Laube , Heinrich Das junge Europa www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Heinrich Laube Das junge Europa Roman in drei Büchern Erster Band Die Poeten 1. Konstantin an Valerius . Den 20. März 1830 . Die Sehnsucht , wieder einmal mit Menschen umzugehen , läßt mich schreiben - mit Menschen , denn hier gibt es nur Oberpräsidenten , Unteroffiziere , Leutnants , Regierungsräte usw. So wenig Ihr - ich hoffe , Du wirst mein Sendschreiben unserem erlauchten Kreise mitteilen - nach diesem Eingange von meinem hiesigen Nichtleben erwarten möget , so fange ich doch damit an , und gehe erst später zu Angenehmerem . Wenn zur Glückseligkeit weiter nichts erforderlich ist als gutes Essen und Trinken , Tabak , Whist , Pikett , Patentvisiten , Gesellschaften , reine Wäsche und ein gutes Bett , so bin ich jetzt überaus glücklich . Doch ist mir ' s , als fehlten mir noch einige Kleinigkeiten . Man lebt hier ein thrakisches ( böotisch ist durch uns nobilitiert ) und selbst für mich , der ich doch kein Kostverächter bin , tragisches Leben . Ich lebe wie mit zugeschnürter Kehle und denke an die Poesie wie an eine verbotene Frucht . Neben der pupillarischen Substitution , der Intestat-Erbfolge und der querela inofficiosi testamenti geht mir der Bernhard von Weimar sporenklirrend im Kopf herum , nur seh ' ich zuviel Schwierigkeiten , den Mann dramatisch zu besiegen . Gibt ' s im poetischen Vereine viel Neues ? Ich habe sehr wenig gemacht und bin nur einmal aus diesem Sibirien nach Spanien gegangen . Uhland scheint wieder zu erwachen ; ich habe schon hin und wieder Kleinigkeiten von ihm gelesen - das wäre für mich von großer Wichtigkeit , denn er veredelt und erhebt mich immer sehr : mein demokratisches Treiben grinset mich zuweilen ein wenig an , nur in ihm ist es ewig schön , ja ist es das Urschöne . Dem Fähnrich Pistol , meinem liederlichen Hippolyt gib die Beilage , grüß den William und die böotischen Brüder und lebe wohl - hörst Du , lebe wohl ! - A propos , ich verweise Dich auf das Abenteuer , das Du am Schluß des beiliegenden Briefes findest ; ich sehe Dein Stirnrunzeln und Deine drohende Unterlippe und höre des finsteren William grollende Worte : » Es ist und bleibt ein rohes Volk « - ich hoffe , Du sprichst als echter Tragöde jetzt nur in Jamben . » Auf Donnerstag , mein Graf ? - Die Frist ist kurz ! « Ade , Du dunkelfarbiger Romeo ! Konstantin an Hippolyt . Ein Lied nüchtern zu singen . 1. Und es war ein Mann zu Bahri , der hieß Semajah , der blies die Posaune und sprach : 2. Was trotzest du also und freust dich deiner Schande ? 3. Deine Zunge trachtet nach Schaden , und schneidet mit Lügen wie ein scharfes Schermesser . 4. Du redest lieber Böses denn Gutes , und falsch denn recht . Sela . 5. Du redest gern alles , was zum Verderben dient mit falscher Zunge . Sela . 6. Darum wird dich auch Gott ganz und gar zerstören und aus deiner Hütte reißen und aus dem Lande der Lebendigen dich ausrotten . Sela . 7. Ich aber werde bleiben wie ein grüner Ölbaum im Hause Gottes usw. Ich hoffe , mein Hippolyt , Du hast das sorgfältig gelesen , und bist jetzt in einem gesammelteren Zustande . Ach , Dein Brief duftete wieder so kräftig nach Sekt , daß ich auch ohne die Handschrift zu kennen , und ohne Unterschrift den Autor sogleich würde erraten haben . Sage mir , lieber Junge , kommt es wohl noch vor , daß Du Dich in einer ganz nüchternen Stimmung befindest ? O pfui ! und Du hattest doch so schöne Vorbilder ; ich sah Dich früher oft in Gesellschaft eines wohlbeleibten Mannes mit einem heiteren Blick und sittigen Betragen , hat der all seinen Einfluß auf Dich verloren ? Ich will es nicht hoffen , mein Fähnrich ! Der heitere Mann hat ein kleines Fläschlein zarten Ausbruchs vor sich stehen , er trinkt Dir ein mäßiges Gläschen zu , tu ihm Bescheid und befolg seine Lehren . In Deiner wilden Unbändigkeit rennst Du also jetzt nach einem Epos ? Wunderlich , als stiege die epische Lust aus gleichem Stoff - ich suche eben auch . Ich sehe Dich des Vormittags bei verhangenen Fenstern wirtschaften , die Helden abschlachten , und Dein wildes Haupt stolz in den Nacken werfen . Ich hoffe wenigstens , daß Du aus Dankbarkeit deutsch schreibst ; denn wahrlich , die geringe Zivilisation , welche Du besitzest , hast Du doch lediglich uns zu danken ; nicht viel anders als der schwarze Falke vom Lorenzstrome kamst Du in unsere erlauchte Gesellschaft . Fähnrich , tu mir die Freundschaft an , schreib deutsch , es ist die schönste Sprache . Nur bei schwerem Sekt , Du kennst das edle Gewächs , das eben vor meinen Blicken goldglühend wächst - nur bei schwerem Sekt ließ sich Pistols und Sir Johns zungenschweres , lallendes Englisch verbrauchen . Schreib deutsch , Pistol ! Es ist eine Universalsprache , selbst wenn Dir die duftigen Träume des Guadalquivir wiederkommen , wie sie Dich manchmal in sternenheller oder morgenfrüher Seligkeit des Julius an den Boden warfen , selbst wenn Deine spanische Jugend die weichen weißen Arme um Dich schlägt - hat die deutsche Sprache auch nicht Deine wollüstigen spanischen Liebestöne , so hat sie doch eine göttliche Zärtlichkeit , die mich selbst oft vor ihr erröten macht . Schreib deutsch , Hippolyt ! Ich habe noch neulich Tassos Jerusalem gelesen ! Ja , aus jener Zeit ist es schön usw. , aus den dunkeln Lagunen , wo die romantische Verborgenheit und unergründliche Tiefe der Sehnsucht , wo das tiefblaue Dunkel des zurückgestrahlten Himmels die Sinne umstrickt , - aber ich würde es für keinen Gewinn halten , wenn wir heutzutage mit dergleichen beschenkt würden . Ich bin sehr beschäftigt , und zwar mit den verschiedenartigsten Dingen . Es besucht mich fast niemand , und ich gehe nur wöchentlich zweimal zu einem Bekannten , mit dem ich Schach spiele , lese , und dessen Flügel ich benutze . Die Musik kommt mir seit langer Zeit vornehm , fremd vor , es ist mir , als ob sie mich über die Achseln ansähe - so war ' s doch früher nicht , und ich begreife durchaus nicht , was der Dame einfällt - ich glaube , sie liebt den Sekt nicht . Auch bringt sie mich stets ein wenig aus dem Gleise , es wird mir , als säß ich einer früheren Geliebten gegenüber , der ich untreu geworden , Jünglingserinnerungen klopfen mich unsanft wie Fächerschläge auf die Wangen - es ist wunderlich , aber ich kann das Klavierspiel nicht lassen , es ist eine schmerzliche Lust , mit alten Geliebten zu plaudern . Außerdem ist das Theater meine einzige Erholung . Ich bin wirklich , so sehr ich mir Mühe gebe , auch wenn ich ausgestreckt auf dem Sofa liege , nicht ganz ruhig . Ich schreibe dies und das , reiße mich aber mit Gewalt wieder los , denn ich will einige Zeit wieder etwas lernen . Ich weiß nicht , was das Volk in mir für eine Wirtschaft treibt , es gebärdet sich manchmal wie eine mit der Regierung unzufriedene Nation . Ich hoffe , das Studieren wird sie beschwichtigen . Ich gäbe viel darum , wenn ich jetzt unseres kleinen Kupido Chronik hier hätte . Wenn einmal jemand mit einem zu leichten Wagen hieher fährt , so pack ' ihm doch das Ding auf . Was macht Kupido ? Sitzt er noch in den Bergen bei seiner idyllischen Landschöne ? Sein letzter Brief war wie die Sage eines wandernden Minstrels ; der Junge lauft im Lande umher , schöne Mädchen zu suchen . Ich fürchte , er wird nächstens einmal der Polizei in die Hände fallen und uns Schande machen , was man so Schande nennt . Heute wäre so ein rechter Phantasietag , wenn wir beisammen wären ; es regnet und stürmt , und dunkelglühende Grogschatten ziehen vorüber . Aber ich will dem Salamander abschwören , er stört mich jetzt , denn ich bin mitten in einer Liebesintrige . Höre , wie das kam ! Ich saß vorn im Sperrsitz des Theaters und sah der Gaukelei zu . Ein junges Soubrettchen machte mir Spaß , sie war so nett und fix und rund und drall : Du weißt , das lieb ' ich . Bald darauf kam sie im Ballett wieder zum Vorschein . Hochgeschürzt entwickelte sie einen behenden , makellosen Wuchs , eine geregelte muntere Formenschönheit schoß aus Fuß- und Handspitzen blitzende Funken in mich . Mein Nachbar meinte , es sei ein unternehmendes Kind , und Dein Sir John verfügte sich alsbald hinter das Geheimnis der schützenden Kulissen . Glühend sprang sie eben aus der Szene herein in die dunkle Verborgenheit , als wollte sie heiß dem Korydon in die Arme fliegen . Der Korydon war da und stellte sich ihr sehr lebhaft vor , eine kurze Topographie seines inneren neuentdeckten Terrains entwerfend , die üppige Vegetation seiner Triften beschreibend . Das muntere Ding nahm es harmlos auf , und im raschen Flusse der Worte und Begebenheiten - denn die phantastische Welt des Balletts spielte im Köpfchen noch weiter - überließ sie sich nach geringem Sträuben der Woge meines Anerbietens , sie nach Hause zu geleiten . Ich schwor bei Pistols Sekt und Fallstaffs Schwert - sie hatte Heinrich IV. wahrscheinlich noch nicht gesehen - ich würde die Stadt anzünden , wenn sie nicht in diesem reizenden Kostüme bliebe , sie gewährte , warf den Mantel um und wir gingen . Dabei , lieber Hippolyt , muß ich im Vorbeigehen dem Valerius recht geben , und ihm Dank sagen ; er behauptete oft , wenn von dem Reiz der Schauspielerinnen die Rede war , daß man mit diesen Damen nur verkehren müßte , wenn sie noch in selbigem Anzuge seien , der sie auf der Bühne geschmückt , mit dem Gewande schwinde die Illusion , und man bekäme ein Gedicht in schleppende Prosa übersetzt . Wahrhaftig , die Welt der Täuschung ist ja das einzige , was am Leben erfreut , ein Narr , der einen Fetzen davon aufgibt . Das Gepränge der Täuschung macht die Schauspielerinnen gefährlich , - wer möchte in die Gefahr eingehen und den Glanz wegwerfen . Eine Bajadere in ein Kattunkleid gesteckt , das zwei Ellen lang , lieben wollen , heißt sich an einer Statue ergötzen , die gegen die Witterung in Leinwand gehüllt ist . Kurz , ich führte meine Bajadere nach Hause und sprach geflügelte Worte mit ihr . Aber das Erzählen ist träg - ein andermal von Euern Taten , Sir John - Ade , mein Fähnrich ! 2. Konstantin an Valerius . Ich lebe hier noch ebenso einförmig , wie ich Dir ' s geschildert habe : äußerst selten ein poetischer Augenblick - ein nüchternes Vegetieren . Es weiß der Himmel , woran das liegt . Ich gebe mir alle ersinnliche Mühe , das zu ändern - Du wirst dies aus meinen philantropischen Bestrebungen im Briefe an Hippolyt erkennen . Ich suche tastend nach allen Spitzen meiner Gemütsnerven : es geht nicht ; wenn ich neben Rosa sitzend einen an seinem Endpunkte erreicht habe , so schnellt er mir immer wieder davon . Es ist sehr ärgerlich . - Durch Goethe hab ' ich sehr große Begier nach Italien bekommen , - ich will es indessen versuchen , hier seine Elegien nachzuleben . Aber ich glaube , es ist italische Sonne und italischer Himmel nötig , denn ich schaffe alle Ingredienzien seiner Poesie herbei , aber ich kann das Getränk nicht zustande bringen . Du glaubst nicht , Valerius , was ich mir für Mühe gebe , poetisch zu genießen . Es weiß der Kuckuck , warum es nicht gehen will . Da ich hier nichts vernünftiges Neues und Deutsches auftreiben kann , so hab ' ich mich an ältere französische und englische Schriftsteller gemacht , wie Le Sage , Lorenz Sterne usw. Es ist merkwürdig , wie ihre Satire beinahe ganz noch auf unsere Zeit paßt . Die Menschheit muß doch viel stehende Gebrechen haben . Ihr schreibt so dürftig wie für einen Bettelmann . Gebt mir doch nicht so karge Tropfen , Ihr wißt ja , wie ich die vollen Gläser liebe . Vom Kupido gar nichts , und doch will und muß ich mit dem Kleinen in Verbindung bleiben . Bessert Euch ! - Ade . Konstantin an Hippolyt . Fähnrich , auf ein Wort ! Ihr müßt bis tief in die Nacht bei der ehrsamen Witwe von Ephesus im Promenadengäßchen gesessen haben , daß Ihr nicht dazu gekommen seid , meine Epistel zu beantworten . Ich will nicht hoffen , Pistol , daß meine Intrige so wenig Interesse für Dich gehabt hat , ich sollte doch meinen , sie müßte Deinem abenteuerlichen Sinne zusagen . Wem soll ich sie denn erzählen , wenn Du nicht hören willst . Vor Valerius hab ' ich in dieser Rücksicht eine unüberwindliche Scheu - wäre er prüde und fromm wie William , und sagte er mir wie dieser : Du bist ein unmoralischer Mensch , so würde ich lachen , und es würde mich nicht berühren : Du weißt , wie ich über objektive Moral denke . Aber ich sehe seine großen klaren Augen dabei zentnerschwer auf mich fallen und mit erdrückender Wehmut auf mir verweilen - das ertrag ' ich nicht . Ich weiß , er gestattet eine rein subjektive Sittlichkeit , aber sein wenn auch wohlwollender Blick dringt so schonungslos in alle Ritze meines Wesens , daß ich immer zu fühlen glaube , es beginne ein murmelndes Bröckeln und Lösen meiner inneren Wände . Er richtete , als ich ihm einst ein ähnliches Abenteuer erzählte , nur drei fragende Worte an mich : » Bist du froh ? « und meine phantastische Welt war auseinandergejagt wie Kosakenschwärme durch einen Kanonenschuß . Ich mag es mir nicht gern gestehen , und doch ist es so : er ist mir unbequem bei derlei Dingen . Ich halte mich dabei lieber an Dich wilden Burschen und den leichtbesohlten Kupido . Meine Schöne heißt Rosa und ist wirklich scharmant . Sie ist von der Größe , die nicht auffällt , wobei man nicht an die Größe denkt , aber in den schönsten Wellenlinien gewachsen . Die Taille schneidet sich so kühn ein , daß man daran zweifelt , und gedrängt wird , sie zu umfassen . Zu meinem großen Vergnügen ist sie frei von dem mir so verhaßten Wuchs der Weiber , welcher von der Hüfte an in einem plumpen , krummen Beine alle Leichtigkeit , Eleganz , Grazie des Ganges und der Erscheinung vernichtet . Solche Weiber sind wie die Chinesen nur zum Sitzen da , ihr Gang ist ein stetes Besiegen von Hindernissen , jeder Tritt muß erkämpft werden , - das ist mir entsetzlich lästig ; während die wohlige Freiheit in Rosas Bewegungen mich hebt und entzückt . Man findet in Abbildungen aus alter Zeit niemals eine Annäherung an jenen Knieholzwuchs des weiblichen Unterkörpers ; es scheint eine neuere schlechte Mode zu sein , die vielleicht von irgend einer übeln Angewohnheit oder Beschäftigung der Mütter herrührt . Dergleichen Dingen sollte die Medizin nachforschen , und die Polizei sollte ihr dann an die Hand , gehen - es ist eine der größten gesellschaftlichen Sünden , fehlerhaft häßlich zu sein ( eine regelmäßige Häßlichkeit ist auszunehmen ) - ich wäre überhaupt dafür , alles mangelhaft Geborene sogleich dem Chaos wiederzugeben , wie der Metallkünstler das Verunglückte wieder in die Masse wirft , und es zu ersäufen . Ich hoffe , Du weißt , Fähnrich , was ein schönes Bein ist - es ist ein Hauptvorzug der Spanierinnen , und ich gebe außerordentlich viel darauf , es ist das Motiv der Erscheinung . Rosa geht wie ein flüssiger Daktylenvers . Von der Hüfte an nämlich strebt in schönstem Schwunge die runde volle Form immer sanft nach außen , dem Schauenden sich entgegendrängend , man sieht in den sanften Linien das Weiche und Elastische ausgedrückt und ergötzt sich doch an der springenden Kühnheit des Grundzuges , welcher da , wo das Bein in die Nähe des Fußes kommt , durch den liebenswürdigsten kleinen Bogensprung die genialste Verbindung mit diesem bewerkstelligt . Zu oben gerügtem schlechten Wuchse des Unterkörpers gehört nämlich auch , daß das Bein perpendikulär auf einen horizontalen Fuß sich aufsetzt und beide zusammen das fatalste Dreieck bilden . Bein und Fuß sondern sich wie Staatsgewalten - das ist widerwärtig platt . Bei Rosa hüpft das Bein in gerundetem hohem Spann auf den Fuß , und dadurch erhält der ganze Körper jene schaukelnde über alles bestechende Grazie , welche der fliegende Poet vor dem schwerfälligen Philosophen voraus hat . Nun hat Rosa nicht die unangenehme Manier sovieler leicht und rasch gewachsenen Mädchen , daß sie in ihrem Gange tänzelte und hüpfte , eine Manier , die so unschön ist wie das Zappeln mit den Fingern - nein , sie geht , aber schön und leicht wie ein anmutiger Gedanke . Wie wenige unserer eleganten Damen wissen zu gehen ! Es muß eine Selbständigkeit , eine Unabhängigkeit im Gange sein , die ein wohltätiges Gefühl von sicherer Freiheit erweckt , der Gang muß das Zeichen des Sieges über die träge Erde sein - bei den meisten Weibern ist er das Zeichen des Kampfes . Die Straffheit der Muskeln spielt mit dem schwerfälligen Boden , wenn die Dame schön geht , sie ringt mit ihm , wenn unschön . Daher ist es so greulich , wenn plump Gewachsene einen sogenannten Anlauf nehmen - es wird mir so unbehaglich dabei , als wenn ich schwere Gänse zum Fliegen ansetzen sehe . Es ist dann ein Rücken , Ziehen und Heben der Schultern und Hüften , ein Lenken und Renken mit den Armen - das schönste Mädchen könnte durch solchen Gang meine Illusion zerstören . Rosas Leichtigkeit hält mein Wünschen in stetem Schweben , sie erzeugt eine ästhetische Behaglichkeit , wie ich sie über alles liebe . Auch ihr Kopf , Hals , Nacken , ihre Schultern - alles atmet in einer rasch gebogenen Wellenlinie soviel Leichtigkeit , daß mein Auge auf diesen geflügelten Formen mit einer Wonne herumhüpft , wie die heiterste Sehnsucht nach Lust in warmer Sommernacht auf den spielenden , lauen Lüftchen . Nichts an allen diesen Formen ist starrer Stillstand , wie plätschernde Wellen nickt und wiegt alles . Ein reiches , nußbraunes Haar trägt sie auf griechische Weise leicht hinter dem Scheitel zusammengenestelt ; wie herausfordernde lose Schalke fliegen die kleinen zierlichen Löckchen vom Hinterkopf herunter , als wollten sie erinnern , man müßte die vorüberfliegende Schönheit der Nymphe fassen . Glatt liegt vorn das Haar an der weißen runden Stirn , und nichts von dem vielfachen Unrat des Kopfputzes unserer Modedamen stört das lachende Oval des ganzen Köpfchens . Zierlich schwingen sich die schmalen dunklen Augenbrauen über das weite lachende Auge hin , eine leicht gebogene Nase deutet auf fröhlichen Unternehmungsgeist , ein kleiner Mund mit schmalen Lippen auf verschwiegene Lust , das ganze zurückgeworfene Köpfchen , das sich auf einem länglichen schneeweißen Halse wiegt , auf Übermut . Die blendenden Schultern sind , harmonisch mit dem Bau der Hüfte , so überraschend schön nach dem Arme geschweift , daß der Blick in unbeschreiblicher Lust heruntergleitet zu dem vollen Händchen der rosenfingerigen Eos . Dies ist Rosa . Ich hoffe , Clauren malt sie Dir nicht deutlicher . Sie wohnt drei Treppen hoch , einfach aber niedlich . Eine alte Frau , die sie ihre Pflegemutter nennt , wohnt in einem kleinen Zimmer neben ihr - sie war nicht zu Hause , als wir aus dem Theater ankamen , und ist mir jetzt schon sehr im Wege ; solche alte Weiber sind bei Liebeshändeln die fatalste Grammatik , das auswendig zu lernende Vokabelbuch , ohne das man nicht zur ruhigen Lektüre des Poeten kommt , der in einer uns noch fremden Sprache geschrieben . Das ist ein Gucken und Schnüffeln und Fragen - der Mantel wird gestrichen , um aus der Qualität des Tuches Schlüsse auf die Qualität des Besitzers zu ziehen , nach der Uhr wird gelugt , ob sie von Gold oder Silber , das Taschentuch wird beäugelt , ob es von doppelter oder einfacher Seide ist - diese alten Weiber sind die Zollbeamten in den Liebesstaaten , und Zölle habe ich nie leiden mögen . Ich stehe mit dieser auch schon auf einem ärgerlichen Fuße . Darin ist doch nur die Jugend liebenswürdig ; sie kennt den Umfang ihrer Kräfte , also auch ihr Ende noch nicht , und fragt darum nie , wie weit oder kurz der Weg , es steht ihr noch alles offen , darum nimmt sie jeden Nahenden nur als einen kleinen Teil des Alls , und fragt und forscht nicht ängstlich nach ihm - sie rechnet nicht , weil sie ungekünstelt , und das Rechnen die größte Künstelei ist - sie schiebt die Summe der Teilnahme , welche man ihr schenkt , ungezählt in die Tasche , weil sie noch unzählige Summen erwartet . Ein alter Drache aber besieht jeden Pfennig , weil er berechnen kann , wieviel ihm noch abfallen werden . Das hat mich am meisten für Rosa gewonnen , daß sie sich um mein Aushängeschild gar nicht bekümmerte . Das ist die Poesie des Liebens , daß sie hundert Augen für den Liebenden und nicht einen Blick für den Bürger hat . Man redet sich ' s wenigstens vor , und weil man Täuschung sucht , findet man sie , es ist ja all dies Liebeswesen nur ein künstlich Gestell , ein ungeschickter Stoß und es kracht zusammen - die Leute , welche sich selbst und gegenseitig am geschicktesten zu täuschen verstehen , lieben am glücklichsten . Rosa konnte an Deinem wohlgebildeten und wie immer sehr elegant ausstaffierten Sir John leicht erkennen , daß er eine respektable Stelle in der bürgerlichen Gesellschaft einnehme - aber es freute mich doch , daß sie nicht fragte . Die kleine Bajadere bereitete auf das zierlichste Tee , und ich improvisierte ihr unterdes das Sujet eines phantastischen Balletts . Sie lachte und klatschte mitunter in die Hände dazu , machte rasch eine Pantomime meines Balletts , und setzte sich endlich behaglich zu mir aufs Sofa , sah mir lächelnd in die Augen , schlürfte Tee und versicherte mich , daß ich recht hübsch zu schwätzen wisse . Ich nahm ihre Hand und küßte sie , und behielt sie , und betrachtete mit Wonne den schönen weißen Arm , den sie im leichten Gewande bis dicht an die Schulter aufgeschürzt trug . Sie ließ mich einen Augenblick gewähren , dann zog sie die Hand zurück , ward still , sah mich sinnend an , lächelte endlich in sich hinein und nickte mit dem Köpfchen - ich fragte - - Genug für heut ; morgen mehr . 3. Konstantin an Hippolyt . Ich habe sehr schöne Gedanken und Reflexionen im Kopfe , aber ich weiß ja , was Du dazu sagst , wenn man sie zwischen Handeln und Tat spreut . » Handle , lebe , « pflegtest Du zu sagen - » von den sieben Weisen Griechenlands herunter haben die Leute philosophiert , systematisiert , schematisiert und doch nichts gelernt , sie haben alles in Formeln gebracht und darüber die schöne Zeit verloren , während welcher sie glücklich sein konnten . Lebe , sagtest Du mir beim Abschiede , und da Du ja auch ein Federheld bist , schreib mir ' s , wie und was Du lebst , aber ohne Beisatz , Beigeschmack und Brimborium ; schick mir das nackte Leben , und ich werd ' mir ' s schon selbst ankleiden . « Nun denn ! - Rosa gehört zu den wunderlichen Geschöpfen , welche die ersten Schritte der Bekanntschaft , wie Du gesehen , am auffallendsten erleichtern - das kommt von der Bühne . Die dramatischen Dichter machen sich das immer unglaublich leicht : die Personen sehen sich und merken alsobald beide , daß sie viel miteinander zu tun haben müssen , sie bombardieren sich ohne weiteres mit Sentiments , und wenn man ihnen nach einer viertelstündigen Bekanntschaft im ersten Akte viel zu schaffen macht , so gehen sie ohne weiteres im zweiten Akte miteinander durch - Pässe brauchen sie nie , und Geld findet sich immer . Ich lasse mir das im höheren Schauspiele gefallen , wo die modernen bürgerlichen Verhältnisse in ihrer Kleinheit verschwinden vor der künstlerischen Höhe der Gedanken und Gefühle , aber im Lustspiele bleibt ' s doch immer sehr drollig . Darum bin ich noch immer der Meinung , nur ein Mann von Welt wisse ein feines modernes Lustspiel zu schreiben . Es müßte denn wie in Williams Lustspiele das bunte Zelt phantastischer Poesis zum Ort der Handlung aufgeschlagen werden . Rosa fand unsere schnelle Bekanntschaft ganz in der Ordnung , alle die kleinen Nebenwege der gewöhnlichen Liebschaften sind ihr durch die Bühne abgeschlossen worden , sie fängt auf dem Punkte an , wo andere Mädchen nach mannigfachen telegraphischen Depeschen , verhüllten Andeutungen , Pfänderspielen , gegenseitigen Träumen , schüchternen Worten , geflügelten Sonetten , Notenaustausch usw. anlangen . Ich gestehe , das ist Mangel eines romantischen Reizes , das ist selbst mir zu modern , obwohl sehr bequem . Auf jenem Punkte bleibt sie nun aber stehen ; das ist ein Mißverhältnis in den einzelnen Teilen , reizt mich zwar ein wenig , ist mir aber unbehaglich . Man läuft gern lang nach einer goldenen Frucht , aber am Baume angekommen streckt man nicht gern die Hand tagelang aus . Sie duldet meinen Kuß auf den Arm , auf die Schulter , aber wenn ich sie umfasse und auf den Mund küssen will , so hält sie mir den Mund zu und wehrt mich entschieden ab . Das würde mir bald langweilig werden , wäre sie nicht gar so hübsch . Die alte Pflegemutter hatte zu Muhmen und Basen geschwatzt , ich wolle Rosa heiraten - meinen Namen hatte sie schon am andern Tage erfahren - das hat sich bald verbreitet , und heute fragt mich meine Schwester danach . Das ist mir sehr fatal und verleidet mir die Sache . Das Ganze wird dadurch so platt bürgerlich . Was einem das dumme Volk das Leben erschwert ! Das Märchen konnte so duftig einsam abgesungen werden , wie in einem dunkeln Kiosk im Morgenlande . Ich werde an Rosa schreiben und versuchen , der Sache einen andern Schwung , eine andere Wendung zu geben . Ade ! 4. Valerius an William . Breslau , am Himmelfahrtstage 1830 . Ich hätte früher an Dich geschrieben , Freund , wär ' ich nicht gar zu sehr beschäftigt gewesen ; ich würde Dir mehr schreiben , wäre ich ' s nicht noch . Womit aber ? frägst Du barsch . Mit mir selbst . Später ein paar Worte darüber , jetzt zu der Besorgnis , die mich in diesem Augenblicke drängt . Ich habe eben von Konstantins Schwester einen Brief erhalten , worin sie mich beschwört , alles aufzubieten , um den Aufenthalt ihres Bruders zu entdecken , der seit mehreren Tagen verschwunden ist . Man hat seine Abwesenheit während der ersten Nacht und des nächsten Tages unbeachtet gelassen , da dergleichen - Du hast ja oft genug dagegen gescholten - zuweilen bei ihm vorkam , namentlich wenn er mit Hippolyt den Shakespeare paraphrasierte . Nach der zweiten Nacht hat man suchen lassen - umsonst . Man hat zu Rosa geschickt - dies ist eine junge schöne Dame , mit der er ein Liebesverhältnis entriert hat - sie hat schnippisch geantwortet , man solle verloren gegangene junge Suitiers nicht bei ihr suchen . Des Tags darauf hat das schnippische Dämchen auch gefehlt und das Repertoir in Unordnung gebracht . Ihre Pflegemutter , die , Gott weiß , ob unterrichtet oder nicht , zurückgeblieben , ist heulend und weinend zu Konstantins Schwester gekommen . Diese Frau Martha , denn so scheint sie mir auszusehen , hat auf Berlin gedeutet - Du hast ja lebhafte Verbindungen dahin , tu doch rasch alles mögliche , um mir Klarheit für die arme Schwester zu verschaffen . Du begreifst , daß ich in meiner einsamen Wohnung , fern vom Getümmel des Stadtverkehrs , mürrisch mit den bleichen Worten der Theologen redend , und in tiefschattigen Schmerzen vergangener Herrlichkeit herumwandelnd weniger geeignet bin , einen Flüchtling zu entdecken . Doch möchte ich so gern die Schwester beruhigen . Es ist so hart vom schlimmen Konstantin , ein so weiches Herz mit rauhen Händen anzufassen . Er hat sie so oft verletzt durch seine abscheuliche Opposition gegen die Gesetze des Herkömmlichen , die seinem barocken Sinn nicht behagen . Dennoch liebt sie ihn mit einer Fürsorge , warm wie Maiensonne . O , das Herz des Weibes ist reicher denn alle Welt , welche hineingeht , denn es liebt mit dieser Welt noch eine andere - die besten von uns lieben kaum etwas von dieser . Gehab Dich wohl und antworte ! Hippolyt tritt eben ein , hört stumm und lächelnd die Geschichte an , und läßt Konstantin ersuchen , wenn ihn Deine Kundschafter finden , ihm von Berlin ein Exemplar der Lusiade zu besorgen , weil er hier keins auffinde . Übrigens meinte er , sei es unnütz , den Konstantin zu beunruhigen - man solle die Schwester durch irgend eine Nachricht zufriedenstellen und jenen ungestört lassen , bis er sich selbst melde . Tu aber nur , wie