Wille , Bruno Die Abendburg www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Bruno Wille Die Abendburg Chronika eines Goldsuchers in zwölf Abenteuern Das erste Abenteuer Handelt von Fürzeichen und heimlichen Künsten Zu zweien Malen bin ich geboren , und beide Male hieß meine Heimat eine Burg : Magdeburg die eine , Abendburg die andere . Ward ich zu Magdeburg geboren für das Zeitliche , so geschah auf der Abendburg meine Wiedergeburt für das Ewige . In der Stadt am Elbstrom , am Tage der sommerlichen Sonnenwende des sechzehnhundert und sechsten Jahres drang ich aus dunklem Schoße zum Licht , ein Sprößling des Fleisches mit Odem und Geschrei . Johannes Martinus Tilesius , vulgo Tielsch , ward ich in der Taufe benamset , weil ich ja am Johannistage geboren , und weil überdies mein Vater zu Sankt Johannis Kirche ein Prädikante war . Sein ehelich Weib , meine gute Mutter , hieß Barbara Tilesia , und war eine geborene Angern . Wie mir von den Eltern oft erzählet worden , habe ich die ersten Monde meines irdischen Aufenthalts schier Tag und Nacht geweinet , also daß meine Mutter nicht schlafen gekonnt und zu manchen Malen vor übergroßer Müdigkeit über dem Tischgebete eingenickt ist . Es spricht aber ein alter Kirchenlehrer : So ein neugeboren Kindlein anhaltend weinet , ist es ein Prophet trübseliger Lebensjahre . Das ist gewißlich bei mir eingetroffen . Zähle ich nämlich all die Ängste und Plagen , durch die ich in Junggesellen- und Mannesjahren Spießruten gelaufen bin , all die Tränen , darinnen ich als in einem Flusse geschwommen , Tränen über Waffen- und Hungersnot , Tränen über verloren Gut , entschwundene Lieb und Treue , Tränen ohnmächtigen Zornes und enttäuschter Hoffnung , auch Tränen der Reue über begangene Missetat , Tränen endlich des heißen Verlangens , aus diesem finstern Tale mich zu erretten zum heiligen Lichte droben ... dies alles bedenkend , muß ich schon glauben , daß mein kindisch Heulen eine Ahnung des Zukünftigen gewesen und ein dunkel Begehren , unsere bange Welt recht balde wieder zu verlassen . Zeiten sind kommen , da hab ich mir die Haare gerauft und gejammert : » Warum hat man damals das schreiende Kindlein nicht verstanden und nicht lieber in der ersten Bademulde ersaufen lassen wie einen Katzenbalg ! « Doch freilich , jetzo weiß ich : Nicht um hier eitel Lust zu genießen , trieb uns der Urquell herfür , sondern daß wir uns von trüber Täuschung erlösen zur verklärten Abendburg . In meiner irdischen Vaterstadt lebte ich eilf Jahre . Alsodann verzogen meine Eltern nach Hirschberg im Schlesierlande , dieweil den Vater Sehnsucht zum Schlesischen Gebirge trieb , das seine angestammete Heimat ist . Also gelangte ich in die Gegend der Abendburg . Magdeburg und Abendburg - beide Namen haben guten Klang . Magdeburg bedeutet die Burg einer Magd , so mit ihrer Unschuld den Angreifer zurücke schlägt . Und da ich als Kind die ersten Male von der Abendburg reden hörte , dachte ich an gülden Abendgewölk , anzuschauen als eine Burg ; auch an eine Veste dachte ich , trutzig in den Abendhimmel gerecket , gewappnet wider den Feind , der im Finstern schleicht . Und es war eine Stimme in dem Namen wie Herbstwind , abendlich am Gitterfenster säuselnd , oder wie der verlassenen Jünger fromme Bitte : » Bleibe bei uns , Herr , denn es will Abend werden , und der Tag hat sich geneiget . « Magdeburg stehet in meiner Erinnerung als eine Hauptstadt , gelegen in der Ebene am Elbstrome , hat einen Dom und andere stattliche Kirchen , große schmucke Häuser , bewohnet von viel tausend Menschen , so mit Lärmen durch die Gassen strömen . In den Werkstätten pochen und basteln die Handwerker , in den Kaufläden und Schreibstuben wird gekramt , gebucht , bankerottiert und Geld in die Truhen gescharrt . Schiffer verladen Ballen und Kisten in ihre Kähne , die das gelbe Wasser umspület . Soldaten bauen auf den Schanzen , Bauern treiben Vieh und fahren über die lange Brücke , und die Windmühlen auf den Feldern schwenken ihre Flügel . Sonntags vernehmen die Magdeburger die wohlgesetzten Kanzelreden ihrer eifernden Prädikanten , dann schleppen die Weiber neumodischen Putz durch den Straßenstaub , auf den Tanzböden scharmieren Gesellen und Jungfern , Gevatter Handelsmann und Lohgerber aber sitzen auf der Sudenburger Dingebank , knöcheln und schandieren über Kaiser und Papst . Ihres hitzigen Hopfenbieres voll , pochen sie auf ihre Freiheit , die vom ersten Kaiser Otto hergeleitet wird , und auf den Schutzgeist ihrer Stadt , im Wappen abgebildet . Eine Magd ist es , so auf einer Burg steht und in der Hand ihr Kränzel , der Reinheit Symbolum , stolz erhoben hält . Es hat aber eine schaurige Bewandtnis mit diesem Schutzgeiste , wenn anders ein scheu Geflüster der Leute Wahrheit vermeldet . Mit der Magd soll nicht , wie man in katholischer Zeit fürgab , die Jungfrau Maria gemeinet sein , auch nicht Frau Venussin aus der Heidenzeit , sondern ein unerwachsen Mägdlein , so lebendig in die Burg ward eingemauert , dieweil man gläubete , die konservierte Unschuld habe Macht , den Angreifer zurückezuwerfen . Als den Platz , allwo vor Alters des Mägdleins Burg gestanden , bezeichnet die Sage das jetzige Krökentor . Sooft im Laufe der Zeiten der dicke Turm am Tor morsch geworden und von neuem auferbauet werden gemußt , versäumete man niemalen , die Kraft des Schutzgeistes zu erneuern , nämlich ein frisch Mägdlein einzumauern . Die steinalte Olsche des Bäckermeisters Kahle hat uns Kindern diese Mär anvertrauet . Gern saß sie an milden Abenden in unserm Kreise auf der steinernen Freitreppe des Nachbarhauses und erzählete von Zauberei und Räuberei , Spuk und Gespenstern . Wollte auch wissen , daß der runde Turm am Krökentor erst zu ihres Großvaters Zeiten erbauet worden und auch damals nach altem Brauche sein eingemauert Mägdlein erhalten habe . Des näheren beschrieb sie den Hergang also : Zuerst waren die Ratsherren unschlüssig , woher das Mägdlein zu nehmen sei . In alten Zeiten war es wohl vorgekommen , daß eine Mutter freiwillig ihr Kind geopfert , vermeinend , ein gut Werk zu tun . Jetzt aber dachten die Mütter allzu christlich , wie denn überhaupt das Magdeburgische Volk dem Opfern also wenig geneigt war , daß es wie ein heimlich Gericht mußte betrieben werden bei Nacht und Nebel . Da nun die Eingeweiheten nicht wußten , wie ein Opferkind zu erlangen , gab ihr Anstifter , der schwarze Burgemeister , den Rat , von den städtischen Waisenkindlein solle das Los gezogen werden . Gleicherweise ward beschlossen , und wurden nun dreizehn Mägdlein , so ohne Vater und Mutter auf Stadtkosten Pflege erhielten , ins Rathaus beschieden , angeblich , um mit Namen in ein Buch eingetragen zu werden . Auf den Tisch aber hatte man mit Fleiß einen Apfel gelegt , der die Kinder in Versuchung führen sollte . Wie nun das kleinste Mägdlein den Apfel sahe , nahm es ihn und biß hinein . Dies nun war das verabredete Los ; das Mägdlein ward daher still beiseite in Gewahrsam geführet . Des Nachts aber brachte man es in einem Wagen nach dem Krökentor , wo bei Fackelschein Männer stunden , die Angesichter geschwärzt . Man setzte nun das Mägdlein in die offen gelassene Stelle der Mauer , gab ihm seinen Apfel in die Hand und mauerte die Lücke mit Steinen zu . Wie es ringsum finster geworden , hub das Mägdlein an zu weinen . Draußen freilich vernahm man nur ein leis Gewimmer . Es zu übertönen , begunnte der schwarze Burgemeister seine Weiherede : » Gleichwie das Lamm Gottes am Kreuzesstamme sein Blut dahingegeben zur Erlösung der Menschenkinder , also bist du , unschuldig Mägdelein , ein heilsam Opfer für unser Magdeburg . Gebenedeiet bist du ! Denn was ist süßer denn Honigseim ? « Hier wollte er selber antworten : » Zu sterben fürs Vaterland . « Doch aus der steinernen Gruft drangen mit wimmernder Stimme die Worte herfür : » Der Mutter Brust ! « Verwirrt hörte es der Burgemeister , wollte aber die unheimlichen Laute übertönen und sprach : » Wo ruhet es sich weicher denn auf Daunenpfühle ? « Wollte nun fortfahren : » Im Grabe für das gemeine Wohl . « Doch es wimmerte abermals und sprach vernehmlich : » An der Mutter Herzen ! « Da ergriff ein Grausen die Anwesenden , und einer flehete : » Reißet das Gemäuer nieder ! Gebet das Kindlein frei ! « Doch ihm wehrete der schwarze Burgemeister , das Wimmern im Gemäuer verstummte , und vollendet war das Werk . Zum Wahrzeichen aber ward an die Stelle , wo des eingemauerten Mägdeleins Füße ruhen , ein Stein in die Mauer eingelassen , so zwei Kinderfüßlein abbildet . Wiederholt habe ich die kleinen Zehen betrachtet , wenn ich durch das Krökentor ging . Als ich einmal mit meinem Vater vorbeikam , meinte ich : » Das Mägdlein hätte lieber den Apfel nicht sollen nehmen . Ob es ihn wohl noch gegessen hat in seinem Mauerloche ? « » O mein Kind , « antwortete mein Vater erschrocken , » glaub doch nicht , was die Leute schwatzen ! Diese Füßlein sind nur zum Gedächtnis der alten Mär abgebildet ; es brauchet deswegen kein Mägdlein dahinter zu stecken . Zauberische Menschenopfer hat man wohl in heidnischen Zeiten dargebracht . Jetzt aber sind die Magdeburger Christenmenschen und kennen die Gebote : Du sollst nicht töten und sollst nicht zaubern . « » Die Gebote kennen sie wohl , « - schwatzete ich - » deswegen aber zaubern und töten sie doch . Hat man nicht vorige Woche einen Schiffer auf dem Marktplatz an den Galgen gehenket ? Und unser Küster erzählt , als Junge habe er eine Hexe brennen sehen , die auf einem Besenstiel zum Blocksberg gefahren sei . Eine Nachbarin , die sie mitnehmen gewollt , habe alles vor Gericht ausgesagt . « Da seufzete mein Vater : » Ja , es ist eine arge Welt ! Aber laß uns lieber nicht daran gedenken . Sollte es aber wirklich wahr sein , daß ein Mägdlein eingemauert ward , so ist das schlimm für die Magdeburger . Hätten lieber nach eigener Unschuld trachten , als sich mit fremden Federn schmücken sollen . Durch die geopferte Unschuld sind sie selber schuldig worden und müssen dafür büßen . Werden dereinst noch erleben , wie ihr gefeiet Krökentor von stürmender Hand genommen wird , und wie die stolze Stadt - ein ander Ilium und Jerusalem - in Rauch und Asche aufgehet ... « » Nicht doch , Vater ! « sprach ich . » Warum gläubest du also ? « » Es gehet der Krug zu Wasser , bis er bricht , und einer jeglichen Burg auf Erden ward vom Himmel beschieden , früher oder später zu fallen , wie ein Kriegesmann zu fallen pflegt . Der Himmel meinet es gut mit solchem Verhängnis . Blühet doch alles Lux herfür aus Crux , alles Licht aus Kreuz und Leide . Die Menschen zu erleuchten , muß ihr irdisch Vaterland zerstöret werden , daß kein Stein auf dem andern bleibet . Also werden sie vermahnet , die bessere Heimat aufzusuchen - eine Burg der wahren Unschuld - eine Burg aus eitel Licht ... « Hierauf so schwiegen wir lange . Ich aber dachte der Rede nach . Und wie wir am Abend an einem Kornfelde lagerten bei dem Lusthaine , den die Magdeburger Vogelsang nennen , kam ich noch einmal auf das eingemauerte Mägdlein zu sprechen . Über dem Kornfelde schwebte eine Wolke , anzuschauen wie ein gülden Gebirg , und ich sprach : » Siehe , Vater , da ist eine Burg aus eitel Licht - eine wunderschöne Abendburg ! « Mit großen Augen sahe mich der Vater an : » Ei , Johannes , was weißest du von der Abendburg ? « » Ich weiß nichts davon , aber du hast wohl einmal von der Abendburg geredet , und nun dünket mich , das da sei solch eine Abendburg . « Schmunzelnd nickte der Vater : » Wie rotgülden Wolkengebirg mag die Abendburg allerdings ausschauen , id est in der Johannisnacht , wenn sie von ihrer Verwünschung erlöset wird . Aber für gewöhnlich ist sie nur ein wüst Felsengestein . « » Ist sie denn keine Burg ? « » Mitnichten eine Burg , sondern gänzlich wild Gestein , an die zwo Stunden entfernt von meinem heimatlichen Dorfe Schreiberhau . Raget jäh aus den Wettertannen jenes langerstreckten Gebirges , allwo der Queißfluß und der Kleine Zacken ihren Ursprung nehmen . Von der Abendburg schaust du gen Mittag über dunkle Wipfel nach den Riesenbergen . Die wogen dunkelblau , und in ihren Abgründen schimmert Schnee . « » Wahr , Vater , da kann man im Sommer Schneebälle machen ? « » Freilich ! In den hochgelegenen Felsenspalten gen Mitternacht ist es also kalt , daß der Schnee bis Ende Juli dauert . « » Wie hoch sind wohl die Riesenberge , Vater ? Etwa so hoch wie unser Dom ? « » Weit höher , Johannes ! Oft ragen sie über die Wolken hinaus . « » Ei wie denn , Vater ? Wenn sie bis über die Wolken ragen , so kann man von dorten wohl ins Himmelreich schauen , allwo die schönen Engel auf Wolken wandeln ? Ach , ich möchte über die hohen Berge gen Himmel klettern . « » Ei ja doch ! « lachte der Vater . » Wie auf einer Leiter , nicht wahr ? Nein , Johannes , das Himmelreich ist nicht an einem entlegenen Orte und kommet nicht mit äußeren Gebärden ; inwendig im Herzen tut es sich auf . « Ich war enttäuschet . » So können uns die schönen hohen Berge nicht zum Himmelreiche helfen ? Warum verlangest du alsdann immer nach deinen lieben Bergen ? « Der Vater lächelte für sich und nickte : » Ob sie zum Himmelreiche helfen ? Das können sie allerdings ! So du nämlich Liebe für sie hegest , tun sie dir das Herze auf , und also wird dein innerlich Himmelreich offenbar . Solches ist mir geschehen auf der Abendburg . Und glaube mir , so du dorten hoch vom Steine in die blauen Weiten schauest , und dein Ohr dabei keinen Menschenlaut vernimmt , sondern nur den Wind in den Nadelwipfeln harfen , einen Specht an Baumesrinde hämmern , oder einen Hirschen röhren - und tage-und mondelang immer nur diese Gestalten und Stimmen der Einöde zur Gesellschaft hast , widerfähret dir wohl ein Mirakel , ähnlich dem , was über die Abendburg gemeldet wird . « » Erzähle , Vater ! « » Die Abendburg , so sagen die Leute von Schreiberhau , ist einmal eines Königs Schloß gewesen . Ward aber verwunschen und in wüst Gestein verwandelt . Zuweilen nur , je nach langem Raume , in Sankt Johannis heiliger Nacht , erscheinet es wieder in alter Pracht . Aufgetan ist dann ein Tor , und wer eintritt , findet wohl Mulden voll Gold und bunten Edelsteinen . Aber man muß des Sonntags geboren und anoch unschuldig sein , sonsten kann man den Schatz nicht heben , kriegt auch die entzauberte Abendburg nimmer zu schauen ... « » Aber du , Vater , hast sie zu schauen gekriegt . « » Ach nein , ich bin kein Sonntagskind . « » Aber sagtest du nicht , dir sei das Mirakel widerfahren ? « » Ein ander Mirakel meine ich und auch eine andere Abendburg . Doch solches zu verstehen , bist du noch zu jung , lieber Johannes . « » Ach , Vater , so erkläre es mir - vielleichte , daß auch mir solch Mirakel widerfahren mag . « » Nun wohl , mein Kind , « sagte der Vater , und seine Augen waren leuchtend aufgetan . » Die Abendburg , die ich jetzo meine , ist das Menschenherz . Verwunschen ist es von einem bösen Geiste - demselbigen , so die schwarzen Männer angestiftet , das Mägdlein einzumauern . Dieser Geist kann die ewige Seele also verstören , daß sie einer Wüstenei gleichet , dem düstern Felsen der Abendburg . Doch einen Johannistag gibt es , der den Zauber lösen kann . Das ist die Sonnenwende des Menschenherzens , da es spüret , wie nun die Tage kürzer werden , und wie alles Leben vergehen muß gleich Heu . Nun seufzet es : Ach komm doch endlich , du mein ewig Heil , denn ich bin müde , leibeigen zu dienen dieser unwerten Welt ! Da auf einmal ist ausgesprochen das heilige Wort . Die Abendburg , so nichts anderes ist denn der innere Mensch , wird erlöset und strahlet nun als eines Königs Schloß . Auf springet die heimliche Pforte , da gleißet in den tiefen Kammern der Schatz des Menschensohnes , und nimmer fressen den die Motten und der Rost . O mein Johannes , siehe zu , daß selbige Abendburg dereinst dir nimmer verwunschen und verschlossen bleibet . « Ich hatte aufmerksam gelauschet , zwar nicht verstanden , was ich jetzo weiß , doch eine Ahnung verspüret von dem Heiligtum tief im Menschen . Und wie mein staunend Auge auf dem Vater ruhte , hatte ich gedacht : Also muß ein Prophete aussehen ! Nach einer Weile fragte ich : » Aber wie ist es denn mit der richtigen Abendburg , so bei Schreiberhau gelegen ? Hat die jemals einer zu schauen gekriegt ? « » Die Mär vermeldet , in einer Johannisnacht sei eine arme Frau mit ihrem Kindlein zur Abendburg gekommen . Da hat sich der Fels verwandelt , und die Mutter , ihr Kindlein an der Hand , ist eingegangen in das strahlende Schloß und hat in den Gängen Gold gefunden , das von der Decke herabhing wie Tannenzapfen von den Nadelzweigen . Wie sie nun genung abgebrochen und zusammengerafft , ist sie enteilet und hat in der Hast ihres Kindleins vergessen . Draußen erst hat sie mit Schrecken sich umgewandt , es zu holen . Da ist ihr vor der Nase die Türe zugeschlagen , und auf einmal die Abendburg wieder wüster Fels gewesen , und drinnen war das Kindlein . Geweinet und sich das Haar geraufet hat die Mutter , auch vor Verzweiflung das Gold weggeworfen , weil das sie nicht glückselig machen konnte , nun ihr Kindlein verloren . Aber wie sie nach Jahresfrist zur Abendburg kommen ist , sich auszuweinen , hat sich der Felsen abermals zum Schlosse verwandelt , und siehe , drinnen an einem steinernen Tische sitzet das Kindlein frisch und gesund , einen Apfel in der Hand , und winket lächelnd der Mutter , hereinzukommen . Diesmal hat die Mutter nicht nach den kalten Schätzen gegriffen , sondern nach dem lieben Kindlein . Ist mit ihm eilend zum Burgtor hinaus und hat das Wiedergefundene geherzet und geküsset . Der Apfel aber ist eitel Gold worden , also daß die Mutter von ihrer Armut fürder frei . « » Ei , Vater , « sagte ich verwundert , » wie gleichet doch das Kindlein im Abendburgfelsen dem Mägdlein im Krökentor . Beide sind in Stein eingeschlossen , und beide haben auch einen Apfel in der Hand . « » O schweig , mein Kind , laß ruhen den alten Frevel ! « » Aber kann nicht auch das Krökentor entzaubert werden wie die Abendburg und das Kindlein herauslassen ? « Sinnend nickte der Vater : » Wenn einst die Gräber sich auftun , wird auch das Mägdlein erlöset , aus dem kalten düstern Gemäuer kommt es lachend heraus , und siehe , ein Mutterherz ist ihm beschert . Unschuld ist ewig bei der Liebe . « Nach solchem Trostworte erleichterte ein Seufzer meine beklommene Brust . Ich bedachte , es werde vielleicht , wie dem Krökentore , also gemeiniglich für alles Unheimliche , so mich ängstete , ein Stündlein der Erlösung und Verklärung schlagen . Es gab des Unheimlichen nicht wenig in meiner Vaterstadt , und das Mägdelein im Krökentor mag als ein zusammenfassend Symbolum gelten für die Finsternisse meiner Kindheit . Von einer Scheu vor der Gegenwart und einer Sehnsucht in die Ferne war meines Vaters Seele ständig bewegt . Dem verlieh er gern einen stummen Ausdruck durch kleine Gemälde , wie er denn den Tuschpinsel schier als ein Künstler zu führen wußte . So hatte er einen Felsblock gemalt , aus dem ein Quell schäumend schoß . Darunter stund geschrieben : » Ich steh am Quell und dürste . « Als ich ihn um die Bedeutung der Inschrift befragte , gab er zur Antwort : » Ach wie oft stehet ein Mensch am Quell und muß doch dürsten , dieweilen er nicht trinken darf , nicht trinken kann , nicht trinken mag . « Zu einem andern Gemälde , das einen grauen Wolkenhimmel und darunter ein violenfarben Gebirg fürstellte , sprach der Vater : » Dies Gewölk bedeutet meine Trübsal , und darunter wallet der blaue Strom meiner Sehnsucht . « Gemeinet war wohl die Sehnsucht nach der ewigen Heimat ; doch dies allerinnigste Verlangen kleidete sich beim Vater gern in das irdische Gewand seines Heimwehs nach dem Schlesischen Gebirge . Des Magdeburgischen Amtes waltete er ohne frischen heitern Sinn . Hatte es ja nicht aus Herzensdrange übernommen , sondern mehr um meine Mutter ehelichen zu können . Das mochte nun seine Kirchengemeinde spüren ; drum war sie kühl gegen ihn gesonnen . Redete ihm nach , er predige nicht für das Volk , sondern für sich selber und für Schwarmgeister seinesgleichen . Wie der Rat von Magdeburg einmal uneins mit dem Administrator des Erzstiftes gewesen , und schier alle Prediger auf der Kanzel die Bürgerpartei verfochten , mein Vater aber gänzlich von solchen Welthändeln schwieg , ward ein Gespött über ihn im Ratskeller laut . Davon ist er völlig verschüchtert worden ; fühlte sich halt nicht zum Eifern geschaffen , wie er denn von je mehr den Studiis gewogen war als dem Predigen , und insonderheit den milden Gelahrten Melanchthon liebte , dem streitbaren Luthero indessen nur Ehrfurcht entgegenbrachte . Was meines Vaters Kleinmut auf die Mutter übertrug , war die Schmalheit seiner Besoldung , so noch aus der alten katholischen Zeit stammte und wohl für einen ledigen Mann zulangte , nicht jedoch für einen Familienvater . Solche Unzufriedenheit ließ den Vater nach einem andern Amte umschauen , und weil er bereits früher im Schuldienste sich herfürgetan , auch eine angesehene Grammaticam herausgegeben hatte , so ward er von seinen Hirschbergischen Landsleuten zum Konrektor ihres Gymnasii erkoren . Da nun beschlossen war , daß wir gen Schlesien ziehen sollten , kam eine freudige Aufregung über meinen Vater und auch über mich . Nur die Mutter seufzete , und ihre Augen waren oft verweint . Mich deuchte es eine große Sache , bei dem Umzuge andere Länder und Städte zu schauen und gar nach dem ersehnten Gebirge zu gelangen . Wie aber der Tag der Abreise nahe war , kam mir doch ein Bangen , weil ich hinfürder von meiner guten Stadt Magdeburg geschieden sein sollte . Beschloß derohalben , alle trauten Orte noch einmal zu besuchen und ihr Bildnis getreulich meinem Gemüte einzuprägen . Ging auf den Marktplatz , wo ich gern Ball oder Kreisel gespielt , und über den Breiten Weg , so die Stadt vom Krökentor bis zum Sudenburger Tor durchquert . Prächtig sind allda die Bürgerhäuser , haben breite Freitreppen , künstlich geschmiedete Gitter und am Dache speiende Ungetüme . Über den eisenbeschlagenen Pforten pranget mancherlei Zierat , als da sind Pferdeköpfe , wilde Männer , fromme Sprüche oder Sinnbilder , etwan ein steinern Rad , ein Pflug , eine fette Henne , ein gülden Hufeisen . Wenn ich einem stadtbekannten und kuriösen Menschen begegnete , dem dicken Hökerweibe , Appelolsche benamset , oder dem wilden Peter , dessen Haare und Nägel seit Jahren unverschnitten geblieben , so dachte ich in meinem Sinn : du ahnest nicht , daß ich dich jetzo zum letzten Male anschaue und die weite Reise ins Schlesingerland fürhabe ! Bei solchem Umherwandeln merkte ich , daß mein Abschied nicht bloß der Vaterstadt galt , sondern auch bereits meinem Kindesalter . Zu manchen Malen ward mir klar , wie ich bisher als rechter Einfaltspinsel in die Welt gegafft und mich mit allerhand dummen Einbildungen getragen . Das Haus am Knochenhauer Ufer , drin meiner Mutter Vater wohnte , trug auf dem Dach ein Türmlein , von wo mein Blick oft über das Gewimmel der Dächer ins Weite geschweift war , auch über die Elbe hinweg bis zur grünen Zollschanze , wo der Himmel sich emporzuwölben begunnte . » Dahier muß die Stelle sein , wo die Welt mit Brettern zugenagelt ist , « hatte ich stets bei diesem Anblicke gedacht - als ob hinter den grünen Wällen nichts Irdisches mehr zu finden sei . Jetzo schlug ich mich vor die Stirn und schalt : » Welch Asinus bist du gewesen ! Hat nicht der Vater gesagt , hinter der Zollschanze sei die Stadt Wittenberg gelegen , und in dieser Richtung führe die Straße gen Hirschberg ? Du Narre sollst noch das Maul aufreißen , wie die Welt so lang und breit . « Eine andere kindische Einfalt hatte mir eingebildet , der Kaiser Otto , vor dem Rathause hoch zu Rosse abgebildet , sei derselbige , von dem die Bürgersleute sprachen : » Unser Kaiser « , und die um den Kaiser Otto stehenden steinernen Weibsbilder seien die Frau Kaiserin nebst ihren Mägden . Nunmehr zur Nachdenklichkeit gestimmt , befragte ich meinen Vater nach dem Kaiser Otto und erfuhr zu meiner Verwundernis , der habe schon vor vielen hundert Jahren gelebt , und was ich für Mägde angesehen , seien Symbola , Fürtrefflichkeiten seiner glorreichen Regierung , zum Exempel seine Justitia oder Gerechtigkeit , seine Frömmigkeit und Tapferkeit ; jetzo aber werde die Krone des Römischen Reiches Teutscher Nation vom Kaiser Matthiae getragen , der wohne im Österreiche , in der Stadt Wien , zwiefach so entfernt wie Hirschberg . Das Besteigen unseres Dachtürmleins erinnerte mich daran , daß ich ja noch nicht auf dem Magdeburger Dome gewesen sei , von wo man , wie die Leute rühmten , viele Meilen weit in die Runde sehen und bei klarer Luft sogar den Harz erkennen kann . Bat derohalben meinen Vater , mich auf den hohen Turm zu geleiten , und erhielt die Zusage . Sollte jedoch nicht zum Ziel gelangen . Denn wie wir eines Spätnachmittages beim Küster des Domes vorsprachen , damit er uns den Turm auftue , war weder der Küster noch sein Weib daheim , und also blieb uns der Turmschlüssel verwehret . Wir begnügten uns damit , von unten zu betrachten , was des Anschauens würdig . Da staunte ich über die mächtigen Türme mit ihrem aus Stein gemeißelten Zierate . Der Sonnenuntergang entzündete in den Scheiben der hohen Fenster Purpurflammen , und rosig angehaucht war der graue Sandstein , während die Schnörkel und Pfeiler bläuliche Schatten warfen . So hatte ich den Dom noch nie gesehen . Alsdann gingen wir zum Kreuzgang . In seine Wände sind Steinplatten eingelassen , auf denen geistliche Herren aus alter Zeit , mit Kutten angetan , abgebildet sind ; und ich war bisher , weiß nicht aus was Ursach , der erschrecklichen Meinung gewesen , hier habe man Mönche zur Strafe für Ungehorsam lebendig eingemauert , also daß ihre Gestalt unter dem angeworfenen Kalke noch erkennbar . Von diesem Aberglauben heilte mich mein Vater : » Solch Einmauern , « sagte er , » ist in den papistischen Klöstern zwar vorgekommen , aber doch nicht also oft , auch nicht in dieser Weise zur Schau gestellet . « Ich fragte nun , ob es wahr sei , was ein Klosterschüler mir anvertrauete , daß nämlich ein heimlicher Gang unter der Erde den Dom mit unserer Johanniskirche und sogar mit dem Kloster Berge verbinde . Hierauf antwortete mein Vater : » Also reden die Leute ; wollen auch wissen , daß Kurfürst Moritz , wie er Magdeburg belagerte , durch den unterirdischen Gang in des Dompredigers Wohnung gedrungen sei , um daselbst mit dem Stadtrate ohne Wissen der Bürgerschaft zu akkordieren . Das soll vor mehr denn sechzig Jahren geschehen sein . Den früheren Domprediger habe ich gefragt , was Wahrheit daran sei , und die Auskunft erhalten , in den Kirchenschriften werde nichts dergleichen vermeldet . Was aber die Johanniskirche anlangt , so weiß ich allerdings von einem unterirdischen Gang ; er führet aus dem Keller unseres Predigerhauses in ein Gewölbe unterhalb der Kirche , weiter jedoch nicht . Wenigstens hat unser Küster keine Fortsetzung des Ganges gefunden . « » Wie denn ? Aus dem Keller unseres Predigerhauses ? « fragte ich . » Wir wohnen ja im Predigerhause . « » Aus unserm Keller , « bestätigte der Vater . » Hinter Gerümpel befindet sich da eine kleine Tür , unser Küster hat den Schlüssel . Ich bin niemals hineingekrochen . Der Gang soll baufällig sein und gefährlich zu betreten . « Daß diese Worte mir später einmal zum Schicksal werden sollten , ahnte ich damals nicht , prägte sie aber meinem Gedächtnisse ein , weil sie meine Phantasie aufregten . Im weiteren Gespräche fragte ich , was für Bewandtnis es mit jener Belagerung durch den Kurfürsten Moritz habe . Es fiel mir bei , daß Tages zuvor der Prediger von Sankt Kathrinen zu meinem Vater die Äußerung getan : » Ein neuer Kurfürst Moritz tut dem Reiche not . « - » Wie denn ? « fragte ich jetzo verwundert . »