Wassermann , Jakob Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Jakob Wassermann Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens Es ist noch dieselbe Sonne die derselben Erde lacht ; aus demselben Schleim und Blute sind Gott , Mann und Kind gemacht . Nichts geblieben , nichts geschwunden , alles jung und alles alt , Tod und Leben sind verbunden , zum Symbol wird die Gestalt . Erster Teil Der fremde Jüngling In den ersten Sommertagen des Jahres 1828 liefen in Nürnberg sonderbare Gerüchte über einen Menschen , der im Vestnerturm auf der Burg in Gewahrsam gehalten wurde und der sowohl der Behörde wie den ihn beobachtenden Privatpersonen täglich mehr zu staunen gab . Es war ein Jüngling von ungefähr siebzehn Jahren . Niemand wußte , woher er kam . Er selbst vermochte keine Auskunft darüber zu erteilen , denn er war der Sprache nicht mächtiger als ein zweijähriges Kind ; nur wenige Worte konnte er deutlich aussprechen , und diese wiederholte er immer wieder mit lallender Zunge , bald klagend , bald freudig , als wenn kein Sinn dahintersteckte und sie nur unverstandene Zeichen seiner Angst oder seiner Lust wären . Auch sein Gang glich dem eines Kindes , das gerade die ersten Schritte erlernt hat : nicht mit der Ferse berührte er zuerst den Boden , sondern trat schwerfällig und vorsichtig mit dem ganzen Fuße auf . Die Nürnberger sind ein neugieriges Volk . Jeden Tag wanderten Hunderte den Burgberg hinauf und erklommen die zweiundneunzig Stufen des finstern alten Turmes , um den Fremdling zu sehen . In die halbverdunkelte Kammer zu treten , wo der Gefangene weilte , war untersagt , und so erblickten ihre dicht gedrängten Scharen von der Schwelle aus das wunderliche Menschenwesen , das in der entferntesten Ecke des Raumes kauerte und meist mit einem kleinen weißen Holzpferdchen spielte , das es zufällig bei den Kindern des Wärters gesehen und das man ihm , gerührt von dem unbeholfenen Stammeln seines Verlangens , geschenkt hatte . Seine Augen schienen das Licht nicht erfassen zu können ; er hatte offenbar Furcht vor der Bewegung seines eignen Körpers , und wenn er seine Hände zum Tasten erhob , war es , als ob ihm die Luft dabei einen rätselhaften Widerstand entgegensetzte . Welch ein armseliges Ding , sagten die Leute ; viele waren der Ansicht , daß man eine neue Spezies entdeckt habe , eine Art Höhlenmensch etwa , und unter den berichteten Seltsamkeiten war nicht die geringste die , daß der Knabe jede andre Nahrung als Wasser und Brot mit Abscheu zurückwies . Nach und nach wurden die einzelnen Umstände , unter denen der Fremdling aufgetaucht war , allgemein bekannt . Am Pfingstmontag gegen die fünfte Nachmittagsstunde war er plötzlich auf dem Unschlittplatz , unweit vom Neuen Tor , gestanden , hatte eine Weile verstört um sich geschaut und war dann dem zufällig des Weges kommenden Schuster Weikmann geradezu in die Arme getaumelt . Seine bebenden Finger wiesen einen Brief mit der Adresse des Rittmeisters Wessenig vor , und da nun einige andre Personen hinzukamen , schleppte man ihn mit ziemlicher Mühe bis zum Haus des Rittmeisters . Dort fiel er erschöpft auf die Stufen , und durch die zerrissenen Stiefel sickerte Blut . Der Rittmeister kam erst um die Dämmerungsstunde heim , und seine Frau erzählte ihm , daß ein verhungerter und halbvertierter Bursche auf der Streu im Stall schlafe ; zugleich übergab sie ihm den Brief , den der Rittmeister , nachdem er das Siegel erbrochen , mit größter Verwunderung einige Male durchlas ; es war ein Schriftstück , ebenso humoristisch in einigen Punkten wie in andern von grausamer Deutlichkeit . Der Rittmeister begab sich in den Stall und ließ den Fremdling aufwecken , was mit vieler Anstrengung zustande gebracht wurde . Die militärisch gemessenen Fragen des Offiziers wurden von dem Knaben nicht oder nur mit sinnlosen Lauten beantwortet , und Herr von Wessenig entschied sich kurzerhand , den Zuläufer auf die Polizeiwachtstube bringen zu lassen . Auch dieses Unternehmen war mit Schwierigkeiten verknüpft , denn der Fremdling konnte kaum mehr gehen ; Blutspuren bezeichneten seinen Weg ; wie ein störrisches Kalb mußte er durch die Straßen gezogen werden , und die von den Feiertagsausflügen heimkehrenden Bürger hatten ihren Spaß an der Sache . » Was gibts denn ? « fragten die , welche den ungewohnten Tumult nur aus der Ferne beobachteten . » Ei , sie führen einen betrunkenen Bauern « , lautete der Bescheid . Auf der Wachtstube bemühte sich der Aktuar umsonst , mit dem Häftling ein Verhör anzustellen ; er lallte immer wieder dieselben halb blödsinnigen Worte vor sich hin , und Schimpfen und Drohen nutzte nichts . Als einer der Soldaten Licht anzündete geschah etwas Sonderbares . Der Knabe machte mit dem Oberkörper tanzbärenhaft hüpfende Bewegungen und griff mit den Händen in die , Kerzenflamme ; aber als er dann die Brandwunde verspürte , fing er so zu weinen an , daß es allen durch Mark und Bein ging . Endlich hatte der Aktuar den Einfall , ihm ein Stück Papier und einen Bleistift vorzuhalten , danach griff der wunderliche Mensch , und malte mit kindisch-großen Buchstaben langsam den Namen Caspar Hauser . Hierauf wankte er in eine Ecke , brach förmlich zusammen und fiel in tiefen Schlaf . Weil Caspar Hauser , so wurde der Fremdling von nun ab genannt , bei seiner Ankunft in der Stadt bäurisch gekleidet war , nämlich mit einem Frack , von dem die Schöße abgeschnitten waren , einem roten Schlips und großen Schaftstiefeln , glaubte man zuerst , es mit einem Bauernsohn aus der Gegend zu tun zu haben , der auf irgendeine Weise vernachlässigt oder in der Entwicklung verkümmert war . Der erste , der dieser Meinung entschieden widersprach , war der Gefängniswärter auf dem Turm . » So sieht kein Bauer aus « , sagte er und deutete auf das wallende hellbraune Haar seines Häftlings , das etwas nicht ausdrückbar Unberührtes hatte und glänzend war wie das Fell von Tieren , die in Finsternis zu leben gewohnt sind . » Und diese feinen weißen Händchen und diese sammetweiche Haut und die dünnen Schläfen und die deutlichen blauen Adern zu beiden Seiten des Halses , wahrhaftig , er gleicht eher einem adligen Fräulein als einem Bauern . « » Nicht übel bemerkt « , meinte der Stadtgerichtsarzt , der in seinem zu Protokoll gegebenen Gutachten neben diesen Merkmalen die besondere Bildung der Knie und die hornhautlosen Fußsohlen des Gefangenen hervorhob . » So viel ist klar « hieß es am Schluß , » daß man es hier mit einem Menschen zu tun hat , der nichts von seinesgleichen ahnt , nicht ißt , nicht trinkt , nicht fühlt , nicht spricht wie andre der nichts von gestern , nichts von morgen weiß , die Zeit nicht begreift , sich selber nicht spürt . « Die hohe Polizeibehörde ließ sich durch ein solches Urteil nicht aus dem vorgesetzten Gang der Untersuchung lenken ; es bestand der Verdacht , daß der Stadtgerichtsarzt durch seinen Freund , den Gymnasialprofessor Daumer , beeinflußt und zu diesen Überschwenglichkeiten verführt worden sei . Der Gefängniswärter Hill wurde beauftragt , den Fremdling insgeheim zu belauern . Er spähte oft durch das verborgene Loch in der Türe , wenn sich der Knabe allein wähnen mußte ; aber es war immer derselbe traurige Ernst in den bald schlaffen und beklommenen , bald wie durch den Anblick eines unsichtbaren Furchtgebildes verzerrten und zerrissenen Zügen . Es war auch vergeblich , nachts , wenn er schlief , an sein Lager zu schleichen , hinzuknien , auf den Atem zu horchen und zu warten , ob er verräterische Worte aus dem Innern auf die Lippen trug ; Leute , die Übles im Schild führen , pflegen nämlich aus dem Schlaf zu reden , auch schlafen sie eher bei Tag als bei Nacht , wo sie ihren Gedanken und Entwürfen nachhängen ; aber diesen umfing der Schlummer , sobald die Sonne sank , und er erwachte , wenn sich der erste Morgenstrahl durch die verschlossenen Läden zwängte . Es konnte Argwohn wecken , daß er jedesmal zusammenzuckte , wenn die Tür seines Gefängnisses geöffnet wurde ; wahrscheinlich jedoch gab sich darin nicht die Angst eines schuldbewußten Gemüts zu erkennen , sondern vielmehr eine übermäßige Erregbarkeit der Sinne , denen jeder Laut von außen zu qualvoller Nähe kam . » Unsre Herren auf dem Rathaus werden noch viel Papier beschmieren müssen , wenn sie auf dem Weg weiterkommen wollen « , sagte der gute Hill eines Morgens , es war der dritte Tag der Haft Caspar Hausers , zu Professor Daumer , der den Fremdling besuchen wollte ; » ich kenne gewiß alle Schliche des Lumpenvolks , aber wenn der Bursche ein Simulante ist , will ich mich hängen lassen . « Hill sperrte auf , und Professor Daumer trat in die Kammer . Wie gewöhnlich erschrak der Gefangene , aber als der Ankömmling einmal im Raum war , schien ihn Caspar Hauser nicht mehr zu gewahren und schaute , bezaubert im dumpfen Nichtwissen , still vor sich nieder . Da geschah es , als Hill den Fensterladen geöffnet hatte , daß der Knabe , vielleicht wie nie zuvor in seinem Leben , den gefesselten Blick erhob , ihn von der schweigenden , gleichmäßigen Furcht wegkehrte , die das Innere seiner Brust beherbergen mochte , und ihn durchs Fenster hinausschweifen ließ in das besonnte Freie , wo Ziegeldach an Ziegeldach sich steil und glühend rot auf einem Hintergrund von bläulich dämmernden Wiesen und Wäldern malte . Er streckte seine Hand aus ; Überraschung und freudloses Staunen verzog seine Lippen , zögernd griff er mit dem Arm in das funkelnde Gemälde , als ob er das bunte Durcheinander draußen mit den Fingern anfassen wolle , und als er sich überzeugt hatte , daß es nichts war , etwas Fernes , Trügerisches , Ungreifbares , da verfinsterte sich sein Gesicht , und er wandte sich unwillig und enttäuscht ab . Am selben Nachmittag kam der Bürgermeister Binder in Daumers Wohnung und teilte im Verlauf eines Gesprächs über den Findling mit , daß die Herren vom Stadtmagistrat eher feindlich und ungläubig als wohlwollend gegen diesen gestimmt seien . » Ungläubig ? « entgegnete Daumer verwundert , » in welcher Beziehung ungläubig ? « » Nun ja , man nimmt an , daß der Bursche sein Gaukelspiel mit uns treibt « , versetzte der Bürgermeister . Daumer schüttelte den Kopf . » Welcher Mensch von Verstand oder Geschicklichkeit wird sich aus purer Heuchelei dazu herbeilassen , von Brot und Wasser zu leben , und alles , was dem Gaumen behagt , mit Ekel von sich weisen ? « fragte er . » Um welches Vorteils willen ? « » Gleichviel , « antwortete Binder unschlüssig ; » es scheint eine verwickelte Geschichte . Da niemand sagen noch vermuten kann , worauf das Spiel hinaus will , ist Vorsicht um so mehr geboten , als man durch leichtsinnige Gutgläubigkeit den gerechten Hohn der Urteilsfähigen herausfordert . « » Das klingt ja beinahe , als ob nur die Zweifler und Neinsager urteilsfähig heißen könnten « , bemerkte Daumer stirnrunzelnd . » Von der Gilde haben wir leider genug . « Der Bürgermeister zuckte die Achseln und blickte den jungen Lehrer mit jener milden Ironie an , welche die Waffe der Erfahrenen gegenüber den Enthusiastischen ist . » Wir haben eine neuerliche Untersuchung durch den Gerichtsarzt beschlossen « fuhr er fort . » Der Magistratsrat Behold , der Freiherr von Tucher und Sie , lieber Daumer , sollen dieser Untersuchung kommissarisch beiwohnen . Der aufzunehmende Akt wird dann , zusammen mit den bereits vorhandenen , polizeilichen Protokollen , der Kreisregierung überschickt . « » Ich verstehe : Akten , Akten « , sagte Daumer spöttisch lächelnd . Der Bürgermeister legte ihm die Hand auf die Schulter und erwiderte gutmütig : » Seien Sie nicht so überlegen , Verehrter ; unsre Welt schmeckt nun einmal nach Tinte , und daran habt ihr Bücherwürmer doch wahrlich nicht die wenigste Schuld . Übrigens « , er griff in die Rockbrust und brachte ein zusammengefaltetes Stück Papier zum Vorschein , » als Mitglied der Kommission werden Sie gebeten , Einblick in ein wichtiges Dokument zu nehmen . Es ist der Brief , den unser Gefangener beim Rittmeister Wessenig abgegeben hat . Lesen , Sie . « Das mit keiner Namensunterschrift versehene Schreiben lautete : » Ich schicke Ihnen hier einen Burschen , Herr Rittmeister , der möchte seinem König getreu dienen und will unter die Soldaten . Der Knabe ist mir gelegt worden im Jahre 1815 , in einer Winternacht , da lag er an meiner Tür . Hab selber Kinder , bin arm , kann mich selber kaum durchbringen , er ist ein Findling , und seine Mutter hab ich nicht erfragen können . Hab ihn nie einen Schritt aus dem Haus gelassen , kein Mensch weiß von ihm , er weiß nicht , wie mein Haus heißt , und den Ort weiß er auch nicht Sie dürfen ihn schon fragen , er kann es aber nicht sagen , denn mit der Sprache ist es noch schlecht bei ihm bestellt . Wenn er Eltern hätte , wie er keine hat , wär was Tüchtiges aus ihm geworden . Sie brauchen ihm nur etwas zu zeigen , da kann er es gleich . Mitten in der Nacht hab ich ihn fortgeführt , und er hat kein Geld bei sich , und wenn Sie ihn nicht behalten wollen müssen Sie ihn erschlagen und in den Rauchfang hängen . « Als Daumer gelesen hatte , gab er dem Bürgermeister das Schriftstück zurück und ging mit ernster Miene auf und ab . » Nun , was halten Sie davon ? « forschte Binder ; » einige unsrer Herren sind der Ansicht , der Unbekannte selbst könne den Brief geschrieben haben . « Daumer hielt mit einem Ruck in seiner Wanderung inne schlug die Hände zusammen und rief : » Ach , du himmlische Gnade ! « » Dazu ist natürlich gar kein Grund vorhanden « , beeilte sich der Bürgermeister hinzuzufügen . » Daß bei der Abfassung des Schreibens eine zweckvolle Tücke gewaltet hat , daß es dazu bestimmt ist , Nachforschungen zu erschweren und irrezuführen , ist offenbar . Es ist eine schnöde Kaltherzigkeit im Ton , die mir von Anfang an den Verdacht erregt hat , daß der Jüngling das unschuldige Opfer eines Verbrechens ist . « Eine mutige Meinung , in welcher der Bürgermeister durch einen Vorgang sehr bestärkt wurde , der sich ereignete , kurz nachdem die Herren von der Kommission am folgenden Morgen das Gefängnis Caspar Hausers betreten hatten . Während der Wärter damit beschäftigt war , den Knaben zu entkleiden , ließ sich drunten in einer Gasse am Burgberg eine Bauernmusik hören und zog mit klingendem Spiel an der Mauer vorüber . Da lief ein grauenhaft anzuschauendes Zittern über den Körper Hausers , sein Gesicht , ja sogar seine Hände bedeckten sich mit Schweiß , seine Augen verdrehten sich , alle Fibern lauschten dem Schrecken entgegen , dann stieß er einen tierischen Schrei aus , stürzte zu Boden und blieb zuckend und schluchzend liegen . Die Männer erbleichten und sahen einander ratlos an . Nach einer Weile näherte sich Daumer dem Unglücklichen , legte die Hand auf sein Haupt und sprach ein paar tröstende Worte . Dies wirkte beruhigend auf den Jüngling , und er wurde stille ; nichtsdestoweniger schien der ungeheure Eindruck des gehörten Schalls seinen Leib von innen und von außen verwundet zu haben . Tagelang nachher zeigte sein Wesen noch die Spuren der empfundenen Erschütterung ; er lag fiebernd auf dem Strohsack , und seine Haut war zitronengelb . Teilnahmsvollen Fragen gegenüber war er allerdings herzlich bewegt , und er suchte nach Worten , um seine Erkenntlichkeit zu beweisen , wobei sein sonst so klarer Blick sich in dunkler Pein trübte , besonders für den Professor Daumer , der zwei- bis dreimal täglich zu ihm kam , legte er eine zärtliche Dankbarkeit , schweigend oder stammelnd , dar . Bei einem dieser Besuche war Daumer mit dem Knaben ganz allein , und das zum erstenmal ; der Wärter hatte auf seine Bitte das untere Tor abgesperrt Er saß dicht neben dem Gefangenen , er redete fragte , forschte , alles mit einem vergeblichen Aufwand von Innigkeit , Geduld und List . Zum Schluß beschränkte er sich darauf , das Tun und Lassen des Jünglings voll Spannung zu beobachten . Plötzlich stieß Caspar Hauser seine verworrenen Laute aus : er schien etwas zu fordern und spähte suchend herum . Daumer erriet bald und reichte ihm den gefüllten Wasserkrug , den Hill auf die Ofenbank gestellt hatte - Caspar nahm den Krug , setzte ihn an die Lippen und trank . Er trank in langen Schlücken , mit beseligter Gelöstheit und einem begeisterten Aufleuchten der Augen , wie wenn er für den kurzen Zeitraum des Genusses vergessen hätte , daß das dämonisch Unbekannte auf allen Seiten ihn bedrängte . Daumer geriet in eine seltsame Aufregung . Als er nach Hause kam , durchmaß er länger als eine halbe Stunde mit großen Schritten sein Studierzimmer . Gegen acht Uhr pochte es an der Tür , seine Schwester trat ein und rief ihn zum Abendessen . » Was glaubst du , Anna « , rief er ihr lebhaft und mit beziehungsvollem Ton zu , » zwei mal zwei ist vier , wie ? « » Es scheint so « , erwiderte das junge Mädchen , verwundert lachend , » alle Leute behaupten es . Hast du denn entdeckt , daß es anders ist ? Das sähe dir ähnlich , du Aufwiegler . « » Nicht gerade das hab ich entdeckt , aber doch etwas der Art « , sagte Daumer heiter und legte den Arm um die Schulter der Schwester . » Ich will einmal unsre braven Philister tanzen lassen ! Ja , tanzen sollen sie mir und staunen . « » Betrifft es etwa gar den Findling ? Hast du was mit ihm vor ? Sei nur auf der Hut , Friedrich , und laß dich nicht in Scherereien ein , man ist dir ohnedies nicht grün . « » Gewiß « , gab er , rasch verstimmt , zur Antwort , » das Einmaleins könnte Schaden leiden . « » Nun , weiß man noch gar nichts über den Sonderling ? « fragte bei Tisch Daumers Mutter , eine sanfte , alte Dame . Daumer schüttelte den Kopf . » Vorläufig kann man nur ahnen , bald wird man wissen « , entgegnete er mit starr nach oben gerichtetem Blick . Am folgenden Tag brachte die » Morgenpost « einen Artikel , der die Überschrift trug : Wer ist Caspar Hauser ? Wenngleich auf diesen Appell keiner der Leser eine Antwort zu erteilen vermochte , wurde der Zudrang der Neugierigen so groß , daß das Bürgermeisteramt sich genötigt sah , die Besuchsstunden durch eine strenge Vorschrift zu regeln . Bisweilen standen die Leute Kopf an Kopf vor der offenen Tür des Gefängnisses , und in allen Gesichtern war die Frage zu lesen : Was ist es mit ihm ? Was ist es für ein Mensch , der die Worte nicht versteht und dennoch sprechen kann , die Dinge nicht erkennt und dennoch sehen kann , der zu lachen vermag , kaum daß sein Weinen zu Ende , der arglos scheint und geheimnisvoll ist und hinter dessen unschuldig leuchtenden Augen vielleicht Übeltat und Schande verborgen sind ? Sicherlich spürte der Gefangene , spürte es schmerzlich , was die lüstern auf ihn gerichteten Blicke begehrten , und der Wunsch , ihnen zu willfahren , erzeugte möglicherweise die erste erhellende Dämmerung , welche ihm selbst die Vergangenheit langsam begreiflich machte , so daß er in beunruhigter Brust nach dem Gewesenen tastete , ein Gewesenes erst fühlte und die Gegenwart damit verband , im tiefsten schaudernd an der Zeit messen lernte , was sie verändernd mit ihm getan , und was er sah , mit dem verglich , was er ehedem gesehen . Er begriff das Fordernde der Frage und ward des Mittels inne , die verlangenden Mienen zu befriedigen . Mit durstigen Sinnen suchte er das Wort . Sein flehentlicher Blick grub es heraus aus dem sprechenden Mund der Menschen . Hier war Daumer in seinem Element . Was keinem andern , dem Arzt nicht , dem Wärter nicht , dem Bürgermeister nicht , den Protokollanten erst recht nicht gelingen wollte , das vermochte nach und nach seine Behutsamkeit und zweckvolle Geduld . Die Person des Findlings beschäftigte ihn aber auch dermaßen , daß er seiner Studien und privaten Obliegenheiten , ja beinahe seines öffentlichen Amtes darüber vergaß , und er erschien sich wie ein Mann , den das Schicksal vor das ihm allein bestimmte Erlebnis gestellt hat , wodurch sein ganzes Sein und Denken eine glückliche Bestätigung erfährt . Unter seinen Notizen über Caspar Hauser lautete eine der ersten wie folgt : » Diese in einer fremden Welt hilflos schwankende Gestalt , dieser schlafumfangene Blick , diese angstverhaltene Gebärde , diese über einem etwas verkümmerten Untergesicht edel thronende Stirn , auf welcher Frieden und Reinheit strahlen : es sind für mich Zeugen von unbesiegbarer Deutkraft . Wenn sich die Vermutungen bewahrheiten , mit denen sie mich erfüllen , wenn ich die Wurzeln dieses Daseins aufgraben und seine Zweige zum Blühen bringen kann , dann will ich der stumpfgewordenen Welt den Spiegel unbefleckten Menschentums entgegenhalten , und man wird sehen , daß es gültige Beweise gibt für die Existenz der Seele , die von allen Götzendienern der Zeit mit elender Leidenschaft geleugnet wird . « Es war ein schwieriger Weg , den der eifervolle Pädagoge ging . Da , wo er zu beginnen hatte , war die menschliche Sprache ein wesenloses Ding , Wort um Wort mußte erst seinem Sinn angeheftet , Erinnerung erst erweckt , Ursache und Folge in ihrer Verkettung erst entschleiert werden . Zwischen einer Frage und der nächsten lagen Welten des Begreifens , ein Ja , ein Nein , oft hilflos hingeworfen , galt noch nichts , wo jeder Begriff erst aus der Dunkelheit erstand und die Verständigung von Vokabel zu Vokabel stockte . Und doch schien ein Licht wie aus weit entfernter Vergangenheit den Geist des Jünglings viel rascher zu beflügeln , als selbst der hoffnungsselige Daumer zu erwarten gewagt hatte . Es war erstaunlich , mit welcher Leichtigkeit und Kraft er einmal Gesagtes festhielt und wie er aus dem Chaos unlebendiger Laute das für ihn Lebendige und Bedeutungsvolle bildvoll hervorzauberte , so daß es Daumer zumute war , als hebe er bloß Schleier von den Augen seines Schützlings , als spiele er die Rolle des Lauschers bei den langsam hervorquellenden Erinnerungen . Er hielt den Körper , indes der Geist des Knaben zurückkehrte in den Bezirk , von wo er kam , und eine Kunde brachte , dergleichen kein Ohr je vernommen . Bericht Caspar Hausers , von Daumer aufgezeichnet Soweit Caspar sich entsinnen konnte , war er immer in einem dunkeln Raum gewesen , niemals anderswo , immer in demselben Raum . Niemals den Menschen gesehen , niemals seinen Schritt gehört , niemals seine Stimme , keinen Laut eines Vogels , kein Geschrei eines Tieres , nicht den Strahl der Sonne erblickt , nicht den Schimmer des Mondes . Nichts vernommen als sich selbst , und doch nichts von sich selber wissend , der Einsamkeit nicht innewerdend . Das Gemach muß von geringer Breite gewesen sein , denn er glaubte , einmal mit ausgestreckten Armen zwei gegenüberliegende Wände berührt zu haben . Vordem aber schien es unermeßlich groß ; angekettet an ein Strohlager , ohne die Fessel zu sehen , hatte Caspar niemals den Fleck Erde verlassen , auf dem er traumlos schlief , traumlos wachte . Dämmerung und Finsternis waren unterschieden , so wußte er also um Tag und Nacht ; er kannte ihre Namen nicht , allein er sah die Schwärze , wenn er einmal in der Nacht erwachte und die Mauern entschwunden waren . Er hatte kein Maß für die Zeit . Er konnte nicht sagen , wann die unergründliche Einsamkeit begonnen hatte , er dachte zu keiner Stunde daran , daß sie einmal enden könne . Er spürte keinerlei Verwandlung an seinem Leibe , er wünschte nicht , daß etwas anders sein solle , als es war , es schreckte ihn kein Ungefähr , nichts Künftiges lockte ihn , nichts Vergangenes hatte Worte , stumm lief die regelvolle Uhr des kaum empfundenen Lebens , stumm war sein Inneres wie die Luft , die ihn umgab . Wenn er am Morgen erwachte , fand er frisches Brot neben dem Lager und den Wasserkrug gefüllt . Bisweilen schmeckte das Wasser anders als sonst ; wenn er getrunken hatte , verlor er seine Munterkeit und schlief ein . Nach dem Aufwachen mußte er dann das Krüglein sehr oft in die Hand nehmen , er hielt es lange an den Mund , doch floß kein Wasser mehr heraus ; er stellte es immer wieder hin und wartete , ob nicht bald Wasser komme , weil er nicht wußte , daß es gebracht wurde ; hatte er doch keinen Begriff , daß außer ihm noch jemand sein könne . An solchen Tagen fand er reines Stroh auf seinem Bette , ein frisches Hemd am Körper , die Nägel beschnitten , die Haare kürzer , die Haut gereinigt . All das war im Schlaf geschehen , ohne daß er es gemerkt , und kein Nachdenken darüber umflorte seinen Geist . Ganz allein war Caspar Hauser nicht ; er besaß einen Kameraden . Er hatte ein weißes Pferdchen aus Holz , ein namenloses , regungsloses Ding und gleichwohl etwas , in dem sein eignes Dasein sich dunkel spiegelte . Da er die lebendige Gestalt in ihm ahnte , hielt er es für seinesgleichen , und in den matten Glanz seiner künstlichen Augenperlen war alles Licht der äußeren Welt gebannt . Er spielte nicht mit ihm , nicht einmal lautlose Zwiesprach hielt er mit ihm , und obwohl es auf einem Brettchen mit Rädern stand , dachte er nie daran , es hin und her zu schieben . Aber wenn er sein Brot aß , reichte er ihm jeden Bissen hin , bevor er ihn selbst zum Mund führte , und bevor er einschlief , streichelte er es mit liebkosender Hand . Das war sein einziges Tun in vielen Tagen , langen Jahren . Da geschah es einst während der Zeit des Wachens , daß sich die Mauer auftat , und von draußen her , aus dem Niegesehenen , erschien eine ungeheure Gestalt , ein Niegesehener , der erste Andre , der das Wörtchen Du sprach und den Caspar deshalb den Du nannte . Die Decke des Raumes ruhte auf seinen Schultern , etwas unverständlich Leichtes und Veränderliches war in der Bewegung seiner Glieder , ein Lärm war um ihn , der das Ohr füllte . Laut um Laut floß rasch von seinen Lippen , zu atemlosem Hören zwang das Leuchten seiner Augen , und an seinen Kleidern hing das Draußen als ein betäubender Geruch . Von den vielen Worten , die aus dem Munde des Du kamen , verstand Caspar zunächst keines , aber durch tieferregtes Aufmerken begriff er allmählich , daß der Ungeheure ihn fortbringen wolle , daß das Ding , das seine Einsamkeit geteilt , den Namen Roß trug , daß er andre Rosse erhalten werde und daß er lernen solle . » Lernen « , sagte der Du immer wieder , » lernen , lernen . « Und wie um klarzumachen , was das heiße , stellte er einen Schemel mit vier runden Füßen vor ihn hin , legte ein Blatt Papier darauf , schrieb zweimal den Namen Caspar Hauser und führte beim Nachschreiben Caspars Hand . Dies gefiel Caspar , weil es schwarz und weiß aussah . Darauf legte der Du ein Buch auf den Schemel und sprach , auf die winzigen Zeichen deutend , die Worte vor . Caspar konnte sie alle wiederholen , ohne irgend den Sinn erfaßt zu haben . Auch andre Worte und gewisse Redensarten plapperte er nach , die ihm der Mann vorsagte , zum Beispiel : » Ich möcht ein solcher Reiter werden wie mein Vater . « Der Du schien zufrieden ; jedenfalls um ihn zu belohnen , zeigte er ihm , daß man das Holzpferd auf dem Boden hin und her rollen könne , und damit vergnügte sich Caspar , als er am andern Morgen erwachte . Er schob das Rößlein vor seinem Lager auf und ab , wobei ein Geräusch entstand , das den Ohren wehe tat ; deshalb ließ er es wieder und begann dafür mit dem Pferd zu reden , indem er die unverständlichen Laute aus dem Munde des Du nachahmte . Es war eine wunderliche Lust für ihn , sich selbst zu hören , er hob die Arme und füllte den Raum mit seinem freudigen Gelall . Seinen Kerkermeister mochte dies verdrießen und beunruhigen , er wollte ihn zum Schweigen bringen : auf einmal sah Caspar einen Stab über seine Schulter sausen und spürte zugleich einen so heftigen Schmerz auf dem Arm , daß er vor Schrecken nach vorn fiel . Mitten in der Angst machte er die erstaunliche Wahrnehmung , daß er nicht mehr ans Lager angebunden war . Eine Zeitlang verhielt er sich ganz stille , dann versuchte er , vorwärts zu rutschen , aber ihm graute als er mit seinen bloßen Füßen die kalte Erde berührte . Mit Mühe erreichte er sein Lager und versank sofort in Schlaf . Es wurde dreimal Nacht und Tag