Rilke , Rainer Maria Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Rainer Maria Rilke Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge 11. September , rue Toullier . So , also hierher kommen die Leute , um zu leben , ich würde eher meinen , es stürbe sich hier . Ich bin ausgewesen . Ich habe gesehen : Hospitäler . Ich habe einen Menschen gesehen , welcher schwankte und umsank . Die Leute versammelten sich um ihn , das ersparte mir den Rest . Ich habe eine schwangere Frau gesehen . Sie schob sich schwer an einer hohen , warmen Mauer entlang , nach der sie manchmal tastete , wie um sich zu überzeugen , ob sie noch da sei . Ja , sie war noch da . Dahinter ? Ich suchte auf meinem Plan : Maison d ' Accouchement . Gut . Man wird sie entbinden - man kann das . Weiter , rue Saint-Jacques , ein großes Gebäude mit einer Kuppel . Der Plan gab an Val-de-grâce , Hôpital militaire . Das brauchte ich eigentlich nicht zu wissen , aber es schadet nicht . Die Gasse begann von allen Seiten zu riechen . Es roch , soviel sich unterscheiden ließ , nach Jodoform , nach dem Fett von pommes frites , nach Angst . Alle Städte riechen im Sommer . Dann habe ich ein eigentümlich starblindes Haus gesehen , es war im Plan nicht zu finden , aber über der Tür stand noch ziemlich leserlich : Asyle de nuit . Neben dem Eingang waren die Preise . Ich habe sie gelesen . Es war nicht teuer . Und sonst ? ein Kind in einem stehenden Kinderwagen : es war dick , grünlich und hatte einen deutlichen Ausschlag auf der Stirn . Er heilte offenbar ab und tat nicht weh . Das Kind schlief , der Mund war offen , atmete Jodoform , pommes frites , Angst . Das war nun mal so . Die Hauptsache war , daß man lebte . Das war die Hauptsache . Daß ich es nicht lassen kann , bei offenem Fenster zu schlafen . Elektrische Bahnen rasen läutend durch meine Stube . Automobile gehen über mich hin . Eine Tür fällt zu . Irgendwo klirrt eine Scheibe herunter , ich höre ihre großen Scherben lachen , die kleinen Splitter kichern . Dann plötzlich dumpfer , eingeschlossener Lärm von der anderen Seite , innen im Hause . Jemand steigt die Treppe . Kommt , kommt unaufhörlich . Ist da , ist lange da , geht vorbei . Und wieder die Straße . Ein Mädchen kreischt : Ah tais-toi , je ne veux plus . Die Elektrische rennt ganz erregt heran , darüber fort , fort über alles . Jemand ruft . Leute laufen , überholen sich . Ein Hund bellt . Was für eine Erleichterung : ein Hund . Gegen Morgen kräht sogar ein Hahn , und das ist Wohltun ohne Grenzen . Dann schlafe ich plötzlich ein . Das sind die Geräusche . Aber es giebt hier etwas , was furchtbarer ist : die Stille . Ich glaube , bei großen Bränden tritt manchmal so ein Augenblick äußerster Spannung ein , die Wasserstrahlen fallen ab , die Feuerwehrleute klettern nicht mehr , niemand rührt sich . Lautlos schiebt sich ein schwarzes Gesimse vor oben , und eine hohe Mauer , hinter welcher das Feuer auffährt , neigt sich , lautlos . Alles steht und wartet mit hochgeschobenen Schultern , die Gesichter über die Augen zusammengezogen , auf den schrecklichen Schlag . So ist hier die Stille . Ich lerne sehen . Ich weiß nicht , woran es liegt , es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen , wo es sonst immer zu Ende war . Ich habe ein Inneres , von dem ich nicht wußte . Alles geht jetzt dorthin . Ich weiß nicht , was dort geschieht . Ich habe heute einen Brief geschrieben , dabei ist es mir aufgefallen , daß ich erst drei Wochen hier bin . Drei Wochen anderswo , auf dem Lande zum Beispiel , das konnte sein wie ein Tag , hier sind es Jahre . Ich will auch keinen Brief mehr schreiben . Wozu soll ich jemandem sagen , daß ich mich verändere ? Wenn ich mich verändere , bleibe ich ja doch nicht der , der ich war , und bin ich etwas anderes als bisher , so ist klar , daß ich keine Bekannten habe . Und an fremde Leute , an Leute , die mich nicht kennen , kann ich unmöglich schreiben . Habe ich es schon gesagt ? Ich lerne sehen . Ja , ich fange an . Es geht noch schlecht . Aber ich will meine Zeit ausnutzen . Daß es mir zum Beispiel niemals zum Bewußtsein gekommen ist , wieviel Gesichter es giebt . Es giebt eine Menge Menschen , aber noch viel mehr Gesichter , denn jeder hat mehrere . Da sind Leute , die tragen ein Gesicht jahrelang , natürlich nutzt es sich ab , es wird schmutzig , es bricht in den Falten , es weitet sich aus wie Handschuhe , die man auf der Reise getragen hat . Das sind sparsame , einfache Leute ; sie wechseln es nicht , sie lassen es nicht einmal reinigen . Es sei gut genug , behaupten sie , und wer kann ihnen das Gegenteil nachweisen ? Nun fragt es sich freilich , da sie mehrere Gesichter haben , was tun sie mit den andern ? Sie heben sie auf . Ihre Kinder sollen sie tragen . Aber es kommt auch vor , daß ihre Hunde damit ausgehen . Weshalb auch nicht ? Gesicht ist Gesicht . Andere Leute setzen unheimlich schnell ihre Gesichter auf , eins nach dem andern , und tragen sie ab . Es scheint ihnen zuerst , sie hätten für immer , aber sie sind kaum vierzig ; da ist schon das letzte . Das hat natürlich seine Tragik . Sie sind nicht gewohnt , Gesichter zu schonen , ihr letztes ist in acht Tagen durch , hat Löcher , ist an vielen Stellen dünn wie Papier , und da kommt dann nach und nach die Unterlage heraus , das Nichtgesicht , und sie gehen damit herum . Aber die Frau , die Frau : sie war ganz in sich hineingefallen , vornüber in ihre Hände . Es war an der Ecke rue Notre-Dame-des-Champs . Ich fing an , leise zu gehen , sowie ich sie gesehen hatte . Wenn arme Leute nachdenken , soll man sie nicht stören . Vielleicht fällt es ihnen doch ein . Die Straße war zu leer , ihre Leere langweilte sich und zog mir den Schritt unter den Füßen weg und klappte mit ihm herum , drüben und da , wie mit einem Holzschuh . Die Frau erschrak und hob sich aus sich ab , zu schnell , zu heftig , so daß das Gesicht in den zwei Händen blieb . Ich konnte es darin liegen sehen , seine hohle Form . Es kostete mich unbeschreibliche Anstrengung , bei diesen Händen zu bleiben und nicht zu schauen , was sich aus ihnen abgerissen hatte . Mir graute , ein Gesicht von innen zu sehen , aber ich fürchtete mich doch noch viel mehr vor dem bloßen wunden Kopf ohne Gesicht . Ich fürchte mich . Gegen die Furcht muß man etwas tun , wenn man sie einmal hat . Es wäre sehr häßlich , hier krank zu werden , und fiele es jemandem ein , mich ins Hôtel-Dieu zu schaffen , so würde ich dort gewiß sterben . Dieses Hôtel ist ein angenehmes Hôtel , ungeheuer besucht . Man kann kaum die Fassade der Kathedrale von Paris betrachten ohne Gefahr , von einem der vielen Wagen , die so schnell wie möglich über den freien Plan dort hinein müssen , überfahren zu werden . Das sind kleine Omnibusse , die fortwährend läuten , und selbst der Herzog von Sagan müßte sein Gespann halten lassen , wenn so ein kleiner Sterbender es sich in den Kopf gesetzt hat , geradenwegs in Gottes Hôtel zu wollen . Sterbende sind starrköpfig , und ganz Paris stockt , wenn Madame Legrand , brocanteuse aus der rue des Martyrs , nach einem gewissen Platz der Cité gefahren kommt . Es ist zu bemerken , daß diese verteufelten kleinen Wagen ungemein anregende Milchglasfenster haben , hinter denen man sich die herrlichsten Agonien vorstellen kann ; dafür genügt die Phantasie einer Concierge . Hat man noch mehr Einbildungskraft und schlägt sie nach anderen Richtungen hin , so sind die Vermutungen geradezu unbegrenzt . Aber ich habe auch offene Droschken ankommen sehen , Zeitdroschken mit aufgeklapptem Verdeck , die nach der üblichen Taxe fuhren : Zwei Francs für die Sterbestunde . Dieses ausgezeichnete Hôtel ist sehr alt , schon zu König Chlodwigs Zeiten starb man darin in einigen Betten . Jetzt wird in 559 Betten gestorben . Natürlich fabrikmäßig . Bei so enormer Produktion ist der einzelne Tod nicht so gut ausgeführt , aber darauf kommt es auch nicht an . Die Masse macht es . Wer giebt heute noch etwas für einen gut ausgearbeiteten Tod ? Niemand . Sogar die Reichen , die es sich doch leisten könnten , ausführlich zu sterben , fangen an , nachlässig und gleichgültig zu werden ; der Wunsch , einen eigenen Tod zu haben , wird immer seltener . Eine Weile noch , und er wird ebenso selten sein wie ein eigenes Leben . Gott , das ist alles da . Man kommt , man findet ein Leben , fertig , man hat es nur anzuziehen . Man will gehen oder man ist dazu gezwungen : nun , keine Anstrengung : Voilà votre mort , monsieur . Man stirbt , wie es gerade kommt ; man stirbt den Tod , der zu der Krankheit gehört , die man hat ( denn seit man alle Krankheiten kennt , weiß man auch , daß die verschiedenen letalen Abschlüsse zu den Krankheiten gehören und nicht zu den Menschen ; und der Kranke hat sozusagen nichts zu tun ) . In den Sanatorien , wo ja so gern und mit so viel Dankbarkeit gegen Ärzte und Schwestern gestorben wird , stirbt man einen von den an der Anstalt angestellten Toden ; das wird gerne gesehen . Wenn man aber zu Hause stirbt , ist es natürlich , jenen höflichen Tod der guten Kreise zu wählen , mit dem gleichsam das Begräbnis erster Klasse schon anfängt und die ganze Folge seiner wunderschönen Gebräuche . Da stehen dann die Armen vor so einem Haus und sehen sich satt . Ihr Tod ist natürlich banal , ohne alle Umstände . Sie sind froh , wenn sie einen finden , der ungefähr paßt . Zu weit darf er sein : man wächst immer noch ein bißchen . Nur wenn er nicht zugeht über der Brust oder würgt , dann hat es seine Not . Wenn ich nach Hause denke , wo nun niemand mehr ist , dann glaube ich , das muß früher anders gewesen sein . Früher wußte man ( oder vielleicht man ahnte es ) , daß man den Tod in sich hatte wie die Frucht den Kern . Die Kinder hatten einen kleinen in sich und die Erwachsenen einen großen . Die Frauen hatten ihn im Schooß und die Männer in der Brust . Den hatte man , und das gab einem eine eigentümliche Würde und einen stillen Stolz . Meinem Großvater noch , dem alten Kammerherrn Brigge , sah man es an , daß er einen Tod in sich trug . Und was war das für einer : zwei Monate lang und so laut , daß man ihn hörte bis aufs Vorwerk hinaus . Das lange , alte Herrenhaus war zu klein für diesen Tod , es schien , als müßte man Flügel anbauen , denn der Körper des Kammerherrn wurde immer größer , und er wollte fortwährend aus einem Raum in den anderen getragen sein und geriet in fürchterlichen Zorn , wenn der Tag noch nicht zu Ende war und es gab kein Zimmer mehr , in dem er nicht schon gelegen hatte . Dann ging es mit dem ganzen Zuge von Dienern , Jungfern und Hunden , die er immer um sich hatte , die Treppe hinauf und , unter Vorantritt des Haushofmeisters , in seiner hochseligen Mutter Sterbezimmer , das ganz in dem Zustande , in dem sie es vor dreiundzwanzig Jahren verlassen hatte , erhalten worden war und das sonst nie jemand betreten durfte . Jetzt brach die ganze Meute dort ein . Die Vorhänge wurden zurückgezogen , und das robuste Licht eines Sommernachmittags untersuchte alle die scheuen , erschrockenen Gegenstände und drehte sich ungeschickt um in den aufgerissenen Spiegeln . Und die Leute machten es ebenso . Es gab da Zofen , die vor Neugierde nicht wußten , wo ihre Hände sich gerade aufhielten , junge Bediente , die alles anglotzten , und ältere Dienstleute , die herumgingen und sich zu erinnern suchten , was man ihnen von diesem verschlossenen Zimmer , in dem sie sich nun glücklich befanden , alles erzählt hatte . Vor allem aber schien den Hunden der Aufenthalt in einem Raum , wo alle Dinge rochen , ungemein anregend . Die großen , schmalen russischen Windhunde liefen beschäftigt hinter den Lehnstühlen hin und her , durchquerten in langem Tanzschritt mit wiegender Bewegung das Gemach , hoben sich wie Wappenhunde auf und schauten , die schmalen Pfoten auf das weißgoldene Fensterbrett gestützt , mit spitzem , gespanntem Gesicht und zurückgezogener Stirn nach rechts und nach links in den Hof . Kleine , handschuhgelbe Dachshunde saßen , mit Gesichtern , als wäre alles ganz in der Ordnung , in dem breiten , seidenen Polstersessel am Fenster , und ein stichelhaariger , mürrisch aussehender Hühnerhund rieb seinen Rücken an der Kante eines goldbeinigen Tisches , auf dessen gemalter Platte die Sèvrestassen zitterten . Ja , es war für diese geistesabwesenden , verschlafenen Dinge eine schreckliche Zeit . Es passierte , daß aus Büchern , die irgend eine hastige Hand ungeschickt geöffnet hatte , Rosenblätter heraustaumelten , die zertreten wurden ; kleine , schwächliche Gegenstände wurden ergriffen und , nachdem sie sofort zerbrochen waren , schnell wieder hingelegt , manches Verbogene auch unter Vorhänge gesteckt oder gar hinter das goldene Netz des Kamingitters geworfen . Und von Zeit zu Zeit fiel etwas , fiel verhüllt auf Teppich , fiel hell auf das harte Parkett , aber es zerschlug da und dort , zersprang scharf oder brach fast lautlos auf , denn diese Dinge , verwöhnt wie sie waren , vertrugen keinerlei Fall . Und wäre es jemandem eingefallen zu fragen , was die Ursache von alledem sei , was über dieses ängstlich gehütete Zimmer alles Untergangs Fülle herabgerufen habe , - so hätte es nur eine Antwort gegeben : der Tod . Der Tod des Kammerherrn Christoph Detlev Brigge auf Ulsgaard . Denn dieser lag , groß über seine dunkelblaue Uniform hinausquellend , mitten auf dem Fußboden und rührte sich nicht . In seinem großen , fremden , niemandem mehr bekannten Gesicht waren die Augen zugefallen : er sah nicht , was geschah . Man hatte zuerst versucht , ihn auf das Bett zu legen , aber er hatte sich dagegen gewehrt , denn er haßte Betten seit jenen ersten Nächten , in denen seine Krankheit gewachsen war . Auch hatte sich das Bett da oben als zu klein erwiesen , und da war nichts anderes übrig geblieben , als ihn so auf den Teppich zu legen ; denn hinunter hatte er nicht gewollt . Da lag er nun , und man konnte denken , daß er gestorben sei . Die Hunde hatten sich , da es langsam zu dämmern begann , einer nach dem anderen durch die Türspalte gezogen , nur der Harthaarige mit dem mürrischen Gesicht saß bei seinem Herrn , und eine von seinen breiten , zottigen Vorderpfoten lag auf Christoph Detlevs großer , grauer Hand . Auch von der Dienerschaft standen jetzt die meisten draußen in dem weißen Gang , der heller war als das Zimmer ; die aber , welche noch drinnen geblieben waren , sahen manchmal heimlich nach dem großen , dunkelnden Haufen in der Mitte , und sie wünschten , daß das nichts mehr wäre als ein großer Anzug über einem verdorbenen Ding . Aber es war noch etwas . Es war eine Stimme , die Stimme , die noch vor sieben Wochen niemand gekannt hatte : denn es war nicht die Stimme des Kammerherrn . Nicht Christoph Detlev war es , welchem diese Stimme gehörte , es war Christoph Detlevs Tod . Christoph Detlevs Tod lebte nun schon seit vielen , vielen Tagen auf Ulsgaard und redete mit allen und verlangte . Verlangte , getragen zu werden , verlangte das blaue Zimmer , verlangte den kleinen Salon , verlangte den Saal . Verlangte die Hunde , verlangte , daß man lache , spreche , spiele und still sei und alles zugleich . Verlangte Freunde zu sehen , Frauen und Verstorbene , und verlangte selber zu sterben : verlangte . Verlangte und schrie . Denn , wenn die Nacht gekommen war und die von den übermüden Dienstleuten , welche nicht Wache hatten , einzuschlafen versuchten , dann schrie Christoph Detlevs Tod , schrie und stöhnte , brüllte so lange und anhaltend , daß die Hunde , die zuerst mitheulten , verstummten und nicht wagten sich hinzulegen und , auf ihren langen , schlanken , zitternden Beinen stehend , sich fürchteten . Und wenn sie es durch die weite , silberne , dänische Sommernacht im Dorfe hörten , daß er brüllte , so standen sie auf wie beim Gewitter , kleideten sich an und blieben ohne ein Wort um die Lampe sitzen , bis es vorüber war . Und die Frauen , welche nahe vor dem Niederkommen waren , wurden in die entlegensten Stuben gelegt und in die dichtesten Bettverschläge ; aber sie hörten es , sie hörten es , als ob es in ihrem eigenen Leibe wäre , und sie flehten , auch aufstehen zu dürfen , und kamen , weiß und weit , und setzten sich zu den andern mit ihren verwischten Gesichtern . Und die Kühe , welche kalbten in dieser Zeit , waren hülflos und verschlossen , und einer riß man die tote Frucht mit allen Eingeweiden aus dem Leibe , als sie gar nicht kommen wollte . Und alle taten ihr Tagwerk schlecht und vergaßen das Heu hereinzubringen , weil sie sich bei Tage ängstigten vor der Nacht und weil sie vom vielen Wachsein und vom erschreckten Aufstehen so ermattet waren , daß sie sich auf nichts besinnen konnten . Und wenn sie am Sonntag in die weiße , friedliche Kirche gingen , so beteten sie , es möge keinen Herrn mehr auf Ulsgaard geben : denn dieser war ein schrecklicher Herr . Und was sie alle dachten und beteten , das sagte der Pfarrer laut von der Kanzel herab , denn auch er hatte keine Nächte mehr und konnte Gott nicht begreifen . Und die Glocke sagte es , die einen furchtbaren Rivalen bekommen hatte , der die ganze Nacht dröhnte und gegen den sie , selbst wenn sie aus allem Metall zu läuten begann , nichts vermochte . Ja , alle sagten es , und es gab einen unter den jungen Leuten , der geträumt hatte , er wäre ins Schloß gegangen und hätte den gnädigen Herrn erschlagen mit seiner Mistforke , und so aufgebracht war man , so zu Ende , so überreizt , daß alle zuhörten , als er seinen Traum erzählte , und ihn , ganz ohne es zu wissen , daraufhin ansahen , ob er solcher Tat wohl gewachsen sei . So fühlte und sprach man in der ganzen Gegend , in der man den Kammerherrn noch vor einigen Wochen geliebt und bedauert hatte . Aber obwohl man so sprach , veränderte sich nichts . Christoph Detlevs Tod , der auf Ulsgaard wohnte , ließ sich nicht drängen . Er war für zehn Wochen gekommen , und die blieb er . Und während dieser Zeit war er mehr Herr , als Christoph Detlev Brigge es je gewesen war , er war wie ein König , den man den Schrecklichen nennt , später und immer . Das war nicht der Tod irgendeines Wassersüchtigen , das war der böse , fürstliche Tod , den der Kammerherr sein ganzes Leben lang in sich getragen und aus sich genährt hatte . Alles Übermaß an Stolz , Willen und Herrenkraft , das er selbst in seinen ruhigen Tagen nicht hatte verbrauchen können , war in seinen Tod eingegangen , in den Tod , der nun auf Ulsgaard saß und vergeudete . Wie hätte der Kammerherr Brigge den angesehen , der von ihm verlangt hätte , er solle einen anderen Tod sterben als diesen . Er starb seinen schweren Tod . Und wenn ich an die andern denke , die ich gesehen oder von denen ich gehört habe : es ist immer dasselbe . Sie alle haben einen eigenen Tod gehabt . Diese Männer , die ihn in der Rüstung trugen , innen , wie einen Gefangenen , diese Frauen , die sehr alt und klein wurden und dann auf einem ungeheueren Bett , wie auf einer Schaubühne , vor der ganzen Familie , dem Gesinde und den Hunden diskret und herrschaftlich hinübergingen . Ja die Kinder , sogar die ganz kleinen , hatten nicht irgendeinen Kindertod , sie nahmen sich zusammen und starben das , was sie schon waren , und das , was sie geworden wären . Und was gab das den Frauen für eine wehmütige Schönheit , wenn sie schwanger waren und standen , und in ihrem großen Leib , auf welchem die schmalen Hände unwillkürlich liegen blieben , waren zwei Früchte : ein Kind und ein Tod . Kam das dichte , beinah nahrhafte Lächeln in ihrem ganz ausgeräumten Gesicht nicht davon her , daß sie manchmal meinten , es wüchsen beide ? Ich habe etwas getan gegen die Furcht . Ich habe die ganze Nacht gesessen und geschrieben , und jetzt bin ich so gut müde wie nach einem weiten Weg über die Felder von Ulsgaard . Es ist doch schwer zu denken , daß alles das nicht mehr ist , daß fremde Leute wohnen in dem alten langen Herrenhaus . Es kann sein , daß in dem weißen Zimmer oben im Giebel jetzt die Mägde schlafen , ihren schweren , feuchten Schlaf schlafen von Abend bis Morgen . Und man hat niemand und nichts und fährt in der Welt herum mit einem Koffer und mit einer Bücherkiste und eigentlich ohne Neugierde . Was für ein Leben ist das eigentlich : ohne Haus , ohne ererbte Dinge , ohne Hunde . Hätte man doch wenigstens seine Erinnerungen . Aber wer hat die ? Wäre die Kindheit da , sie ist wie vergraben . Vielleicht muß man alt sein , um an das alles heranreichen zu können . Ich denke es mir gut , alt zu sein . Heute war ein schöner , herbstlicher Morgen . Ich ging durch die Tuilerien . Alles , was gegen Osten lag , vor der Sonne , blendete . Das Angeschienene war vom Nebel verhangen wie von einem lichtgrauen Vorhang . Grau im Grauen sonnten sich die Statuen in den noch nicht enthüllten Gärten . Einzelne Blumen in den langen Beeten standen auf und sagten : Rot , mit einer erschrockenen Stimme . Dann kam ein sehr großer , schlanker Mann um die Ecke , von den Champs-Elysées her ; er trug eine Krücke , aber nicht mehr unter die Schulter geschoben , - er hielt sie vor sich her , leicht , und von Zeit zu Zeit stellte er sie fest und laut auf wie einen Heroldstab . Er konnte ein Lächeln der Freude nicht unterdrücken und lächelte , an allem vorbei , der Sonne , den Bäumen zu . Sein Schritt war schüchtern wie der eines Kindes , aber ungewöhnlich leicht , voll von Erinnerung an früheres Gehen . Was so ein kleiner Mond alles vermag . Da sind Tage , wo alles um einen licht ist , leicht , kaum angegeben in der hellen Luft und doch deutlich . Das Nächste schon hat Töne der Ferne , ist weggenommen und nur gezeigt , nicht hergereicht ; und was Beziehung zur Weite hat : der Fluß , die Brücken , die langen Straßen und die Plätze , die sich verschwenden , das hat diese Weite eingenommen hinter sich , ist auf ihr gemalt wie auf Seide . Es ist nicht zu sagen , was dann ein lichtgrüner Wagen sein kann auf dem Pont-neuf oder irgendein Rot , das nicht zu halten ist , oder auch nur ein Plakat an der Feuermauer einer perlgrauen Häusergruppe . Alles ist vereinfacht , auf einige richtige , helle plans gebracht wie das Gesicht in einem Manetschen Bildnis . Und nichts ist gering und überflüssig . Die Bouquinisten am Quai tun ihre Kästen auf , und das frische oder vernutzte Gelb der Bücher , das violette Braun der Bände , das größere Grün einer Mappe : alles stimmt , gilt , nimmt teil und bildet eine Vollzähligkeit , in der nichts fehlt . Unten ist folgende Zusammenstellung : ein kleiner Handwagen , von einer Frau geschoben ; vorn darauf ein Leierkasten , der Länge nach . Dahinter quer ein Kinderkorb , in dem ein ganz Kleines auf festen Beinen steht , vergnügt in seiner Haube , und sich nicht mag setzen lassen . Von Zeit zu Zeit dreht die Frau am Orgelkasten . Das ganz Kleine stellt sich dann sofort stampfend in seinem Korbe wieder auf , und ein kleines Mädchen in einem grünen Sonntagskleid tanzt und schlägt Tamburin zu den Fenstern hinauf . Ich glaube , ich müßte anfangen , etwas zu arbeiten , jetzt , da ich sehen lerne . Ich bin achtundzwanzig , und es ist so gut wie nichts geschehen . Wiederholen wir : ich habe eine Studie über Carpaccio geschrieben , die schlecht ist , ein Drama , das » Ehe « heißt und etwas Falsches mit zweideutigen Mitteln beweisen will , und Verse . Ach , aber mit Versen ist so wenig getan , wenn man sie früh schreibt . Man sollte warten damit und Sinn und Süßigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womöglich , und dann , ganz zum Schluß , vielleicht könnte man dann zehn Zeilen schreiben , die gut sind . Denn Verse sind nicht , wie die Leute meinen , Gefühle ( die hat man früh genug ) , - es sind Erfahrungen . Um eines Verses willen muß man viele Städte sehen , Menschen und Dinge , man muß die Tiere kennen , man muß fühlen , wie die Vögel fliegen , und die Gebärde wissen , mit welcher die kleinen Blumen sich auftun am Morgen . Man muß zurückdenken können an Wege in unbekannten Gegenden , an unerwartete Begegnungen und an Abschiede , die man lange kommen sah , - an Kindheitstage , die noch unaufgeklärt sind , an die Eltern , die man kränken mußte , wenn sie einem eine Freude brachten und man begriff sie nicht ( es war eine Freude für einen anderen - ) , an Kinderkrankheiten , die so seltsam anheben mit so vielen tiefen und schweren Verwandlungen , an Tage in stillen , verhaltenen Stuben und an Morgen am Meer , an das Meer überhaupt , an Meere , an Reisenächte , die hoch dahinrauschten und mit allen Sternen flogen , - und es ist noch nicht genug , wenn man an alles das denken darf . Man muß Erinnerungen haben an viele Liebesnächte , von denen keine der andern glich , an Schreie von Kreißenden und an leichte , weiße , schlafende Wöchnerinnen , die sich schließen . Aber auch bei Sterbenden muß man gewesen sein , muß bei Toten gesessen haben in der Stube mit dem offenen Fenster und den stoßweisen Geräuschen . Und es genügt auch noch nicht , daß man Erinnerungen hat . Man muß sie vergessen können , wenn es viele sind , und man muß die große Geduld haben , zu warten , daß sie wiederkommen . Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht . Erst wenn sie Blut werden in uns , Blick und Gebärde , namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst , erst dann kann es geschehen , daß in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht . Alle meine Verse aber sind anders entstanden , also sind es keine . - Und als ich mein Drama schrieb , wie irrte ich da . War ich ein Nachahmer und Narr , daß ich eines Dritten bedurfte , um von dem Schicksal zweier Menschen zu erzählen , die es einander schwer machten ? Wie leicht ich in die Falle fiel . Und ich hätte doch wissen müssen , daß dieser Dritte , der durch alle Leben und Literaturen geht , dieses Gespenst eines Dritten , der nie gewesen ist , keine Bedeutung hat , daß man ihn leugnen muß . Er gehört zu den Vorwänden der Natur , welche immer bemüht ist , von ihren tiefsten Geheimnissen die Aufmerksamkeit der Menschen abzulenken . Er ist der Wandschirm , hinter dem ein Drama sich abspielt . Er ist der Lärm am Eingang zu der stimmlosen Stille eines wirklichen Konfliktes . Man möchte meinen , es wäre allen bisher zu