Keyserling , Eduard von Dumala www.digitale-bibliothek.de / ebooks & nbsp ; Diese Datei wurde aus den Daten des Bandes DB125 : Deutsche Literatur von Luther bis Tucholsky mit der Software der Digitalen Bibliothek 5 erstellt und ist nur für den privaten Gebrauch des Nutzers der CD-ROM bzw. der DVD-ROM bestimmt . Bitte beachten Sie die Urheber- und Leistungsschutzrechte der Rechteinhaber der Daten . Eduard von Keyserling Dumala Der Pastor von Dumala , Erwin Werner , stand an seinem Klavier und sang : » Der Nebel stieg , das Wasser schwoll , Die Möwe flog hin und wied-e-r « - Er richtete seine mächtige Gestalt auf . Sein schöner Bariton erfüllte ihn selbst ganz mit Kraft und süßem Gefühl . Es war angenehm zu spüren , wie die Brust sich weitete , wie die Töne in ihr schwollen . » Aus deinen Augen liebevoll Fielen - die Tränen - nie-ie-der . « Er zog die Töne , ließ sie ausklingen , weich hinschmelzen . Seine Frau saß am Klavier , sehr hübsch mit dem runden rosa Gesicht unter dem krausen aschblonden Haar , hellbeleuchtet von den zwei Kerzen , die kurzsichtigen blauen Augen mit den blonden Wimpern ganz nah dem Notenblatt . Die kleinen roten Hände stolperten aufgeregt über die Tasten . Dennoch , wenn ein längeres Tremolo ihr einen Augenblick Zeit ließ , wagte sie es , von den Noten fort zu ihrem Mann aufzusehen , mit einem verzückten Blick der Bewunderung . Es war zu schön , wie der Mann , von der Musik hingerissen , sich wiegte , wie er wuchs , größer und breiter wurde , wie all das Süße und Starke , all die Leidenschaft herausströmten . Das gab ihr einen köstlichen Rausch . Tränen schnürten ihr die Kehle zusammen und um das Herz wurde es ihr seltsam beklommen . » Seit jener Stunde verzehrt sich mein Leib , Die Seele stirbt vor Seh-nen - « Die Stimme füllte das ganze Pastorat mit ihren schwülen Leidenschaftsrufen . Die alte Tija hielt im Eßzimmer mit dem Tischdecken inne , faltete ihre Hände über dem Bauch , schloß ihr eines , blindes Auge und schaute mit dem anderen starr vor sich hin . Dabei legte sich ihr blankes , gelbes Gesicht in andächtige Falten . Das ganze Haus , bis in den Winkel , wo die Katze am Herde schlief , klang wider von den wilden und schmelzenden Liebestönen . Sie drangen durch die Fenster hinaus in die Ebene , wo die Nacht über dem Novemberschnee lag ; ja vom nahen Bauernhof antwortete ihnen ein Hund mit langgezogenem , sentimentalem Geheul . » Mich hat das unglücksel ' ge Weib Vergiftet - vergiftet - - « Die Fenster bebten von dem Verzweiflungsruf . Die Katze erwachte in ihrer Ecke , die alte Tija fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und murmelte : » Ach - Gottchen ! « » Vergiftet mit ihren Tränen . « - Die kleine Frau lehnte sich in ihren Stuhl zurück , faltete die Hände im Schoß und sah ihren Mann an . Pastor Werner stand schweigend da und strich sich seinen blonden Vollbart . Er mußte sich auch erst wieder zurückfinden . Jetzt war es ganz still im Pastorate . Nur Tija begann wieder leise mit den Tellern zu klappern . » Wie Siegfried ! « kam es leise über die Lippen der kleinen Frau . » Wer ? « fuhr Pastor Werner auf . » Du « , sagte seine Frau . Werner lachte spöttisch , wandte sich ab und begann , die Hände auf dem Rücken , im Zimmer auf und ab zu gehen . So war es jedesmal , wenn er sich im Singen hatte gehen lassen , wenn er sich mit Gefühl vollgetrunken hatte . Dann kam der Rückschlag . Man hatte geglaubt , etwas Großes zu erleben , einen Schmerz , eine Leidenschaft , und dann war es nur ein Lied , etwas , das ein anderer erlebt hat , und die Winde des Zimmers mit ihren Photographien , die großen schwarz und rot gemusterten Möbel , all das beengte ihn , drückte auf ihn . Seine Frau saß noch immer am Klavier und starrte in das Licht . Auch bei ihr war der schöne Rausch der Musik vorüber . Nur eine müde Traurigkeit war übriggeblieben . Sie dachte darüber nach , warum er sich geärgert hatte , als sie » Siegfried « sagte . Das kam oft so . Wenn sie ganz voll von Begeisterung für ihn war , dann war ihm etwas nicht recht , und er lachte kalt und spöttisch . » Lene , essen wir nicht ? « fragte Werner . Da fuhr sie auf . » Natürlich ! Gefüllte Pfannkuchen ! « Und sie lief in die Küche hinaus . Am Eßtisch unter der Hängelampe war alles Fremde und Erregende fort . Wenn es ihm schmeckte , war Pastor Werner gemütlich , das wußte Lene . Dann konnte sie ruhig vor sich hinplaudern , ohne berufen zu werden , dann hatte sie das Gefühl , daß er ihr gehörte . » Die Baronin aus Dumala fuhr heute hier vorüber « , berichtete sie . » So « , meinte Werner , und sah über das Schnapsglas , das er zum Munde führen wollte , hinweg seine Frau scharf an : » Nun - und ? « » Nun , ja . Sie hatte eine neue Pelzjacke an . Entzückend ! « Werner trank seinen Schnaps aus und fragte dann : » Stand sie ihr gut , diese Jacke ? « Lene seufzte : » Natürlich ! Diese Frau ist ja so schön ! « » Was ist dabei zu seufzen ? « fragte Werner . » Laß sie doch schön sein . « » Weil ich sie nicht mag « , fuhr Lene fort , » deshalb . Sie will alle Männer in sich verliebt machen . Aber schön ist sie . « Werner lachte . » Was für Männer ? Die arme Frau pflegt ihren gelähmten Mann Tag und Nacht . Die sieht ja keinen . Eine neue Pelzjacke ist da doch eine sehr unschuldige Zerstreuung . « » Dich sieht sie doch . « Lene nahm einen herausfordernden Ton an , als suche sie Streit . Werner zuckte nur die Achseln . » Mich ! « » Ja dich « , fuhr Lene fort . » Und du bist doch auch in sie verliebt , - etwas - nicht ? « Heute ärgerte das Werner nicht . » Wenn du willst ! « meinte er . Die kleine Frau durfte heute ruhig mit ihm spielen , wie mit einem großen , gutmütigen Neufundländer . Ein wenig schweigsam war er , aber das pflegte er am Sonnabend immer zu sein , wenn die Predigt ihm im Kopfe herumging . Nach dem Essen saß das Ehepaar am Kaminfeuer . Durch das Fenster , an dem die Läden offen geblieben waren , schaute die bleiche Schneenacht in das Zimmer . Aus der Gesindestube klang Tijas dünne , zitternde Stimme . Sie sang einen Gesangbuchvers . » So ist ' s hübsch « , sagte Lene . » So ist ' s gemütlich ! Nicht wahr ? Alles ist still , und das Feuer , - und man sitzt beisammen . « » Stell doch der Lebenslage keine Zensur aus « , versetzte Werner , der sinnend in das Feuer starrte . » Warum ? « fragte Lene eigensinnig . » Weil , weil « - Werners Stimme wurde streng - » weil Zensuren ausgestellt werden , wenn die Schule zu Ende ist . « » Deshalb ! « meinte Lene , die ihn nicht recht verstanden hatte . » Nun sei aber nicht ungemütlich , Wernerchen . « Sie stand auf , ging zu ihm , setzte sich auf seine Knie , schmiegte sich an seine Brust , umrankte den großen Mann ganz mit ihrer kleinen , legitimen Sinnlichkeit , die sich schüchtern hervorwagte . » Wir sind doch glücklich ! « sagte sie . » Ich sag ' s doch . Ich stell ' gute Zensuren aus . « Werner saß still da , ließ sich von der Wärme dieses jungen Frauenkörpers durchdringen . Dann plötzlich schob er Lene beiseite und stand auf . » Wohin ? « fragte sie erschrocken . » Oh - nichts « , erwiderte er , » ich - ich will mir noch was überlegen . « » Diese ewige Predigt ! « seufzte Lene . » Worüber predigst du denn morgen ? « » Über die Versuchung in der Wüste , du weißt ' s ja . « » Ach ja ! Sei doch nicht wieder so streng . Wenn du so herunterdonnerst , wird einem ganz bang . « Er zuckte die Achseln . » Seit wann willst du denn Einfluß auf meine Predigten nehmen ? « Also nun hatte sie ihn auch noch geärgert . Sie schwieg . Während Werner , die Hände auf dem Rücken , im Zimmer auf und ab ging , kauerte sie auf ihrem Sessel und folgte ihm unverwandt mit den Blicken . Eben noch hatte sie sich glücklich gefühlt , jetzt war wieder etwas über ihn gekommen , das sie nicht verstand . Sie fühlte , wie müde ihre Glieder von der Arbeit des Tages waren , und das Traurige war über sie gekommen , dem sie nicht nachdenken wollte . Sie folgte Werner mit den Blicken , wie er auf und ab ging , sehr aufrecht in seinem schwarzen Rock , auf und ab , bis seine Gestalt undeutlich wurde und ihr die Augen zufielen . » Herunterdonnern « , hatte Lene gesagt , ja , das liebte er , das Predigen war wie das Singen , da konnte er sich ausgeben , da hatte er das Gefühl , als » ginge eine Kraft von ihm aus « , wie die Bibel sagt . All die großen , schönen Worte , der große Zorn , mit dem er drohen , die ganz großen Seligkeiten , die er versprechen konnte , und all das war unendlich und ewig , das gab auch einen Rausch . Er freute sich schon darauf . Dazu zog die Versuchung in der Wüste , diese wunderbare Geisterunterhaltung , groß wie Dantes Verse , ihn seltsam an . Das Wilde des Kampfes der beiden Wunderkräfte in der Wüste regte ihn auf . In tiefem Sinnen ging er auf und ab , vergaß seine Umgebung , bis ein verschlafener Laut aus Lenes halbgeöffneten Lippen ihn aufschauen machte . » Ja so - der Friede des Pastorats « - dachte er nicht ohne Bitterkeit . Weiß es Gott ! ihm war wenig friedlich zumute ! Er stellte sich an das Fenster , schaute in die Nacht hinaus . Oben am Himmel war Aufregung unter den Wolken , zerfetzt und gebläht wie Segel schoben sie sich aneinander vorüber . Der Mond mußte irgendwo sein , aber er wurde verdeckt , nur ein schwaches , müdes Dämmerlicht lag über der Ebene . Frieden ! Ja , wenn einer sich beständig mit Wunderdingen abgeben muß , wenn er immer diese Sprüche im Munde führen muß , die so voll Leidenschaft und Zorn und Süßigkeit und Geheimnis sind , wo soll da der Friede herkommen ? Das Herz wird so empfindlich und so erregt , daß es auf alles hineinfällt . Der Wind trieb kleine Schneewirbel wie weiße Rauchwölkchen über die Ebene . Winzige Lichtpünktchen waren in die Nacht gestreut , wie verloren in dem fahlen , weißen Dämmern . Dort die Reihe heller Punkte waren die Fenster des Schlosses Dumala . Werner fiel die neue Pelzjacke der Baronin Werland ein , und dann sah er das große , düstere Zimmer vor sich , die grün verhangene Lampe , am Kamin im Sessel den Herren mit dem wachsgelben , scharfen Gesicht , die Füße in eine rote Decke gewickelt . Bei ihm auf dem niedrigen Stühlchen die schöne Frau mit den schmalen Augen , die unruhig schillerten , und dem seltsam fieberroten Munde . Sie saß da , blinzelte schläfrig in das Kaminfeuer und strich mit ihrer Hand langsam an dem Bein des Kranken auf und ab . Ein Schmerz , etwas wie ein körperlicher Schmerz , schüttelte Werner bei diesem Bilde , ließ ihn blaß werden und das Gesicht leicht verziehen . Ärgerlich wandte er sich vom Fenster ab . Es war zu dumm ! Dieses Predigtmachen ließ jedesmal alles in ihm toller rumoren denn je ! Er begann wieder auf und ab zu gehen , dann blieb er vor Lene stehen . Sie hatte die Füße auf den Sessel hinaufgezogen , die Wange an die Stuhllehne gestützt . So schlief sie . Die Lippen halb geöffnet , atmete sie tief , auf dem Gesichte den ernsten , besorgten Ausdruck , den Menschen in schwerem Schlafe annehmen , als sei das Schlafen eine Arbeit . Werner betrachtete sie eine Weile . Er fühlte plötzlich ein tiefes Erbarmen mit diesem jungen schlafenden Wesen . Auch wieder die Nerven und die unnütze Weichheit ! Er konnte ja jetzt nichts mehr ansehen , ohne daß es schmerzte ! Behutsam nahm er Lene auf seine Arme und trug sie in das Schlafzimmer hinüber . Die Sakristei war voller Schneelicht . Zwischen den engen , weißen Wänden , in dem weißen Lichte , sah Pastor Werner , im schwarzen Talare , sehr groß aus . Er saß am Tisch , vor sich das aufgeschlagene Gesangbuch und das Blatt mit den Notizen zu seiner Predigt . Draußen sangen sie schon das Lied , ein Chor harter Frauenstimmen , heiserer Kinderstimmen , dazwischen das Knarren der Bässe . Sie zogen die Töne schläfrig und beruhigt . Gott ! spielte der Organist heute tolles Zeug zusammen ! Sicherlich hatte der Mann wieder die ganze Nacht durch gesoffen . Die alte Orgel stöhnte und seufzte ordentlich unter seinen rücksichtslosen Fingern . Werner sang nicht mit . Er schaute zum Fenster hinaus . Es taute und die Sonne schien . Die Bäume hingen ganz voll blanker Tropfen und das beständige Tropfen vom Dache und den Traufen legte um die Kirche ein helles Blitzen und Klingen . Sonntäglich ! Die Sonntagsstimmung war da , die kam immer , aus alter Gewohnheit , anfangs feierlich , später angenehm schläfrig . Er liebte diesen Augenblick in der Sakristei vor der Predigt , wenn er dasaß und sich voll großer Worte , voll lauter , eindringlicher Töne fühlte . Er horchte hinaus . Er kannte die Schellen der Schlitten , die heranfuhren . Das waren die Schellen von Debschen , das - der Doktor Braun , das die Schellen von Dumala . Dennoch fragte er , als der Küster eintrat : » Wer ist alles da ? « Der Küster Peterson legte sein großes , schlaues Bauerngesicht in pastorale Falten . » Die Dumalaschen sind da « , meldete er , » die Baronin und der Sekretär . « » Wer noch ? « fragte Werner ungeduldig . Warum meldete der Kerl gerade nur die Dumalaschen ? Peterson zog ergeben die Augenbrauen empor : » Der Doktor ist da , die aus Debschen . « - » Gut - gut . « Werner winkte ab . Es war doch ganz gleichgültig , ob der Doktor da war und die Alte aus Debschen ! Nun war es Zeit , auf die Kanzel zu steigen , sie sangen da drin schon den letzten Vers des Liedes . Werner freute sich , zu finden , daß die Kirche voller Licht war . Wenn die breiten , gelben Lichtbänder durch die hohen Fenster in den Raum fluteten , dann bekam seine Predigt auch anders helle Farben , als wenn die Kirche voll grauer Dämmerung war , und der Regen gegen die Fensterscheiben klopfte . Es roch nach nassen , schweren Wollkleidern , frischgewaschenen Kattuntüchern und Transtiefeln . Werner beugte sich über das Pult auf der Kanzel zum Gebet . Dieser Augenblick brachte ihm stets eine sanfte , andächtige Ekstase , so die Stirn auf das Pult zu legen , und unten wurde es still , und sie warteten , warteten auf sein Wort . Die Predigt begann . Die eigene Beredsamkeit erwärmte ihn heute besonders . Er hörte es , wie die Leute unten aufmerksam wurden , wie das Husten und Sichräuspern schwiegen . Und Werner gab seiner Stimme vollere Töne , machte große , freie Bewegungen . Er wußte es wohl , die meisten dort unten verstanden ihn nicht , aber heute drängte eine innere Erregung ihn , hinauszusagen , hinauszurufen , was ihn bewegte . » Falle vor mir nieder und bete mich an , sprach der Böse zum Sohne Gottes . Bete mich an ! Ja , das ist es , das will er . Er hat nicht genug mit unseren Sünden der Schwäche , der Nachlässigkeit , der Bosheit , des Unglaubens , nein , niederfallen sollen wir vor ihm und ihn anbeten . Er will angebetet , er will verehrt , er will geliebt werden . Danach dürstet er . Er will , daß wir zu ihm sprechen : Um dich geben wir die ewige Seligkeit und die Gotteskindschaft hin , dir opfern wir sie , um dich gehen wir mit offenen Augen in unser Verderben , weil wir dich anbeten , weil du uns groß und liebenswert erscheinst , weil wir zu dir wollen . Der Böse will , daß wir die Sünde lieben , daß wir sie anbeten . Das ist sein Triumph . Das ist das tiefe , furchtbare Geheimnis der Sünde . « Die Stimme des Pastors hatte hier einen tiefen , geheimnisvollen und leidenschaftlichen Tonfall angenommen , wie eine unheimliche Liebeserklärung an die Sünde klang es . Er hielt inne , selbst erstaunt über das , was er sagte . Es klang fremd in die Kirche hinein , und zugleich schien es ihm , als verriete er etwas , als spräche er etwas aus , das geheim sein sollte und nur von ihm geahnt wurde . Er schaute hinunter auf die Gemeinde . Ruhig saßen sie da alle beisammen . Alte Frauen schliefen . Mädchen , mit glattgebürstetem Haar , die Hände im Schoß gefaltet , starrten ausdruckslos vor sich hin , genossen die Ruhe des Augenblicks . Ihm gegenüber im Gestühle der Werlands von Dumala saß die Baronin Karola . Sie hatte den Kopf leicht zurückgelehnt und schaute scharf zu ihm herüber , sie kniff dabei die Augenlider zusammen , so daß die Augen nur wie sehr blanke Striche zwischen den langen Wimpern hervorschimmerten . Werner ging zum Schluß seiner Predigt über . Seine Stimme nahm wieder ihren ruhig ermahnenden Ton an , in dem erbaulich das Metall seines schönen Baritons mitklang . Nach dem Gottesdienst fragte Werner den Küster , während er sich in der Sakristei umkleidete : » Ist die Baronin aus Dumala schon fortgefahren ? « » Nein « , meinte der Küster , » die Frau Baronin wartet auf den Herrn Pastor - wie immer . « » Wieso - wie immer ? « fragte Werner ungeduldig . » Peterson , Sie fangen an , Unsinn zu sprechen . « Leute kamen zu ihm , die Waldhäuslerin Marri , ihre Mutter , die alte Gehda , konnte nicht sterben , das dauerte nun schon Wochen . Der Herr Pastor soll herüberkommen . Werner fertigte die Leute eilig und mechanisch ab , sagte das nötige » Gott weiß am besten , wenn er uns zu sich ruft . Wir müssen warten « . Die Waldhüterin klagte , daß ihr Mann sie zuschanden schlug , wenn er besoffen war . Werner zog sich seinen Pelz an . » Ja , ja - ich komme mal an . Gott behüt ' euch lieben Leute - Gott befohlen . « Eilig ging er hinaus . Die Baronin Karola stand vor ihrem Schlitten , sehr schlank , fest in die blaue Pelzjacke geknöpft , das Gesicht ganz rosa von der scharfen Winterluft , der Mund unnatürlich rot , die Stirnlöckchen voller Tropfen unter der kleinen Fischottermütze . » Ah , Pastor ! « rief sie , » ich warte auf Sie . Sie dürfen uns heute nicht verlassen . Ja - er leidet , und es ist abends so traurig bei uns . Also , Sie kommen ? « Sie reichte ihm die Hand , schüttelte die seine mit unterstrichener Kameradschaftlichkeit . » Die Verlassenen trösten ist ja doch Ihr Amt . « Sie lächelte , wobei ihre Mundwinkel sich hinaufbogen , was ihr einen leicht durchtriebenen Ausdruck verlieh . Werner verbeugte sich in seiner feierlichen Art , die etwas Befangenes hatte . » O - gewiß - mit Vergnügen « , und er lächelte auch aus reinem Behagen , diese schöne Frau anzusehn . » So , danke « , sagte sie . » Jetzt wollen wir fahren , mein Page friert . « Karl Pichwit , der Sekretär und Vorleser des Barons Werland , fror immer . Sein hübsches , kränkliches Knabengesicht war blau von Frost , und er zitterte . Er half der Baronin in den Schlitten , setzte sich neben sie , und da lächelte auch das kränkliche Knabengesicht und errötete . Werner stand noch eine Weile da und schaute dem Schlitten , dem Wehen des blauen Schleiers auf dem Fischottermützchen nach , er schützte die Augen mit der Hand vor der Sonne , um länger und besser sehen zu können . » Ich finde es rücksichtslos « , sagte Lene beim Mittagessen zu ihrem Mann , » daß die Werlands dich immerfort hinüber bitten . Ich bin jeden Sonntagabend allein . Der Sonntag gehört doch wenigstens der Familie . « Werner zuckte die Achseln , ja , daran war nichts zu ändern . Drüben ging es nicht heiter zu , da mußte er eben - - Aber Lene ärgerte sich . » Ach was ! Dieser Baron , der Gottlosigkeiten und Unanständigkeiten spricht , der ist überhaupt kein Umgang für einen Pastor . « Werner lächelte nur und aß ruhig seinen Sonntagsbraten . Lene erregte sich immer mehr . » Ach was - der Baron ! Der ist ' s ja gar nicht . Sie ist ' s ! « » Sie ? « Werner schaute auf . » Natürlich sie « , fuhr Lene tollkühn fort , obgleich sie fühlte , daß das , was sie sagen wollte , die Lebenslage ungemütlich machen würde . » Sie - sie will Gesellschaft haben . Es ist ihr nicht genug , daß der arme Pichwit sie verliebt ansieht , sie will so ' n großen , schönen Mann wie dich zum Kokettieren haben . « Werner wurde bleich , wie immer , wenn der Zorn in ihm aufstieg . » Lene « , - rief er und schlug mit der Hand auf den Tisch , daß die Teller klirrten , » was ist das für ein Geschwätz . Hier an meinem Tisch wird nicht so über diese edle , geprüfte Frau gesprochen . « Lene wurde zwar sehr rot , ließ sich jedoch nicht einschüchtern . Sie murmelte , um das letzte Wort zu behalten : » Es ist aber doch so . « Die Gemütlichkeit des Mittagessens war dahin . Es wurde kein Wort mehr gesprochen . Die Zimmerflucht im Schlosse Dumala war nicht erleuchtet , als der alte Jakob Pastor Werner hindurchgeleitete . Die Winterdämmerung lag über den großen , schweren Möbeln , gab ihnen etwas Verlassenes und Verschollenes . Es roch nach altem , staubigem Holz in den hohen Zimmern . Das Getäfel und das Parkett knackten beständig . » Wir haben hier kein Licht gemacht « , erklärte Jakob . » Wozu ? Es geht hier ja doch niemand . « Er hob sein bleiches Gesicht zu Werner auf , sah ihn mit den verblaßten Augen traurig an . Es mochte früher ein hübsches Lakaiengesicht gewesen sein , jetzt war es auch verwittert und vernachlässigt . » Wozu ? « wiederholte er knarrend . Ein Gemach , das sie durchschritten , duftete nach weißen Heliotropen . Helle Vorhänge hingen an den Fenstern , und kleine Möbel mit goldenen Füßen schimmerten aus den dunkeln Ecken . » Ihr Zimmer « , sagte sich Werner , und atmete den Heliotropenduft tief ein . » Und schlecht geht es uns heute auch « , berichtete Jakobs klagende Stimme weiter . » Wir haben starke Schmerzen im Bein . « Das Kaminzimmer war von der großen , grün verhangenen Lampe matt erleuchtet , ein Krankenstubenlicht . Baron Werland saß in seinem Sessel am Feuer , die Füße in die rote Decke gehüllt , die Gestalt ein wenig in sich zusammengesunken . Das regelmäßige Gesicht war wachsbleich , das Haar sorgsam gelockt , der Schnurrbart hinaufgedreht . Nur die tiefen Augenhöhlen über den unruhig flackernden Augen legten sehr dunkle Flecken in diese Blässe . Ein starker Opoponaxduft umgab den Kranken . » Aha - unser Seelsorger « , rief er mit seiner hohen Stimme Werner entgegen . » Es ist doch gut , daß man einen hat , der von Amts wegen barmherzig sein muß , der sozusagen dafür bezahlt wird . « Werner lachte : » Na - es gibt auch Leute , die das aus Sport sind « , meinte er . » Sport ! Der Sport ist unmodern . Setzen Sie sich , Pastor . Kalt - was ? « Karola hatte an der Lampe gelesen . jetzt begrüßte sie Werner . In dein blauen Tuchkleide sah die Gestalt hoch und biegsam aus . » Ich danke , daß Sie gekommen sind « , sagte sie einfach , und schüttelte ihm wieder kameradschaftlich die Hand . Die Sessel wurden an das Feuer gerückt . Karola drückte sich behaglich in den ihren hinein und blinzelte Werner erwartungsvoll an , wie ein Kind , das von dem Erwachsenen unterhalten zu sein hofft . Werner rieb sich die erfrorenen Hände in leichter Befangenheit , die ihn häufig ergriff . » Wie geht es ? « fragte er dann höflich den Baron . » Schlecht , Pastor « , erwiderte der Baron , » einfach schlecht . Kein Schlaf in der Nacht , tolle Schmerzen . Was wollen Sie mehr ? Der verdammte Tauwind . « » Das tut mir sehr leid « , sagte Werner ein wenig steif » Das tut Ihnen leid , Pastor « , fuhr der Baron fort . » Natürlich . Sie sind mitleidig . Das gehört zum Amt . Nur hilft das nichts . Wissen Sie , was ich mal hören möchte , der Abwechslung wegen ? « » Nun ? « » Wenn ich sage : mir geht ' s schlecht , daß mal einer , so von Herzen , mir antwortet : das freut mich . - So von Herzen - wissen Sie . Das wär ' mal was Neues . Darüber könnte ich recht lachen . « » Solch einer findet sich zum Glück schwer « - bemerkte Werner . Der Baron verzog sein Gesicht : » Ich weiß nicht . Ein recht geldhungeriger Erbe vielleicht . Das war ' s aber nicht , was ich Ihnen sagen wollte , Pastor . Also heute nacht konnte ich nicht schlafen , und da bedachte ich mir wieder einmal gründlich die Aussichten Ihrer Unsterblichkeit , Ihres Lebens nach dem Tode . « » Meines ? « » Na ja , weil Sie es predigen müssen . Aber , Pastor , die Aussichten sind schwach . Ich kann die Sache drehen und wenden wie ich will - , heute nacht waren die Aussichten schwach , gleich null . « » Mit dem Denken kommen wir da wohl nicht heran « , wandte Werner ein , zerstreut , wie wir uns an einem Gespräch beteiligen , das wir oft schon haben führen müssen . Aber der Baron wurde eifrig : » Ich weiß , der Glaube . Nein , Ihr Glaube ist ein Kunststück , zu dem ich kein Talent habe . Ein Wunder - gut ! Über Wunder kann man nicht sprechen . « » Ah ! « sagte Karola , » sollen wir wieder davon sprechen ! « Der Baron kicherte : » Natürlich ! Ihr seid gesund . Ihr denkt so nebenbei einmal : Unsterblichkeit - wie schön ! Leben nach dein Tode - entzückend ! und damit ist ' s gut . Aber ich - mich geht das jetzt was an . Sehen Sie , Pastor , wenn Sie zu Hause bleiben wollen , nun , dann ist ' s Ihnen gleich , wann der Schnellzug nach Paris geht und ob er Anschluß hat . Sie sagen wohl so im allgemeinen - ach - der Schnellzug , wie schön ! Aber wenn die Koffer gepackt sind , ja , dann blättern Sie im Kursbuch , dann kommt es auf Genauigkeit an . Na - also - ich , - ich seh ' mir das Kursbuch an und , Pastor , ich sag ' Ihnen , es gibt keinen Anschluß . Wir bleiben liegen . « Die Wärme des Kaminfeuers machte Werner die Glieder schlaff und die Augenlider schwer . Er hörte nur halb der hohen , erregten Stimme des Kranken zu . Er schaute Karola nicht an , aber das Gefühl ihrer Gegenwart , das Gefühl , daß ihr Blick für einen Moment auf seinem Gesicht ruhte , der leichte Heliotropduft , das leise Klingen ihrer Armbänder , all das erfüllte ihn mit einem Behagen , das ihm wie ein edler Wein köstlich das Blut erwärmte . Nur mechanisch machte er seine Einwände auf die Reden des Barons . » Ja , aber ohne Leben nach dem Tode , hat das Leben da Sinn ? Für das bißchen Erdenleben , all der Aufwand ! « » Bravo ! « Der Baron klatschte leise in die Hände . » Ich sah Sie damit kommen . Euer Haupttrumpf . Natürlich ist ' s ein Unsinn , dies bißchen