlär , beunruhigt davon , daß Fräulein Bork ihre Stimme so geheimnisvoll dämpfte . » Nun ja « , flüsterte Fräulein Bork , » sie , die Gräfin Doralice , Doralice Köhne-Jasky , die wohnt dort mit - nun ja , sagen wir mit ihrem Manne . « Frau von Buttlär verstand noch nicht ganz . - » Doralice Köhne , die Frau des Gesandten , das ist doch die , die mit dem Maler - die wohnt hier , das ist ja aber schrecklich , man kennt sich doch . « Doch die Generalin ärgerte sich : » Was ist dabei Schreckliches , man hat sich gekannt , man kennt sich nicht mehr . Der Strand ist breit genug , um aneinander vorüberzugehen , eine fremde Frau Grill , nichts weiter . Ihr Maler heißt ja wohl Hans Grill . « » Sind sie wenigstens verheiratet ? « klagte Frau von Buttlär . » Ja , sie sagen , ich weiß es nicht « , meinte die Generalin , » das ist auch gleich . Sie wird das Meer nicht unrein machen , wenn sie darin badet . Es ist kein Grund , liebe Bella , ein Gesicht zu machen , als seiest du und deine Kinder nun verloren . « » Und er ist ein ganz gewöhnlicher Mensch « , jammerte Frau von Buttlär weiter . » Ja , « sagte Fräulein Bork , sie sprach noch immer leise , aber ihre Stimme nahm einen zärtlichen , feierlichen Klang an , als rezitiere sie ein Gedicht , » es ist traurig und doch wieder in seiner Art schön , wie der alte Graf das Talent des armen Schulmeistersohnes entdeckt , er ihn ausbilden läßt , wie er ihn auf das Schloß beruft , damit er die junge Gräfin malt , ja und dort - müssen sie sich eben lieben , was können sie dafür . Aber sie wollen nicht die Heimlichkeit und den Betrug . Sie treten zusammen vor den alten Grafen hin und sagen : Wir lieben uns , wir können nicht anders , gib uns frei , und er , der edle Greis - - « » Der alte Narr « , unterbrach sie die Generalin . » Wer sagt Ihnen denn , daß es so gewesen ist , wer ist denn dabei gewesen ? Wahrscheinlich sind nicht die beiden zu dem Alten gekommen , sondern der Alte ist zu den beiden hereingekommen , das sieht denn anders aus . Köhne war immer ein Narr . Wenn man dreißig Jahre älter als seine Frau ist , läßt man seine Frau nicht malen und spielt man nicht den Kunstfreund . Und diese Doralice , ich habe ihre Mutter gekannt , eine dumme Gans , die nichts zu tun hatte im Leben , als Migräne zu haben und zu sagen : Meine Doralice ist so eigentümlich ! Ja , eigentümlich ist sie geworden , gleichviel , da ist nichts , um die Augen gen Himmel zu schlagen und zu sagen : Wie schön ! Lassen Sie die Grill Grill sein , liebe Malwine , wenn Sie sie mit Ihren Phantasien zur Heldin des Strandes machen , verdrehen Sie den Kindern den Kopf . Ernestine läuft ohnehin alle Augenblicke zum Strande hinunter , um die fortgelaufene Gräfin zu sehen , das verbitte ich mir . Seien Sie so gut und halten Sie mit Ihrer Poesie an sich . « » Schrecklich , schrecklich « , seufzte Frau von Buttlär . Fräulein Bork aber schien das Schelten der Generalin nicht zu hören , verträumt schaute sie in die Dämmerung hinein , sah , wie die Dämmerung sich sacht aufhellte , der Mond war aufgegangen , Silber mischte sich in das Dunkel der Wellen und der Strand lag hell beleuchtet da . » Da sind sie ! « schrie Fräulein Bork auf . Erschrocken fuhren alle herum . Am Rande der Düne zeichneten sich gegen den hellen Himmel deutlich die Figuren eines großen Mannes und einer Frau ganz nahe beieinander ab . » Dort stehen sie jeden Abend « , flüsterte Fräulein Bork geheimnisvoll . Frau von Buttlär starrte angstvoll zu dem Paare auf der Düne hinüber , dann rief sie erregt : » Kinder , ihr seid noch da , warum geht ihr nicht schlafen ? Ihr seid müde , nein , nein , geht , gute Nacht « , und beruhigte sich erst , als die Kinder fort waren . Da sah sie sich noch einmal das Paar an da drüben , das jetzt eng aneinander geschmiegt den Strand entlang ging , seufzte tief und sagte kummervoll : » Das ist allerdings unerwartet , unerwartet fatal . Wenn ich mich auf etwas freue , kommt immer so etwas dazwischen . Schon der Kinder wegen ist es mir unangenehm . « » Ich weiß , ich weiß « , meinte die Generalin . » Du mußt immer etwas haben , das dich quält , sonst ist dir nicht wohl . Schon als kleines Mädchen , wenn alles sich auf einen Spaziergang freute , sagtest du : was hilft es , es werden doch Steinchen in die Schuhe kommen . Unsere Mädchen ! Die haben genug Disziplin im Leibe . Sag ' ihnen , da ist eine Frau Grill , die nicht gekannt wird , und ich sehe es , wie Lolo und Nini die Lippen zusammenkneifen und gerade vor sich hinsehen , wenn sie an Madame Grill vorübergehen . « » Ja und dann « , begann Frau von Buttlär wieder leise , » offen gestanden , es ist auch wegen Rolf . Die Person ist sehr hübsch , solche Personen sind immer hübsch und Rolf , du weißt - . « Die Generalin schlug mit der flachen Hand auf den Tisch : » Natürlich , das mußte kommen , du bist jetzt schon auf Madame Grill eifersüchtig . Aber liebe Bella , so ist dein Mann denn doch nicht . Na ja , immer die eine alte Geschichte mit der Gouvernante , die könntest du auch vergessen . Ab und zu mal im Frühjahr regt sich in ihm noch der Kürassieroffizier , das ist eine Art Heuschnupfen . Aber ihr Frauen bringt durch eure Eifersucht die Männer erst auf unnütze Gedanken . Nein , liebe Bella , wozu ist man , was man ist , wozu hat man seine gesellschaftliche Stellung und seinen alten Namen , wenn man sich vor jeder fortgelaufenen kleinen Frau fürchten sollte . Du bist die Freifrau von Buttlär , nicht wahr , und ich bin die Generalin von Palikow , nun also , das heißt , wir beide sind zwei Festungen , zu denen Leute , die nicht zu uns gehören , keinen Zutritt haben ; so , nun wollen wir ruhig schlafen gehen , als gäbe es keine Madame Grill . Wir dekretieren einfach , es gibt keine Madame Grill . « Alle erhoben sich , um in das Haus zu gehen . Fräulein Bork warf noch einen Blick zum Meer hinab und sagte in ihrem mitleidig singenden Ton : » Die Gräfin Doralice war einst auch einmal solch eine arme kleine Festung . « Die Generalin wandte sich in der Tür um : » Bitte , Malwine , meine Vergleiche nicht mit Ihrer Poesie zu umspinnen , dazu mache ich sie nicht . Und dann noch eines , ich bitte , ferner Madame Grill nicht zum Gegenstand Ihres Verteidigungstalentes zu machen , Madame Grill wird nicht verteidigt . « Oben in der Giebelstube , Lolos und Ninis Schlafzimmer , standen die beiden Mädchen noch am Fenster und schauten hinaus . Das mondbeglänzte Meer , das Rauschen und Wehen da draußen ließ ihnen keine Ruhe , es erregte sie fast schmerzhaft , und das Paar , das dort unten an den blanken Säulen der brechenden Wellen hinschritt , gehörte mit zu dem Erregenden und Geheimnisvollen da draußen , das den beiden Mädchen ein seltsames Fieber in das Blut legte . Unten auf der Bank vor der Küche saß Frau Klinke und kühlte im Seewinde ihre heißen Köchinnenhände . Vor ihr stand Ernestine , wies zum Strande hinunter und sagte : » Nee , Frau Klinke , daß die beiden verheiratet sind , das glaube ich nicht . « Hans Grill und Doralice gingen am Meeresufer entlang . Es ging sich gut auf dem feuchten , von den Wellen glattgestrichenen Sande . Zuweilen blieben sie stehen und schauten auf den breiten , sich sacht wiegenden Lichtweg hinab , den der Mond auf das Wasser warf . » Nichts , heute nichts « , sagte Hans und machte eine Handbewegung , als wollte er das Meer beiseite schieben . » Es ziert sich heute , es macht sich klein und süß , um zu gefallen . « » So laß es doch « , bat Doralice . - » Ja , ja , ich lasse es ja « , erwiderte Hans ungeduldig . Als sie weiter schritten , hing Doralice sich ganz fest in Hansens Arm . Sie konnte sich ja gehen lassen , dieser Arm war stark und sie dachte flüchtig an einen anderen zerbrechlichen und zeremoniösen Arm , der ihr feierlich gereicht worden war und auf den sich zu stützen sie nie gewagt hatte . » Du bist müde ? « fragte Hans . » Ja , « erwiderte sie nachdenklich , » diese langen hellen Tage , glaube ich , machen müde . « » Viel haben wir an diesen langen hellen Tagen nicht getan « , bemerkte Hans . » Getan , « fuhr Doralice fort , » nichts . Im Sande gelegen und auf das Meer gesehen . Aber gleichviel , ich konnte doch alles mögliche tun , Dinge , die ich sonst nie getan , unerhörte Dinge , nichts hindert mich . Auf der Reise war das anders , da tut man die Dinge , die im Reisebuch vorgeschrieben sind , aber hier muß das Neue kommen und das macht vielleicht müde . « » Gewiß , gewiß , « begann Hans in seiner eifrigen Art , » Möglichkeiten , natürlich Möglichkeiten , das ist es , was der freie Mensch hat , es ist gleich , ob er etwas tut , aber nichts zwingt ihn , nichts schiebt ihn ; nichts bindet ihn , was er tut und nicht tut , tut er auf eigene Verantwortung , und das kann müde machen , o ja , das kann müde machen « , und Hans lachte ein lautes Ha ! Ha ! auf das Meer hinaus , » freie Menschen , freie Liebe , denn das ist ja gleich , ob ein alter Engländer in London uns durch die Nase etwas gesagt hat , was wir nicht verstanden haben , das bindet nicht . Also freie Menschen , freie Liebe , freie - « Er hielt plötzlich inne und fragte : » Warum lachst du ? « Doralice hatte ihren Kopf zurückgebogen , um zu Hans hinaufzusehen , und sie lachte . Die schmalen , sehr roten Linien der Lippen öffneten sich ein wenig , ließen im Mondschein für einen Augenblick das Weiß der kleinen Zähne durchschimmern . So hell beschienen war das Gesicht sehr hübsch mit seinem kindlichen Oval , den graublauen Augen , in die das Mondlicht ein seltsam farbiges Schillern legte , und dem hellblonden Haar , an dem der Wind zauste . Ja , Doralice mußte immer lachen , wenn Hans seine großen Worte hersagte , jene Worte , die klangen , als hätten sie in Zeitungen oder langweiligen Büchern gestanden , aber wenn Hans sie aussprach , bekamen sie etwas Junges , etwas Lebendiges , sie klangen , als schmeckten sie ihm gut , wenn er sie so zwischen seinen gesunden weißen Zähnen hervorzischte . » O nichts , « sagte Doralice , » sprich nur weiter von deinen freien Menschen . « Allein Hans war empfindlich geworden : » Meine freien Menschen , da ist doch nichts zu lachen « , dann schwieg er . » Du hast ja ganz recht , « meinte Doralice , um ihn zu versöhnen , » vielleicht macht das müde , wenn nichts einen bindet . Bei uns auf dem Lande dort bei der Roggenernte gehen hinter den Mähern Mädchen her , welche die Ähren zu Garben binden . Das ist sehr anstrengend . Um weniger zu ermüden , binden sie sich Tücher ganz fest um die Taille . So war es vielleicht dort , und jetzt , wo mich nichts festbindet - « - » Unsinn , « unterbrach sie Hans , » ich sehe nicht ein , warum du deine Vergleiche von dort hernimmst , von dort sprechen wir doch nicht . « » Nein , von dort sprechen wir nicht « , wiederholte Doralice . Sie kamen am Strandwächterhäuschen vorüber . Durch das geöffnete Fenster scholl eine laute Männerstimme , und ihr antwortete eine Frauenstimme leidenschaftlich und scheltend . Unten am Strande stand der Geheimrat Knospelius , eine kleine , wunderlich verbogene Gestalt , er stand so nah am Wasser , daß sein unförmlicher Schatten sich in den Wellen badete . Als Hans und Doralice sich näherten , grüßte er , zog seinen Panama sehr tief ab , das graue Haar flatterte im Winde , er lächelte und das regelmäßige , bartlose Gesicht sah aus wie ein großes , bleiches Knabengesicht . » Guten Abend « , sagte Hans . Der Geheimrat lachte lautlos in sich hinein und zeigte mit einem merkwürdig langen , dünnen Finger zum Hause des Strandwächters hinauf . » Die streiten wieder « , bemerkte Hans . - » Dort ist immer reger Betrieb « , erwiderte der Geheimrat geheimnisvoll , » die arbeiten am Leben , bis ihnen die Augen zufallen . So was höre ich gern . « » Ja , hm ! « sagte Hans , » guten Abend « , und sie gingen weiter . » Was sagte er ? « fragte Doralice ängstlich . Hans zuckte die Achseln . » Verrückt wahrscheinlich . Solche kleinen Ungetüme sind gewöhnlich ein wenig verrückt . Kennst du ihn denn ? « Doralice dachte nach . » Gewiß , ich kenne ihn . Ich erinnere mich , auf einer großen Gesellschaft war es , es war spät , alle waren müde und warteten auf die Wagen . Da saß plötzlich dieser kleine Mann neben mir . Seine Füße reichten nicht an den Fußboden , sondern hingen wie bei Kindern frei vom Stuhle herunter . Er sah mir ganz frech in die Augen , wie man das sonst nicht tut , und sagte : Es fällt mir auf , Frau Gräfin , daß jetzt , wo alle schon schläfrig sind , Ihre Augen noch so wach sind ; die warten noch . Ich machte wohl ein sehr dummes Gesicht und fragte : Worauf ? Da lachte er ganz so , wie er jetzt eben lachte , und sagte : Nun darauf , daß was geschieht , daß was kommt . O , die geben nicht nach , die stehen auf ihrem Posten . - Mir war das unheimlich , ich war froh , als in dem Augenblick der Wagen gemeldet wurde . « - » Ich weiß nicht , was du noch immer an allen diesen Erinnerungen hast , erquicklich sind sie nicht « , versetzte Hans verstimmt . » Was kann ich dafür « , verteidigte sich Doralice , » ich habe doch noch keine anderen Erinnerungen , und dann , sie kriechen einem doch überall nach . Da steht der Geheimrat Knospelius plötzlich am Strande , drüben im Bullenkrug zieht die Generalin von Palikow und die Baronin Buttlär ein , auf Schritt und Tritt das alte Leben . Weißt du , was ich möchte ? Dort drüben über dem Meer müßte man eine Hängematte aufhängen können , gerade so hoch , daß die Wellen sie nicht erreichen , aber doch so , daß , wenn ich die Hand herabhängen lasse , ich den Wellen in die weißen Bärte fassen kann , und so , siehst du , könnten , glaube ich , keine Erinnerungen kommen und keine Knospelius und Palikows könnten einem begegnen . « Hans blieb nachdenklich stehen : » Du , « sagte er , » das wollen wir machen . « Er ergriff Doralice , legte sie auf seine Arme : » Lieg , « rief er , » wie ein Kind auf den Armen des Paten während der Taufe « , und nun begann er langsam in das Meer hineinzugehen . Regungslos lag Doralice da und schaute hinauf in den Himmel , der bleich von Mondenschein war . Das Wehen , das vom Meere kam , das Rauschen unter ihr , das goldene Fließen und Flimmern ringsumher , all das schien sie zu zwingen und zu schaukeln , und dann war es ihr , als fiele sie , fiele sie in einen Abgrund von Licht , das sie dennoch trug und hielt . » So , so , weiter , weiter , jetzt sind wir ganz bei ihnen , mitten unter ihnen , das dumme Land ist fort . « Doralice sprach mit einer Stimme , wie Schlafende es tun , lachte ein leises , ganz helles Lachen wie Kinder , die auf einer Schaukel sitzen . Sie ließ ihre Hand herabhängen , griff in den Schaum der Wellen , schnalzte mit den Fingern , als wollte sie kleine Hunde springen lassen . » Wie sie zu mir heraufwollen « , rief sie , » kommt , kommt , nein , das ist zu hoch . « Hans stand bis über die Knie im Wasser und lächelte , das Gesicht rot vor Anstrengung . Aber allmählich wurde er müde , es war nicht leicht , sicher im Wasser zu stehen , und langsam zog er sich an das Ufer zurück . Mit einem befriedigten : » So , das war eine Leistung « , setzte er Doralice auf den Sand zurück . Sie schwankte ein wenig auf ihren Füßen wie berauscht , sie legte die Hand auf die Augen , alles um sie her schien noch sacht zu schwanken . Sie mußte sich an Hans anlehnen . » Du siehst « , sagte sie , » ich vertrage dies dumme Land nicht mehr . « - » Das kommt noch « , meinte er , » das Land wird uns jetzt sehr gut schmecken . Eine warme Stube und Rotwein , ich bin naß und mich friert . « - » Ja , gehen wir « , sagte Doralice kleinlaut , » wir gehören ja doch nicht zu denen dort . Aber wie stark du bist , daß du mich so halten konntest . « - » Nicht wahr « , erwiderte Hans stolz , » und weißt du , wie ich dich so hielt , wenn ich denke , das war eigentlich symbolisch , mitten in den Wellen , und ich halte dich . « Aber Doralice sagte müde : » Ach nein , laß es lieber nicht symbolisch sein . « Hans schaute sie verwundert an und murmelte dann ein wenig empfindlich : » Nun dann auch nicht . « Um den Hof des Wardeinschen Anwesens standen die niedrigen strohgedeckten Häuser , der Schuppen