Spitteler , Carl Die Mädchenfeinde www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Carl Spitteler Die Mädchenfeinde Abschied von Sentisbrugg Noch bis zum letzten Feriendonnerstagabend hatten sie gemeint , die armen Kadettenbüblein , es könne einfach nicht sein , daß sie wieder fort müßten von Sentisbrugg , in die mürrische Stadt und den hässigen Zank der Schule . Sie hatten sich eingebildet , im schlimmsten Fall , wenn jede Hoffnung geschwunden wäre , so daß sie längst nicht mehr daran dächten , werde sich zu allerletzt die Natur ins Mittel legen und irgendeine rettende Katastrophe stiften , zum Beispiel ein Erdbeben - warum denn nicht ? das komme ja vor - oder eine Überschwemmung , oder eine Lehrerseuche , oder eine plötzliche Kriegserklärung , was weiß ich . Und den langen , schönen Donnerstagnachmittag waren sie auf der Gaisfluh gelegen , geduldig auslugend , ob nicht vielleicht die französischen Kürassiere links den Berg heraufgesprengt kämen oder von rechts die badischen Jäger mit finstern Waffenröcken und schmetternden Trompeten . Erst jetzt , als sie nach ergebnisloser Erwartung niedergeschlagen heimkehrten , mit Efeu , das ihnen die Hirtenmädchen umgehängt , überwuchert wie zwei wandelnde Gartenlauben , und im Dämmerzwielicht gewahrten , wie die Großmutter erbarmungslos den Koffer packte , begriffen sie , daß sie von der ganzen Welt verraten waren . Da kletterten sie in ihrem Elend zuoberst auf den Ofen , leerten den Kater , der sich dort in einer Jacke eingenistet hatte und nicht wußte , will er weichen oder nicht , auf den Stubenboden und duckten sich in den Winkel . Und wie sie nun von da oben im Dämmerschein die Herrlichkeiten überschauten , die sie morgen verlassen mußten , das Uhrgehäuse mit der Geißel darin und dem Großvater daneben , dem seßhaften , dem man so bequem auf die Knie springen konnte , und die Fliege , die verschlafen auf dem Tisch herumspazierte und morgen , ach Gott , wenn sie schon längst fort waren , noch hier herumspazieren durfte , die Glückliche , verspürten sie solch ein unleidliches Weh , daß sie anfingen zu wimmern . Weil aber die Klagetöne so unerwartet natürlich hervorkamen , daß es sie selber erbarmte , gerieten sie auf den Einfall , man könnte möglicherweise auch Großelternherzen damit erweichen . Deshalb fuhren sie nun mit ihrem Jammer absichtlich fort , erst schüchtern und pröbelnd , hernach , als das nichts fruchtete , in zweistimmigem Crescendo , schließlich mit resolutem Heulen wie die Verdammten . Inzwischen rösteten die heißen Platten ihre Schenkel , so daß ihr Klagegesang in grimmige Schmerzensbeteuerungen ausartete ; unversehens raschelten sie in ihrem Efeugeheg über den Ofen hinab , knurrend wie zwei Pardel im Prärienbrand . Ohne rechten Glauben , nur um ja nichts zu unterlassen , versuchten sie noch eine letzte Möglichkeit : über Nacht schnell krank werden . Wie wird ein Mensch krank ? indem er sich erkältet ; wie erkältet sich ein Mensch ? dadurch , daß er nasse Füße bekommt . Folglich tauchten sie , als alle Welt schlief , die Füße ins Waschbecken , setzten sich im Hemd aufs Fensterbrett , die tropfnassen Füße nach außen , in die kühle Nachtluft gestreckt , und erwarteten dann in den Betten die Wirkung . » Gerold , bist du krank ? « schnellte der kleine Hansli aus den Kissen , als ihn die Morgensonne in die Augen blendete . » Leider nicht . Und du ? « » Nicht einmal Kopfweh . « Jetzt war es aus , einfach aus ; rundum nirgends mehr der Schatten einer Rettung . Da bemächtigte sich ihrer die Verzweiflung , und die Verzweiflung lud ihr Gemüt mit Weltwut . Weil sie sich aber gegenseitig Schimpf und Schande zuwarfen , dafür , daß der andere nicht krank geworden war , mündete die Weltwut in eine grimmige , strampelnde Bruderschlacht , die Fäuste in den Haaren , mich an die Wand , dich an die Wand , bis Gerold einen tüchtigen Kratzstriemen weg hatte und aus Hanslis Nase Blut tröpfelte ; das erleichterte . Das Waschbecken lag auch auf dem Boden ; das beruhigte . Nun halfen sie einander friedlich beim Ankleiden ; Gerold nestelte dem kleinen Infanteristen das gefältelte Vorhemd , Hansli schnallte dem Bruder Kanonier den Säbelgurt zu , ein mühseliges Geschäft , denn Gerold hatte sich in den Ferien allseitig abgerundet . Gestiefelt und geschmückt , stolz auf ihren funkelnden Kadettenstaat , den roßhaarbebuschten Tschako tief in der Stirn , betraten sie den Flur , meldeten ihre bevorstehende Ankunft mit Siegesgeschrei und ritten schnell wie der Biswind schlittlings die Stiegenlehne hinab . Unten wurden sie von den Großeltern empfangen . Zuerst erhielten sie vom Großvater den Tagesbefehl : Sie würden diesmal nicht mit der Post heimreisen , eröffnete er ihnen , bloß der Koffer fahre mit der Post ; für sie selber gebe es eine Ausnahmsgelegenheit , die Reise kostenlos auszuführen . » Paßt auf , was ich sage : Zuerst geht ihr zu Fuß bis nach Schönthal . - Ruhig , ihr könnt nachher jubeln , jetzt heißt es hören , was ich sage . - Den Weg nach Schönthal hinab , anderthalb Stündchen im höchsten Fall , werdet ihr allein finden , das ist kein Hexenwerk auf der breiten Fahrstraße ; wenn man ein Fäßchen in Sentisbrugg losließe , würde es von selber nach Schönthal rollen . Übrigens seid ihr ja alt genug , um nötigenfalls zu fragen . Mit Patrontasche und Säbel werden hoffentlich ein paar zwölfjährige Kadetten keine Kindsmagd mehr nötig haben . « » Elfjährig « , verbesserte Gerold , » zehnjährig « , krähte Hansli . » Zehnjährig oder zwölfjährig , das ist Nebensache . « » Der Dolf kann sie ja bis halbwegs Schönthal begleiten « , warf die Großmutter ein . » Meinetwegen , obschon es nicht nötig wäre ; der Schönthaler Fabrikschlot guckt ja rotgelb aus den Bäumen wie ein Wiedehopf . - In Schönthal erwartet euch der Götti Statthalter zum Mittagessen . Nachher kommt ein Wagen vom Landammann Weißenstein in Bischofshardt ; der holt das Töchterlein des Landammanns ab , das in Schönthal beim Fabrikdirektor Balsiger in den Ferien gewesen ist und ebenfalls am Montag wieder in die Schule muß . In dem Wagen dürft ihr bis Bischofshardt mit fahren - « » Pfui ! « » Wieso pfui ? Das sind doch Manieren ! ! Ihr fahrt doch sonst gerne in einem Wagen . « » Ja , aber das Mädchen ! « » Sie wird euch nicht beißen , ihr solltet es vielmehr für eine unverdiente Ehre anrechnen , mit solch einem feinen , wohlerzogenen Mädchen reisen zu dürfen , wie die Gesima Weißenstein . Aber laßt ihr mich eigentlich ausreden oder nicht ? Also mit der Gesima fahrt ihr im Wagen bis nach Bischofshardt , und morgen dürft ihr den ganzen Samstag beim Landammann bleiben ; wie er euch dann am Sonntag nach Aarmünsterburg weiterspediert , ist seine Sache . « Diesem Reiseverzeichnis fügte die Großmutter einige Weisungen , Warnungen und Ermahnungen bei . Mit dem Götti Statthalter in Schönthal , bei welchem sie zu Mittag essen werden , sei nicht zu spaßen ; der sei ein entsetzlich strenger Herr , vor welchem alles zittere , so daß sie sich dort doppelt vorsichtig und untadelhaft benehmen müßten . Sie dürften ihn also zum Beispiel nicht so patzig anglotzen , als wollten sie sagen : pumps , jetzt sind wir da , sondern ihm manierlich die Hand reichen . Im besonderen habe der Statthalter einen furchtbaren Haß gegen seinen eigenen Sohn , den Max , oder den Narrenstudenten , wie er im Kanton heiße ; sie sollten daher nie nach seinem Sohne fragen und , wenn von dem Max gesprochen werde , tun , als hörten sie nichts . Nämlich der Max sei leider fehlgeraten . » Der Max hat doch wenigstens niemals Schulden gemacht wie der Dolf « , bemerkte der Großvater bitter mit einem schmerzlichen Seufzer . Die Großmutter fuhr fort : Und mit der Gesima Weißenstein sollten sie fein säuberlich umgehen , denn die sei erschreckend vornehmer Leute Kind , und ihr Vater , der Landammann , würde vorkommenden Falls die mindeste Ungebührlichkeit grausam rächen . Mit säuberlich umgehen sei indessen nicht bloß gemeint , sie nicht zu hauen und auszuhöhnen , sondern höflich und zuvorkommend gegen sie zu sein und danke zu sagen . - » Gerold , wenn dich der Kater beißt , beklage dich nur nicht bei mir . « - Wenn in der Friedlismühle , wo sie vorbeikommen werden , jemand nach dem Onkel Dolf frage , so sollten sie antworten , es sei jetzt in Ordnung , und es komme in den nächsten Tagen ein ausführlicher Brief . Und im Althäusli , auf der letzten Wirtshausstation vor Bischofshardt , sollten sie nicht etwa einkehren ; denn im Althäusli wohne Lumpenware , mit welcher man nichts zu tun haben wolle . » Dieser Brief ist für die Frau Statthalter , der andere für eure Mama , der hier gehört in die Friedlismühle . Grüße an Papa und Mama und alle verstehen sich von selber , aber es kommt daneben hauptsächlich darauf an , daß man sie auch ausrichte . Und die Monika , die Magd bei Statthalters , solle so gut sein und auf den Sonntag für Kalbfleisch sorgen . Und der Doktor möchte doch von Schönthal heraufkommen , wegen der Urgroßmutter , womöglich heut noch , und Blutegel mitbringen , denn es gehe ihr nicht gut . Wenn sie Zeit hätten , sollten sie in Bischofshardt - « » Und so weiter und so weiter ! « schlossen die Buben , flüchteten durch die Tür und pflanzten sich entschlossen vor den Kaffeetisch . Ob sie nicht selber das Bedürfnis verspürten , von der Urgroßmutter Abschied zu nehmen und sie ein letztes Mal noch zu sehen , - mahnte eine Stimme aus dem Fenster , als sie reisefertig vor dem Hause ungeduldig auf und ab spazierten . Als sie in die Krankenstube der Urgroßmutter traten , erblickten sie etwas Merkwürdiges : den jungen Onkel Dolf , der schluchzend auf den Knien lag , während die Urgroßmutter mit keuchender Stimme auf ihn einredete : » Also heilig versprochen , Dolf , du machst keine Schulden mehr und lässest vom Marianneli und gehst nie mehr ins Althäusli ? Gib mir die Hand darauf . « Das tat der Onkel Dolf laut aufschluchzend . » Und heiratest die Therese von der Friedlismühle ? « » Ja « , flüsterte Dolf kaum hörbar . Da begann die Urgroßmutter zu beten , und der Großvater und die Großmutter umarmten den Dolf , der alsobald weinend aus der Stube stürzte . Jetzt kamen die Buben an die Reihe , von den Großeltern zum Krankenstuhl geschoben . » Liebe Kinder « , stöhnte die Urgroßmutter , dann , nach einer langen Atempause , daß man fürchtete , sie erstickte , stieß sie hervor : » grüßt mir eure Mutter . « Hierauf ließ sie sich in den Kissen aufrichten und reckte mit großer Anstrengung ihre Hände nach den Stirnen der Buben , unverständliche Worte lallend . Gerold begriff , erstaunte und erschrak andächtig . Das war ein Segen wie im Alten Testament , aber daß es heutzutage noch Segen gebe , hätte er nie gedacht ; er hatte gemeint , der Segen wäre seit tausend Jahren aus und vorbei wie die Wunder . Auch hatte er gemeint , ein Segen sei etwas Freudiges , Schönes , Glänzendes , mit einem goldenen Schimmer um den Kopf des Segnenden , und jetzt war die Urgroßmutter mit den aufgeschwollenen Gliedern , mit den blöden Augen , mit dem blutigen Waschbecken neben sich , so traurig und häßlich anzusehen , daß er fast hätte weinen müssen . Das jedoch war ihm deutlich : die Urgroßmutter brachte ihnen mit ihrem Segen das größte Geschenk , das ein Mensch anderen bringen kann ; denn durch diesen Segen waren sie fortan beide für ihr ganzes Leben gegen alles Unheil gefeit . » Ich danke dir für den Segen , Urgroßmutter « , sagte er treuherzig , » und der Hansli auch . « Er hatte es besser sagen wollen , allein er wußte nicht wie . Nun stand der Abreise nichts mehr im Weg , außer daß der Dolf , der sie halbwegs Schönthal begleiten sollte , immer nicht kommen wollte . Endlich kam er doch , und sofort stampften sie , Führer rechts , linken Fuß voran , von dannen ; und je schmerzlicher ihnen der Abschied wehe tat , desto stärker stampften sie . Der Onkel Dolf mußte offenbar krank sein , denn er sah bleich aus , hielt sich abseits von den Knaben und sprach auf dem ganzen Wege kein Wort zu ihnen . Sie aber machten unterdessen ihrem Groll , mit einem Mädchen reisen zu müssen , mit gedämpfter Stimme Luft , indem sie alle Unarten und Lächerlichkeiten der Mädchenrasse höhnisch zusammentrugen : ihre komische Erscheinung mit den unvernünftig langen Haaren und Röcken , mit den kindischen Trippelschritten , mit den geschwollenen Körperlinien , - ihre schmähliche Feigheit , so daß sie vor dem bloßen Anblick einer blanken Waffe sich die Augen , vor einem kleinen Pistolenschuß die Ohren zuhielten , - ihre verächtliche Schwachheit : eine ganze Schulklasse erwachsener Mädchen von einem einzigen schneeballbewehrten Buben in die Flucht zu schlagen , - ihre Eitelkeit und unmännliche Ziersucht , immer ein Spiegelein vor dem Gesicht und ein bunter Lappen am Hals und in den Haaren . - » Und hast du gesehen , wie sie schwimmen ? « flüsterte Gerold , » ekelhaft ! « » Zu allem obendrein sind sie noch falsch und hinterlistig und lügen « , berichtete Hansli , » der Briefträger hats zum Posthalter gesagt , ich habs gehört ; und der kanns wissen , er ist alt genug . « Da störte der Dolf unversehens ihre Unterhaltung ; schade ! noch nie hatten ihre Ansichten so übereingestimmt . » Seht ihr dort unten im Tal zwischen den Wäldern den gelben Fabrikschlot ? Das ist Schönthal ; ihr könnt jetzt unmöglich noch fehlen , in einer starken halben Stunde seid ihr dort . « Und zeigte ihnen mit dem Finger den Schlot . Dann stellte er die Kadetten zu beiden Seiten der Straße auf , Front gegen die Wiese und Rücken gegen Rücken . » Kannst du ein Geheimnis bewahren , Gerold ? « zischelte er ihm ins Ohr . Gerolds Blicke leuchteten stolz . » Diesen Brief gibst du heimlich dem Marianneli im Althäusli , aber ja niemand anders als ihr , und falls du das Marianneli nicht treffen solltest , so zerreiß den Brief . Verstanden ? « Hiemit nahm er ihm den Tschako ab und steckte den Brief in das Hutfutter . Hernach kommandierte er mit lauter Stimme : » Kadettenbataillon Aarmünsterburg , Augen zu ! « und steckte dem Gerold allerlei in die Frackschöße , dem Hansli in die Patrontasche . ( » Streichhölzer « , dachte Gerold , » ich riechs « ; » Pulver « , erriet Hansli , » ich merks . « ) » Alles gehört beiden gemeinsam « , erklärte Dolf , » aber Gerold hat den Oberbefehl darüber . - Achtung ! Bataillon Aarmünsterburg , Augen auf ! Front nach Schönthal ! Richt ' euch ! Vorwärts , Feldschritt , marsch ! « Da marschierten die Kadetten zu Tal , und der Dolf kehrte nach Hause zurück , bergauf , heim nach Sentisbrugg . Sobald er hinterm Rank verschwunden war , untersuchten die Buben ihre Geschenke . Richtig , wie sie vermutet hatten : Streichhölzer und Schwefelhölzer , Zunder und Pulver . Aber in welchem unglaublichen , fabelhaften Reichtum ! So viel hatten sie in ihren kühnsten Hoffnungsträumen kaum beisammen geschaut , geschweige denn in der Wirklichkeit . Wohl an die vier Pfund des feinsten Jagdpulvers ! - Gerold rang stöhnend nach Atem vor Überglück , Hansli tanzte wie besessen auf dem Fleck , dann blitzten sie einander aus den Augen einen Schwur entgegen . » Jetzt , ehe es zur Schule geht , das Leben genießen , gründlich , bis zum letzten Pulverkorn , hernach komme , was da wolle ! « Und stürmten in wahnsinnigem Lauf in den Wald , um einen abgelegenen Schlupfwinkel zu erspüren , durch Busch und Strupp , Dickicht und Dorn , über Wasser und Steine , blindlings , ohne Aufenthalt , aufwärts nach den Flühen . Eine einsame heiße Felsenkammer , deren jähe Mauern von stillem Buchenwald überwachsen waren , empfing sie ; hoch über Fluh und Wald kreiste ein leises Raubvogelpaar . » Hier ! « herrschte Gerold und begann die kriegerische Alchimistenware auf dem glühendsten Felsentisch auszubreiten . Aber ehe er die Hochzeit gestattete , hielt er zuerst dem kleinen Infanteristen vor dem Tiegel eine ernste Festpredigt , von der Last der Verantwortlichkeit redend , die er , als der Ältere , für seines Bruders Leben auf dem Gewissen trage , hernach vor den Tücken des Schießpulvers warnend , welches , von Berthold Schwarz Anno 1330 in Freiburg erfunden , mit wahrhaft teuflischer Hinterlist sich tot zu stellen pflege , um einem genau in dem Augenblick , da man anfange zu blasen , ins Gesicht zu springen ; endlich dem Bruder pyrotechnische Erörterungen über Lauffeuer , Feuerteufel und Erdminen gönnend , nebst den Rezepten und Handgriffen für die Zubereitung eines jeden dieser Gerichte . Nachdem Hansli mit begeistertem Blick nicht bloß die blindeste Disziplin zugesichert , sondern überdies Überraschungen der Klugheit in Aussicht gestellt , machten sie sich gierig ans Werk , worauf binnen kurzem unter ihren Schwarzkünsten die stille Felsenklause sich in eine donnernde , flammende und qualmende Hölle verwandelte , in welcher die beiden Kadetten wie zwei verklärte Salamander wirtschafteten . Fauchend pufften die Lauffeuer um den Sims des Gemäuers , blitzgeschwind , in abenteuerlichen Schlangenwindungen , gefolgt von träge nachkriechenden Wolkenkarawanen . Blutrote Funkengarben entsprühten zischend und knatternd den Feuerteufeln , höllisch anzusehen , doch gänzlich ungefährlich - man durfte sogar das Gesicht darüber halten ; ohnmächtige , selbstmörderische Vesuve , weiter nichts . Das Herrlichste aber waren doch die Minen . Freilich , Zeit brauchten sie ! Zeit ! Oder was meint ihr denn ? Ohne Schaufel und Pike die Erde auszuhöhlen , einzig mit den Fingern und einem kleinen Taschenmesser , das macht sich nicht so schnell ! Und dann hernach noch Gras und Blätter , Reiser und Steine herbeischleppen , aus allen Weltgegenden , zum Auffliegen - wenn ihr glaubt , das gehe nur so im Handkehrum , so täuscht ihr euch gewaltig . Allerdings wurde man dafür auch belohnt . Der Knall , wenn die Mine krachend aufflammte ! Und die Vergnügungsflüge der wie verrückt herumwirbelnden Hölzer und Kiesel in der Luft ! Und wenn das Feuerwerk von Knall und Flug fertig war , kam erst noch das Beste : ein schwarzlockiger Rauchball bolzgerade über die Buchenwipfel steigend , gefolgt von kleinen verspäteten Erdbeben , und ganz zuletzt wuschelten noch einige Pulverwölklein gleich Maulwürfen durch das Moos . Jedesmal , wenn eine Mine aufgeflogen war , sprangen sie hinzu und tanzten im Rauch ; wenn vollends ihnen nachträglich noch vereinzelte Hölzer und Steinchen um die Köpfe kartätschten , so wußten sie sich vor wahnsinniger Wonne und Bruderliebe gar nicht mehr zu helfen . Überhaupt , wie zeigt man eigentlich seinem Bruder , daß man ihn gern hat ? In dieser Zweifelsnot fraßen sie Pulver und fletschten einander mit dem Schwefelatem an . Vielleicht war das nicht der übliche Ausdruck der Sympathie , gleichviel , sie verstanden sich in dieser Sprache . » Das knallt schön ! « erscholl eine tiefe Männerstimme , als sie eben wieder eine Mine losgelassen hatten . Und wie sie sich umsahen , hielt ein Landjägerwachtmeister mit Ehrenzeichen auf der Brust und goldenen Schnüren am Ärmel hinter ihnen . Gerold stand vor Schreck versteinert , und Hansli hockte , er wußte selbst nicht wieso , plötzlich auf einem Felsblock oben . » Wir tun nichts Böses « , kreischte er von dort , » der Onkel Dolf hat es uns erlaubt . « Der Wachtmeister beruhigte sie lächelnd . Ein Landjäger , belehrte er , bedeute nicht notwendig das Gefängnis , ein solcher habe auch noch andere Obliegenheiten in der Welt . Zum Beispiel seien die Landjäger die Untergebenen des Regierungsstatthalters , welcher sie , wenn er wolle , unter anderm zum harmlosen Botendienst benütze . » Mazzmann ist mein Name , und der Statthalter von Schönthal , euer Götti , hat mich geschickt , nachzusehen , wo ihr bleibet und ob euch nicht etwa ein Unglück zugestoßen sei , oder ob ihr euch vielleicht verirrt habet . Ich könnte nicht gerade behaupten , daß es schwierig gewesen wäre , euch zu finden , man hat ja das Pulvern fast bis auf die Landstraße gehört und den Rauch über den Bäumen gesehen . Doch kommt jetzt ; ihr werdet Hunger haben . « Das war eine Idee ; Hunger , ja Hunger hatten sie . Beim Götti Statthalter Wie er lachte , der Götti Statthalter , als er ihnen bei den ersten Häusern von Schönthal entgegenkam ! lachte , lachte , schon von weitem , mit einem aus tiefster Brust schallenden Gelächter , daß man , ob man wollte oder nicht , mitlachen mußte . » Ihr seid ja Mohren ! « rief er ihnen zu . Dann lärmte er alles Volk links und rechts aus den Häusern und zeigte mit den Fingern nach den herankommenden Kadetten . » Die schaut an , die , die ! « donnerte seine Löwenstimme , » das , das , das sind doch einmal echte , wahre , gesunde , unverdorbene Buben ! so , so , so sollten sie sein . « Dazu knirschte er , ballte die Fäuste und blickte zornig in die Ferne . Zum Gruß nahm er den Hansli auf seine linke , den Gerold auf seine rechte Seite und drückte sie zärtlich gegen sich , so daß seine weiße Weste ganz schwarz von dem Abdruck ihrer Pulverköpfe wurde . » Wieviel Uhr meint ihr eigentlich , daß es sei ? « schmunzelte er mit pfiffigem Augenzwinkern . » Elf Uhr ! « riet der Kleine , » ein Uhr ! « steigerte Gerold . - Wiederum entließ der Götti fröhliches Gelächter . » Habt ihrs gehört ? « rief er unter die Leute , » elf Uhr ! ein Uhr ! - Zieht doch einmal meine Uhr aus der Tasche und seht nach . « » Vier Uhr « , meldete Hansli verblüfft . » Die Uhr geht nicht « , versetzte Gerold geschwind , mit gescheitem Blick . » So halt sie ans Ohr . « Sie ging . Jetzt strich er ihnen zärtlich über die Wangen . » Gute Buben « , schmeichelte er , mit kosendem Ton , etwa so , wie man zu einem Pferde spricht , während man ihm den Hals streichelt . Und auf dem ganzen Weg bis zur Statthalterei mußte klein und groß heraus , um die gesunden , unverfälschten Naturbuben zu bewundern . » Halt ! still ! kein einziges Wort des Vorwurfs ! « wehrte er einer schwachen , blassen Frau , die mit entsetztem Gesicht und erhobenen Armen aus der Statthalterei hervoreilte , » nicht eine Silbe des Tadels ! Ich würde dem Himmel auf den Knien danken , wenn einer der Buben da mein Sohn wäre , statt - « Den Rest des Satzes verschluckte er , doch seine Augen rollten vor Zorn und Haß . Die schwache Frau aber kehrte um und verschwand . » Haltet euch nur an mich « , sagte er hierauf vertraulich zu den Kadetten , » meine Frau meint es ja gewiß seelengut , allein vom Kindergemüt versteht sie so wenig wie die übrigen Frauen , wenigstens wenn es sich um Knaben handelt . « Als er jedoch die beiden nur so an den Eßtisch setzen wollte , der draußen fast auf der Straße zwischen den Oleanderbüschen gerüstet war , erschien seine Frau wieder , um Einspruch zu erheben , zwar mit tonloser , beinah versagender Stimme , doch mit zähem , entschlossenen Willen . Sie dulde und erlaube es einfach nicht , daß jemand in so verwahrlostem Zustande mit kohlschwarzen Gesichtern und Händen und zerrissenen und staubigen Kleidern sich an den Tisch setze ; erst müßten die Kinder gewaschen und notdürftig hergerichtet werden und überhaupt wieder halbwegs menschlich und anständig aussehen . Und behielt schließlich die Oberhand , trotz dem Achselzucken des Statthalters und seinem Maulen über die Herzlosigkeit und Grausamkeit des weiblichen Geschlechtes . Also wurden die Kadetten in eine Schlafstube neben dem Höfchen befördert , dort von der Statthalterin und der Monika ausgezogen , ihre Kleider zum Schneider , ihre Schuhe zum Schuhmacher geschickt ( » aber sofort ! und so geschwind als nur möglich , nur das Allernotwendigste , denn in einer Stunde müßten die Kinder wieder verreisen « ) , sie selber , einer nach dem andern , Gerold voran , auf den Tisch gestellt , eingeseift , gekämmt , gestriegelt und gebürstet . Während dieses Geschäftes hörte man durch die Wand den Statthalter im Nebenzimmer spektakeln : » Ihr , der Ihr einen Kutscher vorstellen wollt , und noch dazu einen herrschaftlichen , Ihr solltet doch wissen , daß man einem Pferd , ehe man es anspannt , zu fressen gibt ; geschweige denn einem Menschen . « Ob er denn keinen Funken Gefühl in der Brust habe , daß er zweien armen unschuldigen Kindern , die von morgens acht Uhr bis nachmittags vier Uhr nichts im Magen gehabt haben , zumute abzureisen , ehe sie gegessen hätten . Der Kutscher schien etwas zu erwidern , was man nicht verstehen konnte . » Das ist nichts als elendes , faules , einfältiges Geschwätz « , lärmte der Statthalter weiter , » Ihr kommt noch bequem nach Bischofshardt . Im Gegenteil , in der Abendkühle gibt es weniger Staub , und die Bremsen sind den Pferden nicht mehr so aufsässig . Nur ein Tierquäler ohne Herz und Gemüt kann auf den Einfall kommen , bei dieser infernalischen Hitze ein paar arme unschuldige Rößlein auf der Landstraße in Schweiß zu jagen . Und dem Wagen wird es wohl auch kein Rad abknappen , wenn er noch ein Viertelstündchen wartet . « Dann blieb es eine geraume Weile still nebenan . Hernach tönte es : » Guten Abend , Herr Statthalter . « » Guten Abend , Herr Balsiger ; was gibts Gutes ? womit kann ich aufwarten ? « » Ich glaube , Herr Statthalter , es ist besser , wir lassen Gesima allein abfahren , und die Buben kommen morgen vormittag mit der Post nach ; falls Sie etwa nicht Platz für beide haben sollten , so bin ich gerne bereit , den einen von ihnen , oder auch beide , über Nacht zu mir zu nehmen . « » An und für sich hätte ich durchaus nichts dagegen , daß die Buben die Nacht in Schönthal blieben « , antwortete der Statthalter nach einer kleinen Pause , mit nachdrücklicher Betonung , » denn es sind brave , gesunde , unverdorbene Buben . Sie sind mir auch nicht feil , niemand braucht sie mir abzunehmen . Aber bei mir heißt es : ein Wort ist ein Wort ; es ist zwischen uns abgemacht worden , sie sollten heute mit Gesima in des Landammanns Wagen nach Bischofshardt fahren . « » Bei mir heißt es ebenfalls : ein Wort ist ein Wort . Aber es war abgemacht worden , um zwei Uhr werde man fahren , und jetzt ist es bald fünf , und bis die Buben gegessen haben , kann es sechs Uhr werden . « » Sechs Uhr ist nicht zu spät ; in zwei Stündlein ist ein Wagen von hier in Bischofshardt . « » Meinetwegen , so sei es sechs Uhr , wenns nicht anders sein kann ; aber dann muß ich dringend bitten , nicht eine Minute später . « » Auf eine Minute früher oder später wirds auch nicht ankommen . « » Ich bitte um Verzeihung , wenn es um vier Stunden Verspätung nicht angekommen ist , so kommt es schließlich auf eine Minute an . « Jetzt erhob plötzlich der Statthalter seine Stimme zum donnernden Gebrüll , daß die Wände zitterten : » Herr Balsiger , ich bin ein einfacher Gemütsmensch . Aber wenn ich auch von Kunst und Ästhetik und Klassik und all dem überspannten Zeug nichts verstehe , so weiß ich doch , was recht und unrecht ist , und vielleicht besser als mancher , der sich wunder wieviel auf seine Bildung zugute tut . In welchem Gesetz , Herr Balsiger , steht denn geschrieben , daß ich nicht ebensogut ein Anrecht auf ein wenig Freude in der Welt haben sollte wie ein anderer ? Bis dato kenne ich keinen solchen Paragraphen . Aber das hätte ich nicht von Ihnen erwartet , Herr Balsiger , daß Sie mir geizig und neidisch die Minuten vorrechnen würden , um mir das Stündchen Gegenwart der braven Naturbuben zu verkürzen . Ich bin ein Gemütsmensch , Herr Balsiger , ich habe auch einen Lichtblick nötig . Woher aber soll ich den sonst beziehen ? Jedenfalls nicht von meinem Max . Weshalb übrigens gerade ich dazu verdammt bin , einen solchen Duckmäuser zum Sohne zu haben , ist mir noch heutigen Tages ein Rätsel . Da machen sie ein gewaltiges Wesen und Geschrei über den Sentisbrugger Dolf wegen ein paar Liebeleien und einiger lumpigen tausend Franken Schulden . Ich tauschte mit Vergnügen den Max gegen den Dolf . An dem Dolf ist doch wenigstens Natur und Rasse ,